Der Fluch des Intip Churin: Historischer Roman nach alten spanischen Quellen
Von Gerd Frank
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Über dieses E-Book
Das kulturell auf einer sehr hohen Stufe stehende Inkareich zerbricht unter den Schwertstreichen der spanischen Eroberer, die andererseits schließlich selbst dem "Fluch des Intip Churin" zum Opfer fallen.
Anhand der zarten Liebesgeschichte zwischen Cora Vayara und Manco Llautuc, die sich wie ein roter Faden durch die Handlung des Buches zieht, wird das Schicksal des letzten Herrschers der Inkas geschildert und verdeutlicht. Als sich die Visionen Atawallpas auf schreckliche Art und Weise erfüllen, müssen die spanischen Konquistadoren einsehen, dass ihnen das Gold der Inkas letztendlich kein Glück gebracht hat...
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Der Fluch des Intip Churin - Gerd Frank
Teil I
1. Kapitel
Huayna Cápacs Tod
Der regierende Inka, Huayna Cápac, war erkrankt. Im Normalfall wäre das kein Anlass zur Beunruhigung gewesen, aber in diesem Fall war es anders. Wer würde, falls der große Sapa Inca sterben sollte, dessen Nachfolge antreten? Denn der Allmächtige hatte zwei Söhne. Welcher der beiden würde ihm folgen: Huáscar, der Erstgeborene und damit der legitime Thronerbe oder Atahuallpa, der Lieblingssohn des Sapa Inca, der, den er höchstpersönlich in der reinsten Tradition des erhabenen Volkes erzogen hatte?
Dieser Zustand der Verunsicherung zeigte sich am ausgeprägtesten unter den Höflingen und den hohen Beamten, die neben dem Herrscher für das Wohl jenes Landes tätig waren, das unter Huayna Cápac zu größtem Ansehen gelangt war. Die Bevorzugung des jüngeren Sohnes mochte mit der großen Liebe zu Tucuy Jallpa, Atahuallpas Mutter, zusammenhängen, die er nach der Eroberung Quitos geheiratet hatte. In den Patios, Gängen und Passagen, in den Vorzimmern und Gemächern des Inkapalastes raunte man sich hinter vorgehaltenen Händen die Frage zu: „Wie geht es dem geliebten Herrn, dem Sapa Apullay?"
Huayna Cápac ruhte in einem riesigen und gut belüfteten Raum, der über ein großes Fenster verfügte, durch das man auf einen ruhig gelegenen, kleinen Park blickte, aus dem der betörende Duft kam, den man hier überall atmete. Die Mauern waren mit glänzenden Paneelen aus Gold verkleidet; darüber hingen Decken oder Behänge aus feinster, farbiger Wolle, auf denen sich Figuren und Zeichnungen fanden, die von der göttlichen Herkunft des Inka Zeugnis ablegen sollten. Den Boden nahm ein Wollteppich aus prächtigen Farben und Motiven ein. Die Möbel waren eher nüchtern und einfach, wenngleich es auch hier einige Zierstücke gab, die aus Gold, Silber und Keramik hergestellt worden waren. Doch war nicht zu übersehen, dass sie in erster Linie zweckmäßig sein sollten. Vom Lager hob sich eine Decke ab, die – aus der Ferne betrachtet – an die Haut eines riesigen Reptils denken ließ, sich in der Nähe jedoch als Kunstwerk aus winzigen Federn erwies, das man äußerst geschickt auf einer feinen Decke aus Vikunjafell drapiert hatte. Die emsigen Hände treuer und liebevoller ñustas, so nannte man die Sonnenjungfrauen, hatten sie gefertigt.
„Wo ist mein Sohn?", fragte der Sapa Inca den Villac Umu, den höchsten Sonnenpriester, der in demütiger Haltung und respektvoller Entfernung neben dem Ruhebett stand. „Lass ihn wissen, dass er seine angenehmsten Beschäftigungen – zum Beispiel die Jagd – zurückstellen soll, um mich aufzusuchen!"
„Ja, Incallay – ja, mein Inka, antwortete der Hohepriester. „Ich werde es ihm unverzüglich bestellen.
„Gut, und wenn er kommt, soll ihn seine Schwester Cora Vayara begleiten."
„Ich werde versuchen, dass ich deine Wünsche erfüllen kann, Herr", murmelte der Villac Umu und unterdrückte eine Bewegung. Tatsächlich war Cora Vayara nicht die Tochter des Inka, sondern seine eigene. Doch da sie Huayna Cápac schon als ganz kleines Kind bei sich aufgenommen hatte, war sie wie eine königliche Prinzessin erzogen worden. „Wünscht du sonst noch etwas?"
Der Inka machte eine Handbewegung zum Fenster hin, von dem üppige Sonnenstrahlen und duftgeschwängerte Luft hereinströmten. „Warum drückt das Schweigen wie ein Gebirge auf mich?, fragte er. „Kann es sein, dass die Hoffnung auf meinen Tod die Stimmen all meiner heuchlerischen Verwandten zum Verstummen bringt?
„Oh, Kamajnillay – oh, mein Gebieter! Wie kannst du das nur denken? Deine Gattin, deine Söhne, deine Verwandten, ich, dein Hofstaat, wir alle fühlen, dass du krank bist und schweigen nur deshalb, damit wir deine Ruhe nicht stören."
„Aber dieses Schweigen belastet mich mehr als die Angst! Ordne an, treuer und edler Vaylla Visa, dass mir die Musiker meines Hofes die schönsten charpayas und yaravíes von ganz Cuzco zu Gehör bringen!"
„Hast du sonst noch einen Wunsch, hoher Herr?"
„Ja, Tucuy Jallpa, meine Gemahlin, soll kommen. Ich möchte keinen Augenblick länger allein sein."
Der Villac Umu verneigte sich mehrmals andächtig und zog sich dann zurück. Für einen Augenblick blieb der Herrscher allein und schien unter den Decken, die ihn schützten, zu verschwinden. Doch dann legte sich seine Niedergeschlagenheit wieder. Denn unglaublich süße, zarte und sehnsuchtsvolle Klänge erfüllten die Umgebung mit neuem Leben. Tränen stiegen dem Herrscher in die Augen und jäh richtete er sich auf.
So war es um den höchsten Inka bestellt: Entblößt seiner königlichen Macht, wahrte er dennoch seine majestätische Würde. Etwas dickleibig und mit silbergrauen Schläfen sah er noch immer eindrucksvoll aus, auf dem Kopf trug er den königlichen llautu. Das war ein vielfach gefalteter, buntfarbiger Turban und eine Art Netz – aber von Scharlachfarbe –, in dem zwei Federn eines sehr seltenen Vogels, Coraquenque genannt, aufrecht standen. Sie waren das auszeichnende Merkmal der Königswürde. Die Vögel, von denen diese Federn stammten, fand man in einer Wüste zwischen den Bergen. Es stand Todesstrafe darauf, sie zu töten oder zu fangen, da sie zu dem ausschließlichen Zweck dienten, den königlichen Kopfputz zu zieren. Jeder Fürst erhielt bei seiner Thronbesteigung ein neues Paar dieser Federn und seine leichtgläubigen Untertanen glaubten gern, dass es überhaupt nur zwei Geschöpfe der Art gegeben habe, um diesen einfachen Schmuck der Inkakrone zu liefern. Der bronzefarbene, muskulöse Körper des Herrschers steckte in einem unku, einem Hemd aus feinster Baumwolle. Das Gesicht, von tiefen Ringen um die Augen und markanten Zügen gekennzeichnet, die von der Last der jahrzehntelangen Regierung stammten, war abgemagert und bleich: Indiz für die Schwere der Krankheit, die ihm zusetzte und ihn quälte.
Huayna Cápac lauschte ergriffen der erhabenen Musik, die ihm Tränen in die Augen getrieben hatte und begann zu lächeln. In diesem Augenblick trat Vaylla Visa, der Villac Umu oder Hohepriester, erneut ein. Er war, was Rang und Stellung anbelangte, der zweithöchste Würdenträger des Reiches.
„Tucuy Jallpa, deine würdevolle Gemahlin, bittet um die Erlaubnis, einzutreten, oh Sapan Apu!", sagte er unterwürfig. „In ihrer Begleitung befindet sich ein angesehener icturi callavaya, also ein Heilkundiger."
„Sag ihr, dass sie eintreten soll, der Heilkundige mag noch warten. Ich fühle mich wohl."
Tucuy Jallpa, die Mutter des Prinzen Atahuallpa, war noch jung an Jahren und hatte es verstanden, nicht nur ihre körperlichen Vorzüge zu bewahren, sondern auch ihre außergewöhnliche Schönheit. Sie war groß und schlank, hatte ausdrucksvolle, schwarze Augen und offene, geistreiche Züge. Stolz trug sie die sittsam um den Hals geschlungene supaya colla und die rote borla, das Abzeichen der königlichen Würde. An den Armen, Ohren und auf der Brust gewahrte man den königlichen Schmuck, der im ganzen Reich nichts seinesgleichen hatte. Der angallo, das baumwollene Kleid, das sie unter ihrer Mantille anhatte, wurde von einem geschmackvollen und bunten Gürtel gehalten und war mit Verzierungen und extra für sie von den königlichen Weberinnen entworfenen Zeichnungen versehen.
„Sinchij munasquy, Sapan apu – mein geliebter und einzigartiger Herr!, flüsterte die Gemahlin des Inka, indem sie sich neben seinem Lager auf die Knie niederließ, kaum dass der Hohepriester den Raum wieder verlassen hatte. „Hier bin ich und glücklich, an deiner Seite weilen zu dürfen.
„Hörst du dieses Lied, meine geliebte Gemahlin? Es kommt mir so vor, als brächte es den sanften und traurigen Hauch des Windes, der um die eisigen Gipfel von Huascarán weht. Dann wieder erinnert es mich an die süßen Gesänge der Sonnenjungfrauen. Setz dich und hör zu, munascuy vamra varmillay – meine angebetete Gemahlin. Da sind auch winzige und hurtige Vögelchen, die hier herumflattern und mit überirdischen Stimmchen zu singen scheinen."
„Mein geliebter Gatte und Herr, höre mich! Großer Schmerz drückt auf mein Herz und meine Seele ist betrübt, dich so niedergeschlagen und krank zu sehen."
„Oh, hast du vergessen, dass ich der Inka bin? Es gibt kein Übel auf dieser Welt, das nicht von Viracocha gesandt wird und das ich nicht besiegen könnte."
„Das ist wahr, mein Herr, aber ich bin deine Gemahlin und als solche sorge ich mich um deine Gesundheit", entgegnete die colla, tapfer bemüht, die aufsteigenden Tränen niederzukämpfen.
„Das brauchst du nicht, antwortete der Inka, indem er stolz lächelte. „In meinem Alter ist es ganz natürlich, dass man sich müde fühlt, das ist alles.
„Incallay, hör mir zu, ich bitte dich! Da ist ein icturi callavaya aus dem fernen Süden. Er trägt eine chuspa bei sich, die mit Erfahrung und Medizin gefüllt ist. Bitte, lass ihn dich untersuchen, damit er feststellen kann, was dir so zusetzt."
„Wer weiß wohl mehr, der calparicuc, also der Wahrsager des Reiches oder ein einfacher Quacksalber?"
„Munasquy chachallay, mein geliebter Gemahl, ich bitte dich..."
„Ist gut, meine geliebte Frau ... Er mag kommen, doch nicht sogleich – zuerst verlangt es mich, mit meinen Kindern zu sprechen. Als er Bestürzung in den Zügen seiner zweiten Gemahlin zu erkennen glaubte, beeilte er sich, hinzuzufügen: „Ich spreche von Atahuallpa und Cora Vayara.
„Sie ist nicht deine Tochter. Warum versteifst du dich gerade auf sie? Als ob du nicht genügend andere natürliche Töchter hättest, unter denen du wählen könntest!"
„Ich habe sie als Gattin für Atahuallpa vorgesehen und nur deshalb habe ich sie unter meinen königlichen Schutz genommen, erwiderte der Inka geduldig. „Ich habe mich längst daran gewöhnt, sie Tochter zu nennen.
„Vielleicht war es aber nicht besonders klug, bestimmten Ereignissen vorzugreifen, Napa rumakunaj inkan", wandte sie ein.
„Was willst du damit sagen?"
„Bald wirst du es erfahren, aber nicht von mir ... Tucuy Jallpa wandte sich ab. „Ich höre Schritte, vielleicht kommen sie gerade.
*
Zweifellos hatte Huayna Cápac Cora Vayara als Tochter angenommen und zur zukünftigen Gattin Atahuallpas bestimmt, weil sie schon damals sehr schön war. Die harmonischen Gesichtszüge und das körperliche Ebenmaß verliehen ihr eine würdevolle Ausstrahlung, dazu kamen hervorragende menschliche Tugenden: Sie war liebenswürdig und gutherzig, gerecht und verständnisvoll, vernünftig und anspruchslos.
Das Mädchen lehnte gerade an einem mächtigen Maulbeerfeigenbaum im königlichen Park, direkt am Ufer eines friedlich murmelnden Baches und schien in Träumen versunken. So wie sie aussah, konnte man verstehen, dass kein Mann an ihr vorbeigehen konnte, ohne sich nach ihr umzudrehen: groß, schlank, von heller und straffer Haut, mit schwarzem und glänzendem Haar. Ein ovales Gesicht mit sanften und perfekten Linien, große, dunkle und träumerische Augen, leicht ausgeprägte Backenknochen, großzügige und vielversprechende Lippen machten sie zu einer außergewöhnlichen Erscheinung. Cora Vayara war einfach gekleidet und hatte dennoch die Ausstrahlung einer Prinzessin; ihre Lieblingsfarbe schien weiß zu sein.
Irgendein Kummer schien auf der Seele des Mädchens zu lasten, denn bedrückt verfolgte es das Spiel der Wellen in dem Rinnsal zu seinen Füßen. Eben hatte ihr Vaylla Visa, ihr leiblicher Vater, im Auftrag Huayna Cápacs mitgeteilt, dass sie unverzüglich zum allmächtigen Gebieter kommen solle. Sie konnte sich denken, weshalb, deshalb seufzte sie. Da vernahm sie ein kaum wahrnehmbares Geräusch hinter sich und wandte sich erschrocken um. Doch sofort erhellte ein Ausdruck von Glück ihre sorgenvolle Miene.
„Manco Llautuc, mein Liebster!", flüsterte sie und breitete ihre Arme aus.
Der Ankömmling ließ sich auf die Knie fallen, fasste ihre Hände und küsste sie inbrünstig. Der junge Mann sah ausgesprochen gut aus, er hatte ein schönes und männliches Gesicht und einen muskulösen, kräftigen Körper. An den Ohren trug er große Ringe, Zeichen königlichen Geblütes.
„Die Sonne, unser gemeinsamer Vater, möge dich segnen, weil sie mir erlaubt hat, dich hier aufzusuchen, liebste Cora Vayara, flüsterte Manco Llautuc zärtlich. „Ich erhielt deine Botschaft und bin sogleich gekommen, zitternd vor Glück und Hoffnung. Leg deine Hand auf mein Herz und du kannst dich davon überzeugen.
„Oh, Manco Llautuc, Geliebter!", schluchzte das Mädchen.
„Warum weinst du, meine Liebe?, fragte er erstaunt. „Gibt es schlimme Neuigkeiten?
Da berichtete sie von dem Auftrag, den Vaylla Visa ihr übermittelt hatte und beide wussten, was der Wunsch des höchsten Gebieters, gemeinsam mit Atahuallpa vor ihm zu erscheinen, bedeutete.
„Verstehst du nun, weshalb ich weine?, fragte Cora Vayara und erwiderte den liebevollen Händedruck des offenbar sehnlichst Erwarteten, während große Tränen über ihre Wangen liefen. „Dies ist das Ende unserer Liebe, unserer süßen Träume. Bereits in diesem Augenblick wären wir des Todes, falls uns Atahuallpa oder sein Vater hier überraschen würde. Man würde uns unverzüglich im Opferraum von Huanacauri hinrichten.
„Ich weiß, ich weiß, entgegnete der Jüngling bewegt. „Aber ich will dich nicht verlieren! Das Wort ‚Trennung‘ ist noch grausamer als das Wort ‚Tod‘!
„Mein armer Liebster! Ich verstehe deinen Schmerz, denn ich teile ihn mit dir. Aber wir können nichts dagegen tun. Die Macht des Inka ist zu groß! Sein Wille und sein Gesetz sind einfach unanfechtbar."
„Wirst du ... Atahuallpa heiraten?"
Cora Vayara richtete sich jäh auf, trotzig und etwas überheblich. Nein, einen Mann, den sie nicht liebte, wollte sie nicht heiraten. „Nein, ich werde die Aufnahme ins aclahuasi, ins Haus der Sonnenjungfrauen, beantragen. Ich werde den Inka selbst darum bitten. Mein Vater hat versprochen, sich gleichfalls für mich einzusetzen."
„Bei allem Verständnis, nein!, flüsterte Manco Llautuc. „Das würde bedeuten, dass du dem Leben für immer verschlossen bliebest. Ich würde dich niemals wiedersehen, das wäre noch schlimmer als der Tod!
„So mögen unsere beiden Seelen am Trennungsschmerz sterben, stieß Cora Vayara weinend – jedoch unglaublich zärtlich – hervor. „Es gibt keine andere Möglichkeit! Und jetzt, mein Liebster, sagen wir uns ‚Auf Wiedersehen!‘ für immer. Wir müssen auseinandergehen. Ich werde die Erinnerung an dich als einzigartig und unauslöschlich bewahren. Lebe wohl!
„Nein, nein, nein!, widersprach Manco Llautuc trotzig und vom Schmerz gepeinigt. „Ich werde dich nicht gehen lassen! Ich werde dem Tod widerstehen, damit du meine Frau werden kannst! Ich folge dir bis ans Ende der Welt, um dich wiederzufinden und niemand, auch nicht der Inka, wird uns jemals wieder auseinanderbringen.
Aber Cora Vayara hörte ihn schon gar nicht mehr. Mit Gram im Herzen und tränenüberströmten Gesicht war sie blitzschnell davongehuscht und mühte sich, rechtzeitig am Königspalast einzutreffen.
„Cora Vayara!"
Eine befehlsgewohnte, herrische Stimme gebot ihr Einhalt. Sie brauchte sich nicht erst umzusehen, um zu wissen, dass es Atahuallpa selbst war, der da rief. Und er war es tatsächlich. Der hochgewachsene und athletisch gebaute Prinz hatte ein jugendliches und dennoch schon markantes Gesicht und war verschwenderisch gekleidet und geschmückt. Eine Gruppe junger Höflinge begleitete ihn: Freunde, mit denen er Muße und Vergnügen gleichermaßen teilte.
In dem llautu aus feingewebter Wolle mit farbigen Zeichnungen und goldenem Schmuck steckten prächtige Coraquenque-Federn, die seine hohe Stellung als Erbprinz symbolisierten. Um die Schultern trug er einen eindrucksvollen Umhang aus feinstem Vikunjafell, der farbig bestickt war und verschiedene Tierkörper reflektierte. Seine ganze Erscheinung strahlte außergewöhnliche Vornehmheit und Würde aus.
Der Inkaprinz stand nun vor ihr. Sein Blick war eindringlich und leidenschaftlich zugleich. Cora Vayaras schlanker und attraktiver Körper schien ihm zu gefallen, ganz offensichtlich spielte er bereits mit dem Gedanken, ihn zu besitzen und seiner Lüst zu unterwerfen. Der Ausdruck seiner unergründlichen schwarzen Augen ließ in diesem Moment keinen Zweifel daran, was in ihm vorging.
Atahuallpa lächelte. Wie seine Augen so strahlte auch sein Lächeln Arglist und Wollust aus. Er machte auch gar keinen Hehl daraus, doch diese Dinge mochten warten. Er vollführte eine ungeduldige Handbewegung, ganz so, als wolle er damit sagen, dass es sich nicht lohne, Gedanken an eine etwaige Eroberung des Mädchens zu verschwenden, sie war ohnehin nur für ihn bestimmt.
Der Prinz nahm Cora Vayara bei der Hand; so begaben sie sich, äußerlich ganz einträchtig, zu den Privatgemächern des großen Herrschers. Sein Gefolge bewahrte respektvollen Abstand, doch folgte es dem Paar.
*
Die Begegnung war bitter und frustrierend verlaufen. Erschöpft und mit geschlossenen Augen ließ sich Huayna Cápac zurück auf sein Lager gleiten. Dicht neben ihm stand Atahuallpa, hoch aufgerichtet und mit starrem Gesichtsausdruck. Nichts in seinen Zügen sagte etwas darüber aus, was in ihm vorging. Auch für ihn war es eine schmerzliche Szene gewesen, er hatte eine große Enttäuschung erlitten. Lediglich der Respekt vor seinem Erzeuger hatte ihn zurückgehalten, seiner Wut und seinem Zorn nachzugeben.
Auf der anderen Seite des Bettes saß Cora Vayara zusammengekauert wie ein Häufchen Elend und weinte. Sie weinte nicht nur wegen des traurigen Schicksals, das sie erwartete, sondern weil sie wusste, dass sie ihren Liebsten nun endgültig verloren hatte. Diese Tatsache kam ihr so vor, als ob sie in der Blüte ihrer Jahre ihr Todesurteil vernommen hätte. Der Inka hatte ihre Unterbringung im aclahuasi der ñustas, der Sonnenjungfrauen, verfügt. Das bedeutete, dass sie Manco Llautuc, ihrem Geliebten, auf immer und ewig entsagen musste.
Überraschenderweise ruhte der Inka vollständig unbeweglich auf seinem Lager, wobei er nur mühsam atmete. Die hoch entwickelte Medizin der Inkas vermochte es zu diesem Zeitpunkt zwar, tödliche Verletzungen zu heilen, Gliedmaßen zu amputieren, komplizierte Schädelbohrungen vorzunehmen und auch andere Operationen mit Erfolg durchzuführen, zu denen man damals in Europa noch nicht einmal annähernd in der Lage gewesen wäre, doch sah man sich außerstande, schwerwiegende innere Krankheiten – etwa solche des Herzens – oder gar Seuchen wie die Pest, an der der Herrscher offenbar erkrankt war, zu behandeln. Man arbeitete lediglich mit gewissen Heilkräutern, die es ermöglichten, die Kranken möglichst lange bei Bewusstsein zu halten.
„Cora Vayara, meine entzückende Jungfrau der Sonne, du kannst gehen", flüsterte der Inka, schlug die Augen wieder auf und legte seine ermattete Hand auf den Kopf des jungen Mädchens. „Der Vaylla Visa wird dafür Sorge tragen, dass sich dein Wunsch nach Aufnahme ins aclahuasi erfüllt. Glaube mir, dass es mir sehr schwer fällt, deinen Entschluss zu akzeptieren, denn der größte Wunsch meines Lebens war es, dich als Gemahlin an der Seite meines churillay, meines Sohnes, zu sehen. Aber ich habe dem Priester versprochen, niemals meinen königlichen Willen durchzusetzen, falls du einen schwerwiegenden Grund geltend machen kannst, um dich meinen Plänen zu widersetzen. Das ist in diesem Fall der Wunsch, eine ñusta, eine Jungfrau der Sonne, zu werden. Wie sehr beneide ich die Sonne, unseren gemeinsamen Vater, um das wundervolle Geschenk, das du ihr damit bereitest!"
Cora Vayara konnte kein einziges Wort erwidern. Stattdessen drückte sie sanft die Hand ihres obersten Gebieters und küsste sie zärtlich. Atahuallpa, der den Vorgang aufmerksam verfolgt hatte, wurde bleich vor Zorn – angesichts seiner offensichtlichen Ohnmacht ballte er die Fäuste. Wenn Blicke töten könnten, hätte er das Mädchen, das sich damit seinen persönlichen Wünschen und Lüsten versagte, in diesem Augenblick erdolcht. Ihm war klar, dass keine Macht der Erde den regierenden Inka von seinem Entschluss abzubringen vermochte, falls er weiterleben sollte.
Hastig verließ das Mädchen das Zimmer. Atahuallpa schickte sich an ihr zu folgen, als ihn die Stimme seines Vaters daran hinderte: „Atahuallpa, churillay, komm, setz dich neben mich und hör mir zu! Ich muss mit dir sprechen. Ich fühle, dass mich unser Vater im Himmel zu sich rufen will. Nein, du brauchst nicht zu erschrecken, vielleicht hat das ja noch etwas Zeit, aber du musst mir aufmerksam zuhören."
Mühsam beherrschte sich der Prinz und unterdrückte seinen Ärger. Liebe, Ehrfurcht und Respekt zwangen ihn, sich dem Vater zu fügen. Er sandte Cora Vayara einen wütenden Blick nach, dann setzte er sich folgsam mit gekreuzten Beinen auf den flauschigen Teppich neben dem Bett seines Vaters. Er wusste, dass sein Vater nun mit ihm über die Nachfolge sprechen würde. Diese Erkenntnis verbannte Cora Vayara einstweilen aus seinen Gedanken.
Huayna Cápac begann zu sprechen. Wieder hielt er die Augen geschlossen, um die Erinnerungen zu beschwören. Die Geschichte der Inkas musste den Söhnen von den Vätern überliefert werden, das verlangte die Tradition. Weit holte der Inka aus, gemächlich – jedoch eindringlich und auch wertend – sprach er von den Ereignissen der Vergangenheit. Er beschönigte nichts und stellte alles so objektiv dar wie nur möglich. Dabei gestand er sogar den einen oder anderen Fehler ein, wie wenn es sich bei ihm nicht um den Sonnengott, sondern um einen gewöhnlichen Sterblichen gehandelt hätte.
„Es gibt viel Überliefernswertes", sagte er. „Heldentaten zumeist, die man sich im yachahuasi erzählt, um unsere glorreiche Vergangenheit in Ehren zu halten. Du kennst sie bereits, du hast von unseren göttlichen Ursprüngen und der Eroberung barbarischer Völker gehört, du weißt, was deine Vorfahren Großes geleistet haben, um unsere Länder in Besitz zu nehmen, zu besiedeln und das Reich zu gründen, das rasch zu einem der wohlhabendsten und geordnetsten der Erde geworden ist. Und du kennst auch unsere weisen Gesetze auswendig, die das Leben in unserer Gesellschaft bestimmen und regeln. Ohne sie würde die ganze Organisation, vor allem aber die Verwaltung des Reiches, zusammenbrechen, das brauche ich nicht zu betonen. Doch im Folgenden möchte ich dir von mir, deinem Vater, erzählen. Du sollst auch von Dingen hören, die in den historischen Annalen von yachahuasi noch keine Aufnahme gefunden haben."
Huayna Cápac, dessen Name soviel wie „Junger Mann, der zu kühnen Heldentaten befähigt ist" bedeutete, war der Sohn des Túpac Yupanqui, eines stets unruhigen und kämpferischen Inkaherrschers, dessen einziges Trachten darauf gerichtet war, den Glanz des Reiches zu mehren und seine Ausdehnung zu vergrößern. Túpac Yupanqui hatte an verschiedenen Feldzügen seines Heeres auf dem Königsweg der Inkas teilgenommen, bei denen neue und reiche Gegenden erobert wurden. Dieser Königsweg war in der Zeit des großen Pachacutec, eines anderen großen Inkaherrschers, entstanden, als er über unwegsame Berge zog und Schluchten und Täler überwand, wobei ihn auch die schaurigsten Abgründe nicht abhalten konnten, sie auf unsicheren, rissigen Brücken zu überqueren. Er folgte damals dem natürlichen Verlauf der Kordilleren, bis er in das Gebiet der furchterregenden chachapoyas gelangte, das etwa 400 Meilen nördlich von Cuzco lag, der Hauptstadt des Reiches.
„Túpac Yupanqui sandte mir einen chasqui. Er wollte mich in Tumebamba erwarten, wo sich auch 12.000 weitere Krieger, unter ihnen unsere tapfersten, einfinden sollten."
„Wie alt warst du damals, tatallay, mein Vater?", wollte Atahuallpa wissen.
„Zwanzig Jahre ... Es war nicht der Erstgeborene, den dein Großvater am meisten schätzte, der insgesamt fünf eheliche Söhne und mehr als 200 uneheliche Kinder hatte, sondern ich war derjenige, den er bevorzugte, weil ich nach seiner Ansicht dazu ausersehen war, aufgrund besonderer Eigenschaften, unser Volk zu regieren."
„Viracocha hat dir einen klaren Verstand verliehen, das bezeugt dein Lebenswerk."
„Verschwende keine Mühe darauf, mir zu schmeicheln, churillay! Ich kann deine Komplimente nicht mehr erwidern. Und jetzt höre weiter: Ich war verheiratet mit Rava Ocllo, einer jungen Schönheit vom edlen Volk der Inkas, die ich sehr geliebt habe. Aus Gründen der Staatsraison benötigte ich einen tüchtigen Erben, doch die unglückselige Rava Ocllo war nicht in der Lage, meinen diesbezüglichen Wunsch zu erfüllen. Dem Gesetz musste aber Genüge getan werden, einem in vielerlei Hinsicht gerechten, aber auch unerbittlichen Gesetz. Und dieses Gesetz sah für unfruchtbare Frauen den Tod vor.
Niemals in meinem Leben habe ich so viele Tränen vergossen als in jenem Augenblick, als ich den schrecklichen Befehl erteilen musste", murmelte der Inka und die schmerzliche Erinnerung drohte ihn zu übermannen; müde schloss er die Augen. „Aber als regierender Inka musste ich mich den heiligen Bräuchen beugen und so gehorchte ich Viracocha, wenn auch äußerst schweren Herzens. Ich glaubte, schier wahnsinnig zu werden, als ich sie dann leblos in ihrem Blute auf den Opfersteinen liegen sah. Eine andere Frau, die nicht so schön wie Rava Ocllo war, aber dem Prinzessinnengeschlecht der Inkas entstammte, nahm dann den Platz meiner unglücklichen Gemahlin ein.
Sie hieß Mamá Runtu und schenkte mir endlich den ersehnten Sohn, deinen Bruder Huáscar", erzählte der Kranke mit geschlossenen Augen.
Atahuallpa wäre rein äußerlich kaum anzumerken gewesen, was in ihm vorging, wäre da nicht ein verräterischer Glanz in seinen Augen gewesen, der häufig die primitivsten Leidenschaften widerspiegelte.
Huayna Cápac musste damals nach den Anordnungen seines Vaters sein Zuhause, seine Freunde und alle seine Vergnügungen aufgeben, um sich voll und ganz seiner neuen Aufgabe widmen zu können – nämlich das Heer anzuführen. Er beschloss, gleichfalls den Königsweg zu nehmen und legte dabei ausgedehnte Strecken in den Kordilleren zurück. Dieser Weg verwunderte ihn aufgrund seiner hervorragenden Anlage: Mindestens über 400 Meilen weg bewegte man sich auf mit Platten ausgelegtem, festem Boden, so dass die Angehörigen des Hofstaates, die über Sänften verfügten, etwaige Unebenheiten oder gar Erschütterungen, die durch den Transport verursacht wurden, überhaupt nicht wahrnahmen. Auf den Hochebenen kam man rasch voran, anders verhielt es sich mit dem Überwinden von Bergen und Pässen oder dem Überqueren von Schluchten oder reißenden Flüssen. Oftmals mussten geradezu senkrecht abfallende Hänge bewältigt werden, was durch geschickt herausgehauene Steige und Felstreppen etwas erleichtert wurde. Letztere boten immerhin bis zu sechs Männern oder vier mit Lasten beladenen Lamas Platz.
„Was das Überqueren von tiefen und reißenden Flüssen anbelangt", fuhr der Inka fort, „oder enge Pässe und schwindelerregende Abgründe, die es in den Kordilleren in großer Zahl gibt, so wirst du dich von der Tüchtigkeit und den großen Leistungen unserer Baumeister mit eigenen Augen überzeugen können, wenn du die Hauptstadt unseres Reiches besuchst, deren Schutzmauern aus Stein übrigens von ihren Schülern errichtet worden sind. Dabei wirst du auch die gewaltigen Hängebrücken sehen, die bis zu hundert Männer gleichzeitig zu tragen vermögen.
Natürlich gab es auch Abgründe, die nicht zu überwinden gewesen wären, weil man dort keine Brücken bauen konnte. In diesen Fällen schlugen unsere Techniker vor, gewaltige Tragkörbe einzusetzen, mit denen man jeweils vier Männer befördern konnte. Sie wurden mit Hilfe von festen Tauen bewegt und garantierten größtmögliche Sicherheit. Es ist klar, dass solche Schwierigkeiten Reisen erschwerten und verlangsamten, aber unser tapferes Andenvolk ließ sich durch nichts entmutigen, es wurde mit jeder Herausforderung der Natur fertig.
So gelangten wir an einen malerischen Ort namens Caxamalca, wo ich überraschenderweise auf hochzivilisierte Menschen stieß, die prächtige und eindrucksvolle Bauten errichtet hatten, unter denen das aclahuasi eine Sonderstellung einnahm, in dem wunderschöne Sonnenjungfrauen untergebracht waren. Es gab reiche Vorratslager und viele wohlschmeckende Früchte, von denen uns die meisten noch unbekannt waren. Was mich dort am meisten begeisterte, waren aber die Warmwasserbäder. Nach einem einzigen solchen Bad fühlt man sich nämlich wie neugeboren.
Von Caxamalca aus wurde der Königsweg wieder beschwerlicher. Dennoch ließen wir uns nicht unterkriegen und erreichten nach knapp zwei Monaten – unter großem Jubel der Bevölkerung – die Stadt Tumebamba. Ich wurde von meinem Vater auf der breiten steinernen Freitreppe seines Palastes empfangen. Túpac Yupanqui selbst hatte sie errichten lassen, in diesem Palast hatte er in den letzten Jahren seines Lebens residiert. Dort hat ihn aber auch die Krankheit befallen, der er schließlich erliegen sollte."
„Mein Vater wandte sich zu Beginn gegen die cañaris, fuhr Huayna Cápac fort. „Doch er hatte zunächst große Verluste erlitten, weshalb er nach mir gesandt hatte. Verstärkt durch meine Truppen gedachte er ihren Widerstand zu brechen. Als ich ihn fragte, ob es denn unbedingt nötig sei, solch eine tapferes, heldenmütig kämpfendes Volk zu unterjochen, sagte er: ‚Selbstverständlich, es bleibt uns gar nichts anderes übrig! Wir müssen ihr Gebiet unserem Reich einverleiben, weil es außergewöhnlich fruchtbar ist, über eine üppige Vegetation sowie reichhaltige Bodenschätze wie Gold und Silber verfügt. Aus ihren wunderschönen und riesigen grünen Edelsteinen können unsere Goldschmiede den herrlichsten Schmuck anfertigen! Ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse und das uns noch größtenteils unbekannte Obst werden unsere Küche bereichern. Und erst ihre Frauen! Sie sind schön wie Göttinnen, hellhäutig, hochgewachsen, schlank und schmalhüftig.‘ Dein Großvater war nämlich ein lebensfreudiger, kräftiger Mann und liebte die Frauen ganz besonders, weißt du!
, fügte Huayna Cápac lächelnd hinzu.
„Túpac Yupanqui war also unbedingt der Meinung, dass dieses wohlhabende Land erobert werden musste. ‚Aus all diesen Gründen‘, meinte mein Vater damals, ‚musst du, churillay, das zu Ende führen, was ich selbst nicht mehr schaffe. Zögere nicht den Feldzug anzutreten, sobald der königliche llautu deine Stirne ziert. Bedenke aber, dass es nicht darauf ankommt, ein Land in Blut und Tränen zu ersticken, das heißt mit Feuer und Schwert zu verwüsten, sondern unsere Errungenschaften und unsere Gesetze auch den Barbaren zu bringen. Nach einem Krieg sollen stets unsere Lehrer, Richter und Priester verständnisvoll und mäßigend das ihrige tun, um die Schäden zu beseitigen und das Land in unserem Sinne zu gestalten. Es ist uns bisher noch immer gelungen, eroberte Völker von unserer zivilisatorischen Überlegenheit zu überzeugen, weshalb sie sich nach einer kurzen Übergangszeit mit uns vermischten und sowohl Sprache als auch Religion und Verwaltungssystem übernahmen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass wir diese Menschen stets als gleichwertig behandelten und ihnen niemals das Gefühl von Zweitrangigkeit oder gar Diskriminierung vermittelten. Wenn der Stolz der cañaris gebrochen ist, wenn sie zu begreifen beginnen, was sie sich da einhandeln, wird es mit dem Widerstand vorbei sein. Und noch etwas ist ganz wichtig. Bedenke stets, dass die Wissenschaft nicht für das Volk bestimmt ist, sondern für die aus edlem Blut Entsprossenen. Personen niederen Standes werden durch sie nur aufgeblasen und eitel und anmaßend gemacht. Auch müssen sich solche nicht in Regierungsgeschäfte mischen, denn dies würde die hohen Ämter um ihr Ansehen und dem Staat Schaden bringen.‘"
Huayna Cápac schwieg. Dann begann er wieder: „Kurze Zeit danach ging mein Vater von dieser Welt und ich machte mich daran, seinen Auftrag zu erfüllen. Hier in Quito, in deiner unmittelbaren Umgebung, kannst du am besten sehen, wie es uns gelungen ist, seine Vorstellungen in die Wirklichkeit umzusetzen, wir leben in Frieden und Eintracht mit den cañaris. Wir leben in Reichtum und Glanz. In nur wenigen Jahren haben wir den Menschen unsere Errungenschaften vermittelt, sie haben Wohlstand und leben in Freiheit und Sicherheit."
„Oh, Sapan Apullay, mein einziger Herr, bat Atahuallpa, „erzähle mir nun von meiner Mutter!
„Dein Großvater hatte Recht", sagte Huayna Cápac und lächelte. „Die Frauen der cañaris waren wunderschön! Es war vor allem eine, die mich mit ihrer Schönheit, Anmut und Würde verrückt machte: Tucuy Jallpa, die Tochter des Königs der caras. Ich stellte rasch fest, dass ich mich heftig in sie verliebt hatte und
