Herausgeforderter Glaube: Zwischenrufe zu Zeitfragen
Von Karl Hillenbrand
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Buchvorschau
Herausgeforderter Glaube - Karl Hillenbrand
Lernen
aus der Geschichte
Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung
Juden und Christen
Der Stein schreit aus der Mauer" (Hab 2,11). Mit dieser alttestamentlichen Bibelstelle hat ein Zeitzeuge sein tiefes Entsetzen darüber ausgedrückt, was vor mittlerweile mehr als 70 Jahren geschehen ist: In einer bis dahin nicht erlebten Verwüstungsaktion, die von der Naziregierung organisiert war, wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 überall in Deutschland jüdische Synagogen und Friedhöfe geschändet, angezündet oder zerstört, jüdische Geschäfte, Häuser und Wohnungen wurden geplündert und demoliert. Über 400 Juden kamen dabei gewaltsam ums Leben; in den folgenden Tagen wurden weitere 30 000 in Konzentrationslager verschleppt. Die damaligen Ausschreitungen waren eine weitere Radikalisierung der Judenverfolgung, die schon seit 1933 mit einer systematischen Einschränkung der Rechte von knapp 600 000 jüdischen Mitbürgern im Deutschen Reich begonnen hatte. Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren von denen, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, 180 000 ermordet; weltweit kamen in diesem unvorstellbaren Holocaust, der durch den menschenverachtenden Rassenwahn eines verbrecherischen Regimes ins Werk gesetzt worden war, sechs Millionen jüdischer Männer, Frauen und Kinder ums Leben.
Die Erinnerung an die sogenannte Reichspogromnacht darf allerdings nicht bei einem bloß historischen Rückblick auf einen der schlimmsten Tage deutscher Geschichte stehenbleiben. Es stellt sich die Frage, welche Art des Gedenkens für uns als Christen angemessen ist, damit aus der bedrückenden Einsicht in die Vergangenheit eine befreiende Aussicht auf die Zukunft erwachsen kann. Dabei darf gerade im Blick auf die damaligen Vorgänge nichts beschönigt werden, denn im Unterschied zu den späteren Mordaktionen in den Vernichtungslagern der Nazis spielten sich die Vorgänge in der Nacht des 9. November vor aller Augen ab. Es gab damals viel Gleichgültigkeit und Gemeinheit bis zur Beteiligung an den Plünderungen, zum Teil unverhohlene Schadenfreude, aber auch Zeichen des Mitgefühls und der Empörung. „Der Stein schreit aus der Mauer" – der eingangs erwähnte Bibelvers wirkt auch heute noch wie eine Anklage, wenn es darum geht, das Unfassbare von damals ins Wort zu bringen.
Es geht gerade für uns Christen um ein Lernen aus der Schuldgeschichte am jüdischen Volk; denn man kann sich nicht mit der Zukunft beschäftigen und dabei das Vergangene ignorieren, indem man einfach einen Schlussstrich zieht. Das ist nicht möglich. Perspektiven für ein tragfähiges Miteinander von Juden und Christen lassen sich nur gewinnen, wenn das Geschehene – sicher oft mühsam – aufgearbeitet und in einen neuen Zusammenhang gestellt wird. Den Schlüssel dafür sehe ich in der Inschrift, die über der Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem steht, die den Opfern der Shoa gewidmet ist: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Darin liegt ein wichtiger Hinweis, wie wir heute von Schuld, Leid und Versöhnung reden können, ohne dass Belastendes verdrängt und zugleich Ermutigendes übersehen wird. Ich möchte dabei aber nicht im Allgemeinen bleiben, sondern an persönliche Erlebnisse im Umgang mit den Folgen des Geschehens von damals anknüpfen und damit Gedanken verbinden, die vielleicht für uns alle wichtig sind.
1. Hörend und lernend teilnehmen
Ein erstes Erlebnis bezieht sich auf die Einweihung der neuen Würzburger Synagoge im Jahr 1970. Ich stand damals kurz vor dem Abitur; ich erinnere mich noch genau, wie kurz darauf ein Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, das den Naziterror überlebt hatte, bei uns im Religionsunterricht zu Gast war. Als wir ihn seinerzeit fragten, mit welchen Gefühlen er diese Einweihungsfeier erlebt habe, gab er unumwunden zu, dass zunächst schlimme Erinnerungen in ihm hochgekommen seien: an ermordete Angehörige, an die Vernichtung der beruflichen Existenzgrundlage und vieles andere mehr. Ein Zeichen der Hoffnung sei für ihn jedoch der Moment gewesen, als der damalige Würzburger Bischof Josef Stangl (1907–1979) dem Rabbiner und dem Gemeindevorstand eine Thorarolle überreichte, die 1938 ein Pfarrer aus der brennenden Synagoge seiner Gemeinde gerettet hatte. Ihm sei dabei aufgegangen, so dieser Zeitzeuge, dass eine versöhnte Zukunft von Juden und Christen nur im gemeinsamen Mühen um die Bewahrung des biblischen Gotteswortes möglich sein werde. Auf seine Weise hat Bischof Stangl, der sich schon vorher auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit großem persönlichen Einsatz für eine wegweisende Erklärung der katholischen Kirche zum jüdischen Volk stark gemacht hatte, diese Einsicht im letzten Jahr seines Lebens (1978) noch einmal so formuliert: „Juden und Christen verstehen sich beide als Zeugen eines Gottes, von dem her keine Kluft zu dieser Welt hin besteht. Er ist ein Gott, dessen Nähe und Gegenwart uns gewährt ist. Diese Gegenwart Gottes gibt uns zu jeder Stunde Sicherheit und unseren tausend Ängsten Halt. So werden wir zu Trägern der Hoffnung für alle in dieser Welt, die leer sind und ohne Sinn dahinleben. Wir Christen wollen künftig noch mehr auf die Gotteserfahrung Israels achten. Wir möchten hörend und lernend an der Existenz Israels teilnehmen."¹
Hörend und lernend teilnehmen – in diesen Worten des damaligen Bischofs finde ich einen Zugang zu tragfähiger Versöhnung auf der Grundlage des gemeinsamen Glaubens an einen Gott, der über der Geschichte steht und zugleich in der Geschichte wirkt. Nur so lassen sich Misstrauen und Argwohn abbauen. Nur so wird aus der Rückschau in die Vergangenheit eine echte Zeitgenossenschaft zwischen heute lebenden Juden und Christen möglich. Denn es reicht nicht aus, dass sich Christen auf ihre jüdischen Wurzeln aus biblischer Zeit besinnen. Es gibt gerade in einer pluralen Gesellschaft wie der unseren, in welcher der Glaube nicht mehr das Fundament, sondern allenfalls ein Element im Ganzen darstellt, gemeinsame Herausforderungen und Aufgaben von Juden und Christen, die gerade im Horizont von Schuld und Versöhnung wichtig werden: etwa die Frage, wie mit ökologischen Problemen umzugehen ist, wenn die Welt im jüdischchristlichen Verständnis als Schöpfung Gottes gesehen wird; die Argumente in der Debatte um Fragen der Gentechnik und Bioethik, wenn es um die gemeinsame Sicherung der Menschenwürde und des Lebensschutzes geht; die Positionierung in der Familien- und Sozialpolitik oder auch um die Haltung im Streit um den Gottesbezug im Grundlagenvertrag einer europäischen Gemeinschaft, die ja nicht nur auf Werten des christlichen Abendlandes aufbaut, sondern auch Elemente der jüdischen Tradition integriert. Natürlich ist auch das Judentum insgesamt pluraler geworden – es gibt orthodoxe, reformierte und liberale Ausrichtungen; dazu kommt speziell bei uns die noch lange nicht abgeschlossene Aufgabe einer Integration jener jüdischen Mitbürger, die in den 90er Jahren nach der politischen Wende als Flüchtlinge aus den osteuropäischen Ländern kamen und oft mit den religiösen Fragen und Traditionen des Judentums überhaupt nicht mehr vertraut waren. Doch gerade in dieser Umbruchsituation aufgrund des gesellschaftlichen Wandels kann die gemeinsame Besinnung auf Gott und sein Wirken in der Welt eine Basis für das gemeinsame Mühen von Juden und Christen um die Schaffung einer gerechten Gesellschaft sein.²
2. Im Dienst von Erinnerung und Versöhnung
Eine andere prägende Erinnerung in der Aufarbeitung des Geschehens vor siebzig Jahren fällt in die Zeit, als ich für die Priesterausbildung in unserem Bistum verantwortlich war (1983–1996). Neben dem Seminargelände befindet sich das Grundstück, auf dem von 1841 bis 1938 die Hauptsynagoge der jüdischen Gemeinde Würzburgs stand.³ Nach dem Krieg wurde dieses Areal von einer jüdischen Organisation in Amerika, die von der dortigen Regierung als Rechtsnachfolgerin der früheren Gemeinden festgesetzt war, an die Diözese verkauft, die es dem Priesterseminar überließ. Diese Aktion geschah gegen den ausdrücklichen Willen der noch in Würzburg verbliebenen Juden, für die dieser Vorgang, wie Zeitzeugenberichte dokumentieren, äußerst schmerzlich war. Hintergrund dieses Verkaufs war die damals vorherrschende Einstellung im internationalen Judentum, dass im Land der Täter niemals mehr Nachkommen der Opfer wohnen könnten. Die Überlebenden des Holocaust saßen noch lange Zeit nach ihrem eigenen Bekunden „auf gepackten Koffern, weil unklar war, welche Perspektiven für jüdisches Leben in Deutschland überhaupt möglich sein würden, zumal die meisten Zeugnisse einer über Jahrhunderte gewachsenen Kultur des Judentums nahezu völlig vernichtet waren. Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland konnte nach diesem radikalen, gewaltsamen geschichtlichen Einschnitt also nicht einfach an Vergangenes anknüpfen, sondern war zu einer völlig neuen Standortbestimmung genötigt. Gerade wenn man dies bedenkt, kann man es nachfühlen, wie schmerzhaft Maßnahmen wie die damalige Grundstücksveräußerung gegen den Willen der Überlebenden von diesen empfunden werden musste. Umso mehr hat es mich beeindruckt, als der langjährige Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde in Unterfranken, Senator David Schuster (1910–1999), bereit war, dieses Gelände im November 1988 erstmals seit der Zerstörung der Synagoge wieder zu betreten, um in einer Gedenkstunde an die Pogromnacht die Studenten unseres Priesterseminars zu einem aktiven Aufarbeiten der Geschichtslasten zu ermutigen. „Gerade Sie als künftige Priester der katholischen Kirche müssen im Wissen um die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens aktiv im Dienst der Erinnerung und Versöhnung stehen
, so lautete ein Satz seiner Ansprache. Uns alle hat dieser Schritt über trennende Gräben der Vergangenheit hinweg sehr bewegt. Schon damals klang auch der Wunsch an, der jüdischen Gemeinde den Rückerwerb dieses Grundstücks zu ermöglichen. Als ich David Schuster seinerzeit fragte, warum denn gerade dieser Ort für ihn so von Bedeutung sei, wo doch der Standort der Synagogen in Würzburg im Lauf der Jahrhunderte mehrfach gewechselt habe, gab er zur Antwort: „Die Jahrzehnte vom 19. bis ins 20. Jahrhundert waren erstmals die Zeit, in der Juden in Deutschland bürgerlich gleichberechtigt waren – deshalb ist für uns gerade dieser Platz so wichtig, weil er eine Mahnung ist, dass das künftige Miteinander von Juden und Christen als Dialog auf Augenhöhe geführt werden muss. Diese Begründung hat mich überzeugt; heute ist das ehemalige Synagogengrundstück wieder im Besitz der jüdischen Gemeinde und zu einem würdigen Ort des Gedenkens gestaltet worden. Der „Dialog auf Augenhöhe
ist freilich eine bleibende Aufgabe, die in jeder Generation neu angegangen werden muss. Der 2003 abgeschlossene Staatsvertrag, der Ausdruck des erklärten Willens ist, dass deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger jüdischen Glaubens ein wichtiger Bestandteil unseres Landes sein sollen, kann dabei nur die rechtliche Grundlage für alle persönlichen Bemühungen bilden, sich immer wieder neu für ein Miteinander im Begegnen und Verstehen einzusetzen. Deshalb ist es ermutigend, wenn die Grundlagen für dieses Miteinander so früh wie möglich ansetzen, sei es im Religions- und Geschichtsunterricht oder wenn Schulklassen jüdische Kulturzentren und Synagogen besuchen. Nur aus der Bereitschaft zur Begegnung können Verständnis und Wertschätzung wachsen; dies ist auch der beste Weg, gerade junge Menschen gegen neues antisemitisches Gedankengut immun zu machen. Erinnerung braucht Zukunft.
3. Schuld und neue Perspektiven
Eine weitere Erfahrung, wie Versöhnung die Bereitschaft zur Erinnerung braucht, ist mit meiner jetzigen Tätigkeit verbunden. Neben meiner Aufgabe als Generalvikar unseres Bistums bin ich auch Rektor der Marienkapelle, der Bürgerkirche im Herzen von Würzburg. Dieses Gotteshaus steht an einem
