Betrunkene Fliegen: Ein Roman nach einer wahren Geschichte.
Von Anette Lucius
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Über dieses E-Book
Ihre Freunde, die Familie, ihr behandelnder Arzt – alle wissen, wie sie sich zu verhalten hat. Doch der Seitenwechsel von der Ärztin zur Patientin trifft sie hart. Aus der großen Gruppe der Gesunden an den Rand katapultiert. Aussortiert. Für den Rest des Lebens.
Fünf Jahre lang sucht Karoline einen Weg aus dem Chaos, das die Diagnose in ihrem Leben anrichtet. Wo ist er, der Leitfaden zum Verhalten bei unheilbaren Krankheiten? Und wer bestimmt die Normen für das Akzeptieren des Unabänderlichen?
Wird Karoline es schaffen, das Schicksal anzunehmen, das die Krankheit ihr auferlegt hat?
Anette Lucius
Anette Lucius, 1961 in Mecklenburg geboren, arbeitete siebenunddreißig Jahre als Zahnärztin, dreißig davon in ihrer eigenen Praxis. <br>Nach der deutschen Wiedervereinigung erfüllt sie sich einen Kindheitstraum: Wochenlange Arbeitsaufenthalte in afrikanischen Ländern werden zu den Abenteuern ihres Lebens. <br>Mit sechsundfünfzig Jahren durchkreuzt eine unheilbare Krankheit ihre Zukunftspläne, zwingt sie zur Praxisaufgabe und in die Frührente. <br>Wie weit der Weg bis zur Annahme eines unabänderlichen Schicksals sein kann – davon erzählt sie in diesem Buch.
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Betrunkene Fliegen - Anette Lucius
Anette Lucius
Betrunkene Fliegen
Ein Roman nach einer wahren Geschichte.
Logo_hansanord_pos_120über die Autorin
Anette Lucius, 1961 in Mecklenburg geboren, arbeitete siebenunddreißig Jahre als Zahnärztin, dreißig davon in ihrer eigenen Praxis.
Nach der deutschen Wiedervereinigung erfüllt sie sich einen Kindheitstraum: Wochenlange Arbeitsaufenthalte in afrikanischen Ländern werden zu den Abenteuern ihres Lebens.
Mit sechsundfünfzig Jahren durchkreuzt eine unheilbare Krankheit ihre Zukunftspläne, zwingt sie zur Praxisaufgabe und in die Frührente.
Wie weit der Weg bis zur Annahme eines unabänderlichen Schicksals sein kann – davon erzählt sie in diesem Buch.
IMPRESSUM
1. Auflage 2024
© 2024 by hansanord Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages nicht zulässig und strafbar. Das gilt vor allem für Vervielfältigung, Übersetzungen, Mikrofilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN Buch 978-3-947145-88-1
ISBN E-Book 978-3-947145-89-8
Autorenfoto | Inhalt | Umschlag: Dörthe Nippe-Stöhr
Cover | Umschlag: Tobias Prießner
Lektorat: Ursula Schötzig
Für Fragen und Anregungen: info@hansanord-verlag.de
Fordern Sie unser Verlagsprogramm an: vp@hansanord-verlag.de
hansanord Verlag
Johann-Biersack-Str. 9
D 82340 Feldafing
Tel. +49 (0) 8157 9266 280
FAX +49 (0) 8157 9266 282
info@hansanord-verlag.de
www.hansanord-verlag.de
Logo_hansanord_pos_120Inhalt
TEIL 1
2016 Zwei Jahre vor der Diagnose
Kapitel 1 Ulrike. Ein Geschenk
Kapitel 2 Nichts wird gut. In Afrika
Kapitel 3 Luise und Frau G
2017 Ein Jahr vor der Diagnose
Kapitel 4 Es muss von zentral kommen
Kapitel 5 Die Erde ist eine Scheibe
Kapitel 6 Die Katze aus dem Sack
2018 Das Jahr der Diagnose
Kapitel 7 Die Arroganz der Gesunden
Kapitel 8 Der Professor hat sich geirrt
TEIL 2
Kapitel 9 Seitenwechsel
Kapitel 10 Der Zusammenbruch
Kapitel 11 Die Klinik am See
Kapitel 12 Ich will diese Krankheit nicht!
2019 Ein Jahr nach der Diagnose
Kapitel 13 Scherben
Kapitel 14 Sie wird es mir nicht verzeihen
2020 Zwei Jahre nach der Diagnose
Kapitel 15 Viren und Metastasen
Kapitel 16 Abschied
Kapitel 17 Ich bin wirklich krank
2021 Drei Jahre nach der Diagnose
Kapitel 18 Herr Weber und der Valentinstag
Kapitel 19 Professor Anton
2022 Vier Jahre nach der Diagnose
Kapitel 20 Der Brief meiner Schwester
Kapitel 21 Vergebung
Kapitel 22 Der eigene Rucksack ist nicht der schwerste
Kapitel 23 Du bist zu empfindlich, Lina!
2023 Fünf Jahre nach der Diagnose
Kapitel 24 Es ist, wie es ist
Kapitel 25 Hoffnung
Vielen Dank
Personenliste
Der Pilz des Glückes ist ein Warteschwein
Für meinen Vater
Für meinen Sohn
Für meinen Enkel
In Erinnerung an Bruno, Else, Melanija,
Birgit, Hans, Astrid und Sigrid
Mittwoch, 11. Januar 2023
»Karoline, hast du mal darüber nachgedacht, deinen Weg abzukürzen? Oder willst du ihn bis zum Ende gehen?«
»Ich versteh deine Frage nicht, Kai-Olaf. Meinst du, ob ich mich umbringen will, oder was?«
»Ja genau. Das meine ich.«
TEIL 1
Donnerstag, 15. Februar 2018, 19 Uhr, im Wohnzimmer meiner Eltern
»Ich habe Darmkrebs«, hörte ich meinen Vater sagen.
»Und ich hab Parkinson«, flüsterte ich. Ratlos starrte ich von einem zum anderen.
Meine Mutter, die fast taub ist, hatte es wieder einmal nicht verstanden, sodass ich laut und deutlich wiederholen musste:
»Ja, Mama, es stimmt. Ich habe wirklich Parkinson.« Fast schrie ich es aus mir heraus.
In die daraufhin einsetzende Stille flüsterte ich irgendwann: »Papa, was sollen wir denn jetzt machen?«
Mein Vater sah mich lange an mit seinem gütigen Blick.
»Na, kämpfen, Lina. Was denn sonst?«
Dann stand er langsam auf von seinem Lieblingsplatz auf dem Sofa und kam auf mich zu. Er nahm meine Hand, schaute sie an und schüttelte sie.
»Na, siehst du. Geht doch. Du zitterst ja gar nicht. Da hat sich die Schwester wohl geirrt.«
»Es war nicht die Schwester, Papa. Ich war beim Professor.«
»Na, dann hat sich eben der Professor geirrt«, sagte mein Vater, nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest.
In diesem Moment wurden wir zu Komplizen.
* * *
»Miriam, wissen Sie, wohin ich meine Praxisschlüssel schon wieder verlegt habe?«
Immer dasselbe mit mir, denke ich, und ziehe die Skalpellklinge durch die Schleimhaut. Ich schiebe den Schleimhautlappen zurück, spanne die Knochenfräse ein und suche nach dem passenden Hebel. Miriam assistiert mir heute, ausnahmsweise, denn eigentlich arbeitet sie vorn an der Rezeption.
Ein paar Minuten später liegt der Weisheitszahn in der Zange auf dem OP-Tisch und ein leichter Kaffeeduft aus dem Personalraum erinnert mich an die Frühstückspause. Ich vernähe die Wunde, schneide den Faden ab und stutze. Ich kann die Schere nicht aus der Hand legen. Ich will sie auf dem Instrumententisch ablegen. Es geht nicht.
Moment, bitte! Finger, könnt ihr mal tun, was das Gehirn euch sagt?
Mein Kopf gibt der Hand den Befehl: Schere loslassen! Sofort! Es geht nicht. Ich kann die Bewegungen meiner Finger nicht steuern. Als wäre die Leitung zwischen Gehirn und Hand gestört. Ich habe nicht ewig Zeit, und die Patientin will auch nach Hause, also gibt mein Kopf Anweisung: Die linke Hand nimmt der rechten die Schere aus den Fingern und legt sie auf den Tisch. So! Hat das außer mir noch jemand gemerkt? Miriam vielleicht? Unauffällig suche ich in ihren Augen nach einem Zeichen.
»Ist alles in Ordnung, Miriam?«
»Ja, alles gut, Chefin. Wir waren schneller als geplant.«
Ich verbiete mir, jetzt weiter darüber nachzudenken. Es ist früh am Morgen und ich habe viel zu tun an diesem ganz gewöhnlichen Montag im September 2016.
Meine Praxisschlüssel findet Miriam im Röntgenraum und legt sie mir ins Büro.
Das Jahr 2016
Zwei Jahre vor der Diagnose
Kapitel 1 Ulrike. Ein Geschenk.
Sonntag, 3. Januar 2016
Seit Stunden schneit es. Von der Rezeption aus kann ich durch die Glasfassade der Praxis bis zu den Häusern meiner Patienten sehen, und wenn ich aufstehe, sogar bis an den Waldrand. Wie verzaubert sieht die Welt da draußen aus. Mein Blick bleibt am Korkspindelstrauch vor der Eingangstür hängen. Die Schneekristalle auf seinen Zweigen glitzern in der Sonne.
Im Personalraum riecht es nach Glühwein. Ich kippe das Fenster an und stelle mir den Teller mit den Weihnachtsplätzchen an die Anmeldung neben den Computer. Bevor ich die Post aus dem Briefkasten hole, gieße ich den afrikanischen Bleistiftbaum im Wartezimmer und mache mir einen Kaffee.
Heute ist der erste Sonntag im neuen Jahr. Schreibtischtag.
An der Rezeption ist es hell und warm, mein Lieblingsplatz, wenn ich allein in der Praxis bin. Die tief stehende Wintersonne fällt auf das große Wandbild im Wartezimmer, ein Geschenk meines Künstlerfreundes zur Praxiseröffnung vor neunzehn Jahren. Ich wusste, dass ich diesen Neuanfang nie bereuen würde. Alles ist genau richtig, wie es jetzt ist, und es soll bitte so bleiben, auch in diesem Jahr.
Das ist mein einziger Neujahrswunsch, an wen auch immer.
Acht Stunden später brennen meine Augen, mein Rücken tut weh, und ich fühle mich alt. Ich werfe einen Blick in das Bestellbuch und finde kaum einen freien Termin im Januar. Seit dem letzten Herbst werden wir von Neupatienten geradezu überrannt.
Draußen hauche ich Nebelwölkchen in die klare Luft und wandere eine Runde durch das Wohngebiet. Nur eine Zahnarztpraxis gibt es hier, und das ist meine. Ich fege den Schnee von der Frontscheibe meines Wagens, und bevor ich einsteige, schaue ich noch einmal zu den Praxisfenstern hoch. Nebenan in den Wohnzimmern läuft der Sonntagabendkrimi.
Erschöpft, als hätte ich einen harten Tag am Behandlungsstuhl hinter mir, fahre ich nach Hause.
Mein Name ist Karoline, doch fast alle nennen mich Lina. Ich bin Zahnärztin aus Leidenschaft. In die Stadt meiner Kindheit zurückzukehren, stand nicht auf meinem Lebensplan. Es ergab sich so, damals, vor einunddreißig Jahren.
Meine Mitarbeiterinnen behaupten, sie wollten in keiner anderen Praxis arbeiten – und zugleich, dass sie es hin und wieder nicht leicht hätten mit mir. Kann sein, sie meinen damit meinen Hang zur Perfektion. Nur gut zu sein, reicht mir nicht. Ich orientiere mich an den Besten meines Faches, und auf einigen Gebieten bin ich selbst vorn mit dabei.
Es ist Freitagmittag, fünf Minuten vor Sprechstundenschluss. Die Patientin, die vorn an der Anmeldung steht, kenne ich nicht. Sie hält Unterlagen in der Hand und bittet um eine Zweitmeinung. Miriam begleitet sie ins Behandlungszimmer. Zusammen schauen wir uns die mitgebrachten Röntgenaufnahmen an. Die Entzündung an der Wurzel ihres Schneidezahnes ist so groß wie eine Linse und im Wurzelkanal sieht man eine verunglückte Wurzelfüllung.
»Mein Zahnarzt sagt, der Zahn muss raus.«
Hoffnungsvoll schaut die Patientin mich an. Miriam holt schon mal das Bestellbuch.
»Wir können versuchen, den Zahn zu retten. Alles Weitere bespricht die Helferin mit Ihnen. Miriam, ich brauche eine Stunde für den nächsten Termin.«
»So lange?« Die Patientin guckt überrascht.
»Der größte Feind der Qualität ist die Eile. Stimmts, Miriam?« Meine Helferin lächelt hinter ihrem Mundschutz und nickt. Sie weiß um das komplizierte Innenleben eines Zahnes und welch mühselige Angelegenheit Wurzelkanalbehandlungen sein können. Schon im Studium faszinierte mich dieser Teil der Zahnheilkunde, und seit sieben Jahren gehört das weite Feld der Wurzelkanalbehandlungen zu meinen Spezialgebieten.
Ich lebe allein, und seitdem mein Sohn zu Hause ausgezogen ist, trinke ich meinen Morgenkaffee im Bett. Ich tue so, als wäre das ein Ritual, dabei ist es nur der Versuch, die Einsamkeit in den Griff zu bekommen, die sich hin und wieder ungebeten mit an den Frühstückstisch setzt.
Seit ein paar Tagen muss ich meine Tasse mit beiden Händen festhalten, wenn der Kaffee nicht auf der Bettdecke landen soll. Es ist, als wolle sie mir aus der Hand fallen, wenn ich sie anhebe. Ich beobachte das Problem eine Weile, doch es erledigt sich nicht von selbst. Als ich meiner Freundin Erica davon erzähle, meint die, ich solle mir einen Handmuskeltrainer zulegen.
»Handmuskeltrainer?«
»Gibt’s im Sportladen«, antwortet sie, ehe ich fragen kann, was das sein soll.
Erica arbeitet als Trainerin im Seniorensport und lässt keine Gelegenheit aus, mir zu erklären, dass Joggen allein nicht ausreicht, wenn ich bis ins hohe Alter fit bleiben will. Ich weiß, dass ich mich mehr um meine Muskulatur kümmern muss. Seit einer Woche bin ich fünfundfünfzig, und in dem Alter regelt der Körper nicht mehr viel von allein. Überall tun sich ohne große Vorwarnung Baustellen auf, die man schnell in den Griff bekommen sollte, wenn man Chefin einer Praxis ist.
Den Handmuskeltrainer muss ich reklamieren, der lässt sich nicht einen Millimeter bewegen. Verärgert lege ich ihn der jungen Verkäuferin auf den Tisch. Die zeigt mir lächelnd, wie gut er funktioniert. O Gott, ist mir das peinlich! Verdattert ziehe ich ab, aber wenigstens weiß ich jetzt, dass Erica recht hatte und fehlende Muskelkraft die Ursache für die Schwäche in meiner Hand ist. Zwei Wochen später kann ich den Handmuskeltrainer locker mehr als dreißig Mal zusammendrücken. Meine Kaffeetasse muss ich noch immer mit beiden Händen festhalten.
Es ist Ende Mai, und endlich wird meine neue Behandlungseinheit geliefert. Zehn Jahre will ich noch arbeiten, so ist der Plan. Mein Gefühl sagt mir, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für die letzten großen Praxisinvestitionen. Mein Steuerberater sieht das auch so. In der Praxis sieht es wie auf einer Baustelle aus, überall liegen Bauteile herum. Die Helferinnen wuseln aufgeregt durch das Chaos, packen geschäftig Kartons aus und ein und können es kaum erwarten, in die hochmoderne Technik eingewiesen zu werden.
Zwei Tage braucht der Monteur, bis er die Behandlungseinheit aufgebaut hat. Majestätisch steht sie da, eine optische Meisterleistung des Herstellers. Ehrfürchtig schleichen wir um sie herum und begießen sie mit Praxissekt.
Ich mag die kleinen Auszeiten vom durchgeplanten Sprechstundenalltag, wenn lautes Lachen durch die Praxisräume schallen darf und ich nichts dagegen haben muss. Und ich mag meine Helferinnen. Die drei wissen, dass sie mein Dream-Team sind, beliebt bei den Patienten, einfühlsam und frei von jeder Zickigkeit.
Die beiden Tage Arbeitspause wegen der Montage des Behandlungsstuhls kommen mir gerade recht, denn seit Wochen nerven mich Schmerzen in der rechten Schulter. Das überrascht mich nicht. Jahrzehntelanges Arbeiten in angespannter Körperhaltung hinterlässt eben Spuren, erst recht, wenn man so hochgewachsen ist wie ich.
Von Tag zu Tag werden die Schmerzen heftiger und meine Laune schlechter. Erica organisiert mir einen Termin bei Herbert, dem angeblich besten Osteopathen der Stadt, und redet so lange auf mich ein, bis ich hingehe. Insgeheim denke ich nämlich, meine Beschwerden gehörten besser in die Hände eines richtigen Arztes. Meine Freundin hat recht. Nach drei Terminen bei Herbert hat sich mein Schulter-Arm-Problem in Luft aufgelöst. Beeindruckt von seinen meisterhaften Fähigkeiten schwöre ich ihm ewige Dankbarkeit, denn es gibt nicht viel, das mich mehr verunsichert als Sorgen, die ich mir um meine Arbeitsfähigkeit machen muss.
Die letzten Tage vor dem Sommerurlaub haben es in sich. Im Wartezimmer reichen die Stühle nicht, und abends komme ich nicht pünktlich aus der Praxis. Mein Frühstück esse ich zum Mittag oder gar nicht, und der Monat mit den hellsten Nächten zieht wieder einmal unbemerkt an mir vorbei.
Endlich ist Freitag und ich kann die Praxistür für drei Wochen von außen abschließen. Im Treppenhaus läuft mir der Hauswart über den Weg und lädt sich auf einen Kaffee ein. Ich vertröste ihn auf nach dem Urlaub.
In einer Stunde bin ich mit Tilman verabredet, einem Freund aus Studententagen. In der Studienzeit war er mein Vertrauter. Jetzt wohnen wir zwei Autostunden voneinander entfernt, und noch immer besucht er mich ein Mal im Jahr.
Wir treffen uns vor dem Café am Marktplatz. Die Tische und Stühle stehen draußen. Wir setzen uns an den einzigen freien Tisch und lassen uns von der Sonne bescheinen. Gerade hat der Kellner den Lillet gebracht. Tilman überlegt laut, warum ich so unentspannt aussähe.
»Lina, hast du mal darüber nachgedacht, kürzerzutreten?« Überrascht schaue ich ihn an. »Kürzertreten? Ich weiß gar nicht, wie man das macht.«
Irgendetwas sollte ich ändern, meint Tilman, und zwar dringend. »Vielleicht kannst du die Behandlungszeit an deinen langen Montagen reduzieren?«
Ich muss ihm versprechen, mit Miriam zu reden. Sie ist meine Praxismanagerin und wird das mit den Helferinnen abstimmen.
»Aber erst nach dem Urlaub. Jetzt will ich nach Hause, Koffer packen.« »Schwöre mir, dass du besser auf dich aufpasst, Lina«, sagt Tilman und nimmt mich zum Abschied in den Arm.
Mein Flug nach Marseille geht Samstagnachmittag.
Die Wanderreise in der Provence hatte ich vor zwei Wochen spontan gebucht, als kleines Vorspiel für mein Reiseabenteuer in den afrikanischen Regenwald, das für Herbst auf meinem Programm steht.
Ich bin gern unterwegs, besonders in den Bergen. Doch was Bergwandern mir wirklich bedeutet, weiß ich erst, seit das Land, in dem ich aufwuchs, fast über Nacht verschwand und mir ein Geschenk hinterließ, von dem ich vorher nicht ahnte, wie sehr ich es vermisste: die Freiheit zu reisen. Und damit meine ich nicht an die Ostsee. In der Abflughalle des Flughafens hole ich mir einen Kaffee und suche auf der Anzeigetafel nach meinen Flugdaten.
Vor dem Check-in-Schalter fällt sie mir zum ersten Mal auf: die edle Dame, etwas älter als ich, knabenhaft schlank, klein und irgendwie besonders. Das natürliche Grau ihrer Haare steht ihr fantastisch. Ich zwinge mich, sie nicht anzustarren, denn ihr Gesicht mit den großen freundlichen Augen zieht meinen Blick magisch an.
Nach der Landung in Marseille steht sie am Gepäckband direkt neben mir, und wir stellen fest, dass wir dieselbe Reise gebucht haben. Sie heißt Ulrike.
Während der Bus uns vom Flughafen weg durch malerische Landschaften und einsame Bergdörfer schaukelt, erzählt Ulrike von ihrer Arbeit als Schulleiterin und von den afrikanischen Flüchtlingskindern, um die sie sich kümmert. Eine tiefe Zuneigung klingt aus ihren Worten und lässt mein Herz schneller schlagen.
Seit meiner Kindheit träume ich von Afrika. Der Zauber, der von Menschen mit dunkler Haut ausgeht, berührte mich früh. Eine meiner Babypuppen hatte die Farbe der Kinder, die dort leben. Wie groß Wasserlöcher in der Savanne sind, wollte ich wissen, und ob die Tiere da wirklich so gefährlich sind, wie man sagt. In meiner Fantasie sah ich mich unter riesigen Schirmakazien sitzen und Webervögel an ihren Nestern flatternd beobachten.
Jedes Mal, wenn meine Füße heute die ockerbraune Erde Afrikas berühren, durchflutet mich ein tiefer innerer Frieden.
Ulrike denkt wie ich, und sie fühlt wie ich, so etwas merke ich schnell. In ihrer Nähe fühle ich mich wohl, und schon beim Aufwachen am Morgen freue ich mich auf unsere Tagesgespräche. Jeden Tag laufen wir an blühenden Lavendelfeldern vorbei, sogar die Luft ist hier lila. Bald ist nicht zu übersehen, dass ich mit Ulrikes Wanderschritt nicht mithalten kann. Ich verstehe nicht, warum ich so langsam bin. Andauernd stolpere ich über meine Wanderstiefel oder bleibe irgendwo hängen. Keiner aus der Gruppe stolpert so oft wie ich. Es wird der Arbeitsdruck der letzten Wochen sein, beruhige ich mich, und die kurzen Nächte, in denen wir nicht zum Schlafen kommen, weil wir einander unsere Leben erzählen.
Am letzten Tag der Wanderwoche fragt Ulrike, ob ich Lust hätte, noch einmal mit ihr zu verreisen.
Wohin du willst, denke ich.
»Alles außer Asien«, sage ich.
»Mongolei?«, fragt sie.
Sogleich schickt meine Fantasie mir Bilder aus dem russischen Märchenbuch, das mein Vater mir schenkte, als ich neun war, und ich sehe Dschingis Khan durch die weite menschenleere Steppe reiten. »Oh, Mongolei? Gern«, antworte ich und staune, wie schnell sich meine jahrelange Abneigung gegen asiatische Reiseziele in diesem Augenblick in Luft auflöst.
Die Wochen danach bestärken mich in dem Gefühl, eine Freundin fürs Leben gefunden zu haben.
»Das ist ein Geschenk.« Ulrike bringt es bei einem unserer Telefonate auf den Punkt.
Wie wahr, denke ich, ein Geschenk, das man nicht mehr erwartet, wenn man Mitte fünfzig ist. Und das man sowieso nur selten im Leben bekommt.
Kaum ist der Urlaub vorbei, melden sich meine Schulterschmerzen zurück. Schuld ist die neue Behandlungseinheit, da bin ich mir sicher. Ich finde nicht in eine entspannte Arbeitshaltung und ärgere mich jeden Tag über meine teure Neuanschaffung.
Ab und an habe ich das Gefühl, als könne ich die Instrumente beim Legen aufwendiger Füllungen nicht richtig halten. Nicht, dass sie mir aus der Hand fielen, aber ich kann meine Finger nicht so bewegen, wie ich will. Mein Schulterproblem scheint bis in die Hand auszustrahlen.
Heute habe ich fast ohne Pause durchgearbeitet. Kurz vor Feierabend bitte ich Miriam in den Personalraum.
»Miriam, wir sollten die Behandlungszeit am langen Montag reduzieren. Auf sechs Stunden vielleicht?«
Überrascht schaut sie mich an, und ihre Augen leuchten auf.
»Gern, Chefin. Der Montag ist echt hart. Bei gleichem Gehalt meinen
Sie, oder?«
Ich schaue aus dem Fenster.
»Natürlich nicht, die Stunden müssen wir herunterrechnen.« »Nee, Chefin, das geht nicht, das kann ich mir nicht leisten. Und wohin soll ich dann die
