Luther, Müntzer, Calvin und Co.: Machtpolitik und Glaubenseifer in der Reformation
Von Michel Clévenot
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Buchvorschau
Luther, Müntzer, Calvin und Co. - Michel Clévenot
Michel Clévenot
Luther, Müntzer, Calvin und Co.
topos taschenbücher, Band 1079
Eine Produktion der Verlagsgemeinschaft topos plus
Michel Clévenot
Luther, Müntzer, Calvin
und Co.
Machtpolitik und Glaubenseifer
in der Reformation
Aus dem Französischen übersetzt von Kuno Füssel
topos taschenbücher
Verlagsgemeinschaft topos plus
Butzon & Bercker, Kevelaer
Don Bosco, München
Echter, Würzburg
Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern
Paulusverlag, Freiburg (Schweiz)
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
Tyrolia, Innsbruck
Eine Initiative der
Verlagsgruppe engagement
www.topos-taschenbuecher.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8367-1079-4
E-Book (PDF): ISBN 978-3-8367-5074-5
E-Pub: ISBN 987-3-8367-6045-6074-4
2016 Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer
Das © und die inhaltliche Verantwortung liegen bei der
Edition Exodus, Luzern. Genehmigte Lizenzausgabe.
Umschlagabbildung: Lucas Cranach der Ältere, Ausschnitt aus dem Altarbild
der Stadtkirche Wittenberg, 1547. Foto © KNA.
Einband- und Reihengestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart
Satz: SATZstudio Josef Pieper, Bedburg-Hau
Herstellung: Friedrich Pustet, Regensburg
Inhalt
Die Reformation – ein nicht eingelöstes Versprechen
Bruno Kern
„Ich habe nie zu einer Partei gehört …"
Erasmus von Rotterdam, der Fürst der Humanisten
„Wir sind Bettler, das ist wahr!"
Martin Luther
„Du solltest die Kleinen nicht verachten"
Thomas Müntzer und der Bauernkrieg
„Wir waren nicht gezwungen, der gleichen Meinung zu sein"
Matthias Zell, Katharina Schütz und die Anfänge der Reformation in Straßburg
Beständiger im Glauben als die Männer
Marie Dentière, Jeanne de Jussie und die Anfänge der Reformation in Genf
„Damit Gott allein hochgerühmt sei …"
Johannes Calvin, „Unterricht in der christlichen Religion"
„Wer sagt …"
Das Konzil von Trient
Eine der schlimmsten Sachen der Welt
Die Bartholomäusnacht
Anmerkungen
Die Reformation –
ein nicht eingelöstes Versprechen
Die atemberaubenden Umwälzungen innerhalb des abendländischen Christentums, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen, verweigern sich jeder bloß innerreligiösen Deutung. Sie gehen aus einer äußerst komplexen gesellschaftlichen und politischen Gemengelage hervor bzw. werden von dieser ermöglicht, und sie schaffen mit ihrem Rekurs auf die Gewissensfreiheit in Glaubensangelegenheiten die Voraussetzungen für jene Säkularisierung, die so sehr mit dem Selbstverständnis der Abendländer verbunden ist und im Kontext anderer Religionsgemeinschaften in vergleichbarer Weise nicht stattgefunden hat. Zugleich aber setzt die Reformation Potenziale und Motive frei, die in den Gründungstexten des Christentums selbst angelegt sind und unter neuen historischen Bedingungen zur Entfaltung kommen können. Sie offenbart gleichsam einen „Überschuss an Sinn des Christentums selbst, der erst jetzt erschlossen werden kann. „Machtpolitik und Glaubenseifer
, die beiden Stichworte des Untertitels dieses Buches, bringen genau diese beiden Aspekte zum Ausdruck.
Diese kleine Auswahl aus Michel Clévenots großartiger zwölfbändiger Kirchengeschichte kann natürlich nicht den Anspruch erheben, eine historische Gesamtdeutung der Reformation zu liefern. Sie bietet lediglich Streiflichter, die einerseits weniger bekannte Persönlichkeiten und Aspekte der Geschehnisse im 16. Jahrhundert gebührend in den Vordergrund rücken, andererseits erhellende neue Einsichten beisteuern und die Leser und Leserinnen zur näheren Beschäftigung anregen mögen.
Der Band beginnt mit einem Porträt Erasmus’ von Rotterdam, des großen Humanisten, der einerseits in vielfacher Hinsicht als Wegbereiter der Reformation betrachtet werden kann, der einen großen Einfluss auf etliche Reformatoren ausübt, der aufgrund seines Ansehens von den Reformatoren, nicht zuletzt von Luther selbst, umworben wird und den man für die Sache der Reformation zu gewinnen bestrebt ist, der sich aber andererseits jeder klaren Parteinahme enthält und dessen Auseinandersetzung mit Luther über die Willensfreiheit ihn sogar als dezidierten Gegner bestimmter reformatorischer Positionen ausweist. Erasmus’ philologisches Bemühen um die antiken Texte, nicht zuletzt um das Neue Testament selbst, steht entschieden im Dienst eines „gereinigten", von den Schlacken des Aberglaubens befreiten Christentums. Der große Humanist entzieht sich aber, sobald dieses Bemühen in Gestalt der Reformation tatsächlich praktische Wirksamkeit entfaltet – nicht zuletzt in der ängstlichen Sorge, die bonae literae würden in Misskredit geraten. So kam es, dass derjenige, den man mit Fug und Recht als einen Gründungsvater der modernen Bibelwissenschaften betrachten kann, das Reformationsgeschehen von der Zuschauerbank aus mitverfolgt.
Am Beispiel Martin Luthers macht Clévenot deutlich, wie sehr das Anliegen der Reformatoren in die Mühlen der vielfachen politischen Interessen gerät und die Reformatoren zu Figuren auf dem Schachbrett der Macht werden lässt: Der Gegensatz zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich, zwischen dem Kaiser und verschiedenen Landesfürsten, die Bedrohung durch das Osmanische Reich, die sozialen Spannungen, die sich in den Bauernkriegen entladen – dies alles sind Elemente des komplizierten Gefüges, innerhalb dessen Luther für das reine Wort des Evangeliums streiten will. Allerdings – auch darauf macht Clévenot aufmerksam – ist es Luthers eigene verhängnisvolle Theorie von den „zwei Regimentern, die es verhindert, dass der Reformator die objektiven Bedingungen, unter denen er das Wort verkündet, angemessen würdigt und durchschaut. Eine verhängnisvolle Wirkungsgeschichte eines obrigkeitshörigen Christentums nimmt hier ihren Anfang, die sich bis hin zum wilhelminischen Protestantismus und zu den „Deutschen Christen
verfolgen lässt und wohl auch heute noch ein allzu starkes Element im kirchlichen Leben darstellt.
Bewusst hat Clévenot als Überschrift zum Kapitel über Luther dessen überlieferte letzte Worte gewählt und damit den Blick auf den Mystiker gelenkt: auf den Augustinermönch, der maßgeblich von der rheinischen Mystik, insbesondere von Tauler, beeinflusst ist, der als Herausgeber der „Theologia deutsch" hervortritt und dessen reformatorischer Durchbruch durchaus als mystische Erfahrung gedeutet werden darf.
Das Postulat der Reformation von der gleichen Würde aller Getauften mündet unweigerlich in entsprechende gesellschaftspolitische Forderungen – in die Losung „omnia communia" der Anhänger Thomas Müntzers. Clévenot weist hier scharfsinnig auf die Tragik Müntzers hin, dessen gesellschaftliche Vision die Möglichkeiten seiner Zeit überstrapazierte und dessen unmittelbar religiöse Begründungen sich nicht in säkulare Politik übersetzen ließen. Müntzer ist jedoch nur ein Beispiel für die politische Ambivalenz des Reformationsgeschehens, das ebenso theokratische Modelle hervorbrachte wie es sich auch als mächtiger Impuls der Demokratisierung erwies. Es wird Aufgabe einer aufgeklärten politischen Theologie bleiben, die Spannung zwischen Reich-Gottes-Utopie und konkreten Schritten der Verwirklichung solidarischer Verhältnisse denkerisch zu durchdringen und eine entsprechende Praxis zu ermutigen.
Wenig beachtet in der herkömmlichen Kirchengeschichtsschreibung ist das weibliche Gesicht der Reformation. So ist es Clévenot als Verdienst anzurechnen, dass er etwa in der Gestalt der Straßburgerin Katharina Schütz oder am Beispiel der Auseinandersetzung mit den Klarissen in Genf diesen Aspekt in den Blickpunkt rückt. Die gelebte Toleranz und Solidarität mit den (Glaubens-)Flüchtlingen, für die Katharina Schütz ein leuchtendes Beispiel gibt, ist ein Erbe der Reformation, das heute dringend anzueignen wäre.
Schließlich richtet Clévenot den Blick auf die römische Reaktion in Gestalt des Konzils von Trient. Der innerkirchliche Reformprozess, der seinen Ausdruck etwa in einer erneuerten Ausbildung des Klerus, aber auch im Bemühen um die Glaubensvermittlung findet, ist sicher hoch zu veranschlagen. Es wird aber erst eines Zweiten Vatikanischen Konzils bedürfen, um die entscheidenden innerkirchlichen Impulse der Reformation fruchtbar zu machen. Clévenot legt aber einen anderen Maßstab an und macht deutlich, wie erschreckend weit das Konzil hinter den eigentlichen Herausforderungen zurückblieb, die sich nicht so sehr aus der Reformation selbst, als vielmehr aus deren gesellschaftlichem und ideengeschichtlichem Kontext ergaben: die Herausforderung des Humanismus, des kopernikanischen Weltbildes, der Conquista Amerikas, der Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie Müntzer einklagte. Vor allem aber sollte man einen Hinweis Clévenots nicht überlesen: dass die Erneuerung der Kirche nicht administrativ verordnet werden kann, sondern dass wir hier angewiesen sind auf jenen mächtigen mystischen Untergrundstrom, von dem die Christentumsgeschichte letztlich lebt und der sich gerade im 16. Jahrhundert eindrucksvoll bemerkbar machen wird. Dies ist insgesamt ein Hauptakzent der zwölfbändigen Kirchengeschichte Clévenots, und es bleibt zu wünschen, dass sich ein weiterer Auswahlband eben diesem Aspekt explizit widmet.
Clévenots Zugang zu den Ereignissen zeichnet sich dadurch aus, dass er im Gegensatz zu den üblichen Darstellungen bewusst einen Blickwinkel „von unten wählt, der so manches freilegt, was in den herkömmlichen kirchengeschichtlichen Abhandlungen unterbelichtet bleibt. Und dass ein gewissenhafter Historiker zugleich ein hervorragender Erzähler sein kann, wenn er nicht aus distanzierter historischer Neugierde, sondern aus dem Engagement dessen schreibt, der sich selbst als Teil dieser mehr als zweitausendjährigen „Geschichte der Geschwisterlichkeit
versteht – dafür ist Michel Clévenot ein wunderbares Beispiel. Seine „Erzählung" der Reformation in all ihren Schattierungen möge die Leser und Leserinnen ermutigen, ihre eigene Tradition zu verstehen, anzueignen und im Sinne ihres Stifters fortzuschreiben so gut es geht.
Bruno Kern
„Ich habe nie zu einer Partei gehört …"
Erasmus von Rotterdam, der Fürst der Humanisten
Erasmus von Rotterdam an seinen lieben Thomas Morus:
Als ich vor einiger Zeit von Italien wieder nach England zog, wollte ich die langen Stunden, die im Sattel zu verbringen waren, nicht alle mit banaler, banausischer Unterhaltung totgeschlagen haben und ließ mir darum dies und das aus unserem gemeinsamen Studiengebiet durch den Kopf gehen oder schwelgte in Erinnerungen an die ebenso liebenswürdigen wie gelehrten Freunde, die ich in England wiederzufinden hoffte. Dabei pflegte mir dein Bild, lieber Morus, zuallererst vor die Seele zu treten, denn in der Ferne gedachte ich des Fernen mit nicht weniger Behagen, als mir der Verkehr von Angesicht zu Angesicht behagt hatte, das Schönste, meiner Treu, das mir das Leben je bescherte. Da ich nun unbedingt etwas treiben wollte, eine ernste Absicht aber unterwegs wohl nicht möglich schien, kam es mir in den Sinn, zur Unterhaltung eine Lobrede auf die Moria, wie die Griechen sagen, auf die Torheit, zu verfertigen.
„Eine schöne Muse, die dir solches eingab!" wirst du sagen. Nun, vor allem danke ich die Idee deinem Namen Morus, der dem Namen Moria geradeso ähnlich ist, wie du selbst ihrem Wesen unähnlich bist; man kann aber – darüber ist alles sich einig – unähnlicher gar nicht sein. Und dann glaubte ich, ein solches Spiel der Fantasie werde besonders dir gefallen;
