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Was gut war: Alexander Langers Vermächtnis
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eBook273 Seiten2 Stunden

Was gut war: Alexander Langers Vermächtnis

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Über dieses E-Book

Alexander Langer (1946–1995) war der Gründer der italienischen Grünen, ein visionärer Intellektueller, Menschenrechtsaktivist, Wegbereiter des Umweltschutzes auf europäischer Ebene und überzeugter Verfechter des friedlichen Zusammenlebens der Völker. Goffredo Fofi zeichnet Langers politische und menschliche Geschichte zwischen Utopien und Widersprüchen nach. Er zeigt auch, was von Langers zivilem Engagement übrig ist, welche seiner Leitsätze noch heute Bestand haben.
» umfassender Blick auf Langers Lebenswerk 30 Jahre nach seinem Tod
» Nachworte von Soziologe Peter Kammerer und Journalist Gad Lerner
» Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit, Wegbegleiter Langers im EU-Parlament
SpracheDeutsch
HerausgeberAlphabeta
Erscheinungsdatum26. Juni 2025
ISBN9788872234501
Was gut war: Alexander Langers Vermächtnis
Autor

Goffredo Fofi

Goffredo Fofi, geboren 1937, Essayist, Journalist, Film-, Literatur- und Theaterkritiker, ist einer der maßgeblichen Intellektuellen Italiens und eine laute Stimme des zivilen Ungehorsams. Als redaktioneller Berater schreibt er auch im hohen Alter für verschiedene Zeitungen und setzt seine unermüdliche Tätigkeit als politischer Beobachter und Kulturförderer fort.

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    Buchvorschau

    Was gut war - Goffredo Fofi

    Zum Geleit

    In dieser unserer Welt voller tiefer und allzu oft noch offener Wunden gab es einen Mann, der sein Leben lang eine Brückenfunktion ausübte, den Austausch pflegte und stets neue und unerlässliche Wege für das Zusammenleben zwischen den Menschen und mit der Natur suchte.

    Heuer jährt sich der Todestag von Alexander Langer zum dreißigsten Mal. Zu diesem Anlass publiziert der Verlag Alphabeta einen Text von Goffredo Fofi, der den persönlichen und politischen Werdegang Langers aus der Perspektive der „dreißig Jahre danach" erzählt. Fofi beschreibt Langer und seine vielseitigen Begegnungen, seinen unermüdlichen Einsatz, seine fortwährende Suche und seine ständigen (auch buchstäblichen) Gratwanderungen.

    Um diesen einfühlsamen Beitrag herum enthält das Buch weitere Texte: Die junge Historikerin Clara Bassan hat eine kurze Biografie verfasst; vom materiellen Nachlass, darunter vom wertvollen Langer-Archiv, erzählt ein anderer Historiker, Giorgio Mezzalira; Gad Lerner unterstreicht die Zukunftsvisionen Langers, auf lokaler und globaler Ebene.

    Im Mittelpunkt steht natürlich immer der Mensch: Alexander Langers im weitesten Sinne des Wortes politisches Engagement war weitaus mehr als ein Beruf und prägte sein ganzes Leben. Wer ihn persönlich gekannt hat, erzählt hier noch einmal von den unterschiedlichen Seiten seines Lebens.

    Der Soziologe Peter Kammerer erinnert an Langer als „Brücke" zwischen Norden und Süden, zwischen Italien und Deutschland – natürlich stets in beide Richtungen, wie aus den Briefen aus Italien hervorgeht – oder an Langer, der den Umweltschutz in die Politikgestaltung Italiens integriert hat.

    In einem Gespräch mit Lucio Giudiceandrea erklärt Daniel Cohn-Bendit, wieso Langer ihn an Albert Camus erinnert, und analysiert vor allem den Europaparlamentarier Langer.

    Das ethische, menschliche und politische Profil wird somit bestätigt. Alexander Langer hat seine Heimat verlassen, hat sich der Welt geöffnet und aufgrund seiner Wurzeln und Erkenntnisse neue Wege vorgeschlagen.

    Das Buch wird in italienischer und deutscher Fassung veröffentlicht, so wie es für Alexander Langer selbstverständlich gewesen wäre (und an dieser Stelle sei mir eine Erinnerung an Langer als Übersetzer und Dolmetscher erlaubt, denn er hat auch in diesem Bereich als Sprachenträger Brücken geschlagen und vermittelt), und enthält schließlich auch eine kleine Auswahl seiner Texte, die zum Teil noch unveröffentlicht sind.

    Seit dreißig Jahren sind wir dran. Wir müssen sein Vermächtnis weiterführen und weitermachen. Dieser Band bietet dafür wichtige und teils neue Ansatz- und Anhaltspunkte.

    Christine Stufferin

    Präsidentin der Fondazione Alexander Langer Stiftung

    Eine besondere Art des Menschseins

    Giorgio Mezzalira

    Giorgio Mezzalira (* Padua, 1954), Historiker, ist Gründungsmitglied der Forschungsgruppe Geschichte und Region / Storia e Regione (die die gleichnamige Zeitschrift herausgibt), Präsident des Lenkungsausschusses der Fondazione Museo storico del Trentino, Co-Kurator des Alexander Langer Archivs der Fondazione Alexander Langer Stiftung und Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses der Zeitschrift »Qualestoria« in Triest. Er kann auf wissenschaftliche Kooperationen mit Universitäten, Museen, Forschungsinstituten und verschiedenen öffentlichen Einrichtungen verweisen und ist Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts im regionalen Kontext, darunter Trentino, Alto Adige, Sudtirolo. Tre sguardi, una storia (mit M. Marcantoni und G. Postal, IASA, 2024) und La Regione Trentino-Alto Adige/Südtirol nel XX secolo, vol. IV: Espressioni e forme di identità culturali (mit Q. Antonelli, J. Berghold und C. Poppi, Fondazione Museo storico del Trentino, 2024). Vor Kurzem sind von ihm erschienen: Der identitäre Rausch. Rechtsextremismus in Südtirol / Ubriacatura identitaria. L’estrema destra in Alto Adige (mit G. Pallaver, Edition Raetia, 2019) und La difesa dell’italianità. L’Ufficio per le zone di confine a Bolzano, Trento e Trieste (1945–1954) (mit D. D’Amelio und A. Di Michele, il Mulino, 2015). Für den Edizioni Alphabeta Verlag gab er zusammen mit Siegfried Baur den Band von Alexander Langer Südtirol ABC Sudtirolo (2015) heraus.

    Ich möchte bitten, dass mein Diskussionsbeitrag als Beitrag eines Privatmannes und nicht einer Organisation gesehen wird. Ich selber werde mich bemühen, so wenig wie möglich polemisch zu werden, um nicht allzu sehr die Meinung einer Kulturrevolution in Südtirol hervorzurufen, auch um nicht auf der Gegenseite entsprechende negative Reaktionen noch mehr zu provozieren. Aber ich glaube, dass wir uns doch, gerade heute bei dieser Gelegenheit und in Aussicht auf die Eröffnung des sogenannten „Haus der Kultur", erstens einmal fragen sollten, was überhaupt Kultur ist.

    Dies ist der Auftakt zu einer Rede des gerade mal zwanzig Jahre alten Alexander Langer im April 1967 kurz vor der Einweihung des „Hauses der Kultur" in Bozen. Dort sollte die deutsche Kultur Südtirols im Zeichen der Tradition und im Rahmen des offiziellen Denkens gewahrt und gepflegt werden. Zwar gehörte Alexander Langer dem Vorstand der Südtiroler Hochschülerschaft an, die zusammen mit anderen Jugendgruppen diese öffentliche Kundgebung organisiert und ein Manifest mit einem Aufruf an die Jugend verfasst hatte, sich für einen Wandel und Ein neues Denken in Südtirol einzusetzen.¹ Doch hier sprach Alex nur in eigenem Namen. Er tat dies als David gegen Goliath und forderte damit die politischkulturellen Institutionen heraus, den Anliegen junger Südtiroler echtes Gehör zu schenken. Er beanspruchte sein Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freiheit, den eigenen Dissens gegenüber Autoritäten zu äußern, die jungen Leuten und ihrem Drang nach Erneuerung keine Beachtung schenkten und Kultur zuallererst als Rüstzeug zum Schutz der eigenen Identität begriffen. Dabei stand er für den Auftritt einer neuen Subjektivität, die in der Lage war, individuelle Verantwortung, Freiheit und den Willen zur Teilhabe zum Ausdruck zu bringen. Und welchen Wert Alexander einem solchen Zeugnis beimaß, lässt sich an seinem Leben ablesen, das er ganz in den Dienst einer Botschaft, einer Wahrheit, einer Überzeugung stellte. Ein Engagement, das sich durchaus mit einem Heilsauftrag vergleichen lässt:

    Ja, ich habe mich als „Avantgarde gefühlt und habe danach gehandelt. Auf vielfältige Weise dachte ich (und denke es vage vielleicht noch heute), die Leiden dieser Welt auf mich nehmen, „retten, „aufklären zu müssen. Ich versuche gerade, dieses unglückselige Bewusstsein zu überwinden in der Hoffnung, dass es mir selber dann besser geht, weniger Schaden anzurichten und die Eigenständigkeit der anderen eher zu fördern. Ich will nicht abstreiten, dass ich es oft als angenehm und befriedigend empfunden habe, scharfes Bewusstsein und Klarheit zu verspüren, wo andere mir taub und blind vorkamen. Aber je mehr ich als „Avantgarde gehandelt habe, desto weniger gingen die Auswirkungen meines Tuns in die Tiefe. Heute ziehe ich dem avantgardistischen Handeln eher die individuelle Bezeugung vor, die Verweigerung aus Gewissensgründen, wenn ich meine, etwas machen zu müssen, was andere nicht sehen, in der Hoffnung, dass dies bei anderen Menschen eigenständige Wirkungen auslöst.²

    Wenn man eine Erklärung sucht, wie Langer schon in seiner Jugend das eigene Menschsein sah, lässt sie sich am ehesten in der Redewendung vom „Handwerk des Menschseins" finden. In seinen Jugendschriften taucht dieser Ausdruck zwar nicht auf, aber dort, wo Alex vom Menschsein³ spricht, bezieht er sich nicht auf ein abstraktes Konzept, sondern auf ein Menschsein im Sinne einer Praxis, stets die eigene Menschlichkeit einzubringen, zu tun, was richtig und gut ist, das Leben engagiert, aufrichtig und verantwortungsbewusst anzugehen – lauter Aspekte jener starken humanistischen Spannung, die das Handeln, auch das politische, von Alexander prägte.

    Das Leben war für ihn kein instinktives Handwerk, es erforderte tägliche Übung, Anstrengung und Hingabe. Ein Beleg dafür findet sich in einem Brief von 1966, als Langer noch die Zeitschrift »Offenes Wort« betreute, die er zusammen mit Mitschülern der Marianischen Kongregation am Franziskanergymnasium in Bozen gegründet hatte. Dabei handelte es sich um eine Art Rundschreiben, das in einem Freundeskreis von Südtirolern italienischer und deutscher Sprache verteilt wurde, die für Themen rund um die Erneuerung der Kirche ein offenes Ohr hatten. Die Titelzeile lautete Schriftlesungsplan für einen Monat aus dem neuen Testament, es folgten drei dichtbeschriebene Blätter spiritueller Exerzitien in einer wohlüberlegten Auswahl von Bibelzitaten, die täglich zu lesen waren; gewissermaßen eine Aufforderung zur inneren Disziplin, gleichzeitig aber eine Möglichkeit, Gedanken und Überlegungen mit anderen zu teilen.

    Das Handwerk des Menschseins war für Langer keine einsame Suche, sondern ein Anreiz, Brücken zu anderen zu schlagen, sich in der gesellschaftlichen Veränderung zu engagieren und mit Mitgefühl zu leben. Wir wissen nicht, ob Alexander sich je mit den Werken und dem Denken von Albert Camus befasst hat, zumindest teilte er dessen Auffassung, dass Mensch zu sein ein schwieriges Handwerk ist, das Verantwortung, Engagement und Auflehnung gegen Ungerechtigkeiten erfordert. Beide betrachteten menschliches Handeln als etwas, das nicht von starren Ideologien gelenkt werden sollte, sondern von einer Ethik, die sich der jeweiligen Lage und den Bedürfnissen anderer anzupassen weiß.

    Zwischen den Zeilen von Langers Äußerungen als Jugendlichem stößt man auf weitere Kerngedanken, die helfen, seine Persönlichkeit zu verstehen. In seinen Überlegungen zum Niedergang „des Paternalismus, des Autoritätsglaubens, des passiven Hinnehmens der Erfahrungen und Vorschriften anderer, des ‚Erleidens‘ der Obrigkeit und der Delegierung von Macht und Verantwortung an andere und ohne Kontrolle"⁴ bekräftigte Alex, es komme darauf an, den sich vollziehenden Wandel zu begreifen und Protagonisten zu sein. Dabei könne man sich den Idealismus zunutze machen, den oft gerade junge Menschen aufbrächten. Dazu sei es erforderlich, die Zeichen der Zeit zu erkennen: „Nur wer die ‚Zeichen der Zeit‘ zu lesen und zu deuten versteht, kann sich, seine Mitmenschen und unsere Welt heute verstehen, begreifen und auf sie in zeitgemäßer Weise einwirken."⁵

    Genau. Wenn es in der Entwicklung von Langers Denken und seines In-der-Geschichte-Seins ein charakteristisches Merkmal gibt, so ist dies sein unermüdliches Bemühen um ein Verständnis der Gegenwart und ihrer Entwicklungslinien. Die ihm von vielen zuerkannte prophetische Vision auf die großen Themen des ausgehenden 20. Jahrhunderts – von der Umwelt bis hin zum Zusammenleben unterschiedlicher Menschengruppen – ist lediglich das Ergebnis dieser seiner Haltung. Von den ethnischen Auseinandersetzungen in seinem Südtirol bis zu den Kämpfen der 68er-Bewegungen, vom Umweltschutz bis zum Krieg im damaligen Jugoslawien, also innerhalb der kleineren wie größeren Zäsuren der jüngsten Geschichte hat ihn sein In-der-Gegenwart-Sein quasi dagegen immunisiert, sich von den -ismen und ihrer Neigung, die Wirklichkeit in die strengen Schemata der Ideologien zu pressen, umgarnen zu lassen. Der kritische Blick auf die Erfahrungen der außerparlamentarischen Linken, in der er sich als einer der führenden Köpfe engagierte, sowie die Abdrift in die Gewalt der Siebzigerjahre veranlassten Alexander zu der Feststellung, das Scheitern der revolutionären Vorhaben sei letztlich als positiv zu werten: „Ich spüre, so wie vermutlich jeder von uns auch, dass ich nicht imstande wäre, in einer jener Utopien zu leben, die wir zuweilen selbst propagieren."⁶ Zu den revolutionären Ideen auf Distanz zu gehen brachte ihn jedoch nicht vom unablässigen Bemühen ab, neue Wege einzuschlagen, um Alternativen für eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen. Er war überzeugt, dass man, um es von Mal zu Mal mit den laufenden Veränderungen aufnehmen und auf der Höhe der Zeit sein zu können, keinen ideologischen Ballast mit sich herumschleppen, sondern lieber „leicht und „tiefschürfend auftreten sollte. Ebenso erforderte die Entscheidung, politisch zu wirken, die Fähigkeit des Lösens und Bindens.

    Koexistenz, die wesentliche Funktion der Kultur, die Wiederentdeckung der Gemeinschaft, Politik als Teilhabe und nicht als Erteilung einer Vollmacht, die Bemühungen um den Frieden, den Dialog – diese „Zeichen der Zeit erkannte Alex in einer Epoche des Pluralismus, die gemeinsame Werte benötigte, in einer italienischen Gesellschaft, die in den späten Sechzigerjahren von Spannungen und Hoffnungen durchzogen war. Alle kreisten um einen einzigen Angelpunkt herum: „Neuentdeckung des Wertes des Menschen, seiner Person und seiner Würde.⁷ Den Menschen und die Anerkennung der menschlichen Existenz zu vernachlässigen und sekundäre Werte an seine Stelle setzen zu wollen, etwa „die Nation, wäre gänzlich unverzeihlich und äußerst schwerwiegend".⁸Mit der Aufzählung der Zeichen der Zeit schuf Langer faktisch ein Wertesystem, das er als vorläufig und geschichtlich bedingt bezeichnete, das sich aber als gemeinsamer Nenner für Menschen guten Willens anbot, unabhängig von ihrer philosophischen oder ideologischen Anschauung und davon, ob sie gläubig waren oder nicht.

    Führt man sich dies sechzig Jahre später erneut vor Augen, in einer Spitzkehre der Geschichte, die unter ganz anderen Zeichen steht, mit vielen Ängsten und nur wenigen Hoffnungen, wo Demokratien sich in „Demokraturen" verwandeln, mit dem Wiederaufflammen nationaler Egoismen und in Anbetracht einer Vielzahl von Kriegen und Ungerechtigkeiten, bei ständiger Verletzung von Menschenrechten, so bleibt jenes Wertesystem – und wenn wir so wollen, auch das Handwerk des Menschseins – ein Bezugspunkt.

    Von Alex behalten wir vor allem seinen originellen politischen Charakter in Erinnerung, aber es gibt auch eine kulturelle Hinterlassenschaft, die ebenso wichtig ist: Vielleicht sogar wichtiger als sein politisches Erbe, das praktisch niemand angetreten hat, sind die kulturellen Prozesse, die er dazu anzuregen wusste, dem Zahn der Zeit zu widerstehen. Im Laufe seines Lebens hat Langer sein politisches Engagement niemals von der Kultur getrennt, die er nicht als Anhäufung von Wissen oder als bloßes Instrument der Konservierung verstanden wissen wollte, sondern letztlich als eigenes Urteilsvermögen, als Selbst- und Zeitverständnis, Sinn für die Dinge und die Geschichte, als Mut zum eigenen Denken und als Bekenntnis eigener Beschränkung. Jede und jeder, so Langer, sollte die Möglichkeit haben, Kultur „zu betreiben, und nicht mit Kultur „vollgestopft werden. Als dynamischer, von Beziehungen geprägter Wert sollte die Kultur den Dialog und das Zusammenleben der Menschen mit der Schöpfung fördern und zum Zuhören anleiten, zum Verständnis und zum Aufbau einer gerechteren und inklusiveren Gesellschaft. Auf diesem Nährboden konnte politisches Engagement nicht auf den bloßen Kampf um die Macht oder die reine Verwaltung von Institutionen reduziert werden. Es musste in tiefen Werten wie der Achtung der Menschenwürde, Solidarität, Dialog, Nachhaltigkeit und Nächstenliebe verwurzelt sein, wie Goffredo Fofi in diesem Band in Erinnerung ruft. Die Politik hatte nach Alexanders Vorstellung die Aufgabe, diese kulturellen Werte in die Praxis umzusetzen. Sie sei das Instrument, um einen Wandel im herrschenden Denken zu fördern und zum Dialog zu erziehen. In der Kultur liege die Grundlage für echtes, uneigennütziges und nicht instrumentelles politisches Handeln, und der Politiker war für Langer nichts anderes als der Träger jener Werte, die die Gesellschaft auf den Weg in eine „wohlwollende Zukunft bringen können, die gerechter und nachhaltiger ist. In seinem Motto „lentius, profundius, suavius⁹ steckt nicht nur das richtige Maß, um in der Komplexität zu handeln, sondern auch ein entscheidender Aufruf zu einer Kultur der Verantwortung, sowohl der persönlichen als auch der kollektiven, die Voraussetzung für eine bewusste politische Teilhabe ist. Verantwortung besteht nicht nur für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun, aber eigentlich tun sollten.

    Während seiner „Lehrjahre" in Südtirol in den Sechzigerjahren war Alexander Langer bewusst geworden, welch wichtige Rolle die Förderung des Dialogs zwischen den verschiedenen Gruppen und Identitäten spielt.¹⁰ Angesichts der ständigen Spannungen zwischen „Italienern und „Südtirolern und der zahlreichen Anschläge war der Drang, innerhalb der eigenen Volksgruppe zusammenzuhalten und sich der anderen entgegenzustellen, sehr groß. Sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden, einen der beiden gegnerischen Blöcke zu stärken, schien der leichteste und zu dieser Zeit auch der obligatorische Weg zu sein. Alex traf eine andere Wahl: Zusammen mit italienisch-, deutsch- und ladinischsprachigen Freund:innen bildete er eine „gemischte Gruppe". Interethnische Erfahrungen, die von der herrschenden, auf starrer Trennung der Sprachgruppen beharrenden Kultur in Südtirol geächtet wurden, erwiesen sich als geeignet, um Trennungen zu überwinden und gemeinsame Räume zu schaffen,

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