Schwarze Seelen
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Buchvorschau
Schwarze Seelen - Gioacchino Criaco
SCHWARZE SEELEN
GIOACCHINO CRIACO
SCHWARZE SEELEN
ROMAN
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
FOLIO VERLAG
WIEN • BOZEN
Die Originalausgabe ist 2008 im Verlag Rubbettino, Soveria Mannelli, unter dem Titel Anime Nere erschienen.
© Rubbettino, 2008, unter Vermittlung von Agenzia Piergiorgio Nicolazzini, Milano.
© der deutschsprachigen Ausgabe
FOLIO Verlag Wien • Bozen 2016
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagfoto: © Francesca Casciarri/Calias
Grafische Gestaltung: Dall’O &Freunde
Druckvorbereitung: Typoplus, Frangart
Printed in Europe
ISBN 978-3-85256-684-9
www.folioverlag.com
Viel, zu viel Blut haben die Söhne des Waldes vergossen – Brüder, auf sinnlose und dumme Weise getrennt.
Mögen Gott und die Götter ihren kriegerischen Geist besänftigen, und den Dämon austreiben, von dem sie besessen sind.
Wir gingen schnell, kämpften uns durch feuchtes Farn- und Heidekraut. Er voran, ich folgte wie ein von Hunden gezogener Schlitten. Wir hatten die Tiere gemolken, sie im Stall eingeschlossen und die Milch abgestellt, dann waren wir in der Dämmerung aufgebrochen, wir mussten das Gebirge überqueren, das eine Meer hinter uns lassen und so lange gehen, bis wir ein anderes sahen. Das Schwein sollte uns viele Kilometer entfernt übergeben werden.
Es regnete seit Tagen. Doch die Regenjacke des schweren Tarnanzugs des Ejército español war wasserdicht, Hemd und Hose blieben trocken. Die Körperwärme entwich schubweise, und durch die offene Innentasche überprüfte ich immer wieder, ob das AK-47 nass wurde. Bei der Berührung des kalten Metalls bekam ich einen zusätzlichen Adrenalinstoß. Ich berührte den plumpen Abzug, versicherte mich, dass er auf U und nicht auf R oder J stand. Wir durchquerten dichte, niedrige Eichenwälder, streiften immer wieder dornige Ginsterbüsche, die den Stoff einrissen und die Haut zerkratzten; wir brachen durch enge Pinienreihen, ihre niedrigen, dürren Äste suchten zielsicher das Gesicht; wir mussten den Kopf senken und uns mit dem Schild der Kappe gegen den Angriff wehren; wir gingen durch hohe majestätische Lärchenwälder, ihre weichen Nadeln lagen am Boden und darunter verbargen sich tiefe, von Wildschweinen gegrabene Löcher; wenn man hineintrat, stellte sich heraus, ob man elastische und kräftige Knöchel hatte, trat man allzu kühn hinein, bedurfte es kräftiger Schultern – wenn sie denn da waren – als Stütze.
Wir gingen durch riesige Buchenwälder, die die Ebene beherrschten, das knisternde Laub konnte im stillen Wald ohrenbetäubenden Lärm verursachen.
Als wir den Gipfel erreichten und uns an den Abstieg machten, wiederholte sich die Vegetation in umgekehrter Reihenfolge. Für Unerfahrene wäre eine derartige Überquerung selbst am helllichten Tag ein Wahnsinn, wenn nicht gar Selbstmord gewesen. Dichte Wälder, glatte Felsen, wilde Gebirgsbäche, hinterhältige Steilhänge, Stacheldrahtzäune.
Er verschmolz mit der offenbar wilden Natur, tauchte völlig ein und wurde ein Teil von ihr, ein wesentlicher Teil. Die Berge, die sich gegen Übergriffe wehrten, nahmen ihn auf, und er liebte sie mehr als alles andere auf der Welt.
Er war fest davon überzeugt, dass er und die Berge zwei Dinge hassten, Eichen und Schweine, denn beide waren schädlich für die Umwelt. Die Eiche trocknete den Boden aus, dank ihrer Früchte wurden die Schweine fett, und sie wiederum zerstörten Wälder, Dämme, Pilzstände, Felder und Weiden.
Er kannte jeden Übergang, jeden Baum und Bach, jede Klippe, jeden Unterstand und jede Falle, wie das nur ein Einheimischer konnte. Er war hier geboren und aufgewachsen. Er war zwar eine Zeitlang weggegangen, doch die Berge hatten ihn gnadenlos zurückgeholt. Wer hier geboren wurde, starb hier auch. Man starb aus zweierlei Gründen, aus Armut oder im Kugelhagel. Sowohl dem einen als auch dem anderen konnte man nicht entkommen.
Er, das war mein Vater.
Ein typisches Produkt dieser Erde. Untersetzt, kräftig, robust. Gleichzeitig verhärtet und zerbrechlich.
Vor allem aber war er entschlossen, durchzuhalten um jeden Preis, auch wenn er gegen das Gesetz oder die Moral verstoßen musste.
Gemeinsam gingen wir über den Weg, der uns zum Schwein führte, der Nahrung und dem Gift unserer Erde.
Als wir ankamen, war es bereits Nacht. Wir sondierten die Gegend, indem wir immer enger werdende konzentrische Kreise zogen. Niemand da. Nur die nachtaktiven Tiere leisteten uns Gesellschaft. Wir setzten uns auf zwei große Steine hinter der Leitplanke am Rande der Nothaltebucht. Warteten.
Hin und wieder durchbrach ein Geräusch die stille Nacht. Zwei Scheinwerfer erhellten die Dunkelheit. Fahrzeuge fuhren vorbei. Warten.
Nach ein paar Stunden hörten wir ein Dröhnen anderer Art. Ein Lastwagen fuhr langsamer, blieb stehen. Eine Tür ging auf und Schatten sprangen über die Planke und kauerten sich auf den Boden. Der große Lastwagen fuhr wieder los.
Nach einigen Sekunden herrschten wieder Dunkelheit und Schweigen.
Ich konnte sie riechen, ich wusste, was sie dachten. Sie hatten keine Angst, sie wussten, dass sie erwartet wurden. Dann vertrieb ein kurzer, trockener Pfiff meines Vaters jede Befürchtung. Sie hatten es geschafft, sie waren in Sicherheit. Die Last der Schuld, die sie mitbrachten, wurde jetzt auf die starken Schultern meines Vaters geladen.
Ich bemerkte, dass ich nervös war. Das Schwein war behände ausgestiegen, ruhig und aufrecht. Ich hatte gehofft, es würde gebeugt sein und jammern, damit ich keinen Respekt empfinden musste und auch kein Mitleid.
Er war jedoch aufrecht und mit erhobenem Kopf auf uns zugekommen. Seine Haltung sagte uns, dass er keine Angst vor uns hatte. Und sie sagte auch, dass das Wichtigste für ihn, seine Familie, weit weg und in Sicherheit war. Er hatte keine Angst, uns gegenüberzutreten.
Das verhieß nichts Gutes, dachte ich.
Wortlos gingen wir zu ihm hin. Mein Vater nahm Lucianos Hand, legte sie auf seine Schulter und führte ihn weg, bis sie sich in einem Sicherheitsabstand von der Straße befanden. Dasselbe machte er mit Luigi. Dann nahmen wir das Schwein in die Mitte und gingen zu ihnen hin. Im Morgengrauen würden wir wieder aufbrechen.
Als es so weit war, wandte sich mein Vater an das Schwein, sprach leise und sanft mit ihm – er erklärte ihm, dass der Weg lang sein, dass er ihm die Handschellen abnehmen würde, dass wir immer Halt machen würden, wenn er müde war, dass er zu essen und zu trinken bekommen würde, wenn er hungrig und durstig war, und dass er ihn an den gefährlichsten Stellen tragen würde. Wenn er sich jedoch wehrte, würde er ihn zwingen und über den Boden schleifen.
Das Schwein nickte zustimmend und wir brachen auf.
Wir gingen schnell. Nach ein paar Stunden beschloss mein Vater, dass es für die anderen an der Zeit war, eine Rast einzulegen.
Endlich durfte ich meine Freunde umarmen, allerdings wortlos. Ich stellte den Rucksack auf den Boden, holte den Kocher heraus und machte Kaffee. Im Eichenwald fiel leichter Aprilregen, ich teilte Schokolade und Kekse aus und betrachtete die seltsame, am Boden kauernde Truppe, die darauf wartete, dass die Mokkamaschine pfiff und spritzte und sich Kaffeeduft verbreitete. Eine friedliche Szene, nur die schwere Kapuze, die das Schwein trug, störte.
Der Kaffee stieg auf und brodelte. Ich leerte ihn in Plastikbecher und verteilte sie. Luciano war begeistert, das war für ihn das Beste an den Bergen. Hin und wieder kam er herauf und machte eine große Wanderung, einfach weil er Lust dazu hatte, und wenn er müde war, lehnte er sich an einen Baumstamm, trank den Kaffee, den ich ihm zubereitete, und zündete schließlich seine unvermeidliche Zigarette an; er zögerte diesen Moment immer so lange wie möglich hinaus, um ihn noch mehr zu genießen. Nach der Nacht im Lastwagen, dem langen Marsch freute er sich über das Leben, das er führen durfte, mit der Zigarette im Mund.
Wir tranken Kaffee, aßen Schokolade, und als Luciano sich wie nebenbei noch eine anzünden wollte, die dritte, riss mein Vater sie ihm aus dem Mund und wir setzten uns wieder in Bewegung. Das Schwein ging ganz ruhig, verlangte kein einziges Mal eine Pause, Wasser oder Essen, deshalb kamen wir früher an als vorgesehen. Mein Vater ging uns schnellen Schritts voraus, und als wir eintrafen, standen schon die dampfenden Teller auf dem Tisch, randvoll mit Ricotta und Molke, Brotschnitten daneben. Wir langten ordentlich zu, auch dem Schwein schmeckte die Spezialität. Mein Vater hielt Wache, und wir vier, auch der mit der Kapuze, streckten uns auf den Ginstermatten in der Wärme des Gasofens aus.
Nach ein paar Stunden weckte uns mein Vater, die Geisel war nicht mehr da, er sagte, er habe sie in ihre Unterkunft gebracht.
Wir versteckten Waffen und Tarnanzüge, zogen uns um, ich half beim Ziegenmelken, wir stiegen ins Auto und fuhren über die Schotterstraße voller Kurven und Schlaglöcher ins Dorf.
Am Morgen darauf nahmen wir wie immer um 6.30 Uhr den Autobus und fuhren in die Stadt. Wir gingen ins Gymnasium und drückten fünf Stunden lang die Schulbank.
Damals hielt ich es für ganz normal, dass man einen Mann als „Schwein" bezeichnete. So nannten die Hirten des Aspromonte die zahlreichen Geiseln, die in den dichten Wäldern versteckt waren.
Um die Bezeichnung „Hirte" zu verdienen und um Herren der Berge und ihrer Bewohner zu sein, musste man Ziegen hüten, nur sie waren edle Tiere, würdig, auf den unzugänglichen Höhen zu grasen. Die Ziegen waren Gefährtinnen und Freundinnen.
Ein wahrer Hirte verachtete Schafe, dumme Herdentiere; er fürchtete Kühe, wegen ihrer fast menschlichen Gefühle, und er mästete jedes Jahr ein Schwein, obwohl es schädlich für die Umwelt war, es wurde gesondert gehalten und nur mit Molke und Abfällen gefüttert. Ein ekelhaftes Tier, aber notwendig, um den harten Winter zu überleben.
Und überkommenen Gepflogenheiten zufolge, von denen die Alten erzählten, besaßen die Hirten nicht nur einen Schweinestall in der Nähe des Ziegenstalls, sondern einen zweiten, geheimen und perfekt getarnten im dichten Wald, der für eine schmutzige, aber lukrative Tierhaltung bestimmt war. Nötig für den wirtschaftlichen Aufschwung, der, wie man überzeugt war oder sich überzeugen hatte lassen, unmittelbar bevorstand.
Damals war das so, für viele und auch für mich.
Darin bestand ein paar Jahre lang die Haupttätigkeit meines Vaters und auch meine.
Zu Beginn des Frühjahrs bauten wir ein paar Kilometer vom Stall entfernt einen neuen Schweinestall. Während der milden Jahreszeit hielten wir dort vier, fünf Monate lang eine Geisel. Wir kassierten die vereinbarte Summe, und sobald das Lösegeld bezahlt war, übergaben wir die Geisel, die dann ganz woanders freigelassen wurde.
Gott, der den Armen gegenüber großzügig ist, hatte meinem Vater sieben Kinder geschenkt. Ich war der Älteste, dann waren fünf Mädchen gekommen, dann wieder ein Junge.
Als Kind hatte mein Vater bei den Hirten ausgeholfen, oder besser gesagt, er war ihr Knecht gewesen. Nach seiner Hochzeit war er ausgewandert und hatte seinen Lohn bis auf die letzte Lira nach Hause geschickt. Und als er den nötigen Betrag zusammengespart hatte, um sich eine Herde zu kaufen, war er in seine geliebten Berge zurückgekehrt.
Meine Kindheitserinnerungen beschränken sich auf eine Zinkwanne, in der wir uns einmal die Woche der Reihe nach wuschen, ohne das Wasser zu wechseln; auf Nudeln und Kartoffeln abwechselnd mit Gemüsebrühe, auf mit Wasser gestreckte Tomatensauce, gestopfte Kleider, immer dieselben, löchrige Sandalen sommers wie winters; auf ein gemeinsames Bett mit einer Eisenstange in der Mitte, die ich noch immer im Rücken spüre.
Luciano hatte dieselben Erinnerungen, abgesehen davon, dass er seinen Vater nie kennengelernt hatte, der vor seiner Geburt von Blei durchsiebt worden war.
Luigi, das jüngste von zehn Kindern, dessen Vater in allen Kneipen im Dorf zu Hause war, hatte bei uns die Familie gefunden, die er vermisste.
Alle unsere Altersgenossen hatten dieselben Erinnerungen, dennoch waren nicht alle zu einer derart giftigen und todbringenden Frucht herangereift wie wir. Wir zerstörten Leben, leise und offenbar gewaltlos, wir waren die gefährlichsten.
Wer nicht zur Familie gehörte, war ein Feind und potenzielles Opfer. Untereinander waren wir herzlich, fürsorglich, fast zärtlich.
Ob wir nun so geworden sind oder ob wir genetisch prädisponiert waren, unsere Gewalttätigkeit hat nicht nur uns Schmerz und Leid gebracht, sondern auch Menschen, die dachten, vor uns sicher zu sein.
Mit neunzehn hatten wir bereits gestohlen, Überfälle begangen, Menschen entführt und getötet. Wir lehnten die Welt, in der wir lebten, ab, weil sie nicht die unsere war, und nahmen uns, was wir wollten.
Der nächtliche Marsch durchs Gebirge sollte endgültig unser Leben verändern und auch das von vielen anderen. Es war der letzte falsche Schritt in einer langen Reihe von Irrtümern. Wir befanden uns auf einer Fahrt in die Hölle. Nicht, um wie üblich der Mafia einen Dienst zu erweisen, hatten wir die Geisel in Empfang genommen. Dieses Schwein hatten wir selbst gefangen, oben, in der nebeligen Poebene.
DIE SÖHNE DER WÄLDER
Drei normale Schüler, so wirkten wir nach außen hin.
Luigi war in der Schule faul, wie übrigens auch im Leben; ich war durchschnittlich, kam gerade so durch; Luciano hingegen war der klassische Streber, es gab kein Thema, bei dem er sich nicht auskannte, kein Buch, das er nicht gelesen hatte.
Wir gaben jedoch nicht nur vor, brave Jungs zu sein, wir waren es tatsächlich: wohlerzogen, nie frech. Unsere Welt bestand jedoch nur aus uns dreien, wir waren in ein und derselben Siedlung zur Welt gekommen und aufgewachsen. Kindergarten, Volksschule, Gymnasium: immer zusammen, und wir hatten uns geschworen, so würde es immer bleiben. Nichts würde uns je trennen.
Monatelang, jahrelang hatte man uns ausgeschlossen. Die Kinder der Hirten sollten ins Gymnasium gehen? So hatten alle gedacht. Aber letztendlich hatten uns auch die Klassenkameraden willkommen geheißen, denn mit der Zeit gewöhnt man sich an alles.
Doch wir waren anders als die Söhne der Unternehmer und der wohlsituierten Bürger. Die Jause, die Jahreskarte für den Bus, die Bücher, die Kleider, die Freizeitbeschäftigungen, die Studiengebühren mussten wir uns selbst bezahlen. Die Alternative hätte darin bestanden, zu einem Mindestlohn in der Werkstätte eines Automechanikers oder in einem Frisiersalon zu schuften, wir hätten einem Maurer geholfen oder schlimmstenfalls Ziegen gehütet.
Schon als kleine Kinder hatten wir einen Plan. Wir hatten eindeutig andere Ambitionen.
Alle wussten, dass es in der Stadt einen alten Waffenhändler gab, der keine Fragen stellte, man musste ihm nur Geld geben. Also brachen wir in Wohnungen und kleine Läden ein und tauchten mit siebenhunderttausend Lire bei Cavalier Attilio Fera, dem Waffenhändler, auf. Mit einem legendären Colt Cobra Kaliber .38 Special und einer nicht minder berühmten Beretta 7,65 M70, einer Selbstladepistole, gingen wir weg.
Damit begann die Jagd nach Geld, um unseren Traum zu verwirklichen.
Autofahren war das Einzige, das Luigi unvergleichlich gut konnte. Wir lernten schnell, Autos zu knacken, es wartete immer eines auf uns, versteckt in einer Gasse oder hinter einem Schilfröhricht. Und mindestens einmal im Monat blieben in der Schule drei Plätze frei. Postämter am Stadtrand, kleine Dorfbanken, Gemeindeschatzämter, Juweliere waren uns bald äußerst gut vertraut.
Wir kauften uns nun öfter mal neue Kleider und zogen uns jetzt genauso gut oder sogar besser an als die anderen, zu Hause gab es schmackhafteres Essen und ich bekam ein eigenes Bett.
Als ich das erste Mal Geld nach Hause brachte, weinte meine Mutter einen ganzen Tag lang, als wäre sie in Trauer, mein Vater senkte den Kopf, schwieg eine Woche lang, und dann wurde er Schweinehirt.
In diesen Jahren wurden nicht nur berühmte, sondern auch weniger bekannte Menschen entführt, kleine Landbesitzer, deren Entführung nur wenige Tage oder höchstens einen Monat dauerte und, gemessen am Risiko, sehr wenig einbrachte. Aber für jemanden, der gar nichts hatte, waren ein paar Millionen Lire viel oder alles.
Anders als früher ging mein Vater nun hin und wieder am Abend in eine Bar. Nach einer Weile tauchten seine neuen Freunde bei uns im Stall auf. Merkwürdige Leute. Männer, die eine ganz eigene, altertümliche, geheimnisvolle und unverständliche Sprache sprachen, sie erwähnten die Namen von tüchtigen, fähigen, anständigen Leuten.
Plötzlich brach eine unbekannte Welt in mein Leben ein, sie bestand aus jovialen Zärtlichkeiten und feuchten Küssen, eine tödliche Umarmung. Später kam mir allein beim Gedanken an diese Welt das Kotzen.
Am Anfang bemerkte ich den Dreck nicht. Ich und mein Vater verliebten uns in diese Menschen. Nur Luciano begriff, wer sie waren, er hielt sie nicht aus. Er versuchte uns klarzumachen, wie armselig sie waren, dass sie uns reinlegten. Doch letztendlich folgte er mir, wie immer, wie bei allen Dingen.
Die, wie Luciano sie nannte, gingen ein paar Jahre lang in unserem Leben und in unserem Stall ein und aus. Feste, bei denen auf unsere Kosten gefressen und gesoffen wurde, waren an der Tagesordnung.
Drei- oder viermal brachten sie uns Geiseln, auf die wir aufpassen sollten und die kurz vor ihrer Freilassung abgeholt wurden; doch vom Geld blieb nie viel übrig, die Ärmsten mussten sich ja um viele Menschen kümmern, um Witwen und inhaftierte oder flüchtige Freunde. Sie ließen uns ein paar Millionen Lire da und versprachen, dass es beim nächsten Mal besser laufen würde.
Und so begannen wieder die Fressorgien, man umarmte und küsste einander, man schwor einander Freundschaft und lebenslange Treue, man suchte Patenschaften für die Kinder. Die Einnahmen wurden für Feste ausgegeben, für Verpflichtungen, man musste den Besuch der Freunde ja erwidern, und bei den Hochzeiten, zu denen man immer wieder eingeladen wurde, musste man sich mit einem fetten Umschlag einfinden.
Abwechselnd mit denen tauchten im Stall auch welche auf, die wir als Schatten bezeichneten, Flüchtige, Gesuchte, Geflohene; immer war einer da, für den wir sorgen mussten. Für gewöhnlich waren es arme, ahnungslose Jungs, die von denen, ihren Freunden, in Schwierigkeit gebracht worden waren, arme Teufel, die, um sich nicht länger in feuchten und dunklen Häusern verstecken zu müssen, in die Berge kamen, um Frischluft zu tanken.
Sie hielten nicht lange stand, sie hielten die Entbehrungen und die Einsamkeit nicht aus. Viele wurden im Dorf in einer Nische hinter einem Schrank gefasst und landeten im Gefängnis, andere flüchteten in große Städte des Nordens oder ins Ausland, und nicht wenige landeten in einem Graben.
Die meisten Gespenster, die bei uns Unterschlupf gefunden hatten, vergaßen uns Hirten, einige blieben uns jedoch in tiefer Zuneigung verbunden, die erfolgreicheren unter ihnen hörten nicht auf, uns immer wieder etwas zu schicken.
Zu den Schatten, die uns nicht vergaßen, gehörte auch Stefano Bennaco, ein verspielter dreißigjähriger Junge, der wegen einer schiefgegangenen Entführung Lebenslänglich bekommen hatte. Im Baskenland hatte er schließlich Zuflucht gefunden; auch er liebte
