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Jan und Julian - Volles Risiko
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eBook488 Seiten4 Stunden

Jan und Julian - Volles Risiko

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Über dieses E-Book

Was, wenn deine erste große Liebe dich nie wieder loslässt? Der Austausch mit der Londoner Performing Arts School stellt Jans Leben schlagartig auf den Kopf. Direkt beim Kennenlernen verknallt sich der schüchterne Abiturient bis über beide Ohren in seinen Gastschüler Julian. Allerdings weiß er nicht, ob der attraktive Brite ebenso wie er auf Männer steht.

Bei den gemeinsamen Proben zur Inszenierung von Romeo und Julia kommen beide sich endlich näher. Nach Bauchkribbeln und Herzklopfen erleben sie das einmalige Gefühl des ersten Verliebtseins. Doch Jans tiefsitzende Angst vor Verletzung bringt das junge Glück in Gefahr. Verliert er nun den einen Menschen, von dem er schon so lange geträumt hat? Oder ist er für sein Happy End mit Julian zum ersten Mal bereit, furchtlos volles Risiko zu gehen?
SpracheDeutsch
HerausgeberXinXii
Erscheinungsdatum26. Juli 2024
ISBN9783959496834
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    Buchvorschau

    Jan und Julian - Volles Risiko - Jo Weil

    E-Book, erschienen 2024

    ISBN: 978-3-95949-683-4

    1. Auflage

    Copyright © 2024 POLYGON Noir Edition,

    im Förderkreis Literatur e.V.

    Sitz des Vereins: Frankfurt/Main

    www.main-verlag.de

    www.facebook.com/MAIN.Verlag

    order@main-verlag.de

    Text © Jo Weil

    Umschlaggestaltung: Paul Tews

    Illustration: Tanja Wittig / art_and_books

    Umschlagmotiv: © elements.envato 64HRJ79

    Trenner: © shutterstock 690247387

    Kapitelbild:© shutterstock 1733314727

    Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

    http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    Die Handlung, die handelnden Personen, Orte und Begebenheiten

    dieses Buchs sind frei erfunden.

    Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, ebenso wie ihre Handlungen sind rein fiktiv,

    nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

    Wer ein E-Book kauft, erwirbt nicht das Buch an sich, sondern nur ein zeitlich unbegrenztes Nutzungsrecht an dem Text, der als Datei auf dem E-Book-Reader landet.

    Mit anderen Worten: Verlag und/oder Autor erlauben Ihnen, den Text gegen eine Gebühr auf einen E-Book-Reader zu laden und dort zu lesen. Das Nutzungsrecht lässt sich durch Verkaufen, Tauschen oder Verschenken nicht an Dritte übertragen.

    E-Book Distribution: XinXii

    www.xinxii.com

    logo_xinxii

    Diese Geschichte spielt in zwei sprachlichen Welten. Einer deutschen sowie einer englischen. Aus Gründen der leichteren Verständlichkeit sind jedoch alle Dialoge in diesem Roman auf Deutsch geschrieben. Jene, die eigentlich auf Englisch geführt werden, sind kursiv geschrieben, um dies erkennbar zu machen.

    Das Buch

    Was, wenn deine erste große Liebe dich nie wieder loslässt? Der Austausch mit der Londoner Performing Arts School stellt Jans Leben schlagartig auf den Kopf. Direkt beim Kennenlernen verknallt sich der schüchterne Abiturient bis über beide Ohren in seinen Gastschüler Julian. Allerdings weiß er nicht, ob der attraktive Brite ebenso wie er auf Männer steht.

    Bei den gemeinsamen Proben zur Inszenierung von Romeo und Julia kommen beide sich endlich näher. Nach Bauchkribbeln und Herzklopfen erleben sie das einmalige Gefühl des ersten Verliebtseins. Doch Jans tiefsitzende Angst vor Verletzung bringt das junge Glück in Gefahr. Verliert er nun den einen Menschen, von dem er schon so lange geträumt hat? Oder ist er für sein Happy End mit Julian zum ersten Mal bereit, furchtlos volles Risiko zu gehen?

    Inhalt

    Prolog

    1. Creep

    Kapitel 1

    Kapitel 2

    Kapitel 3

    Kapitel 4

    Kapitel 5

    2. Begegnungen

    Kapitel 6

    Kapitel 7

    Kapitel 8

    Kapitel 9

    Kapitel 10

    Kapitel 11

    Kapitel 12

    Kapitel 13

    Kapitel 14

    Kapitel 15

    3. Volles Risiko

    Kapitel 16

    Kapitel 17

    Kapitel 18

    Für Mama,

    die gesagt hat, ich solle doch mal ein Buch schreiben.

    Und für Tom,

    der das Ganze dann ausbaden musste.

    Auch für Susi,

    damit sie auf ihrem Regenbogen etwas zu lesen hat.

    Und ein klein bisschen für M. und A.,

    die sich in Maßen in zwei Charakteren des Romans wiedererkennen dürften und mir dazu liebenswerterweise, ohne zu zögern und obwohl sie mich gut kennen, ihr Einverständnis gegeben haben.

    Wie versprochen: Ihr kommt gut dabei weg.

    Für alle anderen:

    Eure Widmungen bekommt ihr im nächsten Buch.

    Denke ich.

    Mal schauen …

    »Manche Begegnungen verändern dein Leben,

    ohne dass es dir anfänglich bewusst ist.

    Und sie verändern dich,

    mehr als du es dir jemals hättest vorstellen können.«

    Prolog

    Mehr als drei Jahrzehnte in der Zukunft.

    Der alte Mann, den sie Saul nannten, saß in seiner privaten Loge und blickte auf die Bühne unter sich. Er verfolgte die Geschichte, die einst sein Leben war. Eine Liebe, die über Jahrzehnte gehalten, doch die meiste Zeit nur aus Einsamkeit und Sehnsucht bestanden hatte. Entflammt in einer Zeit, in der sie nicht sein durfte, war es selbst dem Jahrtausendwechsel nicht gelungen, sie zum Erlöschen zu bringen.

    Noch einmal durchlebte er all die Momente, die wenigen, glücklichen Monate, die ihnen zusammen vergönnt waren, und die vielen, verlassenen Jahre, die er nur von ihm hatte träumen können.

    Der alte Mann wusste, dass seine Kraft aufgebraucht war, spürte instinktiv, dass seine Reise kurz vor ihrem Ende stand. Und er war einverstanden damit, hatte keine Angst. Sein Leben war wertvoll gewesen, er hatte es genutzt, so gut er konnte, auch wenn er vieles gern anders gesehen hätte. Doch nun, in diesem Augenblick, wurde ihm klar, dass selbst die Jahre, die ihm und seinem Geliebten nicht gemeinsam gestattet gewesen waren, etwas verändert hatten. Zum Besseren.

    Sie hatten geholfen, einen Weg zu ebnen. Zumindest im Leben seiner jungen Freunde Jan und Julian, die aus seinen Erzählungen gelernt hatten. Die sich von ihnen hatten inspirieren lassen und mutig genug gewesen waren, die Fehler von ihnen beiden nicht noch einmal zu wiederholen.

    Sie waren in einer anderen Zeit aufgewachsen, ihre Gefühle heute kein Tabu mehr. Und doch waren es seine Worte, seine unmögliche Liebe, die sie schlussendlich dazu gebracht hatten, ihrem eigenen Glück nicht länger im Weg zu stehen.

    Er lächelte und folgte weiter dem Geschehen auf der Bühne, spürte einen tiefen Stolz in sich. Es war richtig, ihr Geheimnis am Ende zu teilen, andere davon lernen zu lassen. Ihnen Mut zuzusprechen. Hoffnung zu geben.

    Als die Premiere schließlich zu ihrem Ende kam, standen dem alten Mann Tränen in den Augen. Er war zutiefst gerührt, von der herzlichen Reaktion des Publikums, das ohne zu zögern aufgesprungen war, um die eben gesehene Geschichte mit Standing Ovations zu feiern. Seine Geschichte. Ihre Geschichte. Nun war ihre Liebe bekannt, wurde auf diese Art unsterblich. Es tröstete ihn, dass sie nicht in Vergessenheit geraten würde.

    So wie er seine Liebe für ihn nie vergessen hatte. Keinen einzigen Tag seines Lebens, seit er ihm zum ersten Mal hier in diesem Theater begegnet war. Nie hatte er ihn aufgegeben und immer darauf gehofft, dass die Welt eines Tages bereit für ihre Gefühle sein würde. Nun war sie es, doch für sie beide war es zu spät.

    Aber seine jungen Freunde würden in dieser Welt glücklich sein können, ihre Liebe zur Gänze auskosten dürfen. Ohne Angst, ohne Einschränkungen, ohne Fragen. Das hoffte er zumindest. Daran wollte er glauben.

    Er musste schwach husten, spürte ein Ziehen in der Brust. Es war unangenehm, also schloss er die Augen, glaubte, dass er Luft in seine Lungen sog. Schließlich hörte der Schmerz auf und als er die Lider wieder öffnete, wusste er nicht, ob er träumte.

    In einem wunderschönen, warmen Licht stand sein Geliebter vor ihm. Derart frei und losgelöst lächelnd, dass es das Herz des alten Mannes umgehend mit Glück flutete. Er kam auf ihn zu und blieb vor ihm stehen, streckte ihm langsam seine Hand entgegen.

    Vor Freude begann Saul zu weinen. Sein Stern sah wunderschön aus, vollkommen zufrieden. Ganz so, wie er ihn vor über sechzig Jahren kennengelernt hatte. Vorsichtig griff er nach seiner Hand, tief in sich die Angst, dass er nur eine Fantasie war. Doch er konnte ihn tatsächlich spüren.

    Sanft verschränkten sie ihre Finger, schienen miteinander zu verschmelzen.

    Er verlor jedes Raum- und Zeitgefühl. Alles, was ihn noch erfüllte, war das größte Glück, das er jemals empfand. Endlich wurde wahr, worauf er sein ganzes Leben gewartet hatte. Sie waren schließlich zusammen.

    »Da bist du«, flüsterte er, derart voller Liebe, dass seine Stimme wie Glas klang. »Ich habe gehofft, dich zu sehen.«

    »Ich weiß«, hallte die sanfte Stimme seines Gegenübers wie ein vergangenes Echo durch den Raum. »Nun habe ich keine Angst mehr. Ab jetzt lasse ich dich nie mehr allein.«

    Der alte Mann, den sie Saul nannten, war plötzlich wieder leicht. Er erhob sich ohne Schmerzen und schien mit der wärmenden Gestalt eins zu werden.

    Voller Liebe sahen sie sich an und gingen ohne jedes Zögern auf das einladende Licht zu.

    Niemand im Theater hatte etwas davon mitbekommen, keiner konnte sagen, ob es ein letztes Aufflammen seiner Fantasie war. Oder eben mehr.

    Sein Körper, der noch auf dem Sessel in der kleinen Loge saß, atmete ein letztes Mal tief aus. Dann schlief er mit dem glücklichsten Lächeln im Gesicht für immer ein.

    1. Creep

    Kapitel 1

    Heute

    Wäre Jans Leben eine Seifenoper und er die Hauptfigur in deren Geschichte, hätte er in diesem Moment vermutlich anders reagiert, denn nichts schulte ihn schon seit einigen Jahren derart intensiv wie die täglichen Dramen im Vorabendprogramm. Alles, was er über die Liebe und ihre Wirrungen zu wissen glaubte, hatte er durch die verschlungenen und teils absurden Romanzen in seiner Lieblingssoap gelernt. Es gab keine Situation im Serienuniversum, die ihm durch die Lehren des fast schon besessenen Schauens nicht lösbar schien. Keine Konfrontation, die er in dieser fiktiven Welt nicht mit einer cliffhangerwürdigen Antwort entkräften und gewinnen könnte.

    Wäre Jans Leben eine Seifenoper und er die Hauptfigur in deren Geschichte, wäre er in diesem Moment vermutlich also schlagfertiger gewesen. Vermutlich hätte er Lucas, den unglaublich attraktiven Gastschüler aus Kanada, nicht einfach nur angestarrt.

    Sein gewelltes, blondes Haar, das sich im leichten Luftzug des Frühlingswindes wiegte. Seine großen, blauen Augen, die dieses geheimnisvolle Funkeln in sich trugen, das ihm jedes Mal auffiel, wenn er Lucas wieder heimlich in der Pause beobachtete. Das eng anliegende, grau-blaue T-Shirt, das sich perfekt an seinen muskulösen kanadischen Oberkörper schmiegte – und welches er auffallend oft nach dem Sportunterricht zu tragen schien.

    Vermutlich hätte Jan auch ausblenden können, wie sehr ihn Lucas’ wahnsinnig guter Duft verunsicherte. Er konnte diesen bereits auf einige Meter Distanz wahrnehmen, ganz so, wie ein Hai schon kleinste Mengen Blut im Wasser in weiter Ferne ausmachen kann. Dieses Parfum, das er nicht kannte und doch so gern selbst getragen hätte. Jedes Mal, wenn er sich unauffällig an Lucas heranschlich, fiel er ihm aufs Neue auf.

    Wäre Jans Leben eine Seifenoper und er die Hauptfigur in deren Geschichte, wäre dieser Moment vermutlich sogar der Beginn von etwas ganz Großem gewesen. Der überraschende Plot-Twist, der alle Zuschauer*innen in größte Ekstase versetzt hätte.

    Jener Moment, in dem ihnen klar geworden wäre, dass der atemberaubend schöne Kanadier mit seinen fast schon unnatürlich attraktiven Haaren den schüchternen Jan soeben vor allen Schüler*innen lautstark auf dem Pausenhof zur Rede stellte. Dass dies für den Star der Schul-Musical-AG zwar eine durchaus unangenehme Situation war, um die sie ihn sicher nicht beneideten. Aber sie hätten in diesem Moment eben auch realisiert, dass all dies vermutlich nur geschah, weil sich der muskulöse Gastschüler heimlich für den durchaus nicht unanschaulichen Jan interessierte, und er keinen anderen Weg sah, als ihm seine Gefühle auf diese ruppige und vordergründig wenig erfolgversprechende Art zu offenbaren.

    In einer Seifenoper hätte Jan auf Lucas’ Angriff mit einem lässigen Spruch reagiert. Manch knisternder Konflikt wäre gefolgt und nach einigen weiteren Begegnungen hätten die beiden sich schlussendlich im verregneten Abendrot und in durch die Nässe durchsichtig gewordenen T-Shirts ihre Liebe gestanden.

    Seifenopern-Logik eben.

    Da Jans Leben aber keine Fernsehsendung war und er nicht die Hauptfigur in deren Geschichte, fiel ihm hier, im echten Leben, auf die Schnelle keine wahnsinnig schlagfertige Antwort ein.

    »Noch mal. Starrst du mich die ganze Zeit an, Jan Hansen?«, wiederholte Lucas seine bereits zuvor gestellte Frage mit Nachdruck.

    Jans erster Gedanke war, wie sexy seine männlich markante Stimme, gepaart mit dem süßen kanadischen Akzent, klang. Nur ganz kurz. Dann setzte sich das Adrenalin durch, welches gerade pochend durch seinen Körper schoss. Ihm war bewusst, dass alle umstehenden Mitschüler*innen ihre Gespräche inzwischen vollends eingestellt hatten, um dem sich vor ihnen entfaltenden Spektakel in aller Seelenruhe lauschen zu können. Es war ihm ebenso bewusst, dass dies der Moment war, in dem er etwas auf Lucas’ Frage hätte antworten sollen. Etwas Beruhigendes, Entkräftendes, Lustiges. Irgendetwas. Doch er stand weiter vor ihm, den Mund leicht geöffnet, wie ein Goldfisch, der versehentlich aus seinem Glas gefallen war und nach Luft schnappte – und sagte nichts.

    Er starrte einfach weiter stumm den schönen Sportler mit dem betörenden Duft an, während ihm Unmengen an möglichen Antworten durch den Kopf schossen. Doch welche sollte er wählen, welche verwerfen? Jedes Mal, wenn er versuchte, sich für eine Antwort zu entscheiden, bereits beginnen wollte, die Worte mit seinen Lippen zu formen, hielt er doch wieder inne. Mehr als ein leicht gepresstes »Ähm … Äh … Öhm …« kam dabei nicht aus seinem Mund.

    »Last warning. Stop it! Lass es!«, fauchte Lucas ihn schließlich an und schien bemüht, dass alle Umstehenden seine Ansage deutlich mitbekamen. Dann drehte er sich um und ging zurück ins Treppenhaus, nicht ohne Jan mit einem letzten »Creep!« zu bedenken.

    Wäre Jans Leben eine Seifenoper und er die Hauptfigur in deren Geschichte, wäre er vermutlich erhobenen Hauptes und voller Stolz aus dieser Situation gegangen. So allerdings blieb er schweigend zurück, während sich die umstehenden Schüler*innen langsam wieder ihren Gesprächen widmeten. Manche jedoch nicht, ohne ihm zuvor einen mitleidigen Blick zu schenken.

    Jan lächelte höflich und möglichst wenig verschämt zurück. Der beste Weg, um aus dieser Situation zu kommen, war einfach so zu tun, als wäre alles völlig normal und nichts gewesen. Er streckte sich, rückte den Rucksack auf seiner Schulter betont beiläufig zurecht und ging Richtung Theaterraum.

    Nach den ersten Schritten verzog sich das Gefühl der Scham langsam und ein Lächeln begann sich auf seinen Lippen zu formen. Zunächst ganz fein.

    ›Das war gerade unglaublich peinlich‹, dachte er, ›aber immerhin hat er mit mir geredet.‹ Das Lächeln wuchs. ›Er wusste auch meinen kompletten Namen.‹ Das Lächeln wurde noch breiter. ›Und er hat sogar abgewartet, ob ich etwas antworte.‹

    Während der nächsten Schritte schwoll das Lächeln zu einem ausgewachsenen Grinsen an und als plötzlich ein Übermaß an Endorphinen in ihm hochschoss, stellte Jan voller Glück fest: ›Ich glaube Lucas steht heimlich auf mich!‹

    Seifenopern-Fan-Logik eben.

    Hannah hatte es sich wie gewöhnlich im Schneidersitz auf Jans Bett gemütlich gemacht. Sie wusste, dass er dies nicht mochte, umso mehr Spaß bereitete es ihr, jeden ihrer fast täglichen Besuche bei ihrem besten Freund mit diesem Ritual zu beginnen.

    »Nicht die Füße auf mein Bett«, nörgelte er erwartungsgemäß, was Hannah mit gehässiger Freude erfüllte.

    »Die Socken sind frisch«, erwiderte sie und lehnte herausfordernd ihren Kopf an die Wand.

    »Ist mir völlig egal. Das ist widerlich. Runter.« Jan ließ sich nicht erweichen, während er die Zimmertür schloss.

    Mit einem übertrieben angestrengten Schnaufen stand Hannah schließlich auf, ging die drei Schritte zu seinem Schreibtischstuhl und ließ sich samt theatralischem Seufzer darauf sacken.

    »Besser?«, fragte sie gespielt genervt.

    Statt ihr zu antworten, blieb Jan an der Tür stehen und schaute Hannah an. Sie sahen sich fast täglich, meistens sogar mehrfach. In der Schule, der Musical-AG, oft auch noch nach dem Unterricht, abends, am Wochenende. Neben Vincent war sie der Mensch, mit dem er die meiste Zeit verbrachte, und doch gab es immer wieder diese Momente wie genau jetzt. In denen er sie anblickte, ihre langen, braunen Haare, ihre liebevollen, grünen Augen, das Grübchen am Kinn, das eigentlich viel zu männlich für ihr mädchenhaftes Gesicht war, und feststellte, wie schön er seine beste Freundin fand. Innerlich sowieso, aber auch äußerlich.

    Wäre sie ein Mann oder er nicht schwul, wären sie bestimmt zusammen, da war er sich absolut sicher. Sie wären zwar das schlimmste Paar der Welt, würden sich mit Sicherheit rund um die Uhr streiten, aber vermutlich trotzdem bis über beide Ohren ineinander verliebt. Doch da die Fakten gegen sie sprachen, hatte sich dieses Gefühl für einige Jahre nur auf eine von ihnen beiden beschränkt.

    »Was?«, fragte Hannah, als sie seinen Blick bemerkte.

    »Was, was?«, erwiderte er im gleichen Tonfall.

    »Was guckst du mich so komisch an?«

    Jan musste schmunzeln. »Ich finde uns einfach lustig. Wir sind wie ein altes Ehepaar. Streiten über Socken auf dem Bett.«

    »Moment! Die Socken sind dein Problem und alt bin ich schon mal gar nicht«, konterte sie lässig. »Du vielleicht. Ich nicht.«

    Beide starrten sich gespielt herausfordernd an und begannen zu lachen. Das Lachen einer Freundschaft, in der es keine weiteren Worte brauchte.

    Jan ging zu seinem Bett, setzte sich selbst im Schneidersitz darauf und noch bevor Hannah einen sarkastischen Spruch vom Stapel lassen konnte, zog er sich seine weißen Sportsocken von den Füßen und schmiss sie zusammengeknäuelt in ihre Richtung.

    »Habe keine Socken an.«

    Hannah fixierte ihn, ihr Blick undurchdringlich, dann sagte sie im Brustton der Überzeugung: »Der Muskel liegt zu hundert Prozent richtig, wenn er dich Creep nennt!«

    Mit Muskel meinte sie Lucas, den Hannah kurzerhand so getauft hatte, nachdem sie zum ersten Mal einen Blick auf seine gut trainierten, tätowierten Oberarme erhaschen konnte. Auch wenn Jan den Namen nicht sonderlich mochte, musste er zugeben, dass er in diesem Fall nicht ganz unzutreffend war.

    »Apropos Muskel …«, setzte er an, nutzte die Gunst des Moments.

    Noch bevor er ein weiteres Wort sprechen konnte, hob Hannah vehement ihre Hände. »Auf gar keinen Fall! Nein! Das Thema ist durch. Keine neuen Muskelgeschichten.«

    »Aber du weißt ja noch gar nicht, was ich …«

    Weiter kam er nicht, denn Hannah erhob sich von ihrem Stuhl und begann durch sein Zimmer zu tigern.

    »Oh doch, ich weiß genau, was du mir erzählen willst. Was ist es heute? Hat der Muskel toll gerochen? Oder hat er dich mal wieder nicht beachtet, was ja auf jeden Fall ein gutes Zeichen ist? Oder hatte er wieder das süße grau-blaue T-Shirt an? Was davon war es?« Sie blieb stehen und blickte ihn entnervt an. Als er nicht antwortete, schob sie nach: »Der Muskel ist nicht schwul. Zum tausendsten Mal.«

    »Aber er hat …« Weiter kam er auch diesmal nicht.

    »Nicht schwul!«

    Er schwieg.

    Sie blickte ihn an, dann ging sie zum Bett und setzte sich ruhig neben ihn. Für einen kurzen Moment saßen sie schweigend da, bevor sie sich zu ihm drehte.

    »Ich weiß, dass du dir wünschst, da wäre mehr. Ich weiß, dass du dir vorstellst, da wäre mehr.« Sie zögerte kurz. »Ich weiß, wie sich das anfühlt.« Sie blickte ihm ehrlich und ohne Scheu in die Augen.

    »Aber du bist nicht ich«, sagte er leicht trotzig, auch wenn er wusste, was sie meinte.

    »Du warst mein Lucas«, erwiderte sie schlicht und legte ihre Hand auf seine. »Und auch ich musste mich damit abfinden, dass das mit uns nie etwas werden wird.«

    »Wer weiß«, entwich es ihm und noch im selben Moment bereute er, dass er dies gerade nur gesagt hatte, um das letzte Wort zu haben.

    »Ja klar, wenn mir ein Penis wächst. Kein Problem«, konterte Hannah sofort und schaute ihn schief an. »Wir wissen beide, dass das mit uns nie passieren wird.«

    »Nein, wohl nicht.«

    »Und das ist okay, ich habe mich damit abgefunden«, fuhr sie etwas ernster fort. »Du bist mein bester Freund und was wir haben, ist etwas ganz Besonderes. Deshalb will ich, dass es dir gut geht. Und mit Lucas würde es das nicht.«

    Noch während Jan überlegte, ob er ihr im Punkt mit Lucas widersprechen sollte, blickte sie ihn mahnend an. Er verwarf seinen Gedanken und schwieg weiter.

    »Als du mir gesagt hast, dass du schwul bist, war das hart für mich. Das weißt du.« Sie suchte nach den richtigen Worten, fuhr dann fort. »Ich komme damit klar, wenn ich weiß, dass du einen Mann an deiner Seite hast, der dich wirklich glücklich macht.«

    Er blickte sie an, ließ das Gesagte sacken.

    »Lucas wäre niemals dieser Mann. Er sieht toll aus, ja. Meinetwegen riecht er gut, okay. Aber was noch? Mehr ist da nicht. Und wenn du ehrlich bist, musst du das selbst sehen.« Sanft lächelnd wartete sie auf eine Antwort.

    »Er ist heiß«, sagte er schließlich.

    »Aber bist du wirklich verknallt?«

    »Er ist heiß«, erwiderte Jan erneut. Dann atmete er aus und blickte sie verletzlich an. »Aber wirklich verlieben könnte ich mich wahrscheinlich nicht in ihn, nein.«

    Ein kurzer Moment des Schweigens, den Hannah schließlich durchbrach. »Du bist verliebt in den Gedanken. Und hast gleichzeitig Angst vor den Konsequenzen. So war es schon bei Vincent.«

    »Mit Vincent war es ganz anders!«

    »Und trotzdem seid ihr nicht mehr zusammen. Stattdessen ist er heute dein bester Freund.« Aufmunternd lächelte sie ihn an. »Vielleicht ist das mit dem Muskel und dir ja auch irgendwann so.«

    Jan überlegte kurz, dann sagte er trocken: »Über was sollten wir denn bitte miteinander reden? Seinen Bizeps, seinen Trizeps oder seinen Quadrizeps?«

    Sie sahen sich an und prusteten los.

    »Anfassen ja. Darüber reden, nein danke«, presste er lachend hervor.

    Hannah setzte ihren besten hoffnungsvollen Blick auf. »Das Thema Muskel ist ein für alle Mal durch? Ja?«

    »Ja!«, sagte er mit Überzeugung. Und schob ein leises »Zumindest für heute« nach.

    Kapitel 2

    Nachdem sie gemeinsam die neueste Folge ihrer Lieblingsseifenoper Brennende Begierde geschaut hatten, war Hannah schließlich gegangen. Wie jeden Donnerstagabend musste sie auf ihren Bruder aufpassen, während ihre Eltern zum Kegeln gingen. Kein Termin, auf den sie sich sonderlich freute, doch er gehörte momentan ebenso zu ihrem Leben wie das Ritual, sich mit Socken auf Jans Bett zu setzen.

    Dieser hatte nach der Verabschiedung ein Schokomüsli gegessen und war inzwischen im Wohnzimmer, wo er auf dem Sofa versuchte, sich für Goethes Faust zu interessieren. Das Stück gehörte zur Abiturvorbereitung und er hatte bisher nicht viel mehr als die ersten paar Seiten überflogen. In Anbetracht dessen, dass die Prüfungen nur noch etwas mehr als sechs Wochen entfernt waren, ein beängstigender Schnitt.

    Fahrig blickte er auf den Text vor sich, während im Hintergrund leise Musik aus dem Fernseher kam. Üblicherweise half ihm dies, sich zu fokussieren, deshalb gehörten Musiksender ebenso zu seinen Lernstandards wie kalte Cola, die er dabei trank.

    Heute allerdings wollte es mit der Konzentration nicht klappen. Zum wiederholten Male überflog er die ersten Zeilen des Stückes, nur um festzustellen, dass er sich nicht ein einziges Wort davon hatte merken können. Ganz so, als hätte er es nie gelesen. Frustriert ließ er den Text auf seine Beine sinken und lauschte. Außer dem Song aus dem Fernseher war kein Geräusch zu hören. Seine Eltern besuchten Freunde, seine jüngere Schwester Nina war beim Judotraining. Er hatte das ganze Haus für sich und seine Abiturvorbereitungen. Leider war sein Hirn nicht gewillt, diese günstigen Lernvoraussetzungen zu nutzen und machte stattdessen lieber Pause.

    Hannahs Worte kamen ihm in den Sinn: »Du bist verliebt in den Gedanken.«

    Was genau hatte sie damit gemeint? In welchen Gedanken?

    Während er versuchte die kryptische Aussage zu verstehen, blieb sein Blick auf dem Teenie-Magazin hängen, das seine Schwester auf dem Sessel neben dem Sofa liegen gelassen hatte. Er beugte sich vor und nahm das Heft, dankbar für die Ablenkung. Die bunten Fotos schrill gekleideter Künstler auf dem Cover ließen ihn schmunzeln. Ziellos blätterte er durch die Seiten und erfuhr dabei, dass Rot die Lippenfarbe dieses Sommers und der Star einer Boyband, deren Namen er noch nie gehört hatte, wohl nicht der neue Freund einer Sängerin war, deren Namen er auch noch nie gehört hatte.

    Er blätterte weiter und landete schließlich bei einem Test, der in großen Buchstaben ankündigte: Werde selbstbewusst. Wie du deinen Traumboy schwer beeindrucken kannst

    Jan hob die Augenbraue und überflog den Text, der versprach, mit einigen kurzen Fragen die eigenen Stärken herauszufinden, um diese bei seinem »Traumboy« vielversprechend einsetzen zu können. Ehe er sich’s versah, hatte er bereits damit begonnen, den Test zu machen.

    »Stell dich vor deinen Spiegel«, wurde er aufgefordert, also ging Jan in den Flur und stellte sich dort vor den Spiegel.

    »Nun schau dich einige Sekunden lang genau an.«

    Er tat wie befohlen und konnte nicht vermeiden, amüsiert über sich selbst den Kopf zu schütteln. Er war achtzehn Jahre alt, stand im Flur seiner Eltern vorm Spiegel und machte den Psychotest aus einer Teenie-Zeitschrift. »Das sollte ich besser niemandem erzählen.«

    »Nun sprich laut aus, was du siehst«, forderte der Test im dritten Punkt.

    Er zögerte kurz, da sich dies alles unglaublich albern anfühlte, doch schließlich war er allein und jede Beschäftigung besser, als sich mit Faust herumzuschlagen. Also blickte er wieder in den Spiegel und begann mit einem schiefen Blick und moderatorenhafter Stimme zu beschreiben.

    »Ich sehe einen echt coolen Typen, verdammt heiß, verdammt erfolgreich, verdammt sexy.«

    Dazu stellte er sich in eine lässige Pose und spannte beide Oberarme an. Er musste lachen, dann blieb sein Blick auf dem jungen Mann hängen, den er sah, und er ließ langsam die Luft aus seinen Lungen weichen. Warum konnte er selbst nicht genau sagen, doch er begann wieder zu sprechen. Diesmal ruhig und klar.

    »Ich sehe mich. Einen Meter dreiundachtzig groß, achtzehn Jahre alt. Ich habe dunkelblonde, kurze Haare, blaue Augen, einige Sommersprossen um die Nase. Mein Körper sieht ziemlich sportlich aus, was überraschend ist, da ich nicht sonderlich gern Sport mache. Ich finde mich eigentlich recht attraktiv, das wird mir auch oft gesagt. Ich trage ein weißes T-Shirt, gut sitzende Jeans und weiße Sneakers. Ich glaube, das war’s.«

    Er schaute erneut in das Magazin, das ihn als Nächstes aufforderte in drei Sätzen seine Hobbys und Leidenschaften zu beschreiben.

    »Ich liebe Seifenopern, Filme und Theater und will auf jeden Fall Musical-Darsteller werden. Ich liebe fast jede Musik, am meisten Schlager. Ich liebe meine Freunde, besonders Hannah und Vincent, meine Familie … meinen Roller.«

    Jan zählte kurz nach. Ja, das waren bereits drei Sätze. Er hätte noch einiges mehr aufzählen können, hielt sich aber an die Regeln und las weiter im Heft.

    »Mit welchen 3 Eigenschaften würden dich deine Freundinnen beschreiben?«

    Erneut schmunzelte Jan. Er machte hier tatsächlich einen Psychotest für Teenie-Girls.

    »Zuverlässig, lustig, schüchtern«, war seine Antwort auf die Frage.

    Dass seine Freundinnen vermutlich »Unfähig über Gefühle zu sprechen, Angst vor Verletzung und Selbstzweifel« in den Raum gestellt hätten, war ihm in diesem Moment nicht bewusst.

    »Nachdem du all das über dich laut ausgesprochen hast – Spürst du, dass du ein tolles und toughes Girl bist?«

    »Ja!«, antwortete er, ohne zu überlegen.

    »Und glaubst du, dass du mit deiner Power deinen Traumboy für dich begeistern kannst?«

    »Ja!«, bestätigte er auch hier.

    »Wenn du zweimal mit Ja antworten konntest – Gratulation zu deinem neuen Selbstbewusstsein. Falls nein, mache den Test einfach noch mal.«

    Jan ließ die Zeitschrift sinken und blickte sich im Spiegel an. »Super, ich bin ein tolles und toughes Girl und kann mit meiner Power meinen Traumboy für mich begeistern.« Dazu dachte er weniger belustigt: ›Was kann jetzt noch schiefgehen?‹

    Und ohne dass er es in diesen Moment ahnte, hatte ihm der in Sachen Seriosität mehr als fragwürdige Psycho-Test aus einer Mädchenzeitschrift einen Floh ins Ohr gesetzt, der ihn in Kürze in eine ziemlich unangenehme Situation bringen sollte.

    Montage waren die schlimmsten Tage der Woche. Zumindest, was Jans Stundenplan anging, denn er hatte gleich eine Doppelstunde Mathematik, das in seinen Augen schlimmste und überflüssigste Schulfach von allen. Wäre es möglich gewesen, hätte er es abgewählt. Doch da dies, anders als bei seiner Entscheidung gegen die Weiterbelegung von Physik und Chemie, nicht gestattet war, blieb ihm keine andere Wahl, als in allen notwendigen Mathematikkursen nicht durchzufallen. Zumindest dann, wenn er sein Abitur bestehen wollte.

    Zunächst hatte er ernsthaft versucht, wenigstens ein Grundverständnis für mathematische Regeln aufzubringen, doch spätestens in der siebten Klasse musste er erkennen, dass ihm hierfür jegliches naturgegebene Talent fehlte. Inzwischen war die Gewissheit dazugekommen, dass er niemals in seinem bevorstehenden Leben als Musical-Star werde wissen müssen, dass die Eulersche Formel nichts mit den gefiederten Waldbewohnern zu tun hatte, sondern eine Gleichung war.

    Seine Lehrerin Frau Marder, oder Mathe-Marder, wie er sie liebevoll nannte, hatte rasch erkannt, dass seine sehr unterdurchschnittlichen Leistungen in ihrem Fach tatsächlich nur bedingt an seiner Unlust und im deutlich größeren Maße an seinem mathematischen Antitalent lagen. Also waren Jan und sie zu einem unausgesprochenen Gentlemen’s, oder

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