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Inspector Swanson und das Kabinett der Kuriositäten: Ein viktorianischer Krimi
Inspector Swanson und das Kabinett der Kuriositäten: Ein viktorianischer Krimi
Inspector Swanson und das Kabinett der Kuriositäten: Ein viktorianischer Krimi
eBook270 Seiten3 Stunden

Inspector Swanson und das Kabinett der Kuriositäten: Ein viktorianischer Krimi

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Über dieses E-Book

London 1896 – In Earls Court findet die große Empire of India & Ceylon Exhibition statt, die mit ihren Fakiren, Gauklern und Karussells ganz London begeistert. Für Chief Inspector Donald Swanson wird dies zum Auftakt einer Mordermittlung. Während einer Fahrt mit dem Riesenrad verschwindet Heather Millers Verlobter spurlos. Tags darauf wird in einem Kuriositätenkabinett in Earls Court eine männliche Leiche gefunden. Die Tatwaffe ist ein wertvoller indischer Dolch, um dessen Griff ein Taschentuch gewickelt ist. Und das gehört niemand anderem, als Miss Millers verschwundenem Verlobten …
SpracheDeutsch
HerausgeberDryas Verlag
Erscheinungsdatum11. Nov. 2024
ISBN9783986720674
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    Buchvorschau

    Inspector Swanson und das Kabinett der Kuriositäten - Robert C. Marley

    Deckblatt von Marley, Robert C.; Inspector Swanson und das Kabinet der Kuriositaeten von Bedey und Thoms Media GmbH

    Für Hanne

    helle Erinnerungen

    in Blau und Türkis

    25.08.1945 – 15.04.2024

    »Museen sind Friedhöfe für die Kunst.«

    Alphonse de Lamartine

    »Jedes Herz ist eine Bude

    auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit«

    William Makepeace Thackeray

    Inhalt

    Vorbemerkung

    PROLOG

    Oktober 1896

    Erster Teil

    Kapitel 1

    Kapitel 2

    Zweiter Teil

    Kapitel 3

    Kapitel 4

    Kapitel 5

    Kapitel 6

    Dritter Teil

    Kapitel 7

    Kapitel 8

    Kapitel 9

    Vierter Teil

    Kapitel 10

    Kapitel 11

    Kapitel 12

    Kapitel 13

    Fünfter Teil

    Kapitel 14

    Kapitel 15

    Kapitel 16

    Kapitel 17

    Kapitel 18

    Sechster Teil

    Kapitel 19

    Kapitel 20

    Kapitel 21

    Kapitel 22

    Kapitel 23

    EPILOG

    Personen & Begriffe

    Danksagung

    Vorbemerkung

    Wenn wir Zitate lesen, glauben wir oft fälschlicherweise, sie müssten zwangsläufig die Meinung des Autors oder der Autorin widerspiegeln. Das ist in vielen Fällen falsch. Im Gegensatz zu Aphorismen, die für sich stehend ihre Gültigkeit haben, sind die bekanntesten Zitate oft aus ihrem Zusammenhang gerissene Fragmente einer fiktiven Geschichte. Bei den gängigsten Oscar-Wilde-Zitaten ist das so. Die Worte wurden nicht im privaten Umfeld gesprochen, sondern entsprangen der Feder seiner Fantasie. Sie sind Teil eines in sich geschlossenen literarischen Zusammenhangs, zur Unterhaltung verfasst, und dürften, für sich allein genommen, gar nicht dem Autor zugeschrieben werden, sondern allein der erdachten Person, die sie in der jeweiligen Geschichte äußert.

    Daher möchte ich vorausschicken, dass auch die Personen dieses Romans aus ihrer eigenen, von einer längst vergangenen Zeit geprägten, Persönlichkeit heraus handeln und sprechen.

    Sollten Sie sich also an etwas stoßen, freuen Sie sich einfach, dass die Zeiten sich gewandelt haben. Aber bitte verwechseln sie die Geschichte nicht mit dem Autor.

    Die Orte in diesem Roman sind wie immer tatsächliche Orte. Und auch den automatischen Schachtürken hat es in der beschriebenen Form gegeben. Das Original verbrannte allerdings in den 1850er Jahren in den USA.

    R. C. M.

    PROLOG

    » Es gibt drei Dinge, die extrem hart sind:

    Stahl, Diamanten, und sich selbst zu erkennen. «

    Benjamin Franklin (1706–1790)

    Oktober 1896

    5 Camden Villas, Kennington, London

    Annie begrüßte ihn an der Haustür, als Donald Swanson an diesem Abend heimkam. Sie sah zauberhaft aus in ihrem blauen Kleid und der doppelreihigen Perlenkette, die um ihren Hals lag.

    »Guten Abend, Don.« Da stand sie mit einem strahlenden Lächeln, das Beste, was ihm jemals widerfahren war. Nach einem langen, schrecklichen Tag wie diesem war sie das Mittel, das ihn nicht an der ganzen Welt zweifeln ließ.

    Sie nahm ihm seinen Mantel ab, hängte ihn über den Garderobenhaken und wandte sich noch immer lächelnd zu ihm um. »Du siehst müde aus, Liebling.«

    »Das bin ich.« Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich, blickte ihr in die Augen, dankbar und glücklich. Annies Augen waren wie kleine Seen, tiefgründig und von einem kühlen Blau. Wie gern hätte er ihr gesagt, was er in diesem Moment für sie empfand. Wie sehr er sie liebte, wie sehr er sie vermisst hatte. Wie gern hätte er mit einem Wort geäußert, wie leid es ihm tat, dass er sie so oft allein ließ. Doch er war kein Mann, dem seine Gefühle leicht über die Lippen kamen. Er stand einfach da, blickte sie an und schwieg.

    »Es wird immer anstrengender, habe ich recht, Don?«

    »Es war immer anstrengend, Liebes«, sagte er und schlüpfte in seine Pantoffeln. Er hatte es sich von Anbeginn ihrer Ehe zur Gewohnheit gemacht, zu Hause nicht über die Arbeit zu sprechen. Annie hatte das stets respektiert und ihn nur selten danach gefragt. Den Chief Inspector mit all seinen Fassetten legte er ab, noch ehe er die Haustür aufschloss. Und spätestens, wenn er seinen Mantel auszog, hängte er mit ihm auch sämtliche Gedanken an den letzten Fall an den Haken.

    Doch nicht so heute.

    Er hatte einen Mörder dingfest gemacht und dem Haftrichter vorgeführt, für den er nichts als Mitleid empfand. Und ein zweiter hätte um ein Haar Frederick Greenlands Ziehsohn Badger getötet, um an dessen Erbe zu gelangen. Kaum zu glauben, dass der kleine, obdachlose Bursche, den er vor über zwei Jahren auf dem Markt von Covent Garden aufgegabelt und in Greenlands Obhut gegeben hatte, in Wahrheit Roderick Fairweather hieß und der rechtmäßige Erbe eines Diamantvermögens war. Und ein stolzer Schotte, wie er selbst, noch dazu.

    »Wie war dein Tag«, fragte er. »Nicht minder anstrengend, kann ich mir denken.«

    »Es war aufregend«, sagte sie. »Ada ist im Garten auf eine Wespe getreten.«

    Swanson sog durch die Zähne die Luft ein und verzog das Gesicht. »Für beide nicht angenehm, kann ich mir vorstellen.«

    »Die Wespe hat’s wie durch ein Wunder überlebt.« Annie lachte hell. »Aber Ada, die Ärmste, hat natürlich mächtig geweint. Wir haben den Fuß gleich gekühlt. Und nach einer Viertelstunde war wieder alles vergessen. Ach, und die nette Miss Miller von gegenüber kam am Nachmittag auf einen Tee herüber. Sie ist seit gestern verlobt.«

    »Wie schön.« Er setzte sich auf die Couch. »Mit einem ordentlichen Burschen, steht zu hoffen.«

    »Oh, er ist eine ganz ausgezeichnete Partie. Sagt jedenfalls Miss Miller.« Annie stellte ihm eine Tasse Tee hin und einen kleinen Porzellanteller mit Gebäck. Dann setzte sie sich zu ihm, schmiegte sich an ihn und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

    »Was ist mit den Kindern?«, fragte er leise. »Schlafen sie schon?«

    »Don, es ist nach zehn. Selbstverständlich schlafen sie schon.«

    Swanson lächelte. Hier war die Welt noch in Ordnung, dachte er, während Annie sich bei ihm unterhakte und zärtlich seinen Oberarm streichelte.

    Die Türglocke fing plötzlich an zu läuten, und jemand schlug wie von Sinnen gegen die Haustür. Das verhieß nichts Gutes. Swanson war mit einem Satz auf den Beinen. Er wies Annie an, zurück zu bleiben, lief in den Flur, wo das Pochen wie Donner hallte, und riss die Tür auf. »Du meine Güte, was ist denn passiert?«

    »Mr Swanson, dem Himmel sei Dank!« Vor ihm stand Frederick Greenland, leichenblass, den Hemdkragen offen und das Haar zerzaust. In seinen verweinten Augen standen die Tränen. An der Straße wartete die Droschke, die ihn hergefahren hatte. »Bitte, Mr Swanson, Sie müssen mit mir kommen, sofort!«, rief er. »Sie sind der einzige, der uns jetzt noch helfen kann!«

    »Kommen Sie doch erst einmal rein. Und beruhigen Sie sich«, sagte Swanson, der sich fragte, was in drei Teufels Namen denn bloß geschehen sein konnte, dass Greenland in derart derangiertem Zustand in seinem Haus erschien.

    »Es ist fürchterlich.« Frederick schüttelte unentwegt den Kopf, derweil Swanson ihn ins Wohnzimmer bugsierte und Annie bat, eine weitere Kanne Tee aufzusetzen. »Es ist alles ganz fürchterlich. Ich weiß nicht, was ich noch dagegen tun soll?«

    »Wo gegen tun?« Swanson schob Frederick zum Sofa. »Reden Sie nicht in Rätseln.«

    »Badger – er ist fort«, sagte Frederick und plumpste so kraftlos in die Polster, als sei er die weite Strecke von Bloomsbury nach Kennington hergerannt.

    »Schon wieder?« Swanson wusste, dass der Junge schon einmal ausgebüxt war, um auf eigene Faust nach seinen leiblichen Eltern zu suchen. Doch nun, da er sie gefunden hatte …

    »Diesmal ist es anders. Da kam so ein arroganter Kerl, der hat ihn einfach mitgenommen.«

    Swanson glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. »Das kann nicht Ihr Ernst sein.«

    »Hm«, machte Frederick.

    »Was meinen Sie damit, er hat ihn einfach mitgenommen.«

    »Na, ganz genau das, was ich sage.« Er strich sich die Haare aus dem Gesicht.

    »Aus welchem Grund? Wie heißt der Mann?«

    »Stetson irgendwas. Kam mit einem Polizisten im Schlepptau und einem richterlichen Schreiben daher. Er hat die Vormundschaft für Badger beantragt. Der Polizist hat gesagt, ich müsse Badger mitgehen lassen.«

    »Haben Sie den Namen oder die Dienstnummer des Polizisten?«

    Frederick stützte die Ellenbogen auf die Knie. »Nein.«

    Swanson setzte sich neben ihn. »Hat er Ihnen gesagt, von welchem Revier er käme?«

    »Nein.« Frederick ließ den Kopf hängen, ein Bild des Jammers.

    »Wissen Sie wenigstens seinen Dienstgrad?«

    »Er trug eine Uniform.« Er sah kurz auf und zuckte mit den Schultern. »Ein Constable, nehme ich an.«

    Annie kam mit einer Tasse Tee in der Hand ins Zimmer zurück. Sie stellte sie auf den Tisch und sagte: »Ich habe etwas Milch und Honig hineingetan, Mr Greenland. Das wird sie beruhigen.«

    »Danke.« Frederick nahm sie, trank einen Schluck und allmählich fühlte er sich besser. »Danke, Mrs Swanson. Der Tee ist wunderbar.«

    Sie lächelte und ließ die beiden Männer wieder allein, um nach den Kindern zu sehen. Aber da noch keines neugierig seinen Kopf ins Zimmer gestreckt hatte, lagen sie wahrscheinlich in seligem Schlummer und träumten von Seeschlachten und heilenden Wespenstichen.

    Als sich die Tür hinter Annie geschlossen hatte, sagte Swanson: »Zunächst einmal kann ich Ihnen sagen, dass Sie nicht vollkommen auf verlorenem Posten stehen. Selbst wenn das Schreiben von offizieller Stelle kam, wird kein Richter über Badgers Zukunft entscheiden, ohne diejenigen anzuhören, bei denen er die letzten Jahre gelebt hat. Zumal zweifellos sein beträchtliches Erbe ins Gewicht fallen muss.«

    Ein Hoffnungsschimmer glomm auf. »Ist das so?«

    »Ohne jeden Zweifel. Wenn dieser Polizist ein echter Polizist war …«

    »Großer Gott, was soll das denn heißen?« Der Hoffnungsschimmer war schlagartig dahin. »Denken Sie, es könnte bloß eine Maskerade gewesen sein?«

    »Im Augenblick denke ich, wir sollten ruhig Blut behalten, Mr Greenland. Was ich sagen wollte war: Wenn der Mann einen Polizeibeamten in seiner Begleitung hatte, wird am Ende alles gut werden. Denn dann gehen die Dinge einen geregelten Gang. Die Angelegenheit wird ohne jeden Zweifel vor einem Gericht entschieden werden. In Ihrem Beisein. Und das zum Besten des Kindes.«

    »Soll ich bis dahin etwa einfach dasitzen und abwarten? Meinen Sie das?«

    »Nein. Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte Swanson. »Aber ich brauche den vollen Namen und die Adresse von diesem Stetson.«

    Frederick zog sein silbernes Zigarettenetui hervor und entnahm ihm ein kleines Kärtchen, das er Swanson reichte.

    »William Stetson, Esq. – Diamantgroßhandel«, las Swanson vor. »Nur das. Keine Adresse.«

    »Glaubte ich zunächst auch. Sie müssen sie umdrehen und gegen das Licht halten.« Frederick tippte gegen das Kärtchen. »Die Adresse ist eingeprägt. Fast unsichtbar.« Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Dieser Stetson ist ein ziemlich merkwürdiger Kerl, das können Sie mir glauben. Richtig unheimlich.«

    »Eine Adresse in den Docklands.« Swanson steckte die Karte ein. Es war nicht sonderlich schwer, sich vorzustellen, was dieser Stetson im Schilde führte. Fiele Badger ihm per Gerichtsbeschluss in die Hände, würde er bis zu dessen Volljährigkeit nach Gutdünken über den Besitz des Jungen verfügen können. Und wer wusste schon, ob dem Mann überhaupt daran gelegen war, dass Badger jemals die Volljährigkeit erreichte.

    »Was haben Sie jetzt vor, Mr Swanson?«

    »Mr William Stetson, Esq. aufsuchen natürlich«, entgegnete er. »Ich kümmere mich gleich übermorgen darum.«

    »Erst übermorgen? Und was kann ich in der Zwischenzeit tun?«

    Swanson klopfte Frederick aufmunternd auf den Rücken. »Sie, mein lieber Mr Greenland, fahren jetzt erstmal wieder nach Hause zurück, beruhigen dort Ihre Verlobte und versuchen dann etwas zu schlafen. Ich melde mich bei Ihnen, sobald ich mehr weiß.«

    »Darf ich wenigstens noch diesen Tee hier austrinken?« Frederick, der die Tasse in beiden Händen halten musste, so sehr zitterte er, bemerkte selbst, wie patzig er klang. »Du liebe Güte. Bitte entschuldigen Sie. Ich bin nicht mehr ich selbst.«

    Nachdem Frederick schließlich mit sanfter Gewalt in die Droschke gesetzt worden war, die noch immer am Rinnstein auf ihn gewartet hatte, setzte sich Annie zu ihrem Gatten auf das Sofa.

    Sie hakte sich bei ihm unter und strich sanft über die Härchen auf seinem Handrücken. »Der arme Mr Greenland«, sagte sie leise. »Konntest du ihm denn helfen?«

    »Ja, Liebling.« Er räusperte sich. »Die Kinder sind nicht aufgewacht?«

    Sie ließ seinen Arm los. »Schlafen wie Steine. Aber wechsle nicht das Thema. Ich habe das meiste davon mitgehört. Und es hat nichts mit deiner Arbeit zu tun. Ich bin eine erwachsene Frau. Also versuche nicht, alles Unangenehme von mir fernzuhalten.«

    »Aber das tue ich ja gar nicht«, protestierte er schwach. »Der kleine Junge, von dem ich dir erzählt habe –«

    »Badger.«

    »Ganz recht – er ist in Schwierigkeiten.« Er nahm ihre Hand und hakte sie wieder in seine Armbeuge, legte ihre Hand in seine. »Greenland ist verständlicherweise aufgebracht, denn er kennt das Prozedere nicht. Tatsächlich gibt es keinen ernstlichen Grund zur Sorge. Ich werde mich der Sache annehmen. Doch das hat bis morgen Nachmittag Zeit, Liebling.«

    »Don?«

    »Ja, meine Liebste?«

    »Es gibt keinen wirklich ernstlichen Grund zur Sorge? Das sagst du nicht nur, um mich zu beruhigen?«

    »Du bist eine erwachsene Frau. Warum sollte ich dich beruhigen wollen? Ich versichere dir, Annie, den gibt es nicht.« Er schenkte ihr ein zärtliches Lächeln.

    Sie erwiderte es und sagte: »Ich fürchte, dann wird dein Besuch bei diesem unheimlichen Mr Stetson noch etwas warten müssen.«

    Ehrlich erstaunt sah er sie an. »Darf ich fragen, weshalb?«

    »Weil die nette Miss Miller uns für übermorgen Nachmittag zum Tee eingeladen hat, als sie heute bei mir war.« Annie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Ihr Haar duftete nach Lavendel. »Und weißt du was, Don? Ich habe ihr zugesagt.«

    Margravine Cemetery, Baron’s Court, London

    Anderswo in London klang der Abend lebhafter aus.

    »Ich weiß nicht, Walter.« Die dralle junge Frau mit den schwarzen, nachlässig hochgesteckten Haaren blieb an der Palliser Road am schmiedeeisernen Tor des Friedhofs stehen und hielt sich mit der linken Hand an einem der Gitterstäbe fest. »Es wird bald richtig dunkel sein.« Sie zog die Mundwinkel herunter.

    Noch sangen die Vögel in den Zweigen. Doch die letzten Sonnenstrahlen fielen bereits rotgolden über die Giebel der Häuser auf die alten Ulmen und Platanen, die am Wegesrand zwischen den Grabfeldern standen, und tauchten den Ort in ein unheimliches Licht. Es hatte die Farbe von verwässertem Blut.

    Der Mann, der sich Walter nannte, legte ihr von hinten beide Hände auf die ausladenden Hüften und küsste sie seitlich auf den Hals. Seinen kitzelnden Vollbart an ihrem Nacken flüsterte er: »Das ist ja der besondere Reiz, Esther, Süße. Es gibt gerade genug Licht, um uns aneinander zu ergötzen, und wenig genug, um dabei nicht aufzufallen.«

    Sie quiekte wie ein Ferkel, als er ihr kräftig in den Hintern kniff.

    Walter hakte das Tor auf und schob sie hindurch. Soweit er sehen konnte – und es war tatsächlich noch erstaunlich hell um diese Zeit – waren sie mutterseelenallein. Die Constables, die auf den umliegenden Straßen ihre Runde gingen, würden kaum Veranlassung haben, über den Friedhof zu patrouillieren. Selbst diese Leute waren in der Regel abergläubisch bis zum Gehtnichtmehr. Wenn es sich vermeiden ließ, mieden sie den Garten der Toten.

    »Geh, Esther, Süße, geh weiter«, sagte Walter, während er die Sträucher und Grabsteine nach einem geeigneten Platz für ihr Liebesspiel absuchte. Der beste Ort dafür war eine Mauernische oder ein hoher, von Büschen umgebener Gedenkstein, dachte er.

    Im schwindenden Licht sah er schließlich einen geeigneten.

    »Huch!«, rief Esther verhalten, als Walter sie unvermittelt zwischen zwei Rosenbüschen hindurch auf ein hoch aufragendes Denkmal mit breitem Steinsockel zuschob. Sie giggelte und kicherte, als die Dornen wie hunderte winziger Hände am Stoff ihres Kleides zupften, als wollten sie sie zurückzuhalten. Sie musste am Saum ihres Kleides ziehen, um es frei zu bekommen.

    Doch als sie schließlich hindurch war, drehte sie sich um, hob den Saum, bis ihre weißen Schenkel sichtbar wurden und grinste ihren Begleiter herausfordernd an. »Hui! Schau, liebster Walter, was ich hier für dich versteckt habe.« Ihr Grinsen wurde noch frecher, als sie sich anzüglich über die vollen Lippen leckte. »Wir warten schon auf dich.« Und ihre Finger fummelten an den Knöpfen seines Hosenschlitzes.

    Doch das war nicht

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