Wirklichkeit im Nachsitzen: Ein Essay zur Ästhetik in Franz Tumlers Spätwerk
Von Markus Bundi
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Über dieses E-Book
Franz Tumler zählt zu den prägenden Gestalten der literarischen Moderne der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane und Erzählungen rangierten in einer Reihe mit Werken von Uwe Johnson und Günter Grass. Dennoch ist Tumler heute nahezu vergessen. Der Schweizer Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Autor Markus Bundi widmet Tumlers faszinierendem Spätwerk nun einen Essay. Sein Augenmerk gilt dem eigenständigen ästhetischen Programm des Südtiroler Schriftstellers - jenem "Schreibend-Erinnern", das Romane wie "Nachprüfung eines Abschieds" oder "Aufschreibung aus Trient" zu Meilensteinen moderner Erzählliteratur machte. Ein Werk von unbestechlicher Modernität im Blick des Essayisten Bundi!
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Buchvorschau
Wirklichkeit im Nachsitzen - Markus Bundi
Vorbemerkung
In einem Interview, das Johann Holzner, langjähriger Leiter des Brenner-Archivs in Innsbruck und der Experte in Sachen Franz Tumler, der Neuen Südtiroler Tageszeitung (26. März 2014) gab, antwortete er auf die Frage nach „moralischen Kategorien im Zusammenhang mit Tumlers Verhalten während des Zweiten Weltkrieges und danach: „Was Tumler in den Jahren 1939 bis 1940 geschrieben hat, kann und soll nicht verteidigt werden. Er selber hat es später ja auch nicht getan. Aber das kann doch kein Grund sein, auch seine späteren Werke nicht zu lesen. Wir haben uns angewöhnt, Tumler nur in Hinsicht auf dieses Thema zu lesen: Wie setzt er sich vom Nationalsozialismus ab? Aber man kann seine Werke unter ganz anderen Gesichtspunkten lesen, zum Beispiel als Liebesromane oder als Beziehungsgeschichten. Junge Leute tun das auch.
Ich steige mit diesem Zitat aus mehreren Gründen in den Essay ein: Zum einen hat die folgende Untersuchung, die sich mit dem Spätwerk von Franz Tumler auseinandersetzt, nichts mit seiner Nazi-Vergangenheit zu tun, zum andern aber erschiene es mir als falsch, diesen dunklen Fleck in der Biografie des Autors zu verschweigen. Ohne Frage zeitigt dieser Makel für die Rezeption von Tumlers Werk bis heute seine Folgen. Wer nach in Gymnasien gängigen Literaturgeschichten greift, sucht in der Regel vergeblich nach dem Südtiroler Autor. Die Einträge in größeren Lexika sind, wenn es denn welche zu Franz Tumler gibt, zum Teil verwirrend oder gar befremdlich.¹ Sei es aus einer kruden Sympathie heraus, oder sei es aus Unwissenheit; die einen Autoren verschweigen Tumlers Parteinahme für die Nazis (und seinen Wunsch nach Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich), andere sehen ihn gar als Opfer, das ideologisch instrumentalisiert wurde. Wie die divergierenden Einschätzungen auch ausfallen, sie scheinen (fast) jede Lektüre seiner Texte von vorneweg einzutrüben, bis heute.
Freilich, auch für Franz Tumler, 1912 in Gries bei Bozen geboren und in Linz aufgewachsen, brach nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zeit der Neuorientierung an, und ich meine, er stehe für ein herausragendes Beispiel der sogenannten „Trümmerliteratur". Die Schwierigkeiten zu ermessen, die ein als NS-Autor Gebrandmarkter in den ersten Jahren nach dem Krieg zu gewärtigen hatte, maße ich mir allerdings nicht an. Das Wenige aber lässt sich aus heutiger Sicht mit Sicherheit sagen: Tumler war nicht der einzige Autor, der mit einer belasteten Vergangenheit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aufbrach, und er war auch nicht der Einzige, der in einer zweiten Karriere bemerkenswerte literarische Texte veröffentlichte.²
Franz Tumlers Werk – es umfasst über dreißig Bücher – lässt sich wohl sinnvoll in fünf Phasen unterteilen. Der Beginn, der sich vornehmlich am Überraschungserfolg seines Erstlings, der Erzählung Das Tal von Lausa und Duron (1935), festmachen lässt³; seine Zeit als Blut-und-Boden-Dichter während des NS-Regimes, die Neuorientierung nach dem Zweiten Weltkrieg bis Ende der 1950er-Jahre, die Umsetzung eines eigenen ästhetischen Programms bis zu seinem Schlaganfall, den er 1973 erlitt; und schließlich die letzte Phase, in der nur noch kleine Texte und einzelne Gedichte entstanden sind. – Ich mag solche Einteilungen, solange sie einer ersten Orientierung dienen; denn scharfe Grenzen lassen sich eigentlich, wenn es um das Werk eines Schriftstellers geht, nicht ziehen.
So besehen fiele die Phase der Neuorientierung als die mit Abstand produktivste aus (denn in dieser Zeit entsteht zirka ein Drittel von Tumlers Gesamtwerk), und vieles spricht dafür, hierzu eine weitere Unterteilung vorzunehmen, denn Tumlers vielleicht poetischste Erzählung Der Mantel (1959) zeichnet sich durch eine ganz andere Erzählweise aus⁴, als wir sie zum Beispiel noch im seitenmächtigen Roman Ein Schloß in Österreich (1953) vorfinden.⁵
Zwei Aspekte lassen sich in dieser Phase der Neuorientierung leicht nachweisen: Zum einen war Franz Tumler von einer tiefgreifenden Sprachkrise erfasst, die kennzeichnend war für die Trümmerliteratur, in seinem Fall aber weit über die „Stunde Null" hinausging und bis zum Beginn der 1960er-Jahre anhielt, zum andern gehörte der gebürtige Südtiroler ganz gewiss zu jener Fraktion Autoren, die immer zunächst Leser waren – sich also nicht nur umschaute, sondern die Werke anderer studierte.⁶ Welche Werke in jener Zeit auf Tumler einwirkten, was davon in seinen eigenen Texten einen Niederschlag fand, lässt sich teilweise ganz gut nachweisen, doch vergessen wir nicht, dass die Zeit um 1960 herum literaturgeschichtlich eine der innovativsten des 20. Jahrhunderts war, und dies nicht nur mit Blick auf den deutschsprachigen Raum. Und Tumler, dessen Hauptwohnsitz ab 1954 West-Berlin war (ab 1959 war er auch Mitglied der Berliner Akademie der Künste), befand sich quasi mittendrin.⁷
Wenn ich im Folgenden mein Augenmerk auf Franz Tumlers eigenständiges ästhetisches Programm richte, so untersuche ich Texte, die sich – wie es darzulegen gilt – einer Eigenständigkeit verdanken, wie sie sich der Schriftsteller über die Jahre der Neuorientierung hinweg erarbeitet hat. In diesen Texten – von Nachprüfung eines Abschieds (1961) bis hin zu Gründe für Abwesenheit (1974) – offenbart sich eine Erzählhaltung, deren oberste Maxime es ist, Empfindungen der Wirklichkeit entsprechend wiederzugeben. Das klingt im ersten Moment wenig spektakulär, doch Tumlers Erzählweise (und die damit einhergehende Erzählanlage) verweisen auf eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Dilemma, dass Empfindungen nicht sogleich vom Verstand abschließend zu interpretieren sind und sich einer Verbalisierung eigentlich immer zunächst entziehen. Zwar rekurriert ein Erzählen (welches immer ein nachträgliches In-Worte-Fassen ist) zwangsläufig auf vergangene Wahrnehmungen, doch das zu Transponierende, in Worte zu Fassende, meint nicht diese zu einem früheren Zeitpunkt sinnlich erfahrene Oberfläche; vielmehr geht es Tumler darum, die Empfindung, die sich zum Zeitpunkt der Wahrnehmung einstellte, in Worte zu fassen – wenngleich dies letzten Endes nur annäherungsweise möglich ist. Fraglos berührt er damit auch sprachphilosophische und erkenntnistheoretische Fragen, denen ich meinerseits nachspüren werde, darauf setzend allerdings, den „Vorgang", von dem Tumler des Öfteren spricht, nicht durch allzu viel Theorie und entsprechende Fachtermini weiter zu verschleiern, sondern diesen nachvollziehbar zu erläutern.
Die Hauptschwierigkeit im Nacherzählen liegt darin, dass Empfindungen im „Augenblick (eines von Tumlers meistverwendeten Wörtern) alles andere als klar sind, viel häufiger sind diese diffus, in einer Dichte und Vielschichtigkeit gegeben, dass der Verstand im selben Augenblick gar nicht in der Lage ist, all diese Empfindungen zu verarbeiten, geschweige denn ein Handeln zu veranlassen. Die Verarbeitung geschieht also, wenn überhaupt, in der „Nachprüfung
, was für Tumler mit der „Aufschreibung" geschieht. Im Schreibend-Erinnern etabliert sich dann mitunter ein Bewusstsein, das nicht zuletzt die Differenz zwischen Empfindung und Verhalten im damaligen Moment offenlegt und Wirklichkeit im Nachsitzen konstituiert.
Daraus lässt sich auch die Erzählanlage ableiten und erklären, die Tumler für die im Blick stehenden Texte gewählt hat: Protagonist ist ein Ich, das aus einer zeitlichen Distanz heraus Erlebtes nachzuempfinden (ver)sucht. Weil die Nachprüfung (durchaus zu verstehen als Versuch, wenigstens nachträglich zu verstehen) zentral ist, steht das nacherzählende Ich genauso als Figur im Zentrum des Textes wie auch das(selbe) Ich in der Vergangenheit, dessen Geschichte erzählt wird: Erzählzeit und Handlungszeit geraten also gewollt und notwendig von vorneweg in eine Wechselwirkung. Der Schreibprozess als solches wird von Tumler mehrfach thematisiert; technisch gesprochen handelt es sich um ein gedoppeltes transzendentales Vorgehen: Die Überbrückung von Empfindung zu Verhalten, die im Augenblick der Situation nicht, ungenügend oder nur fragmentarisch zu leisten war, wird nun sprachlich ergründet. Der wesentliche Unterschied bei der Aufschreibung ist der, dass dafür Zeit vorhanden ist. In andern Worten: Es ist das sprachliche Empfinden im Nachhinein, eine Ästhetik, die dem ursprünglichen nonverbalen Empfinden so nahe wie möglich kommen soll, durchaus im Sinne einer nachgereichten Wahrhaftigkeit.
Die Erzählanlage wiederum bedingt eine komplexe, recht eigentlich virtuos zu nennende Erzählweise. Denn die inszenierte Wechselwirkung von Erzählzeit und Handlungszeit bleibt nur solange als Spannungsfeld erhalten, wie die Differenz zwischen erlebter Situation damals und sprachlicher Aufschreibung erkennbar bleibt. So kann der Sprachduktus – berichtend, schildernd, beschreibend –, der Leserinnen und Leser in die Geschichte eintauchen lässt, nicht derselbe sein wie jener, der nachempfindend und reflektierend eine erweiterte Sicht ins Spiel bringt. Korrekturen, Uminterpretationen oder gar Rechtfertigungen sind nur solange interessant, wie man als mitdenkender und mitfühlender Leser auch um die Ursache, die ursprünglichen Gedanken und Interpretationen, weiß.
Es sind nicht zuletzt die Widerstände, die zwischen Ursituation und Nachbetrachtung aufscheinen, die – technisch gesprochen – eine Form von „Rückkopplungseffekten" erzeugen, welche den Reiz der Lektüre der späten Texte Tumlers ausmachen, indem Gesprochenes oder auch nur Gedachtes von damals im Nacherzählen eine andere Färbung, zuweilen gar eine andere Schlagseite bekommt.
Einsteigen will ich in diesen Essay mit einer genaueren Betrachtung der Erzählung Gründe für Abwesenheit, die erstmals im Sammelband Landschaften und Erzählungen (1974) abgedruckt wurde. Dieser Text ist deshalb von herausragendem Interesse, weil er quasi die (utopische) Umkehr des über viele Jahre erarbeiteten Prozesses vorschlägt, der Protagonist also die Zukunft vorwegnehmend die Aufschreibung vornimmt, nach der sich dann sein Leben textgetreu abspielen soll.
Wirklichkeit im Nachsitzen
Im Verlauf einer intensiven Lektürephase, während der ich schon wusste, dass ich diesen Essay würde schreiben wollen, ist mir nicht zuletzt wegen der auftretenden Rückkopplungseffekte aufgegangen, die Untersuchung hier nicht der Chronologie der Veröffentlichungen entsprechend mit Nachprüfung eines Abschieds (1961) zu beginnen, sondern mit dem letzten von Franz Tumlers längeren Prosatexten dieser Phase, also mit der Erzählung Gründe für Abwesenheit (1974).
Auslöser für diesen Essay aber war die Lektüre des Romans Pia Faller (1973), die in mir eine Unruhe bewirkte, wie sie nur die Literatur zu verursachen vermag, die ich bei jedem Text, den ich zu lesen beginne, mir erhoffe, die sich aber nur selten einstellt. Womöglich setze ich mich nicht zuletzt deshalb immer wieder schreibend mit literarischen Texten auseinander, um diese Unruhe genauer zu ergründen (oder auch nur weiter auszukosten). Sie entspringt, so glaube ich, einer Mischung aus Faszination und Nichtverstehen. Irgendwie werden durch das Lesen solcher Texte meine Erwartungen gesprengt, ich werde aus der Reserve gelockt, bin dann – ich bitte den Ausdruck zu entschuldigen – auf beste Weise angefixt. Im anhaltenden Staunen wurde mir nach und nach klar, dass sich in Pia Faller eine Erzählinstanz einzuholen versucht, und ich begann zurückzublättern, nahm die Fährten Tumlers auf, bald erkennend, dass der Kosmos dieses Schriftstellers riesig ist und wohl niemals ganz zu ergründen sein wird – und genau genommen gilt diese Einsicht allein schon für den Roman Aufschreibung aus Trient (1965).
Wenngleich das Werk Franz Tumlers ein
