Ich und Du. Entdeckungen: Die besten Beiträge zum SCIVIAS-Literaturpreis
Von Lisa Straßberger (Editor)
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Buchvorschau
Ich und Du. Entdeckungen - Lisa Straßberger
Flexi Tempus SCIVIAS 2025 Hauptpreis
Flora Weber
1
Fiktive Performance mit Jan Ullrich
(Jan Ullrich drückt dreimal auf eine Nebelmaschine.)
Ich sage:
Hallo und herzlich willkommen an Bord, meine Damen und Herren. Bitte verstauen Sie großes und schweres Handgepäck ausschließlich unter Ihrem Vordersitz. Passagiere in den Notfensterreihen 11 und 12 sind verpflichtet, ihr gesamtes Handgepäck in die Ablagefächer über sich zu legen. Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein und schnallen Sie sich an. Vielen Dank.
(Jan Ullrich drückt wieder auf die Nebelmaschine.)
Wir holen beide einen Stuhl und setzen uns.
Er fragt: Woran denkst du?
Ich sage: An das Gleiche wie gestern.
Er sagt: Ich habe mal irgendwo gelesen, dass am Tag nur fünf Prozent neue Gedanken dazukommen.
Er drückt auf einen CD-Spieler. Es läuft »Fade to Grey«, die Karaokeversion.
Wir stehen beide auf, wippen im Takt.
Intro:
Ich:
Ich frage mich, worauf sich neu bezieht.
Ob damit komplett neu gemeint ist
oder auch Altes, das man vergessen hat.
Jan Ullrich:
Meinst du, ein paar Prozent bleiben gleich,
die denkt man sein ganzes Leben?
Ich:
Wer hat das eigentlich ausgemessen? Woher stammt die Info?
Jan Ullrich singt:
One man on a lonely platform
One case sitting by his side
Two eyes staring cold and silent
Shows fear as he turns to hide
Wir singen zusammen:
Aaah, we fade to grey (fade to grey)
Aaah, we fade to grey (fade to grey)
Ende 1
(Die Musik geht aus, wir verschwinden im Nebel, die Performance ist zu Ende.)
Ende 2
Ich mache die Musik aus.
Wollen wir gehen? (Fragt Jan Ullrich.)
Wir sind in einem Flugzeug. (Sage ich.)
(Eine angewiesene Person beginnt zu klatschen.)
2
Irgendjemand meinte mal zu mir, beim letzten LSD-Trip hätte er in den Haaren der Mona Lisa die Struktur der Zeit erkannt.
3
Immer wenn ich Liebeskummer habe, sagt Adam zu mir:
»Bitches come and go, bro, but you know I stay.«
Letztens haben wir uns an der Weltzeituhr getroffen und einen Sekt getrunken.
Er sagte:
»Zeit ist nicht linear«,
und schaute dabei über den Rand seiner Sonnenbrille.
»Gucci, Baby.«
Wir gingen einen Shawarmateller essen und tranken noch einen Sekt.
Als ich wieder in Düsseldorf war, kaufte ich auch eine teure Sonnenbrille.
Fendi im Geländi,
dichtete ich und schickte Selfies an diverse Leute, die mir einfielen.
»Ich habe niemals in meiner Karriere einen anderen Rennfahrer betrogen«,
sagte Jan Ullrich.
In meinen Handyfotos finde ich eine Folie.
Sören K., Zitate zum Wahnsinn:
Subjektiv
Objektiv
4
Können Gedanken einen finden? Wie Kinder, die man bei IKEA verloren hat, die einen durch Lautsprecher ausrufen lassen?
Ich frage mich umgekehrt, ob man spüren kann, dass Dinge im Begriff sind, zu geschehen. Weil sie vielleicht wie Schatten in einer anderen Schicht von Zeit an einem vorbeifliegen und einen anwehen und man dann manchmal etwas ahnt.
Neue Gedanken.
Ich frage mich, was meine heutigen fünf Prozent sind.
Ich sitze auf dem Balkon und schreibe. Hundert durch 5 sind 20.
Wenn es glattgeht, sind die Gedanken in 20 Tagen komplett neu.
Das wäre schön, denke ich.
5
Der Himmel über mir blau, die fadenförmigen Wolken darin.
In Lovern und Cirren kann man sich irren, sagt man, sagte jemand zu mir.
Ich google: Cirrus. Fadenziehende Eiswolken. Cirren gelten landläufig als Schlechtwetterboten, da sie häufig der Warmfront eines heranziehenden Tiefs vorauslaufen.
Manchmal treten sie aber auch inmitten von Hochdruckgebieten auf.
Ich stehe an der Haltestelle.
Warum riecht die Welt heute nach Kölnischwasser?
In meiner Tasche ist eine Flasche Parfüm ausgelaufen. Das merke ich, nachdem ich mich bei drei Passanten über die zu intensive Parfümauswahl echauffiere, innerlich, und schließlich feststelle, dass der Duft von mir selbst ausgeht, meiner Tasche.
Jasmin noir.
6
Es ist schwer abzustecken, wo die Gegenwart ist. Auf seltsame Weise gehört Heidi Klum dazu, auf Unterwäscheplakaten posierend, die gerade überall in Düsseldorf hängen.
Auch an der Haltestelle, an der ich gerade stehe, auf die Bahn warte.
Und Kim Kardashian, die in mein Instagram gekippt ist, eventuell bin auch ich in sie gekippt.
Sie sagt:
»Ich habe das Gefühl, dass man für mehr Emotionen weniger Botox braucht, und das habe ich nicht. Wie soll ich Angst haben? Wie soll ich weinen?«
Mich überkommt Mitgefühl für Kim persönlich.
»Ich kann einen Film pro Jahr machen. Ich habe etwa 10 Jahre, in denen ich noch gut aussehe, das ist also alles, was ich in mir trage.«
Und Mitgefühl für die weibliche Beauty im Allgemeinen.
Ich spiegle mich in der Scheibe der Bushaltestelle. Mein Gesicht ist etwa da, wo Heidi Klums Brüste sind.
Ich gucke auf mein Handy, eigentlich hätte ich andere Sorgen.
Keeping up with a lost Kardashian.
Wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich, warum dieser Mönch in den koreanischen Bergen so ein großes Smartphone hatte. Sein Vorbild war Buddha. Aus Eigenbetrachtung würde ich sagen, dass so etwas einen davon abhält, erleuchtet zu werden.
Vielleicht ist es aber auch Dialektik, die ich nicht verstehe. Den Gong schlagen und iMessage schreiben.
7
In diesem Jahr ist das Wetter so schlecht, sagt meine Chefin.
Letztes Jahr war es auch so schlecht, sage ich.
Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich hab es aufgeschrieben.
Aha, schreibst du Logbuch, oder was?
Ja.
8
Ich whatsappe.
Jaja, dieses life schon wieder.
Stella markiert die Nachricht mit einem Herz.
Spaziergang zur Insel Hombroich
Wie lang ist die Tour de France?, frage ich mich.
Erinnerung an die Sommer bei meinen Großeltern.
Die Sonne scheint, mein Opa und ich sitzen in der Stube, die Rollos sind hinuntergelassen, wir schauen die Tour de France.
Eigentlich finde ich es langweilig, aber ich mag Fernsehen. Ich erinnere mich daran, wie ein Radfahrer mit vielen Sommersprossen und einem wütenden Gesicht häufig über den Bildschirm fährt. Er trägt Pink, er heißt Jan Ullrich.
Mein Opa ist ein Fan, ich bin es auch.
Jan U.:
»To me there is no doubt. I will fighting for Victoriy!«
Ich rufe meinen Opa an.
O: Ja, wer ist da?
F: Hallo, hier ist Flora.
O: Ach hallo, wie geht es dir?
F: Gut, ich laufe gerade über ein Rübenfeld.
O: Da könntest du dir ja was ernten.
F: Ich glaube, ich brauche keine Rüben.
O: Ach so. Na dann nicht.
F: Wie geht es dir?
O: Gut, ich bin gerade im Schlafzimmer.
F: Bist du krank?
O: Krank? Ich war noch nie gesund.
F: Was machst du dort?
O: Ich suche Dinge, die unters Bett gefallen sind.
F: Hast du etwas gefunden?
O: Ja, ein paar Medikamente.
Ich erzähle, dass die Sonne scheint.
Er erzählt, bei ihnen könnte es mal wieder regnen.
Ich sage, dass ich im Juli vorbeikomme. Wir legen auf.
9
»Wenn ich arbeiten muss, musst du es auch, du Scheißkerl!«, schreit ein Kind zum anderen. Sie stehen vor der Wasserpumpe.
Dann liegen sie sich in den Armen.
Plottwist.
Ich denke im Laufen darüber nach.
Meterweit außerhalb des Sandkastens sitzen die Eltern auf Bänken.
Ich werfe einen Blick in ihre Richtung.
Niemand hat es gehört.
Nur ich im Vorübergehen auf dem Weg zum Bauch-Beine-Po-Kurs.
Ich erinnere mich daran, mal gehört zu haben, dass man im Spiel das echte Leben probt.
So oder so ähnlich hatte es eine Erzählstimme ausgeführt, als bei irgendeiner Tierdoku zwei kleine Löwen miteinander kämpften.
Damals schien es einleuchtend.
Jetzt habe ich Fragen.
Das echte Leben.
Ich bin zu spät beim Kurs. Pride Ladys. Alle Ladys in Kursraum 1 sind bereits ausgestattet mit Equipment und schicken sich an, die erste Kniebeuge zu machen.
»›Hallo‹, sagt man«, ruft die Trainerin durch den Raum, als ich eine Matte hole. Es ist leicht unangenehm. Ich nehme mir vor, das nicht persönlich zu nehmen.
Und dann bei meiner ersten verspäteten Kniebeuge: »Mach die Knie weiter nach außen, liebe Flora!«
Ich bin schockiert von der persönlichen Ansprache.
In langen Jahren des Fitnesskursbesuchens habe ich mir immer eine gewisse Anonymität dabei bewahrt. Ich habe selten Hallo gesagt und nie, wenn ich zu spät kam.
Ich wollte dort immer nur landen wie ein Ufo.
Meine fitte Anonymität.
10
Adam schiebt seine Sonnenbrille auf Halbmast.
Zeit ist nicht linear.
Und irgendwann sagt er noch: »Gucci, Baby.«
Vorhin, auf dem Weg nach Hause, überlege ich, auszusteigen und mein Handy in den Rhein zu werfen.
Es kommt mir vor, wie die beste Lösung meiner Probleme.
Gedanken und ihre Inkohärenz mit der Wirklichkeit.
Für eine kurze und irritierende Zeitspanne habe ich das neueste iPhone besessen, etwas, das ich einmal ausprobieren wollte und das ich mir spaßiger vorgestellt hatte, als es in Wirklichkeit war.
Jetzt ist es schon wieder überholt, es gibt ein neueres.
Während ich in der Bahn sitze, sehe ich vor meinem geistigen Auge das iPhone 14 im Rhein versinken, welches ich der Vernichtung zum Trotz noch weiter monatlich bezahlen müsste.
Never call me again.
Für die Länge einer halben Straßenbahnstation habe ich große Freude an dieser Vorstellung. Keine. Probleme. Mehr. Kein Ego, keine Problem. Kein WhatsApp, keine Probleme. Einfach kein iPhone.
11
H. fragt mich, ob ich eine Prada-Tasche kaufen will.
Wir sitzen bei einer Grillparty in einem Vorgarten.
»Nein, danke«, sage ich.
Er nimmt seinen Rucksack ab, öffnet ihn und breitet im Vorgarten einige Taschen vor mir aus.
»Die sind echt«, sagt er.
Ich sage, dass ich nicht so interessiert bin und auch kein Geld habe. Dann frage ich, wie das Geschäft so läuft.
Nachdem er das schade findet, packt er die Taschen wieder ein.
Er erzählt, dass er sie günstig einkauft und dann bei Vinted verkauft.
»Import, Export.«
Es liefe sehr gut, er hätte nur etwas Angst vor dem Finanzamt.
Seitdem bin ich einigen Menschen mit einer Prada-Tasche begegnet. Ich frage mich jedesmal, ob H. der Verkäufer war.
12
Wir sind auf dieser Afterhour.
Wir haben sämtliche Drogen auf einmal genommen. Solche, von denen man nicht denken muss.
Dazu sind wir noch total betrunken.
Man würde meinen, es sei ein Zustand ohne allzu große Schwere.
Nicht für die Person neben mir.
Er meint, die Afterhours seien früher besser gewesen.
Und dann, dass ihm etwas fehlt.
Schwer dagegen anzureden, wenn jemand so ist, keine Traurigkeit, sondern Pessimismus versprüht.
Ich sitze neben ihm, im Ereignishorizont eines schwarzen Lochs.
»Du solltest dringend aufhören, Michel Houellebecq zu lesen«, sage ich.
Dann gehe ich nach Hause.
Später treffen wir uns auf der nächsten Party.
Er ist besser gelaunt. Kein Schlaf.
Vielleicht ist es noch dieselbe Party für ihn.
13
Zu Hause gucke ich Blade Runner.
Der Replikant stirbt und lässt eine Taube los, sie fliegt durch den Regen.
Ich gehe schlafen.
Am nächsten Morgen gucke ich noch dreimal das Ende von Blade Runner.
Ich bin ergriffen.
Harrison Ford
läuft Blut aus der Nase.
Zwischen den Enden begegne ich meinem Mitbewohner, der sich übergeben muss, weil er am Vortag ein schlechtes Lachsfilet gegessen hat.
Am Mittag gehe ich ins Schwimmbad.
Ich ziehe den Badeanzug an und lese Nachrichten.
Die Königin von England ist tot.
Abends werde ich zum Dart-Spielen eingeladen.
Wir zielen auf eine Scheibe und trinken Fanta-Korn.
All diese Momente werden verloren sein in der Zeit,
so wie Tränen im Regen.
14
Mein 8-Uhr-Termin beim Psychologen.
Es ist ein Erstgespräch.
Wir haben zufällig das Gleiche an, tragen beide ein Poloshirt von Ben Sherman
und sitzen uns gegenüber.
»Ich bin eigentlich kein richtiger Psychologe«, sagt er.
»Mir geht es eigentlich ganz gut«, sage ich.
»Ich verstehe Ihr Problem nicht«, sagt er, »es ist alles so schwammig.«
Ich fange an zu lachen.
Er schaut mich wütend an.
Dann sagt er, dass er mir Medikamente verschreiben möchte,
die würden einiges besser machen.
»Was genau?«, frage ich.
Wir kennen uns seit 20 Minuten.
Er sagt: »Damit würden Sie beim Reden nicht mehr so häufig das Thema verfehlen.«
»Nein, danke«, sage ich.
Beim Gehen laufe ich aus Versehen gegen den Türrahmen.
15
Stell dir vor, irgendwo gibt es einen Planeten,
auf dem intelligente Wesen leben.
Sie sehen vielleicht genauso aus wie wir.
Und auf diesem Planeten gibt es Bibliotheken voll mit Büchern.
Geschrieben von Dichtern, Philosophen und Wissenschaftlern.
Und vielleicht, wenn auf der Welt der Hass und die Gier so groß werden,
dass nichts, aber auch nichts mehr sie retten kann,
dann gibt es dort auch ein Buch, das heißt »Der Untergang der Erde«.
(Die Puhdys)
16
Als ich bei Netto einkaufe, fragt vor mir eine Frau nach Wunderkerzen.
›Ham wa nich‹, antwortet die Kassiererin.
17
Adam und ich sitzen im Treptower Park. Er erzählt, dass er wegziehen möchte.
»Wohin?«
»Keine Ahnung. Nach Italien oder Rio.«
»Manche Leute checken einen, andere tun’s nicht«, sagt er.
Er erzählt von einem Gespräch mit jemandem, der ihn gecheckt hat.
Das Gespräch:
»Ich habe letztens den Teufel getroffen.«
»Letztens erst? Ich hab ihn schon getroffen, da war ich Anfang 20«, meinte der andere zu ihm.
Dann erzählt Adam mir von seiner Begegnung mit dem Teufel.
Wir laufen durch eine Pappelallee hin zum sowjetischen Ehrenmal.
Der Wind weht, zwischendurch fällt Adam ein, dass er sein Handy verloren hat. Er rennt zurück zu einer Steinbank und findet es.
Dann macht er mir Komplimente zu meinen Ohrringen.
»Die hätte ich gern als Manschettenknöpfe.«
Er erzählt von der Tochter eines Pianisten, die drei Wochen lang gefesselt war, weil sie durchdrehte. »Hat wohl zu viel wahrgenommen.
Also ich war mal drei Stunden gefesselt und das hat mir schon gereicht.«
18
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
(Aus »Wünschelrute«, Joseph von E.)
19
Mein Opa hat heute seinen 85. Geburtstag.
Ich rufe an, es tutet.
Irgendwann geht meine Tante ans Telefon und erzählt, dass sie im Berliner Tierpark war, dass es eine Treppe nach unten gab und dass man dann bei den ›Tieren der Nacht‹ war.
»Erst hat man alle Leute angerannt, weil man nichts gesehen hat, dann wurde es besser. Es gab ein Schwein und einen Wüstenfuchs«, erzählt sie.
Das letzte Mal, als ich selbst bei den ›Tieren der Nacht‹ war, war in der Grundschule.
Wir haben Cathis Geburtstag dort gefeiert. Cathie durfte die ›Tiere der Nacht‹ füttern, da hat man den Wüstenfuchs einmal kurz gesehen.
20
Ich habe diesen einen Freund, der ist wahnsinnig gut in zwei Dingen, sage ich zu Viktoria. 1. ist er sehr gut darin, zu feiern, auch und sogar im Besonderen, wenn es keinen Grund gibt, und 2. ist er ein unheimlich guter Netzwerker. Er kennt jeden.
Ich glaube auch, er ist einer der klügsten Menschen, die ich kenne.
Im Sommer war es einmal sehr wild. Er begann, sich im Park auszuziehen, und rannte nackt herum. Für alle anderen muss es sehr komisch gewesen sein, sie riefen den Krankenwagen, er selbst hatte die Zeit seines Lebens. Als er zu sich kam, wachte er fünffach gefesselt in der Abstellkammer eines Neuköllner Krankenhauses auf.
»Willst du uns immer noch schlagen?«, war das Erste, was er hörte.
Ein Securitymitarbeiter beugte sich über ihn.
»Flora«, hat er letztens zu mir gesagt, »was ich an jenem Tag gesehen habe, dort im Park, das ist mir vor ein paar Tagen wirklich passiert.
Zeit ist so etwas Absurdes.«
21
»Sie haben den Raum gefunden?«
»Ja.«
Ich habe eine Makita-Kappe auf. Mir gegenüber und rechts von mir sitzen zwei Philosophiedozenten. Ich bin halb umzingelt irgendwo im Untergeschoss eines nicht renovierten Teils der Heinrich-Heine-Universität.
Prüfung zur Existenzphilosophie.
»Der Mensch befindet sich zwischen Herrlichkeit und Elend.«
Ist die einzige Phrase, die mir einfällt. Zwei Unendlichkeiten.
Die erste Frage läuft noch gut, dann wird es stammelnd. Der Dozent mir gegenüber stellt immer weiter bohrende Fragen.
»In welcher Kategorie denkt das Herz? Was nimmt es wahr?«, fragt er.
Es folgen immer mehr Fragen zum Herzen.
»Sie reden von abstrakt«, sagt er. »Sind Gefühle für sie abstrakt?«
Ich frage mich, ob das eine Fangfrage ist.
Gern würde ich erzählen, dass ich mir mit dem Kugelschreiber einige Herzen auf das Bein gemalt habe, dass ich deswegen fast zu spät kam, ein Taxi rufen musste und dass das meine Antwort auf die Fragen wäre.
Stattdessen schaue ich die Wand links neben mir an, wortlos.
Blaise Pascal sprach von zwei Unendlichkeiten, gerade bin ich in meine persönliche Nummer 3 gekippt.
Als ich zur Bewertung antrete, sage ich: »Das war wohl nichts.«
»Nicht nichts«, sagt der Dozent.
»Andere Prüfer würden sie nicht so nett bewerten.« Dann gibt er mir eine 3-.
22
Mittags Kunstakademie
»Wem gehören die Farben dort im Atelier unter der Treppe?«, frage ich.
»Die sind von meinen Graffitifreunden«, sagt Alex,
»aus dem Kunstverein, zu verschenken. Sie kamen mit einem Einkaufswagen voll, da dachte ich schon ›meine Güte‹ und dann kamen sie mit noch einem.
Es gibt Schwarz, Weiß, Gelb, Blau und ein bisschen Rosa. Viel billiger als Sprühdosen.
Das reicht für einige Waggons.«
Im Zug nach Berlin lese
