Warum wir vertrauen können: Das psychische Urprogramm des Menschen
Von Manfred Stelzig
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Buchvorschau
Warum wir vertrauen können - Manfred Stelzig
ALLES AUF ANFANG: UNSER PSYCHISCHES URPROGRAMM
Die frühesten Fähigkeiten meiner vier Kinder und ihre Interaktion mit uns Eltern haben mich von Anfang an und bei jedem Kind aufs Neue fasziniert. So hatte ich zum Beispiel immer den Eindruck, dass sofort ein gewisser Austausch zwischen dem Neugeborenen und uns möglich ist. Der Säugling signalisiert sein Befinden, und es obliegt dem Einfühlungsvermögen der Bezugspersonen, seine Bedürfnisse zu erkennen und die nonverbalen Ausdrücke richtig zu deuten. Auch die sehr frühe Lust auf Begegnung (anfangs natürlich noch sehr rudimentär), die Orientierung auf ein Du sowie Ansätze einer zwischenmenschlichen Wechselbeziehung erschienen mir auffällig. Hinzu kam die Beobachtung, dass Säuglinge bereits eine Art Anspruchshaltung aufweisen, die nach einem stimmigen Verhalten der Bezugsperson verlangt. Viele Aspekte dieser frühen Interaktionsprogramme kannte ich aus meiner Arbeit als Psychotherapeut. Auch hier geht es ja um Begegnung, Einfühlung und Wahrhaftigkeit als Basis des therapeutischen Prozesses.
Damit war meine Neugier als Wissenschaftler und Mensch entfacht, und ich begann, dieses psychische Urprogramm, das da aufblitzte, genauer unter die Lupe zu nehmen, indem ich mich der Säuglingsforschung zuwandte.
Was wir von Geburt an können oder: Unsere Fähigkeit zu Begegnung und Interaktion
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als bei Neugeborenen noch von einer »tabula rasa« ausgegangen wurde, also von einer völlig unstrukturierten »Festplatte«, wonach das neugeborene Menschenkind alles und jedes erst mühsam lernen muss. Seither hat sich das Bild von den Fötus-Fähigkeiten und der Interaktion zwischen Mutter und Ungeborenem grundlegend gewandelt. Und dieses Bild ist beeindruckend – nicht zuletzt, weil der Mensch Zeit seines Lebens von diesen prägenden Basis- respektive Urprogrammen gesteuert wird.
Um unserem Urprogramm etwas näherzukommen, möchte ich Sie mit unseren frühesten Fähigkeiten als Mensch vertraut machen und Sie mit den jüngsten Erkenntnissen der Säuglingsforschung verblüffen.
Schon der Fötus ist orientiert und handelt. So gibt es beispielsweise sehr berührende Beschreibungen, wie begegnungsorientiert Zwillinge im Bauch der Mutter sind. In systematisch durchgeführten Ultraschalluntersuchungen hat die italienische Neuropsychiaterin Alessandra Piontelli unter anderem die von ihr als liebevolle Zwillinge bezeichneten Geschwister Luka und Alicia beobachtet. In getrennten Fruchtblasen heranwachsend, tasteten die beiden oft jenen Bereich ab, in denen sich ihre Fruchtblasen berührten. Luka, ab der 20. Schwangerschaftswoche aktiver als seine Schwester, bewegte sich immer wieder in ihre Richtung und weckte sie. Dann streichelten sie einander die Gesichter und gaben sich Küsschen. Ein Beziehungsverhalten, das die Kinder über die Geburt hinaus beibehielten. »Im Alter von einem Jahr«, so Piontelli, »setzten sie sich in ihrem Kinderzimmer jeweils auf eine Seite des zugezogenen Vorhangs. Luka zog den Vorhang weg, seine Schwester streckte den Kopf heraus, und sie streichelten sich in gleicher Weise wie im Mutterleib.«¹
Der Mensch scheint also schon vor der Geburt zu liebevoller Zuwendung fähig zu sein. Er hat offensichtlich eine intuitive Idee vom Anderen, davon, dass es ein Du gibt.
Das Beispiel von Luka und Alicia zeigt zudem sehr schön, wie neugierig und interaktiv der Fötus bereits handelt. Handlungen, die augenscheinlich in einem angeborenen Programm enthalten sind. Demnach jedoch muss der Fötus auch angeborene innere Bedürfnisse haben, die ein Handeln auf der äußeren Bühne bewirken: Während die Neugierde, der Wunsch nach Begegnung und das Erkunden der Umwelt zur Innenwelt gehören, sind Streicheln, Berühren und Küssen die Bedürfnisbefriedigung auf der äußeren Bühne.
Wie ausgeprägt die angeborene Orientierung (Innenwelt) auf ein »Du« (Außenwelt) bei Neugeborenen ist, zeigen auch die Beobachtungen der Imitationsfähigkeit: Innerhalb weniger Stunden nach ihrem allerersten Atemzug, so der Säuglingsforscher Daniel Stern, können Neugeborene mindestens vier verschiedene Gesichtsausdrücke nachahmen: Herausstrecken der Zunge, Schürzen der Lippen zu einer Schnute, einen O-Mund und das Zusammenkneifen der Augen. Außerdem sind sie in der Lage, den Vokal »A« nachzuahmen, was keineswegs reflexartig geschieht, sondern zielgerichtet. Der Säugling nimmt folglich einen Unterschied zwischen sich und dem anderen wahr, ohne welchen Imitation gar nicht möglich wäre. Und indem der Säugling einen Gesichtsausdruck oder Laut seines Gegenübers nachahmt, nimmt er zwischenmenschlich Bezug auf ihn, ich möchte fast sagen: Er geht auf sein Gegenüber ein. Die Imitation ist also Ausdruck der Urfähigkeit, das Grundbedürfnis nach Begegnung (innere Bühne) auf der äußeren Bühne zu befriedigen, indem eine zwischenmenschliche Verbindung hergestellt wird.
Auch der schottische Entwicklungspsychologe Colwyn Trevarthen sieht den urmenschlichen Drang, mit anderen zu kommunizieren, als Motiv für das Imitieren bei Säuglingen. Sie imitieren jedoch nicht nur, sie provozieren auch imitative Antworten des Gegenübers. Streckt man ihnen die Zunge raus, so imitieren sie diesen Vorgang. Bleibt man danach in ihrem Gesichtsfeld und wartet ruhig ab, so strecken sie nach einer Weile erneut die Zunge heraus, um eine Antwort des Partners hervorzurufen und so den Kontakt aufrechtzuerhalten.
Die Imitation, die dem Urbedürfnis unserer Psyche nach zwischenmenschlicher Verbindung entspringt, ist auf physiologischer Ebene eng verbunden mit den sogenannten Spiegelneuronen. Diese spannenden Nervenzellen in unserem Gehirn sind sogar dafür verantwortlich, dass wir Mitgefühl empfinden können. Aber der Reihe nach …
Die Forschergruppe um Vittorio Gallese entdeckte Anfang der 1990er-Jahre, dass ein bestimmtes Areal in der Großhirnrinde von Affen aktiviert wurde, wenn diese nach einer auf dem Tablett liegenden Nuss griffen. Das Erstaunliche aber war, dass das handlungssteuernde Neuron nicht nur dann feuerte, wenn das Tier die Handlung selbst ausführte, sondern auch, wenn der Affe dabei zusah, wie einer der Forscher nach der Nuss griff. Daher die Bezeichnung Spiegelzelle beziehungsweise Spiegelneuron. Ähnliches ist bei Menschen zu beobachten: Wenn wir jemanden gähnen sehen, müssen wir prompt selbst gähnen. Das liegt daran, dass schon beim Zuschauen jene motorischen Nervenzellen, die in der Lage sind, die beobachtete Handlung selbst zu veranlassen, aktiviert werden. Wahrscheinlich fallen Ihnen auch Beispiele aus Ihrem eigenen Erleben ein. Ich selbst habe früher sehr gerne und viel Fußball gespielt. Wenn ich nun im Fernsehen ein Fußballspiel sehe und es wird eine Flanke vor das gegnerische Tor geschossen, köpfle ich den Ball automatisch zusammen mit dem Stürmer Richtung Tor. Eine sichtbare Bewegung, die ich einfach kaum unterdrücken kann.
Wie wirkmächtig diese Spiegelneurone sind, merkt man auch, wenn man sich einen Film anschaut: Ist er packend, leben wir regelrecht mit, bekommen Herzklopfen oder Tränen in die Augen. Schon erstaunlich, wie intensiv wir dank der Spiegelneuronen mit unserer Umwelt verbunden sind – und welche Bedeutung sie für die Verbindung zwischen innerer und äußerer Bühne haben.
Eine meiner Lieblingsuntersuchungen zur Beschreibung unseres psychisch-physiologischen Urprogramms: Man lege Probanden Fotos vor, auf denen Menschen mit verschiedenen Emotionen abgebildet sind. Kaum erblickt ein Proband eine dargestellte Emotion, aktiviert dieser unwillkürlich jene Muskelgruppen im Gesicht, die er gebraucht hätte, um den emotionalen Ausdruck nachzubilden. Machen Sie doch mal die Probe aufs Exempel, indem Sie beim nächsten Gang auf die Post den Beamten am Schalter anlächeln. Oder horchen Sie mal bewusst in sich hinein, was in Ihnen ausgelöst wird, wenn ein fremder Mensch Sie freundlich anlächelt … Und was im Miteinander, also auf der äußeren Bühne funktioniert, können wir uns auch auf der inneren Bühne zunutze machen: Paul Ekman, ein US-amerikanischer Anthropologe und Psychologe, konnte beweisen, dass wir schon mit einem gespielten Lachgesicht die Botschaft an unser Gehirn senden, es gebe etwas zum Lachen, was prompt die Stimmung hebt. Probieren Sie’s aus!
All diese Beobachtungen und Untersuchungsergebnisse führen zu der Erkenntnis, dass der Mensch von Natur aus ein mitfühlendes Wesen ist. Doch wären wir gleichzeitig nicht in der Lage, uns auf der inneren Bühne zu schützen und zu stärken (siehe drittes Kapitel: »Vorhang auf – und Bühne frei!«), würden wir von den äußeren Einflüssen und Eindrücken regelrecht überschwemmt, wir wären verletzlich, ausgeliefert und abhängig.
Für den inneren Notizblock:
Jeder Mensch ist von Natur aus mitfühlend.
Das Programm bei Krise und Konflikt
Wie wir mit Schwierigkeiten umgehen, hängt erheblich von unserer »Problemlösekompetenz« ab (siehe Seite 161 f), doch auch unser Urprogramm hat natürlich eine vermeintliche Lösung parat.
Zunächst einmal kommt es auch bei negativen Gefühlen zu entsprechenden vegetativen Reaktionen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen und steigendem Blutdruck … Art und Ausprägung der Reaktion sind von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden. Inzwischen wissen wir, dass schon die Vorstellung einer bestimmten Konfliktsituation genügt – sei es die in den Sand gesetzte Prüfung, die Konfrontation mit dem Nebenbuhler oder die besorgniserregende Nachricht des Arztes – um Emotionen wie Entschlossenheit, Wut oder Angst hervorzurufen sowie die genannten vegetativen Reaktionen, zu denen auch Impulse des muskulären Systems gehören: Droht Gefahr, stellt sich unser Muskelapparat auf Kampf, Flucht oder auch panisches Erstarren ein. Habe ich zum Beispiel während eines Streits das Gefühl, meinem »Gegner« am liebsten eine reinzuhauen, so werden unweigerlich die dafür nötigen Muskeln aktiviert. Als vernunftbegabter Mensch entwickle ich allerdings sofort eine Gegenreaktion, die den zerstörerischen Impuls unterdrückt und neutralisiert. Stichwort Selbstbeherrschung (siehe Seite 124). Und die bereits aktivierten Muskeln müssen durch muskuläre Gegenspieler ruhig gehalten werden. Das führt zu Muskeltonuserhöhung und unter Umständen zu muskulären Spannungszuständen bis hin zu schmerzhaften Verspannungen. Selbstbeherrschung ohne Selbstberuhigung ist daher auf Dauer keine Lösung … Ähnliche Aktivierungen der Muskeln spielen sich übrigens ab, wenn wir das Gefühl haben, etwas sei zum Davonlaufen. Sobald wir uns in die Ecke gedrängt fühlen und keinen Ausweg sehen, wird dieses programmierte Fluchtbedürfnis besonders stark. Nun kommt es darauf an, in welche Rolle wir auf der inneren Bühne schlüpfen: Als Opfer intensiviert sich die Hilflosigkeit, als Krieger bauen sich Aggressionen auf, als Held oder auch Weiser besinnen wir uns auf unsere Stärken. Ziel ist es, sich selbst in Windeseile zu beruhigen. Schon das Baby hat den Trick heraus, indem es an der Faust oder am Daumen lutscht. Das zu aktivierende Programm heißt also: Beruhige dich selbst. Dass es prinzipiell funktioniert, erleben wir alle Tag für Tag, denn angesichts der Schreckensmeldungen, die uns ständig aus den Nachrichten erreichen, müssten wir sonst schier verzweifeln.
