Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte
Von Gabriele Reuter
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Über dieses E-Book
Gabriele Reuter
Gabriele Reuter (8.2.1859–16.11.1941) war eine deutsche Schriftstellerin. Die zu Lebzeiten viel gelesene Autorin wurde bekannt durch ihren Roman „Aus guter Familie“ (1895), der die „Leidensgeschichte eines Mädchens“ (Untertitel), einer typischen „höheren Tochter“ der Wilhelminischen Ära erzählt. Das Buch verkaufte sich bis 1931 in 28 Auflagen. Weitere Bestseller waren etwa ihr Roman „Ellen von der Weiden“ (1900), die Novellensammlung „Frauenseelen“ (1901) oder der Roman „Der Amerikaner“ (1907).
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Buchvorschau
Was Helmut in Deutschland erlebte - Gabriele Reuter
Gabriele Reuter
Was Helmut in Deutschland erlebte
Eine Jugendgeschichte
Sharp Ink Publishing
2024
Contact: info@sharpinkbooks.com
ISBN 978-80-282-7277-7
Inhaltsverzeichnis
Der Tag der Ankunft
Alles wird anders, als Helmut es sich dachte
Der Vater zieht ins Feld
Kriegswinter
Eine Enttäuschung und neue Aussichten
Helmut und Frau Ledderhose
Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald
Als Spion verhaftet
Der lange Lehmann und Onkel Jakobus
Wiedersehen in gefährlicher Zeit
Ein toller Ritt
Wie Helmut nach Hause kommt
Der Tag der Ankunft
Inhaltsverzeichnis
Majestätisch rauschte der Überseedampfer in den Hafen von Hamburg. Er kam von Brasilien und war während der letzten Tage mit schnellster Fahrt gelaufen. Auf Deck spielte die Musikkapelle. Hunderte von Passagieren drängten sich durcheinander, es gab ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen auf Gängen und Treppen des gewaltigen Gebäudes. Offiziere und Matrosen im Paradeanzug standen bereit, das Vaterland zu grüßen. Heiter glänzte die Sommersonne auf dem spiegelnden Metall des Schiffes, seine Wimpel flatterten, die mächtige schwarz-weiß-rote Fahne bauschte sich und wallte im Seewind.
Rechts und links lagen große und kleine Dampfer. Durch die schmalen Wasserstraßen zwischen ihnen flitzten schlanke Motorboote. Über schmutzige Bretterstege schleppten berußte Männer vom Ufer ungeheure Kohlenlasten und versenkten sie in die schwarzgähnenden Bäuche der Seeriesen. Auf ragenden Kranen schwebten Kisten und Ballen hoch in der Luft und senkten sich mit leichter Drehung auf die Kais nieder, wo zahllose Arbeiter in Lederschurzfellen, Hünen an Kraft der Glieder, Kolli nach Kolli auf Wagen verluden und in die großen Speicher beförderten, welche den Hafen umgaben. Ein Geruch nach Teer, Öl und Salzwasser schwebte über dem eifrigen Arbeitsgetriebe, zwischen dem das Gewimmel der Neugierigen das Anlegen des Überseedampfers erwartete.
Helmut Kärns Augen strahlten vor Freude über das stolze Bild. Er griff nach seines Vaters Hand und schwenkte sie stürmisch.
»Das ist ja Deutschland, Vater!« rief er in lautem Jubel. »Deutschland! Deutschland! Begreifst du's denn, Vater, daß wir wieder da sind! Nach elf Jahren! Wie alt war ich denn? Drei Jahre – drei! Du trugst mich auf dem Arm über den Steg, als wir abfuhren. Weißt du noch? Und Mutter weinte... Vater, was tut der Mann dort drüben? Was schreit er wie wahnsinnig? Was schwenkt er so die weißen Blätter...?«
Wilhelm Kärn zog seine Hand aus der des Sohnes, der Ausdruck seines kräftigen braunen Gesichtes war tiefernst, seine Augen starrten angestrengt hinüber zu dem Zeitungsträger. Mit ihm starrten viele Augen, viele gespannte Gesichter hinter Operngläsern. Jetzt drängten die Menschen wild nach einer Seite, wo ein kleines Motorboot sich dem Kolosse näherte. Mit kühnem Schwung flog ein Paket Blätter hinauf, wurde im Nu von Hunderten ergriffen ––– Der Mann im Boot schrie durch die hohlen Hände etwas Unverständliches. Eine Sekunde lang legte sich eine furchtbare Stille über die wartenden Menschen, über Männer, Frauen, Kinder. Dann brach ein wildes Getöse aus, und gellend scholl das eine Wort »Krieg« von Mund zu Mund.
Man wartete seit Tagen in banger, atemloser Spannung auf dieses Letzte – auf die Entscheidung! Schon hatte man unterwegs durch Funkspruch von dem grausen Mord des Thronfolgerpaares von Österreich gehört – schon berichtete der Lotse in Cuxhaven, daß in Deutschland und bei seinen Bundesgenossen der Kriegszustand erklärt sei, – daß man davon rede, die Russen hätten bereits die ostpreußische Grenze überschritten, während die Verhandlungen zwischen Kaiser und Zaren sich noch in vollem Gange befanden. Heiß wogte der Streit der Meinungen an Bord zwischen den Männern. Schon begannen die verschiedenen Nationalitäten, die noch vor kurzem freundlich miteinander verkehrt hatten, sich abzusondern, verbissen und grußlos blickte man aneinander vorüber. Die Brasilianer schlossen in der Weise der Südländer Wetten für oder gegen den europäischen Krieg, der sie ja nicht viel anging, dem sie zuschauen würden wie einem spannenden Theaterspiel. Aber im Grunde seines Herzens hatte es doch niemand für möglich gehalten, daß das unerhört Entsetzliche wirklich eintreten könne.
Und nun war es doch geschehen. Für viele der deutschen Männer auf dem Schiff, die ihr Vaterland seit Jahren nicht gesehen hatten, die ihm beinahe fremd geworden waren und nur zu einem heiteren Besuch nach der alten Heimat zurückzukehren dachten, bedeutete dieser Augenblick eine ernste Schicksalswende. Von allen Seiten wurde Deutschland umdräut – es schien undenkbar, daß es so viel Feinden widerstehen könne! – In dieser Gefahr wachte eine heiße Empfindung von Liebe plötzlich in manchen Herzen auf. Man fühlte sich mit einemmal wieder »dazugehörig« – man fühlte sich unter den Seinen!
Zwischen den Eltern, geschoben und gedrängt von der erregten Menschenmenge, gelangte Helmut Kärn, er wußte selbst nicht wie, ans Ufer auf den Kai. Die Mutter weinte, Ströme von Tränen liefen ihr über das Gesicht, die sie nicht abzutrocknen vermochte, denn sie trug verschiedenes Gepäck und hielt überdies die kleine Daisy Bauer – Daisy war die Tochter von Kärns bestem Freunde, der eine Engländerin geheiratet hatte – fest an der Hand, damit das Kind ihr in dem Gewühl nicht abhanden komme. Beide Eltern waren gestorben, und das verwaiste Mädchen sollte ihrem englischen Großvater übergeben werden.
Und während die Menge sich dem Lande zuwälzte, dröhnte ihr von drüben her ein machtvoller Gesang entgegen. Er kam aus einer der breiten Straßen, die auf den Hafen mündeten. Eine neue Menschenwelle wogte von dort heran, in ihrer Mitte ein Trupp Soldaten. Brausend klang das Lied »Deutschland, Deutschland über alles« aus Hunderten von Kehlen. Und die Ankommenden standen still, zogen Hüte und Mützen, vergaßen, was sie hergeführt hatte: Geschäfte und Vergnügen. Viele falteten die Hände, es war wie ein erhebender Gottesdienst unter freiem Himmel. Aus Tausenden von Herzen stieg das Gelübde: alles zu opfern, Gut und Leben, für des Vaterlandes Rettung.
Helmut hatte mitgesungen so laut er konnte. Als er mit den Eltern endlich einen Wagen eroberte und ins Hotel fuhr, mußte ihn die Mutter verschiedene Male an der Hand festhalten, sonst wäre er herausgestürzt, so lebhaft sprang er auf seinem Sitz umher, um nur nichts von all den Dingen zu versäumen, die sich rings begaben. Kaum hatte er im Gasthaus der Mutter geholfen das Gepäck abzulegen, als er auch schon seinen Vater bestürmte, mit ihm wieder auf die Straße zu kommen, weiter zu schauen, weiter zu hören.
»Warte, mein Jung, ich folge dir gleich, du kannst mit mir zum brasilianischen Konsulat gehen, damit ich meine Papiere durchsehen lasse. – Bleib draußen auf dem Flur, solange ich mit Mutter rede!«
Nach einigen Minuten trat der Vater aus dem Zimmer, ruhig und gelassen, wie Helmut ihn nicht anders kannte. Die Mutter saß drinnen auf einem Stuhl, das Gesicht in den Händen verborgen. Helmut sprang eilig noch einmal hinein, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti – wir kommen ja bald wieder – fürchte dich doch nicht!«
Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. Helmut hörte seines Vaters Ruf und lief dem Voranschreitenden behende nach.
