DAS MAG - The Best-of: Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden
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Über dieses E-Book
In Zusammenarbeit mit dem mairisch Verlag erscheint DAS MAG jetzt in einer einmaligen Sonderausgabe erstmals auf Deutsch – und zwar als ein Best-of der spannendsten jungen Autorinnen und Autoren. Mit Erzählungen, Gedichten und Essays von u.a. Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Daan Heerma van Voss, Bregje Hofstede, Wytske Versteeg, Jan Postma, Peter Terrin und Maud Vanhauwaert. Im Heft finden sich aber auch exklusive kürzere Texte von etablierten Autoren wie Herman Koch, Saskia de Coster, Dimitri Verhulst, Connie Palmen, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.
Wer sich passend zum Buchmesse-Schwerpunkt einen repräsentativen Überblick über aktuelle Literatur aus Flandern und den Niederlanden verschaffen will, liegt mit DAS MAG genau richtig.
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Rezensionen für DAS MAG - The Best-of
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Buchvorschau
DAS MAG - The Best-of - Gerbrand Bakker
Inhaltsverzeichnis
Literarische Weltnachrichten: Saskia de Coster
Literarische Weltnachrichten: Wytske Versteeg
Literarische Weltnachrichten: Gerbrand Bakker
Literarische Weltnachrichten: Charlotte Mutsaers
Rodaan al Galidi: Eine Viertelstunde Verspätung
MEINE GESCHICHTE
Herman Koch: Flasche
Dimitri Verhulst: Flaschenpost
Peter Terrin: Du bist ein Fischer
Tom Lanoye: Leck meine Buchstaben und verrecke
Joost de Vries: Echte Männer
Lize Spit: Sattelschmerzen
Maud Vanhauwaert: Gedichte
Maartje Wortel: Das Camp
Daan Heerma van Voss: Eine verspätete Reise
Bregje Hofstede: Blaue Flecken an den Knien
Jan Postma: Woran es nichts mehr zu ändern gibt
AUTOREN
PFEILER
KOLOPHON
Literarische Weltnachrichten: Saskia de Coster, Rom, Italien
Übersetzt von Heike Baryga
Die Frau im pistaziengrünen Mantel auf dem Gehweg starrt gebannt durch die Fensterscheibe in den Supermarkt. Eindringlich beobachtet sie eine andere Frau, die dort einen merkwürdigen Tanz aufführt. Unbeholfen umarmt die Frau einen Turm mit Lebensmitteln und stellt sich damit an der Kasse an. Und jedes Mal, wenn sie sich bückt, um etwas aufzuheben, das von dem wackeligen Turm gerutscht ist, fällt ein anderes Lebensmittel herunter. Bücken, aufheben, aufrichten, und wieder bücken, aufheben, aufrichten, so geht das endlos weiter. Die unbeholfene Frau bin ich, die starrende Göttin in pistaziengrün ist eine Römerin. Nirgendwo habe ich die Leute so starren sehen wie in Rom. So schamlos und aufrichtig, so teilnehmend, so voller Hingabe und so mitreißend. Man stellt sich in der Pizzeria an und ertappt sich dabei, wie man unentwegt die Pizza patata (jawohl: Pizza mit Kartoffeln) anstarrt, und während man sich die Bestellung auf Italienisch im Kopf zurechtlegt, drängelt sich jemand vor. Noch so eine italienische Eigenart: Zunächst glaubt man, der wild mit den Armen herumfuchtelnde Mann braucht einen Notarzt, doch er will sich nur auf diese Weise ein Stück Focaccia ergattern, bevor er an der Reihe ist. In Belgien finde ich so etwas ungehobelt, hier ist es ein Spiel. Der Mann ist furbo – listig, gerissen, durchtrieben, mit allen Wassern gewaschen, in Rom ist das etwas Positives. Los, mitmachen!, scheint er die anderen antreiben zu wollen und beißt herzhaft in sein frisches Focacciastück.
Der amerikanische Schriftsteller und Filmregisseur Orson Welles bemerkte einmal, die Italiener hätten bereits seit den Borgias nur Streit und Blutvergießen im Kopf gehabt und dennoch hätten sie Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance hervorgebracht. In der Schweiz plätscherte fünfhundert Jahre lang alles demokratisch und friedlich daher. Und mit welchem Ergebnis? Der Kuckucksuhr.
Die Römer blühen, egal ob es nun passend oder unpassend ist, bei kleinen oder großen Zänkereien und liti auf, etwas, das ich gerne mit ihnen teile. Es gibt jedoch einen Ort, an dem ich dieses Spiel zu meiner großen Überraschung nur selten spielen konnte: Im Straßenverkehr. Natürlich gibt es einen sonderbaren Tanz der Blechkisten, schwungvoll aufgestoßene Autotüren, wie Flügel von Schmetterlingen aus Metall, die graugrünen Vespas, die sich wie grimmige Raupen hindurchschlängeln. Aber das einzige, wovor ein Römer im Verkehr zurückschreckt, das sind die Vollidioten auf ihren misslungen Zweirädern ohne Motor. Radfahrer. So etwas kennt der Römer wirklich nicht. Er geht ihnen aus dem Weg und reißt die Arme in die Luft.
So, wie sich unter dem Kolosseum in den Katakomben Abertausend Knochen befinden, muss sich hinter der Streitlust, dem Kampf, der Heftigkeit etwas Anderes verbergen. Es befindet sich in der Verweigerung, gefallen zu wollen, es liegt im verzweifelten Gestikulieren, es läuft durch die Gassen, die nie in einer Sackgasse enden, es mäandert entlang der Sieben Hügel, man kann es nicht abstellen, es schichtet sich auf den Überfluss obendrauf und ist zugleich tief mit den Römern verankert. Eine Art Schwermut über dem Zuviel.
Denn man kommt nicht darum herum, es gibt einfach zu viel: zu viele Autos, zu viele Menschen, zu viele Kirchen, zu viel Sonne, zu viele Touristen, zu viele Sehenswürdigkeiten, auch zu viel Melancholie.
Und was macht man dann als Römer? Man zuckt mit den Schultern, man versucht das Beste daraus zu machen, man reißt die Arme in die Luft, man hört auf herumzuirren, so stelle ich mir das vor. Man geht nach Hause, dein Zuhause ist dort, wo ein Teller Pasta auf dich wartet, du lässt dich am Tisch nieder, dort ist deine Familie, dein echtes Zuhause, du redest und redest und isst das Essen, das zu deinem Leben passt. Dem süßesten Gebäck fügst du ein wenig Bitterkeit hinzu, den Geschmack gemahlener Aprikosenkerne, das amer, das Bittere der Amaretti.
Früher habe ich mit meinem Bruder oft das Glotzspiel gespielt. Sieger war der, der dem anderen am längsten in die Augen starren konnte, ohne lachen zu müssen. Hier, an einer Kasse in Rom, befinde ich mich nach vier ganzen Minuten noch immer im Wettkampf mit der Frau - ich weiß nicht, ob sie Botox verwendet oder ob es die Sonne ist, die ihr glattpoliertes Gesicht so gnädig strahlen und ihren pistaziengrünen Mantel wie gerade aus den Händen eines Modeschöpfers entrissen aussehen lässt – und mache unterdessen unentwegt weiter: bücken, aufheben, aufrichten. Gerade als ich denke, dass ich gleich aufgebe, wendet meine Rivalin brüsk ihren Blick ab. Ich habe gewonnen!
Als ich auf die Straße trete, steht die Frau noch immer auf dem Gehweg. Zu hastig überquere ich Türschwelle und erneut schwankt der Turm. Der Büffelmozzarella gerät ins Rutschen. Gewand wie ein Reh im Wald ist die Frau in den hochhackigen Lackschuhen in drei Sätzen bei mir und fängt mit einer geschickten Bewegung den Plastikbeutel mit dem Nationalstolz in Käseform auf. Der Reißverschluss ihres Mundes öffnet sich und ein italienischer Wortschwall ergießt sich über den Büffelmozzarella, den man giammai fallen lassen darf, niemals, sonst bestraft einen Gott. Beziehungsweise so habe ich das verstanden, denn es gibt da noch etwas, das die Römer ebenfalls glänzend beherrschen: rasend schnell zu sprechen.
Literarische Weltnachrichten: Wytske Versteeg, Brüssel, Belgien
Übersetzt von Christiane Burkhardt
Am Morgen nach den Anschlägen gehen Polizisten mit Maschinengewehren vor der Brust am Gleis des Hochgeschwindigkeitszugs Thalys Patrouille. Ein junger Mann versucht, sie aus einer gewissen Entfernung zu fotografieren, und sie versuchen so zu tun, als bemerkten sie es nicht. Einem von ihnen baumelt eine knallblaue Lesebrille vor der kugelsicheren Weste. Ich nehme den Zug nach Brüssel, getragen vom blinden Vertrauen eines Menschen, der Sicherheit als Selbstverständlichkeit betrachtet und daher davon ausgeht, dass sich wirkliche Gefahr vorher ankündigt, damit man ihr ausweichen kann. Aus den Nachrichten kenne ich Terrorismus weniger, vielmehr als Fiktion aus diesen Actionfilmen, in denen die Hauptfigur zuverlässig überlebt, und die Kamera das Geschehen deutlich heranzoomt, bevor etwas Schlimmes passiert.
Panzer auf der Straße. Auf dem Börsenplatz warten die Ü-Wagen mit ihren Satellitenschüsseln. Die Weltnachricht wird aus weißen Partyzelten gesendet, nur dass man diese banalen Behelfsbehausungen im Fernsehen nie sieht. Gegen Abend übt ein Moderator seinen Text, wiederholt immer wieder dieselben Sätze. Wer das Leben nicht auskostet, kostet die Gewalt aus.
An der Hotelrezeption stehen mehrere Soldaten in voller Montur, sie haben einen entschuldigenden Blick aufgesetzt. In diesem aufpolierten Ambiente scheinen sie sich für ihre Ausrüstung zu schämen, so als hätten sie die Einladung zu einem Kostümball zu wörtlich genommen. Die Leute erzählen, wie sie an besagtem Dienstag das Haus verlassen haben, wie gern sie geholfen hätten. Dass diese Hilfe – ihr Schlafsofa, ihre jeweilige Blutgruppe – aber nicht benötigt worden sei, und wie enttäuschend das war. Sie berichten von anderen, die es nötig gefunden hätten zu verkünden, dass sie in Sicherheit seien, wo doch alle Welt wusste, dass sie nicht mal in Brüssel waren: dieser unbezähmbare Drang, Teil einer Geschichte zu sein.
Für die Literaturveranstaltung sind Sicherheitsleute engagiert worden. Jemand im Publikum beschwert sich über ihr arabisches Aussehen. Beim anschließenden Umtrunk fange ich Satzfetzen auf, wie sich jemand erst wirklich betroffen fühlte, nachdem er die weinenden Mütter auf dem Schulhof gesehen hatte, die Kopftuchmütter. „Unsere Angst betrifft das Hier und Heute, ihre die Zukunft ihrer Kinder."
Stunden zuvor waren drei Frauen aus unserer Runde in Tränen ausgebrochen, als es um die Anschläge ging, keine von ihnen stammte aus Belgien. Peinlich berührt hatte ich mich abgewandt. Jemand kommentiert das mit den Worten, ich sei kalt und gefühllos, und das ist nicht wirklich ironisch gemeint. Die Betreffende lebt erst seit kurzem in Brüssel und kennt noch nicht viele Leute. „Ich hatte niemanden, um den ich Angst haben müsste, als alle anderen voller Sorge um Freunde oder Verwandte waren. Das war der Moment, in dem mir klar geworden ist, dass ich nicht dazugehöre." Auch eine Gruppendefinition und nicht einmal die schlechteste: gemeinsam gemeinsame Ängste haben.
Literarische Weltnachrichten: Gerbrand Bakker, Eifel, Deutschland
Übersetzt von Heike Baryga
Seit Kurzem wirft ein dicker Junge aus dem Nachbarort mir jeden Donnerstag den Prümer Wochenspiegel vor die Eingangstür. Vor längerer Zeit hat er mich gefragt, ob ich den Wochenspiegel haben möchte. Da habe ich nein gesagt. Nein, denn ich habe keinen Briefkasten. Kürzlich hat er mich wieder gefragt, zuvor hatte ihn mein Hund lautstark angebellt. Ja, habe ich da gesagt. Ja, und wirf ihn einfach bei mir vor die Tür, denn einen Briefkasten habe ich zu meiner Schande noch immer nicht.
Der Prümer Wochenspiegel. Kein Mensch liest den, alle interessieren sich nur für die beigelegten Anzeigenblätter vom Aldi, dem Hela, Edeka. Er eignet sich ausgezeichnet zum Kaminanzünden. Ich lese den Wochenspiegel natürlich sehr wohl, denn ich bin ein Ausländer. Und etwas ist mir sofort aufgefallen, eine besondere soziale Eigenheit, die ich in den Niederlanden so nicht kenne.
