Der blaue Hopsmajor: Die schönsten Hundefabeln und Geschichten von der Antike bis heute
Von Alexander Schug (Editor)
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Buchvorschau
Der blaue Hopsmajor - Alexander Schug
Einleitung
Dieses Buch versammelt Fabeln, Geschichten und Erzählungen von der Antike bis heute. Sie alle eint ein Thema: der Hund. Die Texte spiegeln, welche Eigenschaften die Menschen ihnen zuschreiben und was sie von ihnen erwarten. Lustige, traurige und geistreiche Geschichte berichten über das Verhältnis zwischen Mensch und Hund. Kein anderes Tier hat sich in den vergangenen Jahrtausenden so eng an den Menschen gebunden wie der Hund. Er ist zu einem Begleiter durch unser Leben geworden. Nicht immer war das Verhältnis harmonisch und nicht jede Geschichte handelt vom treu ergebenen Hund. Die hier beschriebenen Tiercharakter sind wesentlich differenzierter. Neben affektierten Hündchen, treten nimmersatte Bestien und gewitzte Vierbeiner auf. Der Hund erhält in dieser Zusammenschau von unterschiedlichen Perspektiven ein eigenes „Gesicht" und zeigt seine individuelle Persönlichkeit – wie sie Schriftsteller aus verschiedenen Jahrhunderten beschrieben haben. Welche Vor- und Nachteile der Hund von seiner Domestizierung hat, und warum einige Tiere das mühselige Leben im Wald dem vermeintlich prächtigen Leben im Haus vorziehen - auch davon handeln die Erzählungen.
Aber es ging den Autoren nicht nur darum, den Charakter der Hunde aufzuzeigen, sondern anhand von Fabeln auch dem Menschen sein eigenes Spiegelbild vorzuhalten. In den belehrenden Geschichten Aesops taucht der Hund erstmals mit menschlichen Eigenschaften auf. Dies hat zu allen Zeiten viele Nachahmer gefunden. Die treue Ergebenheit der Hunde ihrem Herrn gegenüber diente zum Beispiel einigen Autoren als Bild für die fatale Abhängigkeit der unteren Schichten von ihren Landesherren. Oder die Gier des Hundes nach Fleisch symbolisierte das übermäßige Verlangen des Menschen nach Reichtum. Und wie steht es um das Verhältnis der Hunde untereinander und zu anderen Tieren? Das bekannte Sprichwort „Wie Hund und Katz" kommt nicht von ungefähr.
Dieses Buch möchte Sie mitnehmen in die Welt der Hunde und seiner Weggefährten. Neben Geschichten bekannter Autoren aus dem europäischen Raum, berichten Märchen und Erzählungen aus fernen Ländern von verschiedenen Hundeerlebnissen.
Klassische Fabeln und Erzählungen
Bestrafte Habgier (Aesop*)
Ein Hund, der ein Stück Fleisch im Maul trug überschritt einen Fluß.
Dabei sah er seinen Schatten im Wasser und meinte, das sei ein anderer
Hund, der ein größeres Stück Fleisch habe. Sofort ließ er das eigene fahren
und fuhr auf das Spiegelbild los, um das Fleisch zu rauben. Aber dabei
kam nur heraus, daß er beides verlor, das fremde Fleisch, weil es überhaupt
nicht da war, und das eigene, weil es vom Wasser weggetrieben war.
Aus: Aesopische Fabeln, zus. gestellt und ins Dt. übertr. von August Hausrath, München 1940, S. 43.
*Aesop lebte um 600 v. Chr. in Griechenland
Eines schickte sich nicht für alle (Aesop)
Ein Herr besaß einen Esel und ein Malteser Schoßhündchen.
Der Esel mußte schwere Lasten schleppen und stand
sonst unbeachtet im Stall, mit dem Hündchen aber pflegte
der Herr zu spielen. Wenn er einmal auswärts speiste, brachte
er dem Hündchen etwas mit, das ihm fröhlich bellend
entgegensprang und ihn umwedelte. Da packte der Esel der Neid,
und auch er lief dem Herrn entgegen, wieherte fürchterlich
und wollte den Herrn mit seinen Hufen liebkosen. Der
aber rief den Dienern und befahl ihnen, den Esel zu verprügeln
und an die Krippe zu binden.
Aus: Aesopische Fabeln, zus. gestellt und ins Dt. übertr. von August Hausrath, München 1940, S. 47.
Pferd, Rind, Hund und Mensch (Aesop)
Als Zeus den Menschen schuf, gab er ihm nur kurze Lebenszeit. Der aber
brauchte seinen Verstand, und als der Winter herannahte, baute er sich ein
stattliches Gehöfte. Wie es nuneinmal sehr kalt wurde und Zeus den Regen vom
Himmel herabgoß, konnte das Pferd es Freien nicht mehr aushalten.
So kam es denn im Galopp zu des Menschen Behausung heran und bat um Aufnahme.
Der sagt: „Ich will dich aufnehmen, aber unter der Bedingung, daß du mir einen Teil deiner
Lebensjahre abtrittst." Das Pferd war es zufrieden und erhielt Stallung und Futter.
Kurz darauf kam das Rind und noch später der Hund, und mit beiden schloß der Mensch
den gleichen Vertrag. So kommt´s, daß der Mensch, solange er in den Jahren steht, die ihm
Zeus verliehen hat, unverdorben und gut ist. In den Jahren aber, die er vom Roß hat, ist er
hochmütig und üppig; in denen, die er vom Rind hat, ist er ein gewaltiger Schaffer und in
denen, die ihm der Hund abtrat, mürrisch und bissig.
Aus: Aesopische Fabeln, zus. gestellt und ins Dt. übertr. von August Hausrath, München
1940, S. 15.
Das Lamm und der Wolf (Aesop)
Zum gleichen Bache kam der Wolf einst und das Lamm, vom Durst getrieben.
Weiter oben stand der Wolf, das Lamm bachabwärts. Von dem nimmersatten
Schlund getrieben sucht der Räuber einen Grund zum Streit.
„Was trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?" beginnt er. Und die Unschuld
in dem Wollenkleid entgegnet zitternd: „Ach, wie soll das möglich sein?
Von dir herab zu meinen Lippen fließt das Naß." Und der bezwungen von der
Wahrheit Allgewalt fährt fort: „Haste vor sechs Monden du mich nicht
geschmäht?„Nein
, spricht das Lamm, „denn damals lebte ich noch nicht."
„Dann war´s dein Vater, der mich schmähte", schreit der Wolf und würgt in
unverdientem Tod sein Opfer ab.
Aus: Aesopische Fabeln, zus. gestellt und ins Dt. übertr. von August Hausrath, München
1940, S. 61.
Der getreue Hund (Phaedrus*)
Wer auf einmal zu gütig ist, ist Dummen nur Willkommen;
die Erfahrne hintergeht er nicht. Ein Dieb warf einem Hund
ein Brodt zur Nachtzeit hin und wollt ihn durch den Fraß zum
Schweigen locken. Heh!, sprach der Hund, willst du dadurch das Maul
mir stopfen, daß ich für die Sache meines Herrn nicht bellen soll, so irrst
du sehr; denn eben die schnelle Gütigkeit befiehlet mir zu wachen, daß du
nicht durch meine Schuld gewinnst.
Aus: Phäders Aesopische Fabeln, teutsch in Reimfreyen Jamben übersetzt von J.G. Gericke,
Breslau 1785, S 23.
*Phaedrus lebte um 20/15 v. Chr. bis um 50/60 n. Chr. in Rom
Der Hund und der Hase (Babrios*)
Ein Hund, der einen Hasen vom Gebirg jagte,
Verfolgt ihn beißend, ob er ihn nicht fest packte;
Doch als der umsah, wedelte er ganz freundschaftlich.
Der Hase sprach: „So sei du Thier doch aufrichtig;
Als Freund sollst du nicht beißen, noch als Thier wedeln."
(So ist der Sinn der Menschen oftmals zweideutig
Daß man ihm nicht recht trauen kann noch mißtrauen.)
Aus: Babrios, Fabeln, übers. von Wilhelm Hertzberg, Halle 1846, S. 41
*Babrios lebte im späten 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. vermutlich im Osten des römischen
Reichs
Texte des Mittelalters
Von zwei Hunden (Spervogel*)
Zwei hunde stritten um ein bein;
der schlecht´re stand da und that schrei´n.
Und half ihm all sein heulen noch?
das bein musst´ er entbehren doch;
dem andern, dem gelang es.
Er trug´s vom tische hin zur thür:
und stand vor dessen augen und verschlang es.
Aus: Lieder und Sprüche der beiden Meister Spervogel, mit Einleitung, Textkritik und
Übersetzung, hg. von Heinrich Gradl, Prag 1869, S. 27.¹
*Spervogel lebte um 1170²
Der Wolf und der Hund (Ulrich Boner*)
Von Freiheit und von Eigenschaft
Es gingen zween Gesellen gut,
Die hatten ungleichen Muth,
Auf der Straße durch einen Wald,
Ihr Kosen³ , das war mannichfalt;
Es war ein Wolf und ein Hund;
Sie kamen auf derselben Stund
Auf eine Wiese; da das geschach,
Viel schier der Wolf zum Hunde sprach:
Sag an, traut Geselle mein,
Was meinet deiner Haute Schein?⁴
Du bist so stolz und bist so glatt,
Du magst wol guter Speise satt
Ohne Sorge werden alle Tage.
Der Hund sprach: hör, was ich dir sage:
Mein lieber Meister speiset mich
Von seinem Tische, durch das ich
Behüt seinen Hof und auch sein Haus.
Wer etwas tragen will daraus,
Das künd´ ich, darum bin ich lieb.
Ich laß den Räuber noch den Dieb
Nichts aus dem Hause tragen,
Hiermit ich meine Speis´ bejagen.
Da sprach der Wolf: das ist viel gut,
So hast du oft ruhigen Muth,
Wenn ich muß in den Sorgen streben,
Wie ich gespeis´ mein armes Leben;
Und wär es an dem Willen dein,
Dein Geselle wollt ich gerne seyn,
Daß ich mein´ Speise möchte han
Ohn Sorge. Der Hund sprach: nun wol dann
Her, Wolf, in meines Meisters Haus
Mit mir, da treibt euch Niemand aus.
Der Wolf ward der Rede froh;
Mit einander giengen sie do.
Der Wolf des Hundes Kehle sach
Zu ihm er da viel balde sprach:
Sag an, traut Geselle mein,
Was meinet, daß die Kehle dein
Ist beschabet und beschorn?
Durch was hast du das Haar verlorn?
Der Hund sprach: das will ich dir sagen.
Des Tags muß ich einen Kolben tragen,
Und muß an einem Seile stahn
Gebunden; nirgend mag ich gahn;
Ich muß stetlich genfangen seyn,
Das leid ich um die Speise mein.
Da diese Rede also geschach,
Der Wolf da zu dem Hunde sprach:
Nein, du traut Geselle mein,
Durch nichts will ich gefangen seyn;
So leid ist mir noch nicht mein Leben,
Daß ich um Speis´ auf wolle geben
Meine Freiheit, das glaube mir;
Deine gute Speise hab du dir,
Und hab auch manchen langen Tag;
So will ich essen, das ich mag
Haben, mit freiem Muthe;
Das kommt mir baß zu Gute.
Ich will den freien Willen mein
Nicht geben um die Speise dein.
So lief der Wolf zu Walde;
Der Hund ist heim viel balde.
Aus: Boner´s Edelstein in Hundert Fabeln, mit Varianten und Worterklärungen, hg. von
Johann Joachim Eschenburg, Berlin 1810, S. 187-180.⁵
*Ulrich Boner ist wahrscheinlich um 1280 geboren
Der Hund mit den Schellen (Ulrich Boner)
Von schalkhafter Freude
Von einem Hund liest man das,
Daß er gar bös und schalkhaft was,
Seine Gebehrde waren nicht gleich
Den Werken, wann er sanftiglich
Gebehrd´te, und war doch Schalkheit voll.
Deß ward gewahr viel Mancher wol;
Den er biß in seine Waden,
Der hatt den Spott und auch den Schaden.
Dieß trieb er lang und manchen Tag,
Daß er kein Unseld⁶ nie verlag.
Heimlich gieng er den Leuten nach,
wenn er biß, so ward ihm gach⁷
Zur Flucht; dieß ward viel oft geseit
Dem Meister sein; es war ihm leid,
Eine Schelle er ihm anhieng
An seinen Hals; wo er da gieng,
Daß man ihn hörte, wo er was,
Und man sich hütete desto baß
Vor seiner großen Schalkheit.
Deß ward der böse Hund gemeit,
Und freute sich sehr, daß sein Leben
Verdient hat, daß man ihm sollt geben
Eine Schelle an seinem Leib.
Die Hochfahrt ihn in großen Keib⁸
Bracht wider sein Geschlechte do.
Der Schellen war der Hund viel froh.
Ein alter Hund gegangen kam,
Dem war wol kund, warum der Mann
Dem Hund die Schellen hat geben,
Daß man dran kennt sein böses Leben.
Zu ihm sprach er: weß freust du dich?
Daß du Thor verschmähest mich,
Und dein Geschlecht, das wird dir leid.
Viel besser ist der, der nicht treit
Eine Schelle, die dir ist gegeben,
Daß man erkenne dein schalkhaft Leben,
Die du durch Ehre meinst zu tragen.
Deine Bosheit sollst du lieber klagen.
Die Schelle die bezeuget wol,
Daß du bist aller Schalkheit voll.
Wer um
