Über dieses E-Book
Was würdest Du tun, wenn das Kind, das Du zur Welt bringst, Dein schlimmster Feind ist?
Für die Amazone Raván sind Männer halbe Tiere und gefährliche Feinde. Doch als sie wider Erwarten einen Sohn bekommt, bringt sie es nicht über sich, ihn zu töten. Durch die Liebe zu dem Jungen gerät ihre Welt aus den Fugen, und sie muss allen Mut und Klugheit aufbringen, um das Leben ihres Kindes zu retten.
Inspiriert durch den griechischen Amazonen-Mythos und die skythischen Kriegerinnen-Gräber in der zentralasiatischen Steppe entwickelt Stefanie Philipp ein faszinierendes Bild des kämpferischen Frauenvolkes. Welche Überzeugungen und Bräuche könnten diese Frauen entwickelt haben, um in einer feindlichen Umgebung zu bestehen? Und in welche Konflikte hätten diese sie gestürzt?
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Rezensionen für Der Sohn der Amazone
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Buchvorschau
Der Sohn der Amazone - Stefanie Philipp
Kapitel: Sie sind keine Menschen
Raván
„Sie sind keine Menschen, pflegte Banou stets zu sagen, „aber sie sind Geschöpfe der Großen Mutter, und darum müssen wir sie achten.
Beim Anblick der beiden Gestalten, die ihre Pferde am einzigen Wasserloch weit und breit tränkten, fielen Raván diese Worte ihrer Mutter wieder ein. Doch sie verspürte keine Achtung. Jedes andere Geschöpf der Großen Mutter wäre ihr lieber gewesen, sogar ein Rudel Wölfe. Die griffen nur an, wenn sie Hunger hatten, und ihre Zähne schlugen nicht so tiefe Wunden wie die Schwerter der Menschenwölfe. Vierbeinige Wölfe konnte sie einschätzen.
Vor zwei Wochen hatte es zum letzten Mal geregnet, ein Abschiedsgruß des Frühlings, sanft wie ein Kuss. Seitdem war der Himmel über der Steppe blank gefegt und die Sonne brannte herab. Die Blüten welkten dahin, das Gras verblich und die schwingende Erde unter den Hufen der Pferde hatte sich zu Stein verwandelt. Die kleinen Bäche und Rinnsale, die das Land wie Lebensadern durchzogen hatten, waren ebenso schnell verschwunden, wie sie zu Beginn des Frühlings aufgetaucht waren. Nichts blieb von ihnen zurück als schwarzschlammige Furchen und Gräben. Der Sommer war keine gute Zeit, um in der Steppe unterwegs zu sein. Eine kluge Frau konnte zwar die Zeichen deuten und überall Wasser finden, doch die wenigen verbliebenen Wasserstellen zogen allerlei Plagegeister und Raubtiere an - auch die zweibeinigen Räuber.
Raván verlagerte das Gewicht im Sattel und ihre Stute blieb stehen. Neben ihr zügelte ihre Tochter Hastee das Pferd. Raván schob das rote Stirnband zurück, das ihre langen, dunklen Haare aus dem Gesicht hielt, und wischte sich den Schweiß aus den Augen.
„Wohin jetzt?", fragte das Mädchen beim Anblick der Menschenwölfe. Ihre Stimme zitterte.
„Zum Wasser natürlich", antwortete Raván und lächelte ihr zu.
Sie war eine Freie Frau, und obwohl die Zeit des Herbstfriedens noch fern war, gab es keinen Grund, sich vor zwei Menschenwölfen zu verstecken. Zumal das bedeutet hätte, auf Wasser zu verzichten. Ihre Hand glitt über den Köcher an ihrem Gürtel, der den Hornbogen und die Pfeile enthielt. Alles war an seinem Platz. Sie konnte die Begegnung wagen. Sie kniff die Augen zusammen, und versuchte zu erkennen, wie die Menschenwölfe bewaffnet waren. Da spürte sie einen Tritt in ihrem Bauch, so als wollte die ungeborene Tochter in ihrem Leib sie aufmuntern. Sie lachte.
„Komm", sagte sie zu Hastee.
Sie gab ihrem Pferd mit dem Zügelende einen Schlag auf den Hals und ritt auf die Wasserstelle zu.
Die Menschenwölfe standen breitbeinig auf der anderen Seite der Wasserlache und schauten ihnen entgegen. Ein Wimpernschlag nur, und Raván wusste, was sie wissen musste. Es waren ein Wolf und ein halbwüchsiger Welpe. Der Wolf trug eine einfache Streitaxt am Gürtel, und beide waren sie mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Ihre Pfeile waren kurze Jagdpfeile und an einem Sattel baumelten drei Murmeltiere. Jäger also. Aber Raván wusste, dass Menschenwölfe immer gefährlich waren, selbst wenn sie nur auf der Jagd nach Murmeltieren waren.
„Milch und Fleisch!, grüßte der Ältere und öffnete die Arme. „Das Wasser reicht für uns alle.
„Fleisch und Milch!, antwortete Raván. Und obwohl ihr diese erzwungene Gemeinschaft zuwider war, wiederholte sie. „Das Wasser reicht für uns alle.
Der Welpe verschwand zwischen den beiden Pferden, und als er wieder hervor trat, trug er zwei leere Wasserschläuche in den Händen. Raván runzelte die Stirn. War das nur ein Vorwand, um länger zu verweilen? Ihre Pferde hatten die beiden bereits getränkt, das hatte sie aus der Ferne gesehen. Warum brachen sie nicht auf? Hofften sie auf einen Augenblick der Unachtsamkeit, um die Frauen zu überfallen? Der Welpe mochte in Hastees Alter sein, sein Gesicht war glatt und offen, aber was hatte das schon zu sagen, bei einem Menschenwolf. Sein Begleiter war ebenfalls noch jung, doch sein Gesicht war bereits aufs Widerlichste mit Haaren zugewuchert. Die Menschenwölfe mochten auf zwei Beinen gehen, Verstand, Hände und eine Stimme besitzen wie die Töchter der Großen Mutter, aber diese Haare im Gesicht waren für Raván das untrügliche Zeichen ihres Wolfsblutes. Sie waren halbe Tiere, Tiere von großer Verschlagenheit, der gefährlichste Feind der Freien Frauen.
Bei näherem Hinsehen fand Raván jedoch, dass diese beiden eher erbärmlich als gefährlich erschienen. Das Leder der Köcher war alt und brüchig, und die Waffen, die daraus hervorschauten, sahen kaum besser aus. Sowieso waren Pfeil und Bogen und die schartige Axt ihre einzigen Waffen. Das Schwert, auf das die Menschenwölfe im Allgemeinen so stolz waren, fehlte ihnen genauso wie die Lanze, die sie – wie scheußlich – mit den Haaren ihrer ermordeten Feinde zu schmücken pflegten. Das eine Pferd hatte einen Senkrücken, das andere drei weiße Fesseln. Keine Freie Frau würde ein solches Pferd reiten, denn es hieß, dass seine Hufe weich wären. Die Kleidung der Menschenwölfe ähnelte jener der Frauen, doch die ledernen Beinlinge waren zerschlissen und ihre Wollhemden geflickt und schmutzig. Schläfenzöpfe und schmale Lederriemen um die Stirn hielten die verfilzten Haare zurück. Alles an ihnen schien dreckig, und Raván glaubte, sogar über das Wasser hinweg den Gestank ihrer ungewaschenen Körper riechen zu können. Sie ähnelten mehr räudigen Kötern als bedrohlichen Wölfen.
„Was ist?, rief der Menschenwolf herüber. „Ihr braucht keine Angst zu haben.
Raván schnaubte verächtlich. Natürlich hatte sie keine Angst! Mit dem Kopf gab sie Hastee das Zeichen abzusteigen. Sie selbst schnalzte, und gehorsam ging ihre Stute in die Knie, so dass sie trotz ihrer weitfortgeschrittenen Schwangerschaft mühelos vom Pferd herunter kam. Der Menschenwolf riss bei diesem Anblick die Augen auf, doch das kümmerte sie nicht. Sie war eine große, kräftige Frau mit kühner Adlernase, hohen Wangenknochen und schwarzen Augen, denen nichts entging. Die Schwangerschaft verlieh ihr einen zusätzlichen Glanz, das wusste sie.
Hastee nahm die beiden Reitpferde, das Packpferd und den jungen Hengst am Zügel und führte sie hinunter zum Wasser, während ihre Mutter die Menschenwölfe im Auge behielt. Elf Sommer war das Mädchen alt und hochgewachsen. Im Bogenschießen und im Reiten stand sie ihren Gefährtinnen in nichts nach und bald würde sie eine Frau sein, die sich vor niemandem fürchten musste. Doch jetzt hockte ihr die Angst im Nacken. Raván, die jede Bewegung ihrer Tochter kannte, sah es deutlich. Noch nie war Hastee Menschenwölfen so nah gekommen. Immer wieder schaute sie auf und suchte über die Schulter hinweg den Blick ihrer Mutter. Doch Raván tat, als bemerke sie dies nicht. Das Mädchen musste seine Angst alleine überwinden. Nur eine Frau, die ihre Angst überwand, konnte auch den Feind überwinden.
Der ältere der beiden Menschenwölfe beobachtete Raván. Wie zwei Fliegenlarven krochen seine bleichen Augen über ihren Körper und ihr Gesicht.
„He, kenne ich dich nicht von irgendwoher?"
Sie antwortete nicht. Was sollte sie auch mit ihm reden? Für sie waren alle Menschenwölfe eins, ganz gleich, ob sie stahlen, zur Segnung erschienen oder mit Eisen und Korn handelten. Ihr Reden bedeutete ihr nicht mehr als das Kläffen der Hunde. Raván warf einen Blick zu Hastee, die jetzt mit sanfter Stimme auf den kleinen Hengst einredete. Der Jährling tänzelte unruhig. Ihr gegenüber, am anderen Ufer des Wassers, stand der Welpe. Er hatte seine Schläuche gefüllt und starrte jetzt zu dem Mädchen hinüber. Das gefiel Raván nicht. ‚Wenn der Feind dich berührt, bist du verloren’, pflegte ihre Mutter Banou stets zu sagen. Und dieser Welpe war nur drei Schritt von Hastee entfernt. Raván legte die Hand auf den Bogenköcher. Wenn sie doch nur endlich von hier verschwinden könnten!
„Wenn eine unserer Frauen in deinem Zustand ist, lassen wir sie nicht mehr reiten", kläffte der Menschenwolf.
Was wusste er schon von Frauen? Eine schwangere Frau war doch nicht krank!
Am Wasserloch kam Unruhe auf. Der junge Hengst rutschte aus, seine Vorderläufe knickten ein, so dass seine Nase ins Wasser geriet. Erschrocken sprang er hoch, zerrte am Zügel, warf sich gegen Hastee. Das Mädchen stürzte. Mit ausgestreckten Armen sprang der Welpe vor und packte sie. Das Mädchen schrie.
Raván schoss ohne nachzudenken. In einer einzigen Bewegung riss sie Pfeil und Bogen aus dem Köcher, legte an, spannte und zielte. Eine einzige Bewegung nur – von solch schlafwandlerischer Sicherheit, dass nicht einmal ihr runder Bauch den Fluss störte. Abertausend Mal hatte sie diese Bewegung geübt, bis sie ihr so vertraut geworden war wie das Atmen. `Unsere Freiheit ruht auf den Spitzen unserer Pfeile´, sagten die Freien Frauen, und Raváns ganzes Sein war in diesen Worten zusammengefasst, als sie jetzt den Pfeil löste.
Der Welpe und Hastee waren in einander verschränkt. Raván konnte ihn nicht töten ohne sie zu gefährden, und so streifte ihr Pfeil nur seinen Arm. Er taumelte. Das Mädchen riss sich los und floh zurück zu seiner Mutter.
Der ältere Menschenwolf fluchte: „Verdammtes Weib, was fällt dir ein?"
Er griff ebenfalls nach seinem Bogen, doch er war zu langsam. Raváns zweiter Pfeil schlug ihm die Waffe aus der Hand.
„Hände weg von meiner Tochter!", stieß sie hervor.
Ein dritter Pfeil lag auf ihrer Sehne, deutete auf sein Herz.
„Pack deinen Welpen und verschwinde von hier."
In den hellen Augen des Menschenwolfes funkelte rote Wut. Raván wusste nicht viel über Seinesgleichen, nur dass sie Frauen hassten, die elenden Frauen in ihren eigenen Rudeln ebenso wie die Freien Frauen. Wie musste es ihn treffen, vor ihr zurückzuweichen! Der Menschenwolf fluchte. Er griff den verletzten Welpen und schob ihn zu den Pferden. Noch einen Blick warf er auf seinen Bogen, der am Boden lag, doch er wagte nicht, ihn aufzuheben. Der Bogen blieb zurück, ebenso wie die beiden Wasserschläuche im Schlamm.
Als die beiden Menschenwölfe bereits ein Stück geritten waren, drehte der Ältere sich noch einmal um.
„Jetzt weiß ich, woher ich dich kenne, du fette Hündin!, bellte er aus der Ferne. „Du hast im letzten Herbst vor mir die Beine gespreizt. Der Balg in deinem Bauch, den hab ich dir reingemacht!
Raván kniff die Augen zusammen. Dass er es wagte, so über ihre ungeborene Tochter zu sprechen, das Geschenk der Großen Mutter! Er wähnte sich wohl in Sicherheit, denn frech redete er weiter: „Oder ist es von einem der anderen Kerle, die dich besprungen haben, stolze Kriegerin? Na, eines sage ich dir: Wenn es ein Junge ist, dann ist er von mir! Er schlug sich auf die Brust. „Ghorur von den Schwarzen Füchsen zeugt nur Söhne!
Raván schätzte die Entfernung zu ihm auf einhundert Schritt. Sie nahm den Bogen hoch. Noch konnte sie ihn vom Pferd holen, konnte sein Lachen ersticken. Doch da spürte sie Hastees Blick in ihrem Rücken. Sie schlug die Augen nieder und senkte den Bogen. Sie war eine Freie Frau, keine Mörderin.
„Einen Augenblick lang habe ich geglaubt, du wolltest ihn töten", sagte Hastee, nachdem sie eine Weile geritten waren.
„Natürlich nicht, entgegnete Raván, aber sie fühlte sich ertappt. Die Große Mutter liebte das Leben und erlaubte Ihren Töchtern nur zu töten, um sich zu schützen oder zu ernähren. „Hast du seine Waffen gesehen? Er war keine Gefahr für uns – und sein Fleisch war gewiss zäh und ranzig wie das eines alten Widders.
Hastee lachte nicht über den Scherz. Stattdessen legte sie die Stirn wieder in Falten. „Stimmt es, was er gesagt hat? Dass er während der Segnung bei dir gelegen hat?"
Raván zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht", antwortete sie, und das war die Wahrheit. Sie war schwanger, die Zeit der Segnung war vorüber und es gab da nichts, woran sie sich hätte erinnern wollen.
Am Gesicht ihrer Tochter erkannte sie, dass diese immer noch über den Vorfall an der Wasserstelle grübelte. Nun, eine Begegnung mit Menschenwölfen war für kein junges Mädchen leicht. Raván war zufrieden, dass Hastee dies nicht auf die leichte Schulter nahm, aber die Welt bestand nicht nur aus Gefahr. Sie deutete auf den schwarzen Jährling, den Hastee am Zügel mit sich führte. Das Tier war noch klein, aber leichtfüßig hielt es mit den ausgewachsenen Pferden Schritt.
„Das war heute ein langer Tag für unseren Kleinen. Glaubst du immer noch, dass er etwas taugt?"
Wie erhofft leuchteten Hastees Augen auf. Wenn es um Pferde ging, vergaß sie alles, selbst Menschenwölfe. Sie blickte zu dem Rappen.
„Sieh selbst!", lachte sie und trieb ihr Pferd an ihrer Mutter vorbei.
Der kleine Hengst folgte. Doch anstatt in Trab oder Galopp zu fallen, warf er in schneller Folge die Beine einzeln in die Luft. Mit hochgerissenem Kopf raste er hinter Hastee her, während sein Rücken sich kaum zu bewegen schien. Dou nannten die Frauen diese Gangart. Manche Pferde waren auf diese Weise fast so schnell wie im Galopp, und dennoch war alles, was die Reiterin im Sattel spürte, ein sanftes Hin- und Herwiegen. Für ein Reitervolk war ein Zuchthengst mit solcher Veranlagung kostbar, und Raván war einmal mehr zufrieden mit dem Handel, auch wenn er sie viele, viele Pelze gekostet hatte. Die Freien Frauen verbrachten ihr ganzes Leben im Sattel. Kaum dass die kleinen Mädchen laufen konnten, setzten ihre Mütter sie auf ein Pferd. Vom Rücken ihrer Pferde hüteten sie ihre Herden, von ihnen ließen sie sich zur Jagd tragen. Mit fliegenden Hufen überwanden sie die Weite der Steppe, um einander zu besuchen, um Waren und Neuigkeiten auszutauschen. Auf dem Rücken eines Pferdes wurden sie begraben.
Es fehlt nur, dass wir unsere Kinder im Reiten gebären, dachte Raván und blickte auf ihren Bauch. Herrlich rund und breit wölbte er sich unter ihrem Hemd. Nicht mehr lange, dann würde sie ihre langersehnte zweite Tochter in den Armen halten.
Als sie wieder aufsah, war Hastee schon ein gutes Stück vorausgeeilt. Die Sonne stand tief, die schlimmste Hitze des Tages war überstanden. Nach Osten, Süden und Westen dehnte sich die Steppe in Wellen aus gelbem Gras und vertrockneten Kräuter, bis sie im fernen Dunst mit dem Himmel verschmolz. Nur im Norden, wo sich die niedrige Zackenlinie der Berge, das „Ende der Welt", abzeichnete, stieß diese Weite an Grenzen. Heute waren sie gut vorangekommen. Noch zwei Tagesreisen und sie würden die Weidegründe ihrer Familie erreichen. Die letzten Tage waren sie Gäste bei einer befreundeten Familie gewesen, hatten mit den Schwestern beisammen gesessen, gelacht, gefeiert und Geschichten ausgetauscht. Doch als sie sich endlich, endlich über den Preis für den Hengst einig geworden waren, drängte es Raván zum Aufbruch. Das Herumsitzen auf Kissen ermüdete sie, sie musste reiten.
Das alte Sprichwort ist wahr, dachte sie. Eine Freie Frau gehört auf ein Pferd - erst recht, wenn sie schwanger ist.
Am Abend fanden sie eine Senke, die mit verdorrtem Wermut bedeckt war. Hier schlugen sie ihr Zelt auf. Der kleine Hengst war noch voller Kraft, bockte und zerrte am Halfter, als sie ihm die Koppelfessel anlegen wollten. Doch Raváns Griff war fest, und während sie ihn hielt, gelang es Hastee mit einer schnellen Bewegung, das Seil um seine Vorderläufe zu schlingen. So gebunden konnte er nur kleine Sprünge machen und würde in ihrer Nähe bleiben, während sie schliefen. Die Nacht zog herauf. Es war Neumond, der Schattenwolf hatte Schwester Mond verschlungen, und der weite Himmel war übersät mit abertausenden von Sternen. Wie Tautropfen im Fell eines Rappen funkelten sie in der Dunkelheit. Mit der Nacht kam die Kälte, doch sie machten kein Feuer. Eine Freie Frau hatte Schwestern, aber keine Freunde, und die Begegnung am Wasserloch hatte einmal mehr gezeigt, dass sich die Menschenwölfe überall herumtrieben. Raván wollte sie nicht mit einem Feuer herlocken. Eingewickelt in ihre Decken saßen sie dicht beieinander, aßen Käse und Trockenfleisch und tranken dazu vergorene Stutenmilch, ein Abschiedsgeschenk der Schwester-Familie.
„Und wenn sie uns gefolgt sind?", fragte Hastee, als es Zeit war, sich schlafen zu legen. Auch sie hatte den Feind nicht vergessen.
Ohne ein Wort deutete Raván auf ihre braune Stute. Dieses Tier konnte fremde Pferde und Wölfe schon von Weitem wittern, das wusste Hastee. Jetzt graste es friedlich zwischen den anderen Pferden. „Sei wachsam aber nicht ängstlich, beruhigte Raván sie. „Dann können die Menschenwölfe dir nichts anhaben.
Hastee seufzte erleichtert.
„Farhang meinte, sie würde es nicht wagen, allein mit ihrer Mutter so eine weite Reise zu unternehmen."
„Was für ein Glück, dass du mit mir unterwegs bist. Heute an der Wasserstelle warst du sehr mutig, mein Fohlen."
Hastee lachte und löste das Band, das ihren linken Zopf zusammenhielt.
„Wenn ich Farhang erzähle, wie nah ich dem Menschenwolf gekommen bin, wird sie mir nicht glauben", sagte sie.
Farhang war Hastees liebste Freundin. Daheim in der Familie waren die beiden Mädchen unzertrennlich, und heimlich war Raván froh darüber, Hastee in diesen Tagen für sich zu haben.
„Ich hätte ihn anfassen können", überlegte das Mädchen.
„Du kannst einen Menschenwolf nicht einfach anfassen, tadelte Raván. Und ohne nachzudenken wiederholte sie die Worte, die jede Mutter ihrer Tochter einbläute: „Wenn der Feind dich berührt, bist du verloren.
Das galt – mit Ausnahme der Segnung – zu jeder Zeit und an jedem Ort.
Sie nahm Hastee den Zopf aus der Hand und begann, die Flechten zu entwirren. Doch das Mädchen zog den Kopf zurück. „Ich bin doch kein Kind mehr", protestierte sie.
Überrascht hielt Raván einen Augenblick inne, dann schnalzte sie leise mit der Zunge und griff wieder nach dem halboffenen Zopf.
„Solange du Zöpfe trägst, werde ich sie flechten", sagte sie.
Sie lächelte über Hastees Murren, als sie ihr mit den Fingern die Haare kämmte und erneut flocht. Hastee war ihr Fohlen, ihr Augenstern, ihr ganzer Stolz. Alles, was das Mädchen konnte, hatte Raván ihr beigebracht, vom Reiten und Bogenschießen bis zum Spinnen und zur Vorratshaltung. Banou pflegte zu sagen: ‚Eine Tochter hat viele Mütter’, aber Raván sah das anders. Sie hatte Hastee getröstet, wenn sie nachts von einem bösen Traum aufgeschreckt worden war. Sie hatte ihr die Stirn gekühlt, wenn das Fieber sie schüttelte. Das Band zwischen Mutter und Tochter war aus Fleisch, Blut und Milch geformt. Niemand konnte es zerreißen. Wenn eines Tages Hastees erstes Blut fließen würde und von ihrer erwachenden Fruchtbarkeit kündete, dem Geschenk der Großen Mutter, dann, ja dann wäre es an der Zeit, von dem kleinen Mädchen Abschied zu nehmen. Dann würde Raván ihr das rote Stirnband der Freien Frauen anlegen und ihr zum letzten Mal die Zöpfe lösen. Gedankenverloren spielte sie mit einer lockigen Strähne, wickelte sie um den Finger. Eine plötzliche Traurigkeit stieg in ihr auf. Sie küsste das Haar.
Noch nicht, dachte sie bei sich.
Raván versprengte die letzten Tropfen vergorener Stutenmilch aus ihrer Schale in die vier Himmelsrichtungen, um die Geister für die Nacht freundlich zu stimmen. Dann krochen sie in das kleine Zelt und rollten sich in ihre wattierten Decken ein. Raván schmiegte ihre Wange an Hastees Schopf, genoss den frischen Duft und lauschte auf den Atem ihrer Tochter. Vor dem Zelt begann der kleine Hengst zu schnarchen. Hastee kicherte im Halbschlaf.
„Bei dem Lärm kann ich nicht schlafen", murmelte sie. Aber mehr gab sie nicht von sich. Raván warf einen letzten Blick durch den Zelteingang hinaus, wo sie den Schatten der braunen Stute in der Dunkelheit erahnen konnte, die ruhig und mit hängendem Kopf döste. Es drohte keine Gefahr. Raván streckte sich und schloss die Augen.
Mit einem frechen Tritt erwachte das Ungeborene in ihrem Leib. Den ganzen Tag über hatte es geschlafen, sanft gewiegt im Schoß seiner reitenden Mutter. Jetzt, da sie sich zur Ruhe legte, wurde es wach. Noch ein Tritt, diesmal in ihre Leber. Raván stöhnte und musste gleichzeitig über sich lachen. Hatte sie gerade wirklich um Hastees Zöpfe getrauert? Nun, es würden noch viele Sommer kommen, da sie Zöpfe flechten durfte.
Der nächste Tag war so sonnig wie der vorherige. Sie kamen gut voran, und Raván entschied, dass sie es wagen konnten, auf direktem Wege zu den Weidegründen ihrer Familie zu reiten, durch den Schoß der Winde. Diese Tiefebene war von einem Felsenring eingeschlossen, in dem sich oft Wolken verfingen. Tagelang jagten sie dann im Kreis, dass die ganze gewaltige Schüssel brodelte von Regen, Sturm, Hagel und tödlichen Blitzen, die Pferd und Frau fällen konnten. Aber eine gute Reiterin auf einem schnellen Pferd konnte den Wettlauf mit dem Wetter wagen und den Schoß der Winde an einem einzigen Tag durchqueren.
Gegen Mittag legten sie eine kurze Rast an einem Fluss ein. Zu dieser Jahreszeit plätscherte nur ein dünnes Rinnsal in der Mitte des steinigen Flussbettes. Vorsichtig staksten die Pferde über die kindskopfgroßen Steine bis zum Wasser. Doch der Hengst weigerte sich. Hastee redete ihm gut zu, zog am Halfter. Doch als der erste Stein unter seinen Hufen wegglitt, wieherte er laut auf und riss den Kopf hoch.
„Er hat immer noch Angst, weil er gestern beim Wasserloch ausgerutscht ist", erklärte Hastee und tränkte das Tier mit dem Wasserschlauch wie ein Fohlen.
Weiter ging der Weg durch die Ebene, immer dem Flusslauf folgend. Wind kam auf und jagte gelbgraue Wolken von Süden in den Talkessel. Raván trieb die Pferde an, und sie fielen vom sanften Dou in Galopp. Für das letzte Wegstück musste sie diese harte, schnelle Gangart wagen. Das Kind in ihrem Schoss würde es ihr verzeihen. Der Hengst wurde unruhig, als das Licht sich veränderte und der Geruch von Gewitter die Luft erfüllte. Hastee redete beruhigend auf ihn ein, doch er zerrte wie närrisch am Halfter und behinderte den Lauf ihres Wallachs. Schließlich mussten sie anhalten. Raván gab dem Tier mit dem Führzügel einige scharfe Schläge auf die Beine und band seinen Strick an ihrem eigenen Sattel fest. Der empörten Hastee fuhr sie nur kurz mit der Hand über den Kopf.
„Keine Zeit für Kindereien, wir müssen weiter", sagte sie entschlossen.
Während sie unter dem gewittrigen Himmel dahinjagten, spürte Raván ein Ziehen im Kreuz. Auch das Atmen fiel ihr schwer, denn das Kind drückte von unten gegen die Rippen.
Weiter!, befahl sie sich.
Ausruhen konnte sie noch am Abend. Schwarze Wolken quollen in den Schoß der Winde und im Süden flackerte Wetterleuchten am Himmel. Die Luft stand jetzt still, so als wartete sie auf den Sturm. Als sich im Dämmerlicht der Felsenring vor ihnen öffnete und den Blick auf den schmalen Pass freigab, schickte Raván einen stummen Dank zur Großen Mutter.
„Gleich haben wir es geschafft!", rief sie Hastee zu.
Sie mussten nur noch den Fluss überqueren, dann den kurzen Anstieg bis zum Felsentor, und der Gewitterkessel lag hinter ihnen. An dieser Stelle war der Fluss nur zwölf Fuß breit, aber er führte mehr Wasser als weiter unten, wo sie zu Mittag gerastet hatten. Knietief rauschte er in seinem steinigen Bett. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit hätte sich Raván gefreut über all das klare Wasser mitten im Sommer, aber jetzt sah sie nur sorgenvoll auf den kleinen Hengst, der unruhig neben ihr tänzelte.
„Du wartest hier mit ihm und hältst ihn ruhig, rief sie Hastee zu. „Ich bringe erst die anderen Pferde rüber, dann zieh´ ich ihn am Strick hinterher.
Sie knoteten zwei Seile aneinander und verlängerten so den Strick, mit dem der Hengst am Sattel von Raváns Pferd festgebunden war. Hastee tätschelte ihm den Hals, während Raván ihre Stute, das Packpferd und Hastees Wallach in den Fluss trieb. Die Stute schnaubte empört, als das eiskalte Wasser ihre Beine benetzte, doch gehorsam und vorsichtig tastete sie sich voran. Als sie auf der anderen Seite angekommen war, drehte Raván sich im Sattel um und winkte Hastee herüber. Das Seil, das den Hengst mit ihrem Sattel verband, spannte sich, als das Jungtier sich dagegen stemmte. Doch unerbittlich setzte die Stute einen Huf vor den anderen und zog den Jährling in den Fluss. Ein plötzlicher Wind weht ihr die Haare ins Gesicht. Der Sturm hatte sie eingeholt, doch Raváns Sorgen kreisten um etwas anderes, während sie starr den Blick auf den Pass richtete. Würde der Hengst diese Angst vor Wasser mit der Zeit wieder verlieren, oder gehörte die Angst zu seinem Wesen? Konnte es sein, dass sie ihre kostbaren Pelze für ein ängstliches Pferd hergegeben hatte? Ein feiger Zuchthengst war wertlos, ganz gleich wie gut er im Dou lief. Der Gedanke, ihre Mutter Banou enttäuscht zu haben, schmeckte wie bittere Galle. Sie schluckte den Ärger runter und straffte sich. Wenn sie heimkehrte, würde sie Banou erklären, was sie an dem Tier beobachtet hatte. Dann würden sie gemeinsam entscheiden, was zu tun sei.
Ein Pferd wieherte schrill. Ein jäher Ruck am Sattel riss Raván fast vom Pferd, ihre Stute strauchelte. Sie sah sich um und erblickte den Hengst in der Mitte des Flusses. Er stand auf den Hinterbeinen. Hastees erschrockenes Gesicht, die Hände am Halfter, die Füße in der Luft. Der kleine Hengst warf sich zurück, Wasser gischtete auf. Sie hörte Hastees Stimme, wie sie auf das panische Pferd einredete. Der Hengst rutschte auf den Steinen weg und riss Hastee mit sich, runter auf die Knie. Sie kam hoch, das Tier stieg erneut, Hastee verlor das Halfter aus der Hand, sie taumelte nach vorne, geriet vor das Pferd. Es schrie, seine Hufe peitschten durch die Luft, wühlten die Fluten zu Schaum und irgendwo dazwischen war Hastee.
Raván sprang vom Pferd. Es war keine Zeit, die Stute zum Hinknien zu bewegen. Mit einem schnellen Schnitt durchtrennte sie den Strick und hastete, ohne auf ihren Bauch zu achten, in den Fluss. Der Hengst, vom Strick befreit, stürmte mit aufgerissenen Augen auf sie zu. Sie versuchte, ihm auszuweichen, doch sie hatte ihre Beweglichkeit überschätzt. Er traf sie an der Schulter. Sie wurde herumgewirbelt und stürzte schwerfällig ins Wasser. Kopf und Rücken schlugen hart auf den Grund. Sie schnappte nach Luft und atmete Wasser. Prustend und würgend kam sie hoch. Raván wühlte sich durch das kniehohe Wasser flussabwärts, wo ihre Tochter mit dem Gesicht nach unten trieb. Sie bekam einen Zopf zu fassen und riss den Kopf aus dem Wasser.
„Hastee!", schrie sie und hievte das reglose Mädchen in ihre Arme. Sie wandte sich zum Ufer.
Es war, als würde plötzlich ein Messer zwischen ihre Beine getrieben. Ein Schneiden, ein Reißen. Raváns Atem stockte, sie versuchte, dem Schmerz zu begegnen, doch im nächsten Augenblick sackte sie zusammen. Sturmwolken rollten heran, der Hengst war verschwunden, Hastee lag im Wasser. Raván zwang sich weiterzuatmen. Das ist viel zu früh!, schrie es in ihrem Kopf. Doch nicht hier, doch nicht jetzt … Sie brachte die Stimmen zum Schweigen. Ganz gleich, was sie erwartet hatte, ganz gleich, wie sicher und stark sie sich in den vergangenen Mondumläufen gefühlt hatte: Ihre Tochter war in Gefahr, ihre beiden Töchter.
Vorsichtig, ohne Leib oder Beine zu bewegen, zog sie Hastees bleiches Gesicht an ihre Brust und verharrte so mitten im Fluss, während das Wasser von ihrer Stirn tropfte und die Beine vor Kälte taub wurden. Vielleicht würde das kalte Wasser ihren Schoß beruhigen, wenn sie nur einen Augenblick still hielt.
Doch ein neuer Schmerz baute sich auf, ein tiefer Krampf, eine Wehe. Etwas war ganz und gar verkehrt. Es war zu früh für ihre ungeborene Tochter. Ja, in der Geborgenheit der Familie, wenn Mutter Banou, Schwester Káthere und all die Tanten und Cousinen nah waren, Tücher wuschen, Decken ausbreiteten, Brühe und Milch kochten, dann konnte manches unreife Kind überleben. Aber in dieser Einsamkeit wäre es dem Tod geweiht.
Noch eine Wehe, Raván stöhnte, aber dann entspannte sich ihr Leib. Hastee lag schwer in ihren Armen.
„Hastee?"
Sie schüttelte ihr Kind sanft. Doch die Augen blieben geschlossen. Aus einer Wunde gleich unter dem Haaransatz quoll Blut über Stirn, Augen und Wangen.
„Hastee!"
Raváns Stimme war schrill. Mit klammen Fingern tastete sie Hastees Hals ab, bis sie schließlich – gepriesen sei die Große Mutter! – das sanfte Pochen des Blutes spürte.
Der Hengst ist nur ein Jährling, er kann sie nicht schwer verletzt haben, redete sie sich zu. Gleich kommt sie wieder zu sich.
Die Kälte des Wassers betäubte sie. Sie spürte weder Beine noch ihren Leib, und es schien, als wären die beiden Wehen nur ein böser Traum gewesen. Sie schickte ein Dankgebet zur Großen Mutter. Wenn sie noch ein wenig so ausharrte, sich nicht bewegte und sich ganz der Kälte ergab, würde ihr Schoß sich vielleicht beruhigen. Doch langsam, ganz langsam färbten sich Hastees Lippen blau.
Raváns Hände begannen zu zittern, ihre Zähne schlugen aufeinander, ohne dass sie es hätte verhindern können. Und schließlich wurde ihr klar, dass ihre Arme bald so fühllos sein würden, dass sie Hastee nicht mehr aus dem Wasser heben konnte. Sie biss die Zähne zusammen und mühte sich hoch. Bleich, nass und schwer wie ein totes Fohlen lag das Mädchen in ihren Armen. Als Raván die Böschungskrone erreichte, zog sich ein Band um ihren Leib. Ihr Bauch krampfte zu einer harten Kugel. Noch zwei Schritte und ihre Arme gaben nach. Hastee rollte ins Gras und keuchend stürzte Raván neben ihr zu Boden.
Der Wind heulte kalt über sie hinweg. Sie brauchten eine Decke, sie brauchten Schutz. Das Packpferd stand nur wenige Schritte entfernt – unerreichbar für den Augenblick. Raváns Bauch entspannte sich, aber nur kurz, dann verhärtete er sich wieder. Sie versuchte ruhig zu atmen, während ihre Gedanken sich überschlugen. Sobald Hastee aufwachte, würden sie zusammen das Zelt aufbauen. Raván musste sich schonen. Die kleine Frau unter ihrem Herzen würde ihr keinen Fehler verzeihen.
Ein fetter Regentropfen zerplatzte auf Raváns Wange. Im Nu prasselte es wie aus Eimern auf sie herab und spülte Hastee das Blut vom Gesicht. Das Mädchen regte sich nicht. Hastig zog Raván ihren Kopf an sich, versuchte sie mit ihrem Körper vor dem Regen zu schützen, doch es war aussichtslos. Wasser strömte über Gesicht, Hals, Hände und Brust. Raván heulte vor Wut auf. Der Himmel erlaubte ihr keine Ruhe.
Sie errichtete das Zelt alleine. Zuerst riss der Wind ihr wieder und wieder die glitschig-nasse Lederplane aus den Händen, klatschte sie in ihr Gesicht. Aber dann entdeckte sie durch den Regenschleier mehrere Felsbrocken, groß wie Schafe, die einen Steinwurf entfernt lagen. Dort gelang es ihr, die Plane zwischen die Felsen zu klemmen, so dass ein schmaler Wetterschutz entstand. Sie stopfte die wasserdichten Vorratssäcke aus gefettetem Filz zwischen die Ritzen und legte Decken auf die durchweichte Erde. Dann holte sie Hastee. Raván trug ihre Tochter dreiundsiebzig Schritte weit, und bei jedem Schritt war ihr, als schnitte ein glühendes Messer in ihren Leib, und jeder Schritt drängte die ungeborene Tochter in ihrem Schoß tiefer nach unten, der Geburt entgegen. Aber der Schmerz nährte ihre Wut und jede Wehe ließ ihre Entschlossenheit wachsen, während Regenwasser und Tränen über ihr Gesicht rannen. Wenn sie Hastee unter Wehen in den Schutz des Zeltes tragen musste, so würde sie das tun. Wenn sie ihre zweite Tochter in dieser Ödnis aus Wind und Regen zur Welt bringen musste, so würde sie das tun. Aber sie würde sich niemals ihre Mädchen nehmen lassen. Sie zog Hastee unter die Plane, holte die Pferde und legte ihnen die Fußfesseln an. Und unablässig flüsterte sie vor sich hin: „Ich bin eine Freie Frau. Und das sind meine Töchter!"
Das Ziehen in ihrem Bauch war so stark, dass sie ihre Beine nicht bewegen konnte. Mit zusammengepressten Schenkeln kroch sie zu Hastee ins Zelt. Es war so dunkel, dass Raván kaum ihre Hände sehen konnte, als sie eine Binde um Hastees Kopf legte. Der Sturm rüttelte am Zelt. Sie konnte die Wunde nicht säubern, nicht hier, nicht jetzt. Sie konnte nur hoffen, dass das Blut und das Wasser den meisten Schmutz herausgewaschen hatten.
„Wenn du erst einmal dein Stirnband trägst, Hastee, dann wird man die Narbe kaum mehr sehen", sagte sie und versuchte unbeschwert zu klingen. Doch Angst schnürte ihre Kehle zu. Wenn nur eine Narbe zurückblieb, dann würde sie der Großen Mutter und allen Geistern ein Opfer bringen.
Tante Ramin war seit ihrem Unglück vor drei Sommern nie mehr richtig aufgewacht. Sie lief zwar durch das Lager, manchmal redete sie sogar. Aber sie redete mit den Frauen genauso wie mit den Tieren oder dem Kessel über dem Feuer, als hätte sie den Weg zurück aus ihrer Traumwelt immer noch nicht gefunden. Selbst die Schamanin, die sie von einer anderen Familie herbeigerufen hatten, wusste keinen Rat. Doch bei Ramin war es anders gewesen. Sie war von einem ausgewachsenen Wallach am Hinterkopf getroffen worden. Das war etwas anderes. Unbedingt!
Blind holte Raván ihr Messer hervor, tastete nach Hastees Schulter und durchtrennte mit vorsichtigen Schnitten die Lederschnüre, die die Tunika zusammenhielten. Sachte streifte sie dem Mädchen die nasse Kleidung ab, rieb es trocken und wickelte es in eine Decke. Hastee rührte sich nicht. Raván ließ den Kopf auf Hastees Brust sinken, spürte das sanfte Heben und Senken und das Strömen des Atems. Eine neue Wehe kam, diesmal sehr tief, und nahm ihr die Luft. Das kleine Mädchen würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Raván musste sich vorbereiten.
„Mutter?"
Es war nur ein Flüstern, kaum hörbar im Prasseln des Regens, doch es fuhr Raván in die Glieder wie Feuer und Leben. Im Dunkel des Zeltes konnte sie nicht sehen, ob Hastee die Augen geöffnet hatte. Sie hörte, wie das Kind würgte, und griff nach seiner Hand.
„Alles wird gut, mein Fohlen!" Raván versuchte, das erleichterte Schluchzen zu bezwingen, das aus ihrer Kehle aufstieg.
„Mein Kopf", wimmerte Hastee.
„Ich weiß, ich weiß. Hast du starke Schmerzen?"
Doch das Mädchen war wieder in die Bewusstlosigkeit geglitten.
Als Raván in den Regen hinauskroch, war sie ruhig. Hastee war aufgewacht, wenn auch nur kurz. Ein gutes Zeichen. Jetzt würde sie auch noch ihre zweite Tochter in Sicherheit bringen. Sie hatte sich eine saubere Decke um den Leib geschlungen und eine kurze Lederplane über Kopf und Schultern gelegt, die den Regen ein wenig abhalten sollte. Sie selbst würde für ihre ungeborene Tochter Zelt und Schutz sein.
Die Wehen kamen jetzt immer schneller, ebenso wie die Sturmböen, die den Regen waagerecht heranpeitschten. All der Regen, der der Steppe fehlte, schien sich jetzt in den Schoß der Winde zu ergießen. Raván schleppte sich um das Zelt herum, breitete die Decke im Windschatten der Felsen aus, schob sich zwei Steine unter die Füße und hockte sich nieder.
Vielleicht hatte Banou recht gehabt, vielleicht war sie mit ihren fast dreißig Sommern schon zu alt, um noch einmal ein Kind auszutragen. Das Leben in der Steppe war hart, und je älter eine Frau war, desto gefährlicher wurde die Geburt für sie. Zwei Töchter sollte jede Freie Frau ihrer Familie gebären, zwei Töchter waren die Pflicht, und die meisten hatten diese Aufgabe vor dem zwanzigsten Sommer ihres Lebens erfüllt. Nicht Raván. Doch wo andere Frauen aufgaben, sich
