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Buchvorschau
Du selber bist Musik - Alfred Hein
Erster Teil
I
Endlich — nach titanenwildem Ringen mit den immer wieder niederziehenden Mächten der Finsternis erklommen die nichts mehr vom Alltag wissenden Töne jene firnreine Höhe, von der hernieder man nur noch jauchzen konnte —: da ließ auch Constanze, dem Taktstockwink des Dirigenten gehorchend, mit dem ganzen Chor das Lied an die Freude aus ihrer Kehle jubeln!
Nach dem unirdischen Adagio-Ausklang des dritten Satzes schrieen noch einmal grell die Trompeten auf. Die Kontrabässe tobten die leisen Sehnsuchtstimmen nieder. Das Adagio wurde immer wieder flügellahm im Sturm der düsteren Stimmen aus der Tiefe. Dann — mit einem Male — begannen nur erst die Geigen leise zu singen: Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium — —
Sooft Constanze die Neunte Sinfonie Beethovens früher schon gehört hatte, immer stieg ihr die alles überwältigende Rührung in den Hals hoch, immer kamen ihr dann die Tränen, wenn also die Geigen zu flüstern begannen. Bis dann endlich Chor und Orchester aufjubelten —!
Und diesmal sang sie es selbst, das mitreißende Lied an die Freude! Sie entwich auf den Klängen, von Geigen und Flöten getragen, in die wie eine Nordlichtglorie aufstrahlende Verklärung, zu der Beethoven sich selbst mit dieser Sinfonie empor trug. Constanze fühlte: höher konnte kein irdischer Geist entrücken, wie es hier geschah.
Sie spürte plötzlich den Blick des Dirigenten auf sich gerichtet. Er sah, daß sie weinte. Ja, die Tränen rannen ihr die Wangen herunter, während sie ihrem kleinen Sopran die immer mächtiger anschwellenden Jubeltöne entlockte. Tasso Sempach dirigierte. Die Berliner Hochschule für Musik hatte ihn, den weit Gerühmten, als Gast von Hamburg herübergeholt; mit der Neunten Sinfonie sollten die Hochschüler, die im Orchester und Chor mitwirkten, das neue Jahr unter seiner sicheren Stabführung begrüßen. Constanze fühlte die Weihe des Augenblicks mit ganzer Macht.
Seid umschlungen, Millionen,
diesen Kuß der ganzen Welt.
Brüder, überm Sternenzelt
muß ein guter Vater wohnen.
Tasso Sempach beschwichtigte die Bässe und lockte aus den Geigen die letzte Süße. Er pflückte von den singenden Mündern mit bebenden Händen die inbrünstigen Worte voll sieghaften Glaubens. Sein kühnes Profil mit der mächtigen Hakennase ragte aus dem hintüber gereckten Haupt mit dem glatt zurückgekämmten schwarz glänzenden Haar empor, als öffnete sich die Kuppel des Saales —: und alle Sterne tauten hernieder in die klare Winternacht.
Jetzt, da der Chor die Worte anstimmte „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, wer ein holdes Weib errungen, stimm in unsern Jubel ein —" da traf die singende Constanze, die nun keine Tränen mehr wegzuwischen brauchte, denn die zu tiefst überwältigende Rührung war verwunden — ein andrer Männerblick —: Brillengläser funkelten auf, hinter denen zwei dunkle große Augen von den Noten weg aus dem tiefer sitzenden Orchester zu ihr emporschauten. Ein kurzes Lächeln umzuckte den Mund des zu ihr aufblickenden Cellospielers. Es war Stefan Klodwig, ihr thüringischer Landsmann und ihr hilfsbereiter Freund, dem sie vor allem zu danken hatte, daß sie hier überhaupt mitsang. Stefan stand schon vor der Abschlußprüfung; als Schüler der Meisterklasse würde er sie natürlich glänzend bestehen. Seine Lehrer sagten ihm als Klavierspieler eine glänzende Zukunft voraus. Nebenher meisterte er noch das Cello und manches andere Instrument. Auch mit dem Taktstock wußte er umzugehen. Constanze dagegen —: nie hätte sie die Forderungen der Aufnahmeprüfung geschafft, hätte sie Stefan Klodwig nicht in seine Zucht genommen. Sie hatte vorher ein privates Konservatorium in Berlin besucht; dort lernte sie Stefan kennen, als er einen Lehrer vertrat. Sie gestand ihm ihren heimlichen Ehrgeiz, in die Klavierklasse der Hochschule für Musik aufgenommen zu werden.
„Nichts leichter als das!" hatte Stefan gelacht. Aber es wäre sehr schwer für Constanze gewesen, hätte sich der gute Stefan nicht ihrer angenommen trotz der Überlastung mit dem eigenen Lernen und Üben. Nun war sie sogar Schülerin bei dem unerbittlich strengen Professor Ignatz Dämpfinger. Und durfte im Hochschulchor singen:
Freude! Freude — —
Sie nickte Stefan nur für ihn bemerkbar zu. Und Stefan lächelte, während er unermüdlich weiter sein Cello streichelte.
O wie die Töne erlösten! So ins Erhabene entrückt, hatte Constanze noch nie ein neues Jahr begonnen. Der Himmel öffnete sich: mit seinem jauchzenden Licht alles andre in den Schatten zwingend, verbrauste — Tasso Sempachs hocherhobener Stab vibrierte, als wäre er mit elektrisierenden Kräften geladen — das über Zeit und Raum hinausstrebende Finale.
II
Immer wieder mußte Tasso Sempach sich verneigen. Der Beifall erfüllte brausend und prasselnd das silberweiß getünchte Gewölbe des großen Konzertsaales der Hochschule für Musik. Unentwegt klatschten an die hundert Ergriffene weiter, während die andern schon hinaus zu den Garderoben drängten. „Sempach! Bravo! Sempach! Sempach!" riefen sie. Und Sempach, der schon durch eine Seitentür entschlüpft war, mußte wieder hervorkommen. Er machte die allen Kapellmeistern brauchtumartig eigene Gebärde mit beiden Händen, die bedeutete: das Orchester möge sich erheben und den Beifall mit ihm teilen.
Die jungen Musiker erhoben sich. Mancher war so voll Eifer bei der Sache gewesen, daß er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. Mirko Machaczek, der die erste Geige gespielt hatte, verneigte sich allerdings schon ganz mit Virtuosenallüren.
Als Sempach zum vielleicht zwölften Male hervorgeklatscht wurde, kam er durch die kleine Tür in den Saal zurück, die neben den das Podium krönenden riesigen silbernen Orgelpfeifen fast ganz verschwand. Vor der Orgel stand der Chor.
Sempach wollte auch den Chor ehren, impulsiv ergriff er die Hand eines Sängers und einer Sängerin. Als er sich, während der Beifall erneut lostobte, die Sängerin ansah, erkannte er, daß es zufällig jenes zauberhafte Mädchen war, dessen zu Tränen gerührte Ergriffenheit während des Freudengesanges ihn selbst gerührt hatte. Sie sah wie einer der ranken großäugigen Engel von Botticelli aus.
Constanze errötete bis in den schlanken Hals hinein. Schon wieder kamen ihr die Tränen.
Wie gut, daß gerade Stefan sie angrinste und pompöse Gesten machte —: o, welche Ehre, Constanze Dornbühl Hand in Hand mit Tasso Sempach, der Koryphäe! Da mußte auch sie lächeln, und die Rührung wich.
Sempach spürte aber doch, wie die schmale Hand in seiner Rechten bebte, während die Männerhand des Sängers seine Linke fest umschloß. Du gehst noch an der ganzen Musik kaputt, Mädel, dachte er, wenn du dich so besinnungslos ergreifen läßt.
Schließlich verebbte auch dieser Triumph. Sempach hatte Constanze noch besonders zugenickt, als er durch die Tür neben der Orgel verschwand. Nun sprang Stefan die Stufen des Podiums zu Constanze empor: „Du, Stanzerl, sagte er, als ob er der junge Mozart wäre, und sah dabei Constanze so glückselig an wie dieser seine Constanze auf der Reise nach Prag, „Du, Stanzerl, nun wird gebummelt. Wir gehen in den Zigeunerkeller — das neue Jahr begießen und begrüßen.
„Begrüßt hab ich es — eben. Ach, Stefan, war das schön! War — das — schön! Was der Sempach aus uns herausgeholt hat —"
„Nu ja, und nach der Arbeit das Vergnügen —" lachte Stefan Klodwig mit seinem großen, gutmütigen Mund.
„Arbeit? Vergnügen?" Constanze verstand nicht. Aber sie vergaß es immer wieder: Stefan, Charlo, Mirko — gerade die Meisterschüler wurden, obwohl sie so mitreißend spielten, innerlich schnell fertig mit ihrer Ergriffenheit. Es machte ihnen gar nichts aus, nach der Neunten Sinfonie in den Zigeunerkeller zu gehen und die leichten Weisen mitzusingen. Das war nun keineswegs Blasphemie; diese durch und durch mit großer Musik Erfüllten brauchten dann und wann das jäh Gegensätzliche, um sich selbst überhaupt ertragen zu können. Denn in ihrem Hirn wirbelte es vor lauter Üben und Studieren Tag und Nacht von klassischen Noten.
Constanze dagegen hatte sich während der Neunten Sinfonie ganz der großen Stimmung hingegeben; sie ließ sich von dieser Stimmung immer noch tragen. So schien es auch jetzt, als sie die Treppen des Podiums herniederschritt, als wenn sie wie auf Wolkenstufen schwebte. „Du bist ja noch ganz weg, Stanzerl," sagte Stefan. Er schüttelte mit fast väterlicher Besorgtheit schmunzelnd den Kopf und rückte seine Brille zurecht.
„Ja, ich bin noch ganz weg, Stefan! Und darum grüß die andern — ich geh nach Haus!"
„Aber — aber — Constanze! Ich hab mich doch gerade auf dich so gefreut. Du kannst doch so lustig sein. Weißt du noch, wie wir das letzte Mal im Zigeunerkeller waren, wie du alle Nachbartische mit deinem Lachen anstecktest —"
„Damals haben wir aber nicht vorher die Neunte Sinfonie gesungen."
„Ist doch Neujahr — sagte Stefan etwas kleinlaut. „Spiel dich doch nicht auf. Dem Beethoven schadt’s nichts, wenn wir nach brav getaner Arbeit lustig sind. Ist doch Neujahr —
Sie schritten schon hinter dem Podium den Korridor entlang zu den Künstlergarderoben.
„Da kommen sie endlich wie zwei Verschworene —" schallte es ihnen aus einem lustigen Schwarm entgegen. Das war Charlo Wildhofer, die so rief.
Doch zum Erstaunen aller gab Constanze Stefan jetzt die Hand: „Sei nicht böse, ich geh lieber heim! Sie winkte den andern mit einem mühsam erborgten forschen Lächeln zu, flüsterte noch der völlig sprachlosen Charlo, mit der sie ihr möbliertes Zimmer teilte, beim Vorübergehen ins Ohr: „Komm nicht zu spät! Treib’s nicht zu toll —
dann riß sie Hut und Mantel vom Haken.
„Stanzi! Bist du verrückt? schrie Charlo. Sie hatte endlich die Sprache wiedergefunden. „Stanzerl! Stanzerl! Bleib doch!
Das war Stefan. Und noch dann, als sie die Treppenstufen heruntereilte, die zu einem Nebenportal in die Fasanenstraße hinausführten, hörte sie die andern vom Ausgang nach der Hardenbergstraße her rufen:
„Constanze! Constanze!!"
Das war Mirko Machaczeks hart akzentuierte Stimme. Er schrie’s durch die hohle Hand in den Neujahrstrubel hinein, der rund um die Gedächtniskirche lärmte und kreischte.
Constanze war wie auf der Flucht. Sie schlug den entgegengesetzten Weg ein, der nach der Kurfürstenallee und weiter hinein in den tief verschneiten Tiergarten führte. Auch hier traf sie manchen ausgelassenen Trupp und manches lustige Pärchen, aber sie hörte die Witze nicht, die man ihr nachrief. Und als ein junger Dachs sich von seinen ausgelassenen Kameraden trennte, um ihr nachzulaufen, da blieb sie entschlossen stehen und maß ihn von oben bis unten mit einem solch kalten verächtlichen Blick, daß der Zudringliche sich buchstäblich schütteln mußte, als hätte er eine eisige Dusche empfangen.
Als sie dann den Landwehrkanal entlang schritt, wurde es immer stiller. Fernab rauschte der Neujahrstrubel nun so rhythmisch verwogend, daß man meinen konnte, es wäre Meeresrauschen. Wie von frischem Gold geprägt hingen Sterne und Mondsichel am Firmament. Das Mondlicht überhauchte den Schnee auf Wegen, Bäumen und Sträuchern mit bläulichem Leuchten.
Nein, es war kein Getue von ihr gewesen, als sie die andern allein in den Zigeunerkeller gehen ließ. Ihr war wirklich noch immer feierlich zumute. Und sie wurde sich jetzt klar: das bewirkte nicht nur der Nachhall der Neunten Sinfonie, sondern sie spürte dunkel, daß mit diesem Jahr auf solch feierliche Weise ein Schicksalsjahr begann. Sie fragte sich selbst, wie sie dazu käme, auf das unbeschriebene Kalenderblatt des 1. Januar das Wort „Schicksalsjahr" zu schreiben (sie schrieb’s jetzt wahrhaftig mit dem Absatz in den Schnee), aber sie ahnte: in dem kommenden Jahre wird mich irgendetwas von Grund auf verwandeln. Die Musik? Wird sie’s schaffen, eine wirkliche Künstlerin zu werden? So wie es Charlo war? Vielleicht. Mit Stefans Hilfe.
Der gute Stefan. Sie hat ihn heut gekränkt. Aber sie wußte, er verzieh ihr’s, wie er zu allem Ja und Amen sagte, schon wenn sie nur andeutungsweise den Wunsch aussprach.
Schicksalsjahr.
Sie hatte mit dem Absatz des linken Schuhs die Hieroglyphen in den Schnee gerade zu Ende gemalt, als eine gütige Männerstimme, denn es war für andere kaum leserlich, fragte: „Was soll das heißen?"
„Herr Professor Sempach—" schrak Constanze zusammen.
„Ach, sieh da, der Botticelli-Engel! Ich dachte, Sie feiern auch das neue Jahr im Zigeunerkeller mit. Aber was haben Sie da hingemalt?"
„Ooh, nichts!"
Sempach lächelte: „Merkwürdig, ein junges Mädchen malt einsam Rätselbuchstaben in den Schnee, während die andern dem neuen Jahr zuprosten."
„Sie tun’s ja auch nicht."
„Was?"
„Zuprosten —"
„Nein. Mir war nicht danach zumute. Und wie ich sehe, Ihnen auch nicht. Darf ich Sie ein Stück begleiten. Wohin gehen Sie?"
„Ach, nur so —"
„Schön. Dann gehen wir nur so."
Eine Weile schwiegen sie. Constanze vor Verlegenheit und Stolz. Sempach vor Wohlgefallen.
„Ach, wenn die Musik nicht wäre —" seufzte Sempach, das Schweigen brechend.
„Das sagen Sie, Herr Professor?"
„Ja. Ich. Dann wüßte ich, was ich jetzt täte —"
„Darf ich fragen?"
„Ja, Sie dürfen, Botticelli-Engel! Ich ginge dann mit Ihnen in ein kleines Weinlokal. Es heißt „Alte Liebe, mit einem Auto wären wir schnell dort —
„Aber wir gehen nicht dorthin?"
„Nein. Erstens: weil ich nicht will. Zweitens: weil Sie nicht können. Ich will nicht, weil ich einsam und kalt bleiben muß, um — na ja, um meine künstlerischen Ehrgeize zu befriedigen. Und zu einem flirthaften Spiel ist mir der Botticelli-Engel zu schade. Und Sie — Sie können nicht, weil Sie mit Beethovens Neunter in den siebenten Himmel entrückt sind."
„Können Sie Gedanken lesen?"
„Nein. Aber in Ihrem Gesicht. Warum haben Sie geweint?"
„Ich — geweint —?"
„Ja, während des Hymnus an die Freude. Als es begann: „Freude, schöner Götterfunken —"
Sie schritten über die Löwenbrücke auf die Siegessäule zu. Manchmal fiel mit sanftem Gleiten ein zu schwer gewordener Schneeklumpen von einem niederhängenden Zweig. Siebenfarbig umrandete Wolken zogen am Mond vorbei. Die lärmende Stadt versank immer ferner.
„Ach so, Constanze lächelte Sempach an. Ihre großen Augen glänzten. „Ich heul immer an der Stelle. Ob ich’s nun hör oder mitsinge —
„So, so."
„Sie sagen das bedenklich wie ein Arzt."
„Ganz recht, Botticelli-Engel!"
„Warum nennen Sie mich Botticelli-Engel? Ich heiße Constanze Dornbühl."
„O wie nett."
„Was ist da nett?"
„Na — Constanze — so wie Mozarts capriciöse Frau —"
„Ich bin, glaub ich, nicht capriciös."
„Na?"
„Nein, wirklich —"
Sie mußten beide lachen. Ein Eichhörnchen schreckte aus dem Schlaf und sprang Otto dem Faulen, denn sie schritten schon durch die Siegesallee, auf den Helm.
„Also Constanze — sagte Sempach. Und nach einer nachdenklichen Pause: „Hören Sie, Constanze, was soll aus Ihnen werden?
„So Gott will, eine Könnerin auf dem Klavier."
„Also Klaviervirtuosin? Hm."
„Sie glauben es nicht?"
„Doch, doch —"
Constanze blieb stehen und sah dem Professor fest in die Augen. Wer weiß, woher sie den Mut dazu nahm. „Herr Professor, Sie haben mich noch nie spielen hören und sind schon ungläubig — Warum?"
„Weil Sie’s zu sehr ergreift. Und — Sempachs Habichtgesicht lächelte gütig, „weil Sie zu schade sind, an der Kunst kaputt zu gehen. Sie sind zu Schönerem geboren!
„Gibt es etwas Schöneres als die Kunst?"
„Manchmal für manche — ja."
„Da kommt der 3er! Mein Autobus! Ich möchte nach Haus!"
„Ich komme mit."
Sie sprangen auf den schon losfahrenden Autobus.
„Ja, Herr Professor?" fragte Constanze. Sie verstand nicht, daß Sempach solches Interesse an ihr nahm.
„Ich wohne immer, wenn ich in Berlin bin, in einem Pensionat am Bayerischen Platz," erklärte er, den Anlaß ihrer Verwunderung erratend.
„Ich wohne auch dort! In der Salzburgerstraße — sagte Constanze. Und als sie die Fahrkarten gelöst hatten, fuhr sie fort: „Das Jahr beginnt schön für mich.
„Für mich auch, Fräulein Constanze. Entschuldigen Sie, Ihren Familiennamen habe ich vergessen."
Constanze, mit einem Arm am Haltestrang hängend — sie standen im vollbesetzten Wagen einander gegenüber — lächelte.
Als sie am Wartburgplatz ausstiegen und Sempach Constanze heimbegleitete, fragte sie: „Was meinten Sie vorhin im Tiergarten mit Ihrer Antwort: „Manchmal für manche ja?"
Sempach antwortete nicht sofort. Dann sah er sie mit einem kalten harten Blick an: „Wer für die Liebe geboren ist, ist für die Kunst verloren. Und wer für die Kunst geboren ist, ist für die Liebe verloren. Sie aber sind so sicher für die Liebe geboren wie ich für die Kunst. Leider — für die Kunst, sage ich, wenn ich Sie anschaue in Ihrer beseligenden Anmut —"
„Herr Professor! wehrte Constanze ab. „Ich will aber eine Künstlerin werden und pfeif auf die Liebe!
„Wie alt sind Sie?"
„Einundzwanzig."
„Ein — und — zwan — zig —" Sempach kostete die Zahl wie einen feurigen Wein.
Constanze blieb stehen. Sie waren vor ihrem Haus angelangt. Salzburgerstraße 10.
„Es wird Ihnen nichts nützen."
„Ich werd Ihnen schreiben, wennn ich’s schaffe —"
„Gut! Schreiben Sie! Aber wundern Sie sich nicht, wenn ich erst nach Wochen und Monaten antworte. Ich habe selten solche Stunden frei wie diese."
Constanze wußte nichts darauf zu sagen. Sie ergriff nur Sempachs Hand.
„Nun möchte ich doch Ihren Familiennamen wissen."
„Constanze Dornbühl. Weshalb?"
„Bei wem lernen Sie?"
„Bei Professor Dämpfinger."
„Oha — bei Ignatz! Großartig. Er ist mein Freund. Ich werd ihn bitten, sich Ihrer besonders anzunehmen."
„Herr Professor —!" jubelte Constanze auf. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen. Sie schüttelte ihm wenigstens kräftig die Hand zum Dank.
„Nun gehen Sie schlafen. Schlafen Sie gut ins neue Jahr hinein."
„Danke, Herr Professor. Ich weiß, es wird mir Glück bringen. Auch Ihnen soll es Glück bringen — Gute Nacht!"
„Gute Nacht, Constanze Dornbühl!"
Als Sempach allein zum Bayrischen Platz weiterschritt, hielt er sinnend den Blick am Boden. „Vielleicht wirst du Glück haben, süßer Botticelli-Engel. Vielleicht — dachte er. „Aber anders als du meinst. In der Liebe. Vielleicht. In der Kunst —?
III
Constanze erwachte am Neujahrsmorgen mit einem großen Glücksgefühl. Zuerst war ihr, als hätte sie nur einen glücklichen Traum gehabt, von dem sie im Aufwachen — seine Bilder vergessend — nur noch den Duft in sich spürte, aber dann wurde ihr klar: das Glück blühte aus wirklichem Erleben. Das Gespräch mit Tasso Sempach im Tiergarten und hier vor dem Haus klang so beglückend in ihr nach.
Sie knipste den kleinen Rundfunkapparat an, den sie auf dem Nachttisch stehen hatte; ja, sie war zu guter Stunde aufgewacht, obwohl die kleine Pendeluhr im Zimmer nebenan 2 Uhr schlug, als sie sich ins Bett legte und sofort einschlief, selig wie als Kind. Aus dem Radio schallten ihr die frischen Kommandos des Gymnastiklehrers entgegen. Sie sprang aus dem Bett, öffnete das Fenster, das nur einen Spalt offen hatte, ganz weit und zog den Tüllvorhang vor, warf den Pyjama ab und machte brav die befohlenen Kniebeugen, Armschwingungen und Körperdrehungen. Sie hüpfte kunstgerecht zwischen den Möbeln hin und her. Plötzlich blieb sie erstarrt vor Charlos Bett stehen, das hinter einer spanischen Wand ganz im Winkel des Zimmers stand, während Constanze in der Nähe des Fensters schlief. Sie brauchte die frische Luft; Charlo dagegen fror leicht und hatte sich daher in ihre „Kabüse", wie sie ihren Bettwinkel nannte, zurückgezogen.
Doch Charlo war in der Kabüse nicht zu finden. Constanze knipste den Rundfunk aus, warf einen leichten hellblauen Seidenmantel über, und öffnete die Tür nach nebenan, wo die „unheilige Cäcilie" auf einer Couch schlief. Die unheilige Cäcilie erhielt von Stefan Klodwig diesen Spitznamen, weil sie im Gegensatz zu Constanze und Charlo, die diese möblierte Wohnung sich gemietet hatten und darin nun (endlich ohne Wirtin!) selber wirtschafteten, gänzlich unmusikalisch war. Dennoch war das Zimmer, in dem Cäcilie schlief, voller musikalischer Dinge: das Klavier stand hier und Charlos Saxophon, Notenpulte, Notenständer und in zwei Regalen eine kleine musikwissenschaftliche Bibliothek. Dazu ein Rundfunkapparat. Und zu alledem: Schnurri, der fröhlichste aller Kanarienvögel.
Von all diesen Dingen hatten eigentlich nur die Couch, auf der Cäcilie Stumpf schlief, und dieser lustige Schnurri, der ihr persönliches Eigentum war, etwas mit ihr zu tun. Ansonsten war Cäcilie völlig unmusikalisch, konnte mühsam „Fuchs, du hast die Gans gestohlen" richtig singen (allenfalls im Chor traf sie den rechten Ton) — gerade deshalb war sie die herrlichste Wohngenossin für die andern
