Das zweite Ich: Von Hans Moser bis Kishon, von Falco bis Loriot
Von Dietmar Grieser
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Über dieses E-Book
Hans Moser nimmt den Namen seines Schauspiellehrers, Popstar Falco den Namen eines von ihm bewunderten Skispringers an, Peter Altenberg huldigt mit seinem Pseudonym dem Schauplatz einer unglücklichen Jugendliebe. Wegen der kriminellen Vergangenheit seines Vaters entledigt sich Hans Habe seines Familiennamens Békessy, und um der Karriere willen lässt sich Oskar Josef Bschließmayer auf Oskar Werner "umtaufen". Das Spiel mit den Pseudonymen, den Spitznamen und den Inkognitos bildet eines der aufregendsten und überraschungsreichsten Kapitel der Kulturgeschichte.
Bestsellerautor Dietmar Grieser, diesmal auf Spurensuche im Reich der abgelegten und der angenommenen, der echten und der falschen Identitäten, weiß auf alle einschlägigen Fragen Antwort: unter welchen Tarnnamen Kaiserin Elisabeth durch die Lande reist, wie Kishon und Hundertwasser zu ihren "Markenzeichen" kommen und welche seiner Zeitgenossen Friedrich Torberg als "Abraham a Santa Unclara" oder "Hulda Spitz" verspottet. Alles in allem ein amüsantes Kompendium, ein fesselnder Streifzug durch den Jahrmarkt der Eitelkeiten – in Österreich und im Rest der Welt.
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Das zweite Ich - Dietmar Grieser
Der Lotse
Mark Twain
Auch wenn Ihnen der Name Samuel Langhorne Clemens nichts sagt – die Bücher dieses Mannes kennen Sie, und das berühmteste von ihnen haben Sie, als Sie Kind waren, vielleicht sogar verschlungen: »Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn«.
Auch ich konnte seinerzeit von den Streichen der beiden amerikanischen Lausbuben nicht genug bekommen, sah mir in späteren Jahren auch den Kinofilm an, und als ich mit 42 daranging, für mein Buch »Die kleinen Helden« den realen Urbildern der klassischen Kinderbuchfiguren nachzuforschen, führte mich eine dieser Reisen auch an jene Originalschauplätze, an denen sich zugetragen hat, was Mark Twain zu seinem Hauptwerk inspiriert hat: ins Städtchen Hannibal im US-Bundesstaat Missouri. Ich wollte herausfinden, wer sich hinter Tom Sawyer und Huckleberry Finn verbirgt, wollte ihrer beider Lebensraum erkunden, wollte mir mit eigenen Augen ein Bild machen von dem überbordenden Souvenirkult, mit dem die amerikanischen Touristen in Mark Twains Kindheitsheimat ihrem Literaturidol huldigen.
Hannibal liegt 160 Kilometer nördlich von St. Louis. Ich reiste per Leihwagen an, drei Stunden dauerte die Fahrt über den Highway 61. Schon auf halber Strecke erhielt ich einen ersten Vorgeschmack von dem Mark-Twain-Rummel, der mich in dem 20 000-Seelen-Städtchen am Ufer des Mississippi erwartete: Reklameschilder luden mich dazu ein, entweder im »Mark Twain Motor Inn« oder auf dem nach dem Romanbösewicht Indianer-Joe benannten Campingplatz zu nächtigen, im »Mark Twain Fast Food Store« mein »Tom Sawyer Sandwich« und mein »Huckleberry Finn Chicken« zu verzehren, mich im »Mark Twain Drugstore« mit Andenken einzudecken, mich im »Mark Twain Beauty Saloon« einem Schönheits-Check zu unterziehen, mir Eintrittskarten fürs »Mark Twain Museum«, für den Ausflug an Bord des Raddampfers »Mark Twain« oder für die Teilnahme an dem legendären Zaunstreicherwettbewerb zu sichern, der alljährlich den Höhepunkt der »National Tom Sawyer Memorial Days« bildet. Für den Fall, daß ich mit Hund oder Papagei anreisen würde, bot mir das »Mark Twain Pet Center« seine Hilfe an, und würde ich mich vor lauter Entzükken über den Ort gar in Hannibal ansiedeln und ein Haus bauen wollen, ließe sich auf die Dienste der »Mark Twain Dachdeckerwerkstatt« zurückgreifen.
Bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr ist Hannibal Mark Twains Wohnsitz. Geboren wird er – unter dem schon erwähnten Namen – in dem 45 Kilometer entfernten Dorf Florida, wo sein Vater sich und die Seinen mit einer kleinen Gemischtwarenhandlung durchbringt. Auch im größeren Hannibal, wo man sich des lebhaften Mississippi-Hafens wegen bessere Geschäfte verspricht, bleibt der siebenköpfigen Familie (Sam ist das fünfte und letzte Kind von John und Jane Clemens) der erstrebte Aufstieg verwehrt. Die Miete erspart man sich, indem man dem Besitzer, dem örtlichen Apotheker, das Haus instandhält; die Sklavin, die Mrs. Clemens als »Mitgift« in die Ehe eingebracht hat, muß weiterverkauft werden.
In der Schule, die Sam besucht, reicht es gerade fürs Allernötigste: Er lernt Lesen, Schreiben und Rechnen. Eine große Rolle spielt die Bibel: Der Unterricht beginnt regelmäßig mit einem Gebet und einem Kapitel aus dem Neuen Testament.
Als Sam elf Jahre alt ist, stirbt sein Vater: Das Nesthäkchen der Familie muß vorzeitig ins Berufsleben eintreten. Beim »Missouri Courier« wird er zum Schriftsetzer ausgebildet, und als sein älterer Bruder Orion 1850 für fünfhundert Dollar das »Hannibal Journal« erwirbt, darf er für die Zeitung schreiben. Es sind Allerweltsgeschichten, wiedergekäute Anekdoten, auch (was ihm besonders liegt) das eine und andere Humoristische, gelegentlich sogar Gedichte. Für seine erste politische Satire, eine noch recht naive Attacke auf Aristokratie, Monarchie und korrupte Richter, wählt der 17-Jährige den skurrilen Tarnnamen W. Epaminondas Adrastus Blab.
Was Mark Twain an seiner Heimatstadt Hannibal besonders anzieht, ist der Schiffsverkehr auf dem Mississippi. In seinem Lebensrückblick wird er darüber 54 Jahre später schreiben:
Täglich einmal kam ein buntes Paketboot stromaufwärts von St. Louis und ein zweites stromabwärts von Keokuk. Davor war der Tag voll herrlicher Erwartung, danach tot und leer. Alles, was sich am Kai versammelt, starrt auf den einlaufenden Dampfer wie auf ein Wunder. Die oberen Decks sind schwarz von Passagieren; neben der großen Glocke steht ruhig und imponierend der Kapitän.
Hier ist es, wo sich Sams Begeisterung für die Flußschiffahrt entzündet: Er will Steuermann auf einem Mississippi-Riverboat werden. In St. Louis läßt er sich zum Lotsen ausbilden, 1859 hält er die Lizenz in Händen, noch im selben Jahr tritt er seinen Dienst auf dem Streckenabschnitt St. Louis–New Orleans an. Die Fahrt dauert 25 Tage, eine Woche geht fürs Laden und Löschen der Fracht auf.
Vier Jahre übt Samuel Langhorne Clemens seinen neuen Beruf aus: Er genießt die fast anarchische Unabhängigkeit seines Jobs und sammelt Eindrücke von Land und Leuten – Eindrücke, die nicht nur den engen Horizont des Provinzlers weiten, sondern auch Material anhäufen für seine künftige schriftstellerische Tätigkeit:
Ein Lotse war damals der einzige ungebundene Mensch auf Erden. Könige sind nichts weiter als Diener von Parlament und Volk; Parlamentarier sitzen in von ihren Wählern geschmiedeten Ketten; der Redakteur einer Zeitung muß sich, durch seinen Brotgeber gebunden, damit begnügen, nur die Hälfte seiner Meinung zu äußern; kein Geistlicher kann ohne Rücksicht auf seine Pfarrgemeinde die ganze Wahrheit sagen, und selbst Schriftsteller sind Sklaven der Öffentlichkeit. Nur der Mississippi-Lotse ist sein eigener Herr. Sobald das Schiff in Fahrt ist, untersteht es einzig und allein dem Lotsen. Er kann damit tun und lassen, was er will, kann fahren, wann und wohin es ihm paßt.
1861 ist es damit vorbei: Elf der amerikanischen Südstaaten treten aus der Union aus, der Sezessionskrieg legt auch die Mississippi-Schifffahrt lahm, Mark Twain wird arbeitslos, schließt sich für zwei Monate der Armee der Konföderierten an. Doch Militärdienst und Krieg – das ist nichts für einen freiheitsliebenden Burschen wie ihn: Der knapp 26-Jährige desertiert und setzt sich an der Seite seines Bruders Orion in Richtung Westen ab. Im entfernten Nevada, wo gerade das Silber- und Goldfieber ausgebrochen ist, schließen sich die beiden dem Troß der Abenteurer an, die nach raschem Reichtum gieren. Als ihre Versuche kläglich scheitern, kehren die Brüder Clemens reumütig ins Zeitungsgeschäft zurück: Mark Twain schreibt für die »Territorial Enterprise« Wildwestreportagen und Klatschgeschichten.
Am 3. Februar 1863 benützt er für seine Artikel zum ersten Mal ein Pseudonym. Er wählt dafür einen Namen, der ihn an die besten Jahre seines bisherigen Lebens erinnern soll: an seine gloriose Zeit als Schiffslotse. Samuel Langhorne Clemens nennt sich – Mark Twain. Es ist ein Begriff aus der Seemannssprache: »Mark Twain!« ruft der Lotse dem Kapitän zu, sobald das Schiff die fürs Navigieren erforderliche Wassertiefe von »zwei Faden« (etwa 3,8 Meter) erreicht hat. »Twain« ist die heute veraltete Vokabel für »two«, die in den Englisch-Wörterbüchern mit einem Kreuz versehen, also als »gestorben« registriert ist.
Hunderte und aberhunderte Male hat unser Lotse dieses »Mark Twain!« seinem Kapitän zugerufen – jetzt ist es sein Künstlerund bald auch sein bürgerlicher Name. Als er sich 1864/65 vom Tagesjournalismus abwendet und seine ersten großen Erzählungen zu Papier bringt, versieht er alle seine Manuskripte mit der Autorenzeile »by Mark Twain«, und dies gilt erst recht, als zwei Jahre darauf die von der New Yorker »Saturday Press« vorabgedruckte Story vom »Springfrosch von Calaveras« auch in Buchform auf den Markt kommt.
Der Name Mark Twain ist nun auch überregional bekannt: Der neue Autor kann von seinen schriftstellerischen Einkünften leben, kann auf Reisen gehen und Vorträge halten, kann heiraten und eine Familie gründen. Als er 1876 beziehungsweise 1884 seine erfolgreichsten Werke über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn herausbringt, ist Mark Twain längst auch in Europa ein berühmter Mann, den seine Landsleute als den »besten Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika« feiern, und es versteht sich von selbst, daß ihm auf einem der Höhepunkte seiner großen Überseereise, die ihn unter anderem (und gleich für über zwei Jahre) nach Wien führt, auch in Österreich alle erdenkliche Ehre erwiesen wird. Am 25. Mai 1899 lädt Kaiser Franz Joseph den 63-jährigen Dichter zur Privataudienz in die Hofburg ein.
Schreiben unter fremdem Namen
Von Molière bis Klabund
Unter den österreichischen Schriftstellern sind – im Vergleich zu anderen Kunstsparten – nur wenige, die ihren Namen abändern oder gar zu einem Pseudonym greifen. Daß sich der Wiener Kunstdrechslerssohn Ferdinand Raimann, der sich nach seiner Zuckerbäckerlehre der Schauspielerei und der Literatur zuwendet, Raimund nennt, hat weniger mit sprachlichem Wohlklang als mit den dokumentarischen Unschärfen der Geburtenbücher des frühen 19. Jahrhunderts zu tun. Und Nikolaus Lenau ist nichts weiter als eine Verkürzung des Geburtsnamens Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau: Wenn man die erste Silbe von Strehlenau wegläßt, ergibt sich Lenau.
Delikater geht es bei dem abgesprungenen Priester Carl Postl zu, der sich, aus der Gegend um Znaim stammend, wegen seiner verpönten Kontakte zur Freimaurerbewegung nach Amerika absetzt und dort den Namen Charles Sealsfield annimmt. Erst, als sich der Autor des »Kajütenbuchs«, seine letzten Lebensjahre in der Schweiz verbringend, nicht mehr vor den Nachstellungen der Metternich-Schergen zu fürchten braucht, wird sein Pseudonym, das eine anglifizierte Gemarkungsbezeichnung seiner Heimatgemeinde Poppitz (Spiegelfeld) sein dürfte, entschlüsselt.
Bei dem aus Laibach gebürtigen Anastasius Grün sind es politische Gründe, deretwegen er für sein schriftstellerisches Wirken den Geburtsnamen Anton Alexander von Auersperg ablegt: Der Wortführer der Liberalen will die Arbeit an seinen sowohl staats- wie kirchenkritischen Schriften von seinen öffentlichen Ämtern trennen.
Als die Familie des einem alten Rabbinergeschlecht entstammenden Budapester Kaufmanns Philipp Salzmann nach Wien übersiedelt und Sohn Siegmund in der dortigen Bürgerschule als einziges Judenkind seines Jahrgangs bevorzugt behandelt, mit Heiligenbildern überschüttet und ganz im christlichen Geist erzogen wird, tritt dieser seinem Katecheten zuliebe zum katholischen Glauben über und tauscht den mosaischen Namen Salzmann gegen den »neutralen« Salten aus. Erst als er es am Hernalser Gymnasium mit antisemitischen Priestern zu tun bekommt, vollzieht er eine Kehrtwende zum jüdischen Bekennertum, ohne allerdings zu seinem ursprünglichen Namen zurückzukehren: Als Felix Salten steigt er zu einem der führenden Wiener Theaterkritiker, Feuilletonisten und Erzähler auf, der mit so unterschiedlichen Romanfiguren wie Rehkitz Bambi und der Dirne Josephine Mutzenbacher in die Literaturgeschichte eingeht.
Als 1931 die Buchneuerscheinung »Mütter und Amazonen« im gesamten deutschsprachigen Raum Aufsehen erregt, rätselt alle Welt, wer der Autor dieser ersten weiblichen Kulturgeschichte namens Sir Galahad sein mag. Und was stellt sich heraus? Es ist kein Sir, sondern eine Lady: die Wiener Frauenrechtlerin Bertha Eckstein, geborene Diener.
Ein interessantes Beispiel von Künstlername liegt auch bei dem 1869 in dem ostböhmischen Dorf Daschitz geborenen Alois Tlučhoř vor, der nach seiner Übersiedlung ins niederösterreichische Perchtoldsdorf einen Lehrerposten antritt und nebenher Jugendbücher zu schreiben beginnt, die sogar zu den »Hits« eines Mark Twain oder Karl May in Konkurrenz treten: Seine »Höhlenkinder«-Romane erreichen Massenauflagen, von denen andere nur träumen können. Daß er sie unter dem Pseudonym Sonnleitner erscheinen läßt, hat zwei Gründe: Erstens will er damit seinem geliebten Wohnsitz auf der Perchtoldsdorfer Sonnleiten huldigen, und zweitens kann er auf diese Weise seinen Berufswunsch zum Ausdruck bringen, die jungen Leser auf die »Sonnenseite« des Lebens zu führen.
Um nicht mit seinem älteren Bruder Oscar verwechselt zu werden, für dessen Tätigkeit als Verfasser mittelmäßiger Lustspiele er sich geniert, ändert der 1878 in Wien geborene Kulturhistoriker, Feuilletonist und Kabarettist Egon Friedmann seinen Familiennamen zu Friedell ab, indem er dessen zweite Silbe durch die Endung ell ersetzt (die er übrigens nicht aus der Luft greift, sondern sich von einem seiner Studienfreunde »ausborgt«, einem Mitglied der altehrwürdigen Grafensippe von Castell).
Wir kommen ins 20. Jahrhundert. Jean Améry klingt eleganter als Hans Mayer. Der 1912 in Salzburg geborene Essayist gelangt zu seinem Pseudonym, indem er seinen Vornamen ins Französische übersetzt und die einzelnen Buchstaben seines Nachnamens durcheinanderwirbelt – so einfach ist das.
Ähnlich verfährt der aus dem altösterreichischen Czernowitz stammende Lyriker Paul Celan, der seinen Geburtsnamen Ancel (oder Antschel) anagrammatisch umstellt. Unbeabsichtigter Nebeneffekt: Da Celan, während der NS-Zeit in einem rumänischen Arbeitslager interniert, nach dem Zweiten Weltkrieg vorwiegend in Paris lebt, erleichtert ihm sein französisch anmutendes Pseudonym die Integration in seiner neuen Heimat. Ein für seinen literarischen Durchbruch kluger Schritt ist es gewiß auch, daß der seit 1942 in Wien ansässige Serbe Milutin Doroslovac, als er 1945 mit dem Schreiben von Erzählungen beginnt, seinen schwer auszusprechenden Namen zu Milo Dor verkürzt. Sollten Sie bei einigen seiner frühen Veröffentlichungen auf den Namen Fedor stoßen, hat auch dies seinen tieferen Sinn: Milo Dor hat eine Zeitlang mit dem heute vergessenen Kollegen Reinhard Federmann zusammengearbeitet; Fedor ist das den beiden Autoren gemeinsame Pseudonym.
Einen Fall für sich stellt der berühmte H. C. Artmann dar, dessen Dialektgedichte »med ana schwoazzn dintn« seit 1958 zum klassischen Bestand der zeitgenössischen österreichischen Literatur zählen. H. C. – das mag manchen Leser zu der Annahme verleiten, der für seine Kapriolen bekannte Kauz habe sich mit einem fiktiven, einem sozusagen angemaßten Ehrendoktorat schmücken wollen. Die Wahrheit ist: Hinter den Initialen H. und C. verbirgt sich nichts anderes als seine beiden echten Vornamen Hans und Carl. Und jetzt kommt der eigentliche Clou: 1991 verleiht ihm die Universität Salzburg zum 60. Geburtstag tatsächlich die Ehrenwürde eines Dr. h. c. Doppelt hält besser …
Auch das Gegenteil davon gibt es: äußerste Verknappung. Zwei Beispiele fallen mir dazu ein: eine Schriftstellerin und ein Komponist, die – altersmäßig knapp achtzig Jahre auseinander – eines gemeinsam haben: Beide »unterschlagen« ihren Vornamen, treten ausschließlich unter ihrem Familiennamen auf. Es sind die französische Romanautorin Colette und der österreichisch-taiwanesische Komponist Shih. Den gleichen Weg geht der 1967 als Stefan Griebl im oberösterreichischen Vöcklabruck geborene und vor allem als Theaterautor bekannt gewordene Franzobel. Einen Vornamen werden Sie in diesem Fall nur im Standesamtsregister finden. Und falls es Sie interessiert, wie er zu seinem Pseudonym gekommen ist: Franzobel ist eine Kombination aus dem Vornamen seines Vaters (Franz) und dem Mädchennamen seiner Mutter (Zobl).
Eine Namensänderung, von der ich erst anläßlich der Feiern zum hundertsten Geburtstag des deutschen Feuilletonforschers Wilmont Haacke erfuhr, kann ich besonders gut nachempfinden – schon deshalb, weil während meiner Universitätsjahre in Münster Haacke einer meiner wichtigsten Lehrer gewesen war. Der 1911 in dem Eifel-Städtchen Monschau Geborene erhielt auf Geheiß seines Vaters, eines glühenden Monarchisten und trinkfesten Burschenschafters, den Vornamen Wilhelm – als Verbeugung vor dem letzten deutschen Kaiser. Für den Heranwachsenden, den der Vater gegen seinen Willen in eine Kadettenanstalt gesteckt und in eine schlagende Verbindung gedrängt hatte, waren militärischer Drill und »Burschenherrlichkeit« ein Greuel – und somit auch sein kaiserlicher Vorname. Als er kurz darauf im damaligen Berlin sein Universitätsstudium aufnahm, legte er daher den Wilhelm ab, verkürzte ihn auf Wil, fügte als zweite Silbe eine Anspielung auf seinen Geburtsort Monschau hinzu und ging von da an als Wilmont durchs Leben. Es ist anzunehmen, dass er der einzige Wilmont gewesen ist, den es jemals gegeben hat.
Sie haben schon lange keinen Jean Paul mehr gelesen? Dann nehmen Sie dessen 1796 erschienenen Roman »Leben des Quintus Fixlein« zur Hand und machen Sie sich über das Vorwort her. Aus diesem »Billet an meine Freunde« erfahren Sie, wie der Idylliker aus dem oberfränkischen Wunsiedel durch Weglassung seines Familiennamens Richter zu seinem Pseudonym kommt: »Hier lässet der Verfasser seine halbe Anonymität fahren und unterschreibt sich zum ersten Mal mit seinem ganzen Namen.«
Weil in seinen Gesellschaftskreisen das »Poetisieren« als unschicklich gilt, versteckt sich
