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Meine erste Geschichte
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eBook277 Seiten3 Stunden

Meine erste Geschichte

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Über dieses E-Book

Wie das Cover des Buches zeigt, geht es hier um Geschichten, mit denen wir uns während der Schulzeit auseinandersetzten, bzw. unsere ersten Gehversuche im kreativen Schreiben widerspiegeln. Was hat uns veranlasst, zur Feder zu greifen? Was inspirierte uns, eine erste Geschichte aufzuschreiben? In diesem Buch wurden vor allem die ersten Geschichten veröffentlicht, die ein/e Autor/in zu Papier gebracht hat; aber auch Geschichten über das Schreiben selbst. Insgesamt sind es 22 Geschichten von 19 Autor/innen geworden, die der Herausgeber Marlon Baker in diesem 210 Seiten starken Buch zusammengetragen hat. Und nicht nur er veröffentlicht hier seine ersten Gehversuche, die er als Autor vor über 20 Jahren unternommen hat. Es gibt in diesem Buch Autor/innen, die zum ersten Mal eine Geschichte veröffentlichen, aber auch solche, die schon einige Veröffentlichungen vorzuweisen haben. Informieren Sie sich über die teilnehmenden Autor/innen: Norbert Pilz, Sofie Capasso, Carola Schulze, Britta Wisniewski, Lotte Maria Kaml, Jochen Hoff, Michael Nero, Britta Knuth, Tamara Holder, Kerstin Jordan, Wolfgang Tanke, Kai Rasmus Nissen, Rosa Ananitschev, Maria Schmittner, Kai Seuthe, Mairon Nröd und Sylvia Klinzmann
SpracheDeutsch
Herausgebermysteria Verlag
Erscheinungsdatum11. Dez. 2013
ISBN9783955776510
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    Buchvorschau

    Meine erste Geschichte - Marlon Baker

    Semmelblond

    Semmelblond

    Norbert Pilz

    Es ist Sonntag, der kleine quirlige Junge mit den semmelblonden Haaren hat seine beste Hose und sein schönstes kurzärmliges Hemd, wunderschön grün, orange kariert, angezogen, um in den letzten warmen Sonnenstrahlen des Spätsommers 1958 einen guten Eindruck vor Gott und der Welt, aber wohl hauptsächlich vor seiner Mutter, zu machen.

    Sieh her, schien er sagen zu wollen, bin ich nicht ein toller kleiner Kerl, den man lieb haben muss!? Aber, wie so oft, oder wie fast immer, ist die Mutti, wie er sie immer nennt, wieder einmal nicht da, um ihn bewundern zu können.

    Also macht sich der kleine Mann ganz allein auf den Weg in den Spätsommer, um wenigstens von Freunden und Nachbarn gesehen zu werden. Spielen kann er heute nicht, nicht in diesen Sachen. Viel zu schade seien sie dazu, erklärte er es den fragenden Blicken von Harald und Lothar, die schon auf ihn warteten, um im endlos hohen, voller Geheimnisse steckenden, Hinterhof des Nachbarhauses gemeinsam auf Entdeckertour zu gehen. Unverständlich schauten sie dem kleinen semmelblonden Mann hinterher, als wollten sie fragen, warum er dann wohl dieses hässliche, aber scheinbar sehr kostbare Hemd angezogen hat, wenn es zu schade zum Spielen ist. Ehe sie aber die Frage aussprechen können, ist er schon verschwunden, in der schon tief stehenden Sonne nicht mehr zu sehen.

    Zugegeben, einen kurzen Augenblick, einen Wimpernschlag lang, war er da, der Wunsch, sich mit Harald und Lothar ins Abenteuer zu stürzen und bewaffnet mit Taschenlampe und Holzschwert durch endlose Treppenaufgänge und unheimliche, verlassene Wohnungen zu räubern, um wertvolle Schätze zu finden oder geheime Türen zu öffnen.

    Aber nicht heute – heute nicht. Heute geht er einfach nur spazieren in der großen, lauten, wunderschönen Stadt.

    Spazieren, wie es viele Leute an diesem Tag tun – es ist schließlich Sonntag. Mit stolz erhobenem Haupt trippelt der kleine Mann zwischen den bunten und scheinbar rastlosen Menschenmengen durch die grauen, immer noch nach Woche riechenden Straßenschluchten. Nach Sonntag, wie bei Oma auf dem Dorf, riecht es hier nie. Ja, bei Oma riecht es am Sonntag nach Sonntag, aber hier eben nicht – schade. Und in diesem Gedanken versunken, passiert es.

    Ein unachtsamer Schritt, eine übersehene, spärliche Absperrung, ein Loch – ein riesiges, glitschiges, mit Schmutz und Schlamm gefülltes Loch.

    Was, um Gottes Willen, hat das hier zu suchen? Aber viel schlimmer, wieso sitze ich mitten drin – ich kleiner, semmelblonder Mann mit meiner besten Hose und dem schönsten Sonntagshemd?

    Wie üblich hat es mich wieder einmal erwischt, so wie es mich immer erwischt – und besonders dann, wenn ich es überhaupt nicht gebrauchen kann. Es ist Sonntag, ich habe meine besten Anziehsachen an und … und Mutti weiß nichts davon. Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, Mutti könnte mich so sehen. So, wie ich da saß, bis zum Hals im Schlamm. Und unter dem Schlamm, die neue Sonntagshose und das beste kurzärmliche Hemd.

    Schon nur die Vorstellung allein, sie könnte es erfahren, ließ höllische Schmerzen in meinen Po fahren. Ich wusste genau wie das endet – erst eine halbe, naja aber mindestens eine viertel Stunde Geschrei, wie: „Hast du nichts anderes gefunden? Ausgerechnet die neuen Sachen. Du bist zu blöd zum Laufen. Man kann dich einfach nicht allein lassen. Du machst nur Ärger. Ich werd's dir zeigen!» – und wenn dieser Satz kommt und er kommt immer, dann heißt es Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass sie diesmal nur den Kleiderbügel nimmt. Und dann kommt nur noch Eins – Schmerz.

    Mutti nannte es „Fühlen». Wie immer das gemeint war, aber jedes Mal beendete sie diese Tätigkeit, die für sie offensichtlich sehr anstrengend war, denn sie war danach immer knallrot im Gesicht, mit der Bemerkung: „Wer nicht hören will, muss fühlen!» Dabei hör ich doch und das ziemlich gut. Soll einer verstehen … diese Erwachsenen.

    Also, mein Plan war – Mutti musste ja nichts erfahren, oder besser, sie durfte nichts erfahren. Plan hin Plan her, aber wie, angesichts der schwer in Richtung schwarz verfärbten Sonntagssachen. Zwangsläufig musste noch ein zweiter Plan her. Einer, wie der andere verwirklicht werden konnte. Als ich krampfhaft überlegte, wie die beiden, bislang noch gestaltlosen Pläne aussehen könnten, rief mir eine Stimme zu: „Junge, komm doch raus da, du bist doch völlig durchweicht.»

    Erst jetzt erinnerte ich mich wieder daran, dass ich ja noch immer in dieser scheußlichen Schlammgrube saß, die offenbar zur Reparatur eines Wasserrohrbruches diente.

    Die Stimme bekam jetzt auch ein Gesicht, das einer kleinen, sehr netten Frau, die schon etwas älter war, was bei einem fast 6-jährigen so zwischen 35 und 40 einzuordnen wäre. Im Moment war es mir auch ziemlich egal, wie alt sie war, denn ihre Stimme klang so liebevoll wie die eines Engels, jedenfalls stellte ich mir so die Stimme eines Engels vor. Sie reichte mir ihre Hand und sagte: „Na Männeken, da hat Muttern aber jleich wat zu waschen, wa?» und lächelte, wobei mir bei diesem Satz sofort meine zu erwartende Strafe aber, und das war wesentlich besser, auch Plan B einfiel. Waschen – das ist es! Waschen, kann doch nicht so schwer sein?

    Meine Gedanken wurden von einem „Biste in Ordnung, Junge und wo wohnste denn?» unterbrochen.

    Ich antwortete artig: „Ja und um die Ecke.»

    Wobei ich schon bei dem Wort „Ecke» einen süßlich, blumigen Duft in der Nase und ein liebevoll umhäkeltes Taschentuch im Gesicht hatte. Die nette Frau mit der Engelsstimme versuchte mir mit diesem Tuch und natürlich mit einer gehörigen Portion Spucke, den Schlamm aus dem Gesicht zu putzen – sie können es einfach nicht lassen, die älteren Tanten.

    Oma macht das auch immer. Bah, es ist einfach widerlich. Allerdings ließ ich es diesmal ohne Gegenwehr über mich ergehen. Ich dachte, wer so eine liebevolle Stimme hat, mich aus der Grube befreit und auch noch die Idee für Plan B geliefert hat, darf auch mal mit Spucke mein Gesicht putzen – bah!

    Endlich war sie fertig damit, aber der Reinigungsprozess war wohl nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen, denn mit den Worten: „Mein Jott, is det hartnäckich», wollte sie die Prozedur wiederholen, aber das war dann doch zu viel.

    „Danke», sagte ich kurz und knapp, weil ich ahnte, was mir passiert, wenn der Satz länger wird und lief so schnell ich konnte im Slalom durch die vielen Sonntagsspaziergänger, von denen diejenigen, die noch rechtzeitig sahen, was da auf sie zukam, panisch aus dem Weg sprangen.

    Während meiner Flucht vor dem feuchten Taschentuch, dachte ich noch kurz darüber nach, ob es Engel mit „Berliner Schnauze» gibt – ich wusste es nicht.

    Zu Hause angekommen und froh darüber, dass mich niemand aus unserem Block gesehen hatte, was sich später als Fehleinschätzung herausstellen sollte, wollte ich so schnell wie möglich in unsere Wohnung. Und da war schon das nächste Problem. Dagegen waren die schmutzigen Sonntagssachen ein Witz – mein Schlüssel war weg. Ich dachte nur noch: „Das ist mein Ende.» Wie mache ich meiner Mutter klar, dass ich an einem einzigen kurzen Nachmittag ohne Erlaubnis die besten Klamotten angezogen habe, damit auf die Straße gegangen, in eine mit Schlamm gefüllte Baugrube gefallen bin und zur Krönung auch noch meinen Hausschlüssel verloren habe. Wenn jetzt nicht ein Wunder geschieht, war mein Gedanke, als vom Hof her eine Stimme, die mir bekannt vorkam, rief:

    „Mann Männeken, wat rennste denn so, als wenn der Leib-haftige hinter dir her wäre?» Der Engel mit dem Taschentuch, total außer Atem. „Ick hätte dir beinahe nich mehr einjekricht, so wie du rennst, mene Knochen sin doch nich mehr de jüngstn, wa», japste sie und schwenkte dabei etwas in ihrer Hand. Ich dachte, ich sehe nicht richtig – mein Wohnungsschlüssel.

    Langsam beschlich mich der Gedanke, dass es sich wirklich um einen Engel handelt. Aber das kann ja nicht sein, warum hat er mich dann erst reinfallen lassen, in die blöde Grube. Engel hin oder her, mein Schlüssel war wieder da, ich war gerettet, wenigstens teilweise.

    „Hier wohnste also», stellte die Engelsstimme noch fest, ehe ich ihr den Schlüssel entriss und eiligst damit die Wohnungstür aufschloss. Gott sei Dank war ich endlich drin und konnte mich Plan B widmen, als es an der Tür läutete. Mach ich auf oder nicht, stellte ich mir selbst die Frage und wer kann das sein? Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und spähte durch den Türspion – der Engel. Was will er denn noch? Zaghaft öffnete ich die Tür einen Spalt und fragte: „Ja bitte?»

    „Bist du etwa der Sohn von der Wirtin der Jartenklause? Der Name jedenfalls is der selbe und die soll ja hier inne Jejend wohnen.»

    Na super, jetzt kennt die auch noch meine Mutter, das fehlte mir gerade noch und ich log: „Nee, bin ick nich» und drückte die Tür wieder ins Schloss. Ein paar Minuten wartete ich und als ich nichts mehr hörte, sah ich im Hausflur nach, ob sie noch da war, die Frau mit der Engelsstimme. Aber sie war weg, so konnte ich mich endlich mit den wichtigen Dingen befassen.

    Ich zog meine völlig verdreckten Sachen aus und bemerkte dabei, dass bereits die halbe Wohnung eingesaut war. Jetzt hieß es, kühlen Kopf bewahren und erst mal mich und dann die Sachen waschen. Mich hab ich relativ schnell und problemlos geschafft, aber die Sachen, das wird wohl schwerer. Nun, wir hatten eine Waschmaschine und ich wusste zumindest, welchen Zweck sie erfüllte – schmutzige Wäsche waschen.

    Die Waschmaschinen dieser Zeit hatten oben eine große Öffnung mit einem Deckel. In diese, so hatte ich öfters beobachtet, gab man die schmutzige Wäsche hinein. Das tat ich dann auch, war ja auch irgendwie logisch. Aber wie geht's weiter? Oma, wenn sie zu Besuch bei uns war und das war sie oft, hat immer gewaschen und dabei an den beiden Knöpfen gedreht, die an der Vorderseite der Maschine angebracht waren und wie zwei strenge Augen ins Badezimmer starrten, als wollten sie sagen: „DU, fasst uns nicht an, DU lässt schön deine Fingerchen von uns, DU hast nämlich keine Ahnung, wie wir zu drehen sind!»

    Und da hatten sie verdammt noch mal recht. Aber ich musste was tun, wenn ich wollte, dass Mutti nichts von meinem Unfall erfährt. Mutig näherte ich mich den beiden, mit Zahlen und Buchstaben versehenen Knöpfen und da wurde mir klar, dass ich den Beiden hilflos ausgeliefert war. Ich konnte nämlich noch nicht lesen. Zahlen kannte ich schon, jedenfalls bis 20 oder so, nutzte mir aber nicht viel.

    Plötzlich hatte ich die zündende Idee – ich drehe einfach beide Knöpfe nicht ganz sondern nur halb herum. Ganz rum ist bestimmt zu viel und nur einen Strich bestimmt zu wenig – genau, halb ist gut. Gesagt getan.

    Ich wartete, es geschah, NICHTS. Ich hob den Deckel an und schaute in den Bottich mit meiner schmutzigen Wäsche.

    Irgendwas fehlt da, dachte ich. Aber da fiel es mir schon wie Schuppen von den Augen – Wasser! Na klar, Wasser. Ohne Wasser kein Waschen, geht ja mit den Händen und den Füßen und so auch nicht ohne Wasser. Also Wasser rein. Mit dem Wischeimer, der immer hinter der Tür stand, holte ich Wasser von der Badewanne und goss es in die Waschmaschine bis die Wäsche bedeckt war. Mann, was war ich stolz auf mich, dass mir a) das eingefallen ist und b) dass ich das ganze Wasser alleine da hineinbekommen habe. Jetzt muss die Maschine nur noch angehen.

    Als ich so überlegte, wie sie das wohl tut, fiel mein Blick auf das Regal neben dem Fenster. Dort stand eine große bunte Schachtel. Oh je, das hätte ich beinahe vergessen, Waschpulver.

    Ich nahm den Karton und schüttete etwas von dem gut riechenden Pulver in das Wasser. Na, ob das reicht? Lieber ein bisschen mehr, als zu wenig, soll ja den ganzen Dreck wegwaschen. Ich kippte mit einen ordentlichen Schwung fast das halbe Paket in die Maschine und schloss den Deckel, aber es rührte sich immer noch nichts – verdammt.

    Verzweifelt drehte ich ein wenig an den Knöpfen und siehe da, es bewegte sich was. Im Inneren der Waschmaschine gurgelte und rumpelte es – okay, sie wäscht, dachte ich froh und ging aus dem Bad, um in der Wohnung die restlichen Spuren zu beseitigen. Das gelang mir recht schnell und ich atmete erleichtert auf, denn ich meinte, alles im Griff zu haben.

    Worüber ich mir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keine Gedanken machte, war die Tatsache, dass frisch gewaschene Wäsche nass ist – und zwar klatschnass. Meine Sonntagssachen machten da keine Ausnahme. Aber wie gesagt, das kam erst viel später und war relativ harmlos im Gegensatz zu dem, was mich als Nächstes erwartete.

    Da ich wusste, dass Wäschewaschen einige Zeit dauert und die verräterischen Geräusche aus dem Bad noch deutlich zu hören waren, beschloss ich, in der Küche nach Essbarem zu suchen, denn die ganzen Strapazen hatten mich doch etwas hungrig werden lassen. In der Speisekammer stand noch Eintopf vom Vortage, der, wie Oma immer behauptete, am nächsten Tag noch viel besser schmecken soll. Also das hielt ich damals schon für eine glatte Lüge, denn was am Vortag nicht schmeckt, kann unmöglich einen Tag später „noch viel besser» schmecken.

    Na, wie auch immer – mir jedenfalls war absolut nicht nach Eintopf, also durchforschte ich die Speisekammer weiter, in der Hoffnung, doch noch etwas zu finden, was auch mir schmeckt. Natürlich fand ich nichts, denn heute ist Sonntag und sonntags gab's immer erst am Abend warmes Essen, das Mutti aus ihrer Kneipe mitbrachte.

    Damit jetzt keine Missverständnisse aufkommen, mit Muttis Kneipe war nicht etwa eine gastronomische Einrichtung gemeint, in der Mutti ständig rumhängt, sondern die schon erwähnte „Jartenklause», also Gartenklause, eigentlich „Gasthaus zur Goldenen Aue», ein von Mutti gepachtetes Restaurant. Aber alle, jedenfalls alle Stammgäste und es gab 'ne Menge Stammgäste, sagten einfach nur Jartenklause, weil es im Hinterhof einen kleinen Biergarten gab.

    Von dort also, brachte Mutti am Abend irgendein warmes Essen für mich mit. Sonntag war der einzige Tag, an dem Mutti früher nach Hause kam als sonst, weil sie für Sonntagabend eine Aushilfe hatte. Sie sagte immer, der Sonntagabend gehört der Familie. Allerdings war davon nichts zu merken, denn meistens kamen noch Freunde oder Bekannte, die dann die halbe Nacht im Wohnzimmer saßen, Wein und Schnaps tranken, furchtbar laut redeten und die ganze Wohnung mit Zigarettenrauch voll stänkerten.

    Ja, das war also der Familienabend. An den anderen Tagen blieb Mutti allerdings bis nach Mitternacht, außer am Ruhetag oder wenn ein Feiertag war. Dann war sie den ganzen Tag zu Hause – dazu sage ich jetzt nichts. Mein Papa half meiner Mutti fast jeden Tag in der Kneipe, wenn er von seiner Arbeit nach Hause gekommen war und an den Wochenenden sowieso.

    Armer Papa, dachte ich oft.

    Ich hatte meine Suche nach Essbarem inzwischen aufgegeben und vertröstete mich auf den Abend, als ich aus dem Bad ein sehr merkwürdiges Geräusch vernahm, ein ganz dumpfes „Schrung – Schrung – Schrung …»

    Dieses seltsame Geräusch war mit Sicherheit nicht von Anfang an zu hören und machte mir ein wenig Angst. All meinen Mut zusammengenommen, öffnete ich vorsichtig die Badezimmertür und erstarrte. Der Deckel der Waschmaschine wurde von einer nicht enden wollenden Schaumwalze nach oben gedrückt, die sich unaufhörlich in Richtung Tür bewegte und drohte, nach dem Bad auch den Flur zu füllen. Der bedrohlich näherkommende Schaum hatte bereits die stattliche Höhe von mindestens einem Meter erreicht und schien weiter zu wachsen – in alle möglichen Richtungen. Panik – ich wusste im Moment einfach nicht, was ich tun sollte.

    Waschmaschine aus, schoss es mir durch den Kopf. Ja, aus machen, aber wie? Normalerweise, so wusste ich, ging sie von alleine aus, wenn sie fertig war mit der Wäsche. Das, übrigens, war mir auch so ein Rätsel, woher wusste die Waschmaschine, wann die Wäsche sauber ist? Aber darüber weiter nachzudenken, hatte ich jetzt keine Zeit. Das Einzige, was mir in diesem Moment einfiel, war den Stecker der Maschine aus der Steckdose zu ziehen, denn so viel wusste ich schon.

    Dass wenn man bei Apparaten, die einen Stecker haben, den aus der Dose zieht, diese einfach ausgehen. Mit einem kühnen Sprung durch den Schaum griff ich nach der Schnur, an deren Ende ich den Stecker vermutete, denn ich sah ja nichts, und zog heftig daran. Gott sei Dank

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