Berlin, Drachenfrauen und das Dorf: im Osten was Neues
Von Sonka Hecker
()
Über dieses E-Book
Sonka Hecker
Sonka Hecker wurde in Hannover geboren und studierte Germanistik und Anglistik in Berlin. Sie arbeitete als freie Journalistin beim Rias-Treffpunkt-Kultur Radio und leitete diverse Schreib-, Kunst-, Film-, Theater-, und Hörspielprojekte mit internationalen Künstlern und Berliner Schülern. Ihre Kunst ist in Ausstellungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zu sehen.
Ähnlich wie Berlin, Drachenfrauen und das Dorf
Ähnliche E-Books
Die Bierhexe: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMeine wunderbare Seele mit allem Drum und Dran: Eine schamanistische Erzählung in vier Bildern Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenObscuritas: Wenn das Dunkel kommt..... Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Himmelsläufer: Ein Weg die Erde zu segnen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTiefgang Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEs ist was es ist: Weitere Abenteuer eines Westlichen Mystikers Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNebel über Eden: Heimat Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPentagramm und Stein der Weisen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Morgen des Träumers Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUnverhofft kommt oft Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Spur des unbekannten Bruders Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen(M)Ortsgericht: Es bleibt grenzlich Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEskeli und der Ruf der Runen: Eine Abenteuergeschichte entlang der Runen, den 24 Zauberzeichen der Germanen. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBegegnung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLynn von Tara: Tochter Peruns Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIm Schatten des Schamanen: Ein weiterer Fall für Luca Marcetti Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPaul Barsch erzählt: Über der Scholle Gedichte von Paul Barsch Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIm Nebel auf dem Wasser gehen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie grüne Wiese: Erzählungen über Gott und die Welt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Weisheit der Lakota: Die Seele heilen. Zum Mensch werden. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHüterin im Himmelsee: Die Geheimnisse der Naturreiche Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAntillia: Das Atlantis-Quartett, 4. Band Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNaturgeister - Wahre Begegnungen mit Elfen und Zwergen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Spielmann Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenForschungen einer Katze Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFrostige Gefühle Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenZauberpflanzen - heilig & heilsam: in Sagen, Ritualen & Rezepten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKräutersommer: Zeit für Geschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Träumer: Erzählungen und Kurzgeschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSalome oder Der Sündenfall: Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Fiktion für Sie
Das Schloss Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Über die Berechnung des Rauminhalts I Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas achte Leben (Für Brilka) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStolz und Vorurteil: Der beliebteste Liebesroman der Weltliteratur Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Jugend ohne Gott Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Les Misérables / Die Elenden: Alle 5 Bände (Klassiker der Weltliteratur: Die beliebteste Liebesgeschichte und ein fesselnder politisch-ethischer Roman) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesang der Fledermäuse Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Stille der Frauen: Epische Nacherzählung des Mythos von Booker-Prize-Gewinnerin Pat Barker Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWeiße Nächte: Aus den Memoiren eines Träumers (Ein empfindsamer Roman) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBeautiful You - Besser als Sex! Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAlles ist wahr Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Georgien. Eine literarische Reise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIch nannte ihn Krawatte Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Adolf im Wunderland Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin Zimmer für sich allein Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenJetzt bist Du dran!: Unvergessbare Geschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIch lebe und ihr seid tot: Die Parallelwelten des Philip K. Dick Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Rückkehr der Hexen: Hexen-Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenZauberberge: Ein Jahrhundertroman aus Davos Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Graf von Monte Christo Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Black Vodka Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Prozess (Weltklassiker) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Intimes Geständnis: Erotik-Geschichten ab 18 unzensiert deutsch Hardcore Sex-Geschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie 120 Tage von Sodom - Justine - Juliette - Die Philosophie im Boudoir (4 Meisterwerke der Erotik und BDSM) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMiddle England Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAnna In: Eine Reise zu den Katakomben der Welt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas gute Buch zu jeder Stunde Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Tagesordnung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenShanghai fern von wo: Roman Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5
Rezensionen für Berlin, Drachenfrauen und das Dorf
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Berlin, Drachenfrauen und das Dorf - Sonka Hecker
Wer in der wirklichen Welt arbeiten kann und in
der idealen leben, der hat das Höchste errungen.
Ludwig Börne
„Entweder du siehst es, oder du siehst es nicht"
Daniel Severs, 18 Folgate Street
*
Für meine wunderbare Familie
Amen Om Sai Ram
Inhaltsverzeichnis
Prolog Mecklenburg 2020
Buch I Zeitkapsel Januar 1999
1. Kapitel: Verschlossene Türen
2. Kapitel: Chaos
3. Kapitel: Smello
4. Kapitel: Visionszeit
5. Kapitel: Steter Tropfen höhlt den Stein
Buch II Zeitkapsel Februar 1999
6. Kapitel: Christina
7. Kapitel: Töchter des Falken
8. Kapitel: Die große Kara
9. Kapitel: Waldgeister und andere Wunder
Buch III Zeitkapsel November 1999
10. Kapitel: Es liegt was in der Luft
11. Kapitel: Das Drachentor
12. Kapitel: Edwinia
13. Kapitel: Der dreizehnte Drache
Prolog
Mecklenburg 2020
Der Hund bellte und das Postauto hupte. Das tat die Postbotin immer, wenn Frieda zu ihr an den Gartenzaun kommen sollte, weil sie dem Hund nicht traute. Sie gab Frieda einen zerfledderten dicken braunen Umschlag. Adressat: An die Bewohnerin des Hauses Dorfstraße 7. Während sie ins Haus ging, blickte sie auf den Absender. Hanna. Frieda kannte keine Hanna. Poststempel: Berlin 6.8.2000. War das Paket 20 Jahre unterwegs gewesen? Frieda stutzte. Warum schickte die Unbekannte ihr was? Sie ging in die Küche und öffnete den Umschlag. Eine zerknickte Karte und ein braunes Notizbuch fielen heraus. Sie las die Karte:
Dieses Manuskript sollten Sie keinesfalls jetzt veröffentlichen. Die Zeit ist dafür noch nicht reif.
Hochachtungsvoll Prof. G.
Unsicher wog Frieda das Manuskript in der Hand. Durfte sie es lesen? Frieda war definitiv die Bewohnerin der Dorfstraße 7, aber sie kannte keinen Professor G. und wer war diese Hanna?
Es war ein schlichtes braunes Notizbuch. Als Lesezeichen hing eine Feder aus Metall daran. Frieda schlug die erste Seite auf. Kein Titel. Kein Autor. War es nun ein Notizbuch oder ein Manuskript? Was hatte das mit ihr zu tun? Hatte Hanna sie verwechselt? Oder hatte sie es in die Zukunft geschickt um Frieda zu warnen? War es ein Vermächtnis? Sollte sie es veröffentlichen? Lebte diese Frau noch? Wenn ja, wo? Frieda wusste, dass ihr niemand diese Fragen beantworten würde und schlug die erste Seite auf.
Liebe Bewohnerin meines geliebten Hauses,
schön, dass du dies liest. Wir brechen gemeinsam auf in ein fernes Land. Eine Hälfte ist dir vertraut, weil du dort gelebt hast: Berlin 1999, vielleicht kennst du auch Mecklenburg, weil du jetzt in meinem geliebten Haus lebst, aber dazwischen liegt noch ein anderes Land, das nicht jede von uns bereisen kann oder will. Ich weiß auch nicht genau, wie meine Reise in dieses Land begann. Mit dem ersten Yogabuch? Mit der ersten Yogastunde als Studentin? War da nicht schon immer die Verbundenheit zur Natur gewesen und die Suche nach dem Sinn hinter den Dingen? Mit vierzehn Jahren hatte ich heimlich meinen ersten Bibelkurs gemacht, mit sechzehn einen indischen Philosophiekurs an der Volkshochschule. Heimlich, weil ich Angst hatte, dafür belächelt zu werden. Aber die Ahnung war da, die Ahnung, dass es mehr in dieser Welt gab, als meine Eltern mir erzählt hatten. Sehnsucht nach der anderen Welt entstand. „Das, wonach du dich sehnst, sehnt sich auch nach dir. Es will gefunden werden." So ist es auch mit dieser Geschichte. Sie wollte geschrieben werden.
1999 war ein besonderes Jahr, viele kauften große Vorräte oder bauten unterirdische Bunker, denn niemand wusste, was passieren würde, wenn die Zähler alle auf null stehen würden: die Angst vor dem Jahr 2000. Was würde mit der digitalen Technik passieren? Würden Verkehrsleitung, Ampelschaltprgramme und Kassen in Einkaufszentren noch funktionieren? Aber halt. Nicht zu schnell. Alles begann in der Badewanne mit meiner Erkältung. Lese selbst!
In Liebe
Deine Hanna
Buch I
1.Kapitel: Verschlossene Türen
Zeitkapsel Januar 1999
Zwei säulenförmige Beine in grünem Schaumwasser, die Farbe des Erkältungsbads tat gut. Säulen, ionische, korinthische, mit und ohne Kapitell, mein Gottdieser Körper sah mit seinen vierzig Jahren wirklich nicht mehr so frisch aus wie in der Werbung. Der Dampf stieg mir wohlig ins Gesicht. „Überwärmungsbäder bis zum Bauchnabel wirken entgiftend" stand im Naturheilkundebuch und ich liebte Wärme über alles. Keines meiner Familienmitglieder würde wagen, auch nur den kleinen Finger in mein Badewasser zu stecken.
Früher, zu Studentenzeiten, hatte meine Yogalehrerin mir bei Erkältungen eiskalte Sitzreibebäder verordnet, aber damals, ja damals, da hatte ich noch eher zu viel Feuer, als zu wenig, jagte voller Enthusiasmus durch Berlin und probierte alles aus, was mich lockte.
Ich studierte Deutsch und Englisch an der FU, spielte Theater, war jeden Abend in meiner Szene unterwegs. Die kreativen Schreibworkshops von Heinz Blumensath und Gundel Mattenklott in der alten Villa am Wannsee gingen mir durch den Kopf. Beim ersten verliebte ich mich in die schöne Julia, beim zweiten in Oliver mit seiner Gitarre. Beide waren spurlos aus meinem Leben verschwunden, eingestiegen, wie in einen Zug, wieder ausgestiegen, weg.
Da war die Welt der jungen Schriftsteller, von denen sich nur Gunther Tietz einen Namen gemacht hatte und bald darauf starb. Er war schon damals sehr dünn gewesen, Stipendiat im Literarischen Colloquium am Wannsee, wo er auch seinen Geburtstag gefeiert hatte und ich die einzige Frau war. Wer war sein Auserwählter? Alle waren charmant. Das war schon meine Zeit beim Rias, dem Radiosender, den heute keiner mehr kennt: Radio im Amerikanischen Sektor, jetzt sitzt der Deutschlandfunk im gleichen Gebäude am Volkspark, die Mauer ist vor 10 Jahren gefallen, keine Sektorengrenzen mehr. Der Redakteur, Detlev E. Otto, hatte mich bei einer Gedichtlesung entdeckt. So ganz wie im Märchen fragte er mich nach der Lesung, ob ich Lust hätte, im Kulturbereich vom Rias zu arbeiten. Klar hatte ich das. Drei Jahre arbeitete ich für ihn, berichtete über Ausstellungen, Michael Ende Lesungen und interviewte Jugendliche zu ihren Ansichten, legte auch mal Platten auf als Moderatorin oder übernahm die Produktionsleitung vom „Rias Treffpunkt", der nachmittäglichen Jugendsendung. Dann hatte ich keine Lust mehr auf Öffentlichkeit, zog mich zurück nach innen, begann mit Yoga.
Seit zwölf Jahren war ich nun Yogalehrerin, Yoga im Blut, Yoga im Kopf, Yoga im Herzen. Ich folgte damit der Linie meiner Ahninnen: mit dem Herzen heilen. Darin waren meine Mutter und Großmütter einmalig gewesen.
„Wieso hast du Husten, du machst doch Yoga, hatte mein Brüderchen am Telefon gelästert. Er war Arzt für Inneres, natürlich durften sich die armen geschlauchten Krankenhausärzte krankmelden, aber Yogalehrerinnen? ‚Yogalehrer sind nicht krank‘, war das Gesetz meiner Yogaschule gewesen. Krank sein hieß, dass man seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, nicht genug praktiziert, meditiert oder nicht genau genug hingeschaut hatte. Eindeutig ein Versagen. Man durfte nicht einfach mal krank sein wie „normale
Menschen, Krankheit war eine schnell zu lösende Detektivaufgabe, das WOZU rausfinden. Erkältungsursache waren leider keine Viren, keine Kälte oder Müdigkeit, sondern das geheimnisvolle Vierte für spirituelles Wachstum. Da halfen Erkältungsbäder auch nicht wirklich. Aber zumindest linderten sie die Symptome. Husten als versteckte Aggression. Ich will dir was husten. Nur wem? Was? Ich gab auf, zog mich an und machte mich auf den Weg zu meiner Homöopathin. Vielleicht sah die mehr.
Der Wind wehte eisig über den Marktplatz, nur einige Stände trotzten dem Frost. Das Gemüse aus Werder war zu Hause geblieben, die türkischen Feigen nicht. Ich kaufte ein Fladenbrot und Oliven und bekam wie immer freundlich eine Dattel in die Hand für unterwegs. „Mit drei Datteln kommst du durch die Wüste", sagte meine Freundin Wiwi oft und brachte zum Yoga donnerstags Datteln und Feigen mit. Ich freute mich auf meine Ärztin, eilte durch das hässliche moderne Treppenhaus mit dem Blick auf die Tiefgaragen und sah ihren langen grauen Tai-Chi-Zopf gerade noch hinter ihrer Sprechstundentür verschwinden.
Hippokrates, Vater der Medizin, sah Krankheit und Gesundheit als natürliche, wechselnde Zyklen der Anpassung, die der Arzt erleichtern sollte. Er warnte vor Abkürzungen auf dem Weg der Transformation. Ich nahm auch nie Antibiotika, sondern blieb bei pflanzlichen Mitteln, egal ob Kügelchen, Kapseln oder Tees, dazu Ruhe und Entschleunigung.
Patienten kamen mit Blumensträußen und Kaffee, um dem Praxisteam ein frohes neues Jahr zu wünschen. Eine Ärztin, die Blumen bekommt, bestätigt die gute Arztwahl. Frau Doktor riet mir zu Hustentropfen und gab mir zwei kleine Tütchen mit Kügelchen. Wie ein Luchs hatte ich ihre abfüllenden Finger verfolgt und ihr so das Geheimnis ihrer Diagnose entrissen: Ipacechuana, die brasilianische Brechwurzel, und Drosera, der Sonnentau.
Beide Mittel kannte ich aus dem Schatzkästchen meiner Freundin, die vor zehn Jahren versucht hatte, mein Schwangerschaftserbrechen zu stillen. Es war ihr nicht gelungen, hatte wohl andere Gründe, die Generationen zurück lagen. Viele Heilende hatten sich damals an mir probiert: Meine alte Yogalehrerin, junge Makrobioten, mein anthroposophischer Frauenarzt, Kinesiologen und Homöopathen. Doch all die furchtlosen Ritter und Amazonen waren dem Drachen der Übelkeit erlegen. Bei all meinen vier Kindern hatte ich fünf Monate gespuckt, dadurch zehn Kilo abgenommen und war in den letzten vier Monaten erblüht, um dann zur Geburt im Vollbesitz meiner Kräfte zu sein. Vier Kinder, 36 Monate schwanger, davon 20 gekotzt. Das waren fast zwei Jahre. Im Kotzen war ich Profi. Erst später lernte ich die Schamanin kennen. Vielleicht hätte sie mit den Ahninnen sprechen können, die transgenerationale Übertragungen lösen.
Die homöopathischen Mittel öffneten nur Türen. Durchgehen muss die Patientin selber. Ich hatte die Türen nicht gefunden. Ich hatte versagt, nicht die Homöopathen. Was hatte ich mir versagt? Eine schöne Schwangerschaft nach der anderen? Die letzte war jetzt fünf Jahre her und es sollte auch die letzte bleiben. Als ich damals von Doris Lessing „Das fünfte Kind" gelesen hatte, schwor ich mir, nie mehr als vier Kinder zu haben.
Was war nun das Problem mit dem Husten? Warum bekam die innere Heilerin ihn nicht in den Griff? Was war die Lektion? Wo war die verdammte Tür? Konnte mich bitte mal jemand erleuchten? Ich tappte im Dunklen.
Meine Bärin aus Pfeifenstein, die mir meine Schamanin aus Amerika mitgebracht hatte, um mich an Rückzug in die Bärenhöhle zu erinnern, Zeit für mich, war auf dem Nachttisch eingestaubt, kraftlos, beleidigt…aber jetzt auch noch putzen?
Ich sah wieder meine grünen Säulen, das grüne Wasser wurde langsam kühler. Oh warmes Mittelmeer! Der Freund meiner Freundin Ann war in Griechenland im Meer ertrunken, zwischen Felsen, die sich wie ein riesiges Tor zum Himmel öffneten. Wahrscheinlich wurde im dort oben noch ein guter Sänger gebraucht und das war er, mit ganzem Herzen. Aber dieser Verlust auf der Erde! Wie konnte der Himmel uns das antun? Ein Loch tat sich auf, in dem meine Freundin fast verschwand! Himmel oben, Erde unten, dieses veraltete Bild machte noch den Oben- Unten-Unterschied. Dabei weiß man im Raumzeitalter, dass die Erde Teil des Himmels ist und der Himmel Teil der Erde, alles ist Sternenstaub, alles ist eins. Wie kommt es, dass wir dem Himmel nicht erlauben wollen, hier und jetzt zu sein? Immer soll er weit weg oder jenseits des eigentlichen Lebens bleiben. Einstein hatte sich solche Mühe mit der Relativitätstheorie gegeben, aber nein, die Menschen wollten unbedingt ein Gestern und ein Morgen und auf keinen Fall die Schöpfung als Eins, sondern alles schön getrennt und man selbst ist natürlich in der Gruppe, die auf dem höchsten Level ist.
Weiße Säulen, grünes Meer… meine Großmutter hatte immer gesagt „Lass mal Kind, Stöcker Beine brauchst du nicht. Diese tragen dich ganz gut durchs Leben. Die Männer wollen sehen, wo vorn und hinten ist."
Meine kleine Erdelement-Oma, sie war kurz nach der Geburt von Robin gestorben. Er war noch so winzig und der Januar so kalt, dass ich nicht mit dem Zug zur Beerdigung fuhr. Mein ‚Ritter‘ (Ehemann klingt blöd!) musste mich bei der ‚Chefin‘, wie sie noch als Achtzigjährige von ihren ehemaligen Angestellten genannt wurde, vertreten.
Was wusste er von ihrem herzlichen Lachen, von den Ferien, in denen sie nach Berlin fuhr und als Chefin die Socken stopfte, Puppensachen entwarf und uns porträtierte? Zu Weihnachten kam immer das Paket mit Baumkuchenspitzen, im Juli wurde ihr Geburtstag im Biedermeierzimmer gefeiert, das Buffet stand im „Salon ihrer Dreizimmerwohnung. Nach dem Essen durfte ihr alter Chauffeur seine Zigarre rauchen und ihr Komplimente machen. Er kam immer mit roten Rosen und ohne seine Frau, die aber herzlich grüßen ließ. Warum hatte die Großmutter eigentlich einen Chauffeur gebraucht, wo sie doch nicht nur reiten konnte, sondern selbst fabelhaft Auto fuhr? Wahrscheinlich hatte sie ihn von ihrem verstorbenen Mann ‚geerbt‘, der sie mit 37 Jahren zur Witwe gemacht hatte und zur Leiterin der Klinik, die sein Sohn eines Tages übernehmen sollte. Sie hatte nie wieder geheiratet. „Man hat nur eine große Liebe im Leben
, hatte sie immer gesagt. Das war mein Großvater gewesen. Als Kurschatten hatte es angefangen, als sie ihre große Schwester und die Kinder zur Kur begleitete. Aber er war kein Stalker. Er erzählte ihr vom Leben nach dem Tod und von geistigen Kräften. Sie sog sein Wissen ein wie ein Magnet, verlängerte ihren Aufenthalt, traf ihn abends am See und verliebte sich. So heiratete die Möbelfabrikantentochter einen armen Zahnarzt, der leider doch nicht die Praxis seines Onkels geerbt hatte. Sie studierte sogar für ihn tagsüber Humanmedizin, während er arbeitete, damit er sich danach als Allgemeinarzt niederlassen konnte. Abends paukten sie gemeinsam das Neuerlente. Ein tolles Paar.
Ob meine kranke Mutter sich manchmal noch nach ihnen sehnt? Ihr Vater konnte jeden energetisch heilen. Aber er hatte seine Kräfte zu schnell verbraucht. Manchmal sprach ich mit meinem Luftelement-Großvater und bat ihn um Hilfe für meine Mutter. So waren meine Großeltern, Eltern meiner Mutter, Erde und Luft an meiner Seite. Die Eltern meines Vaters vertraten Feuer und Wasserelement in meinem Leben und in den Ahnensteinen auf meinem Nachttisch. Doch nicht nur dieses Quartett unterstütze mich. Dort lag auch ein alter Knopf, der für meine Lieblingstante stand, Hüterin meiner Kindheit.
Erinnerungen an Krankheiten, diese bekannten, doch fremden Orte, Landschaften, Räume. Wildnis, Geheimnis, immer da, immer lauernd, unwirklich, unter der Realität, unsichtbar. Geheimnis des Körpers, plötzlicher Überfall oder auch allmähliche Ohnmacht. Körper außer Kontrolle. Er gehorcht nicht, tut nicht, was er soll. Keine zwei Krankheiten sind gleich, weil die Menschen und Situationen nicht gleich sind. Manche freuen sich über die Pause, andere versetzt die Krankheit in Panik, der Nächste wird zum Detektiv, der ihr auf der Spur ist, sie fassen will. Der Staatsanwalt klagt sie an, der Rechtsanwalt verteidigt sie. Der Psychologe verfolgt sie zum Ursprung, der Pfarrer betet, der Ingenieur möchte wissen, wie sie funktioniert. Und ich? Ich will wachsen.
In der Nacht hatte ich fiebrig, nassgeschwitzt und durstig im Bett gelegen und gedacht, wie schön es jetzt wäre, eine Mutter zu haben, die Wadenwickel macht und Tee mit Zwieback bringt. Als Kind war Kranksein das Paradies gewesen. Meine Geschwister und ich wurden von unserer Mutter verwöhnt mit Cola, Salzstangen und Micky Maus Heften, bedient voller Hingabe und Aufmerksamkeit. Es war Theresa von Avila, die gesagt hatte: „Tue die Dinge, die du tust mit voller Hingabe, dann erlebst du Gott". Hatte meine Mutter ihn gesehen? Sie hatte nie davon gesprochen. Den frühen Tod ihres Vaters hat sie ihm nie verziehen. Sie war erst 18 Jahre alt gewesen, als er an einer mysteriösen Krankheit in der Schweiz starb.
Gestern Abend hatte die alte Patin aus Ostfriesland sich nach meinem Wohlbefinden erkundigt und tatsächlich „arme Kleine" gesagt, als sie meinen Husten hörte. Wurde man klein, wenn man krank war? Ist Rückzug kindlich? Eigentlich ist man doch nur äußerlich hilflos, damit man Zeit hat, Hilfe aus der spirituellen Welt zu rufen, die Kräfte der Kräuter, Mineralien, Pflanzen, Tiere und unsichtbaren Helfer.
Ich lag zwischen den Accessoires von Krankheit: Taschentücher, Teebecher, Wassergläser, Fieberthermometer, Vitamintabletten. Ein Stillleben, tiefe Stille, der Blick aus dem Fenster auf den Hof und die Brandmauer des Nachbarhauses. Der Efeu wurde mal wieder abgerissen.
Grippe. Ich erkannte sie wieder, diese bekannte Schwere und Staubkörnchen die im Zimmer tanzen, innerer Nebel, Kindheitserinnerungen. Im Herzen merkwürdige Sehnsüchte nach Kluntje, dem Kandiszucker der ostfriesischen Großmutter, Element Wasser in der Ahnenreihe. Krankheit als Regression, bekocht werden, bedient, nichts tun müssen wie ein Kind. Ausbruch aus dem gesunden Leben, in dem man Bewegung, Schlaf und Nahrung kontrolliert, um optimal zu funktionieren. Gesundheitsrituale der Jogger, ihr Voodoo gegen Stress. Doch die Krankheit lauert im Hinterhalt, verfolgt ihr Opfer, manchmal spüren wir sie, wie sie sich nähert. Dann hilft noch eine Messerspitze Hildegart von Bingen Zimt-Muskat-Ingwerpulver oder eben auch nicht. Ein langer Arm des Oktopusses packt zu, zieht mich die Tiefe der Unterwelt. Schlafmedizin, gefällt wie ein alter Baum, nichts mehr wollen, Stille, Ruhe, vegetativ, eintauchen und loslassen, Patient sein, Patience, Geduld. Es ging auch ohne mich. Die Erde dreht sich weiter. Die anderen waren im Aktivmodus, nur ich glitt ins Passiv. Das schwarze Loch erfasste mich, ich verschwand im Nirwana. Es blieb einzig die leere Teetasse. Wie traurig würde meine Familie sein, wenn ich nicht mehr da war, nur meine Spuren blieben: meine Bücher, Tagebücher, Bilder, Fotos. Wer würde meine Kleider tragen, wer mit meinen Stiften schreiben? Wer würde meine Kinder lieben, so wie nur ich es kann? Wer würde sie trösten, in den Arm nehmen, Geschichten erzählen und Schlaflieder singen? Wie traurig wäre die Welt ohne mich! Ich musste es wohl doch schaffen zu bleiben, den Faden der Aktivität wieder aufnehmen, mich selbst aus dem Loch ziehen. Wie ging das noch: gesund und vital sein? Ich hatte es vergessen, suchte alte Gefühle, Aktivitäten. Alles begann mit Aufstehen und Tee machen. Aber selbst das war anstrengend.
Die anderen abstoßen, aussperren, All-ein-zeit nehmen, nutzlos sein. Die Welt da draußen nervt. All das Beeilen, Termine, To-do-lists, Action Points. Lasst mich damit in Ruhe, interessiert mich nicht. Hier geht es nur um mich. Wie fühle ich mich? Was brauche ich? Was tut mir gut? Wohin geht die Reise? Ein Stückchen weiter zum einzigartigen Selbst? Das Bett als mein Universum, vielleicht noch das Schlafzimmer, aber dann ist Schluss. Muss es erweitern bis zum Bad, zum Klo, aber nicht zur Dusche. Zweite Erweiterung zur Küche, zum Kühlschrank und Wasserkocher, aber nicht bis zum Herd. Zeit, diese hinterlistige Schlange, mal lang, mal kurz. Lange warte ich, bis einer kommt und mir Tee bringt. Die Kinder sind kaum los zur Schule und schon wieder da. Was ist los, Mami? Nichts ist los. Nichts los mit mir. Oder ist doch etwas lose? Etwas, das festgebunden oder aber abgeschüttelt werden muss? Was gehört zu mir? Was soll ich loslassen? Was festhalten? Integrität. Was wehtut, muss weg. Welche Anteile sind eventuell schon in der Kindheit verschwunden, weil sie den Eltern nicht passten? Wo haben sie sich versteckt, all die Jahre? Wie kann ich sie wiederfinden und erlösen? Kommt zurück, ihr zauberhaften, ungewollten Fähigkeiten. Jetzt dürft ihr sein. Ich kämpfe für euch, schmelze mit dem Fieber einen freien Platz, schmücke ihn mit Blumen für die kleinen Mädchen, die nicht sein durften. Ich möchte euch kennenlernen. Wer wart ihr? Wer wäre ich, wenn ich nicht erzogen worden wäre? Ich wäre ich nur für mich und aus dieser Fülle dann auch mal für andere.
*
Ich legte mich ins Bett, aber der Husten ließ mich gleich wieder aufstehen. Was sollte der Quatsch? Durfte ich mich nicht mal hinlegen?
Ich schnappte mir den Gartenkatalog, um ein wenig vom Frühling zu träumen. Der Mecklenburger Garten hatte Sandboden, sodass die Kartoffeln nicht nur wie Pralinen schmeckten, sondern auch kaum größer waren. Johannisbeeren gediehen aber prächtig und Bohnen und Erbsen auch. Ich war wieder einmal unendlich dankbar, dass es uns gelungen war, diesen Garten in Mecklenburg zu haben, sodass wir am Wochenende in der Wildnis leben konnten. Den gleichen Gedanken hatten einige befreundete Familien in Friedenau gehabt. Nicht umsonst war Friedenau um 1890 eine Berliner Landgemeinde gewesen. Auch heute zog es diejenigen an, die Grün und Frieden in der Stadt suchten. Konnte man Sommerblumen aussäen, wenn man nur am Wochenende gießen kann? Ich tat es immer wieder. Pessimisten hatten als Gärtner sowieso keine Chance. Die säen nicht, weil alles entweder im Regen ertrinkt, vertrocknet, von Unkraut überwuchert oder von Raupen gefressen wird. Ich war müde, ging zurück ins Bett. Meine Gedanken kreisten.
Krankheit als Gegenmittel gegen Omnipotenz, Größenwahn, Egomanie. Demut lernen, Rückverbindung mit der Natur und dem Göttlichen, die eigene Größe und Macht wieder in Relation zum Ganzen sehen. So toll fand ich mich gar nicht. Warum brauchte ich Demut? War es die Missachtung der Naturgesetze? Ich hatte mehr Energie ausgegeben als eingenommen. Das durfte nicht einmal eine Yogalehrerin auf die Dauer. Naturgesetze lassen sich nicht biegen. Sie sind unerschütterlich.
Ich suchte nach Streichhölzern für das Salzkristalllicht. Ein paar gesundheitsspendende Negativ Ionen konnten nicht schaden. In der Streichholzschachtel fand ich aber nur Kindermilchzähne, die die Zahnfee mitgenommen hatte, um stattdessen eine Überraschung unter das Kopfkissen zu stecken. Also kein Salzlicht. Kügelchen im Mund zergehen lassen, Licht aus. Basta.
Mein Mann hätte jetzt sicher lachend über so viel Widerstand Streichhölzer geholt, doch er arbeitete seit einem Jahr in München und kam nur am Wochenende nach Hause. ‚Der Ritter‘ fehlte mir und den Kindern auch. Jeden Freitagabend warteten sie, bis er kam und den Koffer beiseitestellte. Dann wurde er erstürmt.
Unruhig schlief ich ein.
Ipecachuana, der Aztekenprinz, erschien um mit mir in einer Bar am Prenzlauer Berg Tango zu tanzen. Er war leidenschaftlich wie Don Juan de la Marco. Die Musik war fiebrig, langsam heißer werdend bis zur Unerträglichkeit, Höllenhitze. Wir drehten unsere Körper und verschmolzen zu einem Feuerball. Doch dann betrat Drosera die Tanzfläche. Sie war jung und schön wie ein Sonnentautropfen und brachte die Kühle des Morgens mit sich. Wie eine sanfte Brise durchschritt sie den Raum. Alle drehten sich nach ihr um und auch Ipecachuana hatte nur noch Augen für sie. Sie schmolz in seinem Feuer und wurde zum Taifun. Ihnen gehörte die Tanzfläche, keiner konnte es mit ihnen aufnehmen.
Tanzt, tanzt, tanzt mich gesund, ihr beiden, öffnet die unsichtbaren Türen, damit ich sie endlich durchschreiten kann. Mein Großvater erschien, legte seine Hand auf meine Stirn und schaute mir in die Augen. Ipecachuana, mein Prinz, wo bist du? Wo ist deine Tür? Er ist fort, fort mit Moorprinzessin Sonnentau. Doch der Ahnungslose weiß nicht, dass sie eine fleischfressende Pflanze ist, er kennt sich nicht aus so weit im Norden. Trinke nicht von ihrem Saft, mein schöner Tangotänzer!
Die Krankheit als Feuerkessel, kochen, schmelzen, die Grenzen spüren. Alchemie. Transformation. Niemand kommt unverändert zurück. Ein Tor, geöffnet für einen Moment. Gehe ich hindurch? Was liegt dahinter? Wird die Erkenntnis mir helfen oder mich zerstören? Angst um mein kleines Ego. Ich will es nicht auflösen, bin kein Buddhist.
Der Körper bewegt mich, will von einer Schlafstellung in die nächste. Ich folge seiner Schmerzsprache, suche die heilende Position. Er lenkt meine Atmung, das Blut, die Abwehr in unterschiedlichste Bereiche. Führe mich zu den Akupunkturpunkten der Erinnerungen. Welche werden aktiviert? Erfolgt die eigentliche Arbeit im Schlaf? Schlaf heilt. Wie Luftblasen steigen die Erinnerungen an die Oberfläche, fliegen dann befreit davon. Schlafen die Alten deshalb auch tagsüber? Verdauen sie alle Erinnerungen, die tief im Körper vergraben sind? Arbeiten sie sich unbewusst durch alles durch und bleibt deshalb so wenig Raum im Kurzzeitgedächtnis? Wenn wir alle Informationen unseres Lebens durcharbeiten müssen, dann ziehen wir uns immer früher in die Demenz zurück, um den vollen Speicher zu bearbeiten.
Das Stigma der psychischen Krankheit. Es ist in Ordnung nach einem Unfall im Rollstuhl zu sitzen, bloß nicht mit Neurose. Am besten eine Krankheit, die zeigt, dass man hart gearbeitet hat, abgearbeitete Knochen, besser als Burnout. Wenn keine Diagnose passt, dann war es die Psyche. Welche Rolle spielt sie als letzte Erklärung? Amor und Psyche - der göttliche Geliebte und die sterbliche Königstochter, die durch einen Becher Ambrosia zur Unsterblichen wird. Ewiges Leben der Seele durch Liebe.
Hinter jedem Symptom wartet eine Geschichte, die erzählt werden will. Sie ruht in einem heiligen Raum wie ein Bild im Museum. Der Homöopath sucht dieses Bild, um die Geschichte ins Fließen zu bringen, sie zu erlösen. Manche sagen, jeder Mensch hat nur eine Krankheit, seine Krankheit und die äußert sich so lange in immer neuen Symptomen, bis die Geschichte erlöst ist. Sie ist der Schatten, der zu uns gehört und den wir nicht sehen wollen. Er macht sich bemerkbar, will wahrgenommen, sogar akzeptiert oder geliebt werden. Deshalb hilft immer das gleiche Mittel, egal ob bei Ohrenschmerzen, Albträumen oder Bauchweh. Das hört die Pharmaindustrie natürlich nicht gerne. Sie möchte vor allem mehr verkaufen, interessiert sich nicht für die Gesunden. Im mechanischen Weltbild sind der Körper und der Mensch nicht mehr heilig. Auch die Erde und der Rest der Schöpfung nicht. Deshalb gilt Umweltverschmutzung als ein Abfallprodukt von Weiterentwicklung, das man nicht ändern kann oder will. Eine plastiklose Welt ist zu aufwendig. Vertrauen sie so sehr der Heilkraft der Erde oder der Wandlungsfähigkeit des menschlichen Organismus? Werden wir eines Tages problemlos Plastik verdauen?
Der Wecker klingelte, 6. Januar, Morgengrauen, die letzte der zwölf Raunächte. Die Zeit der wilden Jagd Wotans am Winterhimmel war vorüber bis zur Sommersonnenwende. Welche Geister hatten mich beschützt? Ich war noch nicht bereit für die wilde Jagd, lernte derzeit erst mich auch im Galopp auf dem Pferd zu halten. Was hatte Eileen mich in Schottland gelehrt? Kehre deiner Angst nie den Rücken zu, sonst wird sie dich überraschen. Schau ihr direkt in die Augen und besiege sie. Diese verdammte Angst, vom Pferd zu fallen. Angst ist gut, denn sie bewahrt vor gefährlichen Situationen, aktiviert alle Sinne, aber es gibt Ängste, die muss man überwinden um in den nächsten Level zu kommen. Und genau in dem Loch zwischen zwei Leveln saß ich fest. Trainieren, Fähigkeiten verbessern, Mut haben, springen. Aber das Ziel musste man doch wenigstens sehen.
Wieder das Problem mit der Tür. „Der Schlüssel zum Glück steckt innen." Heißt das, ich kann nicht rein, weil der Schlüssel steckt? Oder muss ich innen sein, weil der Schlüssel steckt? Oder macht mir jemand von innen auf und ich brauche nur zu warten? 1999 - noch ein Jahr bis zur Jahrtausendwende. Viele versprachen sich davon eine große Veränderung. Manche unkten, alle Computer würden abstürzen, weil sie mit dem Nullen nicht klarkämen. Es gebe dann weder Strom noch Essen, man solle sich bevorraten. Apokalypsen Denken gab es vor jeder Jahrhundertwende, aber Jahrtausendwende, das war schon etwas Besonderes.
Zurück ins Jetzt: aufstehen, Kinder wecken, Schulbrote schmieren für den ersten Schultag, Brotwünsche nicht verwechseln. Julius wollte Knäckebrot mit Tartex, Lotte Zwieback mit Butter, Robin Graubrot mit ‚Schlangenwurst‘, nur Linnéa bekam ihr Frühstück im Kindergarten. Mein Fieber war über Nacht verschwunden. Ich schickte die Großen zur Schule und brachte Linnéa zum Kindergarten. Dann fuhr ich zum Yoga. Die Weihnachtsferien waren vorbei und ich wurde erwartet. Eine Yogalehrerin hat nicht immer Kraft, aber immer dann, wenn sie sie braucht.
Die Sonne schien. Der Raureif hatte am Morgen die Natur weiß verzaubert. Die Vögel zwitscherten wie im Frühling. Es fiel mir leicht in eine klare, warme reinigende Meditation einzutauchen. Es war meine traditionelle Neujahrsmeditation: Das alte Jahr noch einmal beobachtend vorüberziehen lassen, ablegen, die Lektionen erkennen. Welche neuen Menschen sind in mein Leben getreten? Wie haben Beziehungen sich verwandelt? Dann schauen. was ansteht für das neue Jahr und vor allem: sich etwas wünschen, denn wer nichts bestellt, kriegt das, was übrigbleibt. Was soll passieren? Was möchte ich lernen? Was möchte ich verändern? Wie ein Laserstrahl Licht in die Zukunft schicken, damit sich die Fäden des Schicksals darin verfangen und die Energie in meine Wünsche fließt. Was
