Leben mit der Krise: Theologisch-praktische Quartalschrift 3/2021
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Buchvorschau
Leben mit der Krise - Die Professoren und Professorinnen der Fakultät für Theologie der Kath. Privat-Universität Linz
Inhaltsverzeichnis
ThPQ 169 (2021), Heft 3
Schwerpunktthema:
Leben mit der Krise
Christian Spieß
Liebe Leserin, lieber Leser!
Klaus Kießling
Zwischen rotierenden Teufelskreisen und weltbewegender Solidarität. Die Corona-Pandemie als (pastoral-)psychologische Provokation
1 Krisen
2 Verhaltensimmunsysteme und Verschwörungstheorien
3 Rotierende Teufelskreise
4 Krisenbegleitung
5 Psychologische (Aus-)Wege
Gerhard Kruip
Die Corona-Krise – Wird die Chance zum Lernen genutzt?
1 Krise als Lernchance
2 Corona-Krise als „Brennglas"
3 Und die Erderwärmung?
4 Werdet vernünftig!
Steffen Patzold
Bedrohte Ordnung. Ein Essay zur Covid-19-Pandemie aus geschichtswissenschaftlicher Sicht
János Vik
Eine Analyse auf Existenz hin – gerade auch in der Corona-Krise. Theologische Reflexionen im Kontext der Gedankenwelt von Viktor E. Frankl
1 Der Krisenbegriff der Existenzanalyse und Logotherapie
2 Im Fokus: Das Wie des Leidens
3 Die Sinn-Sorge als bleibende Herausforderung
Franz Gruber
Ist die Sars-Covid-19-Pandemie eine religionsrelevante Krise? Eine Analyse aus systematisch-theologischer Perspektive
1 Die Corona-Krise und ihr transformatives Potenzial
2 Krisen als Motor theologischer Reflexion
3 Zur Wirkungsgeschichte dieser vier Modelle
4 Funktion und Entfunktionalisierung von Religion in Zeiten von Corona
Benedikt Kranemann
Die „neue Normalität" der Liturgie nach der Corona-Pandemie. Versuch einer liturgiewissenschaftlichen Einordnung
1 Dynamik in der liturgischen Praxis als Reaktion auf die Pandemie
2 Diskussionen um die Partizipation im Gottesdienst
3 Neue Sensibilität für zentrale Vollzüge in der Liturgie
4 Liturgie nach Corona – Hypothesen
Uta Schmidt
Jesaja 24 und das Ende aller Freude. Ein Beispiel für Krisenerfahrung und -bewältigung im Alten Testament
1 Was ist eine Krise?
2 „Krise" im Alten Testament
3 Krisenerfahrung und -bewältigung in Jesaja 24
4 Krise heute
Abhandlungen
Isabella Guanzini
Das Künstlerische im Geist. Über ein mögliches Verhältnis von Theologie und Ästhetik
1 Ikonen und Avantgarde
2 Malewitsch und das Schwarze Quadrat: jenseits einer Welt der Objekte
3 Eine königliche Pforte zum Absoluten
4 Das letzte Wort vor dem Verstummen
5 Sakrament als Dekonstruktion der Zeichen
Thomas Franz
Die Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils – oder das unausgeschöpfte Potenzial lehramtlicher Theologie
1 Biografische Ouvertüre
2 Der Stellenwert des pastoralen Prinzips
3 Die Bedeutung des Glaubenssinns der Gläubigen
4 Offener Ausklang
Literatur
Das aktuelle theologische Buch
Besprechungen
Eingesandte Schriften
Aus dem Inhalt des nächsten Heftes
Redaktion
Kontakt
Anschriften der Mitarbeiter
Impressum
Liebe Leserin, lieber Leser!
„Not lehrt beten! Das Sprichwort spielt auf die Tendenz an, dass Menschen und Kollektive in besonderen existenziellen Herausforderungen verstärkt dazu neigen, Religion und Religiosität, Glauben und Spiritualität wiederzuentdecken. Für die Religionssoziologie sind solche Formen der Kontingenzbewältigung selbstverständliche Funktionen der Religion. Die Corona-Pandemie mit all ihren Folgen ist gewiss eine solche existenzielle Herausforderung. Wäre es also erwartbar gewesen, dass sich während der Corona-Pandemie die Menschen auch in den säkularisierten oder postsäkularen Gesellschaften Mitteleuropas wieder dem Glauben und der religiösen Praxis zuwenden? Zumindest auf den ersten Blick scheint das nicht geschehen zu sein. Bedingt durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens wurde ein Teil der kirchlichen Angebote, insbesondere Gottesdienste und Seelsorge, weitgehend eingestellt. Ein anderer Teil, viele diakonische Angebote und soziale Dienste der Caritas, wurde dagegen weitergeführt und auch stark in Anspruch genommen. Und nicht wenige Seelsorgerinnen und Seelsorger betonen, dass sie während der Pandemie stärker denn je angefragt gewesen seien. Dennoch wurde bald die Klage laut, dass die Kirche in der Krise aus der Öffentlichkeit verschwunden sei, dass keine theologischen Deutungen der Krise und ihrer Bewältigung angeboten würden. Kritisiert wurde beispielsweise die monatelange Einstellung der Kinder- und Jugendarbeit sowie nicht zuletzt der Rückzug aus der Seelsorge mit Kranken und Sterbenden. Bis heute ist umstritten, ob der von manchen wahrgenommene und jedenfalls beklagte Rückzug der Kirche eine zutreffende Analyse der Situation darstellt. Jene, die diese Wahrnehmung nicht teilen, verweisen auf ein rasch entstehendes reichhaltiges Angebot im Bereich der traditionellen und neuen sozialen Medien, auf Fernseh- und Online-Gottesdienste, auf eine Art hybride Verknüpfung der „Hauskirchen
mit virtuellen kirchlichen Feierangeboten sowie auf die kontinuierlich weitergeführte individuelle Seelsorge und auf die stets für das persönliche Gebet geöffneten Kirchen. Wenn etwas dran ist an dem geläufigen Wort, dass Corona „wie ein Brennglas" wirke, dann müsste dies auch für die ambivalenten Phänomene der Säkularisierung gelten. Was aber zeigt sich im viel zitierten Brennglas? Erleben wir einen coronainduzierten Säkularisierungsschub? Oder ist es den Religionsgemeinschaften umgekehrt sogar gelungen, durch neue mediale Angebote ganz neue Personenkreise anzusprechen? Haben gläubige Menschen unter dem Fehlen von Liturgie und Seelsorge gelitten? Oder haben bislang praktizierende Christinnen und Christen festgestellt, dass ihnen ohne ihre regelmäßige gemeinsame religiöse Praxis gar nichts fehlt? Und wie verändert die außergewöhnliche Situation der Pandemie die Routinen der kirchlichen und individuellen religiösen Praxis? Wird bald wieder alles beim Alten sein oder wird es eine digitale Transformation von Liturgie und Seelsorge geben? Etabliert sich eine Hauskirchenkultur als Merkmal einer fortschreitenden Privatisierung der Religion? Wird dabei die Stimme von Theologie und Kirche noch gebraucht? Werden überhaupt theologische Deutungsangebote für die überstandene Pandemie formuliert und gegebenenfalls gehört werden?
Die bereits vorliegenden empirischen Daten geben noch keine eindeutigen Antworten auf all diese Fragen. Deshalb sind wir den Autoren und der Autorin dieses Heftes ganz besonders dankbar, dass sie sich auf das Wagnis eingelassen haben, erste Analysen und Interpretationen der „Corona-Krise" zu skizzieren. Gleich zu Beginn betont Klaus Kießling (Frankfurt am Main) in einem pastoralpsychologischen Zugang, dass wir während der Pandemie gerade nicht alle im selben Boot sitzen, sondern sich gewaltige Unterschiede zwischen Luxusyacht und Schlauchboot zeigen, die wir mit einer „weltbewegenden Solidarität" überwinden müssten. Gerhard Kruip (Mainz) geht aus der Perspektive der Sozialethik den vorhandenen oder vermissten Solidaritäten nach. Seine Analyse mündet in einen Appell an die diskursive Vernunft und an eine „intellektuelle Kooperation zur Überwindung der (Folgen der) Krise. Die Beschreibung der Pandemie als „Krise
stellt dagegen Steffen Patzold (Tübingen) aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive in Frage – mit Hilfe seines Analysemodells „bedrohter Ordnungen". Auf die Gedankenwelt von Viktor E. Frankl und den Krisenbegriff der Existenzanalyse greift János Vik (Cluj/Rumänien) in seiner Rekonstruktion der Bejahungswürdigkeit des Lebens zurück – in der Absicht, die Komfortzone der Glaubenswahrheiten zu verlassen, sich zum leidenden Menschen hinzubewegen und ihn in seiner Sinnfindung zu begleiten. Als Fortschritt in der christlichen Verkündigung beschreibt Franz Gruber (Linz), dass die Theologisierung der Krise – etwa mit Modellen der Strafe, der Vergeltung oder der Apokalypse – weitgehend vermieden worden sei. Gruber selbst stellt die Begriffe des Leides und des Mit-Leidens ins Zentrum seiner Überlegungen. Die Zeit der Pandemie mache in besonderer Weise sichtbar, was immer der Fall sei: dass wir vor das Leid gestellt sind und es bleiben. Mit der Rolle der Liturgie befasst sich Benedikt Kranemann (Erfurt). Dem Eindruck einer „Schockstarre während der Pandemie widerspricht er und skizziert einige Szenarien für die Zukunft der Liturgie „nach Corona
. Den Abschluss des thematischen Teils des Heftes bildet die Darstellung eines Beispiels für die Krisenerfahrung und -bewältigung im Alten Testament von Uta Schmidt (Heidelberg): Jesaia 24 und das „Ende aller Freude".
Beiträge von Isabella Guanzini (Linz) über das Verhältnis von Theologie und Ästhetik sowie von Thomas Franz (Würzburg) über das unausgeschöpfte Potenzial lehramtlicher Theologie (mit Blick auf die Offenbarungskonstitution Dei Verbum) und die Rezensionen schließen das Heft ab.
Liebe Leserinnen und Leser,
wir befinden uns in einer Situation, deren Folgen für Theologie und Kirche, für unsere Gesellschaften und unser humanes Selbstverständnis noch nicht absehbar sind. Mit diesem Heft möchten wir einen ersten, wenn auch sehr vorläufigen Beitrag zur Reflexion über die Corona-Pandemie leisten. Die künftige Gestaltung der Liturgie und neue Herausforderungen in der Religionspädagogik, die sozioökonomischen Verwerfungen und pastorale Veränderungen, nicht zuletzt das unmittelbare Leid durch Krankheit und Tod infolge von CoViD-19 werden uns weiter beschäftigen. Wir hoffen, Ihnen mit diesem Heft einige Anregungen und Impulse für diese Zeit mit auf den Weg geben zu können.
Ihr
Christian Spieß
(für die Redaktion)
Klaus Kießling
Zwischen rotierenden Teufelskreisen und weltbewegender Solidarität
Die Corona-Pandemie als (pastoral-)psychologische Provokation
♦ Auf emotionale Verletzlichkeiten und den Umgang mit ihnen fokussiert dieser Beitrag und skizziert Strategien der Krisenbewältigung bzw. Krisenbegleitung zwischen Verschwörungstheorien und Verhaltensimmunsystem, zwischen Blunting und Monitoring. Mit der Rückkehr zu alten Verhaltensmustern bei gleichzeitiger narzisstischer Abwehr der eigenen Fragilität, mit einem resignativen Rückzug und dem Ruf nach einer starken Führungsperson sowie mit einer gesellschaftlichen Veränderung auf Basis einer weltbewegenden Solidarität zeigt der Autor drei psychologische (Aus-)Wege aus der Krise auf. Dabei betont er, dass wir eben nicht alle im selben Boot sitzen, sondern dass sich die Ungleichheiten zwischen Schlauchboot und Luxusyacht weiter verschärfen. Aber die totenerweckende Botschaft lässt – vorsichtig und demütig – hoffen: Schließlich hat sich der Gekreuzigte und von den Toten Auferstandene sogar an seinen Wundmalen erkennen lassen.
1 Krisen
Belastende, zeitweilige, in ihrem Verlauf und in ihren Folgen offene Veränderungsprozesse gelten mit Recht als Krisen. Psychologisch markieren sie eine Unterbrechung der bis dahin gegebenen Kontinuität menschlichen Erlebens und Handelns: Denn die Mittel, die Betroffenen zur Verfügung stehen, um jene Herausforderungen und jenen Stress zu bewältigen, mit denen sie konfrontiert sind, reichen dafür nicht mehr aus. Krisen gehen mit emotionaler Destabilisierung ebenso einher wie mit mehr oder minder stark desintegrierter Handlungsorganisation: Betroffene stehen gleichsam mit leeren Händen da – in Angst, in des-aströser Lage, fernab von jedem guten Stern (lat. astrum). Denn die Bedrohung bleibt unsichtbar: Coronaviren haben einen Durchmesser von etwa 100 Nanometern, also einem Zehntausendstel Millimeter. Ihren Namen verdanken sie keulenartigen Fortsätzen, die im elektronenmikroskopischen Bild den Eindruck eines Kranzes (lat. corona) um das Virus hervorrufen. Dabei vermehren sich Viren nicht selbst, vielmehr handelt es sich um Baupläne, die einen Wirt, ein Lebewesen brauchen, um einen Effekt zu bewirken: Tiere und Menschen generieren oder bauen neue Viren.¹
1.1 Angst und andere Stressreaktionen in Krisen
Menschen unterscheiden sich darin, wie sie auf psychischen Stress reagieren: mit Angst, mit Gleichgültigkeit, mit Fatalismus. Angst und Furcht stehen auf der einen Seite des Spektrums, das offene Leugnen von Gefahren auf der anderen. Ein mäßiger Grad von Angst – nicht so klein, dass sie noch ignoriert werden könnte, aber auch nicht so groß, dass sie lähmend wirkte – mag zur Krisenbewältigung motivieren.²
Ängste können hilfreich sein, sofern sie nicht nur plagen, sondern auch mahnen. In einer Pandemie gehören dazu Infektions- und andere Krankheitsängste; Verlustängste, wenn die Vergänglichkeit, die eigene wie die der Nächsten, allgegenwärtig ist; wirtschaftliche und soziale Ängste, auch davor, dass Sterbende nicht von ihren Angehörigen begleitet werden können; Versorgungsängste, die in Hamsterkäufe münden; politische Ängste und Sorgen, etwa angesichts der Tendenzen zu Autokratien in mehreren Ländern.
Die psychoneuroimmunologische Forschung weist darauf hin, dass pandemiebedingte Stressfaktoren Menschen, die besonders starke Ängste und besonders negative Emotionen zeigen, auch für Infektionen außergewöhnlich anfällig machen.³ Psychologische Faktoren spielen bei Infektionskrankheiten also eine große Rolle: Stress steigert nicht nur die Anfälligkeit dafür, vielmehr kann er auch die Wirksamkeit von Impfstoffen beeinträchtigen, denn schließlich braucht es ein funktionierendes Immunsystem, das Antikörper gegen die viralen Antigene produziert.
Manche Menschen erholen sich, sobald die Gefahr gebannt ist, andere leiden langfristig unter posttraumatischen Belastungen. Dazu gehören insbesondere Anpassungsstörungen mit einer breit variierenden Symptomatik, die meist innerhalb eines Monats nach einem belastenden Lebensereignis auftritt: Ängste und depressive Reaktionen, auch Wut und Ärger; Misstrauen und Unverständnis für getroffene Maßnahmen, insbesondere unter Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und demenziellen Symptomen; Störungen des Sozialverhaltens, Suchterkrankungen und Suizidalität.
Pandemiebedingte Kontaktbeschränkungen treffen verschiedene Gruppen besonders hart: Alleinstehende, für die der stresspuffernde Effekt sozialer Nähe wegfällt; Alleinerziehende, die der Doppelbelastung von Kinderbetreuung und Berufstätigkeit, von Homeschooling und Homeoffice begegnen müssen; Wohnungslose und Menschen in Flüchtlingsunterkünften, die allenfalls sehr begrenzt auf soziale Strukturen zurückgreifen können; Menschen, welche am Existenzminimum und nun mehr denn je in Existenzangst leben.
Prosoziale Verhaltensweisen treten in Pandemien offenbar häufiger auf als gesellschaftlich destabilisierende Verhaltensweisen, etwa Ausschreitungen.⁴ In diesem Sinne geht es um physical distancing, keinesfalls um social distancing. Denn Menschen zeigen sich motiviert, einander beizustehen, ohne beieinanderzustehen. Dabei ist die Vereinsamung durch Quarantäne – nicht das Alleinsein als solches – eine ernst zu nehmende Gefahr, ein massiver Stressfaktor, der das Immunsystem und die Widerstandskraft schwächt. Einsamkeit schmerzt, sie tut weh und kann tödlich wirken.
Der Lockdown soll vor Krankheit bewahren, reduziert aber zugleich den natürlichen Schutz vor einer Erkrankung – also den Lockdown lockern? Mit dieser Frage sollen Virologie und Psychologie nicht gegeneinander ausgespielt werden. Virologie bleibt wichtig, Psychologie aber auch, denn die Coronakrise und ihr Verlauf werden durch das Erleben und Verhalten von Menschen massiv geprägt. Dabei fordert das Präventionsparadoxon auf eigene Weise heraus: Je stärker die Maßnahmen wirken, desto größer die Zweifel an ihrer Notwendigkeit.⁵ Prävention kann zum Opfer ihres Erfolgs werden.
1.2 Monitoring oder Blunting? Zum Umgang mit emotionaler Verletzlichkeit in Krisen
Persönlichkeitseigenschaften erweisen sich als Faktoren emotionaler Verletzlichkeit: Eine stark ausgeprägte negative Emotionalität begünstigt aversive Reaktionen auf Stressreize und führt zu Angst und Niedergeschlagenheit. Anfällig macht auch Intoleranz gegenüber Unsicherheit: Sie geht mit dem Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit einher, Verunsicherung wirkt dann leicht lähmend. Wer Ungewissheit nicht aushalten kann oder will, erlebt in Zeiten einer Pandemie mit hoher Wahrscheinlichkeit beträchtlichen psychischen Leidensdruck.
Menschen unterscheiden sich auch darin, ob und wie sie für Informationen über potenzielle Gesundheitsbedrohungen sorgen oder diesen ausweichen: Sammeln sie wichtige Hinweise im Stil des Monitoring – oder lenken sie sich im Stil des Blunting ab? Blunting (abstumpfen, dämpfen) provoziert weniger Sorgen und Leid, macht aber auch unvorsichtig. Neigung zu unrealistischem Optimismus lässt daran glauben, dass negative Ereignisse eher anderen zustoßen als der eigenen Person, die sich für resistent, gleichsam für unverletzlich hält, darum womöglich Hygiene- und andere Vorsorgeempfehlungen missachtet und so das Virus verbreitet.⁶
In diesen Kontext passt der sogenannte Truthahn-Fehlschluss⁷: Solange wir von einer Pandemie verschont bleiben und damit keine Erfahrungen haben sammeln müssen, können wir uns – auch als Wissenschaftler*innen und Politiker*innen – schwer vorstellen oder gar nicht glauben (argument from incredulity), dass uns in Europa ereilt, was in Wuhan passiert. Ein Truthahn, der bis zur Schlachtreife gemästet wird, bekommt täglich frisches Heu und Futter – und geht mit dieser allemal bekräftigten Erfahrung davon aus, dass es dabei bleibt. Der eigene Erfahrungshorizont lässt auch in der Vorstellung – sei es beim Truthahn, sei es bei uns – kaum anderes zu, sodass auch wir dem Truthahn-Fehlschluss unterliegen.
Dagegen konfrontiert die Strategie des Monitoring (beobachten, überprüfen) mit Krankheitsangst, also mit der Neigung, durch pandemiebedingte Reize alarmiert zu werden und die Gefahr eher zu überschätzen. Psychohygienisch kommt es darauf an, den Medienkonsum zur Informationsgewinnung auf abgegrenzte Zeiten zu konzentrieren, sich also nicht ununterbrochen und unstrukturiert bedrohlichen Nachrichten auszusetzen und dadurch zermürben zu lassen.
2 Verhaltensimmunsysteme und Verschwörungstheorien
Als psychologisches Konzept kommt in Zeiten einer Pandemie ein Verhaltensimmunsystem zum Einsatz: Vorurteile⁸, Stigmatisierung und Hass auf Fremde steigen an, wenn diese zu Infektionsquellen erklärt werden und das Coronavirus beispielsweise als Chinavirus bezeichnet wird: So soll die entstandene Verunsicherung reduziert und die entglittene Kontrolle wiederhergestellt werden. So ist auch ein Schuldiger gefunden, der Feind identifiziert und die Frontlinie klar gezogen – oft unter kriegerischem Wortgetöse – und das Problem scheinbar umgrenzt und damit handhabbar. Schon die Spanische Grippe ermöglichte mit ihrem Namen, dass Herrschende ihre Verbreitung im je eigenen Land eine Zeit lang vertuschen konnten. Denn Pandemien wirken gerade deshalb so bedrohlich, weil sie sich von allen Seiten nähern, keine Ländergrenzen kennen und sich durch exponentielles Wachstum auszeichnen, Menschen sie sich also weder räumlich noch zeitlich vom Leib halten können, wie es für die globale Erwärmung noch gelten mag, solange der Sommer immer schöner wird.
Verschwörungstheorien sind Versuche, die Ursachen bedeutsamer Ereignisse dadurch zu erklären, dass sie auf geheime Pläne mächtiger Akteure zurückgehen. Offenbar sind sie in allen Kulturen stark verbreitet. So hält mehr als ein Drittel der US-Amerikaner den Klimawandel für eine Täuschung, die durch Gruppen mit finanziellen Eigeninteressen forciert werde.⁹ Die Gruppe, die den Klimawandel leugnet, und jene, welche die Gefährlichkeit des Coronavirus bestreitet, überlappen sich.¹⁰ Solche Erklärungsmuster erweisen sich insofern gegen Falsifikationen als immun, als sie unterstellen, dass die Verschwörer zur Verschleierung ihres
