Weg des Gewissens: Von der Grausamkeit eines SS-Sonderkommandos
Von Hanns Glöckle
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Über dieses E-Book
Eines der Mädchen, Olga, kann Harald vor diesem Los bewahren - aber kann er es auch vor dem SS-Sonderkommando Ahrends beschützen, dem die Frauen zur Liquidierung übergeben werden sollen, als die Front sich nähert?
Harald steht jetzt in dem Zwiespalt, in dem so viele deutsche Soldaten des letzten Krieges standen: In dem Zwiespalt zwischen Befehl und Gewissen. Er geht den schwereren Weg, den des Gewissens.
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Buchvorschau
Weg des Gewissens - Hanns Glöckle
1
Wie ein lauerndes Raubtier lag er zusammengekauert auf der Eisfläche und wartete. Ganz dicht presste er seinen Körper auf die Schneekruste, das linke Bein leicht angewinkelt, die frostklammen Hände um die Maschinenpistole gekrallt. Alle seine Sinne waren hellwach, seine Augen fixierten einen Punkt in der Ferne, saugten sich an ihm fest, bis sie tränten.
Nichts. Man konnte sie noch nicht sehen. Nur hören. Da war es wieder.
»Krech – krech – krech«.
Er fuhr zusammen. Es war nur eine Reflexbewegung, und er wunderte sich darüber. Es ist unnatürlich, dachte er. Ich müsste Furcht empfinden, irgendein Angstgefühl. Aber es war keine Furcht in ihm. Trotzdem zitterten seine Hände leicht, und er lockerte den Griff um die Waffe. Bei jedem Geräusch in der Ferne schlug sein Herz um ein paar Takte schneller, und seine Sehnen und Muskeln strafften sich noch mehr. Langsam und vorsichtig hob er den Kopf und blickte nach links. Dort lag Krämer, vierzig Schritte entfernt. Und weitere zwanzig Schritte Plaschke, dann die anderen. Am Ende der Leutnant. Neun Mann.
Und alle neun Mann taten das Gleiche wie er und dachten das Gleiche. Meinte er. In keinem war Furcht, und jeder wollte das gleiche. Denn jeder war ein deutscher Soldat, der beste Soldat der Welt. Sie lagen hier, um die Heimat zu verteidigen, um »den bolschewistischen Untermenschen« aufzuhalten, wie der Führer es befahl. Und Harald Rüster glaubte an den Führer und an Deutschland und an die Heiligkeit des Fahneneides. Harald Rüster war zwanzig Jahre alt, und man schrieb das Jahr 1944. Und dort vorne war der Feind, der anscheinend sorglos über die Eisfläche schritt und nicht wusste, dass hier neun Mann lagen, die nur darauf warteten, ihm Metallkugeln in den Leib zu jagen. Zwei wollten sie leben lassen und zurückbringen. Das war ihr Auftrag.
Harald Rüster streckte vorsichtig das linke Bein und zog das rechte hoch. Unter seinem Körper verschob sich die Tasche mit den Munitionsstreifen und drückte in seinen Magen. Er versuchte eine leichte Drehung, um sich von dem lästigen Druck zu befreien. Das Seitengewehr schlug auf die Schneekruste. Der helle Laut ließ Rüster die Zähne in die Lippe beißen.
Verdammt. In dieser kristallklaren Luft ist jedes Geräusch meilenweit zu hören!
Obwohl seine Stellung jetzt unnatürlich verkrampft war, verweilte er so. Wenn er nur hochkam, rasch hoch, wenn es so weit war. Lange war das nicht mehr hin. Schon vermochte er einzelne gedämpfte Stimmen zu unterscheiden, die aus der nächtlichen Ebene zu ihm drangen.
Sie lagen ungünstig. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie nicht zu frühzeitig entdeckt wurden. Hundert Meter in ihrem Rücken ein Hochwald, der sich langsam in Unterholz und mannshohes Buschwerk auflöste. Zehn Meter hinter ihnen hörte es auf und setzte sich nur nach rechts fort, verdeckte die eigenen Linien und zog sich in weiter Hufeisenform über die kahle Ebene, bis es 300 Meter vor ihnen wieder auftauchte. Von dort mussten sie kommen.
Vorhin, als sie selbst noch in langer Reihe geduckt durch die Stämme schlichen, voran er selbst, Harald Rüster, dahinter der Leutnant – ein kluger Gedanke, dachte er dabei, den Offizier nicht als Kugelfang an der Spitze gehen zu lassen, sondern einen einfachen Gefreiten, auf den es nicht ankam! Die Leutchen im OKW bewiesen eben Köpfchen, wenn sie so etwas bestimmten. Vorhin hatte er als erster die Geräusche in der Ferne als Schritte erkannt. Und weil außer ihnen kein anderer eigener Spähtrupp unterwegs war, konnten sie nur von Russen kommen. Da Entfernungen nach Lauten in dieser Luft, in der Myriaden feiner Eiskristalle zitterten, nicht abzuschätzen waren, blieben sie auf dem Platz, wo sie sich gerade befanden. Nur etwas auseinandergezogen hatten sie die Kette. Zehn oder zwanzig Schritte Abstand. Und jener, auf den die Russenstreife als ersten stieß, hatte die Aufgabe, hochzuspringen, »Hände hoch« zu brüllen und loszuballern. Tief halten, natürlich. Die Kerle mussten noch vernehmungsfähig sein. Zwei davon wollte man sich herauspicken und zurückbringen. Die anderen mochte der Teufel holen.
»Herrgott«, dachte Rüster, »lass sie zu mir kommen, lass mich derjenige sein, der sie anspringt.«
Dass es Menschen waren, die da ahnungslos über die Schneefläche schritten und dem Tod entgegengingen, dem Tod, den er ihnen bringen wollte, daran dachte er nicht. Der Feind war kein Mensch. Feinde sind im Krieg nie Menschen. Nur Sache, Gegenstände, die man vernichten muss. Wohin würde es führen, wenn man bei jedem Schuss, bei jeder abgeworfenen Bombe an den Menschen dächte! Der ganze Humanismus ginge vor die Hunde, an den man doch glaubte. Auch die zehn Gebote hatte Harald Rüster noch im Kopf und das »Du sollst nicht töten«. Mit zwanzig kennt man mitunter den Katechismus noch, selbst wenn man Hitler-Junge war. »Du sollst nicht töten?« Natürlich nicht! Aber die da vorne, das war ganz etwas anderes. Krieg, verstehen Sie, ein gerechter Krieg, ein heiliger Krieg, mehr noch, ein Kreuzzug gegen die Barbarei. Und auch selbst war man nur Sache, hatte Sache zu sein – verdammt noch mal – auf einen selbst kommt es doch nicht an! Die von Langemarck hatten das gewusst und die von Verdun. Und der Heldentod ist schließlich – nein. Harald Rüster hatte nicht das Gefühl, ein Held zu sein. Er wollte gar kein Held sein. Irgendetwas in ihm sträubte sich gegen dieses Wort. Er fühlte die Phrase. Trotzdem wusste er, dass es Helden gab. Mölders war einer und Galland, und Prien natürlich. Aber wer hatte schon das Glück, ein Held zu werden? Die Schuldigkeit konnte man tun. Und wenn jeder sie tat, konnte nichts schiefgehen. Bei ihnen nicht, bei den neun Mann von dem Spähtrupp, und bei Deutschland nicht. Und so musste es sein, so war alles richtig und in seiner Ordnung und –
Da waren sie. Ganz klar hoben sie sich gegen den Horizont ab. Vier. Blöde Hunde, dachte Harald. Wie auf dem Kurfürstendamm nach einem ausgedehnten Nachtbummel schritten sie nebeneinander her. Und falls sich vorhin in ihm wirklich noch etwas gegen das Tötenwollen gesträubt haben sollte – jetzt war nichts mehr davon vorhanden. Sie waren selbst schuld, diese Narren. Dachten wohl, wir schliefen und ließen sie hier ruhig einen nächtlichen Verdauungsspaziergang machen! Werden sich wundern, die Herren!
Noch zweihundert Meter. Wieder äugte er nach links. Die schwarzen Klumpen seiner Kameraden lagen regungslos. Was sie wohl denken mochten? Krämer – ha, Krämer, was der dachte, glaubte er zu wissen.
»Bin Familienvater, Herr Leutnant. Drei Kinder! Warum soll ich mit auf Spähtrupp?«
»Sie wollen doch befördert werden, Unteroffizier Krämer. Warten seit vier Jahren auf den Feldwebel. Ihrer Frau täte die Gehaltsauffrischung ganz gut. Ich kann nur Freiwillige gebrauchen. Wenn Sie nicht wollen – bitte, mir soll’s recht sein.«
»So – so war es nicht gemeint, Herr Leutnant. Natürlich gehe ich mit. Freiwillig.«
Ja, was Krämer dachte, wusste Harald ganz genau. Dem ging der Arsch auf Grundeis. Vielleicht war er jetzt im Geiste bei seiner Alten zu Hause. Oder er dachte an die Kugel im Bauch, in seinem Bauch, versteht sich. Ein ungutes Gefühl, ein verdammt ungutes Gefühl! Was muss er auch an solchen Unsinn denken! Hoffentlich behält er die Nerven.
Der Leutnant? Undurchsichtig! Jetzt, in dieser Sache, nicht. Der wollte seinen Orden. Das war alles klar. Aber sonst? Nationalsozialist schien er nicht zu sein. Jedenfalls kein Parteigenosse. Dazu war er in seinen Reden zu lau. Mochte er. Auch darauf kam es jetzt nicht an. Wenn er nur an seinen Orden dachte, ausgiebig und intensiv, dann tat er schon das Richtige.
Noch hundert Meter. Er konnte sie jetzt ganz klar erkennen. Der Lauf seiner Maschinenpistole richtete sich langsam hoch, und in seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Selbst die Augenlider bewegten sich nicht mehr.
Und dann sah er es. Die vier machten eine leichte, eine minimale Wendung nach rechts. Fünf Grad vielleicht, dachte er mathematisch, lächerliche fünf Grad. Irgendein Russenhirn hatte den eigenen Füßen einen blödsinnigen Befehl gegeben, eine leichte Wendung nach rechts zu machen. Vielleicht, weil den Kerl an dieser Stelle der Schuh drückte, oder weil er auf einer Eisfurche abgeglitten war. Und die anderen drei passten sich der neuen Richtung an wie Schafe dem Leithammel. Aus. Keine Lorbeeren mehr, kein »Hände hoch«. Sie mussten den linken Flügel streifen, wo Leutnant Ficht lag. Wenigstens war dadurch der Erfolg des Unternehmens gesichert.
Immer näher kamen sie. Einer von ihnen lachte leise auf, wie nach einem guten Witz.
Werden ihnen gleich vergehen, die Witzchen. Vielleicht erzählen sie ihn dem Teufel zu Ende, wenn sie können. Und dann ertappte er sich bei einem Gedanken, der ihn erschrecken ließ:
Ich bin froh – bin froh, dass ich es nicht tun muss. Werde gar nicht mehr zum Schuss kommen, bin viel zu weit ab. Mindestens hundert Meter, wenn sie den Leutnant passieren.
Denn plötzlich waren sie keine Sache mehr. Das Lachen – dieses blöde Lachen! Gegenstände können nicht lachen. Nicht einmal Tiere. Nur Menschen. Der da drüben ist also ein Mensch – ein Mensch wie ich, ich, Harald Rüster. Ein Mensch, der leben will, an seine Zukunft glaubt, eigene Gedanken entwickelt. Vielleicht ein Student, ein zukünftiger Wissenschaftler, ausgestattet mit Geistesgaben, die Leistungen erzielen können, die die ganze Welt verändern. Und eine einzige Nickelstahlkugel, eineinhalb Zentimeter lang und knapp einen Zentimeter breit, genügt, um all das auszulöschen, um all das gar nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Vielleicht wird hier, an dieser Stelle, durch das Krümmen eines Zeigefingers – wie war das? »Die rechte Hand umfasst den Kolbenhals so weit nach vorne, dass der ausgestreckte« – oder er ist ein Bauer, irgend so ein armer Kolchosenhund, verkommen in Arbeit und Dreck und Unwissenheit, der sich auf den Frieden freut, auf seine Kuh im Stall oder auf sein Weib, der irgendein kleines Stückchen Glück für sich erträumt – genau wie ich – bin ich denn mehr als er – hat er nicht das gleiche Recht zu leben? – »dass der ausgestreckte Zeigefinger mit der inneren unteren Kante auf den Abzugsbügel zu liegen kommt, um beim späteren Durchkrümmen« – Durchkrümmen – was ist mit dem Leutnant los? Er muss doch – er muss doch – Harald Rüster richtete sich halb auf und starrte mit aufgerissenen Augen nach links. Seine Kameraden lagen dort noch immer wie hingegossen, und keiner wagte auch nur eine Kopfwendung. Die Russen waren höchstens noch fünf, sechs Schritte vom Leutnant entfernt, und Harald hatte das Gefühl, dass sie ihm mit den Stiefelspitzen ins Gesicht treten müssten.
Das gab es doch nicht – das konnte, das durfte es doch nicht geben! Der Leutnant –
Der Leutnant rührte sich nicht. Keiner rührte sich, und die Russen gingen durch die Kette, als wäre sie gar nicht vorhanden. Gingen fünf Schritte am Leutnant vorbei und sahen ihn nicht – und er blieb liegen.
Harald Rüster ließ sich in den Schnee sinken, dass sein Mund die Eiskristalle berührte. Für einen Augenblick vermochte er nicht mehr zu denken. Dann, ganz langsam, formte sich vor ihm das Gesicht des Leutnants, dieses schmale, intelligente Gesicht mit der energischen Kinnpartie und den manchmal hochmütig herabgezogenen Lippen.
»Schwein. Dreckiges, feiges Schwein.« Jedes Wort betonend, sagte er es vor sich hin.
Dann stand er auf und schüttelte sich den Schnee von der Uniform. Die anderen lagen noch immer. Erst als sie ihn erkannten, erhob sich einer nach dem anderen und drängte zum rechten Flügel. Zu ihm, Harald Rüster. Dort ging es zurück, dort war der eigene Graben, dort war Sicherheit, eine relative Sicherheit zwar, aber dort gehörten sie hin. Zuletzt kam auch der Leutnant. Ohne hochmütig herabgezogene Mundwinkel. Sein Gesicht war kreidebleich, selbst jetzt in der Nacht konnte man es erkennen. Der helle Schnee, der Mond, der aus der aufgerissenen Wolkendecke aufleuchtete, erzeugte ein mitleidloses Licht.
Keiner sagte ein Wort. Nur Unteroffizier Krämer murmelte vor sich hin: »Freiwillige vor! So war das doch? Freiwillige, haha!«
Der Leutnant tat, als höre er die Worte nicht. Seine hohe, hagere Gestalt stand zusammengesunken und verkrampft da. Ein paarmal schluckte er und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
»Es war – ich – ich dachte –«
»Pferde«, murmelte Krämer – Harald konnte in diesem Augenblick für ihn ein Gefühl der Bewunderung nicht unterdrücken. Das hatte er dem Unteroffizier Krämer nicht zugetraut – »haben größere Köpfe. Man soll ihnen das Denken überlassen! Stimmt. Stimmt auffallend!«
»Halt die Schnauze, Krämer!«
Alle sahen den Leutnant an. Sieh an, er wurde menschlich. Der Leutnant wurde menschlich!
»Stimmt. Es war Scheiße. Große Scheiße. Und ich entschuldige mich nicht. Gibt keine Entschuldigung. Wenn ihr wollt, könnt ihr mich hinhängen. Aber dann sagt es wenigstens gleich.«
Er blickte von einem zum anderen, und seine Wangenmuskeln zuckten.
Harald konnte es nicht mehr mit ansehen. Es war widerlich, einfach widerlich. »Ich glaube, wir lassen jetzt die Volksreden. Stehen hier mitten auf der freien Fläche herum zwischen den Fronten. Eine Leuchtkugel, und sie knallen uns ab wie im Schießstand. Trotzdem, um hier Klarheit zu schaffen, wir alle haben versagt, keiner ausgenommen. An dir, Leuthner, gingen sie auch vorbei, ebenfalls höchstens zehn oder fünfzehn Schritte. Du tatest auch nichts.«
»Der Herr Leutnant –«
»Wissen wir. Und der Herr Leutnant weiß es auch. Und der Herr Leutnant wird die Sache an anderer Stelle einmal korrigieren, und wir werden es auch tun. Also, was bleibt übrig? Der Spähtrupp konnte seine Aufgabe nicht erfüllen mangels Feindberührung. Ist das klar? Hier waren keine Russen. Nicht einer. Haben wir uns verstanden? Wer ist anderer Meinung?«
Keiner rührte sich.
»Gilt das, was ich sagte?«
Alle murmelten sie ihr Ja.
»Schön, dann können wir.«
Und er wandte sich um und ging, ohne noch einmal zurückzublicken. Die anderen folgten ihm schweigend. Kurz ehe sie den Graben erreichten, schloss der Leutnant zu ihm auf.
»Danke, Rüster«, flüsterte er leise.
Kalt antwortete Harald: »Keine Ursache, Herr Leutnant. Wirklich keine Ursache.«
Frei aufgerichtet gingen sie über den großen Acker vor dem Graben, der sich die Bahnlinie entlang hinzog. Manchmal stolperte einer über eine Furche und fluchte leise.
Da begann dicht vor ihnen ein Maschinengewehr zu hämmern, ein zweites setze ein. Eine Hölle. Geschossgarben zischten an ihnen vorbei, ein Inferno öffnete seinen Schlund –
Harald warf sich auf die Erde und verschränkte die Arme über dem Kopf. Er grub sein Gesicht in den Schnee. Vor ihm flogen Steine in die Luft, links und rechts schlugen die Kugeln ein.
Das ist das Ende, dachte er.
Wie war das vorhin? Jeder hatte doch ein Recht auf ein bisschen Glück – Zukunft – nach dem Krieg – es gab kein »nach dem Krieg« mehr – keine Wissenschaft und keine Bauernkate – kein Bett und kein Weib – nichts, gar nichts mehr. Stahlmantelgeschoss – Gehirnschale dünn – viel zu dünn – millionenfach erprobt und bewiesen – nein, verdammt, nichts – gar nichts ist bewiesen – leben will ich – ihr Schweinekerle – auf die eigenen Leute – aus Angst, aus Feigheit – irgend so ein Narr auf Posten – Himmel, lass das aufhören, lieber Gott –
Plötzlich Helle. Eine strahlende, unfassbare Helle. Sekundenlang schloss Harald geblendet die Augen. Und noch immer das Feuer, mitten in die Helle hinein. Und dazwischen der Leutnant, hoch aufgerichtet, die Leuchtpistole langsam senkend. Und noch immer Feuerstöße.
Dieser Idiot! Warum wirft er sich nicht auf den Boden? Sie müssen ihn ja treffen! Es ist Selbstmord – Selbstmord? So nicht, Leutnant. Es genügt. Wir glauben es, verflucht noch mal, wir glauben es. Dann schrie er auf. Laut, gellend. Die Feuerpause, die Stille dazwischen ließ ihn seinen Ruf noch lauter hören.
»Aufhören! Aufhören! Wiiir siiind eees!«
Stille. Eine beklemmende, unheimliche Stille. Vorsichtig zog er den Kopf aus dem Schnee und erhob sich. Der Leutnant stand noch immer wie angewurzelt. Jetzt tauchten auch die anderen auf.
Harald schüttelte während des Zählens den Kopf. Sieben – acht. Tatsächlich acht. Keinen hatte es getroffen. Ein Wunder. Das zweite in dieser Nacht. Und der Leutnant – Harald ging auf ihn zu.
»In Ordnung.«
Nichts weiter. Dann waren sie im Graben.
Später, als er auf der schmalen Holzpritsche lag und die Tropfen zählte, die von dem durch die Ofenwärme aufgetauten Schnee zwischen den Deckenbalken hindurchsickerten und manchmal seine Stirn und seine Nase trafen, dass er trotz der Müdigkeit lange nicht einschlafen konnte, dachte er: Menschen sind doch komische Lebewesen. Zuerst hatte Ficht Furcht und traute sich nicht einmal hochzuspringen, als alle Chancen auf seiner Seite waren, und dann – vorhin, als die eigenen Leute uns für Russen hielten und aus nächster Nähe wie verrückt auf uns schossen, erhob er sich in aller Ruhe und tat das einzig Mögliche und Richtige, eine Leuchtkugel mit dem Erkennungszeichen abzuschießen mitten im Kugelregen, die Gefahr und den Tod nicht achtend. Und das alles innerhalb einer halben Stunde, und das alles der gleiche Mann. Mit diesem Gedanken schlief er ein.
2
Seit fünf Wochen hielten sie die Stellung am Bahndamm. Es war ein ruhiger Frontabschnitt, im Februar 1944, hier in der Nähe von Witebsk. Seit Harald Rüster zu der Infanterie-Einheit gestoßen war, hatte sich nichts Aufregendes ereignet. Ein paar Feuerüberfälle, zweimal Beschuss durch russische Tiefflieger. Sonst nur das übliche nächtliche MG-Geplänkel, wenn die Posten mehr aus Langeweile in die Nacht schossen. Irgendwo am rechten oder linken Flügel, zwanzig, dreißig Kilometer entfernt, stand vielleicht ein müder Landser hinter seinem MG und drückte auf den Abzugshebel. Ohne besonderen Grund, nur, um die bedrückende Stille im Vorfeld zu unterbrechen. Das machte dann tack – tack – tack, tack, tack.
Der Posten hundert oder zweihundert Meter weiter rechts oder links nahm das Signal auf. Auch er ließ die fünf Schuss im bekannten Rhythmus wie ein Morsesignal in die Nacht knallen, nur so, um anzuzeigen, dass er zur großen Gemeinschaft all dieser MG-Wachen gehörte, die von zwanzig Uhr abends bis zum anderen Morgen um fünf in ihren Ständen dösten, ohne abgelöst zu werden. Denn der Nachschub an frischem Menschenmaterial begann knapper zu werden im fünften Kriegsjahr. Und so setzte sich der Ruf fort, kilometerweit nach beiden Seiten, bis er endlich auf einen Posten traf, der mit halb geschlossenen Augen träge vor sich hindämmerte und zu faul war, die Hände aus der Manteltasche zu nehmen. Oder auf so einen wie Harald Rüster, den die sinnlose Schießerei jede Nacht erneut in Ärger und Wut versetzte, weil, wie er sagte, hier sinnlos Munition verpulvert wurde, die an anderer Stelle einmal vielleicht dringend nötig war, um den Endsieg zu sichern.
Denn dass es irgendwann einen Endsieg geben müsste, einen Sieg des Lichtes über die Finsternis, davon war Harald restlos überzeugt. Es wäre ihm als Sakrileg erschienen, auch nur einmal in sich selbst Zweifel aufkommen zu lassen.
Natürlich war Stalingrad ein schwerer Schlag, und der Rückzug Rommels in Afrika ein verdammtes Pech. Aber so etwas konnte bei einem Weltkrieg einmal vorkommen. Schlachten durfte man verlieren, nur nicht den Krieg. Rückschläge gab es in jedem Krieg. Siehe Friedrich den Großen, siehe Napoleon. Und schließlich hatte ja auch Goebbels gesagt: Wir müssen den Krieg gewinnen, weil wir ihn nicht verlieren dürfen.
Harald Rüster war das Produkt seiner Zeit. Aufgewachsen in einem Elternhaus, dessen deutschnationale Einstellung seit drei Generationen Familientradition war, hatte es für ihn kaum eine andere Möglichkeit gegeben, andere Ansichten als jene seines Vaters, des Oberregierungsrates Dr. Ferdinand Rüster, und dessen Freunde kennenzulernen. Und wenn dieser in langen Gesprächen mit seinen Freunden oder Bekannten auf die »Roten« zeterte, die den Ruin Deutschlands verschuldeten, wäre es vermessen gewesen, an den Worten des hochgeachteten, geschätzten und auch geliebten Familienoberhauptes zu zweifeln.
Jungvolk, Hitlerjugend, Heimabende, Geländespiele, vormilitärische »Ertüchtigung«, Lieder, Heilrufe. Harald Rüster erlebte seine Umwelt mit der ganzen Ausschließlichkeit seiner Jahre. Was der Führer befahl, war gut, alles andere zählte nicht.
Und die Miesmacher, die es hier an der Front gab – Harald war erschüttert, als er diese Feststellung zum ersten Male machen musste – die Miesmacher waren Ausnahmeerscheinungen, auf die man ein wachsames Auge haben oder denen man über den Mund fahren musste, wenn sie gelegentlich zu deutlich wurden. Die Abrechnung mit ihnen kam einmal, nach dem Krieg. Jetzt kam es nur darauf an, sie bei der Stange zu halten, ob sie wollten oder nicht.
Harald saß träge auf der Munitionskiste und fummelte an seiner Maschinenpistole herum. Mit halbem Ohr hörte er hin, als der Obergefreite Stöwer leise sagte:
»Meine Frau hat wieder nicht geschrieben.«
Sie waren allein im Bunker. Vor einer halben Stunde vom Tagposten zurückgekehrt, hatten sie nun vier Stunden Zeit, ihre Waffen in Ordnung zu bringen oder ein wenig zu schlafen.
Der Ton in Stöwers Stimme ließ ihn aufhorchen. Er fühlte die Not hinter den Worten, drehte sich halb um und sagte: »Na und? Wird schon noch. Du weißt doch, wie das heute mit der Post ist. Kommt eben morgen, ihr Brief, oder übermorgen.«
»Ich bin aus Köln. Du weißt doch – die Angriffe –«
Harald schwieg und dachte nach. Die Westmächte. Das konnten sie. Frauen und Kinder töten, alte, ehrwürdige Städte zerstören. Sinnlos auslöschen. Auch in Berlin, auch seine Mutter – aber sie hatte geschrieben. Fast schämte er sich vor Stöwer, als er zur Brusttasche griff und mit den Fingerspitzen leicht über den Briefumschlag strich, der aus der Tasche ein wenig herausragte.
Plötzlich sagte der andere: »An allem ist dieser verfluchte Krieg schuld. Seit Jahren liegen wir in Löchern herum, verlaust, übermüdet, und verkommen langsam, und kein Hahn kräht nach uns. Und unsere Frauen zu Hause« – er presste die Faust gegen das Kinn – »ich darf nicht daran denken.« Dann, nach einer kleinen Pause, fragte er: »Hast du ein Mädchen?«
Harald schüttelte den Kopf.
Stöwer betrachtete ihn aufmerksam, zum ersten Male überhaupt, wie sich Harald plötzlich bewusst wurde.
»Du hast’s gut. Du kennst das alles nur vom Hörensagen, für dich ist das kein Problem. Man kann mit dir auch nicht darüber reden. Du würdest es nicht einmal verstehen. Aber – über was kann man mit dir überhaupt reden? Wann unser heißgeliebter Führer zum ersten Male das Bett näßte, als Kleinkind, das hast du bestimmt gelernt. Ich bin überzeugt, dass du das Datum angeben kannst. Habe ich recht?«
Harald richtete sich halb auf. »Halte dein Schandmaul! Eigentlich müsste ich dir jetzt eine herunterhauen. Verdient hättest du es.«
Er war zu müde, um sich mit dem Obergefreiten auf eine Debatte einzulassen, und er ärgerte sich darüber. Wenn ihm das einer in der Heimat gesagt hätte!
Stöwer lachte leise auf. Dann, wieder ernst werdend: »Kommst du dir eigentlich nicht manchmal ein bisschen komisch vor? Mit all deinen großen Reden vom Endsieg und so? Hast du tatsächlich noch nicht begriffen, dass hier keiner etwas davon hören will, dass sie dich schneiden? Und weißt du noch immer nicht, warum?«
Der Junge setzte sich nun ganz auf, legte die Waffe aus der Hand und sah den anderen voll an. Und im gleichen Augenblick wurde ihm bewusst, dass Stöwer recht hatte. Ja, sie schnitten ihn. Er konnte nicht warm werden in dieser Gruppe von zehn Mann, in die er da vor fünf Wochen, frisch von der Ausbildung in der Heimat kommend, hineingeschneit war. Er war der jüngste von ihnen. Vielleicht liegt es daran, dachte er. Die meisten waren verheiratete Männer in den Dreißigern. Lediglich Unteroffizier Krämer war 27. Und mit dem verband ihn überhaupt nichts. Was also war schuld, dass sie ihn nicht mochten? War er unkameradschaftlich? Er war überzeugt, dass er sich keinen Vorwurf machen musste. Im Gegenteil. Sie alle wussten genau, dass sie auf ihn zählen konnten, dass er keinen im Stich lassen würde, wann und wo und bei welcher Gelegenheit es auch sei. Und sonst – war er zu dumm für sie, dass sie ihn meist von ihren Gesprächen ausschlossen? Bestimmt nicht. Dummköpfe wurden doch nicht Offiziersanwärter. Vielleicht, weil er Offizier werden wollte und die beiden Balken trug? Möglich. Vielleicht sahen sie in ihm den zukünftigen Vorgesetzten, den sie fühlen lassen wollten, dass es bis dahin noch einige Zeit sei. Nein, Stöwer hatte recht, warm war er unter ihnen nicht geworden und würde es auch wahrscheinlich nie werden. Sie erkannten zwar an, dass er nie Furcht zeigte und sich zu jedem Spähtrupp freiwillig meldete und so einem Familienvater die Möglichkeit abnahm, in eine Zwangslage zu kommen. Aber das war auch alles. Oder schon zu viel, und er erschien ihnen als Streber, der nichts anderes im Kopf hatte, als Karriere zu machen. Einmal hatte er gesprächsweise davon angefangen, ihnen diesen etwaigen Trugschluss auszureden, hatte ihnen begreiflich zu machen versucht, warum er das alles tat, dass es doch für Deutschland sei, für den Führer. Bis Krämer seine Ausführungen mit den Worten unterbrochen hatte: »Melde dich doch ins Führerhauptquartier, und putze ihm die Stiefel, deinem Führer. Das wäre doch ein verdammt feiner Posten für dich!« Der Satz war in schallendem Gelächter untergegangen, und sogar der Schütze Fellbrecht, Kaplan in Straubing, derzeit Sani, hatte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken können.
Mochten sie reden, mochten sie ihn angreifen, ihn ließ es kalt. Im Gegenteil, all diese Reden spornten ihn noch mehr an, seine Haltung zu dokumentieren, denn damit erfüllte er einen jener Grundsätze, die man ihm fünf Jahre lang eingebläut hatte: vorleben. Es ihnen zeigen, es besser machen. Und so oft er sich das sagte, begann ein heiliger Eifer ihn zu erfüllen. Dass sie ihn also nicht mochten, er würde es aushalten, auch wenn dieses Alleinsein nicht immer leicht zu ertragen war. Deshalb sehnte er sich auch so nach dem wirklichen Krieg, nach Angriff und Vorstoß. Beim Angriff wären sie gezwungen gewesen, ihn für voll zu nehmen. Manchmal träumte er davon, wie er den Hauptmann oder den Major – obwohl er sich eingestehen musste, dass die Chance, es für diesen zu tun, lächerlich gering war, denn Majore zeigten sich selten im Graben – wie er sie, schwerverwundet, unter Einsatz seines Lebens aus der Feuerzone zog. Im Notfall mochte auch Krämer genügen oder dieser Stöwer. Vielleicht ließen sie ihn dann nicht mehr links liegen, obwohl es auch wieder Stunden gab, in denen er seine Sonderstellung geradezu genoss. Aber er war noch zu jung, um lange Zeit Freude an einer Märtyrerrolle zu finden. Dann kam es ihm in den Sinn, sich versetzen zu lassen, zu einer anderen Einheit. Am besten wäre SS gewesen. Dort war es anders. Dort konnten solche Kerle nicht bestehen. Aber er wusste, dass dies einer Flucht gleichgekommen wäre, einem Davonlaufen. Und ein Harald Rüster hatte gelernt, auf seinem Platz auszuhalten, gleichgültig, wohin man ihn stellte. Also unterblieb die Meldung.
Stöwer unterbrach seine Gedankengänge.
»Du spielst doch so gerne Krieg, Rüster. Heute Nacht, schätze ich, wirst du eine Gelegenheit bekommen.«
»Warum gerade heute nacht? Woher willst du es wissen?«
»Nimm an, ich habe es im Urin. Aber wenn dir das nicht genügt – es kam vom Bataillon. Als ich vorhin beim Kompaniegefechtsstand war, brachte der Melder es mit. Erhöhte Fahrzeugbewegung auf der Gegenseite. Die Russen bringen Panzer in Stellung, falls dir das etwas sagt. Wirst Augen machen, mein Junge, wenn hier der Rabatz beginnt. Alarmstufe eins für heute nacht. Kenne das. Schon ein paarmal erlebt. Kannst deine gesparte Munition anbringen, denke ich. Wenn du noch eine Gelegenheit dazu
