Der Hüter des weissen Raben: Thorwesten-Saga Erster Teil
Von Jutta Reinisch
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Über dieses E-Book
Nach dem Tod Kaiser Barbarossas bricht sein treuer Gefolgsmann Graf Arian von Thorwesten auf, um Barabarossas Sohn, König Heinrich zu dienen. Gefangen zwischen zwei Schwüren, die er einst sowohl dem Kaiser als auch seinem verstorbenen Waffengefährten leistete, steht er zwischen der Pflichterfüllung eines Ehrenmannes und einer verbotenen Liebe, die den Thron des neuen Königs gefährdet. Auf der Suche nach sich selbst, führt ihn der Weg zu dem Mann, der er glaubt zu sein und dem, der er wirklich ist. Ein Weg der für Arian von Thorwesten düstere Geheimnisse und finstere Abgründe bereithält und zu dem macht was er ist.
Jutta Reinisch
Jutta Reinisch hat bereits zahlreiche Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. "Der Hüter des weissen Raben" ist ihr erster Roman, der aus einer Kurzgeschichte aus den Anfängen um "Graf Arian von Thorwesten" entstand. Sie ist Mutter von drei Kindern und gemeinsam leben sie in einer Kleinstadt in Niedersachsen.
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Buchvorschau
Der Hüter des weissen Raben - Jutta Reinisch
„Sie schlafen noch.", stellte Bence hämisch fest. Der untersetzte Magyaren Anführer schwang sich mit in einer flüssigen Bewegung vom Pferd, bevor er an einen Baum herantrat, um geräuschvoll gegen den Stamm zu pissen.
Es war die erste Rast, die wir einlegten, nachdem wir im Schutz der Nacht geritten waren. Ein Blick in den Himmel genügte, um zu erkennen, dass ein neuerlich heißer Tag anbrach. Ein blutiger Tag. Ich wischte mir mit den gefesselten Händen den Schweiß von der Stirn, ehe ich versuchte, mich in einen bequemeren Sitz auf dem Pferd zu bringen.
Einer von Bences Gefolgsleuten tat es dem Anführer nach und sprang ebenfalls von seinem Tier. Er sagte etwas in der für sie so eigenen knatternden Sprache, bevor er eiligst zwischen den Bäumen hinweg tauchte. Ich beneidete ihn darum, dass er sich frei bewegen konnte, während ich vornübergebeugt und mit gefesselten Händen auf dem Pferd kauern musste.
Mein Blick streifte Bence und ich ertappte ihn dabei, wie er mich spöttisch ansah, als hätte er meine Gedanken erraten.
Der Magyare bot einen eher eigentümlichen Anblick, wenn man ihn mit dem Rest seiner Männer verglich. Er war von weitaus kleinerem Wuchs und seine stämmig verknoteten Beine, erinnerten mich an Gnome, wie man sie auf Jahrmärkten antraf.
Stumm sah ich ihn an, als er die Augen gegen die aufsteigende Dämmerung zusammenkniff, um prüfend nach Norden zu sehen.
Ich wusste, dass er einen Raubzug plante, als ich seinem Blick folgte. Das Dorf würde gnadenlos überrannt werden, dachte ich und entdeckte die friedvolle Häuseransammlung, die etwa drei Meilen von uns entfernt lag. Die Dächer der Katen schimmerten wie kleine silberne Seen in der Morgendämmerung.
„Tötet nur diejenigen, die sich euch widersetzen", erscholl seine dunkle Stimme auf der Lichtung. „Treibt sie zusammen, sperrt sie in das Langhaus, aber lasst sie leben.
Nehmt so viele Vorräte, wie auf die Pferde passen. Ich suche derweil einige Weiber für uns aus", sagte er in einer schnellen Abfolge von peitschenden Worten, deren Abschluss von seinem tiefen Lachen begleitet wurde. Es verlor sich in seinem zotteligen Bart, der ihm in verfilzten Strähnen vom Kinn tropfte.
Er wandte sich den Reitern zu, die mich flankierten. Die er eigens für mich ausgewählt hatte, mich zu bewachen, nachdem ich versucht hatte zu fliehen.
„Die beiden werden gemeinsam mit dir hierbleiben und darauf achten, dass du keine Torheit begehst", sagte er mit kalten Augen an mich gewandt. Nachdenklich strich er sich über den dichten Bart, als ich schwieg.
„Solltest du es doch wagen, werden sie dich zu töten, Gräflein." Die Worte schwebten zwischen uns, ohne dass sie mich berührten oder mein Herz mit Furcht erfüllten.
„Hast du mich verstanden?", zischte er mir mit seinen fauligen Zähnen entgegen, als würde er spüren, dass ich keine Angst vor ihm empfand.
Solange Bence mich für eine nützliche Geisel hielt, würde er mich leben lassen, aber das bedeutete nicht, dass er mich unversehrt ließ. Wenn ich eins über die Magyaren gelernt hatte, dann den Umstand, dass sie ein brutales und äußerst aufbrausendes Volk waren. In den letzten Tagen hatte schon ein falscher Blick von mir genügt, um von ihnen nach Gutdünken Prügel zu beziehen.
Ich konnte nicht von mir behaupten, dass mich die Schläge sonderlich störten. Vielmehr erinnerten sie mich daran, dass ich Leben in mir spürte. Doch eins war Gewiss. Die Stunde der Abrechnung schlug auch für ihn und gleich wie lange es dauerte, bis sie sich zeigte, ich würde Bence töten.
Schweigend nickte ich ihm zu und grinste dümmlich, bevor ich ihm meine gefesselten Hände entgegenhielt. Was hätte ich schon so ausrichten können, sagte mein Blick, während meine Gedanken bei dem Ruf des Eichelhähers verweilten, den ich kurz vor der Lichtung gehört hatte und von dem nur ich ahnte, was er zu bedeuten hatte.
Verächtlich spuckte Bence auf den Boden, ehe er sich umwandte und mit einem Knurren zurück zu seinem Pferd stapfte.
Ich hörte abermals den langgezogenen Ruf des Eichelhähers. Unbemerkt von dem gedrungenen Magyaren verlor er sich in den Wipfeln der hohen Bäume und schien nicht mehr als das morgendliche Geschrei eines Vogels zu sein. Doch das war es nicht.
Arian war in unmittelbarer Nähe, dachte ich. Dennoch widerstand ich dem Drang, mich suchend nach dem Hünen umzusehen. Er würde sich zeigen, sobald die Gelegenheit günstig war. Einzig um mich aus den Klauen der Magyaren Bande zu befreien.
Ich wischte mir erneut den Schweiß aus dem Gesicht, der mir in winzigen Rinnsalen salzig in die Augen tropfte.
Vorsichtig ließ ich meine Schultern kreisen, um sie aufzulockern. Nicht mehr lange und ich würde frei sein.
Das Geschrei einer Krähe brach über die Lichtung und kurz darauf erhob sich ein schwarzer Vogel aus einer Baumkrone. Aufgescheucht zog er von dannen. Diesmal meinte ich, in dem Vogelschrei Norwins Stimme erkannt zu haben. Ich erlaubte mir ein unauffälliges Schmunzeln, als ich an meinen Kampfgefährten dachte. Der treue und pflichtbewusste Norwin diente wie ich, unserem Herrn Arian von Thorwesten als Knappe. Wenngleich er länger als ich an Arians Seite stand, hatte er mich nie als seinen Konkurrenten empfunden. Vielmehr waren wir vom ersten Atemzug an, wie Brüder gewesen. Gefährten im Kampf, um einen Mann zu dienen, der uns mehr als Freunde denn als Untergebene sah. Dass ich jetzt weder an seiner Seite noch an der von Arian war, hatte ich dem Umstand von Barbarossas Tod zu verdanken. Der Kreuzzug, der so verheißungsvoll begonnen hatte, war mit dem Ertrinken des Kaisers im Fluss Salep von einem Augenblick auf den anderen ebenfalls gestorben. Nach hitzigen Debatten mit den übrigen Grafen und Gefolgsleuten Barbarossas hatte Graf Thorwesten entschieden, den Kreuzzug abzubrechen und stattdessen zurückzukehren. Der Sohn des Kaisers war mit dem Tod des Vaters über Nacht zum neuen König über das Heilige Römische Reich geworden. Er war der legitime Erbe und dennoch würde es Widersacher geben, die seinen Machtanspruch nicht anerkannten, vermutete Arian. Aus Treue zu seinem toten Freund und Kaiser, hielt es der Hüne für vernünftiger Heinrich zur Seite zu stehen und damit Barbarossas Vermächtnis anzutreten.
Wir waren auf dem Rückweg. Im Land der Magyaren, als unser Lager an einem trüben Morgen von einer schreienden Horde angegriffen wurde.
Die schlafenden Truppen zersprangen überrascht wie Scherben eines zerbrochenen Krugs. Jeder der zu rennen vermochte, suchte sein Heil in der Flucht, was ich ihnen bei dem furchteinflößenden Kriegsgeheul der Magyaren nicht verdenken konnte. Sie versuchten, ihr Leben zu retten und mit dem Strom der fliehenden Menschen, wurde ich von Arian und Norwin getrennt. Mit einer Handvoll Männer flohen wir in den Wald und erst schien es, als wäre es uns gelungen, den Angreifern mit heiler Haut entflohen zu sein.
Doch nur einen Tag später, fielen wir in die Hände der marodierenden Bande, deren Anführer Bence war.
Eine Strähne meines schweißnassen Haares fiel mir in die Augen, als ich den Ruf des Eichelhähers ein weiteres Mal hörte und der mich daran erinnerte, dass ich nur am Leben war, weil ich mich als Graf Thorwesten ausgegeben hatte.
Bence wusste, dass ich somit eine bedeutende Geisel war, für die man Lösegeld zahlen würde. Die mit mir gefangen genommenen Soldaten, hatte dieses Glück nicht ereilt. All ihr Flehen hatte ihnen bis zuletzt nichts genutzt. Bence ließ sie zur allgemeinen Freude seiner Gefolgsleute auf grausame Weise abschlachten und bei der Erinnerung daran, stieg erneut Wut in mir hoch. Jeder von ihnen hatte einen gnadenvolleren Tod verdient als den, den die Magyaren ihnen letztlich bereitet hatten.
„Jetzt kannst du sehen, wie die Magyaren Krieger kämpfen, durchbrach Bences Stimme knurrend meine Gedanken, ehe er seine braun gefleckten Zähne in einem siegesgewissen Grinsen entblößte. „Die Magyaren kämpfen wie echte Männer.
, setzte er nach, bevor er sich mit Stolz in den Augen auf die Brust schlug.
Ungerührt sah ich ihn an und blieb ihm eine Antwort schuldig, als er auf sein Pferd stieg, um gleich darauf das Schwert zu ziehen. Mein Blick fiel auf die edel geschmiedete Klinge, die Arian mir in meinem dritten Jahr als sein Knappe geschenkt hatte. Jetzt lag sie in Bences Händen, der sie in kreisenden Bewegungen über den Kopf schwang.
Der verfluchte Bastard erfreute sich daran, dass er die Waffe des vermeintlichen Grafen Thorwesten führte, dachte ich bitter. Ich sah ihm nach, als er mit seinen Gefolgsmännern ins Tal hinab galoppierte. Das Hufgetrappel hörte sich an, wie das ferne Donnergrollen, eines aufziehenden Gewitters. Für die Dorfbewohner im Tal würde es ein todbringendes Unwetter sein.
Sofort boxte mir einer der beiden Aufpasser brutal in die Rippen, während der andere mich hämisch anspuckte. Jetzt wo sich ihr Anführer nicht in Sichtweite befand, war ich ihrer Willkür freimütig ausgesetzt.
Trotzig erwiderte ich den Blick meiner Bewacher, ehe ich voller Abscheu zurück spuckte. Einer der Männer wollte mir eine Kopfnuss verpassen, doch es gelang mir, rechtzeitig den Kopf wegzudrehen, damit mich nicht die gesamte Wucht des Stoßes traf.
Ehe er zu einem weiteren Schlag ausholte, drang Kampfgeschrei an unsere Ohren. Wir spähten auf die Häuser des Dorfes hinab und sahen, wie Bences Männer wildumherlaufende, dunkle Flecken durch die Gassen trieben. Das aufheulende Geschrei von Menschen flutete die Umgebung, bevor es zu uns herauf schwappte, um sich in den weitverzweigten Ästen der Tannen zu verlieren.
Heute würde Blut fließen, ging es mir durch den Kopf. Darin bestand kein Zweifel, aber es würde nicht nur as Blut der Dörfler sein, dachte ich, als ich einen flüchtigen Blick auf meine Bewacher warf.
Diesmal erscholl der langgezogene Ruf des Kauzes aus nächster Nähe, dicht gefolgt von dem Aufschrei einer Krähe. Ich durchschaute ihn als Signal für Arians und Norwins Angriff.
Unvermittelt ließ ich meinen Oberkörper nach vorne sacken, presste die Brust an den Hals des Pferdes, um so wenig Angriffsfläche, wie möglich zu bieten. Keinen Atemzug zu spät, erkannte ich. Denn schon hörte ich das Surren von herannahenden Pfeilen, die sich aus dem Schutz des Waldes in die Luft erhoben, um in einem perfekten Bogen, ihre Ziele zu treffen.
Die beiden Magyaren wurden von den Pfeilen durchbohrt und sahen mich ungläubig an, ehe ihre Körper von den Rücken der Pferde schwer zu Boden stürzten.
Ein Lächeln trieb um meine Mundwinkel, als ich mich wiederaufrichtete, um nach Arian und Norwin Ausschau zu halten.
Einer der Magyaren war tödlich im Herz getroffen und lag reglos auf der Erde, während der andere versuchte, den verfehlten Pfeil aus der Schulter zu ziehen. Ich hätte wetten mögen, dass den Norwin abgeschossen hatte. Er war längst nicht so begabt im Bogenschießen, wie Arian oder ich.
Dafür aber, war er ein herausragender Schwertkämpfer, der mich schon häufig in den Übungsstunden geschlagen hatte.
Ich sah Arian als Ersten aus dem Schutz der Bäume aufragen, begleitet von dem drahtigen Norwin, der seinen Bogen schulterte.
Das Gesicht des Hünen schmückte nach wie vor ein dunkler Bart, den er sich zum Zeichen der Trauer um Barbarossa hatte wachsen lassen. Er war einer der treuesten Gefolgsmänner des Kaisers gewesen, darüber hinaus sein Freund. Der plötzliche Tod Barbarossas hatte ihn schwer getroffen.
Eiligst rutschte ich vom Pferd, um ihnen entgegenzulaufen.
Doch meine gefesselten Hände ließen mich straucheln. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel schmerzhaft auf die Knie, während ich Arians Blick begegnete. Spöttisch sah er auf mich hinab und seine hellblauen Augen stachen wie zwei gefrorene Seen aus seinem gebräunten Gesicht hervor. Die Sonne hatte seiner Haut einen tiefen Bronzeton verliehen, die ihn gemeinsam mit dem dichten Bart, älter erscheinen ließ, als er es war. Das verräterische Zucken um seine Mundwinkel konnte ihm das ebenso wenig nehmen, wie sein energischer Schritt.
Norwin drängte sich an ihm vorbei, bevor ihm ein freudiges Lachen entschlüpfte und er sein Sax zückte. Ein kleines dolchähnliches Messer, das ihm leicht in der Hand lag.
„Gott sei euer Kommen gedankt", sagte ich erleichtert, als der ältere Knappe meine Fesseln durchtrennte, um mich gleich darauf fest zu umarmen.
„Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen.", fügte ich gutgelaunt hinzu, als ich mich von ihm löste, um mir die schmerzenden Handgelenke zu massieren.
Ehe Arian an mir vorbeischritt, klopfte er mir knapp auf die Schulter. Eine Geste, die seiner Freude über meine geglückte Befreiung Ausdruck verleihen sollte. Auf eine Umarmung verzichtete er. Ich sah seiner muskulösen Statur nach, als er sich breitbeinig über den lebenden Magyaren beugte, um ihn finster zu mustern.
„Wir haben lange überlegt, dich zu befreien, Junge. Denn es war angenehm still ohne dich.", sagte er mit feinem Spott in der Stimme und in Anlehnung dessen, dass ich ohnehin niemand war, der viel sprach.
Norwin knuffte mir derb in die Seite, als er meinen zweifelnden Gesichtsausdruck sah. Denn nie konnte man sich sicher sein, wann Arian etwas zum Scherz sagte oder es bitterernst meinte.
„So wenig vertrauen, Thaddäus? Wir folgen dir und den Magyaren schon seit fast sieben Tagen", feixte er. „Aber sie haben dich ja keinen Atemzug lang aus den Augen gelassen.
Selbst zum Scheißen haben sie den großen Grafen von Thorwesten in den Wald begleitet., ließ er sich belustigt vernehmen, ehe er mir einen weiteren Klaps versetzte. „Du bist mir ein prächtiges Gräflein. Lässt dich von einer Handvoll Wilder gefangen nehmen.
, fügte er augenrollend hinzu.
Schulterzuckend schloss mich ihm an, als er neben Arian trat, um auf den verletzten Magyaren hinunter zu sehen.
Der verwundete Krieger hatte nur Augen für den Hünen. Er starrte ihn ehrfürchtig an und schien sogar vergessen zu haben, dass ihm ein Pfeil aus der Schulter ragte.
Zweifelsohne hatte Bences Gefolgsmann nie zuvor einen solch großen Kämpfer wie Thorwesten gesehen.
Der Hüne strich sich bei dem Anblick des Verletzten ungerührt durch den dunklen Bart, den er trotz des Lebens in der Wildnis gepflegt hatte und der längst nicht so verfilzt war, wie der von Bence. Das drahtige Haar verdeckte nur zur Hälfte die sternförmig, gezackte Narbe auf seiner linken Gesichtshälfte, minderte aber dennoch nicht weniger sein finsteres Aussehen. Er wandte den Blick von dem verletzten Krieger ab, um Norwin auffordernd anzusehen.
„Es ist deine Aufgabe, ihm ein Ende zu bereiten", forderte er ihn ernst auf. Nickend deutete er auf das Schwert, welches dem drahtigen Knappen an der Seite hing. „Weil es dein Pfeil war, der ihn verfehlte.
Wehmütig sah ich auf Norwins Klinge. Sie erinnerte mich daran, dass sich mein Schwert in Bences Händen befand.
Ebenso wie mein englischer Bogen, den Arian eigens für mich hatte anfertigen lassen.
Der Knappe nickte zerknirscht, ehe er in einer geübten Bewegung sein Schwert aus der Scheide zog. Ohne zu zögern, trieb er es dem Mann zwischen die Rippen, nicht ohne ihm vorher den Fuß auf die Kehle zu drücken, um seinen Schrei zu ersticken. Erbarmungslos trat Norwin zu, sodass nur ein ersterbendes Röcheln zu hören war, während die angstgeweiteten Augen des Sterbenden weiterhin auf Arian ruhten. Unerbittlich starrte er ihn an, als müsste er sich einprägen, welches Erdenbild ihn als letztes in die Hölle begleitete.
Mit Leichtigkeit zog Norwin das Schwert wieder hervor, trieb es erneut in den Körper des Mannes, aber diesmal in sein Herz. Ein Blutschwall schoss über die Lippen des Magyaren, bevor sein Blick brach und er starb. Norwin zog die Waffe aus der leblosen Gestalt heraus. Aber ehe er sie zurück in den Gurt steckte, wischte er die Klinge an der Kleidung des Toten sauber.
„Sieh zu, dass du an deiner Bogentechnik arbeitest, Junge.
Es erspart dir die Mühe einer solchen Schweinerei.", wies Arian den Knappen streng zurecht, bevor er sich in die Richtung wandte, in der das Dorf lag. Er wusste besser als sonst jemand, um unsere Schwächen und Stärken.
Immerhin trainierte er uns täglich.
Geradezu verbissen feilte er daran, unsere Vorzüge zu fördern, um unsere Fehler im Kampf gering zu halten.
Wissend das ihm beides nicht vollständig gelingen würde, bereitete es ihm dennoch größtes Vergnügen, uns zu unterrichten. Es schien, als würde er es niemals müde, uns in der Kampfkunst zu unterweisen. Denn es waren unsere Fehler, die uns im Kampf unser Leben kosten konnte.
„Ich eigne mich nicht zu einem Bogenschützen, stellte Norwin trocken fest. „Ehrlich gesagt, liegt es daran, dass ich das Bogenschießen nicht sonderlich mag.
, gestand er Arian unverblümt, ehe er den Nacken zurückbog, um den Hünen anzusehen.
Arian quittierte die Antwort mit einem unwirschen Grunzen. Er strich sich einige schwarze Locken aus dem Gesicht. In seinen hellblauen Augen blitzte Verärgerung auf, als er Norwin mit strengem Blick maß.
„Es spielt keine Rolle, ob du es magst oder nicht, sagte er betont herablassend. „Bemüh dich gefälligst, besser darin zu werden, an Stelle dich damit abzufinden, dass deine Unfähigkeit dich beherrscht
, entgegnete er unerbittlich.
„Lerne, die eigenen Schwächen zu nutzen, um sie selbst beherrschen zu können, anstatt sich ihnen zu unterwerfen."
Stumm maßen sich die beiden ungleichen Männer und selbst die Tiere im Wald, schienen für einen Atemzug lang zu schweigen.
Norwin nickte zerknirscht, bevor er meinen Blick suchte, um Unterstützung von mir zu bekommen. Er versetzte mir gutmütig einen Stoß in die Magengrube, weil ich stattdessen schadenfroh grinste und den Kopf schüttelte.
Arian kniete sich neben den leblosen Körper des Magyaren, um ihm respektvoll die Augen zu schließen, ehe seine Stimme warm erklang.
„Du, Getöteter, was hast du getan, dass man dich getötet hat? Doch der, der dich getötet hat, wird selbst auch getötet werden!" Die Worte trieben volltönend über die streng nach Harz riechende Lichtung. Sie verloren sich im Gesang der Vögel, um von ihnen unwiderruflich fortgetragen zu werden.
Ein Schauer der Ehrfurcht durchfloss mich, rieselte mir warm den Rücken hinab, als ich spürte, wie sich mir die feinen Härchen auf den Armen aufstellten.
Verlegen massierte ich mir den Nacken, als Arian jene Worte des Abschieds an den Toten richtete. Viele Male zuvor hatte ich ihn schon dabei beobachtet. Aber dennoch lösten sie immer wieder aufs Neue Befangenheit in mir aus.
Ich wusste, es war seine Art, einem Kämpfer die letzte Ehre zu erweisen. Mit der Gewissheit, dass sich die darin enthaltene Wahrheit eines Tages ebenfalls für ihn erfüllte.
Norwin tat es ihm nach. Er kniete sich mit demütig gesenktem Haupte nieder, um die Worte zu wiederholen, nicht ohne sich zu bekreuzigen.
„Lasst uns die Pferde und ihre Waffen mitnehmen, befahl Arian, als der Knappe sich erhob. „Im Wald wartet eine Handvoll Männer, die beides für sich zu nutzen wissen.
, fügte er nachdenklich hinzu.
Aufs Neue sah er in die Richtung, in der das Dorf lag. Erst jetzt fiel mir auf, dass es seltsam still zu unseren Füßen lag.
Ich trat neben ihn, aber kam mir regelrecht winzig in dem Schatten vor, den er warf. So erging es womöglich jedem, dachte ich, der seine Nähe suchte, denn Arian überragte die meisten Männer um mindestens zwei Haupteslängen.
Er bemerkte meinen nachdenklichen Blick. Aufmunternd klopfte er mir auf die Schulter.
„Wir haben die Dorfbewohner gestern Abend gewarnt. Falls es das ist, was dich quält, Thaddäus. Meine Soldaten haben sich im Dorf versteckt. Sie brannten regelrecht darauf, sich an den Magyaren zu rächen.", murmelte er leise, als sich seine Hände angespannt zu Fäusten ballten.
„Dann weißt du, was mit den Männern geschehen ist, die mit mir gemeinsam gefangen genommen wurden?", fragte ich düster, bevor ich auf den Boden ausspuckte.
„Ja, ich weiß es. Ich habe dabei zugesehen, antwortete er abwesend. „Jetzt liegt es an dir, Vergeltung für ihren Tod zu üben.
, fügte er hinzu, ehe er seine Narbe nachdenklich befühlte.
Angespannt zupfte ich mir am Hemd, ehe ich die Gelenke in meinen Fingern geräuschvoll knacken ließ. Ich wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Norwin, der mir zunickte.
„Dann sind es Bence und seine Leute, die jetzt unten im Langhaus eingesperrt sind?", vergewisserte ich mich ernst, als seine Worte in meinen Verstand sickerten. Arian überreichte mir das Schwert von einem der getöteten Männer. Die Klinge war fleckig. Sie war zwar scharf aber von minderer Schmiedekunst, doch um ihren Zweck des Tötens zu erfüllen, war sie durchaus geeignet.
„Stell die Ehre deiner Kameraden wieder her, Junge.", befahl er mir, als ich die Waffe von ihm entgegennahm.
Seine Stimme war gefährlich leise. Sie erinnerte mich an den scharfen Flügelschlag eines Falken und verbarg nicht die Erwartung, die er an mich hegte.
Entschlossen wechselte ich einen weiteren Blick mit Norwin, der mir ein Pferd brachte.
„Nach dir, Thaddäus.", forderte er mich auf, während ich mit klopfendem Herzen schwer schluckte und mich auf das Tier schwang.
Du, Getöteter, was hast du getan, dass man dich getötet hat? Doch der, der dich getötet hat, wird selbst auch getötet werden! wiederholte ich Arians Worte in Gedanken, als ich entschieden dem Pferd die Füße in die Flanken trieb.
Welke Blätter eilten durch die Gassen. Doch gelang ihnen die Flucht vor dem heranjagenden Wind nicht. Sie wurden von ihm erfasst, hoch in die Luft gewirbelt, nur um unvermittelt wieder zu Boden gerissen zu werden. Mit Schwermut im Herzen betrachtete ich seit einigen Stunden angespannt das grausame Spiel des Windes, während ich mich selbst wie eines dieser Blätter fühlte. Ich war ebenso der Willkür ausgesetzt. Nur das mein Wind aus Fleisch und Blut war und sogar einen Namen trug. Arno Kalkbrenner, der Büttel des Dorfes. Vor etwa einer halben Stundenkerze war er mit einigen seiner Schergen bei Martha gewesen, um in ihrer Kate nach mir zu suchen. Aber weil er mich dort nicht fand, war er unverrichteter Dinge wieder von dannen gezogen.
Es dauerte eine Weile, ehe die Heilerin eine Kerze ins Fenster stellte. Das untrügliche Zeichen dafür, dass ich gefahrlos zu ihr kommen konnte. Mit einem hastigen Blick erhob ich mich aus dem Versteck, zog die Kapuze tief ins Gesicht, um wie ein Schatten zu ihrer Kate zu huschen.
Martha schien zu wissen, dass ich hungrig war, denn zwei Schüsseln mit dampfender Brühe standen bei meinem Eintreten, auf dem kargen Tisch. Flüchtig sah sie mich an, während sie sich mit einem stumpfen Messer abmühte, Brot zu schneiden.
„Ich habe es geschafft.", sagte ich atemlos, als ich mich erleichtert gegen die Tür sinken ließ, um für einen Atemzug lang die Augen zu schließen.
„Ich habe schon auf dich gewartet, Mireya, antwortete sie gutmütig, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. „Die Nacht war stürmisch, Kind. Dir muss kalt sein. Setz dich und iss mit mir.
Wie immer bewunderte ich auch jetzt die stoische Ruhe, die ihr wie ein Schatten anhaftete. Mit dem Messer in der Hand deutete ihre knotige Hand auf den leeren Schemel, bevor sie mir eine dicke Scheibe Brot an die Schüssel legte.
Ehe ich ihrer Aufforderung nachkam, streifte ich den durchnässten Umhang ab und trat ans Feuer, um die Hände über den Flammen zu wärmen.
„Arno hat den Pfarrer dazu gebracht, dich als Hexe anzuklagen, ließ sie sich bedeutsam vernehmen. „Er will dich auf den Scheiterhaufen bringen.
, sagte sie ruhig aber bekümmert, als sie das Messer kraftlos aus der Hand legte.
Ihre Worte erfüllten meine schlimmsten Befürchtungen.
Denn bis zu Letzt hatte ich gehofft, dass Arno mich einzig im Büßerhemd auf dem Marktplatz demütig kniend sehen wollte. Doch das schien ihm nicht zu genügen. Er wollte mich tot wissen. Ein Klumpen Eis lag mir kalt im Magen, als ich mich vom Feuer abwandte, um den Blick der Heilerin zu suchen.
„Du musst Hrodinga schnellstmöglich verlassen, wenn du Leben willst, Mireya.", forderte sie mich bange auf, als sie sich an den Tisch setzte.
„Ich soll davonlaufen und mich von Arno und der Kirche jagen lassen, als sei ich ein wildes Tier?, begehrte ich verzweifelt auf. „Ich habe nichts verbrochen, was eine solche Strafe wie den Scheiterhaufen rechtfertigt.
, fügte ich hilflos hinzu.
Schweigend griff die Heilerin den Löffel. Sie tauchte ihn in die dünne Brühe, die aber nicht mehr als heißes Wasser zu sein schien. „Steh da nicht rum, als hätte die Angst ihre Klauen in dich geschlagen, schimpfte sie. „Setz dich und iss endlich. Du brauchst für die kommende Zeit Kraft.
, forderte sie mich abermals auf, ehe ihre trüben Augen mich ärgerlich ansahen.
Ich löste mich aus der Starre, setzte mich langsam an den Tisch, aber ohne den Blick von ihr abzuwenden, führte ich die Suppe zum Mund. Sie schmeckte herrlich und brachte das Eis in meinem Magen zum Schmelzen.
„Du hast dich öffentlich gegen Arno gestellt, Kind, sagte sie abwesend. „Das hat vor dir bisher niemand gewagt.
, erinnerte sie mich mit einem freudlosen Lächeln.
Wütend tauchte ich ein Stück Brot in die Schüssel, beobachtete wie ein feiner Brühe Regen entstand, der über den Rand der Schale schwappte, um das Holz des Tisches zu benetzen. Ich spürte, wie sich meine Hilflosigkeit in blanken Zorn auflöste, sodass ich mir fast wünschte, eine Hexe zu sein. Dann könnte ich wenigstens den Teufel auf Arno hetzen.
„Herr Gott nochmal, wird mir denn niemand aus dem Dorf helfen?", stieß ich halb wütend hervor, als mir die Tragweite des Unrechts bewusst wurde.
„Führe den Namen des Herren nicht schändlich in deinem Mund!", wies Martha mich scharf zurecht, ehe ihre tiefliegenden Augen gereizt aufblitzten.
„Du bist nur die Hebamme des Dorfes, rief sie mir ins Gedächtnis. „Vergiss das nicht. Du bist nicht mehr als ein Mädchen ohne Rechte. Ohne Bruder und ohne Vater, die für dich Fürsprache halten. Mir gefällt es ebenso wenig wie dir, aber du bist Arnos Willkür ausgesetzt, Mireya.
Ihre Worte legten einen schmerzenden Finger in die Wunde der Wahrheit. Sie hatte recht. Ich hatte keine Familie. Es gab niemanden, außer ihr, die sich für mich verwenden würde.
„Dann hätte ich mich ihm demnach beugen sollen? Ist es das, was du mir sagen willst?", sagte ich ungehalten, als mich jetzt nichts mehr auf dem Schemel hielt.
Rastlos wanderte ich durch den winzigen Raum der Kate, trat erneut zum Feuer, um aufgebracht in die züngelnden Flammen zu starren. Mein Zorn galt ihm und nicht der Heilerin, die bemüht war, mir zu helfen.
„Arno ist ein boshafter Mensch, Martha", flüsterte ich leise.
„Mütter bekommen ihre Kinder allein im schmutzigen Stroh, anstatt mich zu rufen. Er hat ihnen erzählt, ich wäre mit dem Teufel im Bunde. Das ist ungerecht!" Aufgewühlt steckte ich den Daumen zwischen die Lippen.
Ohnmächtig kaute ich auf dem Nagel, um mich von der nagenden Angst zu befreien.
Martha erhob sich trotz ihres Alters geschmeidig von ihrem Stuhl, griff nach meiner Hand, um sie eisern zu umklammern. Ihre pergamentartige Haut fühlte sich kalt an, aber dennoch spürte ich die Stärke, die von ihr ausging.
„Du hast rechtens gehandelt, Kind", beschwichtigte sie.
„Aber Gerechtigkeit ist nicht etwas, dass du von einem Mann wie ihm erwarten darfst. Die Dörfler wissen, was du für ihre Frauen bewirkt hast, redete sie mir aufmunternd zu. „Sie glauben keineswegs all diese Geschichten über dich.
„Ach, wenn das so ist, weshalb nimmt dann niemand mehr meine Hilfe an?", erwiderte ich gepresst, als ich ihr abrupt die Hand entriss.
„Mireya, bist du denn ernstlich so blind?", wollte sie wissen, als sie seufzend den Kopf schüttelte.
Martha trat an mich heran und der Stoff ihrer Röcke raschelte, als sie ihre knotigen Hände um mein Gesicht legte. Sofort strömte eine milde Wärme über meine Wangen.
„Die Menschen haben Angst. Wenn nur einer von ihnen dir hilft, ist es denkbar, dass sie die Nächsten sein werden, die Arno wegen Hexerei anklagen lässt."
Ich erwiderte den sanften Blick der Heilerin, dennoch schlich sich bei ihren Worten Groll in mein Herz.
„Wie vielen von ihnen habe ich bisher geholfen? Nie habe ich ihnen meine Hilfe verweigert. Ohne mich und ohne mein Wissen als Hebamme, wären etliche von ihnen schon gestorben", verteidigte ich mich, während mir Tränen heiß in die Augen stiegen.
„Jedes ihrer Leben scheint bedeutungslos, im Angesicht dessen, dass mir niemand von ihnen zur Hilfe kommt.", fügte ich bitter und heftig schluckend hinzu.
Aufgezehrt ließ ich die Schultern hängen. Was machte es für einen Sinn, wenn ich weglief? Selbst wenn ich vor Arno fliehen würde, wohin sollte ich gehen?
„Bedeutungslos ist kein Leben, Kind. Gleich, wie verwerflich es sich verhalten mag. Du als Hebamme weißt, dass es nicht recht ist, achtlos über Gott geschenktes Dasein zu reden."
Die Heilerin sah mich streng an und maß mich mit ihren wissenden Augen, bevor sie die Hände von meinem Gesicht nahm. Mit hängenden Schultern schlürfte sie zurück zu ihrem Schemel, während ihr Blick in die Ferne ging.
„Graf Juliacum schuldet mir ein Leben.", ließ sie sich gedankenvoll vernehmen. Ihre Worte schwebten in dem kleinen Raum, ehe sie in dem groben Holz der Kate versickerten, als wären sie nie gesagt worden.
Verdutzt sah ich sie an und verschlang meine feuchten Handflächen rastlos ineinander, da ich glaubte, mich verhört zu haben.
„Er schuldet dir was?", schwappte mir die Frage über die Lippen, als ich Martha eindringlich ansah.
In ihrem faltigen Gesicht hatten sich weitere Furchen gegraben, die ihre Haut wie tiefe Gräben durchzogen.
Aufgeregt hob und senkte sich ihre Brust, als sie sichtlich bemüht um Worte rang.
„Das verstehe ich nicht. Aus welchem Grund sollte der junge Graf ausgerechnet dir ein Leben schuldig sein?", bohrte ich weiter und forschte in ihrem Blick nach einer Antwort.
Ein Schatten umspielte flüchtig ihre Augen. Ihr Gesicht spiegelte eine kurze Erinnerung, die sie aber sofort zu verbergen suchte.
„Das braucht dich nicht kümmern, Mireya. Es reicht, wenn du weißt, dass es so ist." Martha löste ihren Blick von mir, erhob sich behände von ihrem Stuhl und bedeutete mir, dass sie nicht gewillt war, weiter auf das Gesagte einzugehen.
Ich wusste, dass sie mitunter störrischer, als ein Esel sein konnte. Daher würde es keinen Sinn ergeben, sie zu bedrängen.
Ich beobachtete, wie sie mit erstaunlicher Kraft ein schweres Regal verschob, um einen kleinen Stab in ein winziges, in den Holzdielen eingelassenes Loch zu stecken.
Mit einem Ruck zog sie daran, als sich quietschend eine Luke erhob. Sie warf eine Staubwolke von sich, bevor sie den Blick, auf in steingehauene Stufen, freigab. Verblüfft sog ich die Luft ein. Ich war hier aufgewachsen und kannte jeden Winkel der Kate. Ich wusste, was sich in dem Regal befand und den darin befindlichen Tontöpfen aufbewahrt wurde. Dennoch hatte ich nie diese Luke oder den darunterliegenden Einstieg entdeckt.
„Was um Gottes willen ist das, Martha?", entfuhr es mir erstaunt, ehe ich ein brennendes Hölzchen aus dem Kamin nahm, um es in die Luke hineinzuhalten.
„Das, Kind, ist dein Weg in die Freiheit", erwiderte sie bedeutsam, ehe sie mir einen kleinen Bottich überreichte.
Fragend sah ich sie an, als sie wissend auf das Gefäß zwischen meinen Händen deutete.
„Gestern war ein Bote hier. Er sagte mir, dass der Graf erkrankt ist. Ich habe für ihn eine Medizin zubereitet, auf die er in Aachen wartet. Der Bote ließ mir eine Reiseerlaubnis für dich da", erklärte sie bedächtig, ehe sie mir einen zusammengerollten Bogen Papier übergab.
Ich erinnerte mich an den Reiter, da ich ihn aus meinem Versteck heraus beobachtet hatte. Irrtümlich hatte ich ihn aber für einen von Arnos Schergen gehalten.
„Falls man dich versucht aufzuhalten, wirst du die Erlaubnis vorzeigen. Mit ihr hast du eine Rechtfertigung bis zu Graf Juliacum zu reiten., sagte sie um Atem ringend, ehe sie mir die Hand drückte. „Dennoch darfst du dem Büttel nicht in die Arme laufen, Mireya. Deswegen benutzt du diesen alten Tunnel, dessen Ausgang im Hain der Matronen liegt.
, fügte sie verschwörerisch hinzu.
„Im Hain der Matronen?, wiederholte ich ungläubig. „Aber das ist ja schon weit hinter Hrodinga
, entfuhr es mir entgeistert, ehe ich mir aufgeregt den Daumen zwischen die Zähne steckte.
„Deswegen würde ich die Kate für keine Burg auf der Welt tauschen.", sagte sie leise lachend, ehe ihre Augen schelmisch aufflackerten.
Sie griff nach einem Proviantbeutel, den sie mir in die Hand drückte.
„In dem Beutel ist Essen für ein paar Tage", sagte sie sanft.
„Wenn du am Ausgang des Tunnels bist, siehst du schon Sigurds Hof. Laufe direkt zu ihm, denn er hält ein Pferd für dich bereit!", befahl sie streng. Verständnislos sah ich sie an, hörte den Nachklang ihrer Worte in meinen Gedanken, dennoch gelang es mir nicht, sie zu glauben.
„Sigurd? Der alte Griesgram? Rennt der nicht sofort zum Büttel, um mich anzuschwärzen?", platzte es aus mir heraus.
Martha schüttelte leise lachend den Kopf, als hätte ich den Verstand verloren.
„Glaub mir Kind, niemand in Hrodinga ist so verlässlich wie der alte Sigurd. Daher brauchst du dir über ihn nicht den Kopf zu zerbrechen. Wenn du das Pferd bei ihm geholt hast, dann halte dich von der Römerstraße fern und nimm stattdessen den Pfad durch den Wald", sagte sie mahnend, wobei sich die Falten in ihrem Gesicht aufgewühlt vertieften.
„Suche dir bei Einbruch der Dunkelheit eine geschützte Lichtung, aber achte darauf nur ein kleines Feuer zu machen. Dennoch muss es groß genug sein, um wilde Tiere abzuschrecken", sprach sie hastig, während sie den Stoff ihrer Röcke zerwühlte. Trotz ihrer sonst so stoischen Ruhe konnte ich ihren Schmerz zum Anfassen spüren.
„Wenn du dich der Stadt näherst, wirst du auf viele Handeltreibende treffen. Versuche, jemanden zu finden, der dir vertrauenswürdig erscheint und schließe dich ihm an. Sobald du in Aachen bist, schlägst du dich an den königlichen Hof durch. Dort wird man dich zum Grafen führen. Sag ihm, dass ich dich schicke, aber erinnere ihn an den Gefallen, den er mir schuldet, bevor du ihm die Medizin gibst!", befahl sie mir eindringlich, ehe ihre knotigen Hände meinen Arm umfassten.
„Aber-", stammelte ich. „Aber was soll ich ihm denn sagen?
Hexerei ist eine schwere Anschuldigung!", rief ich verzweifelt aus, als ich mich ihrem Griff entwand.
„Mireya, du bist eine angesehene Hebamme. Gewiss die Beste, die jemals in Hrodinga gelebt hat. Gleich was geschieht, Angst darf in deinem Herzen keinen Platz haben.
Sag Graf Juliacum, dass die Zeit gekommen ist, seine Schuld zu begleichen. Er wird einen Weg finden, um dir zu helfen.",
versicherte sie mir überzeugt, bevor sie mich in ihre knochigen Arme schloss.
Ihre warmherzige Umarmung und der Geruch nach frischen Kräutern, der ihren Kleidern entstieg, erinnerten mich an die Geborgenheit aus längst vergangenen Kindertagen. Ich schluckte heftig, weil mein Herz sich mit Kummer füllte.
„Du hättest es mir erlauben müssen.", begehrte ich auf, als ich verbissen darum kämpfte, meine Tränen zurückzuhalten.
„Erlauben? Was hätte ich dir erlauben sollen?", wollte sie verwirrt wissen, ehe sie mich von sich schob.
„Das ich dich Mutter nennen darf.", entgegnete ich gequält, kaum fähig sie anzusehen.
„Oh das.", sagte sie, bevor sich tiefer Kummer über ihr faltiges Gesicht schlich.
„Ja, Mireya, das hätte ich dir erlauben können, sagte sie sanft. „Aber alles, was ich dir jemals angedeihen ließ, geschah zu deinem Schutz. Das ist es doch, was jede Mutter im Sinn hat, nicht wahr? Ihr Kind zu beschützen, gleich welchen Namen sie trägt.
, antwortete sie mit Trauer in der Stimme. Mir entging nicht die bodenlose Zuneigung in ihrem runzligen Gesicht, als ich sie ergriffen umarmte. Wir hielten uns fest umschlungen, indem Wissen, dass wir uns womöglich niemals wieder sehen würden.
„Es ist Zeit, Mireya", sagte sie mit schmerzverzerrter Miene, bevor sie mich auf die Luke zuschob.
„Flieh mein Kind. Rette dein Leben.", rief sie mir nach, als meine Schritte dumpf in dem Tunnel verklangen.
Sigurd wartete wie versprochen mit dem Pferd am Zügel auf seinem Hof. Hastig brach ich zwischen den tiefhängenden Ästen des Matronen Hains hervor, um zu ihm zu laufen.
„Hat Martha dir aufgetragen, wie du dich zu verhalten hast?", sagte er statt einer Begrüßung, bevor er mich mit abweisendem Blick fixierte.
Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mir nur widerstrebend half.
„Ja, das hat sie.", antwortete ich eingeschüchtert, ehe ich sofort die Augen niederschlug. Trotz, dass Martha eine hohe Meinung von ihm hatte, verspürte ich ihm gegenüber Furcht.
Er quittierte meine Antwort mit einem leisen brummen, als er mich näher zu sich heranwinkte, um mir beim Aufsteigen zu helfen.
„Sie werden nach dir suchen, Mireya.", sagte er. Diesmal aber weicher, sodass ich ihn überrascht ansah. Verlegen kratzte er sich den Bart, ehe sein Blick wachsam über die umliegenden Felder wanderte, als erwarte er förmlich, dass wir vorzeitig entdeckt wurden.
„Falls sie dich finden, erwähne nicht unbedingt, dass du das Pferd von mir hast, Mädchen.", forderte er mich mit aufrichtiger Sorge in dem sonst so derben Gesicht auf.
Ich konnte mir vorstellen, was für den Bauern auf dem Spiel stand, wenn Arno herausfand, dass er mir bei der Flucht geholfen hatte. Ich sah auf seine Hände, mit denen er krampfhaft die Zügel des Pferdes umschlang.
„Mach dir darüber keine Sorgen", beschwichtigte ich ihn.
„Von mir wird niemand etwas erfahren."
Ich versuchte mich in einem sorglosen Lächeln, welches aber kläglich misslang. Schwermut ergriff mein Herz, als er mir das Tier überließ. Ich begriff, dass der Moment gekommen war, Lebwohl zu sagen. Nicht nur ihm, sondern gleichermaßen dem Dorf, indem ich aufgewachsen war, mit all jenen Menschen, die mir Nahe standen.
Wenn es Gottes Wille war, dann, würde ich es eines Tages wiedersehen, dachte ich bitter.
„Es ist eine Schande, dass es so kommen musste, ließ der Bauer sich ärgerlich vernehmen. „Dieser verfluchte Arno und seine Sauferei.
, stieß er zwischen zusammengepressten Lippen hervor.
Verstohlen wischte er sich über die buschigen Augenbrauen, darum bemüht, dass ich seine Trauer nicht sah. Ich hatte den Mann falsch eingeschätzt, erkannte ich.
Immer hatte ich über ihn geschimpft und kein feines Haar an ihm gelassen. Im Nachhinein tat mir das leid, als ich nach seiner Hand griff, um sie zu drücken.
„Leb wohl, Sigurd.", verabschiedete ich mich mit brüchiger Stimme. Meine Augen glitten ein letztes Mal über das Dorf und streiften die armseligen Häuser Hrodingas, die von den ärmeren Dörflern bewohnt wurden.
Der frühmorgendliche Nebel lichtete sich allmählich. Er gab den Blick auf den hohen Kirchturm frei, dessen Dach auf der Nordseite vom vergangenen Sturm heftig beschädigt war. Gott hatte den Pfarrer schon bestraft, der sich von Arno hatte überreden lassen, mich der Hexerei anzuklagen, dachte ich.
Bei dem Gedanken griff erneut Angst nach meinem Herzen, doch diesmal schüttelte ich sie entschlossen ab. Im Augenblick blieb keine Zeit, um mich der Furcht hinzugeben. Ich musste mein Leben retten.
„Viel Glück, Mireya. Pass auf dich auf, Mädchen.", erwiderte Sigurd, wobei seine Stimme gefährlich schwankte.
Mit fest aufeinandergepressten Lippen packte ich die Zügel der Stute so fest, dass die Knöchel meiner Hand leise knackten. Unsere Blicke kreuzten sich einen letzten Atemzug lang, ehe er sich ohne ein weiteres Wort abwandte.
Gedankenverloren, das Herz mit Wehmut angefüllt, sah ich ihm nach. Sogar ihn würde ich vermissen, dachte ich. Jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als auf Gottes Gnaden zu vertrauen und auf die Hilfe, Graf Juliacums zu hoffen.
Ein sachter Tritt in die Flanken der Stute genügte, um sie in Bewegung zu setzten. Von Sigurds Hof aus galoppierte ich über die verschlungenen Pfade zwischen den abgeernteten Äckern, auf denen vor wenigen Tagen bisher das Getreide gestanden hatte. Unbehelligt erreichte ich den Waldrand, hielt das Pferd an und warf einen letzten Blick zurück auf das Dorf. Dort wo ich die Häuser vermutete, verdichteten sich jetzt kleine schattige Punkte und flossen ineinander.
Ein Kloß saß in meiner Kehle, aber er weigerte sich beharrlich hinunter zu gleiten. Ich dachte an Martha. Ich wusste, sie würde ohne mich schon zurechtkommen. Sie war eine achtbare Frau, die geschätzt in der Dorfgemeinschaft lebte, aber dennoch bereitete es mir Sorge, sie allein zu lassen. Ihre erblindenden Augen würden ihr in absehbarer Zeit den Dienst versagen. Wer sollte sich dann um sie kümmern?
Ungekannter Zorn überfiel mich, als ich den Kopf zurückbog, um in den Himmel zu starren.
„Das habe ich nicht verdient.", rief ich hilflos. Verzweifelt ballte sich meine Hand zur Faust, ehe sich die Worte ungehört in den Wald verkrochen. Obgleich es mir Unbehagen bereitete, musste ich ihnen folgen, um mein Leben zu retten.
Mühelos fand ich den Pfad, der eine Abkürzung zur Römerstraße war, als ich den Umhang fester um mich zog.
Umso weiter ich in den Wald eindrang, desto mehr schwoll der Gesang der Singvögel an. Die Sonne war mittlerweile vollständig aufgegangen, doch im Schatten des Waldes, drangen ihre wärmenden Strahlen kaum zu mir herab. Das spärliche Licht tauchte die Umgebung in eine schummrige, verwunschene Landschaft. Der spitze Nadelbehang an den armdicken Ästen, bohrte sich schmerzhaft durch den Stoff meines Gewandes, als ich mich tief nach vorne beugte, um den tiefhängenden Zweigen auszuweichen.
Trotz der kühlen Luft stand mir der Schweiß auf der Stirn. Er lief mir in kleinen Rinnsalen den Nacken hinab, bevor ich ihn mit dem Ärmel fortwischte. Ein ganzer Schwarm von winzigen Mücken, umtanzte mich. Sie folgten mir weiter in den Wald hinein, um gemeinsam mir unwiederbringlich zu verschwinden.
Zeit umfloss mich, ohne dass ich wahrnahm, wie sie verging. Mein einziger Begleiter war das Knirschen von trockenem Geäst, welches unter den Hufen des Pferdes brach.
Erst als die finsteren Schatten der Tannen nach mir griffen und der Gesang der Vögel langsam verklang, suchte ich mir einen Rastplatz für die Nacht. Nach längerer Suche fand ich endlich eine halbwegs einladende Lichtung, auf der ich das Pferd anband.
Der Boden war von saftig, grünem Moos bedeckt, das nach dem sterbenden Sommer roch, aber gleichfalls von dem bevorstehenden Herbst kündete. Ich sammelte ein paar Zweige, ehe ich sie zu einem kleinen Haufen aufschichtete, um ein Feuer zu entzünden.
Erschöpft wickelte ich mich fest in den Umhang, um mich gegen den Stamm einer Tanne zu lehnen. Wachsam erhob sich der Mond über mir, als wäre er ein Freund, der mich nicht allein ließ und der auf mich Acht gab. Marthas Apfelwein wärmte mir den Magen und kroch mir behaglich den Rücken hinauf, als ich eine Gruppe von winzigen Glühwürmchen entdeckte.
Aufgeregt schwirrten sie über die Lichtung. Schwermütig beneidete ich sie um ihre Freiheit, verbunden mit der Hoffnung, dass ich eines Tages zu Martha zurückkehren konnte. Die Dunkelheit hatte meine Umgebung in formlose Schatten getaucht, aus der sich der weiße Körper der Stute deutlich hervorhob. Ich beobachtete, wie sie ihre Nüstern blähte, bevor sie den Kopf ruhelos zur Seite warf.
Aufgeschreckt sah ich mich um, blinzelte in die Nacht hinein, aber ohne etwas Bedrohliches zu erkennen. Hinter mir hörte ich das Knacken von Zweigen, als ich hastig aufsprang, um in die Richtung zu starren, aus der das Geräusch gekommen war. Vermutlich nur ein Tier, das meine Witterung aufgenommen hatte, beruhigte ich mich selbst, als ich mich wieder setzen wollte.
Unvermittelt stürmte ein Schatten aus dem Schutz der Bäume auf die Lichtung und riss mich hart von den Beinen, sodass ich schmerzvoll zu Boden geschleudert wurde.
Mein überraschter Aufschrei zerriss die Nacht, als ich begriff, dass es ein Mensch war, der auf mir lag. Er drückte mich hart auf den weichen von Moos bedeckten Erdboden, und gab ekelhaft grunzende Geräusche von sich. Bei dem Geruch des Fremden drehte sich mir der Magen um; er stank nach Zwiebeln, saurem Wein, aber ebenso nach Schweiß und Pisse.
„Habe ich dich, du Miststück!", stieß er triumphierend aus.
Die Stimme des Mannes kam mir bekannt vor, aber vor lauter Bestürzung, erinnerte ich mich an kein Gesicht dazu.
Stattdessen war ich wie gelähmt, sodass ich buchstäblich erstarrte.
Grundgütiger Gott, bitte nicht, flehte ich stumm. Lass das nicht wahr sein.
Die aufkeimende Verzweiflung in
