Über dieses E-Book
Paul ist seit vielen Jahren tot. Aber er bestimmt die Familiengeschicke noch immer, wie Carla feststellt: «Du hattest deine Finger im Spiel, nicht nur bei meiner Arbeit, sondern auch in meinem Privatleben, du Puppenspieler, du Geist, du Wiedergänger.» Und als sie sich mit dem Äthiopier Dawit anfreundet, muss sie sich fragen, wie weit der Einfluss ihres Grossvaters tatsächlich reicht.
Frédéric Zwicker erzählt einfühlsam, originell und bissig aus einem turbulenten Jahr der Künstlerin Carla. Der Roman richtet dabei den Blick auf drei Frauengenerationen im Wandel eines bewegten Jahrhunderts und schlägt einen Bogen von der Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg bis hin zu den Migrationsbewegungen der Gegenwart.
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Buchvorschau
Carlas Scherben - Frédéric Zwicker
Inhalt
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Impressum
Titel
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Dank
Über den Autor
Über das Buch
Frédéric Zwicker
Carlas Scherben
Autor und Verlag danken für die Unterstützung:
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
Der im Buch verwendete Textauszug von Thomas Bernhard erfolgt mit freundlicher Genehmigung aus: Thomas Bernhard, Frost, in: ders., Werke in 22 Bänden. Band 1. Herausgegeben von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
© 2024 Frédéric Zwicker
Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Vanessa Ruppert, Thomas Gierl
Korrektorat: Philipp Hartmann
Umschlaggestaltung: Weiß-Freiburg GmbH, Freiburg
eBook-Produktion: 3w+p, Rimpar
ISBN ePub: 978-3-7296-2436-8
www.zytglogge.ch
Frédéric Zwicker
Carlas Scherben
Roman
emptyPour toute la famille
«Familie. So ein harmloses Wort. Und gleichzeitig so schrecklich, dass es jeder Psychotherapeutin zuvorderst auf der Zunge hockt.»
Larry
1
Die Katze stürzt nah an der Felswand in die Tiefe, dreht sich ein paarmal um die eigene Achse, schlägt unten auf den Steinen auf und wird zerschmettert.
Ich spähe und lausche. Keine Stimmen, keine Schritte. Nichts als verfrühtes Vogelgezwitscher und gleichgültige Bäume. Also ziehe ich die zweite Katze aus dem Sack.
Drei Katzen werfe ich hinunter, dann kommen die Amseln und Meisen an die Reihe. Teils sind ihre Flügel gebrochen, teils quillt ihnen Gedärm aus dem Bauch. Kein Flügelflattern. Sie fallen ungebremst, zerschellen wie zuvor ihre vierbeinigen Feinde. Nun ist der Sack leer, und ich arbeite mich durch Gestrüpp und Sträucher zurück auf den schmalen Pfad, der aus dem Wald führt.
2
So will ich einsteigen, Paul. Irgendwo muss man einen Anfang machen, und jener Februarmorgen im Wald scheint mir geeignet als Einstieg. Ein Stückchen Alltag vor dem Eintreten des folgenschweren Ereignisses. Ein paar Stunden Normalität, ehe mein Telefon klingelte.
Bist du erstaunt, von deiner Enkelin zu hören? Es ist tatsächlich lange her. Die Gespräche mit dir sind mir abhandengekommen, wie mir das Beten abhandengekommen ist. Beides – das Beten und die Gespräche mit dir – hat mich Lili gelehrt. Und du und Gott, ihr wart für mich auch nah beisammen. Beide Vaterfiguren, Überwesen. Vielleicht freut es dich, dass ich mit Gott schon lange nicht mehr rede, mit dir jetzt aber wieder. Das hat wohl mit dem Sofa zu tun, auf dem ich liege. Es wirkt als Medium. Der Geruch ist noch derselbe, und auch der senfgelbe Cord fühlt sich vertraut an, wenn ich mit den Fingern darüberstreiche, wie ich das früher oft tat. Streicht man hoch, wird der Stoff hell, streicht man wieder runter, wird er dunkel. Aus vier Sesseln und diesem Sofa bestand die Polstergruppe in eurem Wohnzimmer. Inzwischen weiß ich, dass Larry sie ausgewählt hat. Da zeigte sich schon die Innenarchitektin, die deine Tochter nach dem steinigen Umweg über das Hausfrauendasein werden sollte.
Du saßest stets in dem Sessel, der am nächsten beim Fernseher stand. Das Sofa war Lilis Platz. Als du nicht mehr da warst, saß ich in deinem Sessel. Wie ein Thron fühlte er sich an, weil ich wusste, dass es dein Sessel war. Und es störte mein royales Empfinden nicht, wenn Lili anfing zu schnarchen. Bevor sie einschlief, schauten wir ihre Seifenopern, Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Marienhof und wie sie alle hießen. Die zwei genannten waren ihre Lieblingsserien, die sie nicht verpassen wollte. «Uuuh, das ist eine Falle!» oder «IIIh, das ist ein Falscher!», rief sie, wenn jemand ein falsches Spiel spielte. Und sie durchschaute die Protagonisten eigentlich immer. Im echten Leben waren diese weniger scharf gezeichnet. Oder Lili fehlte der scharfe Blick für Fallen und die Falschen. Wobei – nach allem, was ich weiß, hat sie es nie bereut, dich geheiratet zu haben. Aber was weiß ich schon. Heiraten werde übrigens auch ich bald. Wie es dazu gekommen ist, sollst du ebenfalls erfahren. Du hattest deine Finger nicht nur bei meiner Arbeit im Spiel, sondern auch in meinem Privatleben, du Puppenspieler, du Geist, du Wiedergänger, du. Ich hätte es selbst nicht für möglich gehalten, dass dein Einfluss so weit reicht, du graueste aller Eminenzen. Dass du es früher gewohnt warst zu befehlen, war mir bekannt. Du hattest eine Firma und eine Familie zu führen und am Schweizer Nachkriegswunder mitzubauen. Fünfzig Arbeiter, drei Kinder und eine Frau hattest du in deinen besten Zeiten zu kommandieren. Aber nicht nur das Befehlen warst du gewohnt, sondern auch Befehle zu empfangen und auszuführen. Ja, auch das weiß ich inzwischen.
Eins nach dem anderen. Die Geschichte ist nicht frei von Verstrickungen. Die Geschichte ist genau genommen eine Verstrickung. Beginnen will ich eben im Februar, als ich noch keinen Gedanken ans Heiraten verschwendete und im Hinblick auf Hamburg in totaler Finsternis tappte. Denn Hamburg und der ganze Rest, das hing alles miteinander und mit dir zusammen. Du Drahtzieher. Du Schlüsselfigur.
3
Die größte Chance meiner Karriere sei diese Sache mit Hamburg. Und die logische Konsequenz meines bisherigen Schaffens, das sie natürlich verfolgt habe. Das sagt mir eine meiner ehemaligen Dozentinnen von der Kunsthochschule an einem viel zu warmen Februarmorgen, als wir einander in der Stadt über den Weg laufen und ich ihr davon erzähle. Ihre Begeisterung überrascht mich. Während des Studiums hat sie wenig davon für meine Arbeiten gezeigt. Was sie zur Chance sagt, mag stimmen. Die erste Einzelausstellung in einem renommierten Museum, die umfangreichste Präsentation meiner bisherigen Arbeiten, die erste Ausstellung im Ausland. Dass diese aber eine logische Konsequenz sei, bezweifle ich. Ich sehe die Anfrage aus Hamburg weniger als das Resultat meiner eigenen Leistung, sondern vielmehr als dasjenige der Arbeit des berühmten US-amerikanischen Kunstkritikers Victor Strinsky, der während eines Ferienaufenthaltes in der Schweiz im Sommer des Vorjahres zufällig Gudruns Galerie entdeckte, wo meine Werke ausgestellt waren. Am Beispiel der Mauerblümchen beschrieb er meine Arbeit in seinem Blog und erwähnte als Vorzug meiner Objekte, was nicht wenige seiner Schweizer Kolleginnen und Kollegen oft als Schwäche kritisiert hatten: ihre wörtlich zu nehmende Zerbrechlichkeit. Zwar wurde die Eleganz der hauchdünnen Keramiken auch von heimischen Journalisten gelobt; nicht selten beanstandeten diese jedoch, die Feingliedrigkeit führe allzu häufig zu Scherben und damit zum totalen Wert- und Ästhetikverlust der Werke, die deshalb als Sammlerobjekte nicht im Geringsten taugten.
Strinsky erkannte beim Anblick der getöpferten Blumen die Vergänglichkeit, die ich ihnen eingepflanzt habe. Die Mauerblümchen sind winzige, im Raum verteilte Tonblumen, die scheinbar aus dem Boden wachsen. Die Gefahr ist groß, dass jemand sie zertritt. Strinsky verstand, dass ich einerseits die Unsterblichmachung ad absurdum führte, die Ziel fast jeder künstlerischen Abbildung ist. Und andererseits den Menschen zwang, für die Natur Sorge zu tragen. Damit erfasste er das Konzept all meiner jüngeren Arbeiten.
Seit Strinskys lobender Erwähnung pflegt auch die hiesige Kritik einen wohlwollenderen Umgang mit mir. Zu meinem Beitrag in einer Ausstellung junger Schweizer Kunst im Zürcher Kunstmuseum wagte ein profilierter Journalist ein paar Wochen später gar den Vergleich mit Prometheus: So wie dessen aus Lehm geschaffenem Werk – dem Menschen – ein Makel innewohne, hafte ein solcher – im besten, menschlichsten Sinne – auch meinen Kreationen an. Meine Arbeit war eine Installation von fünfundfünfzig Blumen in Blumenvasen, wobei die Vasen aus Wiesenblumen geflochten und die Blumen darin aus rotem Töpferton geformt und bunt glasiert waren. Ich konnte nicht an der Vernissage teilnehmen, weil ich mit Fieber im Bett lag. Als ich erfuhr, dass schon am Eröffnungstag vier Blumen Schaden genommen hatten, nahm ich mir vor, sie schnellstmöglich zu ersetzen, da ich es mit der Zerbrechlichkeit diesmal wohl übertrieben hatte. Aber dann las ich am nächsten Tag die Sache mit Prometheus in der Zeitung, und mir waren von höherer Gewalt die Hände gebunden.
Nicht lange nach Strinskys Ritterschlag folgte die Anfrage aus Hamburg. Fast alles mit musealem Potential will die begeisterte Kuratorin zeigen. Auch die fünfundfünfzig Blumen sollen Teil der Ausstellung sein. Das meiste stammt aus dem Atelier oder aus Gudruns Galerie, nur eine Arbeit aus Privatbesitz. Normalerweise stellen Sammler ihre Kunstwerke gern zur Verfügung, weil Ausstellungen wertsteigernd wirken. Bei mir sagten vier von fünf Angefragten ab. Zu hoch die Risiken von Hin- und Rücktransport und drei Monaten Ausstellung.
Als Sahnehäubchen des Hamburg-Projekts gab das Museum eine Installation bei mir in Auftrag, die es kaufen will. Sie soll einen Raum von 29,76 Quadratmetern bespielen. Das habe ich mir mit meinem Wunsch nach einer raumfüllenden Arbeit selbst eingebrockt. 4,8 Meter Breite, 6,2 Meter Länge. Freie Hand, Carte blanche, der Traum jeder Künstlerin und hoffentlich am Ende nicht mein Albtraum. Denn an dieser Installation beiße ich mir seit Jahresbeginn die Zähne aus. Die erste Tranche des Honorars hat das Museum als Vorschuss überwiesen. Töpferkurse werde ich in diesem Jahr keine anbieten müssen. Keine spätberufenen Frischgeschiedenen, die Vulven modellieren; keine wuchtigen Banker Mitte fünfzig, die am Ende des Kurses mit glänzenden Augen ein klobiges Krippenspiel nach Hause tragen. Endlich wieder einmal uneingeschränkte Konzentration auf meine Kunst.
Aber eben. Die Idee. Seit eineinhalb Monaten warte ich auf die zündende Idee.
4
Kein Grund zur Sorge. Die Wachstumskurve des Zeitdrucks verläuft exponentiell und wird auch dieses Mal die Blockaden sprengen, wenn der Abgabetermin naht. Das sage ich mir auch an jenem Morgen, als ich aus dem Wald zurück ins Atelier komme. Aber die Nervosität ignoriert mein Mantra; ich gehe auf und ab, um dem Damoklesschwert auszuweichen, das meine Kopfhaut ritzt, obwohl gute fünf Monate bleiben.
Im Atelier ist es kalt. Wenn es in meiner Wohnung kalt ist, drehe ich die Heizung auf, in Libyen oder Nigeria geht die Pumpe an, und der braune Quell des Lebens sprudelt via Pipeline, Tanker, Rheinschiff und Lastwagen direkt in den Heizöltank im Keller. Es gibt einmal einen Krieg, es brennt einmal eine Bohrplattform, und ein paar Fische und Vögel erhalten die letzte Ölung. Aber in der guten Stube ist's angenehm warm. Hier draußen ist das anders. Die Globalisierung hat mein Atelier übersehen. Zum Glück hat mein Vermieter den Holzvorrat aufgestockt. Ich spalte und staple Scheite und Späne so, dass alles ohne Zeitung und andere Hilfsmittel brennt, wenn ich das Streichholz in den Holzaltar führe. Sobald die ersten Flämmchen züngeln, lege ich nach, füttere das Feuer mit flinken Fingern und achte darauf, es nicht zu ersticken. Und wenn es dann knistert und knackt, wenn das Blut pulsiert, der Atem dampft und mir ein Rauchfähnchen als frühzeitlicher Odem in die Nase steigt, dann hoffe ich, die Sinne mögen erwachen, ein Schaffensdrang sich regen und der urmenschliche Selbsterhaltungstrieb Körper und Geist einstimmen auf die Arbeit mit Händen und Ton.
Stattdessen läuft und verläuft es, wie ich es schon seit eineinhalb Monaten kenne, im Kreis, im Sand, ins Nichts. Ich bin unkonzentriert und mag nicht im Atelier sitzen. Durch die Fenster dringt der Sirenengesang der Vögel. Mitte Februar ist es erst, und sie kreischen sich vor Wollust ihre Vogelseelen aus dem Leib. Hier draußen gibt es keinen Stadtlärm, gegen den sie anschreien müssen. Sogar das Bächlein, das sich hinter dem Atelier durch den Wald schlängelt, gurgelt deutlich vernehmbar eine Einladung.
Die Natur ist eine Zumutung. Und dann klingelt auch noch das Telefon.
Klaus ist es nicht. Klaus ist es nie.
5
Ergeht es so einem Reh im Scheinwerferlicht? Geblendet, erstarrt, dem Unheil ausgeliefert, das sich rasend schnell und zugleich in Zeitlupe nähert. Unausweichliches kennt keine Eile. Bedrohlich braust es heran, jedoch so unbegreiflich, dass die Wucht des Aufpralls schließlich doch verblüfft.
Ich fahre nach Hause und lege mich aufs Sofa im Wohnzimmer. Erst jetzt packen mich die Weinkrämpfe. Zyklisch schleudern sie mich herum. Wie eine Waschmaschine. Zuerst auf dem Sofa, dann am Küchentisch. Hierhin ziehe ich um, weil mich die Nachbarn da weniger gut hören können und ich mir von der Härte des Holzstuhls Halt erhoffe.
Hier sitze ich und zergehe.
Zeitweise beobachte ich hilflos und mit fast unbeteiligtem Staunen, wie es mich schüttelt und mir Geräusche entweichen, die mir peinlich sind. Ruckartige, gewaltsame Atemzüge irgendwo zwischen Röcheln und Schreien. Ich habe verlernt zu weinen, denke ich, während Speichel von meiner Unterlippe auf die Tischplatte tropft.
Wieso erschüttert mich die Nachricht so? Lili war seit vier Jahren im Heim, hat sich mit jedem Monat weiter verflüchtigt, ist geschrumpft, abgemagert, vergesslich, müde, brüchig, blass geworden. Bei meinem vorletzten Besuch hat sie mich nach langer Zeit wieder einmal erkannt. Beim letzten Besuch hat mir ihr charmantes «Grüß Gott», mit dem sie allen Fremden begegnete, wie gewohnt das Herz gebrochen.
Ein sanfter Tod im hohen Alter von achtundneunzig Jahren, eine Barmherzigkeit. Darf man sagen, zur rechten Zeit? Minuten vor ihrem letzten Atemzug habe deine Frau gesungen, dann sei sie friedlich entschlafen. Ist jemals jemand besser gestorben, Paul?
Larry hatte es von ihrem Bruder gehört, der bis zuletzt bei Lili war. «Deine Großmutter ist heute Morgen gestorben», sagte sie am Telefon. Ich war überrascht, wie gefasst sie klang. Ich überlegte, ob ich etwas Tröstendes sagen sollte. Aber ich wusste nicht, was und wie. Also blieben wir sachlich und sparten uns unsere Gefühle für die Einsamkeit nach dem Anruf auf. Wie immer.
Das erste Schluchzen und Zucken ist eine allergische Reaktion des Körpers auf die Todesnachricht, vom Unbewussten ausgelöst, bevor der Verlust ins Bewusstsein dringt. Die Trauer überschwemmt mich, als die Erinnerungen kommen.
Die erste ist die früheste. Wie ich mit ihr am runden Holztisch im Esszimmer saß und nach ihrem Mund griff, wieder und wieder, kreischend vor Entzücken und Schrecken, während sie mit über die Zähne gestülpten Lippen nach meinen Fingern schnappte.
Wie sie mir den Rücken kratzte, wenn ich auf deinem Sessel vor dem Fernseher saß. «Ein bisschen höher, ein bisschen weiter rechts, noch ein bisschen weiter ... Aaah, ja, genau dort!» Dann massierte sie mich, bis sie mir mit beiden Händen auf die Schultern schlug und rief: «Fünfzig!» Das war das Zeichen dafür, dass die Massage fertig war. Natürlich hatte sie die Knetbewegungen nicht gezählt.
Wie wir miteinander hoch ins Dorf und in die Kirche gingen. Ein Nachbar kam uns entgegen und fragte, ob sie für ihn auch ein wenig mitbeten könne. «Tut mir leid, ich nehme keine neue
