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Alles andere als strahlend weiß: Gedanken zum weißen Problem
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Alles andere als strahlend weiß: Gedanken zum weißen Problem
eBook164 Seiten2 Stunden

Alles andere als strahlend weiß: Gedanken zum weißen Problem

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Über dieses E-Book

Die Herrschaft der Länder des Westens über andere Völker hat sich stets auf einen Rassismus gestützt, der die Menschen nach Hautfarben sortiert. Die Bewohner Europas und die aus Europa stammenden Menschen Amerikas haben vor zwei oder drei Jahrhunderten damit begonnen, sich als »weiß« und die Bewohner des südlicheren Afrika oder die von dort stammenden Menschen als »schwarz« zu bezeichnen und die »Weißen« als den »Schwarzen« überlegen zu deklarieren. Die Vorurteile gegen Schwarze Menschen haben Herrschaft ermöglicht und sich durch diese Herrschaft weiter verstärkt.

Das Weißsein wurde im Rahmen der Plantagenwirtschaft entwickelt, hat sich dann im kolonialen Raum auf allen Kontinenten ausgebreitet und sich in den multiethnischen Gesellschaften des heutigen Euramerika verfestigt. Wer sich aus reiner Konvention als Weißer bezeichnet, ohne ein Bewusstsein der Geschichte, die die Kategorie geschaffen hat, versteht nicht, dass die damit bezeichnete Beziehung zwischen Menschen auf historischen Verbrechen beruht.

Léonora Miano analysiert das »weiße Problem« in den Vereinigten Staaten seit der Zeit der Sklaverei und das der Europäer seit den kolonialen Eroberungen auf eine ebenso feinsinnige wie schonungslose Weise. Ohne ein Bewusstsein dafür, was »weiß« zu sein bedeutet, wird es nicht einfach sein, ein Erbe abzuschütteln, das von Generation zu Generation, vielleicht als Familiengeheimnis, weitergegeben wird, das zwar etwas peinlich ist, aber immer noch für den symbolischen politischen und wirtschaftlichen Status von Menschen von hoher Bedeutung ist. Es wird einige Zeit vergehen, um die Vorstellung von »Rasse« ihrer Bedeutung zu berauben. Das bedeutet nicht, dass man die Hände in den Schoß legen sollte. Wenn man sich der Größe der Aufgabe bewusst ist, kann man sie auch angehen.
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlagshaus Jacoby & Stuart
Erscheinungsdatum1. Apr. 2024
ISBN9783964282392
Alles andere als strahlend weiß: Gedanken zum weißen Problem
Autor

Léonora Miano

Léonora Miano, geboren in Kamerun, lebt und schreibt zwischen den Kontinenten: in Frankreich und in Togo. Ihre mehr als zwanzig Romane, Theaterstücke und Essays wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Prix Goncourt, dem Prix Seligmann, dem Prix Femina sowie dem Grand Prix du roman métis.

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    Buchvorschau

    Alles andere als strahlend weiß - Léonora Miano

    Weiß ist keine strahlend weiße Farbe

    Judith Ezekiel, eine Spezialistin für Studien über Geschlecht und Rasse, hat den Begriff »blanchité« (Weißsein) vorgeschlagen, der sich zunehmend verbreitet, ohne dass seine Nutzer seinen Ursprung und die Gründe für seine Formulierung kennen. Es ging darum, das Wort »blanchitude« zu ersetzen, das damals in den Sozialwissenschaften gebräuchlich war. Als Pendant zu »négritude« – der Kultur der Schwarzen – konstruiert, litt der Begriff unter dem Mangel, keine Herrschaftsbeziehung zu bezeichnen. Ich hatte nie die Absicht, auf »blanchitude« zurückzugreifen, sondern habe mich aus guten Gründen für »blanchité« entschieden. Auf Englisch wäre das mit whiteness zu übersetzen – was ärgerlicherweise das Äquivalent zu blackness² zu sein scheint, also mit demselben Problem wie das Paar blanchitude/négritude behaftet ist, doch auf Französisch hat das Wort den großen Vorteil, dass es sich deutlich von »blancheur« als der strahlend hellen Farbe Weiß unterscheidet, und das war für mich von Interesse. Blanchité – Weißsein – ist nicht mit blancheur – dem strahlenden Weiß – zu verwechseln, einem Wort, dessen Äquivalente in vielen Kulturen voller positiver Bedeutungen sind. Weiß ist, was fleckenlos, was rein ist. Es ist eine der Eigenschaften des Lichts, wenn es am hellsten strahlt. Weiß bezeichnet auch etwas spirituell Erhabenes. Weiß ist die Farbe der Unschuld. Deshalb ist es angemessener, von einem »Weißsein«, von blanchité, zu sprechen, wenn es sich um ein beklagenswertes Projekt handelt, eines, das, wie man zu sagen nicht zögern sollte, von Kriminellen verfolgt worden ist.

    In der Tat unterscheidet sich Weißsein (blanchité) grundsätzlich vom strahlenden Weiß. Rassendiskriminierung ist in den amerikanischen Sklavereigesellschaften als Mittel entstanden, den einen wie den anderen ihren Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Ich verweise auf das bedeutende Werk Un monde en nègre et blanc³ der Historikerin Aurélia Michel, das hilft, uns die Etappen der Einführung dieses Systems und seiner Konsolidierung als Reaktion auf die revolutionäre Proklamation demokratischer Gleichheit vor Augen zu führen.⁴ Für mich besonders interessant ist hier, dass die Rasseneinteilung das klare und gut dokumentierte Ziel hatte, dafür zu sorgen, dass in Gesellschaften, für die die Gleichheit zu einem Wert wurde, diese nur bestimmten Gruppen zugute kam. Anders gesagt ging es darum, die Gleichheit zu kolonisieren, sodass nur eine Kategorie von Menschen, und zwar aufgrund ihrer angeblichen Rasse, in ihren Genuss kamen. Kolonisieren heißt hier nichts anderes als konfiszieren, sich aneignen. Und dazu kam es, um die Hegemonie einer Gruppe auf Dauer zu festigen, und zwar mithilfe eines ganzen Arsenals von Gesetzen, die allein zu diesem Zweck eingeführt wurden. Aurélia Michel erklärt dazu:

    Für die Französische wie die Amerikanische Revolution galt, dass alle Menschen Verwandte werden konnten, dass alle Menschen von Natur aus Verwandte waren. An dieser Stelle wird die atlantische Erfahrung wichtig, dass die Eliten, schockiert von der Vorstellung, die Schwarzen könnten ihre Brüder werden, das Weißsein als ein Merkmal hervorhoben, das heißt, ein Attribut, das man nur auf eine Weise erwerben kann, nämlich durch biologische Vererbung, durch »natürliche« Reproduktion. […] Die Fiktion von Weißsein beruht daher auf der Phantasie einer Allmacht, die über jedwede Autorität und jedwedes Recht erhaben ist, außer über das Recht der Natur, das stets dazu tendiert, das des Stärkeren zu sein.

    Die populäre Kultur hat natürlich das Bewusstsein davon weitergetragen, und zwar zuweilen auf recht rohe Art. Ich schlage vor, dies zunächst anhand einiger US-amerikanischer Filme zu betrachten. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die populäre Kultur überall auch von amerikanischen Musik- oder Filmproduktionen geprägt. Es sind die Vereinigten Staaten, einst das Enfant terrible der europäischen Eroberer, die heute die Codes der Moderne diktieren. Davon abgesehen sind sie der Anführer der westlichen Nationen, in dessen Schatten sich die anderen flüchten. Und hier ist es auch, wo die Europäer und ihre Abkömmlinge sich selbst übertroffen haben beim Schreiben der berühmtesten Seiten der Geschichte des Weißseins. Die Anfänge davon gehen auf die Zeit ihres Eindringens in diese Weltgegend zurück. Aus unterschiedlichen Ländern kommend verständigten sie sich auf das, was sie gegenüber anderen gemein hatten. Sie verstanden es auch immer wieder, eine Einwanderungspolitik zu verfolgen, die ihnen für lange Zeit ihre demographische Überlegenheit garantierte. Dies, neben noch weiteren Dingen, rechtfertigt das Interesse an amerikanischen Erzählungen und dafür, was diese über das Weißsein zu sagen haben, sowohl auf kollektiver als auch auf individueller Ebene. Ich werde dabei oft den Begriff »afrikanischstämmig« verwenden, um die Schwarzen zu bezeichnen, und zwar aus zwei Gründen. Auch wenn das subsaharische Afrika nicht alleine die Heimat der Vorfahren der betreffenden Menschen ist, so hat es doch ihr Erscheinungsbild geprägt, das sie der rassistischen Stigmatisierung aussetzt. Es ist die körperliche Prägung durch ein fern gewordenes und in vielen Fällen unbekanntes subsaharisches Afrika, die diese Menschen in eine ungünstige Situation versetzt. Im Folgenden wird es darum gehen, so weit wie möglich die Rassenkategorisierung auf diejenigen anzuwenden, die diese für die Menschheit zerstörerische Sichtweise etabliert haben und davon bis heute profitieren – auch wenn das nicht meinem Verhalten im Alltag entspricht. Wie sagte doch James Baldwin: »What white people have to do ist to try to find out in their own hearts why it was necessary to have a nigger in the first place. Because I’m not a nigger

    Amerikanische Bilder von Weißsein

    Nehmen wir zum Beispiel den Film The Long Walk Home von 1990⁷, dessen Handlung während des bus boycott von 1955 in Alabama spielt. Dieser Film lässt die Zuschauer ganz und gar in das Innenleben der weißen Bourgeoisie eintreten, die schwarze Bedienstete beschäftigt, deren Arbeit gelobt wird und denen man für ihre würzige Küche dankt. Nichtsdestoweniger hat sie keine Hemmungen, in ihrer Gegenwart die Gründe festzuhalten, wegen derer es ausgeschlossen ist, ihnen Gleichberechtigung zuzuerkennen. Manches von dem, was vorgebracht wird, macht einen sprachlos, und man fragt sich, wie die Arbeitgeber die Speisen der afrikanischstämmigen Frauen genießen und ihnen ihre Kinder anvertrauen können. Eines sollten wir den Amerikanern lassen: dass sie es schaffen, dem Hässlichen bei ihnen selbst ins Gesicht zu sehen und trotzdem das Selbstbewusstsein haben, es vor der Welt bloßzulegen. Stets kommt die harscheste Kritik an den Schwächen und Verbrechen der Vereinigten Staaten aus der amerikanischen Gesellschaft selbst.

    Natürlich begnügt sich The Long Walk Home nicht damit, den Rassismus zu verurteilen, der anscheinend einem Teil des weißen Amerika im Blut liegt. Im Film tritt auch eine privilegierte weiße Frau auf, die sich für die Sache der Afrikanischstämmigen engagiert, obwohl sie damit ihre Ehe aufs Spiel setzt und riskiert, aus der besseren Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, aus der sie kommt. Doch der white saviourism⁸ des Films ist durchaus ambivalent: Die moralische Kraft der Afrikanischstämmigen ist so groß, dass deutlich wird: es ist nicht die weiße Frau, die ihnen zu Hilfe kommt, sondern umgekehrt. Es sind die Afrikanischstämmigen, die die Würde dieser Frau bewahren und sie als Teil der menschlichen Familie akzeptieren, indem sie ihre ausgestreckte Hand annehmen. Sie könnten sie ebenso gut in ihrem Unglück belassen, mit ihren Schuldgefühlen als unfreiwillig Privilegierter. Tatsächlich spielen sie eine wichtige Rolle, denn die Welt, die diese Frau erstickt, ist die, die ihre Vorfahren eingerichtet haben und zu der sie weiter gehören muss, um ihnen helfen zu können. Ihre Geste, nämlich ihren Wagen, den sie selbst steuern will, den Protestmarschierern zur Verfügung zu stellen, ist keine Ablehnung des rassischen und sozialen Privilegs, das sie genießt. Sie kann es nicht loswerden, denn dann hätte sie nichts anzubieten. In einer rassialisierten Gesellschaft kann diese Frau sich nicht mit den Afrikanischstämmigen gleichsetzen und die politische Bedeutung einer Hautfarbe, die sie nicht gewollt hat, zurückweisen. Das steht auch ganz außer Frage.

    Dieses Weißsein, aus dem man nicht entkommen kann, auch wenn man es als Schande begreift, erscheint daher als eine unvermeidliche Strafe. Positive Rassialisierung ist stets die Kehrseite einer negativen Rassenzuschreibung und hat den Zweck, eine dauerhafte Überlegenheit schaffen. Die strukturell rassistische Gesellschaft Amerikas gründet auf der Enteignung und beinahe der Ausrottung der autochthonen Bevölkerung sowie auf der Sklavenarbeit von gewaltsam aus Afrika gebrachten Menschen, und eine weiße Person, die in dieser Gesellschaft lediglich sie selbst sein möchte, findet sich bald in einer Sackgasse wieder. Solange es diese Asymmetrie gibt, ist Brüderlichkeit über die Rassengrenzen hinweg, wenn es denn gelingt, solche Verbindungen zu knüpfen, nicht nur stets bedroht, sondern auch wenig befriedigend. Die Ungleichheit macht aus ihr etwas Auswegloses, eine Anomalie. Wenn »Schwarz und Weiß sich gleichen wie zwei Tropfen Wasser«⁹ dann bedeutet das nicht, dass sie wie das Blut oder die Knochen dieselbe Farbe haben. Denn die Rassialisierung, die beide Farben an die entgegengesetzten Enden der Werteskala platziert, lässt sie in zwei unterschiedliche Zellen desselben Kerkers tropfen. Für einen Menschen, der seine Scheuklappen verloren hat, ist das Weißsein ein vergiftetes Privileg, eine Belastung, obwohl es die ja eigentlich nicht darstellen sollte.

    In The Long Walk Home vermag der individuelle Wille einer bürgerlichen Weißen die Gesellschaft nicht zu verändern. Die Geschichte lehrt uns bekanntlich, dass es vielmehr die Beharrlichkeit der Afrikanischstämmigen war, die das erreicht hat: Der Busboykott in Alabama dauerte fast ein Jahr, von Dezember 1955 bis November 1956, und führte zu einem Urteil des Obersten Gerichts, das die Verfassungswidrigkeit der Segregation in den öffentlichen Bussen feststellte. Die höchste Instanz der Rechtsprechung musste urteilen, damit die weiße Gesellschaft von Alabama akzeptierte, dass die Afrikanischstämmigen, die keine Gratistransporte annahmen, wie gewöhnliche Bürger behandelt wurden. Dieser Sieg bezeichnete nicht etwa das Ende, sondern den Beginn der Bürgerrechtsbewegung in den USA. The Long Walk Home gehört zu einer Gruppe von Filmen für ein breites Publikum, die Anfang der 1990er Jahre gedreht wurden und zwei gegensätzliche, aber untrennbare Erfahrungen thematisierten: Afrikanischstämmigkeit und Weißsein. Malcolm X von Spike Lee warb 1992 um die Kinogänger; ein Jahr zuvor war ein Film mit dem Titel She Stood Alone¹⁰ erschienen, in dem es um Prudence Crandall (1803–1990) ging, eine weiße Lehrerin, die 1833 in Connecticut eine der ersten Schulen für afroamerikanische Mädchen eröffnet hatte.

    She Stood Alone zeigt den Kampf dieser Frau – die auch eine Frauenrechtlerin war – für Gleichheit in einer christlichen Gesellschaft, die diese nicht wollte. Der Film setzt auch eine noch berühmtere Persönlichkeit in Szene, nämlich den abolitionistischen Verleger William Lloyd Garrison, einen Star seiner Zeit. Eine seiner Reden, wie sie für den Film rekonstruiert worden ist, verdient unser besonderes Interesse. Um vor einem zweifarbigen Publikum gegen Sklaverei und Rassismus zu wettern, sagt der William Lloyd Garrison des Films nicht, was geändert werden muss, sondern entschließt sich zu einer Litanei von Fragen, die sämtlich dieselbe Antwort nach sich ziehen:

    And why are the slaves not created in

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