Benutz es!: Von der Kunst, es unnötig kompliziert zu machen
Von Alex Burkhard
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Über dieses E-Book
Alex leidet an der Künstlerkrankheit, alles verarbeiten zu müssen, was er erlebt. Seine Nachbarn legen ihm ein Büschel Hundehaare vor die Tür – er muss darüber schreiben. Seine eigenen Haare fallen ihm aus – er muss darüber schreiben. Seine Angebetete will sich nicht festlegen – er muss darüber schreiben. Und dann steht auch noch ein Umzug an, im Zuge dessen natürlich zahlreiche Dinge auftauchen, die mit Erinnerungen und Emotionen behaftet sind.
"Benutz es!" ist der Versuch, Sinn zu finden in dem, was uns alltäglich umgibt und diese Sinnsuche ironisch zu überspitzen. Denn wenn man immer nur nachdenken würde, hätte man irgendwann keinen Spaß mehr. Alex hat auch das probiert.
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Buchvorschau
Benutz es! - Alex Burkhard
Vor meiner Tür
Meine Nachbarn haben mir ein Büschel Haare vor die Tür gelegt. Es sind Hundehaare, um genau zu sein, und vermutlich stammen sie von meinem Hund. Manchmal verliert er welche, wenn er durch den Hausflur läuft oder ich ihn vor der Wohnungstür abtrockne. Einer meiner Nachbarn hat diese nun anscheinend gesammelt oder zusammengekehrt und vor meiner Tür platziert. Ich vermute, dass die betreffende Person gerade keinen Pferdekopf zur Hand hatte.
An der Installation stört mich weniger die Tatsache, dass meine Nachbarn sich offenbar von einigen Hundehaaren in ihrer Lebensqualität unheimlich eingeschränkt fühlen, sondern vielmehr die Art, wie sie mir diesen Umstand mitzuteilen versuchen. Vor einiger Zeit stand deshalb schon einmal die Blockwartin samt Hausmeister vor meiner Tür und bat mich, in Zukunft weniger Hundehaare zu produzieren; einige Mieter hätten sich beschwert. Ich fragte sie, wie ich, der ich selbst ohnehin keine Hundehaare produziere, das abstellen solle. Ob sie sich vorstelle, dass ich den Hund in Zukunft mit einem Flaschenzug an der Flanke des Gebäudes herabließe. Ich bot ihr jedoch an, den Bereich vor meiner Tür fortan öfter mal zu saugen. Der Rest, da solle sie mir nicht böse sein, falle unter allgemeinen Schmutz, den zu beseitigen, da solle er mir nicht böse sein, man schließlich einen Hausmeister bezahle. Sie schien mit diesem Angebot nicht vollends zufrieden, faltete ihre Flaschenzugpläne aber wieder zusammen und grummelte etwas, auf das näher einzugehen ich mich dadurch weigerte, dass ich sanft die Tür schloss.
Etwas später klingelte der Hausmeister und sagte, er habe kein Problem mit mir oder meinem zu behaarten Tier, möge Hunde im Gegenteil sehr gerne und habe sich einfach nicht wehren können, als die ältere Dame ihn im Treppenhaus energisch aufgelesen und sehr bestimmt vor meine Wohnung gezerrt hätte. Im Übrigen habe er nichts gegen die paar Härchen einzuwenden, die zu beseitigen, da wären wir uns also alle einig, man ihn schließlich bezahle. Ich weiß nicht, ob er nur den »Good Cop« spielen wollte, aber er hat mich damit ein wenig beruhigt. Ich saugte ab und zu die Hundehaare vor meiner Wohnung auf und dachte, die Sache wäre erledigt. Doch nun haben mir meine Nachbarn ein Büschel Haare vor die Tür gelegt.
Als Kind vom Land bin ich eigentlich ein Freund guter Nachbarschaft. Die alte Frau Haber von direkt gegenüber kannte ich genauso gut wie Familie Riens über uns, den grantigen Hausmeister Vochezer aus dem Erdgeschoss und das alte Ehepaar Kugel aus der anderen Haushälfte, dessen männlicher Teil mir seinerzeit beibrachte, eine Krawatte zu binden.
»So, der Herr Kugel zeigt dir jetzt, wie man eine Krawatte bindet«, hatte mein Vater gesagt, und anschließend war ich durch den Keller marschiert, der die beiden Haushälften verband, und ließ mir einen Windsorknoten zeigen. Als ich fünf Jahre später das erste Mal eine Krawatte tragen sollte, hatte ich vergessen, wie man den Knoten bindet, und schaute im Internet nach.
Zugegeben: In meinem aktuellen Haus gibt es ungefähr dreimal so viele Wohnungen wie im Haus meiner Kindheit, aber auch zu der Zeit, als ich mit sechs Parteien eine Doppelhaushälfte in München-Freimann bewohnt habe, hatte ich nie das Gefühl, wirklich Nachbarn zu haben. Es waren immer irgendwelche Menschen, die irgendwelchen Tätigkeiten nachgingen und mir einen fast lautlosen Gruß entgegenbrachten, wenn ich ihnen einen guten Morgen wünschte.
Natürlich habe ich auch in der Stadt Ausnahmen kennengelernt: meinen ehemaligen Tür-an-Tür-Nachbarn Ralph zum Beispiel, mit dem und dessen Hund wir eine harmonische Symbiose bildeten (ich hatte die Hunde tagsüber, wenn er an der Uni war – er hatte die Hunde abends, wenn ich auftrat), oder das Pärchen von schräg gegenüber, das mir hilfsbereit seinen Staubsauger lieh, als meiner kaputt und der Nachfolger noch nicht eingetroffen war. Dem Pärchen stelle ich seitdem, wenn ich zu einer Lesetour aufbreche, diverse Lebensmittel vor die Wohnungstür, die die Dauer meiner Abwesenheit nicht überleben würden, und bekomme manchmal ein Dankeschön dafür, zumindest aber ein offenes Lächeln, wenn ich einem der beiden im Gang begegne.
Der Rest der Hausbewohner macht sich jedoch rar, und so habe ich keine Ahnung, was in meiner unmittelbaren Umgebung so alles abgeht. Theoretisch könnte die WG aus dem Vierten Mafiagelder waschen und der Mann vom Ende meines Flurs ihr Kontaktmann nach Neapel sein, es könnten Axtmörder und Zuhälter in meinem Haus wohnen, ich würde es kaum mitbekommen. Was ich mitbekomme, sind die Hinterlassenschaften meiner mysteriösen Mitmenschen, die ich täglich auf dem Weg nach draußen vorfinde. Ich möchte hier keine Wertung vornehmen oder irgendeine Rangliste erstellen; die Geschmäcker sind schließlich verschieden, und jeder soll für sich selbst entscheiden, was ihn in unserem Haus am meisten stört.
Nach reiflicher Überlegung habe ich jedenfalls beschlossen, nicht in den nächsten Scherzartikelladen zu laufen und künstliche Kotze aus Gummi zu kaufen, nur um sie am Wochenende als subtilen Hinweis in der Ecke an unserem Hauseingang zu platzieren; ich werde meine gesichtseigenen Körpersäfte nicht sammeln und großzügig an den Aufzugspiegeln verteilen, egal wie pickelausdrückfreundlich das Licht dort auch sein mag; und ich werde auch nicht dreihundert Bierflaschen öffnen und sie an versteckten Punkten im Haus verteilen, damit es überall zuverlässig nach Alkohol riecht.
Ich werde einfach weiterhin Hundehaare vor meiner eigenen Tür aufsaugen und versuchen, mich so zu verhalten, dass niemand das Bedürfnis verspürt, mir wirklich mal einen Pferdekopf davorzulegen.
Diesen Text anhören:
http://satyr-verlag.de/audio/burkhard1.mp3
H
»Wie immer?«, fragt mein Friseur und bricht in schallendes Gelächter aus.
Ich hasse es, zum Friseur zu gehen, obwohl ich dort eine ziemliche Berühmtheit bin. An der Wand hängen gephotoshopte (oder photogeshopte) Bilder mit der Unterschrift »Heimliche Zwillinge«, die mich neben Jürgen Vogel, Meister Proper, Gollum oder diversen Neugeborenen zeigen. Jedes Mal, wenn ich zu Gast bin, ist die Reihe um ein Bild erweitert worden. Heute jedoch haben sie mich mit einem »Garantiert keine Zwillinge«-Foto überrascht, auf dem ich neben meinem Hund stehe.
»Wie immer«, sage ich resigniert und lasse mich mit einem Seufzer auf den unbequemen Stuhl fallen.
Ich bin ihnen nicht böse, denn sie haben recht. Wenn man reale Fotos von mir aus den letzten zehn Jahren chronologisch hintereinanderschneidet, könnte man meinen, man sähe die Zeitrafferaufnahme eines Gezeitenwechsels: Mein Haarmeer zieht sich zurück und gibt den Blick frei auf einen von den abschwappenden Wellen zerfurchten Stirnstrand; man könnte freigelegte Ohrmuscheln sammeln gehen; es fehlt eigentlich nur noch, dass permanent Möwen über mir rumfliegen und mir vergammeltes Treibholz ins Gesicht geschwemmt wird.
Ich hänge offenbar so sehr an meinen wenigen verbliebenen Haaren, dass ihre bevorstehende Kürzung eine Art Nahtoderlebnis hervorruft, während dessen die unterschiedlichen Stadien des haupthaarigen Verfalls wie ein sehr grausames Daumenkino vor meinem inneren Auge ablaufen. Als ich wieder zu mir komme, beschließe ich, dass es heute endlich an der Zeit ist, meinen Friseur einzuweihen in meine von auffällig ausfallenden Haaren geprägte Vergangenheit.
Als ich zum Beispiel mit fünfzehn über den Schulflur lief, wurden die kleinen Fünft- und Sechstklässler immer schlagartig still, weil sie dachten, ich wäre ein Lehrer.
Als wäre es Winter in der russischen Ebene, begannen meine Haare bereits damals, sich an den Flanken zurückzuziehen, wie einst Napoleons zerrüttete Armee nach dem Brand von Moskau: Meine Haarinfanterie flüchtete Kopf über Hals und gab den Blick frei auf von plündernden Soldaten geschändete Ruinenlandschaften.
Meine Französischlehrerin sagte immer: »Nein, Alexander, der passé composé von avoir ist nicht avu, sondern eu«, aber alles, was ich verstand, war: »Alexander, wenn du über deine Haare sprichst, brauchst du die Vergangenheitsform.«
Oder als ich mit zwanzig in der Berufsberatung war und der gesetzte Mann am anderen Ende des kleinen Tischs bei meinem Anblick jovial auflachte und mir empfahl, Geheimrat zu werden. Auch wenn besagten Ecken in dieser Zeit immer mehr ihr Dasein entzogen wurde, einfach weil es rundherum immer weniger gab, das für den Kontrast zuständig gewesen wäre.
Als wäre es Herbst auf einem tschechischen Weizenfeld, fuhr der Mähdrescher der Zeit über die goldgelb wogenden Ähren meines Kopfes und gab den Blick frei auf die Überbleibsel aus Stoppeln und zerklüfteten, brachliegenden Ackerlandschaften.
Meine damalige Freundin sagte immer: »Ich mag dich gerne«, aber alles, was ich verstand, war: »Du hast keine Haare!«
Jetzt bin ich achtundzwanzig, und jede neue weibliche Bekanntschaft hält mich für Ende dreißig. Die sagen dann immer: »Aber du hast doch keine Haare mehr!«, aber alles, was ich verstehe, ist – nun ja, genau das.
Und jede neue männliche Bekanntschaft hält mich für irgendeine Art von Verbündetem und sagt mit belegter Stimme: »Oh nein, ich habe ein graues Haar«, aber alles, was ich verstehe, ist: »Oh ja, Bitch, ich habe mehr graue Haare, als du jemals dunkelblonde hattest!«
Doch inzwischen bin ich abgehärtet: Heute weiche ich nicht zurück, heute hebe ich meine Stimme, stelle mich auf den nächsten Tisch, wie Keatings Schüler im Club der toten Dichter, und verkünde jedem, der in Rufnähe weilt: »Nein! Wir geben uns nicht geschlagen. Selbst wenn uns bald Menschen für den Augustinermönch auf dem fucking Bieretikett halten: Wir werden bestehen; jedes meiner Haare werdet ihr mir einzeln abringen müssen; vereint stehen wir, Scheitel an Scheitel; wir kämpfen, bis wir endgültig besiegt sind, wir kämpfen, bis niemand mehr übrig ist, wir kämpfen bis zum letzten Haar!«
»Oh captain, my captain«, sagt eine Auszubildende.
»Sie können jetzt wieder von unserer Theke steigen«, sagt mein Friseur.
»Entschuldigung«, sage ich und klettere wieder auf den Boden, »ich habe mich wohl etwas zu sehr reingesteigert.«
»Ach, wir sind das gewohnt«, lächelt die Auszubildende. Sie hängt ein weiteres Foto an die Wand, auf dem ich neben Klaus Kinski zu sehen bin.
Diesen Text anhören:
http://satyr-verlag.de/audio/burkhard2.mp3
Ich weiß jetzt, dass ich nichts weiß
Immer wenn ich mich auf den Boden der Tatsachen holen will, mache ich bei einem Pubquiz mit.
Ich glaube die meiste Zeit meines Lebens, dass ich halbwegs intelligent bin und Dinge weiß. Ich habe zehn Sprachen mindestens ein Semester lang gelernt, ich habe einen Uni-Abschluss, Mathe-Abi und Internet. Ich gefalle mir in dem Gedanken, dass ich nicht völlig dumm bin und eines Tages ein Fünfundsechzigjähriger sein werde, zu dem die Enkel gelaufen kommen, wenn sie etwas wissen wollen und das Internet gerade nicht funktioniert. Sehr bedächtig würde ich mich zurücklehnen, mir mit den Fingern durchs Haar fahren, meine Pfeife anstecken und alle Fragen beantworten, die sie hätten, weil ich im Laufe meines Lebens so viel Wissen angesammelt hätte, dass mich nichts in Verlegenheit bringen könnte.
Sobald ich jedoch das Vereinsheim betrete, diese Kneipenoase im club- und restaurantlastigen München, habe ich zugleich alles vergessen, was ich jemals wusste, und das sichere Gefühl, nie etwas gewusst zu haben. Zumindest wenn dort Quiznacht ist.
»Des kriang ma scho!«, sagt mein Freund Michi zu Beginn immer, aber meistens kriag ich es nicht.
Denn das Internet nutze ich nicht, um mich zu bilden, das Mathe-Abi habe ich vor allem geschafft, weil ich mit Leistungskurs-Laura drei Tage lang durchgelernt hatte, einen Uni-Abschluss kriegen mittlerweile gefühlt siebzig Prozent der Bevölkerung, und was die Sprachen angeht: Von den zehn Sprachen habe ich Latein und Französisch in der Schule ge- und mittlerweile wieder verlernt. Spanisch habe ich
