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AndersWo als sonst: ... wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt
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AndersWo als sonst: ... wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt
eBook376 Seiten4 Stunden

AndersWo als sonst: ... wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt

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Über dieses E-Book

Wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt und die Tonspur des Lebens Änderungen anzeigt.

Der Journalist Marten Johannson, im fünfundfünfzigsten Lebensjahr, bricht aus seiner gewohnten Existenz aus und wagt den gesellschaftlichen Ausstieg.
Bislang hatte Marten sein durchaus geregeltes Leben ordentlich gemeistert, doch mit den Jahren spürt er zunehmend mehr, dass ihm die Ausdauer abhanden kommt und Kräfte schwinden.
Er macht sich auf die Suche, um seinem Leben einen weiterführenden Sinn zu geben.
Doch was hat das für Konsequenzen?
Kann man so einfach ausbrechen?

Das Abenteuer beginnt.
Der Ausbruch aber wird zum viel sagenden, phantastischen Ernst.

Ein Märchen für Erwachsene? ... Vielleicht.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum28. Mai 2015
ISBN9783732326501
AndersWo als sonst: ... wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt

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    Buchvorschau

    AndersWo als sonst - Dr. Thorsten Lindemann

    I

    Ein Mann im sogenannten besten Lebensalter, um nicht zu sagen, im fünfundfünfzigsten, willentlich alleinstehend, Arbeitskollegen bezeichneten ihn häufig als „besonderes Exemplar, ging in seiner Heimatstadt die menschenleere, schmale Straße entlang. Schon oft war er diese entlang geschlendert. Zu dieser nächtlichen Stunde, die Uhr wies weit nach Mitternacht, musste es sehr unwahrscheinlich sein, jemanden zu begegnen. So ging er diesen Weg, um auf etwas aufmerksam gemacht zu werden von dem er nur schemenhaft ahnte. Wie es ihm ins Bewusstsein dringen sollte war gleichermaßen unklar, aber dass es an Bedeutungskraft dann, so das Besondere geschah, nicht mangeln sollte, war ihm gefühlsbetont durch eine nächtliche Eingebung, Ungläubige mögen es einfach nur „Traum nennen, erkennbar geworden.

    Schleierförmig legte sich der Nebel auf das Kopfsteinpflaster der Großstadt. Die Gebäude, im hanseatischen Jugendstil, wie in einer Geraden gezogen, … links-, so auch rechts, vierstöckig, wirkten im mageren Licht der vereinzelt stehenden Straßenlaternen bedrohlich. Nur am Ende der Straße war Betriebsamkeit zu vermuten, mochte dieser Eindruck auch ausschließlich an der auf- und abblinkenden Leuchtschrift eines dort auszumachenden Lokals liegen. Weiterführend dieser Lokalität selbst, konnte es sich nur verzetteln, so nichtssagend schien sich das darauffolgende mit der Schwärze der Nacht auszumalen.

    Und so ging die besagte Person geradewegs, die Nachdenklichkeit war ihm förmlich anzusehen, auf diese Stätte zu.

    Marten Johannson, so der Name, stand nun vor dem in Rede gestellten Gebäude, … einem Wirtshaus, und da das Äußere dieser Räumlichkeit wohl eher einer heruntergekommenen Kneipe aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entsprach, schwangen sich in ihm Zweifel auf, die sich, allem voran, eher an eine Umkehr deutlich machten.

    An der Fassade des Hauses mangelte es nicht nur an einem frischen Anstrich, sondern ebenso an den notwendigsten Ausbesserungsarbeiten. Die Eingangstür, mit den zurückliegenden Jahrzehnten unweigerlich mitgealtert, machte beim Öffnen dermaßen ächzende Geräusche, dass dem nächtlichen Besucher instinktiv die zweite Hand zu Hilfe eilen musste, um gegebenenfalls den Einlass vor dem aus den Angeln geraten zu bewahren.

    Über den frühen Abend hinweg hatte es sich mehr- und mehr abgekühlt, und nun war es Nacht geworden, … eine kühle Nacht.

    So wollte es dem Pilger letztendlich passend sein. Er betrat den Gastraum der Schenke. Marten ging, so als wäre er hier schon des Öfteren gewesen, leichtfüßig in die hinterste, linke Ecke des Schankraumes, entledigte sich nicht seines durchnässten Crombie Coats, nahm auf einen ungepolsterten Stuhl Platz, atmete deutlich hörbar auf und würdigte dem Um-sich-herum keines erwähnenswerten Blickes. Wie eigentlich nicht anwesend, so wollte er sein, und gleichzeitig suchte er, dem Widerspruch entsprechend das, was sich merkwürdig angekündigt hatte.

    Fast zwei Stunden Fußmarsch lagen hinter ihm. Es war zu erwarten gewesen, dass diese Tollheit ihn aus seiner Alltagswelt handfest herausreißen würde, allemal zu dieser fortgeschrittenen Stunde. Pflichten, die noch am späten Abend berufliches deutlich machten, drangen in den Hintergrund und wurden annähernd bedeutungslos. Die wässerigen Aussichten allerdings, die mit seiner gegenwärtigen Realität in die Zukunft wiesen, versprachen sich als halsstarrig und ausdauernd, und dennoch, … so, als wenn das bestimmende Gewicht eher dem Guten, dem Hoffnungsvollen, dem zu erwartenden Lichtblick zugewandt sei, übertraf die Zuversicht dieser Nacht den gebeugten Geist, … ja, selbst aus dem Federfuchser, dem Umstandskrämer, etwas wie einen Abenteurer machte.

    Eigentlich hatte er nicht beabsichtigt die außergewöhnliche Mitteilung seines Traums, die ihm vorgestern den Schlaf geraubt hatte, ernst zu nehmen. Doch blieb etwas Gewichtiges zurück, das nicht einfach so beiseite gelegt werden konnte, … schließlich war selbst auferlegtes seine Leidenschaft schon immer gewesen.

    Zweifellos war Marten vor dieser entrückenden Botschaft noch in eingefahrenen Gewässern gerudert, doch seit der abwegigen und gleichzeitig, bemerkenswerten Eröffnung, lief ihm das Ruder zusehends mehr aus den Händen. Die zurückliegenden Jahre, … Jahrzehnte, … über drei Jahrzehnte, lasteten mit dieser lichtscheuen Bekanntgabe fühlbarer als je zuvor auf seinen Schultern. Die berufliche Leidenschaft als Journalist hatte ihn bereits vor Jahren verlassen. Korruption und so manche halb-kriminellen Machenschaften nahmen sich immer mehr Raum im Berufsalltag, und wer sich auf dieses anrüchige Bühnenstück nicht einließ, dem wurde es schwer gemacht. Nein, … ihn sollte dieses Diktat nicht beugen und so kämpfte er Tag für Tag gegen das an, was sich in ihm zunehmend aufbäumte. Doch steter Konflikt zehrt und macht mürbe, … so sehr, dass es auch für ihn kaum noch zu ertragen war.

    Und so wurde es mit der Zeit dringlicher als befürchtet. Baldigst musste sich eine Umkehr abzeichnen.

    Marten Johannson lenkte nun seine Aufmerksamkeit auf die ihm angezeigte Hoffnung, so abenteuerlich dieses auch angesichts des eigentlich Absonderlichen war.

    Der Gastraum war merklich überheizt. Marten wunderte sich nicht sonderlich, dass zu dieser nächtlichen Stunde kein weiterer Gast anwesend war. Doch das selbst das Personal sich nicht zeigte, war ihm zwielichtig.

    Deutlich hörte er Schritte. Manchmal meinte er, dass sich das Hörbare wieder von ihm entfernte oder gleich bleibend Distanz hielt, sich mitunter wie nicht da gewesen unhörbar machte. Irritiert schaute er um sich, wendete seinen Körper zurück und senkt den Blick auf die Tischoberfläche die vor ihm lag und allerlei Regelwidrigkeiten aufwies. So, … und nicht anders, übermalte er das zuvor aufgenommene mit Bedeutungslosigkeit.

    »Nun geben sie schon her!«, sprach urplötzlich eine Stimme jäh in lautstark, tiefer Tonlage auf ihn ein, und der Angesprochene erschrak dabei dermaßen, dass er nicht nur unwillkürlich deutlich hörbar aufatmete, sondern ebenso spürte, wie sein Herz kurzfristig den Rhythmus verlor. »Nun machen sie schon!«. Marten sah auf und erblickte eine Person mit überschlägig halbweißer Schürze. Um den beleibten Bauch fand sie leidlich Halt.

    Wie aus einem Traum erwacht, … säumig, begriff Marten, dass der Schankwirt vor ihm stand und um seinen durchnässten Mantel bat.

    »Entschuldigung. Ich habe sie nicht kommen hören!«. Marten wandte sich noch umständlicher auf seinem Stuhl herum und reichte den durchnässten Mantel über den Tisch herüber. »Ich hätte gern einen heißen Grog.«. Der Wirt entgegnete nichts. Was für eine außergewöhnliche Tätowierung die Person auf seinem Unterarm doch trug. Marten meinte, einen ansehnlichen Baum mit weit ausladender Krone erkannt zu haben.

    Mit schweren Schritten entfernte sich der Wirt. Das regennasse Bekleidungsstück über die Armbeuge gelegt hinterließ eine Spur Regentropfen auf dem Boden. Sodann verließ der Wirt den Raum und ging erneut bis fast ins Unhörbare. Eine so- oder so hohlklingende Stimme war mit Mühe zu erhaschen, eine weitere in tieferer Tonlage, mutmaßlich die des vorgenannten Wirts, entgegnete etwas, … das Gesagte blieb unverstanden.

    Der Gastraum war gepflegt und mit dunklen Holztischen sowie Stühlen, die im Kolonialstil gehalten waren, möbliert. Der Raum selbst gab wohl nicht mehr Platz her als für drei- bis vier Stammtischgelage. Die Theke, … die Kommandobrücke, entsprach den üblichen, also praktischen Notwendigkeiten: Zwei Zapfhähne, ein Spülbecken mit Abtropffläche, zwei getrennt voneinander, metallisch matt glänzende Abstellplätze, zeigten sich dem Betrachter. Frontseitig dienten dunkle Sparrenhölzer als Verkleidung und gaben dieser Arbeitsstelle vom äußeren Eindruck her Abstand zum Bewirtungsraum. Bierglasbelegte Regale hielten sich, was an der mageren Bestückung liegen mochte, eher im Hintergrund. Und die Wände des Raumes ergraut, … wie fürchterlich, ließen ehemaligen, helleren Anstrich vermuten, gleich der Zimmerdecke, die zudem noch schmierig glänzte. Von den schweren, verfehlt dazugehörigen, rosafarbenen Gardinenvorhängen einmal abgesehen, präsentierte sich die Räumlichkeit letztendlich wie das Äußere des Gebäudes im Stil der fünfziger Jahre, … streng und gediegen, erdrückend dunkel. Es war nicht zu übersehen das der Dielenboden, und mit unsichtbarer Jahreszahl versehen, viel an vergangenem Geschehen trug. Die sprichwörtlich begangenen Jahrzehnte konnten durch abgetragene, hell geschlurrte Wegungen unschwer ausfindig gemacht werden und mehrere Ereignisse, die außerhalb des gewöhnlichen sich befanden, ließen sich überdies mit einer gewissen Art von Strenge anfügen, … provozierten förmlich zum Augen aufreißen.

    Marten hatte nicht wirklich beabsichtigt diese Unternehmung sonderlich wichtig zu nehmen, doch gleichwohl war es ein Hoffnungsschimmer, der sich ihm schillernd vorstellte. Vielleicht wollte er sich auf dieses Vorhaben auch nur einlassen, um sich später nicht sagen zu müssen, dass er diese Möglichkeit der Umkehr ausgeschlagen hatte.

    Was konnte der Suchende von der gegenwärtigen, nächtlichen, fast zeremoniellen Unternehmung erwarten? Das Mitgeteilte im Traum, das auf diese Nacht aufmerksam gemacht hatte, war zu seltsam, um es einfach von sich weisen zu können. ›Warte auf das, was sich bei dir einstellt!‹, so sprach es in ihm.

    Immer noch wartete Marten auf den bestellten Grog. Ihm fröstelte. Dennoch bildeten sich allmählich Schweißperlen auf seiner Stirn. Hatte der Wirt überhaupt seinen Wunsch aufgenommen? Warum tat Marten sich als Gast dieses Hauses nicht danach um? Warum gab er sich mundstill? Lag ein nicht bestimmbarer Zauber auf ihm? Doch schob er seinen Stuhl nach kurzem Innehalten zurück und stand sogleich auf, ging zum nahegelegenen Fenster und schob den schweren Vorhang mit einem Ruck zur Seite. Er schaute in das Dunkel der vor ihm liegenden Straße. Es regnete immer noch Bindfäden. Das Kopfsteinpflaster der Fahrbahn, auch die schmalen Fußgängerstreifen, links- und rechts der Passage, welche sich nur durch das veränderte, um fünfundvierzig Grad gedrehte Verlegemuster der Steine anders kenntlich machten, glänzten speckig. … Und Marten glaubte seinen Augen nicht. Vorhin war ihm das Gebilde nicht aufgefallen. Das es so etwas überhaupt noch gab. Auf dem abseitigen Gehweg stand tatsächlich eine ebenfalls in die Jahre gekommene Litfaßsäule.

    Wir, die Erzähler, mögen nicht beschwören, dass sich dieses Relikt auch heute noch dort befindet, so außergewöhnlich war auch die gewählte Stelle vor Ort anzusehen.

    Jedenfalls durchschnitt dieses zylinderartige Gebilde den Gehsteig fast gänzlich in seiner vollen Breite, was ohne Zweifel als unmöglich zu bewerten galt, … doch war es so. Auf der Mantelfläche der Litfaßsäule befanden sich eine Vielzahl mitteilender Texte und Darstellungen. Apotheken empfahlen rezeptfreie Produkte, ein Schuster warb um seine Künste und Reiseunternehmen priesen Tagestouren an. Marten stach aber ein schlichter Bogen Papier, der durch seine Einfachheit sich hervortat, ins Auge, und obwohl nur ein Wort, fürwahr mit außerordentlich schön geschwungener Handschrift, auf diesem geschrieben stand, meinte er etwas magisches aufnehmen zu können: „Skipper, … einfach nur „Skipper, stand auf diesem Papier zu lesen. Und plötzlich, und auf eine nicht ausreichend und wirklich genug greifbar gewissen Weise, fühlte sich Marten beobachtet. Auch konnte es Einbildung sein, aber wer wollte dafür die Hand ins Feuer legen. Etwas zu überschwänglich zog er den zur Seite geschobenen Vorhang zurück.

    Und genau in diesem Moment, just wie aus heiterem Himmel heraus, wurde ihm brennender als zuvor deutlich, dass er sich voll- und ganz auf das einlassen musste, was sich ihm in der besagten Nacht mitgeteilt hatte. Ihm, … Marten Johannsen, wurde klar, dass sich der Wandel, der den Ausstieg aus seinem bisherigen Leben bedeuten konnte, nur mit dem Einlassen auf das zu erwartende Phänomen entwickeln konnte. ›Warte auf das, was sich bei dir einstellt!‹, wachträumte es ihm nochmals vor. Und schwebend zwischen dem Jetzt- und dem Hier und dem Unbekannten, dem Hintersichlassen, fragte er sich, wie es ihm ergehen würde, wenn er alle Türen hinter sich zuschlagen tät. Vielleicht war es unklug dieses zu wagen, vielleicht war es aber auch ausschließlich dieser Weg der begangen werden musste, um aus der unbefriedigenden und belastenden Tretmühle heraustreten zu können.

    Von der Straße her drang jetzt eine unangenehme Machart metallischen Schleifens zu ihm vor. Es folgte darauf in Achtung gebietender Weise, ein schlagartig, dumpfes Poltern. Stille. … Ein Motor heulte gequält auf. Eine Wagentür wurde geöffnet, schlug donnernd zu, kränkelndes Getrieberasseln. Marten rekelte sich nicht vom Tisch auf, blieb aufmerksam doch gelassen auf seinem Platz sitzen, … was sollte schon passiert sein.

    Er wünschte sich am Ziel und nicht nur im täglichen Klimmen daran erinnert zu werden.

    »Es ist so sonderbar!«, murmelte er leise vor sich hin. In ihm stieg eine unangenehme, gleichwohl aufsteigende Übelkeit in den Leib. Und plötzlich, und mit einem einzigen Ruck, drückte er sich beidhändig vom Tisch hoch und versetzte dem Stuhl mit seinen Kniekehlen einen Stoß, sodass dieser hinter ihm polternd zu Boden ging. Schweigend verließ er die Schenke. Seinen Mantel vermisste er nicht. Und es regnete Bindfäden.

    Von hier- bis dorthin ist kein Katzensprung und so schon gar nicht, … doch war es ihm recht so.

    Obwohl Marten nur wenige Stunden Schlaf hinter sich gebracht hatte, fühlte er sich erholt genug, um mit dem anliegenden Tag einen Wendepunkt setzen zu können. Kein Mensch musste wirklich informiert werden. Alles konnte einfach so geschehen, gleich einer geradlinigen, naturgemäßen Einfachheit. Die Redaktion lief auch ohne ihn, und kein Sterblicher sollte behaupten, dass er nicht ersetzbar wäre. Seine Wohnung, und alles was sein Dasein ausmachte, konnte für geraume Zeit sich selbst überlassen bleiben, nichts musste letztendlich darauf vorbereitet werden. Seine dann körperlose Existenz an diesem Ort, die hernach, … zumindest übergänglich, und folglich nur auf Formalität sich gründen sollte, stand dem Vorhaben nicht hinderlich entgegen, und das Ersparte auf der Bank würde für die zunächst angedachte Zeit ausreichend sein. Marten fing an zu packen.

    Es war spät als er sich in den Sessel fallen ließ und auf seine Reisetaschen blickte, die bepackt vor ihm standen. Draußen hatte der Regen noch nicht aufgehört sich zu ergießen, und obwohl er sich seiner Sache immer sicherer geworden war, stieg ein Zipfel Wehmut in ihm auf. Er putzte seine Brille übertrieben gründlich. Bargeld hatte er vorerst genug bei sich. Er verließ seine Wohnung, schloss die Tür hinter sich zu, vergewisserte sich dessen dreimalig, wunderte sich nicht über die Wiederholungstat, und nahm den Fahrstuhl, den er bislang immer mit Erfolg umgangen hatte.

    Der Aussteiger verließ das Gebäude. Das Taxi wartete schon geraume Zeit vor dem Hauseingang. Als der Fahrer ihn taschenbepackt sah stieg er aus seinem Fahrzeug und öffnete zügig den Kofferraum, … wortlos, und nachdem Marten das Gepäck ihm übergeben hatte, hielt der Aussteiger, … der Überläufer, sich mit den Augen ein letztes Mal am Wohngebäude fest.

    Doch wiewohl auch ein Brocken Melancholie sich eingeschlichen hatte, … genau das war es, auf das er sich einlassen musste.

    Während der Fahrt zum Bahnhof, gingen ihm pfeilschnell all die Gedanken durch den Kopf, die sich über die Zeit hinweg angesammelt hatten, bis hin schließlich zur nächtlichen Weisung.

    Er fuhr keiner ungewissen Zukunft entgegen, sondern eher der Zuversicht.

    Das Wagnis begann.

    Und stillschweigend schaute er auf seine Hände, an denen sich erste Altersflecke zeigten.

    II

    Manchmal ist es so, als rutschte man wie vom Winde getrieben vom Wege ab, um sich dann zu verlieren!

    Marten saß auf einer Parkbank direkt vor dem um neunzehnhundert erbauten Backsteingebäude und streckte seine Beine in die Länge. Die Arme hingen ihm wie mit Ballast beschwert herunter, … die Hände klammerten sich an der vordersten Sprosse der Sitzfläche fest. Eigentlich saß er halb kursiv abfallend zum Weg, der sich auf dem Areal schmalspurig entlang schlängelte. Marten genoss die abendliche Herbstluft. Kühl machte sie sich, und es war zu vermuten, dass mit zunehmender Stunde diese sich noch mehr zurücknehmen wollte.

    August der Zweite, auch AdZ genannt, … es gab noch einen Ersten, zog wieder seine allabendliche Schnellgehrunde in eine für ihn angemessene Distanz zum Zuschauer, … schließlich mochte AdZ keine Menschen. Seinen Betreuer allerdings, der wie angewurzelt, und an einer strategisch wichtigen Position Posten bezogen hatte, verehrte er leidenschaftlich. Bei dem Schneckentempo, das AdZ heute an den Tag legte, würde die sportliche Einlage wohl mehr als dreißig Minuten andauern.

    Für diese Art der Einrichtung gab es nach Martens Vorstellung viele Namen. Pflegeheim war wohl die harmlosere Bezeichnung. Marten stellte für sich persönlich die Bezeichnung „Sanatorium" in den Vordergrund. Irrenanstalt, Klapse, selbst Nervenklinik, … all das klang ihm zu anrüchig.

    Zwischen den schnell dahinziehenden Wolkenfetzen gesellten sich zu dieser Abendstunde hin- und wieder bescheiden funkelnde Sterne, und der Mond trat gelegentlich und taktvoll diesem Himmelsschauspiel bei. Das Nachtgestirn Luna gab einen zumeist Silber schimmernden, blassen Glanz von sich.

    Marten kam aus seinem Wachtraum heraus und blickte sich um. Keine weitere Menschenseele konnte er entdecken. Nur die besagten zwei Gestalten setzten sich ihm unwillkürlich ins Bild, wobei die Pflegekraft, … Marten wusste nicht wie, sich dermaßen leiblich betont an einen Baum anlehnte, dass sich ihm zwangsläufig der Eindruck einer lasterhaften Nebenrolle vermittelte. Alzheimer, der sich in der Regel zu dieser abklingenden Tageszeit zu Marten gesellte, hatte sich noch nicht eingefunden. Sprach das wieder einmal dafür, dass er in seinem vergitterten Bettlager kaltgestellt war? Gestern noch schipperten sie abermals in Alzheimers Kindheitstrauma „Eisenbahnfahrt" herum, … zu jener Zeit war er gerade acht Jahre alt. Als Marten auch diesmal glaubte, das Thema beiseitelegen zu können, fragte Alzheimer erneut nach dem Bahnschaffner, der wohl auch bald kommen müsste, um nach dem Fahrschein zu fragen, den er, … Alzheimer, in seinen Hosentaschen auch heute nicht finden konnte. Selbst acht Jahrzehnte danach rührte sich noch die Angst in ihm vor der uniformierten Amtsperson im Abteil.

    Selbstverständlich hatte auch Marten seine inneren, bleibenden Aufzeichnungen. … Er veranschlagte die vergangene Zeit für sich mit einem Jahr. Damals bot sich ihm folgendes Schauspiel: Ein halbstarker Fahrgast der regionalen Verkehrsbetriebe saß im Abteil mit mitleiderzeugendem Gesichtsausdruck. Als der Schaffner nach dem Bahnticket fragte, musste dem Jüngling urplötzlich aufgegangen sein, dass er der deutschen Sprache nicht mehr mächtig sein durfte, und so war es leidig anzuschauen wie, … und mit welcher Mühe, sich der Leidgeplagte nunmehr auftun musste, um nicht auffindbares deutlich genug dem Bahnbediensteten gegenüber zu vermitteln. Es war beeindruckend, … umsomehr, da noch wenige Minuten zuvor die besagte Person durchaus in der Lage gewesen war sich hiersprachig, … zwar gebrochen aber immerhin, gut mit einem gleichaltrigen Landsmann zu unterhalten.

    ›Nicht immer muss man der rechten Szene angehörig sein, wenn man darüber spricht.‹, dachte sich Marten kurzfristig aus diesem Rückblick heraus. Doch musste man heutzutage aufgrund diverser, gesellschaftlicher Verklemmungen, … zumindest was das anging, achtsam sein.

    Irgendwann, Marten war sich sicher, sollte auch in diesem,

    … zugegeben, eher kleinlichen Punkt, die Kneifzange angesetzt werden.

    Zum Schluss kapitulierte der Bahnbedienstete, oder wenn man so will, die redlich sich verhaltende Gesellschaft, … demgemäß, weil es tolerant zugehen muss.

    Marten fragte sich aufs Neue, was „Normalität" heutzutage wirklich verkörpert. Oder konnte es tatsächlich der gelegentlichen Einbildung zusprechend sein, dass es das sittliche Gute und Ehrliche auf diesem Planeten kaum noch gab, … vielleicht sogar niemals gegeben hatte? ›Möglicherweise haben die da draußen, in der vorgeblichen Normalwelt, eher eine Klatsche.‹, sagte sich der Denker inwendig, nachdem sein geistiges Abdriften ein vorläufiges Ende gefunden hatte.

    Damals, … jetzt sogar Jahrzehnte zurückgedacht, war Marten eher zurückhaltend als zugänglich. Auch als wissbegierigen jungen Menschen konnte man ihn nicht unbedingt bezeichnen. Mochte es an der noch murmelnden Restpubertät gelegen haben? Auch seine Schulzeit war also nicht unbedingt das, was ihn später ausmachen sollte. Doch konnte er gleichwohl mit seinem Schulabschluss etwas anfangen. Er wollte also schon, und wenn man wollte, ging es auch im Regelfall, … damals. ›Heute nicht mehr?‹. Die Antwort blieb er sich schuldig. Der junge Marten Johannson forderte sich also auf, mit einer Ausbildungsstelle zuverlässiges Territorium zu betreten und huschte als sicherer Kandidat der Regelgesellschaft hinzu. Auch durfte er mit dem Eintritt in die Lehre zum Drucker noch das letzte Kapitel der Lohntüten miterleben. Doch war er sich in seinem geistigen Ausflug nicht mehr so sicher wie viel DM sich in jenen Tagen für ihn darin befanden. Nach der Ausbildung, die er mit durchschnittlich „gut abgelegt hatte, wollte dieser Beruf ihn allerdings nur noch wenige Monate begeistern. Kurzum, … ihm flog einiges, dass wohl von Bedeutung gewesen sein musste, dermaßen übermäßig zu, dass er das kürzlich erreichte beiseitelegte. So beschloss er, ein weiteres Berufsbild für sich als funkelnd hervorzuheben. Und mit dieser Erkenntnis kam Marten zum Arbeitsmaterial „Mensch. Er versuchte sich mit der Ausbildung zum Heilpädagogen, die in einer Behinderteneinrichtung über die Bühne gehen sollte. »Fang an vernünftig zu werden.«, sprach eindringlich der Ausbildungsleiter am ersten Tag zu ihm. »Wenn du noch nie einem Tier etwas zuleide getan hast, … dann bist du hier genau richtig.«. Manchmal keuchte Marten, oft verlor er jegliche Zuversicht, gelegentlich war seine Stimme schwach; … wie bodenlos verloren das Wesen Mensch doch sein konnte, … und doch so stark. Nach verkürzter Lehre, seine Erstausbildung kam ihm zu Hilfe, legte er sich so richtig ins Zeug und fand seine Fans unter den körperlich- und geistig behinderten Menschen. … Sollte es jemanden wundern? Um es kurz zu machen, schließlich beendete er auch diese Tätigkeit nach zwei weiteren Jahren des Vergehens mit der Begründung, dass er es für angebrachter hielt, sich der „normaleren Welt" zuzuwenden.

    Ihm träumte fortan gelegentlich von mühsam angesparten Notgroschen die nicht in Hausschlachtungen angelegt werden konnten.

    Annähernd übergangslos hinterließ Marten nun seine Arbeitskraft beim journalistischen Gewerbe, was einst noch ohne künstlich geschwollenen Hochschulabschluss möglich war. Seine Eltern verstanden ihn schon lange nicht mehr. Nur gut, dass er vier Jahre zuvor sich flügge gemacht hatte und als Untermieter bei einer alten Dame in Sicherheit sich wiegen konnte. Doch hätte er damals nur die Hände davon gelassen. Die Umtriebe in dieser Branche forderte ihn über alle Maßen. Zwar blieb Marten auch mit dieser neuen Tätigkeit grundsätzlich dem Gebilde „Mensch" treu, aber was er zuvor nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass er in dieser beruflichen Sparte es mit den unterschiedlichsten Talenten aufnehmen musste.

    Ungesäumt soll es nun zur Kabinettabtrift kommen, so meinen wir Erzähler.

    Jahre später, um also von den Wirren des beruflichen abzukommen, inspirierte ihn der Gedanke, bereits vorzeiten eine ansprechende Friedhofsstelle zu erwerben. Genau genommen sah er sich immer schon in einem stattlichen Mausoleum in Frieden ruhen. Den klassischen Totenacker empfand er als Bedrohung. ›Wieso sollte man nicht verfrüht genug über den Tellerrand hinausschauen dürfen?‹, sagte er sich inwendig.

    Schließlich erfüllte er sich vor weniger als zwei Jahren seinen Wunsch. Zwar mussten mit dem Erwerb des Friedhofhäuschens allerlei Renovierungsarbeiten bedacht werden aber das war zu diesem Zeitpunkt für ihn nicht von Bedeutung.

    Was war schon Zeit wenn sie einem als nebensächlich noch erschien.

    An dem instand zu setzenden Gebäude sollten nächsthin die notwendigsten Maßnahmen erfolgen. Eine kleine Einweihungsfeier wünschte Marten sich schon wenn die Arbeiten als abgeschlossen galten, … so außergewöhnlich sich das auch anhörte. Vielleicht mochten einige seiner Heiminsassen daran teilnehmen, … Freigang bekämen allerdings nur wenige. ›Auch sind noch zwei Liegeplätze in der stillen Unterkunft zu vergeben.‹, dachte er sich insgeheim, aber das ließe sich auch noch später regeln. Irgendeinem beliebigen Publikum wollte er sich allerdings auch nicht öffnen, … wo käme er denn da hin.

    Marten wurde es allmählich zu kalt auf der Parkbank. AdZ hatte seine Schnellgehrunde beendet und machte sich scheinbar auf den Rückweg, der allerdings unter dem Strich in das Verwaltungsgebäude der Anstalt hineinführte. Doch hatte er eigentlich dort nichts verloren. Sein Betreuer war weit- und breit nicht mehr zu sehen. Sicherlich stand er bereits mit anderen Bediensteten des Hauses beim Kellereingang an der Stirnseite des Gebäudes, um seine gewohntermaßen, zwei Zigarillos auf Lunge fix inhalieren zu können. Was sollte AdZ also aufhalten? Und so betrat er das Gebäude ohne viel Federlesens. Marten bekam später mit, dass mehrere Bedienstete sich kurz darauf aufgemacht hatten um AdZ auf die Spur zu kommen.

    Eine Nullachtfünfzehn-Anstalt war dieses Stätte nicht. Der Speisesaal bot sich dem Betrachter großräumig in der Fläche und hochgebaut an. Die gewaltige Fensterfront versprach ein beeindruckendes Panoramabild, das in die rückseitige, weitläufige Gartenanlage des Areals hineinführte. Die Räumlichkeit selbst provozierte regelrecht zum Ausrichten größerer Festlichkeiten. Und so fanden alljährlich die hausinternen Budenzaubereien statt, … Musikabende, künstlerisch- wertvolle Hanswurstereien oder, … dass stand selbstverständlich außer Frage, Weihnachts- und Silvestergeselligkeiten. Der aussagekräftige Dielenboden sprach für sich und ließ einiges an Spekulationsgebilden aufkommen. Kreisrunde Holztische trugen zum angenehmen Ambiente bei und vermittelten zudem in gewisser Weise eine besondere Art der Intimität vor Ort. Die scheinbar unüberlegt dahingestellten Kübelpflanzen, es waren wohl Stechpalmen, und mit Unmengen Düngemittel gedopt, sprossen annähernd

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