Geliebtes Geschöpf: Tiere, die Geschichte machten
Von Dietmar Grieser
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Über dieses E-Book
In 28 fesselnden Kapiteln porträtiert Dietmar Grieser Tiere, die es zu etwas "gebracht" haben – zu einem Namen, zu Ruhm, vielleicht gar zu literarischer Verewigung:
Der Chow-Chow, der Sigmund Freud als Ordinationshilfe diente
Das wahre Leben der "Cats"
Gazellen für Sisi
Kreiskys Boxer und Loriots Mops
Streit um den Doppeladler
War Tolstoj in seinem "ersten" Leben ein Pferd?
Eine Fülle verblüffender Entdeckungen – ein Buch, das zum Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Tier anregt und das vor allem viel viel Spaß macht.
Mit zahlreichen Abbildungen
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Buchvorschau
Geliebtes Geschöpf - Dietmar Grieser
Dietmar Grieser
Geliebtes Geschöpf
Dietmar Grieser
Geliebtes
Geschöpf
Tiere, die Geschichte machten
Mit 30 Abbildungen
AMALTHEA
Für Fabian
Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at
© 2016 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagbild: August Macke, Zoologischer Garten I, 1912
© Erich Lessing/picturedesk.com
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,15/14,91 pt New Caledonia
ISBN 978-3-99050-045-3
eISBN 978-3-903083-28-8
Zwar hat auch ihm das Glück sich hold erwiesen, denn schöner stirbt ein Solcher, den im Leben ein unvergänglicher Gesang gepriesen.
Thomas Manns Grabinschrift für seinen Hund Bauschan
Inhalt
Vorwort
Große Namen
Am liebsten ein Chow-Chow
»Therapiehunde« à la Sigmund Freud
Die sanften Riesen
Zu Besuch im ehemaligen k. k. Hofgestüt von Kladrub
Gazellen für Sisi
Der Schah von Persien auf Staatsbesuch in Wien
Kreiskys Boxer und Napoleons Hengst
Tiere machen Politik
Lolita und die Schmetterlinge
Vladimir Nabokov auf der Pirsch
Zwei Rippen
Leo Perutz und seine Hunde
Das sprechende Pferd
Wie Hans Fallada zu seinem Künstlernamen gelangt ist
Von Künstlerhand
Ohne Adler geht es nicht
Das österreichische Staatswappen
Was sucht ein Schwein im Stephansdom?
Antonius, der erste Mönch
Möglich, aber sinnlos
Loriot über das Leben mit und ohne Mops
Heilige Kannibalin
Bernhard Hollemann und die Mantis
Verschollen
Franz Marcs Meisterwerk »Der Turm der blauen Pferde«
Vorhang auf
Breiter Flügel, spitzes Ohr
Fledermaus & Batman
Bremen in Wien
Wer ist der vierte Stadtmusikant?
Wie nenne ich meine Katze?
Die wundersame Entstehungsgeschichte des Musicals »Cats«
Rin Tin Tin recte Apollo
Von Zweibrücken nach Hollywood
Für Kinder zwischen 8 und 80
Die Sendung mit der Maus
Erinnerungen
Alle meine Tiere
Von Mäusen und Maikäfern, von gefräßigen Fröschen und störrischen Ziegen und von einem Dackel namens Aufsicht
Vatis Muscheln
Eine Zwischenbilanz
Für Dascha
Wie ein neugeborener West Highland White Terrier einen Buchbestseller lanciert
Die literarischen Urbilder
Geliebter Zögling
E. T. A. Hoffmanns Todesanzeige für Kater Murr
»Du mußt ein Pferd gewesen sein!«
Tolstoj und der »Leinwandmesser«
Der zensurierte Drache
Schwierigkeiten mit Schiller
Ausgebootet
Felix Salten und sein »Bambi«
Die Biene war eine Ameise
Waldemar Bonsels und sein »Vorgänger« Bernd Isemann
Zwölf Flaschen Schnaps
Auf den Spuren von »Krambambuli«
Doktor Dolittle und der Erste Weltkrieg
Hugh Lofting und die Liebe zur Kreatur
Den Kindern von New York
Die zwei Leben des Bären Pu
Dank
Bild- und Textnachweis
Personenregister
Vorwort
Ich schwor es mir zu, nicht zu vergessen euch,
Nichtige Tierchen ihr, deren Geschick mich traf.
Wenn meine Seele einst nichts als Gedächtnis sein wird,
Will ich euch beide vor unsern Schöpfer tragen.
Franz Werfel. Ein Gedenkblatt des Dichters für seine geliebten Katzen. Ein schöner, für manches Ohr vielleicht auch etwas pathetischer Vers. Aus seiner Biographie wissen wir, daß Werfel zu Gelübden neigte. Hatte er nicht nach seinem Lourdes-Erlebnis vom Sommer 1940 das Versprechen abgegeben, im Falle seiner Rettung vor den deutschen Invasionstruppen einen Roman über die Marienerscheinungen in dem südfranzösischen Wallfahrtsort zu schreiben? Schon ein Jahr nach der geglückten Flucht über die Pyrenäen erschien »Das Lied von Bernadette«. Man darf also annehmen, daß der Gefühlsmensch und Glaubensfanatiker Werfel auch das Gelöbnis eingelöst hat, in seiner Zwiesprache mit Gott der geliebten Haustiere zu gedenken.
Und nun, nach dem feierlichen Schwur des österreichischen Dichters, die nüchterne Stimme des britischen Realpolitikers: Winston Churchills. Der große Staatsmann geht das Thema Mensch und Tier gänzlich anders an – locker, heiter, mit einem kräftigen Schuß Sarkasmus: »Katzen blicken auf dich herab, Hunde schauen zu dir auf, nur Schweine betrachten dich als ihresgleichen.«
Im vorliegenden Buch gehen wir einen Schritt weiter, belassen es nicht bei individuellem Treueschwur oder generalisierender Bewertung, sondern wenden uns – im Blick auf eine Reihe großer Namen aus der Kulturgeschichte – jenen Geschöpfen zu, die es im Umgang mit dem Menschen »zu etwas gebracht haben«: zu einem Namen, zu Ruhm, vielleicht gar zu literarischer Verewigung.
Die Liste ist lang: Sie reicht von Sigmund Freuds »Sprechstundenhilfe«, der Chow-Chow-Hündin Jofie, über das Urbild von Marie von Ebner-Eschenbachs Romanfigur Krambambuli bis zu Meister Loriots Mops- und Kanzler Kreiskys Boxer-Kult, von den Schmetterlingsjagden des »Lolita«-Autors Vladimir Nabokov über die hochpoetische Entstehungsgeschichte des Musicals »Cats« bis zu der Frage, wieso der heilige Antonius von Ägypten auf seiner Stele im Wiener Stephansdom nicht von einem Raben, einem Lamm oder einem Kamel begleitet ist, sondern – von einem Schwein. Auch das Schicksal des »Turms der blauen Pferde« wird uns beschäftigen: Franz Marcs Meisterwerk gilt seit 1945 als verschollen, ist eines der berühmtesten Beispiele unter jenen Millionenschätzen, die wie vom Erdboden verschwunden sind. Und auch die eigenen »tierischen« Erfahrungen des Autors sollten in einem Buch wie diesem ihren Platz haben – vom »Maikäfer flieg«-Erlebnis des Schulbuben bis zum Fernsehkonsumenten unserer Tage, der noch mit achtzig bei der »Sendung mit der Maus« sein Gerät einschaltet. Doch bevor sich die Tore öffnen zu unserer Menagerie, noch ein letztes Mal die Stimme Franz Werfels: »Nichtige Tierchen ihr, deren Geschick mich traf.«
Dietmar Grieser
Große Namen
Am liebsten ein Chow-Chow
»Therapiehunde« à la Sigmund Freud
Als Sigmund Freud im September 1939 dreiundachtzigjährig stirbt, hinterläßt er nicht nur eine große Familie, sondern auch zwei Hunde. Der Rüde Lün ist der zweite und letzte in der Reihe der von ihm so besonders geliebten Chow-Chows. Vor einiger Zeit hat sich Freuds Menagerie im Londoner Exil auch noch um einen Pekinesen namens Jumbo vermehrt. Tochter Anna, der vor allem die Betreuung des Nachlasses und die zügige Weiterführung der Arbeit ihres Vaters obliegt, trifft Vorkehrungen, daß auch für das Wohl der beiden Hundewaisen gesorgt ist. Damit das Hauspersonal in Maresfield Gardens Nr. 20 für den Fall des Abgangs der langjährigen, aus dem Salzburgischen stammenden und mit der Familie nach England emigrierten »Perle« Paula Fichtl über die Bedürfnisse von Lün und Jumbo instruiert ist, tippt die vierundvierzigjährige Anna Freud einen Speisezettel in ihre Schreibmaschine, selbstverständlich in ihrer neuen Umgangssprache Englisch. Für die Morgenfütterung sind Milch und Schwarzbrottoast vorgesehen, dazu ein Teelöffel Lebertran, zwei Tropfen Heilbuttöl sowie Beigaben von Calcium und Phosphat. Die zweite Mahlzeit besteht aus zwei Unzen gekochtem Faschierten oder Fisch, desgleichen die um Gemüse ergänzte dritte, wobei darauf zu achten ist, daß darin »nothing fibrous« enthalten ist, also keine Fasern. Erst zum Tagesabschluß wird’s karger: Kuchen oder Keks.
In Sigmund Freuds Leben haben zu allen Zeiten Hunde eine besondere Rolle gespielt. Man braucht nur einen Blick auf die seinen Schreibtisch zierende Artefaktensammlung zu werfen: Unter den bronzenen Statuetten, Gipsfiguren und Vasen, die dem Herrn Professor bei seiner Arbeit als Stimulantien dienen, findet sich auch die Miniaturskulptur eines jener kurzschnäuzigen Fo-Hunde, die im alten China als heilig gegolten und die Pforten der Tempel bewacht haben.
1891 haben die Freuds ihre Wohnung in der Wiener Berggasse Nr. 19 bezogen. Der Vierbeiner, den sie 1925 anschaffen, ist ein Schäferhund, der auf den Namen Wolf hört; er soll Tochter Anna, das jüngste der sechs Kinder, bei ihren abendlichen Spaziergängen beschützen, die sie meist allein zu unternehmen pflegt. Für den eigenen »Bedarf« wählt Freud einen Chow-Chow, den ihm Annas Freundin Dorothy Burlington zum Geschenk gemacht hat. Die Tochter des New Yorker Nobeljuweliers und Millionärs Louis Comfort Tiffany ist mit ihren vier Kindern aus den USA nach Wien übersiedelt, um mit den Mitteln der Psychoanalyse Rettung aus ihrer gescheiterten Ehe mit dem zeitweise geistesgestörten Dr. Robert Burlington zu finden. Dorothy ist eine begeisterte Chow-Chow-Züchterin.
Welch enge Verbindung Freud in den folgenden Jahren mit Jofie – so der Name der Hündin – eingehen wird, kann sich zu diesem Zeitpunkt niemand, auch nicht der Herr Professor selbst, vorstellen. Das gute Tier legt sich ihm, wenn er das Arbeitszimmer betritt, unter dem Schreibtisch zu Füßen und läßt sich von ihm, so oft er von seinen Büchern oder Manuskripten aufschaut, streicheln. Nach den Mahlzeiten, bei denen der seit seiner Krebserkrankung Appetitlose nur mäßig zulangt, darf Jofie die Reste verzehren – sehr zum Verdruß der Ehefrau Martha, die sich nichts aus Haustieren macht und schon gar nichts aus Hunden, die ihr fürchterlich auf die Nerven gehen. Doch angesichts des autokratischen Lebensstils ihres Mannes bleibt der fünf Jahre Jüngeren nichts anderes übrig, als sich wortlos zu fügen.
Prof. Freud mit »Sprechstundenhilfe« Jofie
Auch im Behandlungszimmer ist Hündin Jofie stets mit von der Partie, wenn der Begründer der Psychoanalyse seine Patientinnen (und in geringerer Zahl Patienten) zur Sitzung empfängt. Für gewöhnlich verharrt das ruhige und gegenüber Fremden distanzierte Tier bewegungslos neben dem Sessel seines Herrls. Nur bei Besuchern oder Patienten, von denen sich Jofie unwillig schnüffelnd oder gar knurrend abwendet, ist Gefahr im Verzug: Gefahr, daß der Herr Professor das Signal »aufnimmt« und in die Beurteilung des Betreffenden einbezieht. »Wen die Jofie nicht mag«, so zitiert Haushälterin Paula Fichtl ihren Dienstgeber, »bei dem stimmt etwas nicht.« Und natürlich, so fährt sie fort, »hat die Jofie immer recht gehabt.« Sind die zwischen Arzt und Patient vereinbarten 50 Minuten um, erhebt sich Freuds vierbeinige »Assistentin« von ihrem Sitzplatz und kündigt auf diese Weise das Ende der Sitzung an.
Wenn die Familie von Mai bis Oktober aus der Stadtwohnung ins Sommerquartier im Vorortbezirk Pötzleinsdorf übersiedelt, genießt die blauzüngige Hündin mit dem zimtfarbenen Fell den Auslauf im weitläufigen Park, den sie nur dann fluchtartig verläßt, wenn ein Gewitter aufzieht. Ist sie vom Regen überrascht worden, besteht Frau Martha darauf, daß das Tier bei der Rückkehr ins Haus eingeseift und einer gründlichen Waschung unterzogen wird. Was Sigmund Freud gar nicht ausstehen kann, sind Versuche, Jofie zu albernen Späßchen zu »mißbrauchen« – so etwa, als Haushälterin Paula dem Chow-Chow einmal einen Pullover überzieht und ein Mützchen aufsetzt. »Das Tier ist doch kein Mensch!« weist Freud die Übermütige streng zurecht.
Schlimm wird es für Freud, als 1937 die schon fast blinde Jofie schwer erkrankt: Der Tierarzt diagnostiziert Krebs: Der Chow-Chow muß eingeschläfert werden. Der Schmerz über den herben Verlust läßt sich nur überwinden, indem ein Ersatz ins Haus kommt. Es ist abermals ein Exemplar jener altchinesischen Rasse, die in ihrer Urheimat »Löwenhund« genannt wird (und der unter vielen anderen auch Queen Victoria seinerzeit verfallen war). Lün, der Neue, ist ein kräftiger Rüde, den Freud schon vor einigen Jahren aufnehmen wollte, um Jofie mit einem Gefährten zu versorgen, doch da die beiden nicht von ihrem ständigen Raufen abließen, mußte zuerst noch Jofies Tod abgewartet werden.
Nun aber sind die gewohnten Verhältnisse wiederhergestellt: Auch Lün genießt die uneingeschränkte Zuneigung seines Herrls, er wird Freud um viele Jahre überleben. Sogar auf dem schweren Weg ins Exil begleitet das gute Tier die seit Österreichs »Anschluß« an Nazi-Deutschland in der Heimat verpönte Familie. Als Freud am Abend des 10. März 1938 durch den Telefonanruf eines Freundes erfährt, daß am folgenden Tag Adolf Hitler in Wien eintreffen wird, bekommt auch Lün die gedrückte Stimmung zu spüren, die in der Berggasse 19 ausbricht. Statt das Nachtmahl anzurühren, wendet sich Freud seinem vierbeinigen Hausgenossen zu und versucht mit einer Überdosis Streicheln die eigene Nervosität zu bannen.
Im Orientexpress Richtung Paris, den die vierköpfige Reisegesellschaft am Morgen des Pfingstsamstags auf dem Wiener Westbahnhof besteigt, sind zwei Abteile reserviert; in dem des Herrn Professor, seiner Frau und Tochter Anna nimmt selbstverständlich auch der Hund Platz. Die Weiterfahrt von Paris nach Calais und das Umsteigen in die Eisenbahnfähre nach Dover verlaufen ohne Zwischenfälle: Die Freuds reisen mit Diplomatenpaß, können ohne Zollformalitäten den Boden des Vereinigten Königreichs betreten. Umso härter trifft es den Zweiundachtzigjährigen, daß sein Chow-Chow den strengen englischen Einreisebestimmungen gemäß in Quarantäne muß. Sechs Monate werden Herr und Hund voneinander getrennt sein; ein Glück nur, daß man den im Tierasyl in South Kensington eingesperrten Lün von der Wohnung aus, die die Familie Freud im Stadtteil St. John’s Wood bezogen hat, besuchen kann. Der Chow Chow stößt erst im Laufe des Dezember, als die Freuds in ihr neues und endgültiges Heim im Villenviertel Maresfield übersiedelt sind, wieder zu den Seinen. Der inzwischen todkranke Professor lebt durch die Nähe des geliebten Tieres, dem sich unterdessen ein zweiter Hund, der Pekinese Jumbo, hinzugesellt hat, sichtlich auf. Nur, als sich im Februar 1939 die Anzeichen für Freuds nahendes Ende mehren, hat der Patient damit fertigzuwerden, daß Liebling Lün immer häufiger dessen Nähe meidet: Der Geruch des mittlerweile offenen Krebsherdes vertreibt das Tier aus der Nähe des todgeweihten Herrls. Schon Monate vor Sigmund Freuds Ableben am 23. September 1939 geht die Obsorge für die »Waisen« Lün und Jumbo zu gleichen Teilen auf Tochter Anna und Haushälterin Paula über.
Von einer schriftlichen Würdigung seiner vierbeinigen Gefährten, wie sie etwa in Gestalt von Thomas Manns berühmtem Porträt seines Lieblingshundes Bauschan, der Erzählung »Herr und Hund«, vorliegt, ist seitens Sigmund Freud nichts bekannt. Umso mehr hat sich die Wissenschaft des Themas angenommen. Über das heutige Allgemeinwissen hinaus, wonach der Umgang mit Haustieren und insbesondere mit Hunden von heilsamer Wirkung sein, ja bei kranken und vereinsamten alten Menschen geradezu Wunder wirken und nicht zuletzt den Massenverbrauch von Antidepressiva eindämmen kann, hat sich in den Disziplinen Psychologie, Psychiatrie und Psychoanalyse schon vor Jahrzehnten eine eigene Fachrichtung etabliert, die die diesbezüglichen Erkenntnisse therapeutisch zu nützen weiß. Nicht nur die Sigmund Freud Privatuniversität in Wien bietet im Rahmen des Psychologiestudiums ein Zusatzmodul »Tiergestützte Therapie und Coaching« an. Und der Österreichische Tierschutzverein, dem Freud seinerzeit angehört hat, erinnert bei jeder sich bietenden Gelegenheit voll Stolz daran, daß sein prominentestes Mitglied die Arbeit der Jugendgruppe »Blaues Kreuz« mit eigenen Kursen zum Thema »Therapiehund« unterstützt hat. Wolf, Jofie, Lün und Jumbo haben ihm dazu das Material geliefert.
Die sanften Riesen
Zu Besuch im ehemaligen k. k. Hofgestüt von Kladrub
Donnerstag, 30. November 1916. Österreich trägt den vorletzten Monarchen seiner Geschichte zu Grabe. Vor neun Tagen ist der Sechsundachtzigjährige in seinem Nachtgemach in Schloß Schönbrunn sanft entschlafen; nun geben die Spitzen seines Reiches, Delegationen aus aller Herren Ländern und nicht zuletzt sein Volk Kaiser Franz Joseph I. das letzte Geleit. Seit den späten Vormittagsstunden ist halb Wien auf den Beinen: Man will sich einen günstigen Aussichtspunkt sichern, wenn nach 14 Uhr der Trauerkondukt durch die Straßen der Innenstadt zieht. Es ist eine Zeremonie von unüberbietbarer Erhabenheit, von einzigartiger Dimension. Leiblakaien tragen den Sarg mit dem Leichnam über die Botschafterstiege zur nahen Hofburgkapelle, wo die Einsegnung erfolgt; dann führt der Weg in den Schweizerhof, wo der riesige schwarzlackierte Leichenwagen bereitsteht. 1876/77 hat die k. k. Hofsattlerei das prunkvolle Gefährt hergestellt, dessen Baldachin mit Krone und Adler verziert ist. Nur drei Mal ist es bis jetzt benützt worden: bei den Beisetzungen von Kaiserinwitwe Maria Anna, Kronprinz Rudolf und Kaiserin Elisabeth.
Unter dem feierlichen Geläut sämtlicher Kirchenglocken der Stadt wird der Sarg auf den Leichenwagen gehoben, das Gespann aus acht schwarzgeschirrten Rappen setzt sich in Bewegung, um die lange Strecke über Inneren Burghof, Heldenplatz, Ringstraße, Schwarzenbergplatz, Aspernplatz, Quai und Rotenturmstraße zum Stephansdom zurückzulegen, wo Kardinal Piffl eine zweite Einsegnung vornimmt. Dann das letzte Stück Strecke in Richtung Kapuzinerkirche: Kärntnerstraße, Kupferschmiedgasse, Neuer Markt. Vor dem schwarzverhängten Portal hält der Zug an, der Sarg wird vom Leichenwagen gehoben, Pater Guardian und der gesamte Kapuzinerkonvent geben dem Verstorbenen das Geleit zu dem im Inneren der Kirche errichteten Katafalk, Sänger der Hofmusikkapelle intonieren das »Libera«.
Vor der Pforte zur Gruft dann das berühmte Ritual: Der Obersthofmeister klopft mit umflortem Stab an das verriegelte Tor und verlangt Einlaß.
»Wer ist da?« fragt Pater Guardian.
»Seine Majestät, der Allerdurchlauchtigste Kaiser Franz Joseph.«
»Ignosco. Den kenne ich nicht.«
»Der Kaiser von Österreich und Apostolische König von Ungarn.«
Habsburgischer Pompe funèbre: Rappen aus dem Hofgestüt Kladrub ziehen Kaiser Franz Josephs Leichenwagen.
Wieder die gleiche Antwort: »Ignosco. Den kenne ich nicht.«
Ein drittes Mal ertönt das Klopfen an die unverändert verschlossene Pforte.
»Wer verlangt Einlaß?«
»Ein sündiger Mensch, unser Bruder Franz Joseph.«
Nun endlich geht das Tor auf, ehrerbietig nehmen die Kapuzinermönche den Leichnam in ihre Obhut. Kaiser Karl und Kaiserin Zita, die den Trauerkondukt angeführt haben, verlassen die Kirche und begeben sich zurück in die Hofburg; auch die vieltausendköpfige Trauergemeinde und die die Straßen und Plätze ringsum bevölkernde Menschenmenge lösen sich auf, der über mehrere Stunden eingestellte Straßenbahn- und Stellwagenverkehr nimmt den Betrieb wieder auf. Der Leichenwagen mit seinem grandiosen Achtergespann aus schwarzgeschirrten Rappen rollt zurück in die Hofburg.
Es ist das vorletzte Mal, daß er in Funktion getreten ist; nur am 1. April 1989, über zweiundsiebzig Jahre später, wird der kaiserliche Leichenwagen noch ein Mal aus der Remise geholt werden: wenn Kaiserin Zita in der Kapuzinergruft beigesetzt wird. Seitdem ist er außer Dienst gestellt, das republikanische Österreich bedarf seiner nicht mehr, als Museumsstück bildet er eine der Attraktionen der Wagenburg von Schönbrunn.
Es ist deren Kustoden hoch anzurechnen, daß sie bei der Auswahl ihrer Exponate nicht verabsäumt haben, auch jener »Mitwirkenden« des habsburgischen Pompe funèbre zu gedenken, ohne deren Einsatz der kaiserliche Leichenwagen keinen Schritt von der Stelle gekommen wäre: der Pferde, die ihn unter den bewundernden Blicken der Wiener in prunkvollem Achtergespann durch die Straßen der Stadt gezogen haben.
Ich spreche von dem 1853 im Auftrag des Hofes angefertigten Ölgemälde, das an einer der Wände der Wagenburg prangt und den Blick freigibt auf das k. k. Hofgestüt von Kladrub, wo seit den Tagen Kaiser Rudolfs II., also seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, die Zugpferde für die Karossen der Habsburger gezüchtet werden: die Schimmel- und Rappenhengste der bei den Trauerkondukten eingesetzten Achterzüge und die hellbraunen Halbblüter für die Ausfahrten der übrigen Hofwagen. Daß die »Kladruber« schon damals – und erst recht heute – im Schatten der berühmteren Lipizzaner stehen, ist eine der vielen Ungerechtigkeiten dieser Welt; nehmen wir das im Jahr 2004 begangene 425-Jahr-Jubiläum des Gestüts von Kladrub zum Anlaß, den »sanften Riesen« aus Ostböhmen, wie man die edlen Tiere immer wieder genannt hat, unsere Reverenz zu erweisen.
Schon Pardubitz, wo ich auf dem Weg nach Kladrub Zwischenstation mache, ist ein Mekka für Pferdefreunde: Die 100 000 Einwohner zählende Hauptstadt Ostböhmens, gut 200 Kilometer nördlich von Wien und 75 Kilometer östlich von Prag, ist berühmt für ihr alljährlich veranstaltetes Steeplechase, das als das älteste und schwierigste Hindernisrennen auf dem Kontinent gilt. Mich aber zieht es an die »Quelle«: Ich will den Ort kennenlernen, aus dem die Pferde für die königlichen Gespanne kommen, den Ort, wo sie geboren, aufgezogen und trainiert werden – im Frühjahr 2004 hat man sie im Fernsehen bewundern können, als sie das dänische Kronprinzenpaar anläßlich seiner Vermählung im offenen Landauer durch die Straßen von Kopenhagen gezogen haben.
Ich folge der Straße in Richtung Kolin, hinter der Ortschaft Prelouc biege ich nach rechts ab,
