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Buchvorschau
Vor der Wand - Michael Göring
Samstag, 10. Oktober 1987
St. Nikolai
Mutter sang wieder einmal falsch. Ob sie das wirklich nicht hörte? Tante Elfi dagegen sang akkurat, jedoch eine Spur zu laut. Georg stand rechts von seiner Mutter, links von ihr beruhigte Bärbel die kleine Tabea, die auf der Kirchenbank saß und ihre Puppe kämmte. Daneben standen Lukas und Thomas. Bärbel war schwanger, im fünften oder sechsten Monat, und man konnte es schon sehen. Das dritte Kind! Dabei war Lukas gerade einmal in der ersten Klasse. Drei Kinder in nur sieben Jahren: nicht zum Aushalten.
»… bis an mein Lebensende
und ewiglich,
ich mag allein nicht gehen,
nicht einen Schritt …«
Die Nikolaikirche war gut besucht, das Mittelschiff nahezu ganz besetzt. Fünfjähriges Seelenamt für Walter Mertens, seinen Vater, an einem Samstagnachmittag um 15 Uhr. Die frühe Nachmittagsmesse war offenbar ganz praktisch für die katholischen Langenheimer. So sicherten sie sich neben dem kirchenfreien Sonntag auch noch einen freien Samstagabend. Georg hatte beim Hineingehen nicht nur die Nachbarn, frühere Kollegen von Vater und Mitglieder des Männergesangvereins in den Bänken entdeckt. Auch viele, die er gar nicht kannte, hatten Mutter, Bärbel und ihm zugenickt. Nun ja, Vater war in der Stadt recht beliebt gewesen, keiner wusste von seinem Geheimnis. Keiner.
Der Organist nahm die Melodie noch einmal auf und spielte ein paar abschließende Akkorde. Die Gemeinde setzte sich. Tabea kletterte mit lautem Glucksen auf Bärbels Schoß. Thomas warf seiner Frau einen besorgten Blick zu, doch die schüttelte nur leicht den Kopf und schob Tabea in Richtung Oberschenkel. Die weise Mutter schont die Frucht, dachte Georg. Thomas war eigentlich ganz in Ordnung, zumindest gab er niemals damit an, schon zweifacher und jetzt bald dreifacher Vater zu sein. Nicht so, wie einige seiner Kollegen am Schiller-Gymnasium, die ihre begeisterte Vaterschaft jedem aufdrängten, der nur ein paar Worte mit ihnen wechselte. »Ach, Sie haben noch kein Kind?« Und dann der Blick voller Mitleid. Unerträglich!
Der Priester, ein junger Vikar im weißen Messgewand mit violetter Stola, sprach leise seinen Text. Georgs Blick wanderte auf das Tafelbild in der Mitte des alten Hochaltars, der an der Wand des Chorraums stand. Er wusste, was er sehen würde, eine Kreuzigungsszene, stark nachgedunkelt, deren Details heute jedoch besonders schwer zu erkennen waren, weil das Herbstlicht an diesem klaren Oktobernachmittag durch die hellen Kirchenfenster in den Altarraum fiel und ihn blendete. Umstrahlt von diesem Licht stand der weiße Vikar zentral in der Mitte des Raumes hinter dem schlichten Altartisch und faltete nun die Hände zum Gebet.
Vor fünf Jahren war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Mutter ganz in schwarz. Norbert Updenschroth war auch damals schon dabei, saß aber noch weit hinten, nicht wie heute in der zweiten Reihe ganz dicht hinter Mutter. »Vater hätte bestimmt nichts gegen Norbert, er würde sich freuen, dass ich nicht mehr alleine bin.« Diesen Satz hatte er vor gut drei Jahren zum ersten Mal gehört, seitdem immer wieder. Im Frühjahr 1984 hatte sich Mutter mit Norbert zusammengetan, schon ein halbes Jahr danach war er zu ihr in die Görresstraße gezogen. Georg fand, dass sich das Elternhaus seither extrem verändert hatte, und kam deswegen noch seltener als zuvor nach Langenheim. Ein Jahr später, im Herbst 1985, war es dann mit Marie auseinandergegangen. »Wir haben zu lange gezögert«, hatte sie gesagt, »irgendetwas hat sich zwischen uns gestellt, irgendein Eisblock, eine Wand.«
Vor fünf Jahren hatte Marie rechts neben ihm gesessen, da wo jetzt Tante Elfi saß. Neben Marie hatte Großmutter Platz genommen und fast den ganzen Trauergottesdienst über geweint. Marie trug den neuen schwarzen Blazer, den sie kurz zuvor für ihren Start beim Gericht gekauft hatte und der ihr sehr gut stand. Sie sang die Trauerlieder mit ihrer schönen Altstimme, traf melodiesicher jeden Ton, jede Nuance. Dann hatte sie plötzlich geweint. Geweint wegen Walters Tod, dem Tod ihres Schwiegervaters, nein, nicht einmal das, dem Tod des Vaters ihres Freundes. Georg hatte vor fünf Jahren nicht weinen können. Keine zwei Wochen zuvor erst hatte er Vaters Geheimnis erfahren und war wie betäubt gewesen. Wenn sich Vaters Zustand damals nach der ersten Chemo nicht so brutal schnell verschlechtert hätte, wären wohl noch ein oder zwei Gespräche möglich gewesen. Aber all das Morphium, das Vater wegen der Metastasen in der Wirbelsäule bekam, hatte es nicht mehr erlaubt. Vater hatte nach seinem Bericht sicherlich Verständnis erwartet, vielleicht Absolution erhofft. Aber das ging nicht, es war einfach nicht möglich. Bei der Trauerfeier vor fünf Jahren hatte Georg diesen Graben zwischen sich und Vater gespürt. Der lag damals unmittelbar vor dem hölzernen Altartisch im Sarg wie ein Opfer, das man dort aufgebahrt hatte. Trauer hatte Georg nicht empfunden. Eigentlich hatte er gar nichts empfunden, außer dass er sich neben Marie ganz wohlfühlte. Dass sie ihm ein paar Tage zuvor von ihren eigenen Problemen erzählt hatte, hatte er da schon wieder verdrängt.
»Herr, ich bin nicht würdig,
dass Du eingehst unter meinem Dach,
aber sprich nur ein Wort,
so wird meine Seele gesund.«
Tante Elfie und Mutter knieten, er kniete nicht. Mutter gab ihm einen Schubs mit ihrem rechten Ellenbogen, aber er blieb stehen. Auch Schwager Thomas stand, immerhin, wer hätte das gedacht. Ob Bärbel ihrem Mann später Vorhaltungen machen würde? Norbert Updenschroth hinter ihm kniete natürlich, stöhnte laut dabei und schob seine gefalteten Hände wie eine Speerspitze gegen Georgs Rücken.
Wenn Marie doch auch jetzt wieder neben ihm stehen würde! Wie damals vor fünf Jahren. Links von Mutter hatte Bärbel mit Thomas und dem kleinen Lukas gesessen, rechts er mit Marie, daneben Großmutter. Perfekt! Zwei Paare, die Mutter in ihrer Trauer flankierten. Wahrscheinlich sagten die Leute, die heute zum Seelenamt gekommen waren, hinterher: »Der Sohn von Frau Mertens war ganz allein da. Er ist immer noch unverheiratet. Dabei hatte er doch damals so eine hübsche Freundin.« Marie hatte in den Monaten nach Vaters Tod immer mal wieder beiläufig von Heirat gesprochen. Er hätte nichts dagegen gehabt, aber es eilte ja nicht. Heute vermisste er Marie, durfte gar nicht länger an sie denken. Der Priester wiederholte zu Georgs Überraschung an dieser Stelle die Worte des Kyrie.
»Herr erbarme Dich,
Christus erbarme Dich,
Herr erbarme Dich.«
Georg murmelte mit, achtete kaum auf die Worte, aber beim dritten »Erbarmen« zuckte er. Miserere mei, das war einmal sein großer Erfolg gewesen, damals in Regensburg, und es war auch sein Ende, sein unrühmliches Ende. Erbarmen! Der Prof hatte ihn getröstet, damals nach dem Konzert in Straßburg. Hatte er Vater jemals getröstet?
Der Priester schaute nach dem letzten »Erbarme Dich« einige Sekunden lang zur Decke und dann auf seine Gemeinde, als wolle er das Erbarmen aus dem Kirchengewölbe hervorlocken und über seine Schäfchen breiten. Jetzt schien es Georg, als würde er sogar direkt auf seine Mutter und auf ihn blicken. Georg fand das unangenehm und schaute zur Seite.
»Selig, die zum Tisch des Herrn geladen sind.«
Mutter stand auf, ging mit Bärbel und Thomas die paar Schritte zum Altar, gefolgt von Tante Elfi. Er blieb sitzen. Er fühlte sich nicht eingeladen. Auch Onkel Hartmut blieb sitzen. Wieder fiel ihm auf, wie jung dieser Priester war, keinesfalls älter als er selbst, wahrscheinlich noch keine dreißig. Was wusste der schon von Erbarmen und Erlösung? Er hätte mal Vaters Bericht lesen sollen, dann hätte er eine Ahnung, was Schuld und Erlösung bedeuten.
Georg hatte Vaters Bericht Mutter nie gezeigt, auch Bärbel nicht. Er hatte Mutter einmal in der Küche beim Abwaschen gefragt, ob sie wüsste, was Vater damals in Italien gemacht hatte. »Das kann nichts Besonderes gewesen sein, Georg. Dein Vater war immer ein anständiger Mann!« Damit hatte sie sich wieder dem Spülbecken zugewandt. Er hatte das Geschirr getrocknet und nichts weiter gesagt.
Wenig später hatte Mutter ihren Norbert gefunden und er seine Marie verloren. Mutter war wieder Lebenspartnerin und dank Bärbel mehrfache Großmutter. Da musste er auch an Feiertagen nicht mehr unbedingt nach Langenheim fahren und konnte in seiner kleinen Wohnung in Rüttenscheid bleiben, allein für sich mit immer mehr Schallplatten.
Tante Elfi kam zurück und ließ sich auf die Kniebank fallen. Wie immer eine Spur zu laut.
Eigentlich hatte er nach Maries Weggang wieder etwas Politik machen wollen, richtige Politik, ganz anders als in den Studienjahren an der Kölner Uni. Da hatten sie Ende der Siebziger im historischen Seminar alle ständig politisiert und irgendwelche linken Thesen verbreitet. Die SPD-Ortsgruppe im Essener Süden hingegen machte recht bodenständige Politik und war ihm anfangs gar nicht so unattraktiv erschienen, aber irgendwie war das nach kurzer Zeit ins Stocken geraten. Dabei hätte ihn Schul- und Bildungspolitik im Stadtrat durchaus gereizt, vielleicht wäre er von dort sogar weiter gekommen, in den Landtag womöglich. Aber diese unsäglichen Sitzungen zur Vorbereitung der Kommunalwahl, diese unerträgliche Selbstgefälligkeit einiger alter »Genossen« und dieser Obergenosse, der von ihm erwartete, ganze Samstage auf dem Rüttenscheider Markt herumzulaufen und die Leute aktiv anzusprechen. Unmöglich! Eigentlich sollte er sein Parteibuch zurückgeben.
»… und gib uns unseren Frieden!«
»Amen.«
Das ist nicht ganz so einfach mit dem Frieden, lieber Herr Vikar, wenn Sie nicht Frieden mit Tod und Friedhof gleichsetzen wollen. Frieden zu Lebzeiten hatte Vater wohl kaum. Der kam erst mit diesem hässlichen Krebstod. Aber er hatte zumindest seine Operettenschlager gehabt, diese sentimentalen Beruhigungsdrogen. Georg hätte jetzt in der Kirche fast laut losgesummt. Was hatte eigentlich er, sein Sohn?
»Der Dich erhält,
wie es Dir selber gefällt,
hast Du nicht dieses verspüret!«
Er hatte keine Lust mehr auf Kirchenlieder. Die ließen ihn an Regensburg denken, jeden Morgen um 7 Uhr 15 Heilige Messe! »Stimmtraining Buben, lauter Stimmtraining!« Er hörte die Stimme des Prof.
Dienstag, 28. September 1982
Blut, dieser ganz besondere Saft
»Professor Nordmann schlägt eine Blutübertragung vor«, hatte seine Mutter am Telefon gesagt, »Walter und du, ihr habt doch beide diese seltene Blutgruppe.« Er hatte am nächsten Tag den Frühzug genommen, zweieinviertel Stunden von Köln nach Langenheim. Ihm schlug ein kühler erster Herbstwind entgegen, als er in Langenheim auf den Bahnsteig trat. Es war Ende September, der Sommer hatte sich verabschiedet. Er würde im Krankenhaus erst einmal um einen Kaffee bitten. Ob eine Blutübertragung überhaupt helfen könnte?
Georg ging den Bahnsteig entlang Richtung Ausgang. Da stand Flöten-Ewald neben der Treppe und flötete laut »Komm Zigan, komm Zigan, spiel mir ein Lied«, eine Hand an der Deichsel seiner Gepäckkarre, die andere an der weißen Gepäckträger-Mütze, die er vor seiner linken Brust hielt. »Selbständiger Dienstmann« stand auf der Mütze. Georg hatte ihm mit dem Kopf gleich zu verstehen gegeben, dass er für seinen Rucksack keine Hilfe brauchte und Ewald hatte mitten im Pfeifen mit trauriger Miene den Blick gesenkt. Doch da rief schon eine ältere Dame zwei Wagen weiter »Gepäckmann, Gepäckmann«. Sofort änderte Flöten-Ewald das Lied und flötete nun »Gern hab ich die Frau’n geküsst« mit dem leichten Vorhalt vor »geküsst«, den auch Vater an dieser Stelle immer so sang. Georg musste lachen. Er stieg die Treppe hinunter und entschied sich gegen eine Taxe. Er würde zum Krankenhaus laufen, den Weg durch den Stadtpark nehmen, den »Grünen Winkel«, an der Lippe entlang. Es war Viertel nach neun, Mutter wusste, dass er direkt ins Krankenhaus kommen würde, wahrscheinlich saß sie schon an Vaters Bett und wartete auf ihn. »Alles wird gut«, hatte sie auch gestern wieder gesagt, »alles wird gut.«
Mutter hatte Anfang letzter Woche angerufen: Dr. Bracke sei sich nicht sicher, Vaters Rückenschmerzen seien doch seltsam beständig. Auch Dr. Wingert, der Orthopäde, hätte sich nicht mehr zu helfen gewusst. Drei Tage später war sie erneut am Telefon, mittags, er war eher zufällig in seiner Wohnung, hatte eigentlich in der Institutsbibliothek arbeiten wollen, als das Telefon klingelte. Zuerst hörte Georg nur ein Schluchzen, dann die Stimme seiner Mutter. »Das Rückenproblem kommt nicht von den Knochen«, sagte sie leise, machte wieder eine Pause und schluchzte erneut, »es rührt von Metastasen her. Krebs ist die Ursache, Georg, Krebs, wahrscheinlich Lungenkrebs.« Mutter weinte, laut und lange. »Ich habe auch schon mit Bärbel gesprochen«, stammelte sie dann, »sie will in wenigen Stunden kommen. Wir müssen abwarten, wir können nichts anderes tun. Es ist Krebs, Georg, Krebs!«
»Das tut mir sehr, sehr leid, Mutter, wahnsinnig leid.« Georg hatte ganz leise gesprochen, er wusste nichts Rechtes zu sagen. Die Nachricht blieb an der Oberfläche, drang nicht zu ihm durch.
»Dabei hatten die Ärzte doch immer gesagt, bei Vater sei etwas mit den Bandscheiben nicht in Ordnung. Und jetzt Krebs, Georg, Krebs! Sie haben auch Metastasen in der Leber entdeckt!« Mutters Stimme erstickte erneut.
»Ärzte können sich irren, Mutter.«
»Professor Nordmann ist zum Glück ganz zuversichtlich.« Das Weinen ebbte ein wenig ab. »Es gibt da eine neue Therapie, Bestrahlung kombiniert mit Chemotherapie, hat er mir erklärt. Er wird für Vater die richtige Mischung zusammenstellen. Aber eins ist ganz klar«, Mutters Stimme wurde auf einmal fest und bestimmt: »Vater darf nichts davon wissen. Für ihn lautet die Diagnose: Rückenbeschwerden, Bandscheibenprobleme, unbekannte Ursache, es kann länger dauern, aber alles wird gut.« Sie ließ Georg noch am Telefon schwören, dass er Vater gegenüber nichts anderes äußern würde. Optimismus sei die wichtigste Waffe gegen die heimtückische Krankheit, das habe auch Professor Nordmann gesagt. Ob er nicht gleich kommen könne, hatte sie noch hinzugefügt. Als er dann tatsächlich letzte Woche, nur einen Tag nach Mutters Anruf, ins Krankenzimmer trat, hatte Vater ihn mit großen Augen angesehen. »Es scheint ja richtig schlecht um mich zu stehen, wenn du an einem Werktag eigens aus Köln zu mir ans Krankenbett kommst.« Vaters Stimme war matt gewesen, ganz anders als sonst, wo er gern mit kräftiger Tenorstimme auch die schlichtesten Sätze mit Melodie und Klang füllte. Sein schwarzes, noch immer volles Haar wirkte stumpf, an den Schläfen war mehr Grau hinzugekommen. Die Haut schien fahl. Aber vielleicht kam das auch nur von der sterilen, nüchtern weißen Atmosphäre des Krankenhauszimmers, die so schnell auf die Patienten abfärbt. Georg war erschrocken. Er bemühte sich, Vater nichts von diesem Schrecken und seiner Unsicherheit spüren zu lassen. »Es wird alles wieder gut, Walter«, hatte Mutter nochmals wiederholt, »Professor Nordmann und der Orthopäde sind sich sicher, es wird alles gut, die kriegen deinen Rücken wieder hin.« Sie hatten nicht weiter über die Krankheit gesprochen. Vater hatte ihn nach dem Stand der Staatsexamensvorbereitung gefragt, nach Marie und seinem Eindruck vom Ende der Regierung Schmidt.
»Verrat, Georg, kein Verlass bei den Sozis, eigentlich schade um den Schmidt.« Hier war Vaters Stimme sogar ein wenig kräftiger geworden, doch plötzlich fuhr er mit der rechten Hand unter seinen Rücken und verzog das Gesicht. Er presste die Lippen aufeinander, kniff die Augenlider zusammen und während er langsam ausatmete, hörte Georg, wie er »diese fürchterlichen Schmerzen« flüsterte.
Mutter nahm seine Hand. »Es wird schon wieder, Walter, alles wird wieder gut.«
Dann hatte Vater noch wissen wollen, was man denn unter Studenten von Helmut Kohl halte. Georg hatte geantwortet, hatte sich selbst bei seinen Antworten zugehört, fand sich sehr brav, war ganz der liebe Sohn, blass und ohne Konturen. Er spürte seine zunehmende Verunsicherung. Sie kroch an ihm hoch. Er wusste plötzlich, dass er mit einem Todgeweihten sprach, und wollte nur schnell raus aus dem Krankenzimmer.
Zehn Minuten später war Bärbel mit Lukas erschienen. Sie hatte gleich nach Schulschluss den Jungen von der Tagesmutter abgeholt und war mit dem Auto von Bielefeld ins Langenheimer Krankenhaus gefahren. Vater freute sich, als er seine Tochter mit dem Enkelkind sah. Seine Augen bewegten sich eine Spur schneller und um seine schmalen Lippen spielte ein Lächeln.
»Die haben mich hier gründlich untersucht, Bärbel. Scheint wirklich ein Bandscheibenproblem zu sein; das werden sie schon hinbekommen.«
Georg biss sich auf die Lippen. Mutter stimmte Vater sofort zu, schaute dann Georg und Bärbel scharf an und behielt sie im Blick. Sie ließ sich dabei nicht einmal durch den kleinen Lukas ablenken, den Bärbel auf ihren Schoß gesetzt hatte. Zum Glück quengelte Lukas jetzt laut und anhaltend und sorgte so dafür, dass der Krankenbesuch kurz ausfiel und Georg und seine Schwester sich schon bald mit dem Jungen auf den Weg ins elterliche Haus in der Görresstraße machten.
»Will Charlotte die Diagnose wirklich vor Vater geheim halten?«, fragte Bärbel, nachdem sie den Wagen gestartet hatte. »Man muss Vater doch aufklären!«
Georg nickte. »Du kennst Mutter doch. Mit schlimmen Nachrichten rückt sie nicht raus, sie will immer alle schonen.«
»Aber Vater hat doch ein Recht darauf, zu wissen, wie es um ihn steht.«
Am gleichen Abend noch hatten Bärbel und er ausführlich mit Mutter gesprochen. Bärbel war vier Jahre älter als er und seit Längerem schon zu einer richtigen Gesprächspartnerin für Mutter geworden, erst recht, nachdem sie vor drei Jahren selbst geheiratet und ein Jahr später Lukas bekommen hatte. Sie war eine gestandene Frau, seit einem halben Jahr wieder im Schuldienst, zwar mit verminderter Stundenzahl, aber immerhin. Sie hatte für Vater und Mutter einen Status in der Familie erreicht, der Georg trotz seiner nunmehr 27 Jahre weiterhin vorenthalten wurde. Doch Charlotte blieb jetzt auch bei Bärbel eisern.
»Vater darf nichts wissen, und wenn, dann ist es ja wohl meine Sache, ihm die Wahrheit über sein Rückenleiden zu sagen!« Sie führte das weiße Taschentuch, das sie bei diesem Gespräch ständig mit ihren Händen geknetet hatte, an ihre Augen, um ein paar Tränen abzuwischen. »Und überhaupt ist ja Krebs nicht gleich ein Todesurteil. Professor Nordmann hat gesagt, es gäbe jetzt eine ganze Menge Möglichkeiten, viele neue Therapien, und eine davon würden sie in der nächsten Woche bei Vater probieren.« Dann hatte Mutter wieder zu weinen begonnen.
Es war Georg übel bei dem Gedanken an dieses verlogene Theaterspiel vor Vater, dennoch hatte er am Ende klein beigegeben: »Wenn du meinst, Charly.« Er sah, wie gut ihr das kumpelhafte »Charly« tat, ihr altes Codewort für Vertrauen und Verständnis. Am nächsten Morgen war er nach Köln zurückgefahren.
Ein tiefes, lautes Hupen schreckte Georg aus seinen Gedanken auf. Er hatte den Stadtpark erreicht und auf der anderen Seite der Lippe schob sich ein feuerroter Schienenbus langsam voran. Der Triebwagen hatte gerade erst den Bahnhof verlassen und noch wenig Fahrt aufgenommen. Im ersten Wagen stand ein kleines drei- oder vierjähriges Mädchen auf dem schmalen Holztischchen am Fenster und zeigte auf die Schwäne, die sich in der Lippe treiben ließen. Er sah von der Seite das Profil der Mutter des Kindes, ihr langes dunkelblondes Haar. Lisa, dachte er, und musste lächeln. Vor zehn Jahren war er manchmal auf dem Weg zum Städtischen Krankenhaus gewesen, in dem Lisa gearbeitet hatte. Im letzten Wagen war ein Fenster heruntergelassen und ein vielleicht zehnjähriger Junge im dunkelgrünen Anorak lehnte sich heraus. Als er auf Georgs Blick traf, lachte er über den Fluss herüber und begann zu winken. Er rief Georg etwas zu, das er jedoch nicht verstand. Georg winkte zurück. Die Herbstferien hatten diese Woche begonnen und wahrscheinlich war der Junge mit seinen Eltern oder Großeltern auf dem Weg nach Münster in den Zoo. Diesen Ausflug mit der Bahn hatte er als kleiner Junge auch so manches Mal gemeinsam mit seiner Großmutter unternommen, damals in den Jahren vor Regensburg. Als der rote Schienenbus mit lautem Hupen und knarzendem Grunzen endlich beschleunigte, sagte Georg die Stationen auf, die der Zug durchfahren würde: Cappel, Liesborn, Wadersloh, Diestedde, Beckum. Er hatte sie noch alle im Kopf. Sein Vater war nie mit ihm im Zug nach Münster gefahren. Wenn sie unterwegs waren, dann im zartgelben DKW mit dem grünen Dach, den Vater erst nach vielen Jahren gegen den neuen Opel Rekord eingetauscht hatte.
Georg sah auf die Kopfweiden, die den Weg am Bahndamm säumten. Man hatte sie kräftig zurückgeschnitten und so saß auf jedem Stamm nur ein hölzerner Knubbel, aus dem einzelne dünne Ästchen mit ihren Blättern ragten. Die Knubbel erschienen Georg wie Fäuste, die die Bäume am Wachsen hinderten. Noch eine gute Viertelstunde würde er bis zum Krankenhaus brauchen. Er wunderte sich, dass dieser Weg so unerwartet viele alte Bilder in ihm hochkommen ließ.
In einer Stunde würde er seinem Vater Blut spenden. Sein Blut für seinen Vater – eine seltsame Vorstellung. Das feierliche »Mein Blut, für Dich vergossen« kam ihm in den Sinn, obwohl er schon seit Jahren nur noch zu Weihnachten in die Heilige Messe ging. Und mit Altar und Opfer hatte eine Blutübertragung ja eigentlich gar nichts zu tun, dachte er. Er würde den Arzt auf jeden Fall heute noch sprechen wollen, um von ihm zu erfahren, wie es um Vater tatsächlich stand und ob eine Blutübertragung bei Krebs überhaupt helfen könne. Georg war skeptisch. Ob Vater immer noch an diese Bandscheibengeschichte glaubte? Er war doch nicht blöd. Jetzt, wo die Blutübertragung anstand, hatte Vater diesen Dr. Nordmann bestimmt schon nach der Wahrheit gefragt.
Georg verließ den Stadtpark am Nordausgang und bog in die von Kastanien gesäumte Straße ein, die zum Städtischen Krankenhaus führte, dessen neu erbautes achtgeschossiges Bettenhaus er schon von Weitem sehen konnte. Es war jetzt Viertel vor zehn. Mit sechzehn hatte er sein Interesse an Vater verloren, als habe jemand eine Leitung gekappt, keine Verbindung mehr. Das Interesse war auch in den Jahren des Studiums nicht wiedergekehrt. Letzten Freitag, als er ihn im Krankenhaus besucht hatte und diese verdammte Unsicherheit spürte, hatte er sich gefragt, ob er ein schlechtes Gewissen haben müsste. Vater hatte ihm als Kind so viel bedeutet, die ganze Singerei mit ihm, dieser Ernst und dieser Spaß, den sie dabei hatten! Doch schon bald nach der Rückkehr aus Regensburg war es nicht mehr dasselbe gewesen. Vater war Anfang des Jahres zweiundsechzig geworden, ein stattlicher Herr, gut einen Meter achtzig groß, noch immer eine Stütze im Tenor des Männergesangvereins Harmonia 98, ein Mann, der Hüte liebte und selten ohne einen in der Stadt anzutreffen war. Nach dem Krieg hatte er in Langenheim Arbeit gefunden als kaufmännischer Angestellter in einem metallverarbeitenden Betrieb, der mit dem Wirtschaftswunder schnell größer geworden war. »Dass ich ursprünglich aus Breslau komme, hört doch schon längst keiner mehr«, hatte er oft gesagt, stolz darauf, seinen schlesischen Dialekt abgelegt zu haben. 1950 hatten die Eltern geheiratet, Charlotte Steinkamp war erst zweiundzwanzig Jahre alt gewesen. 1951 war Bärbel auf die Welt gekommen, 1955 er, der Stammhalter, wie Großmutter ihn gern nannte. Vier Jahre später waren sie aus der Mietwohnung im Norden der Stadt ausgezogen. Vater hatte das geräumige Eckhaus mit großem Garten in der Görresstraße gekauft. Er war zum Prokuristen aufgestiegen und leitete die Handelsabteilung. In der Firma man hielt viel von ihm, was die Familie jedes Jahr zu Weihnachten an der Güte des Cognacs und der Zigarren ablesen konnte, die der Vorstand in die Görresstraße schicken ließ.
Jetzt, nur ein paar hundert Meter vor dem Eingang des Krankenhauses, sah Georg seinen Vater wieder im häuslichen Wohnzimmer. Entspannt lehnte er die linke Hand an das schwarze Klavier und sang »Oh Mädchen, mein Mädchen, wie lieb ich dich!« Er schaute dabei Mutter an, die geschäftig zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her lief und ihm liebevolle Blicke zuwarf. Anschließend würde Vater eine Zigarre rauchen, eine dieser dicken mit dem dunklen Blatt. Wenn er allerdings nervös war oder ihn Sorgen quälten, hatte er nur wenig und manchmal gar nicht gesungen. Dann rauchte er Senoussi-Zigaretten. In Georgs Kindheit hatten Gesang und Zigarren überwogen. Nur kurz vor seiner Einschulung, nachdem dieser hagere Mann im Haus erschienen war, hatte Vater monatelang fast nur Zigaretten geraucht. Gut zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus Regensburg gab es dann erneut ziemlich häufig Senoussi-Zeiten. Daran war er schuld, er allein. Am Anfang hatten nur ein paar Fragen gestanden, politische Fragen, Fragen an die Geschichte, Fragen an Vater, die Georg mit 16 für entscheidend hielt. Im Sommer 1971 hatten sie sich dann richtig zerstritten. Weihnachten war es zum großen Knall gekommen. Vater hatte ihn vor allen Verwandten einen »arschblöden Pudel« genannt, wissend, dass er damit eine Wunde aufriss. Dabei hatte ihn nicht nur Vaters Verweis auf seinen damals ungeliebten Lockenkopf getroffen, viel stärker noch spürte er die Verachtung, die Vater ihm mit diesen beiden Worten gezeigt hatte. Danach war man sich aus dem Weg gegangen. War
