Ojai, der Frosch: Geschichten aus dem Land der Zeder
Von Frank Engel
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Frank Engel
Frank Engel wurde am 17. Mai 1954 in Torgau geboren. Nach einer Schlosserlehre und dem Armeedienst, absolvierte er ein Studium als Museologe. In dieser Eigenschaft arbeitete er viele Jahre am Museum für Völkerkunde in Leipzig. Schon in seiner Kindheit interessierten ihn Geschichte und fremde Völker. Seine große Leidenschaft waren die Indianer Nordamerikas. Über Jahrzehnte sammelte er die Geschichten dieser Menschen der Nordwestküste. Mit viel Liebe zum Detail hat er sie neu erzählt.
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Buchvorschau
Ojai, der Frosch - Frank Engel
DAS LAND DER ZEDER
Das Land, wo unser Ojai vor mehr als hundert Jahren gelebt haben könnte, liegt an der Nordwestküste Nordamerikas. Es ist ein schmaler Küstenstreifen, der vom Inland durch hohe Berge abgeschnittenist. Begrenzt wird er von Südalaska und der Insel Vancouver. Im Pazifik, vor der Küste des Landes, gibt es eine Unmenge an Inseln. Eine warme Meeresströmung bewirkt ein recht mildes Klima. Es fällt aber auch sehr viel Regen.
Die unwegsame Bergkette, die schroff zum Meer abfällt, ist mit Tannen und Kiefern und eben der roten und gelben Zeder bewachsen. Die Zedern sind riesige Bäume, die eine Höhe von 40 Metern und eine Stärke von bis zu 5 Metern erreichen können.
Die Menschen, die hier leben, passen nicht in das Bild, welches man sich im allgemeinen von den Indianern macht. Oft haben die Männer kurzes Haar und auch Schnurrbärte. Die Frauen tragen lange Zöpfe.
Einen Teil des Jahres verbringen sie in Sommerlagern mit dem Sammeln von essbaren Pflanzen, Knollen und Wurzeln sowie dem Fischfang. Es werden Vorräte angelegt.
Im Winter ziehen sie in ihre, zum Teil riesigen, Plankenhäuser. Vom Zwang der täglichen Nahrungsbeschaffung befreit, fertigen sie schöne Dinge an, um ihr Leben auszuschmücken. Auf den Gebieten der Holzschnitzerei, der Malerei und der Weberei brachten sie wahre Meisterwerke hervor.
Nach der Entdeckung der Beringstraße 1728 landeten zunächst die Spanier an der Nordwestküste. Als die Gegend 50 Jahre später durch James Cook und George Vancouver kartographiert wurde, kamen Kaufleute aus aller Herren Länder. Sie brachten neben Glasperlen und Töpfen auch Handwerkszeug aus Eisen.
Die Nordwestküstenindianer sind eine Gruppe von über 50 Stämmen, die in ihrem Alltag und ihrer Kultur viele Gemeinsamkeiten haben.
Innerhalb dieser Gruppe heben sich manche hervor, die es in einem Bereich zu einer besonderen Meisterschaft gebracht haben. So waren die Haida die besten Holzschnitzer. Noch heute künden ihre Totempfähle davon. An der Küste stellten die Nootka und die Makah dem Wal aktiv nach und jagten ihn auf dem Meer, während die anderen Stämme nur auf das Stranden eines Wales hoffen konnten.
Die Decken der Chilkat, eines Unterstammes der Tlingit, sind weit bekannt. Sie werden aus Zedernbast, Hundehaaren, Bergziegenwolle und Federn gewebt. Traditionelle Muster und Farben finden hier Anwendung. All diese Stämme glaubten an Geister von Tieren, Pflanzen und Naturgewalten. Sie glaubten auch, dass die Menschen Reichtum ansammeln müssten, um ihn den höheren Mächten zu opfern.
Im Sommer trugen die Männer außer bei Festen kaum Kleidung. Die alten Männer gingen sogar nackt. Dies ist für Indianer ebenso ungewöhnlich wie der Umstand, dass sie barfuß liefen. Die Frauen hatten meist Kleider aus Zedernbast an.
Lebensgrundlage dieser Indianer ist Fang und Verarbeitung von Fischen. Lachs und Kerzenfisch wandern in riesigen Schwärmen die Flüsse hinauf, um zu laichen. Sie werden mit Reusen, Fischwehren, Netzen und Schöpfkörben gefangen. Überall hängen im Sommer Lachse auf Trockengestellen.
Die Indianer glaubten, dass die Lachse zauberkundige Menschen aus einem Dorf im Meer seien. Als Lachse brachten sie den Menschen Nahrung. Wenn man sie verspeist hatte, gingen ihre Geister ins Meer zurück. Neben dem Lachs und dem Kerzenfisch wurden auch Heilbutt und Hering in Massen gefangen.
Die Wintersesshaftigkeit ermöglichte es den Indianern, recht angenehm zu leben. Ihre Häuser wurden aus Zedernplanken erbaut, die an den Kanten übereinander lagen. Verbunden wurden sie mit Fichtenrindenstreifen. Die großen Häuser konnten bis zu zehn Familien beherbergen. Von außen sind die Häuser oft mit Tiergestalten oder Menschenabbildungen bemalt. Manchmal sind Monstergestalten zu sehen, in deren Maul die Tür eingelassen ist.
Im Inneren sind die Pfosten oft reich verziert. Es gibt Regale mit Vorräten und Gebrauchsgegenständen. Diese sind meist schön gestaltet und mit Tiergestalten oder Fabelwesen verziert.
Die Kanus wurden aus Zedern gefertigt. Sowohl die kleinen Jagdkanus, die 3 Mann fassten, als auch die etwa 10 Meter langen Transportkanus sowie die bis zu 17 Meter langen und mit Segeln aus Zedernbast bestückten Reisekanus, welche neben 2 Tonnen Last auch noch 37 Menschen aufnahmen, waren aus je einem einzigen Stamm geschnitten.
Am bekanntesten sind wohl die bis zu 30 Meter hohen Totempfähle. Mit ihren übereinander gestapelten Tier-, Menschen- und Geistergestalten stellten sie den Rang und die Herkunft ihres Besitzers dar.
Wer reich war, genoss großes gesellschaftliches Ansehen. Um diesen Reichtum messen zu können, gab es drei allgemein anerkannte Wertmaßstäbe. Zum einen waren es Decken (Blankets), welche einen festen Geldwert hatten, dann sogenannte Kupfer und Sklaven.
Die Kupfer waren schwere schildartige Gegenstände, welche graviert und bemalt waren. Ein jeder hatte einen Namen und wurde als Zeichen großen Reichtums weiter vererbt. Es kam vor, dass für einen solchen Kupfer über 7000 Blankets oder 10 Sklaven gezahlt wurden.
Die Sklaven waren weniger wegen ihrer Arbeitskraft so wertvoll, sondern weil ihr bloßes Dasein anzeigte, dass ihr Besitzer so reich war, Sklaven zu halten. Er konnte Sklaven auch töten und neue kaufen.
Will ein Häuptling sein Ansehen mehren, so richtet er ein Potlatch aus. Hier werden, im Rahmen eines üppigen Festes, Reichtümer zerstört. „Weggeben" nennen es die Indianer. Nachdem in Fülle Speisen gereicht, gesungen und getanzt wurde, begann das Zerstörungswerk. Decken wurden verbrannt,
Öl ins Feuer gekippt, man zerschlug Kanus und zerbrach Kupfer. Im Rausch der Vernichtung wurden auch Sklaven getötet.
Alle Stämme der Nordwestküste verehren bestimmte Wesen, die ihnen, nach ihrem Glauben, ihre Kultur und Lebensweise gebracht haben. War es bei den Tlingit der Rabe Jelch, welcher den Menschen die Sonne, den Mond, die Sterne und das Feuer brachte, so leiten sich die Haida von Adlern und Raben ab. Glaubt man den Legenden, so wurde ein Geheimbund der Kwakiutl von einem Menschenfressergeist gegründet. Die Indianer der Nordwestküste hatten keine größeren Streitigkeiten mit den weißen Eindringlingen auszufechten. Sie trieben Handel, schickten ihre Kinder auf Schulen und gründeten Genossenschaften zum Fang von Fisch und dessen Verarbeitung.
Heute fahren sie mit großen Schiffen aufs Meer hinaus.
DER BÄR UND DER ZAUNKÖNIG
Der Zaunkönig hatte sich aus dem Zweig einer Zeder und einem winzigen Stück Kupfer einen ganz ordentlichen Speer angefertigt. Da war er dann auch sehr stolz drauf.
„So, Frau, sagte er, „ich werde mich jetzt auf die Jagd begeben.
Die Zaunkönigin lächelte gutmütig. Ach, dachte sie bei sich, was wirst du tapferer, kleiner Kerl mit deinem winzigen Speer schon erlegen. Um Fliegen und Würmer zu jagen, ist doch dein Schnabel Waffe genug.
Der Zaunkönig kam an einen See mit klarem Wasser. Dicht am Ufer wimmelte es nur so von silbrig glitzernden Fischen. Ja, der Zaunkönig stemmte entschlossen die Flügel in die Hüften, solch einen Fisch werde ich mir fangen!
Da stand plötzlich wütend brummend ein sehr erwachsener dicker Bär vor ihm.
„He, Zaunkönig, was suchst du hier? Mach gefälligst, dass du wegkommst!" „
Alter Brummbär, entgegnete der Zaunkönig,
sei mal nicht so unfreundlich an diesem schönen Tag! Lass uns hier an diesem schönen See doch lieber gemeinsam fischen."
Der Bär ließ sich aufs äußerste verblüfft und geräuschvoll auf sein breites Hinterteil fallen.
„Was denn? Wie denn? Fischen willst du?!", fragte er und schüttelte ungläubig seinen dicken Schädel.
„Hier an meinem See willst du fischen?!"
„Dein See ? Ich höre wohl nicht richtig?!", protestierte der kleine Zaunkönig. „
Dieser See gehört allen. Niemand, auch du mit deinem Maul voller Zähne und deinen großen Tatzen nicht, kann mir verbieten, hier zu fischen!"
„Wage es nicht!", drohte ihm der Bär mit erhobener Pranke.
Der Zaunkönig zeigte ihm einen Vogel.
„Lass mich in Ruhe, sagte er sehr aufgebracht, „ich habe heute nämlich noch nicht gefrühstückt.
Dann trat er mit seinem Speer entschlossen an das schattige Ufer des Sees.
Da hieb der große, dumme Bär wütend mit seiner Pranke nach ihm. Der Zaunkönig aber sprang flink zur Seite. Sein neuer Speer freilich lag zerbrochen im Gras.
Ärgerlich ging der Zaunkönig daran, sich einen neuen Speer zu schnitzen. Als er schon wenig später wieder an den See kam, wartete der Bär bereits auf ihn. Er zerbrach auch den zweiten Speer des Zaunkönigs und warf die Stücke lachend ins Wasser.
Dem dritten, dem vierten, dem fünften, dem sechsten und dem siebenten Speer erging es nicht anders.
Der Zaunkönig aber gab nicht auf!
„Dieser dumme Bär glaubt wohl, dass er sich alles erlauben kann, weil er ein Stückchen größer ist als ich!", schimpfte der Zaunkönig vor sich hin, als wäre er ein Rohrspatz.
Es wurde bereits Abend, als der inzwischen sehr hungrige kleine Kerl mit seinem achten Speer an das Ufer des Sees kam.
Der Bär war noch immer dort. Er lachte höhnisch, als er den Zaunkönig kommen sah.
„He, Freund Zaunkönig, mir scheint, unser kleines Spielchen macht dir so richtig Freude!"
Doch dem Zaunkönig gefiel das böse Spiel überhaupt nicht, was man ja wohl verstehen kann. Ganz im Gegenteil!
Als der Bär auch den achten Speer zerbrochen in den See warf, wurde der Zaunkönig so richtig wütend. Noch nie in seinem Leben war er so wütend gewesen! Und seine Wut machte ihn zum Helden.
