Über dieses E-Book
Ähnlich wie Veilchenblau
Ähnliche E-Books
Gesammelte Feuilletons: Einer bläst die Hirtenflöte + Sündenfälle Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Glasberg: Roman einer Jugend, die hinauf wollte: Jugendlicher Aufstieg zwischen Berglandschaft und Naturmystik: Freiheit, Pantheismus und Buddhismus Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHeinrich Heines Reisebilder. Ausgewählte Werke II: Briefe aus Berlin, Über Polen, Reisebilder I-IV Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFriedrich von Gagern: Die besten Erzählungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDr. Katzenbergers Badereise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWir Apfelesser: Neue Gedichte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFranz Kafka Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAbu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas österreichische Antlitz: Essays Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesammelte Erzählungen 1999-2019 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKubinke Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLimonow Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Aus dem Leben eines Taugenichts Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Sonntage von Duisburg-Beeck: Eine Jugend Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMenschen in Berlin Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAusgewählte Werke Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Harzreise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenCorellis Mandoline Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAus dem Leben eines Taugenichts Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Untergang von Heidelberg: Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenZeitbrücke: Geschichten zwischen Damals und Heute Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen"Huch, ein Kritiker!": Leben und Lieben eines Wiener Journalisten in Köln Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenZwischentöne - Ein Skizzenbuch Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWohin gehst du, mein Leben?: Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Frau von dreißig Jahren Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Gred: Roman aus dem alten Nürnberg Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPeter Camenzind Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Widerschein Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Frau Bürgemeisterin: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Geschichte von der 1002. Nacht Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Rezensionen für Veilchenblau
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Veilchenblau - Heinz Stalder
Auf die Pauke gehauen
Der Paukist schaut von den Noten zum Dirigenten, hebt den grössten Schlägel weit über seinen Kopf, wartet auf das Einsatzzeichen und schlägt wie der Gehilfe eines Schmieds mit dem Vorschlaghammer zu. Das Paukenfell platzt, der Schlägel bleibt im Paukenkessel stecken. Der Stiel rutscht dem jungen Perkussionisten aus der Hand. Aus dem Parkett kann das Malheur nicht gesehen werden. Auf den Rängen erschrecken ein paar aufmerksame Konzertgänger. Der Blitz, der nach dem dissonanten Donnerschlag vom weltbekannten Kapellmeister auf den Instrumentenschänder niederfährt, trifft auch mich.
Ich sitze auf der Orgelempore. Das Orchester spielt Smetanas Vaterland. Die Moldau hat ihr Ziel schon erreicht, die böhmische Amazonenkönigin flicht unter Getöse den Ritter Ctirad in die Speichen eines gewaltigen Rades.
Was würde mit dem jungen Mann geschehen, der das mächtigste Instrument auf der Bühne nicht absichtlich, aber eben doch demoliert, mit falsch motiviertem Eifer wohl das letzte Mal auf die barocke Pauke gehauen hat?
Kein Mann fürs Grobe
Auf rotglühendem Eisen hämmerte ich vier lange Jahre herum. Meist mit dem Vorschlaghammer fürs Grobe. Den Handhammer führten die Lehrlinge, die das mir fehlende Gespür fürs Eisen mit in den Beruf gebracht hatten. Einen Kreuzmeissel aus dem Handgelenk zurecht – und bis zum Härten der Schneidefläche fertig zu schmieden, dafür fehlte mir die nötige Sensibilität für das alte Handwerk. Mir ging die erforderliche Affinität für den Beruf von der Esse zum Amboss ab.
Es wäre mir aber auch nie eingefallen, in die Ambosspolka meiner Kameraden einzustimmen.
Das schmiedeiserne Tor zum Berner Erlacherhof, dem Sitz der Stadtregierung, und die bronzene Fenstervergitterung des früheren Konservatoriums, der heutigen Musikhochschule an der Kramgasse, beide bestehen aus Hunderten barocken Verschnörkelungen. Bei der Renovation der schützenswerten Kunstwerke wurde in den renommierten Lehrwerkstätten der Stadt Bern beim Schmieden zu zweit oder dritt die Ambosspolka des Albert Parlow, Berliner Komponist und Musikdirektor der Preussischen Armee, gebrüllt.
Einer der Meister schlug mit dem Metermass in der rechten Hand und den schnippenden linken Fingern den Takt dazu. Dass er in einer der städtischen Brassbands stellvertretender Dirigent war, konnte ich mir bei seiner pädagogischen Taktlosigkeit nicht vorstellen.
Der Meisterschmied war bloss Passivmitglied der Blasmusik unter der Fahne mit dem trompetenden Bären im Bauch des Violinschlüssels. Er war es, der mich beim Aufnahmegespräch nach meinen Freizeitbeschäftigungen, der Musik im Speziellen, gefragt hatte. Trompete, sagte ich und wunderte mich, warum die Musik zum Erlernen eines zuschlagenden Handwerks eine wichtige Rolle spielen sollte. Wenn schon das Gymnasium oder als zweitrangige Alternative das Lehrerseminar mit den finanziellen Möglichkeiten meines Vaters nicht in Einklang zu bringen waren, hätte ich mir vorstellen können, mich als Feinmechaniker an einer wie eine Sirene aus der Odyssee singenden Drehbank zu versuchen.
Nicht an einer russigen Esse mit gesundheitsschädigendem Schlackenstaub und Hammerstielen, an denen das Hautfett von anderen, grobschlächtigeren Männern klebte.
Mir grauste vor Trauerrändern unter den Fingernägeln mehr als vor dem Melkfett an den Händen meines Vaters. Oder dem Gestank von Jauche. Ob in der mit morschen Brettern gedeckten Grube vor dem Haus, im vollgepumpten Fass oder auf den Feldern verspritzt. Mein Vater führte die Gülle von Rind, Schwein und Mensch mit seinem meteorologischen Instinkt zuverlässig stets bei Westwind am Tag vor dem grossen Regen aus. Über den konkaven Verteiler am Hinterende des Jauchefasses bildete die braungelbe Flüssigkeit einen feinen Schleier aus Partikelstaub, der sich auch abseits des Tatortes in den Kleidern festsetzte und sich bis zur nächsten grossen Wäsche nicht vertreiben liess.
Frühlingswehen auf der Pfauenbühne
Ein Pestalozzi hiess mein drittes Theaterstück. Es stand 1979 auf dem Spielplan am Schauspielhaus Zürich: Pfauen. Dort kannte ich ausser Werner Düggelin noch niemanden. Dügg, wie man ihn vertraulich nannte, würde das Drama um einen fünfzigjährigen Volksschullehrer inszenieren.
An einem Donnerstag um sechs Uhr abends hatte ich im hehren Haus in Zürich einen Termin zum Kennenlernen bei Direktor Gerhard Klingenberg und dem Chefdramaturgen Herbert Meier. Ich unterrichtete als Primarlehrer im Krienser Aussenschulhaus auf dem Sonnenberg. Nach Schulschluss um zehn nach drei machte ich mich auf den Weg zur nächsten Station der Buslinie zum Luzerner Bahnhof. Es hatte längere Zeit nicht geregnet und eine Wetteränderung war angesagt. Ein starker Föhn blies über die Kuppe des Sonnenbergs. Schon in der kommenden Nacht würde der warme Südwind die Regenwolken über die Alpen getrieben haben. Höchste Zeit für die Bauern, die Jauche auf die trockenen Wiesen zu bringen. Für das wichtige, vielleicht entscheidende Treffen in Zürich, hatte ich mich besser zurechtgemacht als für die Schulstube. Der Geruch der Frühlingsjauche, die der Bauer, dessen drei Kinder ich soeben nach Hause entlassen hatte, gegen den Föhn auf seine Wiesen verspritzte, setzte sich in meinem Regenmantel, meinem Veston, meiner Sonntagshose und meinen wenigen Haaren fest. Schon im Bus rümpften die anderen Passagiere die Nasen. Im wie üblich um diese Tageszeit gut besetzten Schnellzug nach Zürich setzte sich niemand zu mir ins Abteil. Im Zürcher Tram Richtung Kunsthaus und Pfauen offerierte ich meinen Sitzplatz einer älteren Dame. Sie verzichtete, wand sich durch die feierabendmüden, von der Arbeit Heimkehrenden und liess ein Parfüm hinter sich, das ich nie mehr loswurde. Es sollte sich bald einmal als Chanel 5 herausstellen. Im Schauspielhaus führte mich Herbert Meier ins Direktionsbüro. Bevor ich dem Chefdramaturgen und Schriftsteller erklären konnte, woher der mich begleitende Geruch stammte, meinte er, die mich umwehende Landluft heimele ihn, den Solothurner an. Dem Wiener Klingenberg stieg ich fremd, wie ihm alles Schweizerische war und blieb, durch die Nase ins Bewusstsein. Immerhin trug ich eine unverwechselbar andere Duftnote auf die berühmte Pfauenbühne.
Schmieden. Feilen. Bohren
In den schweizweit besten Lehrwerkstätten war das Soll der Mechaniker schon erfüllt. Es brauche auch Schlosser und Schmiede mit Schulabschlüssen über einer Fünfeinhalb, wurde meinen Eltern nach dem Aufnahmegespräch mitgeteilt. Meine Mutter wischte sich ein paar stolzsalzene Tränen von den Wangen. Mein Vater spendierte am Sonntag der Jassrunde einen etwas teureren Rotwein. Von Musik wurde nicht mehr geredet, und ich lernte draufzuhauen. Vier Jahre lang. Nie gelang es mir, so heftig zuzuschlagen wie dem Paukisten Jahrzehnte später. Der Fehlentscheid, in einer Branche bestehen zu wollen, die meinen Begabungen so gar nicht entsprach, dafür fehlte mir der Mut. Hätte man mich bei einem Dorfschmied in die Lehre gesteckt, ich wäre nach dem ersten Fluch über meine Ungeschicklichkeit davongelaufen. Es waren die Ferien, die gleich langen wie am verpassten Gymnasium oder Lehrerseminar, die mich hinderten, zum verzweifelten Totschläger oder Deserteur zu werden.
Mein Vater bewirtschaftete seinen Hof ohne Pferde. Auf seine auch als Arbeitstiere eingesetzten Kühe gingen die Flüche und Hiebe wie die schlimmsten Unwetter nieder. Ihm, dem verschuldeten Kleinbauern, hätten die Honoratioren auf den Ämtern eine Zungensperre von der einen Mundecke zur anderen applizieren sollen. Nicht mir. Ich glaubte von klein auf zu wissen, was nicht über die Lippen durfte. Zumindest nicht für andere hörbar.
Der Meister, dem ich zugeteilt wurde, war berüchtigt für sein aufbrausendes Temperament, aber man ging davon aus, dass ich mit dem bestmöglichen Notendurchschnitt im Schulabgangszeugnis das nötige Selbstvertrauen in die Werkstatt, in das Reich des jähzornigen Herrn mitbringen würde.
Ich war der einzige erstjährige unter lauter zweit-, dritt- und vierjährigen Lehrlingen, die nichts anderes im Sinn hatten, als mir mit bisweilen bösartigen Sticheleien und Streichen das Leben, Schmieden, Feilen und Bohren schwer zu machen.
Einer – ein rothaariger Rüschegger aus dem bigotten Schangnau – hatte sich an meinem Schraubstock zu schaffen gemacht.
Ich hatte aus einem unförmigen Eisenklotz einen Würfel zu feilen. Bis beide Handflächen mit blutumrandeten aufgeplatzten Blasen versehen waren. Als ich zur Kontrolle ebendieser Blasen zum Meister gerufen wurde, löste die rotscheckige Schabracke die Backen meines Schaubstocks so weit, dass der über zwei Kilo schwere Klotz beim nächsten Einsatz meiner Feile aus der Halterung rutschte, auf meine linke grosse Zehe fiel, den Nagel samt Knochen zerquetschte. Bis heute ist der Nagel gespalten, und weder meine Fusspflegerin noch mein Arzt, denen ich von den nächtlichen Schmerzen erzählte, wollen mir die über siebzig Jahre zurückliegende Geschichte glauben.
Wegen meines Beharrens, der Verursacher meiner lädierten grossen Zehe sei der rothaarige Sohn eines Kesselflickers und einer um mehrere Ecken schielenden Wahrsagerin gewesen, musste ich mir neulich sagen lassen, ich sollte mein Vokabular dringend auf rassistische Ungereimtheiten überprüfen. Rothaarig wie ich selber war und väterlicherseits aus einer zwischen Rüschegg und Schangnau eingeklemmten Gegend stamme.
Nachdem die Winkel des zurechtgefeilten Würfels die Toleranz von plus minus einem halben Grad für passabel begutachtet worden waren, kam meine Zeit an der Bohrmaschine. Hier war die Gefahr einer hinterhältig geplanten Malträtierung gebannt. War das zu bohrende Eisen aber nicht korrekt eingespannt, konnte sich der Bohrer verheddern und zu einem weiteren Desaster führen.
So geschehen kurz vor einem Wochenendfeierabend. Kein grosses Malheur. Den zerbrochenen Bohrer musste ich dem Meister melden.
«Meister, der Bohrer ist in zwei Stücke zerbrochen.»
Der Meister griff nach einem Schmiedehammer, hob ihn wie der Paukist seinen Schlägel über meinen Kopf.
«Wenn ich dir jetzt den Schädel einschlage und danach deiner Mutter anrufe, ihr sage, du, ihr Sohn, seist soeben verstorben ...»
Als ich ihm auf seine Allegorie hin erklärte, wir hätten zu Hause kein Telefon, im ganzen Dorf gebe es nur im Wirtshaus einen Apparat, fürchtete ich zum ersten Mal um mein Leben.
Damenwahl
An einem Wochenende traf ich beim Gartenfest des örtlichen Trachtenvereins die Schulkameradin, die mir in der Nacht vor unserer Konfirmation verraten hatte, sie habe mich mit einem Strohhalm gekitzelt, damals auf der grossen Schulreise, als Buben und Mädchen, alle schon fast sechzehnjährig, in einem Heuschober in den Graubündner Bergen übernachtet hatten.
«Und du Langweiler bist nicht erwacht.»
Der Heublumenstaub hatte meine Nase verstopft, meinen Rachen verschleimt, meine Libido gelähmt und den im Hotel nebenan schlafenden Lehrer der noch unbedarften Knaben und schon viel weiter entwickelten jungen Frauen vor einer strafrechtlichen Verfolgung bewahrt.
Die Schulkameradin, die mich am Wochenende meiner definitiven Erkenntnis, weder als Schmied noch als Schlosser oder simpler Metallbearbeiter berufen zu sein, bei der von der Tanzkapelle angesagten Damenwahl auf die Bühne holte und mich während einer österreichisch-ungarischen Polka statt mit einem Strohhalm, mit aufdringlicher Körpernähe zu aphrodisieren versuchte, war aus dem Welschland angereist, um an der Abdankung ihrer ein paar Tage zuvor verstorbenen Patin teilzunehmen. Ich fand die Art, wie sich das verwaiste Patenkind in seinen viel zu schweren Halbschuhen und bis unters Knie reichenden grobgestrickten weissen Wollstrümpfen an mich drückte, wie ihr aus dünnem Fahnentuch geschnittenes Kleidchen bei jeder nicht von mir eingeleiteten Drehung ihre Oberschenkel freilegte, pietätslos.
Um ihre von mir nicht erwiderten erotischen Absichten zu verdeutlichen, stampfte sie auf den Tanzboden, als spielte die Musik eines jener nationalsozialistischen Marschlieder, die der reichste Bauer und Viehhändler trotz öffentlichem Verbot immer wieder auf seinem Grammophon spielen liess.
«Wacht auf, ihr faulen Hunde!»
Dazu lachte meine Tänzerin, zeigte ihre leicht vorstehenden Schneide- und Eckzähne, als wollte sie mir in die Finger beissen.
«Vas-y!», rief sie, als ob sie ihr Deutsch schon verlernt hätte und im weniger als ein Jahr zurückliegenden Französischunterricht nicht auf meine geschickt kaschierte Hilfe angewiesen gewesen wäre, um von der ungenügenden Drei wegzukommen.
Ich war noch keine vier aufgeweckten Jahre alt, als in der leerstehenden Remise meines Vaters internierte französische Offiziere ihre Araberhengste abstellten.
«Allez-y!», sagten sie. Nie «Vas-y!», und vermieden jeden Befehlston.
Familienverhältnisse
Meine Mutter war, bis sie ihren ersten Mann kennenlernte und heiratete, zweisprachig. Ihr Gatte, ein reiner Deutschschweizer, am Rand der schwarzen Erde des damals noch sumpfigen Grossen Mooses aufgewachsen, weigerte sich, Französisch zu verstehen und zu sprechen. Die Welschen von der Art meiner Mutter waren für ihn die Vettern meines rothaarigen Mitlehrlings und Verursacher meines gespaltenen Grosszehennagels. Schirmflicker, Scherenschleifer, Kartenlegerinnen und schielende Wahrsagerinnen hinter Nachttöpfen statt Glaskugeln. Dieser erste Mann meiner Mutter starb 1933, nachdem er auch so einem, der den Blinddarm nicht ennet der Saane, sondern lieber am Zürich- oder Vierwaldstättersee aus dem Bauch entfernen liess, für eine Bürgschaft unterschrieben hatte.
Für dreiunddreissigtausend Franken musste die Witwe und Mutter von vier Kindern geradestehen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als meinen Vater, ebenfalls Witwer, zu heiraten, um aus dem Gröbsten nicht unbeschadet, aber doch einigermassen manierlich herauszukommen.
Ihre von Venenentzündungen versehrten Beine musste sie zeitlebens mit elastischen Binden mumifizieren. Mag sein, dass ich wegen diesen fleischfarbenen, nach der dritten Wäsche nicht mehr elastischen auf- und abgerollten Wicklern in der zweiten Ehe der Mutter das Einzelkind blieb, das nach seinem sechzehnten Lebensjahr wegen eines zerbrochenen Metallbohrers mit einem Schmiedehammer totgeschlagen zu werden riskierte.
Die Kindheit? Gut war sie, um nicht von vornherein glücklich zu sagen und mich später, als alter Mann wegen aufkommenden Gedächtnisverlusts korrigieren zu müssen. Wie mein Vater, der nach aufwendigen Recherchen und den Aussagen einiger seiner dreizehn Geschwister als Zweitältester eine miserable Jugend hatte, ab siebzig aber jedes Jahr seiner Bubenzeit in ein rosigeres Bild verklärte.
Seine Mutter, meine Grossmutter, während der dritten Geburt religiös erleuchtet, war fest davon überzeugt, für die sündigen Momente vorangegangener Lust mit einer von Kind zu Kind lebensgefährlicheren Niederkunft Busse zu tun. Der Vater, mein Grossvater also, im deutsch-französischen Krieg von anno 1870/71 als Sergeant Major in der Armee des Generals Bourbaki und dann als Feldweibel der siegreichen deutschen Armee daran gewöhnt, sein Fähnchen nach dem Wind zu richten, notfalls mit aufgeblasenen Pausbacken pustend nachzuhelfen, wurde im zivilen Leben wegen seiner Sprach- und Frauenkenntnissen im Sommer Portier in einem nach Schwefel stinkenden Thermalbad in den Voralpen. Für seinen unkontrollierten Umgang mit dem anderen Geschlecht soll er mit Syphilis bestraft worden sein.
Mittels der im Winterhalbjahr gezeugten Kindern versorgte er seinen Hof mit Knechten und Mägden. Froh und dankbar für jedes weitere Kind, das im Sommer an seiner Stelle auf dem Hof arbeitete, blieb er länger als die Frömmigkeit meiner Grossmutter voraussah, aktiv.
Mein Vater dagegen begann seine soldatischen Jahre während des Ersten Weltkriegs mit den weit gefährlicheren Abenteuern des Sergeant Major und Oberfeldweibel zu verwechseln und schwärmte davon, was der aus fremden Kriegsdiensten und dem Badehotel für frigide Ehefrauen wohlhabender Bürger, aus gestürzten Monarchien geflohener Adeliger und schwerreicher Industrieller zu verheimlichen hatte. Auf einem Steckenpferd mit echter Rosshaarmähne ritt er Attacken gegen alle, die seiner Geschichtsklitterei keinen Glauben schenkten.
Ich wehrte mich gegen zahlreiche Nachbarskinder mit der unwiderruflichen Tatsache, von drei Paten zur Taufe getragen worden zu sein. Die Patin, Gattin eines Fürsprechers und Notars mit Mandaten bis hinauf ins nationale Parlament. Der eine Pate ein Grossbauer aus der katholischen Schweiz und schlussendlich der auf den Tag genau neunzehn Jahre ältere Halbbruder väterlicherseits. Er heiratete später eine Frau, die die Ausgaben für Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke auf maximal fünf Franken limitierte. Der katholische Grossbauer wurde noch vor meiner Konfirmation wegen unzüchtigen Verhaltens gegenüber Schulmädchen zu einer – allerdings erfolglosen – Therapie gezwungen. Die an sich grosszügige Patin zeigte sich nicht mehr, nachdem ihr Mann wegen massiver Veruntreuungen privater und öffentlicher Gelder mit anderen Betrügern inhaftiert wurde.
Ich war, kaum konnte ich gehen, der stolze Besitzer eines Dreiradvelos. Einem Nachbarbuben warf ich den Brausekopf einer Giesskanne ins Gesicht. Er behauptete, mein Rad sei eine Krücke. Wer ein Mann werden wolle, warte, bis er gross genug sei, auf einem Zweirad das Gleichgewicht zu finden. Die Wunde über seinem rechten Auge musste genäht werden. Die Narbe hinderte ihn, der Tradition seiner Familie folgend, ein guter Schütze zu werden.
Rechts zielen, das linke Auge schliessen.
An einem Klassentreffen machte ich ihm den Vorschlag, ich wäre durchaus bereit, ihm eine Schiessbrille zu finanzieren. Rechts entsprechend der Sehkraft angepasst und geschliffen, links schwarz abgedunkelt. Ich wusste nicht, dass er wegen mangelnder Unterstützung der Schützenlobby gerade die Wahl zum Stadtrat verpasst hatte.
Meine Halbschwestern waren alle mindestens zehn Jahre älter als ich. Sie waren, als ich eingeschult wurde, bereits aus dem Haus, geflohen vor meinem Vater, der nicht der ihre war.
Mich hatten sie gemocht. Im sonnengewärmten Wasser des Badezubers verzärtelt, in trockenen Tüchern gerubbelt und in grobleinene Windeln gewickelt. Weil ich aber nach ihren Berechnungen zu spät Herr über meine Peristaltik wurde, rümpften sie ihre von ihrem Vater vererbten spitzen Nasen.
Odysseus, dräckig win e Moore oder Göttersagen auf Berndeutsch
Das erste Jahr in der Institution, deren Exerzitien mit dem Begriff Schule verharmlost wurden, waren unter der Anleitung einer monströsen Frau ein immer wiederkehrender Alptraum, der mir bis heute in Erinnerung gerufen wird, wenn in einer Zirkusarena der dumme August vom weissen Clown drangsaliert wird.
Die Lehrerin war kein Clown wie die grosse Annie Fratellini, bei der ich fünfzig Jahre später in Paris in die Kunst des Jonglierens eingeführt wurde.
«Drei Bälle», sagte mir Annie Fratellini, «lernt jeder zu beherrschen, wer tanzen kann, kann auch das Jonglieren lernen.»
Meine erste Lehrerin geriet beim Turnunterricht, bei dem sie ein Tamburin malträtierte, regelmässig aus dem Takt, wenn die kleinste Erstklässlerin auf ihren kurzen Beinen nicht Schritt halten konnte, mehr tanzte als marschierte. Und auch ich weinte, wenn mich auf halber Höhe der Kletterstange die Kraft verliess, ich auf den Turnhallenboden zurückrutschte, das Fräulein Lehrerin mich einen Schlappschwanz schimpfte. Harte Bälle warf sie uns an die Köpfe, wenn sich unsere Tränen mit Nasenrotz vermischten.
Als ich zu Hause gefragt wurde, wie es mir in der Schule gefalle, schaute ich zur Mutter auf und sagte, das Fräulein sei viel dicker als sie. Mein Vater ass gerade seine nachmittägliche Portion Schabzieger aus dem Glarnerland, lachte laut auf, verschluckte sich, keuchte, die Mutter schlug ihm ein paarmal mit der flachen Hand auf den Rücken.
«Lach nicht, wenn dein Sohn lieber eine dünnere Lehrerin hätte.»
Meine Mutter war etwas füllig. Traditionell gebaut, wie der Schotte Alexander McCall Smith von seiner wunderbaren Heldin Mma Ramotswe sagte.
Leider gab es während meiner ganzen Schulzeit für meine Mutter keine Gelegenheit, sich wie die Romanheldin aus Botswana als Detektivin zu beweisen. Sie vermutete hinter guten wie schlechten Geschichten immer finstere Machenschaften. Als ich ihr nach einem von Heimweh dominierten Ferienlager im Berner Oberland von den Geschichten berichtete, die der Schullagerleiter uns jeden Abend erzählte, stellte sie aufgebracht Nachforschungen an, wollte wissen, was es mit dem Herrn Meyer auf sich haben könnte, der uns jeden Abend vor dem Einschlafen Geschichten von Männern und Frauen, Zauberinnen und Helden, Göttinnen und Göttern, hölzernen Riesenpferden, einäugigen Riesen erzählte. Baumstämme wurden zugespitzt, angebrannt und in das Auge des Riesen gerammt.
So etwas für noch nicht zehnjährige Kinder! Pfarrer war er ja nicht, der Herr Meyer. Seine Frau spielte in der Kirche bloss die Orgel. Klein wie sie war. Mit kürzeren Beinen als die Trettasten des Instruments auf der Empore voraussetzten. Er war ein fauler Hund. Nur Lehrer. Kein weiteres Amt. Nicht Chordirigent. Nirgends Sekretär oder Vereinskassier. Nicht einmal Revisor.
Und dann erschien kurz nach seiner Pensionierung Homer uf Bärndütsch.
Warum?
Weil im emmentalischen Krachen, wo Albert Meyer geboren wurde und aufwuchs, ohne auch nur der Spur nach manieriert zu wirken, so lautmalerisch und rhythmisch geredet wurde wie Homer seine Geschichten um den Helden Odysseus geschrieben hatte.
«Odysseus trat beschmutzt unter den Hecken hervor», konnte man in der besten deutschen Übersetzung lesen.
«Dr Odysseus, dräckig win e Moore, isch unger de Studerete vüregschnaaget.»
Meine Mutter verstand etwas von Sprache, ging am nächsten Sonntag in die Kirche, wartete nach dem Amen auf die Organistin und entschuldigte sich bei ihr.
«Wofür denn?»
«Dass ich deinen Mann verdächtigte, meinem Buben Geschichten erzählt zu haben, die keinen Sinn ergeben.»
Frau Meyer bedankte sich.
«Mein Mann hat ein Leben lang nichts anderes gemacht als Lehrer zu sein, Griechisch zu lernen und diesen Homer in eine Sprache zu übersetzten, die dem Hexameter am nächsten kommt.»
Dass meine Mutter mit den homerischen Hexametern etwas anzufangen wusste, verstand ich damals nicht, bewunderte sie aber dafür. Sie kaufte das Buch und las es mehrmals von vorne bis hinten, immer laut und trieb meinen Vater aus dem Wohn- ins Wirtshaus. Drei Flaschen vom besten Burgunder hätte er für den Preis des Buches kaufen können.
«Sie besäuft sich mit griechischen Göttern und Helden, die berndeutsch reden.»
Seine Jasspartner schüttelten die Köpfe. An den Sonntagnachmittagen waren hiesige Könige, Damen, Bauern und Asse Trumpf.
Wer sich der Kunst zuwendet, wird für andere anders
Meine jüngste Halbschwester wurde Näherin und weil sie es mit schwierigen halbwüchsigen Kindern konnte, Betreuerin in einer Anstalt für schwer erziehbare Knaben. Als ihr der Direktor der nur hinter vorgehaltener Hand anrüchig genannten Institution zu nahekam und an die Wäsche wollte, ging sie nach England, wo sie verantwortlich wurde für die drei Kinder eines aufstrebenden Mitglieds der konservativen Partei. Man sagte ihr nach, wenn man sie en face betrachte, stelle sich unweigerlich eine Ähnlichkeit mit der jungen Königin Elizabeth II ein. Das Profil stimmte weniger. Sie schickte mir zu Weihnachten ein englisch-deutsches Wörterbuch, einen kleinen roten Collins, um den mich auch der Englischlehrer geradezu schamlos beneidete. Die Mutter bekam eine Wärmflasche aus Gummi. Das rote, etwas unangenehm anzufassende Ding war mit Hotwaterbottle angeschrieben.
Mein Vater hatte wegen den moralisch etwas diffusen Geschichten um meinen Grossvater etwas gegen das Französisch meiner Mutter und weigerte sich, unumgängliche Begriffe und Wörter der Sprache entsprechend in den Mund zu nehmen. Er lachte meine Mutter respektlos aus, als sie die englische Hotwaterbottle deutsch intonierte. Ausgerechnet er, der den Namen des verehrten Generals Charles de Gaulle genauso auszusprechen pflegte wie er ihn in der Zeitung las.
Die zweite Halbschwester überlebte ihren Mann, einen ambitionierten Bauern, um viele Jahre. Zu meinem zehnten Geburtstag schenkte sie mir ein schwarzes, in Leder gebundenes Notizbuch und einen Druckbleistift der Marke Caran d’Ache. Sie war befreundet mit einer Frau, die wiederum mit einem Mitglied der Schulkommission verheiratet war. Über diesen Kanal hatte sie sich kundig gemacht, dass ich mich in der Schule mit eigenwilligen Natur- und Charakterbeschreibungen meiner Familie und Nachbarschaft hervortun würde. Am Ende der Äcker und Wiesen meiner Eltern stand ein alter, verknorpelter Apfelbaum. Längst hätte man ihn fällen sollen. Weil er aber zwei Nachbarn im Wege stand, behauptete mein Vater, unterstützt von meiner Mutter, die Sorte der Äpfel sei vom Aussterben bedroht, der Baum stehe darum unter Naturschutz. Eine Behauptung ohne jegliche amtliche Beglaubigung.
Stellte ich mich unter ebendiesen Baum, sah ich weit über das Land, das weder meinem Vater noch dem ersten Mann meiner Mutter, dem Vater meiner Halbgeschwister, gehörte.
«Setz dich unter den Baum am Ende der Furchen», riet mir die Halbschwester, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit der englischen Königin, noch sonst
