Geist & Leben 2/2025: Zeitschrift für christliche Spiritualität
Von Christoph Benke
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Über dieses E-Book
n. 515
Notiz
Margarete Gruber OSF
Christus, die Gebärende [113-114]
Nachfolge
Michael Höffner
Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks.
"Caussades" Alltagsmystik in theologischer Relecture I [116-124]
Theresa Denger
Utopisch und hoffnungsvoll glauben.
Ignacio Ellacurías SJ spirituelles Erbe [125-132]
Stefan Gärtner
"Herr, wann haben wir dich…?"
Matthäus 25 als Inspiration für diakonische Spiritualität [133-141]
Jochen Mündlein
Von stillen Lehrern und verborgenen Mystikern.
Zum Gedenken an Gerhard Wehr [142-148]
Nachfolge | Kirche
Dag Heinrichowski SJ
Die Herausforderungen der Welt und das Herz Jesu [149-157]
Vincent Hoffmann
Gottes Handeln heute erfahren.
Spirituelle Impulse aus den liturgischen Feiern zum Heiligengedenken [158-165]
Anna Slawek
Interventionsmöglichkeiten bei spirituellem Missbrauch - ein Tagungsbericht [166-170]
Nachfolge | Junge Theologie
Lennart Luhmann
100 Jahre Russischer Pilger.
Die breite Rezeption eines schmalen Buches [171-176]
Reflexion
Daniel Remmel
Medium der Gottesnähe
Ein phänomenologischer Zugang zur Pneumatologie [178-187]
Paula Schütze
Zwischen den Zeilen als Ort der Erkenntnis.
Möglichkeiten nichtidentifizierender Gottesrede [188-196]
Klaus Vechtel SJ
Von Himmel und Hölle [197-206]
Lektüre
Martin Kammerer OSB
Das geistliche Testament von Sammy Basso (1996-2024) [208-212]
Gotthard Fuchs
"Mit dem ganzen Herzen".
Zur Etty Hillesum-Biographie von Judith Koelemeijer [213-216]
Buchbesprechung [217-220]
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Buchvorschau
Geist & Leben 2/2025 - Christoph Benke
Margareta Gruber OSF | Vallendar
geb. 1961, Dr. theol., Professorin für Exegese des Neuen Testaments und Biblische Theologie an der Vinzenz Pallotti University Vallendar Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN
margareta.gruber@vp-uni.de
Christus, die Gebärende
Kana und Golgota im Johannesevangelium: das ist die große Inklusion, zwei Bilder, die das narrative Korpus des Evangeliums rahmen.
In beiden Szenen steht Jesus im Zentrum, mit namenlosen Gestalten an seiner Seite. In Kana sind es die Diener, die geheimen Mitwisser des Tuns Jesu. Auf Golgota steht der namenlose geliebte Jünger, die Idealgestalt des gläubigen Menschen (Joh 19,26f.). Die zweite Gestalt ist die im Johannesevangelium namenlose Mutter Jesu, die von ihm als „Frau angeredet wird. Sie betritt zum ersten Mal die Bühne auf der Hochzeit zu Kana: „Sie haben keinen Wein mehr
. Die Antwort Jesu ist schroff: „Was ist zwischen Dir und mir, Frau? (Joh 2,4). Die Antwort ist rhetorisch: Nichts! Nun ist die Redewendung, die Jesus hier verwendet, verbreitet: „Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, uns zu vernichten?
So schreit der Dämon in Mk 1,24. In 1 Kön 17,17f. sagt die Witwe zum Propheten Elija, als er in ihr Haus kommt, um ihren todkranken Sohn zu retten: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes?" In beiden Fällen geht es um eine starke Reaktion des Erschreckens und deshalb der Abwehr angesichts der unvermuteten machtvollen Gegenwart Gottes in Elija bzw. in Jesus.
Was bedeutet dies für die Antwort Jesu an seine Mutter? „Meine Stunde ist noch nicht gekommen (Joh 2,4). In Kana erschrickt Jesus angesichts der plötzlichen Konfrontation mit der „Stunde
seines Todes, auf die er ab dem ersten Zeichen in Kana unaufhaltsam zugehen wird. Seine Mutter jedoch ist diejenige, die ihn mit dieser Tatsache konfrontiert; sie ist es, die ihm das Stichwort für das öffentliche Auftreten gibt, den Countdown der Stunde sozusagen in Gang setzt.
Die Abwehrreaktion Jesu bezieht sich also nicht auf die Unangemessenheit ihrer Bitte, sondern auf die Implikation, die damit verbunden ist („Stunde), und die Jesus sofort erkennt. Jesus reagiert nicht auf die Mutter, sondern auf den Vater, der hier durch die „Frau
als einer Prophetin spricht (wie Elija in 1 Kön 17). Dialogpartner hinter dem Dialog Jesu mit seiner Mutter sind also Jesus und der Vater. Es handelt sich somit um einen verkürzten, hoch symbolischen, fast möchte man sagen: chiffrierten Dialog. Es wird etwas auf der geschichtlichen Bühne in Kana inszeniert, was gleichzeitig auf einer anderen, epiphanischen Bühne spielt.
Auch auf Golgota, dem korrespondierenden Bild, geht es nicht um eine historische Szenerie, sondern um ein epiphanisches Rollenspiel. Da ist wieder die namenlose Mutter Jesu, die von ihm als „Frau angeredet wird (Joh 19,26). Sie hatte in Kana durch ihre prophetische Intervention das Kommen der Stunde in Gang gesetzt, die sich nun, auf Golgota, erfüllt, wo die „Frau
wieder an der Seite Jesu steht. Als „Frau ist sie die Personifizierung der „Frau Zion
, aus der das neue Gottesvolk geboren wird (Jes 54,1–4, 66,7–11; vgl. Jes 60,4–5, Ps 87,5–6).
Es ist aber nicht die Mutter Jesu, die die neue Menschheit gebiert, sondern Jesus selbst in seiner Hingabe. Ja, so sieht es Johannes: Jesus, die Gebärende!
In der prophetischen Vorausschau seiner Stunde (Joh 16,21) vergleicht er sich selbst mit einer Gebärenden: „Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist." Die Nennung der Stunde – das letzte Mal im Mund Jesu – ist ein klares Indiz dafür, dass hier er selbst, nicht die Jünger gemeint sind. Es sind die Schmerzen Jesu, der die neue Menschheit zur Welt bringt. Auch das Sterbewort Jesu – „es ist vollbracht" – fügt sich besser in eine Geburtsszene ein als in einen Todeskampf. Vor allem aber ist es die letzte Handlung des Erhöhten, die das Lebens- und Geburtsmotiv stützt: Sein Haupt neigend „übergibt er den Geist (Joh 19,30), denn der Geist ist es, in dessen Kraft biblisch die Geburt zum neuen Leben geschieht. Dessen Austreten aus der „Seite
Jesu (Joh 19,34) wird mit dem Bild von (Frucht-) Wasser und Blut, das das Neugeborene bedeckt, als Geburt imaginiert. Jetzt also, unter dem Kreuz, kann Nikodemus aus Wasser und Geist neu geboren werden (vgl. Joh 3,5).
Die Geburtsmetapher ist die unbekannteste der soteriologischen Metaphern. Gerechtsprechung, Sühne und Stellvertretung, stark gemacht durch die paulinische Theologie, waren vor allem im Westen ungleich wirkungsvoller. Dennoch gibt es eine deutliche christliche Rezeption der Muttermetapher, die von Julian of Norwich über Anselm von Canterbury zu Thomas, Bonaventura und der Zisterziensischen Mystik führt. Der Ursprung dieser weiblichen Gottesmetapher ist jedoch in der Schrift zu finden, in jenem wunderbaren Bild von Christus, der Gebärenden, im Johannesevangelium. Nicht Hochzeit und Tod legt sich als große Inklusion um das Johannesevangelium, sondern Hochzeit und Geburt.¹
1 Zur Vertiefung verweise ich auf meinen Audiobeitrag: https://www.katholische-akademie-berlin.de/audio/der-gebaerende-christus/
Michael Höffner | Münster
geb. 1971, Dr. theol. habil., Professor für Theologie der Spiritualität an der PTH Münster und am CTS Berlin
hoeffner@bistum-muenster.de
Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks
„Caussades" Alltagsmystik in theologischer Relecture I
¹
„Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte."²
Ein zeitdiagnostischer Blick auf die Gegenwartskultur zeigt, dass der gegenwärtige Augenblick darin eine bedeutende Rolle spielt, und das in verschiedenen Facetten. Zwei Blitzlichter sollen das exemplarisch erhellen.
Der gegenwärtige Augenblick – zwei Blitzlichter
Das erste Blitzlicht: Seit geraumer Zeit wirbt die französische Zigarettenfirma Gauloises auf ihren Plakaten mit dem Slogan „Vive le moment", wahlweise unterlegt mit dem Untertitel: „Und die Welt steht still bzw. „Für Momente, die dir gehören.
„Vive le moment" lässt sich zweifach übersetzen, als Hoch auf den Augenblick („Es lebe der Augenblick) oder als Aufforderung („Lebe den Augenblick
). Illustriert wird das mit einem jüngeren Mann in tiefenentspannter, liegender Haltung, mit geschlossenen Augen; die Geräuschkulisse des Alltags, die akustische Umweltverschmutzung wird ferngehalten durch Kopfhörer, durch die wahrscheinlich entspannende Musik zu hören ist. Der Moment, der zu leben ist, ist also ein herausgehobener, besonderer Augenblick, ein Rückzugsmoment vom Alltag, dessen Dichte und Intensität man sich hingeben und lustvoll auskosten soll.
Das zweite Blitzlicht: im Spätherbst 2023 erschien die deutsche Übersetzung einer Studie der niederländischen Philosophin Joke J. Hermsen mit dem Titel „Kairos – Vom Leben im richtigen Augenblick – Für ein neues Zeitempfinden." Hermsen kontrastiert die lineare, quantitative und physikalisch messbare Zeit des Chronos in ihrem Voranschreiten mit der qualitativ verstandenen Zeit des Kairos als einem Intervall, einem Intermezzo. Bis zum Ende der Renaissance habe sich die Gestalt des Kairos und das ihr entsprechende Zeitverständnis in Philosophie und Kunst großer Beliebtheit erfreut, danach aber sei es in den Hintergrund getreten und erst bei Nietzsche Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufgetaucht, um dann bei Heidegger, Bloch, Benjamin und Charles Taylor und der Sache nach auch bei Henri Bergson und Hannah Arendt neue Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie spricht mit Giorgio Agamben³ von der Notwendigkeit, den rechten Augenblick hervorzubringen, um Krisenzeiten zu einem Wendepunkt bzw. Sprungbrett in Neues werden zu lassen und zur richtigen Intervention zur richtigen Zeit zu gelangen. Dazu sei es notwendig, ein Moment der Unbeweglichkeit und Reflexion zu schaffen, das kleine Gebiet der „zeitlosen Zeit" bei Hannah Arendt, also die Herrschaft des Chronos zu durchbrechen, ein Moment, in dem es zum Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Zukunft kommen und aus diesem Zusammenstoß etwas Neues entstehen kann.⁴ So könne, mit Hannah Arendt gesprochen, die Natalität des Menschen zum Durchbruch kommen und ermöglicht werden, mit vorherrschenden Einsichten zu brechen und von solchen Ideen gefunden zu werden, die über das Bisherige hinausgehen. Auf diese Weise will Hermsen ein Gegengewicht zur Mechanisierung und Technologisierung unseres Menschen- und Weltbildes liefern⁵, durch das Menschen eher gehandelt werden als selbst handeln.⁶
Bebildert die Gauloises-Werbung und bedenkt die philosophische Ermutigung zum Leben des Kairos auf säkularisierte Weise das, was ein Klassiker der französischen Mystik des frühen 18. Jahrhunderts das „Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks" genannt hat?
Ein Buch und seine spannende Geschichte
Das schmalformatige Werk mit dem Titel „L'Abandon à la Providence divine"⁷ ist auf abenteuerliche Weise an die Öffentlichkeit gelangt⁸: Es ist wohl in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts als geistliche Briefsammlung für Konvente von Visitandinnen in Nancy entstanden, also für jenen Orden, den Franz von Sales und Franziska-Johanna von Chantal gemeinsam gegründet haben. Von Nancy aus scheint das kleine Werk in Form von Abschriften in einigen französischen Konventen der Visitandinnen zirkuliert und die Französische Revolution überstanden zu haben. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts wird Mère de Vaux, die damalige Generaloberin des Ordens, im Konvent von Montmirail auf das Manuskript aufmerksam. Im Unterschied zu anderen erhaltenen Manuskripten enthält es auf dem Deckblatt die Zuschreibung an Jean-Pierre de Caussade als Autor. Dieser Jesuit war in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts Seelsorger im Visitandinnenkonvent von Nancy. Wer auch immer diesen Namen auf das Manuskript gesetzt hat und wann auch immer es geschehen ist: War diese Attribution hilfreich, weil nur das „Patronat eines Jesuiten Zugang zu einem Werk eröffnete, das brisante Themen bot – nach dem Quietismusstreit und dem folgenden Schisma von Aszetik und Mystik? Die Generaloberin hielt die Schrift jedenfalls für geeignet, zum Lebensstil glaubender Menschen beizutragen. Trotzdem bleibt sie unsicher, was eine Publikation betrifft, und legt daher die kompilierten Briefe mehreren Jesuiten vor, um deren Urteil zu erfragen. 1861 wurde das Büchlein nach etlichen Ablehnungen und vielen Hindernissen zum ersten Mal veröffentlicht, allerdings nur in bearbeiteter Form. Von der Erstauflage 1861 bis zum Jahr 1930 erreichte es allein in Frankreich 22 Auflagen mit einer Gesamtstärke von 78.000 Exemplaren. Vermutlich hat nur die „Histoire d'une âme
von Thérèse von Lisieux einen weiteren Verbreitungsradius erreicht. Nicht wenige bedeutende Gestalten wurden davon geprägt: Charles de Foucauld, Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar, Simone Weil. Seit den 1980er Jahren wird das schmale Werk allerdings mit guten Gründen nicht mehr dem Jesuiten Jean-Pierre de Caussade zugeschrieben. Der gegenwärtige Editor Dominique Salin lässt völlig offen, ob der Verfasser männlich oder weiblich, Laie, Priester oder Ordenschrist war. Vieles, zum einen die Themen, aber auch der Stil, spricht dafür, den Autor oder die Autorin im Wirkungskreis von Jeanne-Marie Guyon anzusiedeln – eine der Galionsfiguren des Quietismus. Wie Madame Guyon präsentiert das Werk eine Mystik, die nicht herausgehobene geistliche Erfahrungen bedenkt, sondern den Alltag mit seinen Herausforderungen. Sie rotiert um den Begriff des gegenwärtigen Augenblicks: 28-mal taucht dieser Begriff auf. Gleich zu Beginn wird der Fokus deutlich: „Gott spricht auch heute noch so, wie er einst zu unseren Vätern sprach, als es weder einen [geistlichen] Führer noch eine Methode gab. Der Augenblick des Befehls Gottes machte die ganze Spiritualität aus.⁹ Einmal wagt das Werk sich vor und spricht sogar vom „Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks
. Dieser Passus findet sich in einem Abschnitt über den Alltag von Maria und Josef:
„Aber von welchem Brot nährt sich der Glaube von Maria und Josef, was ist das Sakrament ihrer heiligen Augenblicke? Was entdecken sie dort unter dem gemeinsamen Anschein der Ereignisse, die sie erfüllen? Das Sichtbare ist ähnlich wie das, was den übrigen Menschen widerfährt, aber das Unsichtbare, das der Glaube darin entdeckt und entbirgt, ist nichts Geringeres als Gott, der sehr große Dinge bewirkt. O Brot der Engel, himmlisches Manna, Perle des Evangeliums, Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks! Du schenkst Gott unter so geringen Erscheinungen wie dem Stall, der Krippe, dem Heu und dem Stroh […]. Gott offenbart sich den Kleinen in
