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Zur Bestimmung von Gut und Böse: Eine erkenntnistheoretische Betrachtung zum Wesen der Wirklichkeit
Zur Bestimmung von Gut und Böse: Eine erkenntnistheoretische Betrachtung zum Wesen der Wirklichkeit
Zur Bestimmung von Gut und Böse: Eine erkenntnistheoretische Betrachtung zum Wesen der Wirklichkeit
eBook324 Seiten3 Stunden

Zur Bestimmung von Gut und Böse: Eine erkenntnistheoretische Betrachtung zum Wesen der Wirklichkeit

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Über dieses E-Book

Bestimmte Erscheinungen in unserer Realität verlangen nach klarer Erklärung. Es geht nicht bloß um Aggressivität und Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen und Gestalten. Es geht besonders um die Frage, wie all das inmitten einer Kultur möglich ist, die »uns so klar und so ausdrücklich schon seit Langem die Mittel zum Leben in persönlicher und gesellschaftlicher Harmonie zur Verfügung stellt«.
Die Frage nach der Bestimmung von Gut und Böse begleitet den Menschen von Anfang seines Bestehens in der Welt. Die Intensität der Beschäftigung mit dieser Frage im Mythos, in der Religion, in der Philosophie und in allen Kunstzweigen deutet auf eine Bedeutung hin, die weit über die Grenzen des ethischen Handelns hinaus führt: »Der Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit«, in der der Mensch sein Leben führt.
Es geht um zwei Arten des Verständnisses der Wirklichkeit, die sich in zwei gegensätzliche Visionen der Beziehung zwischen Mensch und Welt zum konkreten Ausdruck bringen: Eine, die den Menschen ohne Einschränkung bejaht, und eine, die sich erlaubt, den Bereich des Menschlichen einengend zu bestimmen und sich so als eine Vision des Schreckens und des Todes zu offenbaren.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum12. Dez. 2021
ISBN9783347499904
Zur Bestimmung von Gut und Böse: Eine erkenntnistheoretische Betrachtung zum Wesen der Wirklichkeit
Autor

Abraham Ehrlich

Dr. Phil. Abraham Ehrlich hat Philosophie in Jerusalem und Köln studiert. Im Zentrum seiner bisherigen philosophischen Arbeit stand die Entwicklung eines umfassenden philosophischen Systems. Seinem Verständnis nach besteht das eigentliche Problem eines jeden einzelnen Menschen in der Klärung seiner Orientierung in der Welt; denke man nur an persönliche Identität, Glück und den Sinn des Lebens. Er ist davon überzeugt, dass der «Kompass» für diese Orientierung des Einzelnen nur in der Erkenntnis der Wirklichkeit zu finden ist, deren integraler Teil er ist. Abraham Ehrlich lebt in Berlin und ist als Gymnasiallehrer tätig.

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    Buchvorschau

    Zur Bestimmung von Gut und Böse - Abraham Ehrlich

    I. 

    Einführendes

    1. Die Frage, was unter Gut und Böse zu verstehen ist, ist so alt, wie der Mensch selbst. Diese Tatsache deutet auf die Eigentümlichkeit des Menschen hin: Ein Lebewesen, das zwar als solches ein Teil der Natur ist, gleichzeitig aber sprengt es, seinem Wesen nach, die Grenzen der Natur.

    Die Natur, wie sie uns beobachtungsmäßig und wissenschaftlich bekannt ist, kennt weder das Gute noch das Böse: Sie stellt ein selbstgenügsames Gebilde dar, das wert-neutral und somit wert-frei ist.

    Es geht also bezüglich des Guten und des Bösen um eine Bestimmung des Menschen, die ihn und sein Leben betrifft. Dabei ist es wichtig zwischen dem Adjektiv „gut und dem Substantiv „das Gute zu unterscheiden. Eine enzyklopädische Erläuterung kann uns helfen, den Unterschied zwischen beiden deutlich zu erkennen:

    „Das Adjektiv „gut" ist in der Form guot im Althochdeutschen schon im 8. Jahrhundert bezeugt. Seine Bedeutungsentwicklung führte von der ursprünglichen Grundbedeutung „passend, „geeignet zu „tauglich, „wertvoll, „hochwertig und auf Personen bezogen „tüchtig, „geschickt, auch den sozialen Rang anzeigend „angesehen, „vornehm. In ethischer Verwendung bedeutete es schon im Althochdeutschen „rechtschaffen, „anständig".

    Während das Adjektiv „gut eine Vielzahl von Bedeutungen hat, stammt das Substantiv „das Gute aus der philosophischen und theologischen Fachsprache und wird in einem spezielleren Sinn verwendet, der von der fachsprachlichen Herkunft des Begriffs geprägt ist. Als „gut werden unter anderem Gegenstände bezeichnet, wenn sie qualitativ hochwertig und zu einem bestimmten Zweck tauglich sind, oder Leistungen, wenn sie bestimmte Anforderungen erfüllen, oder Verhältnisse und Zustände, wenn sie angenehm und erfreulich sind. Ein Mensch gilt als „gut, wenn er sozial erwünschte Eigenschaften aufweist. „Das Gute hingegen steht in der Regel für ein höchstrangiges Ziel des Menschen: für das unbedingt Wünschenswerte und als richtig Erachtete, das durch entsprechende Handlungen verwirklicht werden soll. Hier geht es nicht um Tauglichkeit, die etwas Zweckdienliches als gut erscheinen lässt, sondern um das schlechthin Gute als Selbstzweck

    Zu betonen ist die Tatsache, dass „gut und „böse – wie sie oben beschrieben wurden – relativ in ihrer Bedeutung und in ihrer Gültigkeit sind: was heute als gut empfunden und verstanden wird, kann morgen als das Gegenteil davon empfunden und verstanden werden. „Gut und „böse sind personen- (oft dieselbe), ort- und zeitbedingt. Dem gegenüber ist „das Gute" seinem Wesen nach unbedingt und absolut in seiner Bedeutung und in seiner Gültigkeit.

    Abgesehen von der hier beschriebenen Deutung der Adjektive „gut und „böse, die sich relativ an dem angestrebten Zweck orientiert, muss man eine weitere Bedeutung dieser beiden Adjektive hervorheben: die moralisch-sittlichen Qualifikationen „gut und „böse. Die Adjektive „gut und „böse in ihrer moralisch-sittlichen Bedeutung entstammen den Begriffen „des Guten und „des Bösen.

    Die moralischen Attribute „gut und böse" sind unmittelbare Ausdrücke der Autonomie des Menschen: Es handelt sich um einen Aspekt des menschlichen Wesens, der in seiner Fähigkeit zur Selbst-Gesetzgebung und zur ursprünglichen Bestimmung seines Willens zum bewussten, absichtsvollen Handeln zum Ausdruck kommt.

    Es geht um die Fähigkeit des Menschen, Möglichkeit in Wirklichkeit umzuwandeln. Es handelt sich dabei jedoch nicht darum, auf die Um-Welt zu wirken und in ihr etwas zu ändern. Es handelt sich vielmehr um die eigentümliche Fähigkeit des Menschen, sich auf eine fundamentale, singuläre Weise zu verwirklichen.

    Konkret heißt das: Je echter, authentischer eine Person ist, desto wirklicher ist sie! Wenn eine Person, geleitet durch Wirklichkeits- und Selbsterkenntnis, danach strebt, das zu sein, was sie sein soll, wird sie immer wirklicher, also immer deutlicher Teil der Wirklichkeit.

    Die weltliche Überzeugung, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, wie auch die religiöse Überzeugung, dass der Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen worden ist, beide haben zur gewaltigen geschichtlichen Entwicklung der Bedingungen der Möglichkeit der persönlichen Freiheit und der ihr angemessenen gesellschaftlichen freiheitlichen, sozial-gerechten Ordnung geführt. Auch die gewaltige Entwicklung der Wissenschaft und der Technik, die immer mehr Menschen zum menschen-würdigen Leben verhelfen, sind ein sehr konkreter Ausdruck dieser Selbst-Verwirklichung des Menschen, also für die Schaffung einer menschen-gerechten Wirklichkeit im umfassendsten Sinne des Wortes.

    Die moralischen Werte und Normen, die die persönliche Lebensführung in ihrer Gültigkeit begründen und leiten, haben ihren Grund im Wesenskern des Menschen und sie besitzen daher objektive Gültigkeit.

    Im Unterschied zur Naturgesetzlichkeit, die uns aufgezwungen ist, gründen die moralischen Werte und Normen in der vom Wesenskern des Menschen bestimmten Gesetzmäßigkeit, die uns deshalb nicht aufgezwungen ist, weil sie ihrem Wesen nach eine Gesetzmäßigkeit ist, die von uns erkannt, verinnerlicht, gewollt und in unserer persönlichen Lebensführung konkretisiert werden soll.

    Die auf diese Weise zum Ausdruck kommende Autonomie und mit ihr die Freiheit des Menschen, birgt in sich die eigentümliche Kraft, dem persönlichen Dasein zur authentischen Wirklichkeit zu verhelfen.

    Was die moralisch-sittliche Qualifikation einer Person betrifft, müssen wir zwischen „nicht gut und „böse unterscheiden. Eine Person kann als „nicht gut in unterschiedlichen Intensitätsgraden beschrieben werden: Es sind – umgangssprachlich – unterschiedliche Grade des „Schlechten („ein schlechter Mensch"). Ein wirklich böser Mensch ist einer, der ganz bewusst und mit voller Absicht die erkenntnismäßig festgestellte, also die wahre Wirklichkeit negiert.

    2. Das Böse, wenn man es als den Gegensatz zum Guten verstehen will, bedeutet nicht bloß die Negation der Qualität des Guten, wie etwa „einem bestimmten Zweck untauglich, oder etwas „nicht-unbedingt-Wünschenswertes usw. Diese Negationen haben in Bezug auf das Gute gar keinen Sinn.

    Der Gegensatz des Guten – das Böse – besteht nicht in der bewussten Verhinderung und Bekämpfung der Verwirklichung dessen, was das Gute darstellt, sondern in dem Entwurf einer neuen Wirklichkeit: Es geht um ein anderes Gutes – das „natur-gmäße" Gute!

    Dieser Entwurf ist zunächst nüchtern. Die Realisierung dieses Entwurfs ist jedoch nur mit tiefster Überzeugung möglich. Denn nur wer überzeugt ist, den Entwurf für eine „gute neue Welt" in den Händen zu halten, wird dessen Realisierung mit Enthusiasmus vorantreiben.

    Es geht hier also um eine Vision der angeblich natur-bedingten Verwirklichung von etwas Umfassendem, das nach dieser Vision als die wahre Wirklichkeit verstanden wird.

    Die Negation des gültigen Begriffs der Wirklichkeit und insofern des Begriffs der Wahrheit dieser Wirklichkeit, so wie diese in der Naturgesetzlichkeit und in der ethisch-sittlichen Gesetzlichkeit zum Ausdruck kommt, – eine Negation in gleichzeitiger Bestimmung einer ihr gegenüber stehenden „wahren" Wirklichkeit, wird mit der Bezeichnung „das Böse" versehen.

    Das Böse besitzt also keine eigenständige Bedeutung und insofern auch keine wahre eigenständige Wirklichkeit – und dementsprechend bringt es keine eigenständige „Wahrheit" zum Ausdruck. Diese „Wahrheit" benötigt die Wahrheit, um sich als deren Negation zu bestimmen und als ihre Negation zu „verwirklichen".

    „Gut und „Böse sind keine Relativ-Begriffe; wir benötigen den Begriff des Bösen nicht, um das Gute zu bestimmen: Das Gute, als das Wirklichkeitsmäßige und so als das Wahrheitsmäßige, steht bedeutungsmäßig an und für sich als eine geschlossene Einheit da. Der Versuch, das Gute zu verhindern, kann nur durch die Verwendung der Kategorien des Guten selbst, also durch die Verwendung der „natur-gemäßen" Kategorien der Wirklichkeit und der Wahrheit gleistet werden.

    3. Wir sind daran gewöhnt, das „Gute" als ethisch-sittliche Kategorien zu bestimmen: Autonomie, Freiheit, Handlungsnormen. Dabei muss jedoch bedacht werden, dass solche Kategorien keinen eigenständigen, selbstgenügsamen Bereich konstituieren.

    Wie die systematischen Überlegungen klar gezeigt haben, gehören Autonomie, Freiheit und andere Aspekte zur Bestimmung des Bereichs des Menschlichen; dieser Bereich ist aber Teilbereich der Wirklichkeit im Ganzen, und erst in diesem Zusammenhang kann vom Menschen und von einem von ihm konstituierten „Bereich" die Rede sein.

    Die Loslösung der ethisch-sittlichen Kategorien vom Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit und ihre Wertung als eigenständiger „Themenbereich", wird sie in ihrer Bedeutung relativieren: Worin soll ihre Allgemeingültigkeit – und ja ihre Notwendigkeit für eine dem Menschen angemessene Orientierung seiner Lebensführung begründet sein?

    Diese verlangte Grundlage kann nur und ausschließlich die philosophisch-systematische Erkenntnis der Wirklichkeit sein! Die Erkenntnis der Wirklichkeit ist immer schon in allen Systementwürfen der erste Schritt zur Bestimmung einzelner Phänomene der Wirklichkeit. Das ist der einzige Weg zur unvoreingenommenen, wertneutralen Erkenntnis der Wirklichkeit und von allem, was als wirklich verstanden werden kann.

    Geht man stattdessen, um die Erkenntnis der Wirklichkeit zu erlangen, von einem bestimmten Wirklichen aus, kann das nur in einem bestimmen „Licht", aus einer bestimmten Perspektive geschehen, also wertorientiert und so verfälscht.

    Geht man zum Beispiel von einem bestimmten Menschenverständnis und von einer bestimmten gesellschaftlichen Zielsetzung aus, dann wird man dazu geführt, das Wirklichkeitsganze diesem Verständnis und dieser Zielsetzung zu unterwerfen. Das ist eine „Interpretation" der Wirklichkeit im Licht dieses Verständnisses, sie stellt das dar, was als Ideologie bekannt ist.

    Die Tatsache, dass die Philosophie alles in der Welt in die Perspektive der Wirklichkeit als Ganzes stellt, unterscheidet sie von der Ideologie und macht es unmöglich, dass sie zu einer solchen wird. Ideologie ist im Sinne von R. Lauth eine scheinwissenschaftliche oder scheinphilosophische Interpretation der Wirklichkeit im Dienste einer gesellschaftlichen Zielsetzung, die sie rückläufig legitimieren soll. Das heißt, hier besteht der Bezug auf das Ganze, aber in umgekehrter Richtung: Es ist die Stellung des Ganzen in der Perspektive von bestimmten gesellschaftlichen Zielsetzungen oder Werten. Daher ist es eine Interpretation der Wirklichkeit und keine Erkenntnis derselben. Dies hat zur Folge, dass in der Ideologie der Bezug zur Wahrheit im eigentlichen Sinne fehlt.

    Wenn eine Gruppe von Vorstellungen erstens ein bestimmtes Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit darstellt und zweitens bestimmte Ziele und Werte stellt, nach deren Verwirklichung die Gesellschaft streben soll oder die sie, wenn sie schon Wirklichkeit sind, erhalten soll, wenn also diese Gruppe von Vorstellungen gedanklich im Zusammenhang mit einer gesamten Weltauffassung entwickelt wird, dann heißt sie „Ideologie".

    Wesentlich für die Ideologie ist nicht nur ein allgemeines Interesse an einer gesellschaftlichen und politischen zielorientierten Gestaltung, sondern die Absicht, das Handeln eines jeden Mitglieds der Gesellschaft zu bestimmen. Die Weltauffassung, die eine Ideologie darstellt, betrachtet alles in der Welt aus der Perspektive von den zu verwirklichenden oder zu erhaltenden gesellschaftlichen und politischen Zielsetzungen und Werten, was das konkrete Zeichen für das Fehlen eines jeden Bezugs auf Wahrheit im eigentlichen Sinne ist. Hier wird der Versuch unternommen, nicht nur die gesamte Wirklichkeit und die Vielfältigkeit ihrer Erscheinungen mittels Kategorien eines bestimmten Bereiches der Wirklichkeit zu interpretieren, sondern diesen Bereich selbst in die Perspektive von bestimmten verabsolutierten Werten und in den Dienst der von ihnen abgeleiteten Zielsetzungen zu stellen. Der konkrete gesellschaftliche und politische Ausdruck eines solchen Totalitätsanspruchs von verabsolutierten Werten, welcher der Ideologie wesentlich ist, ist der Totalitarismus.⁴

    Vor diesem Hintergrund verliert der grundsätzliche Unterschied zwischen „gut und „böse und zwischen dem „Guten und dem „Bösen seine Bedeutung! So bahnt sich der Weg zu einer Art von ethisch-sittlicher Orientierung, die aus philosophisch-systemati-schen, kritisch-aufklärerischen wie auch aus religiösen Standpunkten nur und ausschließlich als Menschen-verachtend verstanden werden kann!

    Genau das vollzog der Nationalsozialismus auf eine sehr effiziente Weise!

    4. Ein Beispiel aus der Alltags-Wirklichkeit der Einsatzgruppen kann uns eine Andeutung geben, was damit gemeint ist: „Hauptmann Wolfgang Hoffmann war ein fanatischer Judenmörder. Als Chef von drei Kompanien des Polizeibataillons 101 befehligte er mit seinen Offizierskameraden seine Leute, die keine SS-Männer, sondern ganz normale Deutsche waren, in Polen bei der Deportation und der Massentötung Zehntausender jüdischer Männer, Frauen und Kinder. Und während er sich an diesem Völkermord beteiligte, weigerte sich eben dieser Hoffmann strikt, einem Befehl zu gehorchen, den er für moralisch unannehmbar hielt.

    Dieser Befehl verlangte von den Angehörigen seiner Kompanie, eine Erklärung zu unterzeichnen, die ihnen zugegangen war. Hoffmann leitete seine schriftliche Weigerung mit der Bemerkung ein, nach der Lektüre habe er geglaubt, es liege ein Irrtum vor, ‚denn es erscheint mir als Zumutung, daß von einem anständigen Deutschen und Soldaten verlangt wird, daß er eine Erklärung unterschreiben soll, in der er sich verpflichtet, nicht zu stehlen, zu plündern und ohne Bezahlung zu kaufen.

    Er halte eine solche Forderung für überflüssig, fuhr er fort. Seine Leute seien sich aufgrund ihrer einwandfreien weltanschaulichen Überzeugung der Tatsache vollkommen bewußt, daß derartige Handlungen strafwürdige Verbrechen darstellten. Er erläuterte seinen Vorgesetzten Charakter und Handlungsweise seiner Leute, wozu er vermutlich auch ihre Mitwirkung an Ermordungen von Juden zählte. Die Befolgung der deutschen Normen von Moral und Haltung, schrieb er weiter, beruhe ‚auf innerer Freiwilligkeit und [wird] nicht aus Sucht nach Vorteilen oder aus Furcht vor Strafe begründet …‘.

    Dann erklärte Hoffmann herausfordernd: ‚Als Offizier aber bedaure ich, mich in meiner Auffassung in Gegensatz zu der des Herrn Batl.-Kommandeurs stellen zu müssen, und in diesem Fall den Befehl nicht ausführen zu können, da ich mich in meinem Ehrgefühl verletzt fühle. Ich muß es ablehnen, eine allgemeine Erklärung zu unterschreiben.‘

    In mehrerlei Hinsicht ist Hoffmanns Brief ein erstaunliches und aufschlußreiches Dokument. Ein Offizier, unter dessen Führung seine Leute bereits Zehntausende Juden ermordet hatten, hielt es für einen Affront, wenn irgend jemand annahm, er und seine Männer könnten den Polen Lebensmittel stehlen! Die Ehre dieses Massenmörders war verletzt, und dies in einem doppelten Sinne, nämlich als Soldat und als Deutscher. Seiner Vorstellung nach hatten die Deutschen den polnischen »Untermenschen« gegenüber weit größere Zurückhaltung zu üben als gegenüber den Juden. Außerdem war sich Hoffmann sicher, daß die ihm übergeordnete Dienststelle tolerant genug sein würde zu akzeptieren, daß er einen direkten Befehl nicht nur verweigerte, sondern seine Insubordination auch noch schriftlich niederlegte. Die Beurteilung seiner Untergebenen – die sich zweifellos auf ihre »Beteiligung«, auch am Völkermord, stützte – lief darauf hinaus, daß sie nicht aus Furcht vor Strafe handelten, sondern aufgrund freiwilliger Bereitschaft aus innerer Überzeugung also."⁵

    Und der oberste Vorgesetzte von Hoffmann, Heinrich Himmler, betont: „ Dies [die Judenvernichtung AE] durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte […]. Insgesamt können wir sagen, dass wir diese schwerste Aufgabe in Liebe zu unserem Volk erfüllt haben. Und wir haben keinen Schaden in unserem Inneren, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen".⁶

    Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, der Hitlers Weltanschauungskrieg im Osten führte, verdeutlicht in seinem vom 10. Oktober 1941 erlassenen Befehl, welche Art des Verhaltens der Truppe im Osten verlangt wird: „Das wesentlichste Ziel des Feldzuges gegen das jüdisch-bolschewistische System ist die völlige Zerschlagung der Machtmittel und die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis. Hierdurch entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte einseitige Soldatentum hinausgehen. Der Soldat ist im Ostraum nicht nur ein Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden. […] Deshalb muß der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben. Sie hat den weiteren Zweck, Erhebungen im Rücken der Wehrmacht, die erfahrungsgemäß stets von Juden angezettelt wurden, im Keime zu ersticken".⁷

    „Wir müssen uns damit auseinandersetzen", schreibt Johann Chapoutot, „dass die Nationalsozialisten nicht nur Europäer des 20. Jahrhunderts, sondern schlicht und einfach Menschen waren. Menschen, die in besonderen Zusammenhängen aufgewachsen sind und gelebt haben […], die sich aber, wie wir und andere, in einem sinn- und werthaltigen Kontext bewegten. Um es knapper zu fassen: Es ist fraglich, dass ein Franz Stangel in Treblinka, ein Rudolf Höß in Birkenau oder Karl Jäger, der das Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A leitete, Tag für Tag aufstanden und sich dabei schon auf all die Schandtaten freuten, die sie im Lauf des Tages begehen sollten. Diese Leute waren nicht Verrückt und betrachteten ihre Taten nicht als Verbrechen, sondern als Aufgabe, als zwar unangenehme, aber notwendige Aufgabe.⁸ Aber auch wenn sie zögerten, Juden zu ermorden, „doch dann verrichten sie mit zunehmender, im ganzen entschlossener Bereitwilligkeit das Mordgeschäft.

    „Die Juden sind die ewigen Feinde des deutschen Volkes und müsse ausgerottet werden, schreibt der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß. „Alle für uns erreichbaren Juden sind jetzt während des Krieges ohne Ausnahme zu vernichten. Gelingt es uns jetzt nicht, die biologischen Grundlagen des Judentums zu zerstören, so werden einst die Juden das deutsche Volk vernichten.¹⁰

    Der Jude stellt den ‚gewaltigsten Gegensatz‘ zum Arier¹¹: Was heißt das ‚rein wissenschaftlich‘ betrachtet? Wenn der Arier „allein der Begründer höheren Menschentums überhaupt war, mithin den Urtyp dessen darstellt, was wir unter das Wort ‚Mensch‘ verstehen¹², dann kann man verstehen, was der Jude nach dieser Auffassung eigentlich darstellt: Die unterste Stufe des Untermenschentums, denn er ist nur „ein Parasit im Körper anderer Nationen und Staaten und darin liegt seine Eigenart begründet.¹³ Die Juden wurden so außerhalb der Grenzen der Menschheit als ihr schlimmster Feind gesetzt!

    Hier wird nicht etwas angedeutet, das mit den üblichen Kategorien von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit, „Völkermord und „Kriegsverbrechen" erschöpfend verstanden und beschrieben werden kann: Angedeutet wird die Schaffung einer neuen Wirklichkeit im umfassendsten Sinne des Wortes – wie auch die Notwendigkeit der Schaffung einer entsprechenden Begrifflichkeit!

    Hinter dieser Bestimmung birgt sich eine Vision – die Vision von der aktiven Schaffung einer Wirklichkeit, die für die „eigentlich wahre" Wirklichkeit gehalten wird. Im Lichte dieser Vision wird unsere Wirklichkeit als falsch und un-natürlich verstanden. Es gibt hier ausschließlich entweder oder – in beiden Richtungen: Die Wahrheit unserer Wirklichkeit oder deren aktive Negation durch Schaffung einer „natur-mäßigen und insofern „wahren Wirklichkeit!

    Wir haben es hier nicht bloß mit zwei Begriffen bzw. Sachverhalten theoretischer Bedeutung, sondern von Anfang an mit zwei einander ausschließenden Wirklichkeits-Verständnissen und somit mit zwei einander ausschließenden Wahrheits-Verständnissen zu tun!

    Es geht um die Vision einer der Wirklichkeit, die es durch die Negation des Guten schafft, sich als Vision des einzig Richtigen im Sinne des wirklich Natürlichen erscheinen zu lassen.

    Wenn die Entstehung von „Auschwitz mittels des Schemas „Rechtsextremismus-Beseitigung der Demokratie-Holocaust verstanden wird, und wenn „Auschwitz selbst als „unfassbar betrachtet wird, und darüberhinaus der Nationalsozialismus verteufelt wird, dann kann man aus dieser Vergangenheit wenig lernen. Dann bleibt uns nur noch Informationen zu sammeln und ständig zu mahnen, „nicht zu vergessen und aufzurufen, dass „so etwas sich nicht wiederholen darf!.

    Der Holocaust zeigt uns eindeutig, dass Bestialität und Unmenschlichkeit in einer ganz durchschnittlichen menschlichen Gestalt daherkommen. Dafür kann uns die Gestalt Adolf Eichmanns als Muster dienen.

    Der Lyriker Leonard Cohen fasst „alles, was es über Adolf Eichmann zu wissen gibt", so zusammen:

    „Augen……………………. Mittel

    Haar………………….……. Mittel

    Gewicht…………………… Mittel

    Größe……………………… Mittel

    Besondere Kennzeichen…… Keine

    Anzahl der Finger…………. Zehn

    Anzahl der Zehen………….. Zehn

    Intelligenz…………………. Mittel

    Was haben sie erwartet?

    Krallen?

    Übergröße Schneidezähne?

    Grünen Speichel?

    Wahnsinn?"¹⁴

    5. Die Ankündigung und die klare Beschreibung der oben genannten Vision sind in der „Bibel des Nationalsozialismus (Klemperer) – in „Mein Kampf – offen dargelegt.

    „Nie ist ein Lehrbuch des Priestertrugs […] mit schamloser Offenheit geschrieben worden als Hitlers „Mein Kampf. Es wird mir immer das größte Rätsel des Dritten Reichs bleiben, wie dieses Buch in voller Öffentlichkeit verbreitet werden durfte, ja mußte, und wie es dennoch zur Herrschaft Hitlers und zu zwölfjähriger Dauer dieser Herrschaft kommen konnte, obwohl die Bibel des Nationalsozialismus schon Jahre vor der Machtübernahme kursierte.¹⁵

    „Während andere Diktatoren viel Zeit und Mühe darauf verwenden, ihre eigentlichen Pläne und Ziele zu verheimlichen, war dies bei Hitler anders. Sein Buch hatte nicht nur den Zweck der Selbst Darstellung und der Propaganda, es ging immer auch um Ankündigungen, um Zukünftiges, und zuweilen enthüllte Hitler darin mit einer frappierenden wie gerade zu naiven Offenheit das, was er sich vorgenommen hatte".¹⁶

    Was lässt – trotz eindeutigen geschichtlichen Lektionen mit mörderischen Regimen (Stalinismus, Maoismus und vor allem und im Besonderen der Nationalsozialismus) – das Gute so blass erscheinen, dass dem Bösen der freien Raum überlassen wird, um seine Vision

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