Über dieses E-Book
Theria Noara ist Wissenschaftlerin, Kriegerin, Heilerin – und Paqid der Shomer. Diese uralte Menschheit lebt verborgen unter uns, in der Lage, durch Raum und Zeit zu reisen. Ihre Aufgabe: Die Weltgeschichte an jenen Punkten zu bewahren, an denen sie beinahe aus dem Gleichgewicht geraten wäre.
Als eine Vision das fragile Gefüge bedroht, wird Theria ins Mongolenreich des 13. Jahrhunderts gesandt. Dort soll sie Einfluss nehmen, ohne aufzufallen – unter Reitervölkern, die für das Schicksal der halben Welt stehen. Doch das ist nur der erste Kipppunkt. In den Schatten Frankreichs wird eine junge Frau vor Gericht gezerrt – und über dem Ärmelkanal sammelt sich eine Flotte, die Geschichte neu schreiben könnte.
Theria weiß: Wer eingreift, verändert.
Wer schweigt, verliert.
Und wer die Geschichte retten will, muss manchmal alles riskieren – selbst sich selbst.
Freya Jüptner
Freya Jüptner ist eine deutsche Autorin, Pädagogin und ehemalige Skipperin. Ihre Fantasy-Romane verbinden Mythologie, Geschichte, queere Identität und ethische Dilemmata. Mit ihrem Hintergrund in der Notfallmedizin, der Ermittlungsarbeit und der maritimen Ausbildung bringt sie Realismus, Tiefe und eine europäische Perspektive in ihre Geschichten ein. Ihre Figuren suchen kein Happy End – sie suchen die Wahrheit. Freya schreibt gegen das Vergessen, gegen Ungerechtigkeit und für Mut, Verantwortung und emotionale Klarheit. Wenn sie nicht schreibt, trinkt sie schwarzen Tee am Wasser und denkt über die Geschichten nach, die noch darauf warten, erzählt zu werden. ----- Freya Jüptner is a German author, educator, and former skipper. Her fantasy novels blend mythology, history, queer identity, and ethical dilemmas. With a background in emergency medicine, investigation, and maritime training, she brings realism, depth, and a European perspective to her storytelling. Her characters don’t seek happy endings-they seek truth. Freya writes against forgetting, against injustice, and in favour of courage, responsibility, and emotional clarity. When she’s not writing, she’s sipping black tea by the water-reflecting on the stories still waiting to be told.
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Buchvorschau
Shomer - Freya Jüptner
Prolog
Seit drei Tagen wartet sie nun schon in der alten Hütte, schläft auf modrigem Stroh. Außer altem Brot und ein paar verschrumpelten Äpfeln gab es nichts zu essen. Der Brunnen ist zugefroren, so bleibt ihr nur der Schnee.
Die Wunde am Bein brennt und hat sich leicht entzündet. Das Fieber macht ihr zu schaffen, nicht sehr, doch genug, um nur mit Anstrengung in ihre Meditation und Trance zu kommen. „Ein paar Stunden noch", seufzt sie müde. Mehr aus Reflex knabbert sie an dem Apfel.
Sie hatte vier Tage gebraucht, um sich nach Pskow durchzuschlagen. Doch dummerweise lief sie einer Streife der Deutschritter¹ in die Arme. Einen konnte sie töten, bevor sie im Wald untertauchen konnte. Doch ein letzter Pfeil traf sie am Bein. „Wenigstens ist es nur eine oberflächliche Wunde", sagt sie sich; auch wenn es sich nicht so anfühlt.
Sie schreckt hoch. „Mist! Eilig sieht sie zum Himmel. „Baruch ata, Shomer Orion
, flüstert sie. Das rotgelbe Licht von Beteigeuze beruhigt sie. Sie liebt das Sternbild des Jägers. Auch wenn der rechte Oberschenkel schmerzt, schafft sie es in den Schneidersitz zu gehen.
Doch nicht Orion wird sie nach Hause bringen. Es ist Arcturus, der Bärenhüter, der ihren Weg nach Hause leiten wird. Langsam und sauber artikulierend beginnt sie mit ihrem Mantra: „Petach li sha’ar. - Petach li sha’ar. - Petach li sha’ar. - Petach li sha’ar." Sie entspannt sich mit jeder Wiederholung mehr, und allmählich verändert sich ihre Wahrnehmung.
Die Sterne verändern sich schleichend langsam, aber dennoch sichtbar in ihrer Position. Neue Sternbilder erscheinen, alte verschwinden. Nur Arcturus nicht. Obwohl sich der Bärenhüter am Himmel bewegt, behält der Leitstern seine Stellung.
Sie fühlt das Ziehen. Zuerst sanft, dann immer heftiger, bis sie zu Boden stürzt. Kein Schnee mehr! Ihr Oberschenkel stößt an einen Stein. Vor ihr schäumt das Wasser in einem Gebirgsfluss. Erschöpft und vom Schmerz geplagt bleibt sie eine Weile auf dem Bauch liegen, bevor ihr Blick zum Himmel schwenkt.
Sie erkennt den Großen Wagen im Zenit, den Bärenjäger hoch am Himmel; in der Ferne sind Autos zu hören. „Toda, Arcturus", murmelt sie, bevor sie sich auf die Seite legt und einschläft.
Eine Stimme weckt sie. „Nora?"
Mei? Wer? Sie hebt den Kopf und wendet sich der Stimme zu. Dann erkennt sie Joachim. Er ist ihr Shomer. „Hakah raga, bevakasha", spricht sie ihn mühsam an.
„Ist alles gut mit dir? Du weißt, dass ich kein hebräisch spreche."
„Verletzt. Bein. Entzündet, bringt sie noch stockend heraus. „Hilf mir auf
, bittet sie nun wieder in flüssigem, modernem Deutsch.
„Du hast dich schnell angepasst, lobt Joachim. „Das Auto ist nicht weit weg. In zwanzig Minuten können wir dort sein.
Nora nickt müde und hängt sich bei Joachim ein. „Hast du etwas zu essen dabei?"
„Natürlich. Brezen und Spezi."
Nora zieht eine Augenbraue hoch. „Ich meinte etwas… Nahrhaftes."
Joachim beeilt sich zu ergänzen: „Ich habe noch ein paar Snickers."
Nora seufzt schicksalsergeben. „Spezi, Snickers und Brezn. Wenn’s sein muss." Joachim stützt sie auf dem Weg zum Auto. Noch während der Fahrt schläft Nora ein.
Kapitel 1
Der Flur riecht nach Franzbranntwein, feuchtem Wollmantel und Kaffee von vor drei Stunden. Nora Thalheim humpelt zur Tür herein. Frisch geduscht, zum ersten Mal seit … drei Monaten? Die Haut spannt noch unter dem sauberen Shirt. Die Wunde am Oberschenkel pocht im Rhythmus ihrer Herzschläge. Ihr Unterbewusstsein ist ihr nicht ganz gefolgt. Noch nicht.
Ein Blitz durchzuckt sie. Ein Bild, klar wie Eis: Gepanzerte Reiter brechen unter dem Gewicht ihrer eigenen Rüstung ins schwarze Wasser ein. Schrill wiehernde Pferde, panisch vor Todesangst. Blutiger Schnee, soweit das Auge reicht. Überall liegen Körper.
Sie zieht ihre Wachsjacke von Romneys aus und hängt sie neben die abgeriebene Wolljacke von Sepp Fesl.
Wieder ein Aufblitzen: das Gesicht Alexanders², von Schnee bedeckt, die Lippen zu einem boshaften Lächeln verzogen, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sein Waffenrock mit dem Wappen ist von Blut getränkt. Dem Blut hunderter Deutschritter, die an diesem Tag sterben. Doch Alexander sichert den nördlichen Rus³ ihre Unabhängigkeit. Die Deutschritter ziehen nie wieder über die Narwa. Der letzte Blitz ist Andrejs Gesicht; Andrej, der sie sucht.
Ein leises Brummen holt sie ins Hier und Jetzt zurück. Der alte Hund, grau um die Schnauze, hebt müde den Kopf. „Hallo Wolfi", sagt Nora ruhig. Wolfi mustert sie, dann senkt er den Kopf wieder auf die Pfoten. Sein Urteil ist gefallen: Nora ist keine Bedrohung.
Die Tür zur Praxis öffnet sich, eine freundliche Schwester mit kurzem, dunklem Haar winkt sie herein. „Sie san glei dran, Frau Thalheim."
Kaum ist der vorherige Patient gegangen; ein alter Mann mit Nikotin-Fingern und ungepflegtem Bart, schlüpft Nora ins Behandlungszimmer.
„Hamm’s d’Löwen wieder g’schafft, Frau Thalheim! Sepp Fesl lässt sich nicht beirren. Er ist wie die Alpen; beständig und unerschütterlich. „War zäh, aber am End’ hamm’s g’wonnen. Hock’n S’ si bitte auf die Liegn. Hos’n a bissl runter, ja?
Nora gehorcht, schweigend. Der betagte Arzt ist kein Narr. Auch wenn seine Leidenschaft an „die Löwen" durchaus an das Verhalten eines Süchtigen heranreicht. Die ganze Praxis wirkt wie ein Tempel des Münchner Fußballvereins. Also nimmt Nora unter einem gerahmten Bild von Walter Schachner mit herabgelassenen Hosen Platz.
Dr. Fesl weiß längst, dass ihre Verletzungen selten mit dem Alltag erklärbar sind. Er fragt nicht. Sie sagt nichts und das ist in seinen Augen schon fast so gut wie Ehrlichkeit.
„Jagdunfall?" fragt er beiläufig, während er das sterile Besteck auslegt.
„Sicher. Ein Jagdunfall", bestätigt Nora gleichmütig.
Sepp Fesl reinigt die entzündete Wunde, begradigt die Wundränder und kontrolliert ob sich im Wundkanal noch Splitter befinden. „Des Viech hat sie sauba dawischt. Man muss net ois ausplappern, was ma woaß, gell?" Grinsend sieht er Nora an und wirft die verschmutzen Mullplättchen weg.
„Umdrea, der Befehel ist knapp und bevor Nora sich versieht, pickts es in der rechten Hüfte. „Geg´n Tetanus.
Sie reagiert nicht. Muss sie auch nicht. Die Wunde ist unsauber und vereist gewesen, dann notdürftig geschlossen, aber noch nicht endgültig. Obwohl sie sich wirklich Mühe gegeben hat, sie sauber und trocken zu halten.
Sepp ist alt, aber seine Hände zittern nicht. Die Nadel gleitet in die Haut, als sei sie Butter. Die Wundränder glättet er mit sicherem Schnitt. Elf Stiche, sauber gesetzt. Kein Zucken. Kein Laut von ihr.
„Sie san tougher als de Buam in da Feuerwehr", murmelt Sepp, in Gedanken versunken. Er weiß, dass Frau Thalheim nicht antworten wird. Er hat schon viele Wunden versorgt, sie hat nie geklagt. Und seit er vor drei Jahren eine 9-mm-Patrone aus ihrem Schulterblatt operiert hat, stellt er keine Fragen mehr. Besonders nicht, seit dieser Brandner Joachim ihm einen Besuch abgestattet hatte.
Nora beobachtet seine Hände, wie Sepp sie am Waschbecken wäscht. Behutsam steht sie auf und zieht die Hose wieder hoch. Langsam geht sie zum Stuhl am Schreibtisch.
Dr. Fesl tippt nervtötend langsam mit zwei Fingern an seinem Rechner. Nebenbei sieht er Nora an. „Maibaumaufstellen is heuer wieder in Vorderleiten. Kommen S’?"
Nora schmunzelt prompt. „Wenn ich bis dahin nicht wieder unterwegs bin. Ich bring Strudel mit."
„Wie immer, sagt Sepp. „Und no amoi mit Vanillesoß’, bittschön.
Er tippt weiter. Dann fragt er noch: „Zwo Wocha?"
Nora überlegt nur kurz. „Ja. Sicher. Zwei Wochen."
Der Drucker quietscht einige Sekunden. Dann hält sie ihren Krankenschein in der Hand.
„I schreib no an Antibiotikum auf. Dies amoi nehmens dös aba wirkli." Sepp sieht Nora eindringlich an. Seine buschigen Augenbrauen sorgen dafür, dass sie sich ein Schmunzeln verkneifen muss. Sie mag diesen kauzigen Arzt, der mehr gesehen hat als die meisten seiner Zunft. Sie weiß um seine Einsätze bei der Bundeswehr, im Kosovo und Afghanistan. Und Nora weiß, wie lange er seine Frau versorgt hatte, bis sie endlich erlöst wurde.
„Versprochen. Servus." Dann ist sie auf dem Flur.
Wolfi jault leise im Schlaf. Nora nickt den wartenden Patienten zu. Auf der Straße holt sie ihr Handy heraus. „Timon. Ich bin in einer Stunde bei dir."
Die Antwort zaubert ein trauriges Lächeln in ihr Gesicht. Weiche Tropfen fallen vom Himmel. Kein Schnee. Kein Schlachtenlärm. Nur die laue Luft der Voralpen.
Kapitel 2
Nora parkt ihren alten 3er BMW in einer Seitenstraße, bevor sie zum Obermarkt in Murnau geht. Die Musikschule Goldmann befindet sich im zweiten Stock des alten Hauses. Die hohen, schlanken Jugendstilfenster, die wuchtigen Türen und knarzenden Treppen helfen ihr, sich innerlich auf das bevorstehende Gespräch einzustimmen.
Timon Goldmann wartet auf sie in der geöffneten Tür. Er lächelt sie an, während sie die letzten Stufen nimmt. „Baruch Hashem. Dir geht es gut." Die Erleichterung schwingt deutlich in seinen Worten mit. Timons Augen ruhen auf ihrem Bein, dass sie leicht nachzieht.
„Toda Rabbah. Danke.", antwortet sie leise und neigt höflich den Kopf.
„Komm rein. Ich habe Tee gemacht." Dabei tritt Timon einen Schritt zurück und streckt seinen Arm einladend aus.
Nora tritt ein und nimmt den Raum in sich auf. Vor den Fenstern stehen ein Flügel, diverse Gitarren und Geigen sowie ein Kontrabass. Hinter sich an der Wand sind Halterungen für die Blasinstrumente und auf einem Biedermeiertischlein steht ein Grammophon. Das Aroma von Jasmin und Liebstöckel schwebt im Raum und irgendwo ist leise B.B. King zu hören.
Sanfte Schritte nähern sich. Eine junge Frau mit tiefschwarzen Haaren und grünen Augen nähert sich. Kurz zögert sie, bevor sie Nora umarmt. „Elf Wochen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Theria."
Nora schließt ihre Arme um die junge Frau. „Es war nicht so einfach. Alexander ist ein bedächtiger und kluger Mann. Er trifft keine vorschnellen Entscheidungen. Maya."
„Maya. Bitte. Wo sind deine Manieren?, rügt Timon seine Tochter liebevoll. „Theria. Wollen wir?
Er sieht Nora an. Nora Thalheim, oder besser Theria Noara lächelt ihren Schützling Maya an, dann stimmt sie ihrem Sar Timon nickend zu. „Beseder. Sehr gerne." Beide Frauen folgen Timon in ein stilvolles Biedermeier-Wohnzimmer. Auf dem kleinen Tisch am plüschigen Sofa stehen drei Teegläser und eine Kanne, welche auf einem kleinen Ofen thront.
„Du nimmst Zucker und Sahne?", erkundigt sich Maya und deutet an, Therias Glas zu füllen.
„Bevakasha. Bitte. Sehr gerne. Dabei lässt sich Theria auf einem der monströsen und weichen Sessel nieder. Die Kandis knistern leise und sie nimmt sich Zeit, den Sahnewölkchen ein paar Sekunden Aufmerksamkeit zu schenken, bevor sie sich Timon zuwendet: „Wenn ich berichten darf?
Timon macht eine einladende Geste und nippt an seinem heißen Tee.
Er zieht ein dickes, in schwarzes Leder gebundenes Buch näher zu sich, das neben der Teekanne liegt, und schlägt es auf. „Bericht der Mission Nowgorod", murmelt er und notiert Datum und Theria Noaras Ankunft.
Theria trinkt zuerst einen Schluck, dann holt sie Luft und beginnt: „Ich habe drei Wochen gebraucht, um in die Nähe von Alexander zu kommen. Genauer war es Andrej, den ich umgarnte, so dass er mich seinem Bruder vorstellen würde. Theria stockt kurz. „Er war mir zugeneigt.
Noch bevor Timon eine Frage stellen kann, die er bereuen würde, fährt Theria hastig fort: „Ich habe ihn mit meiner Musik begeistert. Ich glaube Celiné Dion wird mir verzeihen, doch ihre Melodien haben Andrej sehr gut gefallen."
Timon verzieht dezent den Mund, ob er schmunzeln oder die Stirn runzeln soll. Maya grinst breit. Ihr haben die unkonventionellen Methoden ihrer Mentorin immer schon gefallen.
„Es waren Boten der Goldenen Horde anwesend. Batu Khan⁴ hatte überraschend entschieden, sich aus dem Konflikt der Nowgoroder mit dem deutschen Orden herauszuhalten. Ich hatte das Glück, einen Knappen des Hermann von Buxthoeven⁵ zu fangen. Ich übergab ihn der Druschina⁶, die ihn verhörte. Danach wurde er hingerichtet, auf Andrejs Befehl, und Alexander sammelte seine Truppen." Theria trinkt durstig aus ihrem Glas.
Timon reibt sich seinen kurzen Bart. Sein ehemals braunes Haupt- und Barthaar wird allmählich grau. Irgendwann würde es weiß sein, doch nicht in den nächsten fünfzig Jahren. Er nickt Theria aufmunternd zu: „Sprich weiter."
Theria atmet tief durch: „Ich wurde von Andrej gebeten mich dem Heerzug anzuschließen. Als die Druschina, die Leibwache Alexanders, angriff, wendete sich das Blatt zugunsten der Nowgoroder, da spürte ich das Ziehen."
Maya macht große Augen. „Du hast es gespürt? Theria nickt. „Ja. Ich hatte eine Ahnung, dass mein Auftrag erfüllt war.
Sie wendet sich wieder Timon zu. „Es hat zwei Tage gedauert mich zu entfernen. Auf meinem Weg zum Knoten wurde ich von einer Patrouille der Deutschritter überrascht. Sie deutet auf ihr Bein. „Einer hat es nicht überlebt, doch sein Kumpel war ein guter Bogenschütze.
Theria trinkt ihr Glas aus und Maya beeilt sich, es wieder zu füllen.
„Wie lange musstest du noch warten? Joachim sagte, du warst in einem erbärmlichen Zustand." Timons Sorge ist deutlich zu hören.
„Drei Tage. Nur mit einem halben Brot und vier Äpfeln. Wasser hatte ich nicht, nur Schnee." Theria inhaliert tief das Aroma des Tees.
„Verstehe. Timon streicht wieder durch seinen Bart. „Erhole dich. Ich habe zu bald wieder eine Mission für dich.
Er betrachtet sie nachdenklich. „Wie gut ist dein Mongolisch?"
„Mongolisch? Wirklich? Theria seufzt verzweifelt. „Dann habe ich gut zu tun.
Sie sieht Maya an, mit einem Hauch Hoffnung: Hilfst du mir?
Mayas Augen leuchten vor Begeisterung. „Gerne. Darf ich dein Gästezimmer haben?"
„Sicher. So haben wir mehr Zeit zum Lernen. Theria sieht Timon an. „Soll ich meinen Job gleich aufgeben?
Timon zögert keine Sekunde. „Nein, sagt er sehr bestimmt. „Hannah Reiter wird deine Übersetzungen für die LMU übernehmen. Auch während deiner Mission. Nicht ohne Grund haben wir darauf bestanden, dass du auch von zu Hause arbeiten darfst.
In den folgenden Stunden bringen Maya und Timon, Theria wieder auf den aktuellen Stand, was sie hier verpasst hat, während sie elf Wochen im 13ten Jahrhundert war.
Kapitel 3
Die beiden Frauen streifen durch die Münchner Innenstadt. Immer wieder gehen sie in Buchläden, welche auch antiquarische Literatur haben. Die eine von ihnen, fast eins-achtzig groß, durchtrainiert, herbe Gesichtszüge, aber dennoch elegant mit ihren langen rotbraunen Haaren. Sie hinkt ein wenig. Die andere, fast genauso groß, schwarze Haare mit weichen Bewegungen und wachen Augen. Ihre Gesichtszüge könnte man durchaus als klassisch bezeichnen.
„Grüß Gott. Wir suchen Bücher über die Mongolei. 13. Jahrhundert. Haben sie da etwas?" Theria Noara blickt die Inhaberin voller Hoffnung an.
„Wir haben hier ein schön illustriertes Buch. Eine sehr alte Ausgabe von Marco Polos Reisen." Die ältere Dame ist bereits dabei das Buch aus der Vitrine zu holen.
„Danke. Ich suche etwas Älteres, deutlich Älteres", sagt Theria leise und sieht Maya bedauernd an.
„Vor Marco Polo? Da werden sie kaum etwas finden." Das Bedauern der Verkäuferin ist zu spüren. Aber auch Neugier.
„Auf Wiederschaun", verabschiedet sich Theria und das Bedauern in ihrer Stimme klingt echt.
„Wieso gehen wir nicht einfach in die LMU?" Maya hält ihr die Tür auf.
„Weil ich krankgeschrieben bin und keine schlafenden LMU-Hunde wecken möchte. Theria sieht auf ihre Uhr. Dann deutet sie auf die U-Bahnhaltestelle. „Du hast doch die kommenden Tage nichts vor?
Dabei neigt sie den Kopf und sieht Maya an.
Maya verzieht keine Miene. „Wohin?
„Berlin. Ich brauche eine Vorlage für eine Paiza⁷. Und auch ein paar mehr Hinweise, wo sich Batu damals aufgehalten hat. Unsere eigenen Archive sind hier nicht sehr hilfreich."
„Verstehe. Maya blickt ihre Mentorin bedauernd an. Sie ist noch nicht einmal eine Woche hier und bereits voll in der Vorbereitung ihrer nächsten Mission. „Wie können die von dir verlangen, dass du schon wieder losziehst?
Theria antwortet nicht sofort. Sie streicht mit den Augen über den Leinenrücken eines alten Bandes im Schaufenster. „Weil es niemand sonst kann", sagt sie schließlich. Ruhig, fast sachlich; aber Maya hört den Widerstand unter der Oberfläche.
„Dann fahren wir also nach Berlin?"
Theria nickt. „Wenn wir heute noch fahren, kommen wir morgen früh ins Museum für Asiatische Kunst. Danach Staatsbibliothek."
Maya seufzt. „Ich hätte auch einfach Übersetzerin werden können. Für romantische Briefe aus dem 19. Jahrhundert."
„Dann wärst du nicht bei mir gelandet."
„Stimmt." Maya schmunzelt. „Und das mit der Paiza, was genau brauchst du?"
Theria hebt eine Augenbraue. „Eine, die echt aussieht. Authentische Maße, richtiges Material, Gravur mit Stilmitteln der Zeit. Ich muss sie jemandem zeigen können, ohne dass er sie für eine Fälschung hält."
Maya hat verstanden: „Eine Art VIP-Pass für das Mongolenreich."
„Exakt. Nur dass mein Leben davon abhängt." Sie erreichen die Rolltreppe zur U-Bahn. Unten tobt die alltägliche Hektik Münchens. Niemand achtet auf zwei Frauen.
„Also gut. Ich frag mich nur, woher du weißt, wie die Gravur auszusehen hat."
Theria schüttelt kaum merklich den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber jemand in Berlin wird es wissen. Und wenn nicht; dann die Sammlung in Dahlem."
Sie haben Glück. Der nächste ICE nach Berlin fährt bereits in dreißig Minuten. Währen Theria zwei Plätze in der ersten Klasse bucht, besorgt Maya noch schnell Sandwiches und den von Theria so geliebten Chai-Latte. „Wusste gar nicht, dass es den schon am Bahnhof gibt", murmelt Theria zufrieden.
Während Theria bereits wieder ihre Vokabeln lernt, prüft Maya die Hotels. Sie ist gerade auf der Website des Hotel Nikolai Residence, als Theria herübersieht. „Nimm gleich eine Woche. Maya hält erschrocken die Luft an. „Das geht schon klar.
Wird sie durch ihre Mentorin beruhigt. „Hast du dir schon mal die Frage gestellt, woher wir das Geld zu haben?" Maya wartet geduldig bis Theria antwortet.
„Wir sind Zeitreisende. Denk mal drüber nach."
Maya sieht nachdenklich auf die schwarze Kreditkarte, mit dem Ankh-Symbol, mit der Theria gerade die Fahrkarten gekauft hat. Nora Thalheim steht in klarer Schrift darauf. „Berenberg Bank?" murmelt Maya nachdenklich.
Theria antwortet nicht. Sie bringt ihre Lehne in eine bequemere Position.
„Welchen Verfügungsrahmen hat deine Karte?" fragt Maya schließlich. Ihr selbst steht eine normale Karte zu Verfügung und Lena Becker ist eine sehr penible Ozerim. Bevor sie von Shomer angeworben wurde, hatte sie für das Finanzamt gearbeitet.
Theria verstaut die Karte wortlos in einem schmalen Lederetui, dann sieht sie auf. „Ich kann es dir nicht sagen. Ich nutze sie nur im Auftrag von Shomer."
Maya runzelt die Stirn. „Und wer genau verwaltet das?"
Theria blickt ihr in die Augen. „Vertraue darauf, dass es seit 1590 niemand Ungeeignetes damit betraut war. Theria legt Maya die Hand auf den Arm. „Sobald du deine Prüfung zum Talmid bestanden hast, wirst du deine Goldkarte erhalten. Bis dahin, fühle dich eingeladen.
…
In der Hotellobby stellt sich Theria wieder mit ihrem Decknamen vor: „Nora Thalheim. Für uns sind zwei Zimmer reserviert. Der Concierge sieht in seinem Rechner nach, dann antwortet er näselnd. „Zimmer 412 und 414. Zum Fahrstuhl bitte nach links. Frühstück ist ab sechs Uhr. Die Bar schließt um Mitternacht.
Ein einziger Blick reicht. Maya strahlt vor Freude. Hastig räumt sie ihre Sachen weg und hat bereits das erste Glas Wein getrunken, bis endlich Theria in der Bar eintrifft.
Die Bar im Erdgeschoss ist fast leer. Gedämpftes Licht liegt auf den dunklen Holzvertäfelungen, der Duft von altem Leder und Zitrusschale hängt in der Luft. Ein Pianist spielt leise, fast beiläufig, eine langsame Jazzballade. Die Töne verschwimmen im Glas von Mayas Weißwein. Theria bleibt bei stillem Wasser mit einer Zitronenscheibe.
Maya beobachtet sie. „Du hast doch auch mal frei, oder?", fragt sie leise.
Theria schüttelt langsam den Kopf. „Sicher. Aber wir sind gerade dabei eine Mission vorzubereiten. Ich brauche morgen einen klaren Kopf."
Sie schweigen einträchtig. Der Kellner bringt Oliven, stellt sie kommentarlos auf den Tisch. Maya greift nicht zu. „Worauf wartest du?", fragt sie nach einer Weile. Ihre Stimme ist leise, aber klar. Maya glaubt nicht, dass Theria wegen der Mission beim Wasser bleibt.
Theria sieht auf das Glas, als würde sie dort die Antwort finden. „Auf ihn", sagt sie.
„Ich wusste es!" Maya wartet geduldig. Theria wird sprechen, wenn sie soweit ist.
„Mein Verlobter ist ebenfalls ein Paqid. Sein Einsatz führt ihn weit weg. Nordamerika. Lakota-Gebiet." Theria spricht ruhig, fast sachlich, aber in ihren Augen liegt eine Spannung, die nicht vergeht. „Er muss dafür sorgen, dass Tashunka Witko nicht scheitert. Dass Tatanka Iyotanka gehört wird. Der Sieg am Little Bighorn⁸; er muss sicher geschehen. Nicht trotz uns. Sondern ihretwegen."
„Du meinst... Custer? Mayas Augen werden riesengroß. „Die Cholem?
Theria nickt. „Sie haben Visionen empfangen. Custer siegt und die Lakota vergehen. Danach die Cheyenne, Apache und Navajo. Und auch deswegen
