Die wilde Göttin: Der Lilith-Mythos als Weg der Versöhnung zwischen Mann und Frau
Von Kerstin Chavent
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Über dieses E-Book
Der Legende nach war Lilith der erste weibliche Mensch und entsprang demselben Schoß wie der Mann. Eva, angeblich Adams Rippe entnommen, war Adam untertan, Lilith ihm ebenbürtig. Sie repräsentiert seit jeher die authentische weibliche Kraft und ist Inbegriff der emanzipierten Frau. Mit dem Beginn des Patriarchats endete die Zeit Liliths. Die freie und selbstbestimmte Frau wurde in die Wüste verbannt. Nach Jahrtausenden der Männerherrschaft ist Lilith zurück, sie erinnert uns – Frauen wie Männer – daran, woher wir kommen und stellt uns die Frage, welches Leben wir wirklich führen wollen.
Damit sich Mann und Frau wie einst auf Augenhöhe begegnen können, müssen sich beide zunächst mit ihren »Schatten«, den dunklen, ungeliebten Aspekten ihrer Persönlichkeit auseinandersetzen, um im nächsten Schritt zu erkennen, wie sehr sie in den Jahrtausenden des Patriarchats irregeleitet waren. Doch wenn wir uns alle auf dieses Wagnis einlassen, können wir zu einem gesunden neuen Miteinander finden, auf persönlicher wie globaler Ebene.
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Buchvorschau
Die wilde Göttin - Kerstin Chavent
Vorwort
Ich bin nämlich die Erste und die Letzte
Ich bin die Geehrte und die Verachtete
Ich bin die Dirne und die Ehrbare
Ich bin die Frau und die Jungfrau
Ich bin die Unfruchtbare und doch Kinderreiche
Ich bin das Schweigen, das unfassbare
Ich bin das Sprechen meines Namens.
Text
der
Gnosis
aus
Der
Donner
,
Vollkommener
Verstand
Lilith: Göttin, Dämonin, schwarze Muse, weise Frau. Als Verführerin der Männer gilt sie, als Schutzgöttin der Dirnen, Albtraum der Wöchnerinnen, Inbegriff der emanzipierten Frau. In vielen Überlieferungen ist sie das Negative schlechthin: dunkel, frustrierend, kriminell, katastrophenhaft, abnormal, vergiftend – eine Übeltäterin im schlimmsten Sinne. Kein Wesen der jüdisch-christlichen Mythologie wird so konträr rezipiert wie die rebellische Vorgängerin Evas. Ihr Mythos ging um die Welt. Sowohl bei semitischen wie auch nichtsemitischen Völkern taucht sie auf, bei Babyloniern und Assyrern, Juden und Arabern, Sumerern und Hethitern. Aus griechisch-byzantinischen, koptischen, äthiopischen, armenischen, syrischen, neugriechischen, südslawischen und russischen Legenden ist sie bekannt, denen allen eines gemeinsam ist: die Erzählung von einem gefährlichen weiblichen Dämon, der von einem oder zwei überlegenen männlichen Heiligen oder von einem Propheten überwältigt, unschädlich gemacht und schließlich vertrieben wird.
Ihr Ruf schwankt zwischen Faszination und Schrecken. Lange war Lilith in Vergessenheit geraten. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie in der Kunst als Personifikation der Sünde und der Verführung wiedererweckt. In den 1960er-Jahren machte sie die jüdische Frauenbewegung zum Emblem der Emanzipation. In Videospielen und Science-Fiction-Filmen taucht sie als furchtlose und erotische Kämpferin auf. Ihr Name wird wieder gern vergeben. Erste schriftliche Zeugnisse stammen aus den sumerisch-babylonischen Kulturen Mesopotamiens. Lil-la oder Lil-lû galt als Windgeist. Im Asyrisch-Babylonischen bedeutet Lilith so etwas wie Teufelin. In der jüdischen Tradition wurde die ursprünglich babylonische Göttin Lilitû zu einer Wüstendämonin. Im Hebräischen und im Arabischen wird sie mit der Nacht assoziiert. Ihr Name steht für Anziehung, Verführung, Erotik, Schöpferkraft, Evolution, Autonomie und Freiheit. Sie wird als Nachtgespenst bezeichnet, als Schreieule, als Phantom des Bösen und der Dunkelheit, als Königin der Hexen, gleichzeitig Kindesmörderin und Geburtshelferin, Weib des Leviathans und Gemahlin Gottes. In ihrer Gegensätzlichkeit haftet ihr etwas Irritierendes an, etwas Verunsicherndes, Herausforderndes. Sie ist das eine und das andere: Nähe und Distanz, Leidenschaft und Kühle, Forderung und Verweigerung. In Zeiten tiefster Spaltung taucht sie am Himmel auf, um uns zu helfen, uns in unserer Komplexität und Widersprüchlichkeit zu verstehen und um unserer Sehnsucht nach Versöhnung und der Überwindung von Gegensätzen Ausdruck zu verleihen.
In der Astronomie ist Lilith als ein unerklärlicher Schatten bekannt, der vor der Sonne vorüberzieht. Ihr astrologisches Zeichen – ein Kreis, der in der Mitte durch eine horizontale Linie geteilt wird – symbolisiert einen Geist, der sich entlang eines Weges manifestiert. Dieser Weg ist kein leichter. Lilith gilt als die dunkle Seite des Mondes. Mond und schwarzer Mond repräsentieren zusammen die Dialektik von Sein und Nicht-Sein, Leben und Tod, Anpassung und Wildheit.
Auch wenn er nicht von der Sonne beschienen wird und wir ihn nur als Sichel sehen: Der Mond ist ganz. Im patriarchalen Weltbild jedoch wurde nur der helle Mond beibehalten und seine dunkle Seite verteufelt und ausgegrenzt. Was ursprünglich zusammengehörte, wurde zerteilt. Der Mond wurde mit der Frau assoziiert und die Sonne mit dem Mann. So gilt die Frau bis heute als passiv und dunkel und der Mann als aktiv und hell. Lilith hingegen ist eine astronomische Besonderheit. Sie ist ein sensitiver Punkt auf der Mondbahn, der nicht der Abhängigkeit von der Sonne und somit dem männlichen Prinzip unterliegt. Lilith ist frei, autonom, unabhängig. Sie repräsentiert eine Ebene, auf der die Frau nicht als das »schwache Geschlecht« gilt. Lilith fordert heraus. Sie initiiert. Wo wir einseitig sind und unsere Kreativität und unsere Leidenschaft einengen, durchkreuzt sie unsere Pläne. Wo wir glaubten, die Kontrolle zu haben, entgleitet sie uns. Was wir für wahr hielten, zieht sie in Zweifel. Lilith ist der fallende Vorhang im Welttheater. Sie kann uns ins Chaos stürzen. Doch wer sich auf sie einlässt, dem bietet sie die Chance, ganz zu werden und heil.
In der jüdisch-christlichen Mythologie beginnt Liliths Geschichte im Garten Eden. Sie war die erste Frau Adams und wie er aus der Mutter Erde erschaffen. Anders als Eva war sie dem Manne ebenbürtig. Lilith repräsentiert eine Zeit, in der Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander lebten und sich gegenseitig ergänzten. Diese Zeit endete mit der Geschichte von einer Rippe.
Anders als Lilith hatte Eva keine Mutter. Sie wurde gewissermaßen künstlich erschaffen, erfunden von einem männlichen Geist, hervorgegangen aus einem männlichen Körperteil. Auch wenn heute kaum noch jemand an die Geschichte mit der Rippe glaubt und immer mehr Menschen sich von den christlichen Religionen abwenden: Wie keine andere hat diese Erzählung den Verlauf der Menschheitsgeschichte geprägt. Das Christentum bleibt die mit Abstand am weitesten verbreitete Religion in der Welt. Erst danach folgen Islam, Hinduismus, Buddhismus und Judentum.
Adam und Eva. Fast jeder kennt die Geschichte von einer Frau, die dem Manne untertan ist. So steht es geschrieben. So soll es von Anfang an gewesen sein. So soll es bleiben. So ist es bis heute. Bis heute verdienen Frauen auch in den Industrienationen für dieselbe Arbeit teilweise deutlich weniger als Männer. An die wichtigen Posten kommen Frauen auch heute nur selten heran. Weltpolitik wird trotz ein paar herausragender, sich dominant gebärdender Frauengestalten fast ausschließlich von Männern gemacht. Es sind die Frauen, die am schwersten an der Doppelbelastung Familie und Beruf zu tragen haben. Alleinerziehende Mütter gehören zu den am meisten benachteiligten Menschen der Gesellschaft. Wesentlich häufiger als Männer sind Frauen Opfer männlicher Gewalt. Heute wie zu Evas Zeiten: Die weibliche Hälfte der Menschheit spielt per se die zweite Geige. Bis heute verstecken sich Frauen hinter Männern und überlassen ihnen die großen Entscheidungen. Bis heute stehen die Männer vorne, während Frauen weiterhin die Arbeiten machen, die man nur sieht, wenn sie nicht gemacht werden.
Lilith betritt die Bühne in einem Moment, in dem die Menschheit an einem Scheideweg steht. Als Gaias verborgene Schwester repräsentiert sie die dunklen Anteile in uns, in denen sich gleichzeitig unsere Kraft und unsere Kreativität verbergen. Die ursprüngliche Schöpferin allen Lebens entfaltet ihre formgebende, kreative Kraft dort, wo der Schmerz am tiefsten ist. Sie steht dafür, uns vom Urteil anderer zu lösen, uns unabhängig von äußeren Realitäten zu machen und unseren tiefen Wunsch nach Selbstbestimmung zu leben.
Lilith ist kein Symbol für einen Gott oder eine Göttin. Sie steht für die Fähigkeit des Menschen, nicht nur seine Götter zu erschaffen, sondern selber zum Schöpfer zu werden. Sie repräsentiert eine Zeit, in der das Mütterliche im Mittelpunkt stand und die Gebärkraft der Frauen als eine göttliche Kraft verehrt wurde, eine Zeit, in der der Schutz des Lebens die höchste und wichtigste Aufgabe des Menschen war und in der es anstelle eines alleinherrschenden Vatergottes eine allumfassende Mutter gab, die alle ihre Kinder liebte und nährte.
Wer ist diese Frau, die das Gegensätzliche in sich vereint und das Dunkle nicht flieht? Wer ist die Frau, die jeden Tag hundert ihrer Kinder opferte, die den Namen Gottes kennt und nicht fürchtet? Wer ist die, die nicht als Messias daherkommt, sondern als Teufelsweib, das sich nicht davor scheut, dem Allerhöchsten die Stirn zu bieten? Wer ist die Widerspenstige, die für ihren Ungehorsam aus dem Paradies verbannt wurde? Wer ist dieser Stachel im Fleische eines Patriarchats, das uns glauben macht, die Welt sei schon immer von Männern beherrscht worden und es habe schon immer Kriege gegeben?
Der Weg, den wir hier beschreiten, ist kein leichter. Wie im »Königsweg« liegt eine Heldenreise vor uns.² Auch dieses Mal geht es ums Ganze, um die Bereitschaft, uns auch mit den Schatten auseinanderzusetzen, bevor das Licht am Ende des Tunnels sichtbar werden kann. Wer könnte uns besser begleiten als Lilith? Wie keine andere hat sie erfahren, was es bedeutet, alles zu verlieren. Sie wurde vertrieben, verdammt und verteufelt. Alles wurde ihr genommen: ihre Kinder, ihr Zuhause, ihr guter Ruf. Und doch ist sie da. Durch nichts hat sie sich unterkriegen lassen. Bis heute hat sie sich ihre Ursprünglichkeit und ihre Echtheit bewahrt und die Erinnerung an die Zeit der Großen Göttin, aus der einst alles entsprang. Nicht als Jungfrau fein kommt sie daher, sondern als eine starke, sinnliche und erotische Frau, die es wagt, zu fluchen und Fehler zu machen. Nicht als brave Tochter ist sie gekommen, als Papas Liebling und Mamas Zierde, als perfekte Ehefrau und Mutter, sondern als eine, die es nicht darauf anlegt, es allen recht zu machen. Lilith eckt an. Sie hält es aus, unbequem zu sein und den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. Wer besser als sie wäre dazu geeignet, Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu finden, die nicht dort ansetzen, wo die Probleme entstanden sind, sondern viel früher?
2 Chavent, Kerstin: Der Königsweg, Scorpio 2024
Der Krieg ist der Vater aller Dinge.
Heraklit
Die Frauenbewegung steht heute vor einer ernüchternden Tatsache: In keinem Land der Welt wurde die Gleichstellung der Geschlechter erreicht. In Deutschland tötet jeden dritten Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Alle vier Minuten wird ein Mann seiner Frau gegenüber gewalttätig.³ Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt achtzehn Prozent weniger Lohn als Männer und erzielen ein halb so hohes Lebenseinkommen.⁴ Seit den Covid-Lockdowns ist der Anteil von Frauen an Firmengründungen noch tiefer gesunken.⁵ Frauen werden auch in hoch entwickelten Ländern schlecht behandelt. Soweit wir zurückdenken können, hatten Frauen die schlechteren Karten. Doch geht es uns im Vergleich zu früher heute nicht zumindest besser? So begnügen sich viele Frauen mit den Häppchen, die ihnen zugeworfen werden, und bleiben weiterhin dort, wo sie glauben hinzugehören: im Hintergrund.
Am Anfang war Lilith
»Wer ist Lilith?«, fragt Dr. Faust in Goethes Drama seinen Begleiter Mephisto. »Adams erste Frau. Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt. Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, so lässt sie ihn sobald nicht wieder fahren.«⁶ Vamp, Hure, Dämonin der Lust, zügellose Verführerin, Königin des Unreinen – seit Jahrtausenden geistert Lilith durch die Fantasien und Schlafzimmer der Menschen. Als verleugnete Schwester Evas taucht sie auf, die sich nicht verbiegen lässt, als Sirene, die Odysseus in der Tiefe zu verschlingen droht, als Dalila, die Samson seiner Kraft beraubt, als Judith, die den Holofernes enthauptet, als Salomé, die das Haupt Johannes’ des Täufers trägt.
Ursprünglich ist sie das Relikt eines frühen rabbinischen Versuches, die sumerisch-babylonische Göttin Belet-ili oder Belili in die jüdische Mythologie zu integrieren. Auf einer Tafel aus der Zeit um 2000 Jahre vor Christus wird sie mit dem Namen Lillake angesprochen. In der Bibel wird sie nur einmal erwähnt, in Jesaja 34,14: »In seinen Palästen werden Dornen wachsen, Nesseln und Disteln in seinen Bergen, sodass sie eine Wohnstatt für Schakale werden, und ein Gehöft für die Strauße. Da stoßen Wüstenwölfe auf Hyänen und ein Sa’ir auf den anderen. Nur dort wird Lilith rasten und findet eine Ruhestätte für sich.«
Liliths Verteufelung begann, als Adam versuchte, sie sich unterlegen
