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Die Hühner: Eine unglaubliche Geschichte aus zwei Ställen
Die Hühner: Eine unglaubliche Geschichte aus zwei Ställen
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eBook280 Seiten3 Stunden

Die Hühner: Eine unglaubliche Geschichte aus zwei Ställen

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Über dieses E-Book

Der humorvoll und hintergründige Roman "Die Hühner" ist nicht nur etwas für Landeier.
Im verschlafenen Dotterhausen leben zwei Bauernfamilien Zaun an Zaun. Ihre gemeinsame Leidenschaft sind ihre Hühner, deren Ställe ebenfalls aneinandergrenzen.
Die Geschichte spielt abwechselnd in den beiden Ställen, zwei Hühnerwelten, die unterschiedlicher nicht sein können.
Schaffen es die Hühner, die zerstrittenen Familien Mettwurst und Leberwurst wieder an einen Tisch zu bringen? Sie schaffen es natürlich, entdecken sich dabei aber auch selber und überwinden ihre Grenzen und ihre Feinde.
Auch eine romantische Liebesgeschichte unter den sonst nicht gerade monogamen Hühnersippen ist dabei.
In einem lebendigen Prozess transformieren die Hühner ihre eigenen, kleinen Lebenswelten rund um das Gackern und Krähen.
Am Ende entdecken die Leser, das die Hühner auch nur Menschen sind und in jeder und jedem von uns ein Huhn steckt.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum23. März 2020
ISBN9783347038233
Die Hühner: Eine unglaubliche Geschichte aus zwei Ställen
Autor

Klaus Nasilowski

Klaus Nasilowski, geboren 1962 in Hannover, ist Gartenbauingenieur und lebt mit seiner Familie im badischen Schopfheim. Seine besondere Leidenschaft sind Bilder und Geschichten im Grenzbereich zwischen Fantasie und Wirklichkeit. In seinen Geschichten und Erzählungen thematisiert er die großen und kleinen Schwächen der Menschen. Immer mit einem Schmunzeln bearbeitet ganz nebenbei auch die großen Themen der Menschheit.

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    Buchvorschau

    Die Hühner - Klaus Nasilowski

    KAPITEL 1:

    GUT GEKRÄHT, HAHN!

    Kunibert

    Junghahn Kunibert streckte verschlafen seinen Kopf aus dem Stroh. Die Luft war noch kalt und feucht. Durch die kleinen Fenster seines Stalles drang schon ein wenig Licht. Früher Morgen. Hähne lieben den Morgen! Das hatte er von den Älteren schon oft gehört. Naja. Früh aufstehen wird überbewertet. Trotzdem schüttelte er das Stroh ab und reckte sich. Die Küken neben ihm schliefen noch alle friedlich, teilweise eng aneinandergeschmiegt. Von der anderen Seite des Stalles her, wo die Hühner wohnten, gab es schon die ersten Geräusche.

    Frühaufsteher würden, so sagen die Menschen gerne, mit den Hühnern aufstehen. Ein richtiger Hahn aber, wusste Kunibert, steht noch vor den Hühnern auf. Also krabbelte er durch die Klappe nach draußen. Kaum stand er vor dem Stall in der klaren Morgenluft, da hörte er einen ebenso klaren, durchdringenden Ton.

    Er kam von Eberhard, dem Oberhahn seines Stalles und dem ganzen Stolz seines Bauern Mettwurst. Eberhard hatte auf der eigens für ihn eingerichteten kleinen, überdachten Holzplattform auf einem Ahornbaum Aufstellung genommen. Im Stall nannten sie die Plattform einfach „die Kanzel". So etwas gäbe es auch in der Kirche der Menschen, hatte ihm Bennie, der Sohn des Bauern, mal gesagt.

    Eberhards stolz erhobener Schnabel zeigte jetzt nach Osten, wo die Morgendämmerung den Himmel bereits rötlich färbte. Schräg unter ihm lag der Stall, in dem er sein ganzes, kleines Volk noch wohl geborgen wusste.

    Der erste Ton verhallte in der feuchten Morgenluft. Die Vögel in den Bäumen hörten auf zu zwitschern, denn sie wussten schon, was folgte. Kunibert auch. Der Ton kam ein zweites Mal und nach einer kleinen Pause ein drittes Mal. Jedes Mal erschallte der Ton lauter, klarer und beständiger. Kammerton A sei das, hatte ihm Eberhard mal erklärt. Der müsse am Anfang des Krähens sicher sitzen.

    Dann kletterten die Töne in Halbtonschritten nach oben, bis sie einen schrillen Klang ergaben, die die Blätter des Ahornbaumes zum Zittern zu bringen schienen. Und wieder ging es nach unten bis zu einem sonoren Gurren. Dreimal erklangen die Tonleitern, wie jeden Morgen.

    Währenddessen begann vor dem Stall ein reges Treiben. Ein Huhn nach dem anderen kam heraus und nahm auf dem Sandplatz vor dem Haus Platz. Es entstand ein Halbkreis, schön geometrisch wie mit dem Zirkel gezeichnet. Tatsächlich hatte Bauer Mettwurst den Halbkreis einmal vorgezeichnet und mit in den Boden eingelassenen Pflastersteinen verewigt. Kein Wunder, dass der Bauer im Dorf als Perfektionist bekannt war, dachte der junge Hahn. Er selbst postierte sich direkt unter der Kanzel.

    Nachdem Eberhard sich vergewissert hat, dass alle Platz genommen hatten und keines seiner Hühner fehlte, begann er mit der ersten Melodie.

    Sie war klar und getragen, schwang sich minutenlang auf und ab. Ihr sanfter Klang folgte einem schreitenden Rhythmus, umfing das noch müde Hühnervolk und zog alle in seinen Bann. Auch Kunibert, der wie an jedem Morgen das Krähen vom ersten bis zum letzten Ton in sich aufsog. Etwas kompliziert fand er die Tonfolgen. Aber sie schienen einem geheimen Muster zu folgen, trafen sich manchmal, wiederholten sich und lösten sich wieder auf, harmonisch, aber niemals gleich. Als Küken hatte er schon manchmal leise mit gekräht, so hoch und so tief er eben konnte.

    Es folgte eine Pause, die die Hühner – jetzt hellwach – für das erste Morgenschwätzchen nutzten. Andere streckten sich und liefen ein wenig auf und ab, um sich warm zu machen. Das tat er auch, reckte sich nach den tief hängenden Zweigen der Sträucher, pickte im Boden herum und drehte seinen schlanken Hals in alle Richtungen.

    Da erschallte erneut der Kammerton – und alle Hühner begaben sich zurück auf ihre Plätze. Eberhard hob an zu einer zweiten Melodie, dieses Mal kraftvoller und schneller gekräht. Alle hörten zu, und der Rhythmus schien unmerklich in ihre Glieder einzudringen und alle Hühner und auch den Junghahn zu einem leichten Wippen anzuregen.

    Wieder Pause, wieder Vogelgezwitscher und das Gackern der Hühner. Dann trat eines der Junghühner aus dem Eingang des Stalles. In ihrem Schlepptau folgten die Küken, in Zweierreihen laufend. Zuerst die erst frisch geschlüpften, noch unsicher laufenden Kleinen, dann die größeren Küken und zuletzt die größten mit struppigem Federkleid, die sich bald in Junghühner verwandeln würden. Ganz am Ende des Kükenzuges marschierte ein zweites Junghuhn, wohl bedacht, dass keines der Kleinen vor ihm ihre Formation verlassen würde. Die Küken setzten sich vor den erwachsenen Hühnern unter dem Ahorn zurecht.

    Eberhards Kammerton erhob sich wieder. Es war für Alle das Zeichen zur absoluten Ruhe. Daran hatten sich sogar die Küken schon gewöhnt, nur die ganz Kleinen piepten noch ab und zu dazwischen. Nun folgte eine heitere Melodie in einer flotten Geschwindigkeit, eine Melodie, die zum Mitkrähen anregte. Dreimal wurde sie in ihrer ganzen Länge gekräht. Auch die Menschen schienen dieses Stück zu kennen.

    Das ist doch „Im Frühtau zu Berge", haben Spaziergänger bereits mehrmals gesagt. Dabei waren sie immer so aufgeregt und erstaunt, als ob sie noch nie einen Hahn krähen gehört hätten.

    Der Oberhahn senkte jetzt seinen Kopf tief hinunter zum Boden seiner Kanzel. Das war das Zeichen zum Applaus. Alle Hühner machten mit, und auch Kunibert fiel mit ein. Nach etwa einer Minute verebbte das Klatschen der Flügel. Die Runde löste sich auf und marschierte Richtung Stalleingang. Obwohl es noch früh war, hatten jetzt alle Hunger.

    Die Sonne hatte sich mittlerweile erhoben und sandte ihre wärmenden Strahlen. Kunibert hätte gerne noch etwas in der Morgensonne gesessen, die Melodien nachklingen und die Federn von der Sonne aufwärmen lassen. Das ging aber nicht, denn jede und jeder hatte pünktlich zum Frühstück zu erscheinen. Nur die Küken gingen noch einmal zurück in den warmen Stall.

    Am Stalleingang gab es eine weitere überdachte Holzplattform, die immer sauber und gepflegt war. Dort war jetzt emsiges Treiben. Fleißige Hühner hatten bereits mehrere Schälchen aufgestellt; in ihnen waren Körner verschiedener Sorten gefüllt. Es gab aber auch Gemüseschnitze, von den Hühnern bereits am Vorabend selbst geraspelt. Alle nahmen in einer Runde Platz, auf der Stallseite hockte Eberhard. Seit seiner Hahnfirmation durfte Kunibert neben ihm sitzen. Der Oberhahn nahm den ersten Pick, dann begannen alle fröhlich loszupicken.

    Als alle satt waren, räumten drei Hühner die Frühstücksplattform auf. Diese wurde auch „Kantine" genannt, ein Wort, das irgendwie passte. Die Hühner hatten es von Benni aufgeschnappt. Der sagte immer Kantine zu der Frühstücksplattform. Denn diese sähe ganz so aus wie die Kantine in seiner Schule, hatte er immer wieder ebenso begeistert wie belustigt ausgerufen.

    Danach holten die Junghühner alle Küken aus dem Stall und marschierten mit ihnen in die Kantine. Dort gab es eine große Schüssel mit den feineren Körnern. Alle Küken stürzten sich darauf und nach wenigen Minuten war diese ebenfalls leergepickt.

    Marie

    Junghuhn Marie streckte verschlafen ihren Kopf aus dem Stroh. In Ihrem Stall war noch alles ruhig. Unten schliefen die meisten Hühner noch und oben im ersten Stock, in der Hahnensuite, um diese Tageszeit sowieso.

    Trotzdem war die Ruhe vorbei. Sie hörte einen Hahn mit lauter, klarer Stimme Tonleitern auf und ab krähen. Das war der Hahn von nebenan.

    Marie setzte sich auf und hörte zu. Krähen kann er, der verrückte Frühaufsteher. Auf seine Art schön, wenn auch nicht so beindruckend wie Bert, ihr eigener Oberhahn.

    Der wiederum lag oben in seiner gemütlichen Suite. Wahrscheinlich noch tief schlafend und rechts und links neben ihm seine Lieblingshühner wärmend an ihn geschmiegt.

    Marie schüttelte einen Anflug von Eifersucht beim Gedanken an Berts Lieblingshühner ab, stand auf und lief vor dem Stall auf dem Sandplatz herum. Das hat durchaus seine Vorteile, man findet immer das eine oder andere Korn oder einen Käfer. Der Hahn dort drüben nahm seinen Weckauftrag jedenfalls sehr ernst. Er krähte jeden Tag zuverlässig und exakt eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang. Er war bekanntlich der ganze Stolz von Bauer Mettwurst, dachte Marie und erinnerte sich schmunzelnd daran, wie der Bauer von nebenan wöchentlich seinen Traktor putzte oder am Sonntag stundenlag seine geliebten Buchsbaumkugeln schnitt.

    Eigentlich gar nicht so schlecht, die Hühner dort hatten definitiv mehr vom Tag. Mittlerweile war der Frühaufsteher bei seinem letzten Stück angekommen, bei dem immer alle mitklatschten. Marie drehte sich um und schlüpfte wieder zurück in ihren Stall. Hier war es noch warm von den vielen anderen Hühnern. Von draußen hörte sie noch gedämpft den Applaus der MettwurstHühner. Brav geklatscht, ihr frühen Vögel, gackerte sie leise und spöttisch. Dann streckte sie sich genüsslich im Stroh aus und schlief noch einmal ein.

    Edeltraud

    Nachdem alle Küken die Kantine verlassen hatten, beobachtete Edeltraud, wie die Junghühner das Chaos aufräumten, das die Kleinen hinterlassen hatten. Am Ende kontrollierte sie das Ergebnis. Es lagen immer noch Körner in den Ritzen des Holzes herum und sogar noch ein angepicktes Stück Rübe. Nach einigen energischen Rufen ihrerseits kamen die drei Junghühner zurück und durften nicht eher gehen, bis das letzte Korn weggepickt oder beseitigt war. Alle hörten auf ihre Anweisungen, dachte Edeltraud mit Genugtuung. Nur so waren Hof und Stall so sauber und geordnet, dass alle sich wohlfühlten und sogar der penible Bauer Mettwurst sich freute.

    Schließlich war sie Edeltraud, dachte sie, immer noch an der Tür stehend und die Sonne auf ihren Federn spürend. Das Lieblingshuhn von Eberhard! Sie lächelte innerlich bei dem Gedanken, dass der Hahn ihr fast blind und stets vertraute. Weil sie eben Edeltraut war, das Huhn, das alles im Griff hatte, das Oberhuhn sozusagen.

    Aber war sie wirklich sein Lieblingshuhn? Sein Huhn Nummer 1, wie er ihr schon manchmal leise ins Ohr gekräht hatte? (Ja, auch Hühner haben Ohren, man sieht sie nur nicht unter den Federn). Ihr Lächeln verschwand auf einmal und wich einem melancholischen Blick. War sie wirklich noch sein Lieblingshuhn? Oder beschäftigte er sich lieber mit diesen verrückten Junghühnern, die dauernd im Kreis herumliefen, Kniebeugen machten und die Flügel streckten?

    Er war schon mit der einen oder der anderen im Gebüsch verschwunden, erinnerte sich Edeltraud missmutig. Naja, auch Eberhard war eben nur ein Hahn, und wie Hähne so ticken, weiß Huhn ja.

    Sie sah, wie hinten die Junghähne mit einem Fallapfel herum kickten. „Fußball", sagten sie dazu. Dass hatte ihnen Lukas beigebracht. Alle Menschen sind verrückt nach diesem Spiel, hatte Lukas den Hähnen gesagt. Seitdem spielten sie es jeden Tag.

    Weiter vorne sah sie die Küken picken und herumspringen, betreut von mehreren Junghühnern.

    In der hinteren Ecke ihres Reiches unter den Haselsträuchern liefen mehrere Hühner eine Runde nach der anderen. Wie die das eigentlich schafften, so lange zu laufen? Naja, sie waren doch alle jünger als sie selbst, die meisten jedenfalls.

    Vorne weg wie immer Viktoria, die schnellste und ausdauerndste von ihnen. „Das Sporthuhn", sagte der Bauer manchmal, wenn er Besuch hatte und diesem seine Hühner zeigte. Ihr Fleisch werde mal kräftig und zart zugleich, und Eier lege sie mit federnder Leichtigkeit, zweimal am Tag.

    Wer‘s glaubt! Die Menschen sind ja manchmal sehr leichtgläubig.

    Alle im Stall waren beschäftigt, dachte Edeltraud. In Gedanken streifte sie sich mit ihrem Schnabel durch die Federn. Sie waren immer noch von einem schönen, leuchtenden Kastanienbraun, dachte sie zufrieden. Da störten die paar grauen Federn noch nicht, oder? Sie war nicht mehr die Jüngste, aber sie war immer noch ein Rassehuhn, das seine Federn pflegt. Und das aufrecht über den Platz schritt und das stolz auf ihr Volk sein konnte!

    Und doch: Was fand der Hahn nur an diesen staubigen, schwitzenden Laufhühnern?

    Katharina

    Helles Sonnenlicht blinzelte bereits durch die löchrigen Vorhänge der kleinen, aber kuscheligen Suite. Es war das oberste Geschoss des Hühnerstalls des Bauern Leberwurst. Stallintern hieß es eben auch „das Kuschelzimmer". Hier kam nicht jedes Huhn herein. Aber jedes Huhn behaupte, schon mal hier gewesen zu sein.

    Ob das wohl stimmte, dachte Katharina, drehte sich noch einmal um und machte die Augen zu.

    Minuten später war sie schon wieder wach. Die melodischen Klänge des Hahnes von nebenan – Eberhard sollte er heißen – waren schon lange verhallt. Gut so.

    Jetzt hörte sie nur noch das gedämpfte Gackern der Hühner von drüben und manchmal die kurzen Schreie der Junghähne, die schon am frühen Morgen auf dem Sandplatz herum kickten.

    Aus dem Leberwurst-Stall hingegen kamen noch nicht viele Geräusche.

    Lieber kuschelte sie sich noch ein Viertelstündchen an Bert, der seinen warmen Flügel um ihre Schulter gelegt hatte. Von ihm hörte sie nur ein tiefes, kaum hörbares Schnarchen. Sicher würde der Oberhahn wieder als letzter aufstehen. Ob denn der letzte Abend für ihn so anstrengend gewesen war? sinnierte Katharina. Auf jeden Fall war er lang gewesen, mal romantisch, mal gemütlich, mal wild.

    Sie sah den schlafenden Hahn neben sich an. Sein buntes Federkleid plusterte sich locker-struppig auf, wenn er einatmete, und seine paar grauen Federn fielen so gar nicht auf.

    Katharina mochte ihn und Bert mochte sie auch, da war sie sich ganz sicher. Sie gehörte immerhin zu seinen Lieblingshühnern. In der letzten Zeit war sie fast jeden Tag bei ihm – im gemütlichen Teezimmer unten oder hier oben im Kuschelzimmer, in das sie dann meistens zu später Stunde über eine Hühnerleiter hinaufstiegen.

    Natürlich war sie nicht die einzige bei Bert, das gab es nur selten. Drüben lag noch die dunkelgraue Kunigunde, eines der ältesten Hühner, das nie von seiner Seite wich. Die schöne Aurelia hatte die Suite bereits wieder verlassen und war früh heruntergestiegen. Ja, die war noch jung und voller Energie. Bestimmt zupfte sie unten ihre Augenfedern oder hatte sogar schon ihr Morgenei gelegt.

    Egal, dachte Katharina, sie war auf jeden Fall eines seiner Lieblingshühner und würde es immer bleiben.

    Sie stupste den Hahn an und gackerte in sein Ohr: „Bert, steh auf! Sonst ist es bald Mittag. Wir wollen dich krähen hören!".

    KAPITEL 2:

    DER TRAUM VON FREIHEIT UND MUSIK

    Brunhilde

    Brunhilde hatte die Notenblätter an die Stallwand geheftet. Das war viel Arbeit, immerhin fünf Blätter. Benni hatte sie ihnen mitgebracht. Er war ja schließlich der Sohn von Bauer Mettwurst und spielte Flöte. Sicher war er sehr musikalisch.

    „Eberhard kräht so schön jeden Morgen., hatte der Junge ihr einmal gesagt. „Zeig ihm die Noten, dann wird er noch besser! Dann hatte er gelacht und rannte weg.

    Brunhilde aber sah die vielen Punkte auf den waagerechten Linien. „Die hohen Punkte sind die hohen Töne und die niedrigen Punkte die tiefen. Sing sie hintereinander und schon hast du eine ganze Melodie gekräht."

    Gar nicht so leicht für ein Huhn, dachte sie, und fing an zu üben. Sie sang die hohen Punkte mit hoher Stimme, die niedrigen mit tiefer. Eberhard, der sie mochte und immer wieder in ihrer Nähe war, beobachtete sie und krähte leise mit.

    Mit den weißen Notenblättern in ihrem Flügel sah sie aus wie ein echtes Chorhuhn. Denn sie hatte etwas Feierliches an sich. Ihr Federkleid war samtschwarz, so schwarz, wie es kein anderes Huhn besaß. Nur ihr Schnabel war dunkelrot und ihre Augen schimmerten dunkelblau. Im Halbdunkel schien sie fast zu verschwinden. Ihre Augen glänzten wie ein ferner Himmel… und ihre Stimme tönte immer voll, egal wie laut oder leise sie erschallte.

    Die Töne gingen lustig rauf und runter, aber sie schienen immer wieder anders zu sein und klangen nicht wirklich wie eine Melodie. Etwas enttäuscht machte Brunhilde nach einiger Zeit eine Pause.

    „Wir brauchen einen festen Ton als Grundton", sagte Eberhard.

    „Ja vielleicht. Aber welcher soll das sein?"

    „Wir brauchen einen Kammerton A. Das habe ich mal vom Bauern gehört."

    Es hatte sich sogar bis zu den Hühnern herumgesprochen, dass Bauer Mettwurst im Dotterhausener Männerchor sang, so oft wie er darüber redete.

    „Ja, wir brauchen einen Kammerton", gackerte Brunhilde begeistert.

    „Einen Kammerton A!" Eberhard ließ sich nicht lange bitten und krähte einen langgezogenen Ton.

    Brunhilde stimmte mit ein, so gut sie konnte mit ihrer hohen, klaren Hühnerstimme. Dann begannen sie erneut die Melodie vom Notenblatt zu singen, diesmal mit dem Kammerton A als Grundlage. Sie krähten sie zweimal, dreimal, viermal.

    „Es ist jetzt eine richtige Melodie geworden," sagte Brunhilde glücklich und schmiegte sich an Eberhard an.

    Der Hahn legte seinen großen Flügel um sie und gurrte „Danke, meine Liebe, das war ein großer Schritt!"

    Der Oberhahn schaute sie liebevoll an. „Es war nur eine Übung für uns sagte er feierlich. „Aber es war ein großer Schritt für die ganze Huhnheit. Unser Krähen wird jetzt Musik!

    Dann gingen sie ganz nach hinten in Eberhards Nest und zogen den samtenen lila Vorhang zu.

    Marie

    Jetzt war sie

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