Das Erwachen der Geschichte
Von Alain Badiou und Peter Engelmann (Editor)
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Über dieses E-Book
Alain Badiou
Alain Badiou, geboren 1937 in Rabat, Marokko, lebt als Philosoph, Mathematiker und Romancier in Paris.
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Buchvorschau
Das Erwachen der Geschichte - Alain Badiou
I. Der heutige Kapitalismus
Man wirft mir, auch im „Lager meiner potentiellen politischen Freunde, oft vor, dass ich die Charakteristika des gegenwärtigen Kapitalismus in Betracht nicht ziehe und keine „marxistische Analyse
davon vorschlage. Der Kommunismus sei also für mich eine Idee, die in der Luft hinge, ich sei letztlich ein Idealist ohne jegliche Verankerung in der Wirklichkeit. Außerdem ziehe ich nicht die erstaunlichen Veränderungen des Kapitalismus in Betracht, die angeblich dazu berechtigen, dass man genüsslich von einem „postmodernen Kapitalismus" spricht.
Antonio Negri zum Beispiel hat mich bei einer internationalen Konferenz über die Idee des Kommunismus – ich war und bleibe sehr froh darüber, dass er daran teilgenommen hat – öffentlich als Beispiel jener zitiert, die vorgeben, Kommunisten zu sein, ohne auch nur Marxisten zu sein. Ich habe ihm im Wesentlichen geantwortet, dass das besser sei, als vorzugeben, Marxist zu sein, ohne auch nur Kommunist zu sein. Nach landläufiger Meinung besteht der Marxismus darin, der Wirtschaft und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Widersprüchen eine entscheidende Rolle zuzusprechen. Wer ist also heute nicht „Marxist? Unsere Herren und Meister sind die Ersten, die „Marxisten
sind, die erzittern und sich nächtlich versammeln, sobald die Börse wankt oder das Wirtschaftswachstum sich verringert. Man halte ihnen aber das Wort „Kommunismus" vor die Nase, sie werden in die Luft springen und einen als Verbrecher ansehen.
Ich würde gerne, ohne mich weiter um Gegner und Rivalen zu kümmern, hier sagen, dass auch ich Marxist bin, unschuldig, vollständig und auf so natürliche Weise, dass es nicht nötig ist, es zu wiederholen. Muss ein zeitgenössischer Mathematiker sich darum kümmern, seine Treue zu Euklid oder zu Euler zu beweisen? Der reale Marxismus, der mit dem vernünftigen politischen Kampf in Absicht einer egalitären Gesellschaftsorganisation gleichzusetzen ist, hat wahrscheinlich gegen 1848 mit Marx und Engels begonnen, aber er hat sich mit Lenin, mit Mao und einigen anderen entwickelt. Ich habe diese geschichtlichen und theoretischen Lehren verinnerlicht. Ich glaube, die gelösten Probleme, deren neuerliche Überprüfung zu nichts führt, die in der Schwebe bleibenden Probleme, welche Überlegungen und Erfahrung verlangen, und die falsch behandelten Probleme, welche uns radikale Berichtigungen und schwierige Erfindungen abverlangen, gut zu kennen. Jede lebendige Erkenntnis besteht aus Problemen, die gestellt oder neu gestellt werden oder werden müssen, und nicht aus wiederholten Beschreibungen. Der Marxismus bildet da keine Ausnahme. Er ist weder ein Zweig der Ökonomie (Theorie der Produktionsverhältnisse) noch ein Zweig der Soziologie (objektive Beschreibung der „sozialen Wirklichkeit) noch eine Philosophie (dialektisches Denken der Widersprüche). Er ist, wiederholen wir das, die organisierte Kenntnis von den politischen Mitteln, die notwendig sind, um die existierende Gesellschaft aufzulösen und eine endlich egalitäre und rationale Gestalt der kollektiven Organisation zu entfalten, deren Name „Kommunismus
ist.
Ich würde jedoch gerne hinzufügen, dass ich nicht schlechter als andere informiert bin, was die „objektiven Gegebenheiten des gegenwärtigen Kapitalismus angeht. Globalisierung? Auslagerung von zahlreichen industriellen Produktionsstätten in Länder mit niedrigen Lohnkosten und autoritären politischen Regimes? Übergang – während der 1980er-Jahre – in unseren alten entwickelten Ländern von einer selbstzentrierten Wirtschaft mit kontinuierlicher Erhöhung des Arbeitslohns und von sozialer Umverteilung, die vom Staat und den Gewerkschaften organisiert wurde, zu einer liberalen Wirtschaft, die in den Welthandel integriert, also exportorientiert und spezialisiert ist, die Profite privatisiert, die Risiken sozialisiert und das weltweite Ansteigen der Ungleichheiten auf sich nimmt? Sehr schnelle Konzentration des Kapitals unter der Führung des Finanzkapitalismus? Verwendung neuer Mittel, mittels derer zuerst die Umlaufgeschwindigkeit des Kapitals, dann der Waren beachtlich gesteigert wird (Verallgemeinerung des Lufttransports, universelle Telefonie, Finanzmaschinen, Internet, Programme, die darauf abzielen, den Erfolg von Sofortentscheidungen sicherzustellen und so weiter)? Verkomplizierung der Spekulation dank neuer Derivatprodukte und einer subtilen Mathematik der Risikomischung? Eine spektakuläre Schwächung der Bauern und der ganzen Organisation der ländlichen Gesellschaft in unseren Ländern? Infolgedessen eine absolute Notwendigkeit des städtischen Kleinbürgertums als Stütze des existierenden Gesellschafts- und Politiksystems? Wiederauferstehung in großem Maßstab und zuerst bei den superreichen Großbürgern der Überzeugung, die so alt wie Aristoteles ist, dass die Mittelklasse das Alpha und das Omega des „demokratischen
Lebens ist? Weltweiter, manchmal gedämpfter, manchmal extrem gewalttätiger Kampf um den billigen Zugang zu Rohstoffen und Energiequellen, vor allem in Afrika, diesem Kontinent aller „westlichen" Plünderungen und folglich aller Scheußlichkeiten? Über all das weiß ich Bescheid, so wie in Wirklichkeit jeder.¹
Die Frage ist, ob diese anekdotische Menge einen „postmodernen Kapitalismus konstituiert, einen neuen Kapitalismus, einen der Wunschmaschinen von Deleuze–Guattari würdigen Kapitalismus, einen Kapitalismus, der von selbst eine kollektive Intelligenz neuer Art hervorruft, der die Erhebung einer konstituierenden Macht bewirkt, die bis dahin unterdrückt war, einen Kapitalismus, der die alte Staatsmacht überschreitet, einen Kapitalismus, der die Menge proletarisiert und aus den Kleinbürgern Arbeiter am immateriellen Intellekt macht, kurz, einen Kapitalismus, dessen unmittelbare Rückseite der Kommunismus ist, einen Kapitalismus, dessen Subjekt in gewisser Weise dasselbe wie jenes des latenten Kommunismus ist, der sein paradoxes Dasein unterstützt; einen Kapitalismus, der unmittelbar vor seiner Verwandlung in den Kommunismus steht. Das ist, grob aber getreulich wiedergegeben, die Position von Negri. Noch allgemeiner ist das die Position all jener, die von den technologischen Veränderungen und der kontinuierlichen Ausdehnung des Kapitalismus seit dreißig Jahren fasziniert sind, und die, getäuscht von der herrschenden Ideologie („alles ändert sich ständig und wir laufen hinter dieser denkwürdigen Veränderung her
), glauben, einem wunderbaren Abschnitt der Geschichte beizuwohnen – was auch immer ihr Endurteil über die Beschaffenheit des genannten Abschnitts sei.
Meine Position ist genau die gegenteilige: Der gegenwärtige Kapitalismus hat alle Eigenschaften des klassischen Kapitalismus. Er ist absolut mit dem konform, was man von ihm erwarten konnte, sobald seine Logik nicht mehr von entschlossenen und lokal erfolgreichen Klassenaktionen behindert wird. Wenn wir hinsichtlich der Entwicklung des Kapitals alle Voraussagekategorien von Marx hernehmen, sehen wir, dass ihre Evidenz voll bestätigt wird. Hat Marx nicht vom „Weltmarkt gesprochen? Doch was war dieser Weltmarkt 1860 im Vergleich zu heute, und was man ganz umsonst in „Globalisierung
umbenennen will? Hat Marx nicht die unvermeidlichen Eigenschaften der Kapitalkonzentration gedacht? Was war diese Konzentration, was war die Größe der Finanzunternehmen und -institutionen zur Zeit der Voraussage angesichts der Monster, die jeden Tag neue Fusionen zum Vorschein bringen? Man hat Marx lange entgegengehalten, dass die Landwirtschaft durch Familienunternehmen geführt blieb, obwohl er verkündete, dass die Konzentration sicher auf den Landbesitz übergreifen würde. Heute aber wissen wir, dass der Bruchteil der Bevölkerung, der in den sogenannten entwickelten Ländern (jenen, in denen der Kapitalismus sich hemmungslos eingerichtet hat) von der Landwirtschaft lebt, tatsächlich gewissermaßen bedeutungslos ist. Und wie ist es mit der durchschnittlichen Fläche des Landbesitzes heute im Vergleich zu dem, was sie war, als in Frankreich die Bauernschaft 40% der Gesamtbevölkerung ausmachte? Marx hat die Unvermeidlichkeit der zyklischen Krisen mit Deutlichkeit herausgestellt, die unter anderem die grundlegende Unvernünftigkeit des Kapitalismus und seinen Zwang zu imperialistischen und kriegerischen Unternehmungen bestätigen. Sehr tiefe Krisen haben noch zu seinen Lebzeiten seine Analysen verifiziert und Kolonialkriege und Kriege zwischen den Imperialisten haben den Beweis vervollständigt. Aber all das war nichts verglichen mit den Werten, die in der Krise der 1930er-Jahre in Rauch aufgingen, oder verglichen mit der aktuellen Krise, und angesichts der zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts, der schrecklichen Kolonialkriege und westlichen „Interventionen" heute und in Zukunft. Selbst die Verarmung enormer Bevölkerungsmassen, wenn man die Situation in der gesamten Welt betrachtet und nicht nur die vor seiner Tür, ist von zunehmender
