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Geschichtsmythen: Die Macht historischer Erzählungen
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Geschichtsmythen: Die Macht historischer Erzählungen
eBook590 Seiten5 Stunden

Geschichtsmythen: Die Macht historischer Erzählungen

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Über dieses E-Book

Erzählungen über die Vergangenheit bestimmen unser kulturelles Gedächtnis und prägen unsere Gegenwart. Ob Churchill als »Retter der freien Welt«, Jeanne d'Arc als Beschützerin Frankreichs oder die Resistenza als antifaschistische Gründung Italiens: Geschichtsmythen sind auch in unserer vermeintlich aufgeklärten Welt allgegenwärtig. In seinem bahnbrechenden Werk Geschichtsmythen fragt Benjamin Hasselhorn: Wie entstehen diese Mythen? Welche Mechanismen sichern ihren Erfolg? Welche Rolle spielen sie im kollektiven Gedächtnis und wie formen sie unsere gesellschaftliche Identität? Und vor allem: Können Mythen entkräftet oder gar beseitigt werden? In einer Zeit, in der Mythen unsere Identität prägen und in hitzigen Debatten weiterleben, liefert Geschichtsmythen einen scharfsinnigen Blick auf die Erzählungen, die uns immer wieder neu definieren, und zeigt auf, warum sie bis heute politische und gesellschaftliche Macht ausüben.
SpracheDeutsch
HerausgeberEuropa Verlag
Erscheinungsdatum31. Juli 2025
ISBN9783958906495
Geschichtsmythen: Die Macht historischer Erzählungen

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    Buchvorschau

    Geschichtsmythen - Benjamin Hasselhorn

    BENJAMIN HASSELHORN

    GESCHICHTS-

    MYTHEN

    DIE MACHT HISTORISCHER ERZÄHLUNGEN

    1. eBook-Ausgabe 2025

    1. Auflage

    © 2025 Europa Verlag in der Europa Verlage GmbH, München Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

    Layout & Satz: Margarita Maiseyeva

    Redaktion: Franz Leipold

    Konvertierung: Bookwire

    ePub-ISBN:978-3-95890-649-5

    Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

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    Ansprechpartner für Produktsicherheit

    Europa Verlage GmbH

    Monika Roleff

    Johannisplatz 15

    81667 München

    Tel.: +49 (0)89 18 94 733-0

    E-Mail: info@europa-verlag.com

    www.europa-verlag.com

    Inhalt

    Einleitung

    Kapitel 1 GRUNDLEGUNG EINER GESCHICHTS-MYTHENFORSCHUNG

    DIE NÄHE DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT ZUM MYTHOS

    Auch Historiker erzählen

    Warum der Konstruktivismus keine Lösung ist

    Was die Geschichtswissenschaft vom Mythos unterscheidet

    MYTHEN VERSTEHEN – EIN BLICK AUF DIE FORSCHUNG

    Die Unverzichtbarkeit von Mythen

    Forschungsansätze in der Geschichtswissenschaft

    GESCHICHTSMYTHEN ERFORSCHEN – EIN NEUER ANSATZ

    Was macht einen Geschichtsmythos aus?

    Wie erforscht man Geschichtsmythen?

    Welche Arten von Geschichtsmythen gibt es?

    Kapitel 2 WIE ENTSTEHT EIN GESCHICHTSMYTHOS?

    GEMACHTE MYTHEN: »WILHELM DER GROSSE«

    SPONTANE MYTHEN: DER BISMARCK-MYTHOS

    ERGEBNIS: DAS SINNBEDÜRFNIS IST ENTSCHEIDEND

    Kapitel 3 WIE WANDELBAR SIND GESCHICHTS-MYTHEN?

    WANDEL INNERHALB EINER GESELLSCHAFT: DER LUTHER-MYTHOS

    WANDEL DURCH TRÄGERWECHSEL: DER JEANNE D’ARC-MYTHOS

    ERGEBNIS: DER KAUM WANDELBARE KERN

    Kapitel 4 MYTHENKÄMPFE

    UMKÄMPFTE MYTHEN: DIE BEFREIUNGSKRIEGE

    BEKÄMPFTE MYTHEN: DIE RESISTENZA

    ERGEBNIS: EIN VITALER MYTHOS IST UMKÄMPFT

    Kapitel 5 HEISSE UND KALTE

    MYTHENWANDEL DURCH WISSENSCHAFT? LUTHERS THESENANSCHLAG

    WISSENSCHAFT IM MYTHENKAMPF: DIE RESISTENZA

    WIRKUNGSLOSE MYTHENKRITIK: DIE BEFREIUNGSKRIEGE

    CHURCHILL UND DIE UNZERSTÖRBARKEIT LEBENDIGER MYTHEN

    ERGEBNIS: MYTHEN VERSCHWINDEN NICHT DURCH WISSENSCHAFT

    Kapitel 6 FAZIT

    Dank

    Quellen- und Literaturverzeichnis

    ARCHIVALISCHE QUELLEN

    PUBLIZIERTE QUELLEN

    Zeitungen

    Filme und TV-Sendungen

    Weitere publizierte Quellen

    LITERATUR

    ANMERKUNGEN

    PERSONENREGISTER

    Einleitung

    »Nichts ist zarter als die Vergangenheit;

    Rühre sie an wie ein glühend Eisen:

    Denn sie wird dir sogleich beweisen,

    Du lebest auch in heißer Zeit.«¹

    Wir sind von Geschichtsmythen umzingelt. Von Putins glorifizierender Geschichtspolitik des »Großen Russlands« bis zur Suche der Europäischen Union nach einer verbindenden Europa-Erzählung, von der Identifikation Wolodymyr Selenskyjs mit dem »Retter der freien Welt« Winston Churchill bis zur umstrittenen Reinszenierung der französischen Geschichte bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris 2024, von der neuen Auseinandersetzung um die Werte des Westens zwischen der US-Regierung und den EU-Staaten bis zu den regelmäßigen Parallelen, die zwischen der gegenwärtigen politischen Lage in Deutschland und dem Niedergang der Weimarer Republik gezogen werden: Bestimmte Vorstellungen über die Vergangenheit prägen unsere Sicht auf die Gegenwart, bieten uns Orientierung und manchmal sogar ein konkretes Handlungsziel.

    Dabei ist der Rückgriff auf die Vergangenheit keineswegs harmlos. Im Januar 2020 griffen Vermummte auf dem Campus der Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU) in Indien Studenten und Dozenten an. Romila Thapar, Althistorikerin und emeritierte Professorin der JNU, machte die hindunationalistische Ideologie der indischen Regierungspartei, die in der JNU einen Hort des Kommunismus erblicke, für die Angriffe verantwortlich. Diese seien Teil eines seit Längerem zu beobachtenden Versuchs der Regierung, die Geschichte Indiens durch hindunationalistische »Mythen«² zu ersetzen. Thapar forscht selbst über Geschichte als Mittel zur Identitätsstiftung.³ Sie lehnt diese Funktion von Geschichte nicht prinzipiell ab, plädiert aber dafür, Geschichte exakt und wissenschaftlich sauber zu rekonstruieren, bevor man aktualisierende Schlussfolgerungen ziehe. Wer das nicht tue und – wie beispielsweise die indische Regierungspartei – sogar Geschichtsbücher ideologisch umschreibe, verbreite Mythen.

    Von einem ähnlichen Gegensatzverhältnis zwischen Mythos und Geschichte geht der Historiker Andreas Wirsching aus, wenn er von der zeitgeschichtlichen Forschung fordert, in die politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart vor allem ihre Wissenschaftlichkeit einzubringen:

    »Gerade in ihrer zweckfreien Zuwendung zur Vergangenheit demonstriert Zeitgeschichte die Komplexität der Gegenwart und weist auf die Offenheit einer im Kern unverfügbaren Zukunft hin. Sie dekonstruiert Erfolgsgeschichten ebenso wie Niedergangsnarrative, dechiffriert Mythen und Legenden.«

    Die Auffassung Thapars und Wirschings über das Gegensatzverhältnis von Mythos und historischer Wirklichkeit dürfte typisch für die Verwendung des Mythosbegriffs in einem großen Teil der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft sein. Ein entsprechender Begriffsgebrauch ist schon bei Herodot nachweisbar, der die Herakles-Geschichte als »Mythos« bezeichnete und damit meinte, sie habe keine faktischen Grundlagen.⁵ In der Moderne beförderten zwei Entmythologisierungsschübe im Namen aufgeklärter Wissenschaftlichkeit diese Sichtweise. Der erste Schub setzte mit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein und führte zur Ausbildung einer auch in der Geschichtswissenschaft empirisch orientierten wissenschaftlichen Methodologie, der es in erster Linie um die Ermittlung historischer Realität und höchstens in zweiter Linie um normative Sinnentwürfe ging. Im Hintergrund dieser Entwicklung stand ein letztlich teleologisches Konzept eines Erkenntnisfortschritts »vom Mythos zum Logos«⁶. Mythen wurden in diesem Sinne als Überbleibsel veralteter beziehungsweise unwissenschaftlicher Wissens- und Glaubensbestände betrachtet.

    Der zweite Entmythologisierungsschub setzte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Es handelte sich dabei vornehmlich um eine Reaktion auf die offensive Nutzung von Mythen durch die politischen Totalitarismen, insbesondere auf die Versuche von Faschismus und Nationalsozialismus, eine »mythische Moderne«⁷ zu schaffen. Nicht nur im Marxismus galten Mythen als Teile eines aufgrund seiner fatalen politischen Folgen abzulehnenden »Irrationalismus«⁸. Dem Missbrauch und der Übersteigerung traditioneller und nationaler Mythen durch die totalitären und diktatorischen Regime setzte die Geschichtswissenschaft eine betont mythenkritische, nüchterndistanzierte Forschung entgegen. Mythen galten in erster Linie als Gegenstand der Entlarvung und wurden der durch wissenschaftliche Forschung ermittelten historischen Realität scharf gegenübergestellt.

    Auch die unter dem Stichwort »Konstruktivismus« zusammengefassten postmodernen Theorien haben trotz ihrer Stoßrichtung gegen empirisch-rationalistische Ansätze auf eine Weise Eingang in die Geschichtswissenschaft gefunden, die den Trend zur Entmythologisierung zunächst verstärkte, nämlich im Sinne einer enthüllenden Dekonstruktion traditioneller politischer wie historischer »Mythen«. Ausdrücklich wird heute der Geschichtswissenschaft der Zweck zugeschrieben, dabei zu helfen, »Mythen zu entlarven und so der Instrumentalisierung von Geschichte entgegenzuwirken«.⁹ Die Auffassung, dass Mythen wesentlich dadurch gekennzeichnet seien, dass »ein eindeutig feststellbarer Widerspruch zwischen einem historisch als real definierbaren Vorgang und seiner ganz anderen Verarbeitung in der späteren kollektiven Erinnerung feststellbar ist«¹⁰, ist nach wie vor verbreitet. Noch plakativer drückt es ein im Sommer 2024 von der Universität Jena gestartetes Projekt gegen Geschichtsrevisionismus aus: »Geschichte statt Mythen«.¹¹

    Trotz der Wucht der Entmythologisierungsschübe hat es allerdings immer auch Gegentendenzen gegeben, die zum Teil erhebliche Resonanz fanden. Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang nicht nur auf die Romantik und ihre Einwirkung auf die Historiografie des 19. Jahrhunderts, sondern auch auf Einflüsse aus der Philosophie und Religionswissenschaft. Hinzukommt jene Selbstkritik der Aufklärung, die besonders prominent von Theodor Adorno und Max Horkheimer formuliert wurde. Adorno und Horkheimer gingen von einer »Dialektik von Mythos und Aufklärung«¹² aus:

    »Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie. Allen Stoff empfängt sie von den Mythen, um sie zu zerstören, und als Richtende gerät sie in den mythischen Bann.«¹³

    Wenn diese Analyse stimmt, dann ist jeder Versuch, sich durch Dekonstruktion von Mythen zu lösen oder sie ihrer Wirksamkeit zu berauben, aussichtslos.

    Insofern ist es nicht überraschend, dass es neben Historikern mit ausgesprochen mythenfeindlicher auch solche mit mythenfreundlicher Haltung gegeben hat und auch weiterhin gibt. Ein neuerer Ausgangspunkt hierfür sind die in den 1970er-Jahren entwickelten Überlegungen Hayden Whites zum historischen »Emplotment«¹⁴, zur unvermeidlichen Narrativität von Geschichtsschreibung und zur »Unmöglichkeit, zwischen den verschiedenen Betrachtungen der Geschichte […] theoretisch angemessen eine Wahl zu treffen«¹⁵, weswegen die »alleinigen Kriterien für die Bevorzugung einer vor den anderen moralischer und ästhetischer Natur«¹⁶ seien. Jedenfalls wird die Narrativität geschichtswissenschaftlicher Arbeit zum Teil ausdrücklich begrüßt: In einem neueren Entwurf zur deutschen Demokratiegeschichte etwa vertritt Hedwig Richter die Auffassung, dass nicht nur staatliche Geschichtspolitik die eigene »Demokratiewerdung in enger Verbindung mit nationalen Schlüsselereignissen und Mythen« erzähle, sondern »dass auch historische Darstellungen Erzählungen sind, für die wir einen Plot wählen und in denen wir Bösewichte und Heldinnen auftreten lassen«.¹⁷ Paula M. Marks verfolgt in ihrer Darstellung der Schießerei am O. K. Corral 1881 zwar ganz im Sinne der mythenskeptischen Position das Ziel, »fact from fiction« zu unterscheiden, will damit aber nicht etwa die Realität ermitteln, sondern möchte ein »reasonable accurate narrative of the Tombstone drama« präsentieren.¹⁸ Über die dahinterstehende Auffassung, dass auch die geschichtswissenschaftlich arbeitende Historiografie »Narrative« produziert, dürfte weitgehend Konsens bestehen.¹⁹

    Eher implizit mythenfreundlich ist die Tendenz, der Geschichtswissenschaft ausdrücklich normative Urteilskompetenz zuzuschreiben. Hierfür liegt ein Ausgangspunkt in den 1970er-Jahren, als im Namen einer »Historischen Sozialwissenschaft« der Abschied von einem falschen Objektivitäts- und Neutralitätsideal gefordert wurde. Hans-Ulrich Wehler vertrat ein an einer normativ verstandenen »Modernisierungstheorie«²⁰ orientiertes Konzept von Geschichtswissenschaft. Es ging dabei, wie Georg Iggers feststellte, darum,

    »die Geschichte auf Grundlagen zu stellen, die mit den zeitgenössischen Vorstellungen von Wissenschaft, insbesondere von Sozialwissenschaft übereinstimmen, um so die Unzulänglichkeiten einer Vorstellung von Geschichtswissenschaft zu überwinden, die die geistigen Interessen und gesellschaftlichen Realitäten einer vergangenen Epoche widerspiegeln.«²¹

    Diesem Konzept entsprechend forderte Jürgen Kocka,

    »jenen Deutungen und Theorien den Vorzug geben, die bessere Chancen haben, einem Publikum mitgeteilt zu werden, denn die Mitteilung geschichtswissenschaftlicher Ergebnisse und Argumentationen ist notwendige Voraussetzung dafür, daß die Geschichtswissenschaft jene gesellschaftliche Funktion erfüllen kann, die man ihr vernünftigerweise zumuten kann und muß, wenn man sie als gesellschaftliche Veranstaltung eines relativ großen Mitteleinsatzes (Massenfach!) rechtfertigen will.«²²

    Ohne sich explizit auf diese Vorbilder zu stützen, spielt die Vorstellung von bewusster Normativität als Aufgabe der Geschichtswissenschaft auch heute eine Rolle. So bezeichnet etwa Andreas Wirsching die Zeitgeschichte als »Deutungswissenschaft der Gegenwart« und macht ihre Relevanz darin aus, dass sie »sich nicht um die Gegenwartsdeutung herumdrückt, sondern im Gegenteil sich offensiv in die Deutungskämpfe der Gegenwart einmischt«.²³

    Wo solche Einmischung in Deutungskämpfe geschieht, ist eine positiv gewendete Nutzung von Mythen oder zumindest »Narrativen« naheliegend. Schon früh waren die Warnungen vor der »Billigkeit der Mythenverachtung«²⁴ vor allem dort zu beobachten, wo es um Geschichtspolitik ging oder zumindest um die Vermittlung historischer Forschungsergebnisse an eine nichtwissenschaftliche Öffentlichkeit, etwa in der Geschichtsdidaktik oder der konkreten historischen Bildungsarbeit anlässlich historischer Jubiläen.²⁵ Ein prominentes Beispiel hierfür sind die beiden letzten Lutherjubiläen in Deutschland. 1983, anlässlich des 500. Geburtstags des Reformators, wurde Martin Luther in der DDR mit einem umfangreichen Ausstellungs- und Publikationsprogramm gewürdigt; Erich Honecker nannte Luther gar einen »der größten Söhne unseres Volkes«²⁶.

    In der Bundesrepublik fand eine große Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg statt, die dagegen weder auf Aktualisierung noch auf Identitätsstiftung, sondern auf distanzierte Wissenschaftlichkeit setzte. Der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung, der Kirchenhistoriker Bernd Moeller, nannte als Ziel ausdrücklich, die Reformationszeit dem heutigen Besucher als eine »uns sehr fremde Zeit« vor Augen zu führen und Luther historisch zu kontextualisieren:

    »Wir haben den Versuch unternommen, die Gestalt und das Lebenswerk Luthers in den Zusammenhang hineinzustellen, in den sie ursprünglich gehören, wir zeigen das geschichtliche Beziehungsgefüge, in das Luther hineingeboren wurde, das ihm die Voraussetzungen und Bedingungen bot zu dem, was man einen großen Mann nennt, zu werden und das er maßgebend umgestaltet hat.«²⁷

    Ein Rezensent quittierte diesen Versuch mit dem Urteil: »Nicht Objektivität ist das Ergebnis, sondern Langeweile.«²⁸

    Unveröffentlicht blieb seinerzeit eine briefliche Auseinandersetzung zwischen dem Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Günther Gillessen, und dem an der wissenschaftlichen Konzeption der Ausstellung beteiligten Historiker Hartmut Boockmann.²⁹ Gillessen störte sich vor allem an der distanzierten Art der Ausstellungstexte, hinter der er eine kritische, ideologisch motivierte Stoßrichtung gegen die Religion überhaupt vermutete. Boockmann wies diese Vermutung zurück und verteidigte den nüchtern-distanzierten Standpunkt der Ausstellung mit dem Hinweis, es sei falsch, »dem Publikum Gefühle und Wertungen aufzunötigen«³⁰. Gillessen antwortete:

    »Wie fortgeschritten auch immer der Grad der Säkularisation in Europa erscheinen mag oder ist – der Besucher einer solchen Ausstellung sollte jedenfalls begreifen dürfen können, daß das, was er da sieht, ihn viel angeht, daß er da seiner eigenen Herkunft begegnet. Es gibt ja fast keinen Wert in unserer Zivilisation, in dem man nicht noch immer die christliche Prägeform […] erkennen könnte. […] Zuviel Distanz bedeutet auch Entwertung und Entwürdigung […]. Unser Disput geht nicht darüber, ob man anderen Wertungen aufdrängen dürfe, sondern über das Maß der Distanz. Soll vorhandene oder unterstellte Fremdheit des Publikums zum Gegenstand sich lösen können oder soll es sich in Ver- oder gar Entfremdung steigern? […] Und ist es nicht auch eine Bedingung historischer Forschung, daß der Forscher die Distanz nicht nur halten können muß, sondern auch aufgeben: daß er sich selbst in andere versetzen [kann] – die Grundlage allen Verstehens? Wie ›fremd‹ also darf eine Ausstellung über eine der großen religiösen Entscheidungen in Europa für das Publikum ausfallen?«³¹

    Dieselben inhaltlichen Argumente – historische Kontextualisierung und wissenschaftliche Distanz auf der einen Seite, Identitätsstiftung und die Frage nach der Gegenwartsrelevanz des historischen Erbes auf der anderen Seite – spielten während des Reformationsjubiläums 2017 anlässlich des 500. Jahrestags von Luthers Thesenanschlag wieder eine Rolle; diesmal allerdings in einem öffentlich ausgetragenen Streit.³² Der damalige Vizepräsident im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Thies Gundlach, warf der theologischen Wissenschaft vor, keine konstruktive Perspektive für das Jubiläum zu besitzen. Während die »Überzeugung, in der Reformation, insbesondere in Martin Luther und seinen Anfängen, eine Substanz zu haben, die die Ängste der Gegenwart begrenzen und die Orientierungslosigkeit einhegen kann«³³, vor allem jenseits von Theologie und Kirche verbreitet sei, pflegten die Wissenschaftler eine »grummelige Meckerstimmung« und »besserwisserische Ignoranz« gegenüber dem Jubiläum und spielten, wie schon in den 1980er-Jahren, die »Historisierungskarte«³⁴:

    »Will man für ein Geschichtsdatum eine aktuelle Relevanz und eine zukunftsweisende Bedeutung entfalten, sollte man nicht bei der historischen Forschung stehen bleiben. Das Risiko einer aktuellen Nutzung der Erinnerungen an die Reformation war und ist zuerst die Aufgabe und die Verantwortung der evangelischen Kirchen und ihrer Theologie, die auch gegenüber der Zivilgesellschaft sagen können muss, was an diesen historischen Ereignissen noch heute relevant ist. Dieser Aufgabe mussten sich die reformatorisch geprägten Kirchen oftmals ohne Begleitung durch die zuständige Wissenschaft stellen, und eben dies ist der Kummer vieler Kirchenleitender: Die theologische Wissenschaft kritisiert die Vorbereitung beziehungsweise Gestaltung des Jubiläums, lassen [sic!] sie aber bei einer gegenwartsbezogenen Interpretation des Jubiläums allein. Da bleibt die Frage zurück, was los ist in einer Wissenschaft, die ja im Grunde eine einzigartige Gelegenheit hätte, dieses Jubiläum zu nutzen, um einer distanzierten, vielleicht sogar skeptischen Gesellschaft die eigene Relevanz sichtbar und verständlich zu machen.«³⁵

    In einer Replik verwahrten sich der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann und der Systematische Theologe Martin Laube gegen den Wunsch, »geschichtspolitischen Voreingenommenheiten zu Dienst und Willen« zu sein, und warfen Gundlach vor, von der Wissenschaft »nichts anderes« zu wollen

    »als monumentalische Geschichtsbetrachtung im Sinne des Philosophen Friedrich Nietzsche oder die Fortsetzung der DDR mit anderen Mitteln: Instrumentalisierung der Wissenschaft zum Zwecke staatlichideologischer Nützlichkeit oder kirchlicher Opportunität«.³⁶

    Zwar sei »die Frage, was uns mit der Reformation verbindet und was uns von ihr trennt«, auch für die wissenschaftliche Theologie wichtig, aber: »Nichts schützt so wirkungsvoll gegen vorschnelle Identifikationen und Instrumentalisierungen wie eine Historisierung.«³⁷ Wer dagegen von der Wissenschaft erwarte, eine »gehaltvolle Gegenwartsdeutung der Reformation« im »Twitterformat« anzubieten, mache aus der Wissenschaft eine »Werbeagentur zur Vorbereitung staatlich-kirchlicher Eventkampagnen« und verkenne die notwendige Pluralität und Differenziertheit wissenschaftlicher Urteile und Deutungen.³⁸

    In der konkreten historischen Bildungsarbeit des Reformationsjubiläums schien sich allerdings weder die kirchliche noch die fachwissenschaftliche Position durchzusetzen, sondern eine vermittelnde. In den meisten der zahlreichen Jubiläumsaktivitäten wurde versucht, beide Anliegen – die differenzierte historische Kontextualisierung und die aktualisierende Aneignung des historischen Erbes – als prinzipiell legitim zusammenzudenken.³⁹ In diesem Zusammenhang wurde auch auf überkommene Luthermythen zurückgegriffen; nicht nur, aber vor allem in den Werbemaßnahmen für Ausstellungen und andere Projekte.⁴⁰ Das didaktische Argument für diese Praxis lautet, dass weder das zusammenhanglose Sammeln von Einzelfakten noch die reine Dekonstruktion überkommener Sinnbilder für die Ausbildung historischen Bewusstseins hinreichend ist.⁴¹ Aufgrund ihrer bildhaften Verdichtung und narrativen Eingängigkeit, aber auch aufgrund des Ziels, historisches Wissen als Bestandteil historischer Bildung zu aktualisieren, sei der Rückgriff auf Mythen vielmehr unumgänglich – umso wichtiger sei ein reflektierter Umgang mit Mythen.⁴²

    Neben der Erkenntnis der notwendigen Narrativität der Geschichtswissenschaft und den im weitesten Sinne didaktischen Argumenten für eine Nutzung von Geschichtsmythen liegt eine weitere Ursache für die Mythenrenaissance in den Langzeitkonsequenzen dekonstruktivistischer Ansätze. Diese stellen nicht nur traditionelle Geschichtsmythen infrage, sondern überhaupt die Annahme einer historischen Realität, die mithilfe einer methodisch geschulten Quelleninterpretation ermittelt werden kann. Wenn aber jede Form der Geschichtsschreibung eine Konstruktion ist, deren Realitätsgehalt nicht überprüft werden kann, dann spricht nichts dagegen, auch wieder offensiv auf normativ geprägte Narrative zurückzugreifen. Vor diesem Hintergrund scheint das Bedürfnis, alte Mythen zu dekonstruieren, weniger der Tatsache geschuldet gewesen zu sein, dass es sich dabei um Mythen handelte, sondern eher mit deren konkreten inhaltlich-normativen Implikationen zusammenzuhängen. In diesem Sinne werden dann eher alte durch neue Mythen und Narrative ersetzt – und nicht so sehr alte Mythen durch eine wissenschaftlich abgesicherte Faktizität oder gar eine »wissenschaftliche« Wahrheit. In dem Zusammenhang spielt auch eine Rolle, dass eine Dekonstruktion von Mythen gar nicht in jedem Fall zu einer quellenadäquateren Interpretation der Vergangenheit führt.⁴³ Wenn dagegen dem dekonstruierten Mythos ein eigener, positiver Interpretationsentwurf entgegengesetzt wird, ist dieser in der Regel auf dieselbe Weise und mit denselben Mitteln dekonstruierbar wie der ursprüngliche Mythos. Es wird dann faktisch lediglich ein alter Mythos durch einen neuen Mythos ersetzt.⁴⁴ Gerade diejenigen, die sich innerhalb wissenschaftlicher Debatten gegen von anderen Wissenschaftlern vertretene »Mythen« zur Wehr setzen, bestätigen damit, dass es zwischen Geschichtswissenschaft und Mythos ein besonderes Näheverhältnis gibt, das mit der Sinnstiftungsfunktion sowie mit der narrativen Struktur der historischen Erkenntnis zusammenzuhängen scheint.

    Die Auseinandersetzung zwischen »Mythosfreunden« und »Mythosfeinden« liegt allerdings nicht nur an inhaltlichen Divergenzen, sondern hat auch mit begrifflicher Unschärfe zu tun. Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition, was ein Mythos oder zumindest ein Geschichtsmythos eigentlich ist. Auch existieren verschiedene Ersatzbegriffe, die entweder dasselbe Phänomen erfassen wollen oder zumindest Verwandtes bezeichnen. Dazu gehören »Erinnerungsorte«⁴⁵, »Erinnerungskultur«⁴⁶ und »intentionale Geschichte«⁴⁷. Viele Arbeiten operieren aber auch einfach ohne genauere Definition mit dem Mythosbegriff.⁴⁸ Das ist insofern problematisch, als schon die beiden häufigsten Begriffsverwendungen – der Alltagssprachgebrauch vom Mythos als verbreitetem Irrtum und der religionswissenschaftliche Begriff vom Mythos als einer »heiligen Geschichte« – weit auseinandergehen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Mythosbegriff erfolgt in dieser Arbeit in Kapitel 1; als Arbeitsdefinition soll hier aber bereits festgehalten werden:

    Ein Geschichtsmythos ist eine Erzählung über die Vergangenheit, die in der Gegenwart für eine Gruppe Sinn und Bedeutsamkeit stiftet.

    Der Mythosbegriff ist dabei adäquater als die bisher vorgeschlagenen Alternativbegriffe, gerade weil bei dem als Geschichtsmythos bezeichneten Phänomen der Alltagssprachgebrauch und der religionswissenschaftliche Mythosbegriff in ihrer Bedeutung »mitschwingen« und so der zentrale Aspekt eines Geschichtsmythos – die Sinnstiftungsfunktion für die Gegenwart – im Fokus bleibt.

    Von diesem Begriff ausgehend, soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, einen Zugang zum Phänomen Mythos zu entwickeln, der Geschichtsmythen historisch erfassbar und erforschbar macht. Dieses Anliegen mag auf den ersten Blick überraschen, vor allem angesichts der Menge geschichtswissenschaftlicher Arbeiten, die verschiedene Geschichtsmythen untersuchen. Allerdings ist die bisherige geschichtswissenschaftliche Mythosforschung nach wie vor häufig mit dem Anliegen einer »Dekonstruktion« von Mythen in entlarvender Absicht verbunden – oder betreibt umgekehrt affirmativ selbst Mythisierung mit dem Hinweis auf die Unvermeidbarkeit von narrativer Sinnstiftung auch durch die Geschichtswissenschaft selbst. Erst in jüngerer Zeit und angeregt durch die Mythosforschung anderer Disziplinen gibt es in der Geschichtswissenschaft Ansätze zu einer Mythenanalyse, die möglichst ohne dekonstruierende oder affirmierende Absicht zunächst einmal das Phänomen selbst verstehen will.⁴⁹ Diese Ansätze bewegen sich allerdings meist entweder auf einer sehr abstrakten Ebene, die zu allgemein ist, um beispielsweise eine Kategorisierung oder Typisierung von Mythen zu ermöglichen, oder sie beziehen sich wiederum sehr konkret auf einen einzigen Mythos, der in seiner Genese und Funktion erforscht wird. Es fehlt dagegen bislang eine systematisierende Synthese, es fehlt ein Überblick, es fehlt auch an einer tragfähigen Theorie und Methodik geschichtswissenschaftlicher Mythosforschung.

    In diesem Buch soll genau das geschehen. Die Leitfrage dieser Untersuchung ist daher nicht, ob und inwiefern Geschichtsmythen der historischen Wirklichkeit entsprechen. Vielmehr sind Leitfragen der Untersuchung: Wie entsteht ein Geschichtsmythos? Sind Geschichtsmythen sämtlich »konstruiert«, und sind sie es alle in derselben Weise? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Mythos sich in einer Gruppe oder einer Gesellschaft etabliert? Welchen Wandlungen und Transformationen sind Mythen ausgesetzt? Wie wandelbar sind sie überhaupt? Wie werden sie um- und bekämpft? Was muss geschehen, um einen Mythos wieder zum Verschwinden zu bringen? Und welche Rolle spielt die Geschichtswissenschaft bei alledem?

    Um diese Fragen zu beantworten, schafft dieses Buch eine neue Grundlegung für eine Geschichtsmythenforschung. Es beantwortet die Frage, was Geschichtsmythen sind, wie man sie erforscht und was man bereits über sie weiß.

    In Kapitel 1 wird dazu von einem »weiten« Mythosbegriff ausgegangen, der im Grunde alles als Geschichtsmythos fasst, was als solches bezeichnet wird, und dann in Auseinandersetzung mit der Mythosforschung innerhalb wie außerhalb der Geschichtswissenschaft eine Arbeitsdefinition für Geschichtsmythen entwickelt, die vor allem auf die Funktionsunterschiede zwischen wissenschaftlichem und mythischem Zugang zur Vergangenheit abhebt. Unter Bezugnahme auf den »klassischen« Streit zwischen theoretisch und narrativ orientierter Geschichtswissenschaft sowie in kritischer Auseinandersetzung u. a. mit Hayden White wird die Argumentation entwickelt, dass Geschichtsmythen und Geschichtswissenschaft in einem Nahverhältnis zueinander stehen, aber doch hinreichend klar voneinander unterscheidbar sind. Gemeinsam haben sie, dass es sich um Narrationen über die Vergangenheit handelt; unterscheidbar sind sie aber dadurch, dass die Narrationen der Geschichtswissenschaft nachprüfbar und kritisierbar sind, und dadurch, dass Geschichtswissenschaft in erster Linie die Erkenntnis der Vergangenheit verfolgt, während der Mythos primär auf die Sinnstiftung in der Gegenwart zielt.

    Vor diesem Hintergrund gibt es drei mögliche geschichtswissenschaftliche Zugänge zu Geschichtsmythen: die Mythenkritik, die die Plausibilität geschichtsmythischer Narrationen am Maßstab der Geschichtswissenschaft misst; die »Arbeit am Mythos«⁵⁰ mit dem Ziel, als konstruktiv verstandene Geschichtsmythen zu schaffen oder zu unterstützen; und schließlich die Mythenanalyse, die Geschichtsmythen als eigene historische Phänomene geschichtswissenschaftlich untersucht und auf diese Weise Entstehungs- und Wirkmechanismen von Geschichtsmythen erforscht. Im Kapitel 1 »Welche Arten von Geschichtsmythen gibt es« wird für die Mythenanalyse als genuin wissenschaftlichen Zugang plädiert und ein Vorschlag für eine Methodik mythenanalytischer geschichtswissenschaftlicher Mythosforschung entwickelt. Diese Methodik wird ergänzt durch den Vorschlag einer Typologie historischer Mythen. Diese umfasst die wesentlichen Aspekte von Geschichtsmythen, die mithilfe der Geschichtswissenschaft untersucht werden können. Es handelt sich dabei um die Entstehung und Etablierung eines Mythos, um Mythentransformationen, Mythenkämpfe sowie das Verschwinden eines Mythos.

    In den Kapiteln 2 bis 5 werden dann konkrete Geschichtsmythen untersucht, um zu zeigen, dass die vorgeschlagene Typologie »funktioniert«. Leitfragen sind dabei: Wieso sind manche Mythen erfolgreich, andere aber nicht (Kapitel 2)? Wie weit geht die Konstruier- und Wandelbarkeit von Mythen (Kapitel 3)? Und unter welchen Bedingungen büßt ein einmal erfolgreicher Mythos seine Wirkmächtigkeit wieder ein (Kapitel 4 und 5)? Diese Leitfragen hat die Geschichtsmythenforschung bislang nicht oder kaum gestellt. Dabei sind diese Fragen notwendig, um überhaupt ermitteln zu können, in welchen Aspekten Geschichtsmythen einander ähneln und in welchen Aspekten sie sich voneinander unterscheiden. Eine Kernthese dieses Buches ist, dass sich Geschichtsmythen tatsächlich im Hinblick auf alle diese Fragen voneinander unterscheiden; dass also Mythen nicht nur – wie bisher in der Forschung gängig – im Hinblick auf die unterschiedlichen mythisierten historischen Gegenstände oder im Hinblick auf ihre inhaltlich-politischen Funktionen voneinander unterscheidbar sind, sondern dass es darüber hinaus auch unterschiedliche Typen von Geschichtsmythen im Hinblick auf ihre Funktionalität und ihren Etablierungserfolg gibt und dass die Zuordnung eines konkreten Geschichtsmythos zu einem bestimmten Typus Prognosen über dessen Erfolg erlaubt.

    Anhand von zwei direkt miteinander konkurrierenden Mythen, nämlich dem Bismarck-Mythos und dem Wilhelm-der-Große-Mythos, wird in Kapitel 2 die Frage beantwortet, was den Erfolg von Geschichtsmythen ausmacht, unter welchen Voraussetzungen also ein Mythos entsteht und in einer Gruppe etabliert wird. Die Wandelbarkeit von Geschichtsmythen wird in Kapitel 3 anhand des Luther-Mythos und des Jeanne-d’Arc-Mythos untersucht. Die Bedeutung von Mythenkämpfen, also konflikthaften Auseinandersetzungen über einen Geschichtsmythos, ist Gegenstand von Kapitel 4; Fallbeispiele sind hier der Befreiungskrieg-Mythos und der Resistenza-Mythos. In Kapitel 5 wird die Frage des Verschwindens von Geschichtsmythen behandelt. Hier wird ein besonderer Fokus auf die Rolle der Geschichtswissenschaft für die Wirksamkeit von Geschichtsmythen gelegt. Untersuchte Geschichtsmythen sind hier wieder der Resistenza-Mythos und der Befreiungskrieg-Mythos, außerdem werden die Debatte über Luthers Thesenanschlag sowie der Churchill-Mythos analysiert. Kapitel 6 führt die Ergebnisse zusammen und zieht Schlussfolgerungen für eine künftige Geschichtsmythenforschung, aber auch für die bleibende Bedeutung von Geschichtsmythen. Diese, so die Überzeugung des Verfassers, werden keineswegs nur von Diktatoren oder totalitären Regimes genutzt, sondern spielen in allen Gesellschafts- und Staatsformen eine Rolle, auch in der Moderne, auch in der Demokratie, aller vermeintlichen »Aufgeklärtheit« zum Trotz. Wenn wir also die Geschichtsmythen nicht loswerden können, dann ist es umso wichtiger, sie zu kennen und zu verstehen.

    Kapitel 1

    GRUNDLEGUNG EINER GESCHICHTS-MYTHENFORSCHUNG

    DIE NÄHE DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT ZUM MYTHOS

    Die Geschichtswissenschaft hat sich stets auch über ihre Abgrenzung vom Mythos definiert. Sie beansprucht, kritische Analyse zu betreiben und sich gerade dadurch von mythischem Denken zu unterscheiden. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Die Beziehung ist komplizierter. Geschichtswissenschaft ist dem Mythos viel näher, als man es auf den ersten Blick vermuten würde. Dieses Kapitel geht der Frage nach, in welchem Verhältnis Geschichtswissenschaft und Mythos zueinander stehen und was das für den Umgang mit Geschichtsmythen bedeutet.

    Auch Historiker erzählen

    Die Geschichtswissenschaft tut sich traditionell schwer damit, ihr Verhältnis zum Geschichtsmythos zu bestimmen. Folgt man den Überlegungen, die Jörn Rüsen in seiner 2013 erschienenen Historik anstellt, so hat wissenschaftliches historisches Denken drei Dimensionen: eine disziplinäre, eine interdisziplinäre und eine transdisziplinäre. Die transdisziplinäre Dimension enthält den Bezug der Geschichtswissenschaft zur »menschlichen Lebenspraxis«, zur »Geschichtskultur«, zum »historischen Gedächtnis« und zur »Erinnerungskultur«.⁵¹ In diesen Zusammenhang gehören auch die Geschichtsmythen, und in diesem Zusammenhang ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Mythos zu klären. Dass diese Verhältnisbestimmung komplex ist, macht Rüsen selbst deutlich: Die Geschichtsschreibung nehme

    »gegenüber der Forschung eine eigentümliche Sonderstellung ein; denn sie folgt Gesichtspunkten der Darstellung, die sich nicht hinreichend aus der Forschung ergeben, sondern über sie hinaus, oder genauer: hinter sie zurück in den Bereich der Produktion und Rezeption von Texten führen.«⁵²

    Ähnliches gilt für die von Rüsen reklamierte »Orientierungsfunktion«⁵³ der Geschichtswissenschaft, die ohne eine Beziehung zu außerwissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht zu haben ist. Diese kommen nicht etwa erst ins Spiel, wenn es um die transdisziplinäre Vermittlung geschichtswissenschaftlicher Forschungsergebnisse geht, sondern auch umgekehrt beeinflusst die öffentliche Geschichts- und Erinnerungskultur – und beeinflussen die historischen Mythen – von Anfang an die historische Forschung.

    Kernaufgabe der Geschichtswissenschaft ist nach Rüsen historische Sinnbildung und damit Orientierung in der Gegenwart:

    »Sinn macht Orientierung möglich; er stellt das menschliche Leben in einen Horizont von Deutungen; er macht die Welt und den Menschen sich selbst verständlich; er hat eine Erklärungsfunktion; er formiert menschliche Subjektivität in das kohärente Gebilde eines (personalen und sozialen) Selbst; er lässt Leiden erträglich werden und stimuliert Handeln durch Absichten.«⁵⁴

    Kernmittel zur historischen Sinnbildung sei sinnbildende Narration, da Sinnbildung durch »narrative Logik«⁵⁵ funktioniere, durch die Herstellung eines Sinnzusammenhangs zwischen Ereignissen mittels einer Erzählung: Ein Sachverhalt in der Gegenwart soll erklärt werden; dazu wird eine Geschichte erzählt, wie es zum entsprechenden Zustand gekommen ist, und damit »wird zugleich eine handlungsstimulierende Zukunftsperspektive entworfen«.⁵⁶ Es handele sich bei der sinnbildenden Narration nicht um eine vom Forschungsprozess getrennte »Anwendung« historischer Erkenntnis, sondern die Narration gehe aus einer Erfahrung hervor, die nach einer Deutung verlangt, und die geschehe »durch Integration dieser Erfahrung in die Vorstellung eines sinn- und bedeutungsvollen Zusammenhangs zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft«.⁵⁷ Das Erzählen sei ein »mentaler Vorgang«, der »empirisch und normativ zugleich« sei, damit also der »in der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie außerordentlich wichtigen grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Tatsachen und Normen oder Werten noch voraus« liege.⁵⁸

    Die narrative Dimension der Geschichtswissenschaft galt lange als selbstverständlich. Johann Gustav Droysen, einer der Klassiker geschichtswissenschaftlicher Theorie, musste umgekehrt darauf hinweisen, dass die »erzählende Darstellung« nicht die einzig legitime sei. Droysen unterscheidet in seiner »Historik« vier Arten historischer Darstellung: die »untersuchende«, die »erzählende«, die »didaktische« und die »diskussive«.⁵⁹ Die ersten beiden Arten ordnen laut Droysen das historische Material unterschiedlich: Die untersuchende Darstellung formuliere eine Forschungsfrage und erarbeite die Antwort aus den Quellen; die erzählende »stellt das Erforschte als einen Sachverlauf in der Mimesis seines Werdens dar«⁶⁰. Die beiden anderen Arten seien wesentlich durch ihren Zweck gekennzeichnet: Die didaktische Darstellung ziele auf »Bildung«, indem sie nach der »lehrhaften Bedeutung« für die Gegenwart frage; die diskussive Darstellung ziele auf eine konkrete Entscheidung in der Gegenwart, die besser historisch informiert als »doktrinär« erfolge.⁶¹

    Ohne dass beide Unterscheidungen einfach dasselbe meinten, nahm Droysen mit der Unterscheidung zwischen untersuchender und erzählender Darstellung doch bereits zum Teil die Trennung zwischen »Theorie« und »Erzählung« vorweg, die in den 1970er-Jahren in der Geschichtswissenschaft zu Kontroversen zwischen »Theoretikern« und »Erzählern« führte.⁶² Die »historistische« Tradition narrativer Geschichtsschreibung stand aus Sicht der »Theoretiker« unter Ideologieverdacht, zumal sie ihre faktische subjektive Willkür hinter einem vermeintlichen Objektivitätsideal verstecke und zudem den Kriterien moderner Wissenschaftlichkeit nicht standhalte. Hans-Ulrich Wehler und andere Vertreter einer Historischen Sozialwissenschaft forderten daher, die Geschichtswissenschaft als »theoriegeleitet« neu zu fundieren und damit einen »Bodengewinn für die Geschichtswissenschaft«⁶³ zu erzielen. Wehler räumte zwar ein, dass mit »Theorieverwendung« ein »Verlust an Anschaulichkeit« einhergehe, doch dieser werde durch das Erreichen »klarer Ordnung der Darstellung und ihrer Ergebnisse« kompensiert.⁶⁴

    Vor allem aber, so Wehler, gebe es in Wahrheit gar keine »untheoretische« narrative Geschichtsschreibung, denn jede Darstellung folge mindestens implizit theoretischen Vorannahmen. Erst wenn man die theoretischen Vorannahmen explizit mache, würden diese und ihr Einfluss auf die Untersuchung reflektiert und stärker kontrollierbar gemacht. Selbstverständlich müssten sich Theorien an den Quellen ausrichten; Hauptkriterium für die Beurteilung historischer Theorien sei ihre »Angemessenheit […] im Sinne der Realitätsadäquanz oder Annäherung an die historische Wirklichkeit«.⁶⁵

    Könnte man also mithilfe einer nicht mehr narrativen und stattdessen bewusst theoriegeleiteten Geschichtswissenschaft den Mythos loswerden? In einer Replik auf Wehler warnte Golo Mann davor, dass die Verwendung von Theorien zu deren Absolutsetzung führen könnte, was immer zu einseitigen, die Komplexität historischer Wirklichkeit verfehlenden Schlussfolgerungen führen werde.⁶⁶ Die erzählende Geschichtsschreibung sei dagegen in der Lage, multiperspektivisch vorzugehen und den Standpunkt der wissenden Nachgeborenen mit den Standpunkten der Zeitgenossen zu verbinden. Was Wehler als angeblich unbewussten Theorieschmuggel durch den »Erzähler« bezeichne, sei in Wahrheit

    »nichts anderes als die Summe von menschlichen Erfahrungen, die schon in seinem Geist präsent ist: Erfahrungen seiner eigenen Zeit und seines eigenen Lebens, ohne die kaum je ein großer Historiker Geschichte geschrieben hat, ferner dann

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