Fünf waghalsige Reisen in Afrika: Tagebücher und Briefe aus den 1970er Jahren
Von Jost Meyen
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Jost Meyen
Jost Meyen wurde 1951 in Oldenburg in Holstein geboren. Er studierte Geographie, Politik und Geschichte in Freiburg und an der FU in Berlin. Aus einem Forschungsaufenthalt in Nigeria resultierte seine Examensarbeit "Die Mobilität der Industriebeschäftigten von Lagos". Da er nach dem Zweiten Staatsexamen keine dauerhafte Anstellung als Lehrer fand, schulte er zum Reiseverkehrskaufmann um und betrieb bis 2012 zusammen mit seiner Frau ein eigenes Reisebüro in Neuenburg am Rhein. Die Leidenschaft für das Reisen führte ihn in viele Regionen der Erde. Seine Afrikaaufenthalte fasste er in dem Buch "Fünf waghalsige Reisen in Afrika - Tagebücher und Briefe aus den 1970er Jahren" zusammen. 2014 veröffentlichte er "Jean Jaurès. Ein Leben für den Frieden", eine kleine Biographie des in Deutschland wenig bekannten französischen Politikers und Philosophen. 2016 kam sein Buch "Auf den Spuren der Dekabristen" heraus. Diese Ikonen der russischen Geschichte sind in Deutschland fast vergessen. 2020 erschien von ihm "Fünf Reisen in Sibirien - Alles begann mit der Prinzessin von Sibirien."
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Buchvorschau
Fünf waghalsige Reisen in Afrika - Jost Meyen
Westliches Marokko
Reise 1: Marokko
Sommerschulferien 1970
„Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt."
Endlich waren die Voraussetzungen gegeben, um ganz selbstbestimmt eine Reise nach Afrika zu unternehmen. Mein Klassenkamerad Richard und ich wollten die Sommerferien der Schule dafür nutzen. Bei unserem nahe der französischen Grenze gelegenen Wohnort Freiburg bot sich am ehesten das südlich der nur 14 km breiten Meerenge von Gibraltar gelegene Königreich Marokko an.
Nach der Entscheidung für ein Reiseziel konnten wir in die konkrete Planung einsteigen. Reisevorbereitungen empfinde ich immer als besonders spannend. Wichtigste Instrumente waren der Diercke Weltatlas und eine 1969 herausgekommene Michelin Karte von Nordwestafrika.
Welches war die beste Route durch Frankreich, Spanien und ganz Marokko bis zur Spanischen Sahara?⁶ Die märchenhaften marokkanischen Königsstädte wollten wir unbedingt besuchen.
Von großem Vorteil war der Besitz eines eigenes Autos. Von meinen Ersparnissen hatte ich mir für 500 Mark (250 Euro) einen schon ziemlich altersschwachen hellgrünen VW Käfer gekauft. So konnten wir ganz unabhängig reisen. Was musste neben einem Zweimannzelt, Luftmatratzen und unseren amerikanischen Militärschlafsäcken noch unbedingt eingepackt werden? Da wir vor hatten, im Anti Atlas zu wandern, brauchten wir einen Rucksack und solide Schuhe. Ein lederner Brustbeutels für den Pass und das Geld sollte uns vor den berüchtigten Taschendieben in den Souks schützen. Marokko hatte nicht den Ruf eines sicheren Landes. Wir wollten im Freien übernachten.
Um uns gegen Überfälle wehren zu können, nahmen wir zur Abschreckung eine Machete mit. Wir fühlten uns stark, denn Richard besaß einen braunen Gurt in Karate, ich zumindest einen Orangegurt in Judo.
Nun fehlten uns aber noch die finanziellen Mittel. In den ersten beiden Ferienwochen wollten wir das nötige Geld verdienen. In Heitersheim fanden wir eine Hilfstätigkeit in einer kleinen Seifenfabrik. Täglich fuhren wir mit dem Auto die 24 km zum „Hirtler". Testfahrten für den alten Käfer. In einem überhitzten Raum mussten wir die noch warmen Seifenflocken in große Säcke schaufeln. Nicht gerade angenehm. Unsere Nasen tropften, aber es war schon einmal eine passende Vorbereitung für das heiße Sommerklima im Süden.
Endlich brachen wir mit dem vollgepackten Käfer zu unserer „Grand Tour" auf. Am ersten Abend fanden wir an der spanischen Ostküste einen idealen Platz zum Wildcampen. Am leeren Strand direkt hinter einer Ruine schlugen wir unser kleines Zelt auf. Dagegen blieb uns im zugebauten Andalusien nichts anderes übrig, als neben einer Brücke zu übernachten. Am dritten Tag hatten wir unsere Ziel, den Hafen von Algeciras erreicht und fotografierten uns stolz vor dem Felsen von Gibraltar.
Schon nach 1 ½ Stunden erreichte die Fähre die spanische Enklave Ceuta. Es war für mich ein erhabenes Gefühl, zum ersten Mal afrikanischen Boden betreten zu haben.
Aber ließen uns nun die marokkanischen Grenzbeamten wirklich einreisen? Junge Langhaarige wie wir wurden oft zurückgewiesen. Auch ein Haarschnitt half nicht immer. Das vor uns liegende Rifgebirge war das weltweit größte Produktionsgebiet für Haschisch. Attraktiv für viele Hippies. Der Besitz von Rauschgift wurde hart bestraft. Junge Rauschgiftschmuggler aus Europa saßen jahrelang im Gefängnis.⁷
Wir rechneten uns eine bessere Chance aus, bei Dunkelheit über die Grenze zu kommen. Also stellten wir uns erst am Abend in die lange Schlange der Fahrzeuge. Die Haare waren unter der Kappe verborgen. Ob aber die schwache Batterie bei der starken Belastung durch die brennenden Lampen den Wagen würde wieder anspringen lassen?
Zu unserer Erleichterung fielen wir nicht auf und konnten nach den umständlichen Kontrollen passieren.
Am nächsten Morgen hatten wir freie Fahrt durch das echte Afrika. Auf dem Weg nach Tetuan und Chefchaouen durchfuhren wir eine abwechslungsreiche, hügelige Landschaft vor dem Hintergrund der Zweitausender des Rifs. Palmen, Korkeichen, Kiefern und Feigenkakteen säumten die Straße. Die prächtigen maurischen weißen Städte wurden schon im 16. Jahrhundert durch Flüchtlinge aus Andalusien während der spanischen Reconquista besiedelt.⁸
Allein schon die in den weißen, braunen oder gestreiften Djellabas (Kaputzenmäntel) gekleideten Einheimischen sorgten für eine exotische Atmosphäre.
Was wusste man 1970 über das noch seltene Reiseziel Marokko? Das französische und spanische Protektorat war seit 1956 unabhängig und wurde von König Hassan II. mit strenger Hand als konstitutionelle Monarchie regiert. In dem wirtschaftlich kaum entwickelten Land existierte Mittelalter neben französisch geprägter Neuzeit. Die Mehrzahl der Einwohner, besonders die Frauen, waren Analphabeten, und die 1963 eingeführte Schulpflicht konnte noch nicht überall durchgesetzt werden. Die meisten Arbeitskräfte waren in der Landwirtschaft beschäftigt und versuchten von den winzigen Flächen zu existieren. Daneben gab es eine kleine Gruppe von wohlhabenden Großgrundbesitzern. Araber und Berber besiedelten das sich vom Mittelmeer bis weit in die südwestliche Sahara erstreckende Land. Es wurde durch die bis 4000 m hohen Gebirgszüge der drei Atlasgebirge gegliedert.
Die Berberfrauen besaßen ein seltenes Recht in einer muslimische Gesellschaft. Sie durften unverschleiert das Haus verlassen. Andererseits konnte der Mann seine Frau verstoßen, wenn sie bei einem direkten Augenkontakt mit einem anderen Mann ertappt wurde. Also verzichteten wir darauf, Einheimische zu fotografieren. Filmen war damals in Marokko gänzlich verboten.
Nach der faszinierenden Besichtigung der Medinas fuhren wir weiter auf den Spuren des in Vegesack bei Bremen 1831 geborenen und später hochgeehrten Entdeckers Gerhard Friedrich Rohlfs. Er hatte die Schule und sein Medizinstudium abgebrochen und kämpfte in Algerien von 1855 bis 1860 als französischer Fremdenlegionär gegen Aufständische. Nun hoffte der ruhelose Abenteurer, in Marokko eine Anstellung zu finden. Obwohl er Arabisch sprach, die örtliche Kleidung trug und zum
Islam übergetreten war, musste er mehrfach als „Ungläubiger" lebensgefährliche Situationen überstehen. Kurz vor Quezzane, unserem nächsten Ziel, wurde er zum ersten Mal ausgeraubt. Der hartnäckige Rohlfs zog weiter in die heilige Stadt und traf dort den gebildeten Großscherif Sidi el Hadsch Abd es Ssalam.
Beide verstanden sich prächtig und der Deutsche erhielt einen Führer mit Maultier und ein Empfehlungsschreiben. Wir folgten ihm weiter nach Fès, der damaligen Hauptstadt. Hier ernannte ihn der Sultan, oh orientalisches Wunder, zum obersten Arzt der marokkanischen Armee. Als der Sultan nach Meknès übersiedelte, durfte Mustafa Nemsi, Tobib ua Dschrahti oder Mustafa der Deutsche, Arzt und Wunderarzt, sogar eine Privatpraxis eröffnen. Als Leibarzt des Sultan hatte er sich auch um die gesunden, aber gelangweilten eingesperrten Haremsdamen zu kümmern. Aber der fernsüchtige Rohlfs wollte nicht auf Dauer ansässig werden. Schließlich erhielt er die Erlaubnis, frei das Land zu erkunden. Bei seinem Freund in Quezzane bereitete er sich gründlich vor und wandelte sich zu einem seriösen Forscher, der präzise Dokumentationen erstellte.
Fès, die älteste der vier Königsstädte, faszinierte uns besonders. Durch ein prächtiges Stadttor gelangten wir in die engen, winkligen, labyrinthartigen Gassen ohne Namen. Esel und Maultiere transportierten die Waren. Gerber verarbeiteten die stinkenden Häute, Wolle wurde in großen Bottichen gefärbt. Schmiede und andere Handwerker stellten ihre Produkte in engen Werkstätten her. In winzigen Verschlägen saßen die Verkäufer zwischen ihren aufgetürmten Gewürzen. Textil- und Teppichhändler wollten uns zum Verkaufsgespräch bei einem Gläschen Tee einladen. In dem Souk gab es auch eine große Auswahl an Gemüse und Früchten.
Im Gegensatz zu uns hatte Gerhard Rohlfs hundert Jahre früher einen genauen Überblick über einen Markt gewinnen können.
Dazu schrieb er in seinem Buch „Reise durch Marokko am Beispiel des großen Handelsplatzes Abuam im südlichen Ma rokko; „Und wie in anderen Marokkanischen Städten bilden diese Buden Strassen und jede Strasse hat ihren eigenen Verkaufszweig. Links beim Eingang hat man die Krämergasse, rechts davon ab mündet die lange Strasse der Tuch-, Seidenwaaren- und Kattunhändler, fast ausschliesslich aus Kaufleuten aus Fes bestehend. An die Strasse der Krämer schliesst sich die der Oel-, Butter- und Seifen-Verkäufer an, dann kommen die Buden der Kifta-Verkäufer, bei uns würde man Restaurants sagen. Weiterhin die Waffenstrasse, Trödlerstrasse, Wollenhändlerstrasse, Schreiner, Schuster, Schneider, jedes Handwerk, jede Waare hat eine Strasse. Dann gibt es ausserdem mehrere große Plätze, wo im Freien verkauft wird: der Gemüse- und Obstplatz, der Dattelplatz, der Salzplatz, der Matten- und Teppichplatz und der Viehplatz.
⁹
Ungewohnt und lästig waren die Stadtführer, die wie Kletten an uns hingen, uns unbedingt in bestimmte Gassen bringen wollten. Wir hatten gelernt, dass man Waren am besten nicht in die Hand nimmt, da sie der Händler dann schon quasi als gekauft ansieht. Ein Fehler wäre es, eigene Preisvorschläge schon am Beginn des Feilschens zu machen. Unbedingt sollte man viel Geduld mitbringen. Richard ging noch einmal alleine in die Medina. Da er den Rückweg nicht fand, musste er einen Führer mit dem Hemd bezahlen, das er am Leibe trug. Währenddessen hatte sich ein aufdringlicher Marokkaner neben mich in den Wagen gesetzt und wollte den Käfer unbedingt kaufen. Es kostete mich viel Überredungskunst, bis er endlich wieder ausstieg. Marokko trainiert die eigene Hartnäckigkeit. Zeit spielt hier keine Rolle.
Auf unserer weiteren Fahrt besuchten wir auch noch die Medinas der prachtvollen Königsstädte Meknès und Rabat mit ihren langen Stadtmauern und herausragenden Moscheen. Es war jetzt schon etwas einfacher, sich im Gewirr der Gassen und im Getümmel zurechtzufinden. In Rabat, der Verwaltungshaupt stadt in der französischen Zeit, befand sich die Residenz von König Hassan II. Am Meer entlang nach Süden ging es in die moderne Millionenmetropole Casablanca. Hohe Betonbauten säumten die breiten Boulevards. Die Stadt zog viele Landflüchtige an, die hier auf ihr schnelles Glück hofften. Sie landeten wohl meistens in den armseligen Bidonvilles (Kanisterstädte).
Normalerweise fanden wir in der ruhigen Natur einen Platz zum Übernachten. An diesem Tag war es aber schon zu spät. Also legten wir uns mitten in der Großstadt mit der griffbereiten Machete neben den gut verschlossenen Wagen. Am Morgen gab es ein unerwartetes Problem. Wir hatten den Autoschlüssel im Wagen vergessen! (Damals konnte man ein Fahrzeug noch ohne Schlüssel abschließen.) Nur eine Notlösung kam in Frage. Wir mussten mit der Machete den Plastikstoff des Autoschiebedachs aufschneiden. Wenigstens war für die nächste Zeit kein Regen vorhergesagt.
Die 240 km lange Strecke bis nach Marrakesch führte durch eher flaches, oft landwirtschaftlich genutztes Gelände. Im Gegensatz zu heute war die rote Königsstadt noch nicht von Touristen überlaufen. Stundenlang konnte man durch den weitläufigen Souk mit den unzähligen Verkaufsständen und Werkstätten bummeln. Manchmal waren die Gassen überdacht. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der unerträgliche Gestank im Färberviertel. Wir gelangten auch einmal in einen der mehrstöckigen Paläste. Durch kunstvoll geschnitzte Holztüren betraten wir den Innenhof, der mit den beliebten Mosaiken und bunten Kacheln prächtig geschmückt war. Erfrischend der Brunnen mit der großen Wasserfläche. Hier hätten wir es auch länger ausgehalten. Höhepunkt war aber sicherlich der abendliche Besuch des Djemaa el-Fna, des Platzes der Hingerichteten.¹⁰ Alle schienen sich hier zu treffen. Die Garküchen boten eine Viel zahl von Speisen an. Von den auffällig gekleideten Wasserverkäufern mit ihren großen Hüten und glänzenden Bechern wollten wir aber vorsichtshalber kein Wasser kaufen. Gaukler zeigten ihre Kunststücke, Musiker, Erzähler und Schlangenbeschwörer lockten die Zuschauer an.
Uns stand nun die Herausforderung bevor, das sich am Horizont erhebende Gebirge des Hohen Atlas' zu überwinden. Es ist die kürzeste Verbindung nach Agadir. Eine einspurige, kurvenreiche, steile und durch Steinschlag gefährdete Schotterstraße führt über den 2092 m hohen Pass Tizi n'Test. Für die Esel war dieser Weg besser geeignet als für einen tiefliegenden VW Käfer. Trotz langsamer, vorsichtiger Fahrweise brach die hintere Stoßstange ab und der Auspuff wurde beschädigt. Aber die Ausblicke von den kahlen Bergen in die Täler waren fantastisch. Die Berberdörfer bestanden aus Lehmbauten mit flachen Dächern. Die Felder auf den Terrassen wurden künstlich bewässert. Im Tal auf der Südseite des Gebirges fuhren wir durch weitläufige Plantagen mit Oliven- und Zitrusbäumen. Agadir war eine neuerbaute Stadt mit vielen Hotels.¹¹ Der Tourismus mit all seinen Nebenerscheinungen spielte eine große Rolle. Wir richteten uns auf dem direkt am Meer liegenden Campingplatz ein, der zum Erholen bestens geeignet war.
Wann und wohin wir Richtung Anti Atlas aufbrachen, kann ich nicht mehr sagen. Eine Wanderkarte gab es damals wohl noch nicht? Auf jeden Fall wanderten wir mit den schweren Rucksäcken, alleine das notwendige Wasser hatte ein hohes Gewicht, keine weite Strecke. Tagsüber war es im August einfach zu heiß.¹²
Aber unser Ziel, durch die richtige Wüste bis an die Grenze an der Spanischen Sahara zu fahren, gaben wir nicht auf. Der Käfer schien uns dafür aber nicht geeignet zu sein. Wir ließen ihn auf dem Campingplatz stehen. Ob wir ab Agadir oder ab Tiznit einen Lift nach Süden mit einem Lastwagen bekamen, kann ich nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall weiß ich noch, wie wir oben auf einem hochbeladenen Lastwagen lagen und uns an den Sicherungsseilen festhielten. Von hier oben hatte man einen optimalen Blick. Fast immer ging es durch steiniges Gelände, unsere Vorstellung von einem Meer der Sanddünen bewahrheitete sich nicht. Als es abends kühler wurde, hatten wir im Gegensatz zu den Einheimischen die Möglichkeit, staubgeschützt in die warmen Schlafsäcke zu kriechen.
Ein ganzer Konvoi von LKWs war im Sichtabstand unterwegs, jeder suchte sich den besten Weg. Als schließlich für die Nacht gestoppt wurde, bereiteten die Fahrer für alle ein Abendessen zu. Wir sammelten trockene Sträucher für das Feuer. Wie üblich wurde der starke Minztee aus der silberglänzenden Kanne aus großer Höhe in die kleinen Gläser gegossen. In eine große Emailleschale kamen Tomaten und Sardinen aus der Dose. Dazu die Fleischbrocken eines frisch geschlachteten Kamels, die zäh und kaum zu schlucken waren. Mit Brot aßen wir alle gemeinsam aus einer Schüssel. Immerhin mal etwas anderes als unser gewöhnliches, unschlagbar preiswertes Essen: Brot und Tomaten.
Jeder suchte sich dann einen möglichst steinfreien Platz zum Schlafen. Unter den Steinen liegen nämlich auch gerne Skorpione. Am nächsten Tag kamen wir an der Oasenstadt Goulimine mit dem bekannten Kamelmarkt vorbei. Wahrscheinlich verließen wir den LKW in Tan Tan. Von dort muss uns jemand zum Tan Tan Plage mitgenommen haben. Nach einer längeren Erkundung entlang der Küste suchten wir uns einen idyllischen Schlafplatz direkt am Wasser. Jeder grub sich ein bequemes Bett in den Sand. Richard hatte am nächsten Morgen unter den Folgen eines Sonnenstichs zu leiden. Er hatte am Vortag keine Kopfbedeckung getragen. Da der Himmel in dieser Region im Sommer oft diesig ist, unterschätzt man die Kraft der Sonnenstrahlung.
Wir entdeckten das weitläufige Zelt einer Nomadenfamilie. Die Zeltplane reicht nicht bis zum Boden. Der Luftzug brachte so etwas Kühlung. Von den freundlichen Leuten wurden wir zum Essen eingeladen. Hier probierten wir zum ersten Mal das Nationalgericht Couscous (Weizengrieß mit Gemüse und Fleisch). Hoffentlich haben wir, gemütlich im Schatten auf einem Teppich sitzend, beim Schöpfen aus der Schüssel nur die erlaubten drei Finger der rechten Hand benutzt und
