Ergreife den Augenblick: Inspirationen für ein bewusstes Leben
Von Bruno Martin
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Über dieses E-Book
Das Leben ist wie ein Fluss, es ist Bewegung und Veränderung.
Sich des eigenen Lebensflusses bewusst zu sein, die unterschiedlichen und oft herausfordernden wechselnden Strömungen, Blockaden und Ausuferungen zu erkennen und zu meistern, erfordert tägliche Aufmerksamkeit.
Veränderte Blickweisen können helfen, die eigene Lebenswirklichkeit immer wieder neu zu erschaffen, um in Harmonie mit den Veränderungen zu fließen. Aufmerksamkeit auf den Augenblick ist der Schlüssel zum Öffnen der Vielfalt eigener Lebensräume.
Dieses Buch gibt Inspirationen, um die inneren und äußeren Wirklichkeiten im Fokus eines Übungsprogramms zu betrachten, bewusst zu erfahren und gegebenenfalls zu verändern. Schritt für Schritt können so die unterschiedlichen Facetten des Seins und Bewusstseins erfahren werden, um die eigenen Lebenswirklichkeiten neu zu erschaffen.
Bruno Martin
Bruno Martin, born in 1946, was a student of the British mathematician and philosopher John G. Bennett, who opened up the worlds of consciousness of G. I. Gurdjieff and P. D. Ouspensky to him. Outer and inner spiritual paths brought Bruno Martin into richly experiential encounters with Advaita Vedanta and other Indian teachings, with various forms of Buddhism and Sufism and broadened his spectrum for his own teaching. Bruno Martin has been using various methods in his seminars for over 50 years to encourage people to "wake up to reality". His experiences and research into Eastern wisdom teachings and Western ways of expanding consciousness have led him to constantly question familiar ways of thinking. In his numerous books, he conveys new approaches for the practice of a conscious and creative life. www.gurdjieff-work.de - www.brunomartin.de
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Buchvorschau
Ergreife den Augenblick - Bruno Martin
Doch der den Augenblick ergreift,
das ist der rechte Mensch.
Johann Wolfgang von Goethe in: Faust I, Studierzimmer
...denn das ist eben die Eigenschaft
der wahren Aufmerksamkeit,
dass sie im Augenblick
das Nichts zu Allem macht.
Johann Wolfgang von Goethe in: Wanderjahre I,2
Inhalt
Vorwort
Die Welt muss in jedem Augenblick neu erschaffen werden
Einführung in das Übungsprogramm, Arbeit mit Themen
Zur Methode
1 - Leben im gegenwärtigen Augenblick
Das Wunder der Achtsamkeit
Aufmerksame Wahrnehmung
Mit Aufmerksamkeit Zufälle überlisten
Bin »Ich« wirklich
Wenn plötzlich alles anders ist
Von der heilsamen Kraft des Vergessens
2 - Die Sinne überschreiten
Durch die Sinne zum Sinn
Die Welt mit anderen Augen sehen
Erschütterung der Luft
Luft zum Atmen
3 - Lücken für das Unsichtbare schaffen
Magisch denken lernen
Ein Muster im Kopf halten
Sich mit dem Möglichkeitsfeld verbinden
Dem Denken auf der Spur
Neue Ideen entstehen lassen
Wirklichkeit wirklich werden lassen
Die Richtigkeit einer Handlung
4 - Offene Weite, nichts von heilig
Was das Leben von mir erwartet
Sich selbst finden
Unwirklichkeit entsteht im Kopf
Mache deine eigene Gehirnwäsche
Leiden ist unnötig
Hilfe annehmen lernen
Achtsame Einfühlung wecken
Wie Gefühle sich anfühlen
Liebe ist mehr als alles andere
5 - Intelligente Herausforderungen
Wenn Irrtümer Wege zur Wahrheit werden
Bedeutungsloses wird bedeutungsvoll
Erfahrungen mit Tiefe füllen
Wenn Spinnen trainiert werden
Handeln ohne zu handeln
Der richtige Zeitpunkt
Die Welt verstehen
Die richtige Ordnung finden
6 - Wenn Unmögliches möglich wird
Feinere Energien
Ich bin die Wirklichkeit
Geist ist gegenwärtig
Bibliografie
Vorwort
Vor einiger Zeit erwähnte mein Freund Peter, dass er immer noch gerne in meinem 2004 veröffentlichten Buch Zen der plötzlichen Erleuchtung liest und immer wieder die eine oder andere Anregung für sein Leben nutzt. Da ich mich gerade mit dem Gedanken beschäftigte, ein neues Buch zu schreiben, schaute ich nochmals in dieses »alte« Buch hinein. Dann sah ich: Damals habe ich viele interessante Dinge geschrieben, die es wirklich wert sind, sie nach fünfzehn Jahren wieder in die Welt zu bringen.
Dieses Buch hat mich seit seiner Veröffentlichung zu vielen neuen Ideen und Büchern angeregt.¹ Sie waren in mancher Hinsicht »theoretischer« und »philosophischer«. Nachdem ich jetzt dieses Buch neu lese und bearbeite, kommt mir der Gedanke, dass es im Verhältnis zu den späteren Büchern recht »einfach« geschrieben ist, doch dadurch auch verständlicher. Und wenn es mich zu vielen weiteren Inspirationen und Gedanken angeregt hat, dann ist es eigentlich auf seine Weise tiefsinniger als es scheint.
Seit fünfzig Jahren gehe ich den Weg der »Harmonischen Entfaltung« und lehre viele Menschen, wie sie diesen Weg auch gehen können. Die Philosophie und Theorie ist ein Sache. Sie ist wichtig für das Verständnis, warum es sich lohnt »an sich selbst zu arbeiten«, das innere Sein zu entfalten. Bei meinen Seminaren hingegen ist es mein Anliegen vor allem die praktischen Aspekte herauszuarbeiten und damit das theoretische Wissen zu einer lebendigen Erfahrung werden zu lassen. Denn »grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum« wie Herr Goethe sagt. Und er sagt auch: »Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.«
Wichtig sind die Erfahrungen, die eine Spur in unserem Sein hinterlassen. Das war und ist das Konzept dieses Buches. Ich hoffe, dass es dich liebe Leserin, lieber Leser dazu »verführt«, über die Theorie hinaus eigene Erfahrungen zu sammeln , die belebend und bleibend sind. Die Zusammenhänge erscheinen dann durch »das, was durchscheint«. Und vor allem soll das Buch zu eigenen, neuen Erkenntnissen inspirieren!
Auch wenn die Themen des früheren Buches relativ zeitlos sind, ist mir klar geworden, dass ich es so nicht einfach unverändert auflegen kann. Leben ist immer wieder neu und anders, wir nehmen es nur selten wahr. Daher beherzige ich auch meine These von damals, die Welt immer neu zu sehen. So bin ich mit einem frischen Blickwinkel an den früheren Text herangegangen, habe die Reihenfolge geändert, einige Kapitel des früheren Buches herausgenommen oder neu bearbeitet, neue Kapitel hinzugefügt und vieles komplett verändert oder aus späteren Büchern in dieses Buch übernommen und dem Konzept angepasst. Etwas neu zu sehen bedeutet auch, es neu zu erschaffen.
Der Zen-Philosoph Alan Watts schrieb im Vorwort zu einem Buch Offene Weite: »Einige Kritiker werden mich der Wiederholung zeihen, aber ich als Lehrer habe oft feststellen müssen, dass die meisten nichts verstehen, wenn man nicht seine Gedanken wiederholt ‒ sie in andere Worte kleidet oder neue Bezüge herstellt, wie ein Musiker sein Thema variiert. Dabei meine ich mit Verstehen nicht einfach das verbale Begriffsvermögen ‒ ich meine das Gefühl, das durch 'Mark und Bein' geht.«²
Ich hoffe, dass dieser Impuls mir auch mit diesem neuen Buch gelungen ist!
Bruno Martin
»Der Versuch, durch Vertreiben des Dunkels
zum Licht zu gelangen,
ist dualistischem Denken entsprungen
und wird den Yogi
nie zum Verständnis des GEISTES führen.«
»Selbst-Natur ist Selbst-Erkenntnis;
sie ist kein bloßes Sein, sondern Erkennen.
Wir können sagen, dass sie ist,
indem sie sich erkennt;
Erkennen ist Sein, und Sein ist erkennen...
Die Natur spiegelt sich in sich selber,
was unaussprechliche
Selbst-Erleuchtung bedeutet.«
³
¹ Siehe die Bibliografie am Ende des Buches.
² Alan Watts: Offene Weite, nichts von heilig, 1982, S. 7
³ Beide Zitate: D. T. Suzuki, Zen - Lehre vom Nichtbewussten, München 1957
Die Welt muss in jedem Augenblick
neu erschaffen werden
Einführung in das Übungsprogramm
»Die Welt muss jeden Augenblick neu erschaffen werden. Deshalb ist jeder Augenblick eine Gelegenheit, die Welt anders zu gestalten. So wirkt die schöpferische Intelligenz.«
Anthony Blake⁴
Bist du⁵ bereit? Bereitschaft ist lebendige Weisheit. Sie setzt voraus, sich auf etwas Neues einzulassen. Wer meint, alles zu wissen oder sich selbst schon ausreichend zu kennen, den Sinn oder auch »Unsinn« des Lebens bereits gefunden zu haben, kann nichts Neues mehr erfahren. Eine Zen-Geschichte illustriert diesen Gedanken:
Ein berühmter Professor sucht einen Zen-Meister auf und bittet ihn um Unterrichtung. Doch er wartet nicht, bis der Meister etwas sagen kann, sondern der Gelehrte erläutert dem Meister minutenlang ohne Unterbrechung sein Wissen über Zen. Als der Tee hereingebracht wird, schenkt der Gastgeber Tee in die Tasse des Gastes ein, hört aber nicht damit auf, obwohl sie überläuft. Der Gelehrte beobachtet das und schreit auf, um den Roshi aufzuwecken, weil er meint, dieser merke es nicht. Der Roshi erwidert dann lapidar: »Dein Geist ist genauso übervoll wie diese Tasse. Du kannst nichts Neues aufnehmen, sonst würde dein Geist genauso überlaufen...« So etwas erlebe ich leider häufig...
Manchmal greift das Leben selbst ein, um uns aufzuwecken. Das müssen nicht immer dramatische Momente oder sogar Unglücke sein. Auch schöne, aufregende Erfahrungen, wie die Geburt eines Kindes, eine Verliebtheit, eine Begegnung mit einem faszinierenden Menschen kann das Leben völlig auf den Kopf stellen. Plötzlich ist ein neuer Faktor ins Leben getreten, der uns vor völlig unbekannte Probleme oder Herausforderungen stellt. Das Leben ist im Fluss, die Dinge verändern sich andauernd. Die Welt holt dich ein, bevor du es bemerkt hast. Damit deine Aufmerksamkeit wach ist, bevor das Leben dich aufrüttelt, kann dir dieses Buch eine Übungsmethode zeigen, um in der Geistesgegenwart zu leben unter dem Motto: Erkenne und ergreife die Chance des Augenblicks. Damit bist du in der Lage, die sich ständig verändernden Anforderungen des Lebens zu meistern.
Dieses Trainingsprogramm kann zu einem einzigartigen Selbst-Experiment werden, indem du dich darauf einlässt. Es zeigt dir eine Richtung mit drei ineinander verschränkten Dimensionen: Geist - Erfahrung - Wirken:
1. Du bekommst Anregungen, bekannte Dinge und Ideen auf neue Weise zu betrachten.
2. Du kannst ein Übungsprogramm erproben, mit dem du Schritt für Schritt die unterschiedlichen Facetten deines Seins und Bewusstseins ergründest.
3. Du erschaffst dir nach und nach neue Räume und Lebenswirklichkeiten.
Es ist mehr als Lebenshilfe oder »Ratgeber«. Du folgst mit den Anregungen in diesem Buch keinen Lebensweisheiten, die vielleicht überhaupt nicht zu dir passen und die sich ein Autor, eine Autorin ausgedacht haben. Es geht vielmehr darum, dir einen inneren Weg zu zeigen, dein eigenes Leben mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zu erforschen und auf vielfältige Weise alle deine Potenziale selbst zu erkennen.
Arbeit mit einem Thema
Das grundlegende Übungsschema des Buches besteht in einem wöchentlichen Thema, das ausführlich erläutert wird. Mit eigenen Beobachtungen und Anstrengungen können diese Anregungen überprüft und durch die eigenen Erfahrungen erweitert oder besser erkannt werden. Alle Übungen sind so konzipiert, dass sie Teil deines persönlichen Tages- und Wochenablaufs sein können – und fördern so das Erwachen aus dem »alltäglichen Schlaf«.⁶ Die vorgeschlagenen Übungen sind Anregungen, die ihre Wirkung dann entfalten, wenn sie praktiziert werden. Sie stehen für eine aufmerksame Zugewandtheit dem Leben gegenüber und sind Beispiele, keine umfassenden, alle Aspekte des Themas spiegelnde Philosophie. Ich möchte dir Raum für deine eigenen Vorstellungen und Ideen geben. Ziel des Programms ist es, ein harmonisches Wachstum auf allen Ebenen der Körper-Seele-Geist-Einheit zu erreichen. Das bedeutet nicht, dass es ein vorgegebenes »Leistungsziel« gibt. Es geht vielmehr um intelligentes Vorgehen, damit du lernst, in jedem Augenblick die geeignete Aktion zu wählen, um mehr über sich selbst zu erfahren. Das Herausragende an dieser Methode ist, dass sie im Kontext unseres täglichen Lebens steht. »Das Leben ist der beste Lehrmeister«, sagte mir John G. Bennett einmal.
Mit diesem Trainingsprogramm lade ich dich ein, einige Schritte auf einem spirituellen Weg voranzugehen, und du wirst überrascht sein, wenn viele Übungsthemen »weltlich« zu sein scheinen.
Warum »spiritueller Weg«? Ein spiritueller Weg unterscheidet sich in vieler Hinsicht von einem religiösen Weg. Bei einem spirituellem Weg geht es um direkte Erfahrung, nicht um Glauben. Was beide im Kern gemeinsam haben, ist ein Streben nach menschlicher Vollkommenheit oder der Vollendung einer Aufgabe, die der Mensch und die Menschheit als Ganzes auf dieser Erde möglicherweise haben. Eine Religion setzt jedoch den Glauben an eine Allmacht voraus, welche die menschlichen Geschicke bestimmt, während ein spiritueller Weg die eigene Erfahrung und die daraus gewonnene Erkenntnis fördert. Deshalb setzt dieses Übungsprogramm keinerlei Art von Glauben voraus oder gibt irgendeine Ideologie behaftete Richtung vor. Die einzige Richtung ist deine Entscheidung und der Wunsch, mehr und mehr ins Leben und ins Bewusstsein »aufzuwachen«. Der vorgeschlagene Weg steht in der Tradition der »Schulen des Augenblicks« und ist für Menschen in einer »aufgeklärten« westlich-demokratisch geprägten Gesellschaft konzipiert. Es ist ein lebendiger Weg »zu sich selbst«, der nie aufhört.
⁴ In: Anthony Blake, Intelligenz Jetzt, Neuauflage 2020, BoD
⁵ Wie in meinen anderen Büchern spreche ich dich, liebe Leserin, lieber Leser per »Du« an, weil ich keinen künstlichen Abstand herstellen möchte. Im Grunde gehen wir den Weg gemeinsam und auf Augenhöhe. Ich als Autor und Lebenslehrer bin kein Besserwisser, ich habe aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung vielleicht nur mehr Einsichten gewonnen, die ich dir zur eigenen Erkenntnis weitergebe.
⁶ So bezeichnet G. I. Gurdjieff den gewöhnlichen Wachbewusstseinszustand der Menschen, die mehr oder weniger automatisch und ohne Achtsamkeit ihr Leben leben. Siehe P. D. Ouspensky: Auf der Suche nach dem Wunderbaren.
Zur Methode
Du begegnest hier Themen. die mehr als eine Idee sind, über die man nachdenkt. Es bietet jeweils einen der vielen Aspekte praktischer Weisheit, die in der eigenen Beobachtung erfahren werden. Die Richtung eines Fokus auf ein vorgeschlagenes Thema bietet die Möglichkeit, achtsam eine Woche lang sich nur auf diesen Aspekt auszurichten, so dass du nicht gleichzeitig viele andere Dinge beachtest - die du selbstverständlich auch nicht vernachlässigen solltest...
Diese eigene direkte Erfahrung kann deinem Leben eine zusätzliche Qualität geben. Beobachtung bedeutet in diesem Zusammenhang bewusste Wahrnehmung - dazu mehr in weiteren Kapiteln. Lasse dabei die Idee zu, dass es weder einen Beobachter noch etwas Beobachtetes gibt. Unser normales Denken ist zu dualistisch ausgebildet, um etwas ausdrücken und zu verstehen, das jenseits dieser Dualität vorhanden
