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What do we want?: Der Klimastreik – von Systemwandel bis Klimagerechtigkeit
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What do we want?: Der Klimastreik – von Systemwandel bis Klimagerechtigkeit
eBook344 Seiten3 Stunden

What do we want?: Der Klimastreik – von Systemwandel bis Klimagerechtigkeit

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Über dieses E-Book

Cyrill Herman, Klimaaktivist:in, fragt sich im Buch What do we want?, was in den letzten Jahren innerhalb des Klimastreiks entstanden ist und wie es mit der Bewegung weitergeht.

Am 20. August 2018 setzte sich Greta Thunberg zum ersten Mal vor das schwedische Parlament, anstatt zur Schule zu gehen. Weltweit haben es ihr Millionen von Schülerinnen und Schülern nachgemacht, auch in der Schweiz und auch Cyrill Hermann. Seitdem sind sechs Jahre vergangen, sechs Jahre Bewegungsgeschichte im Kampf gegen die größte Krise der Menschheit.
Mit viel eigener Erfahrung als Aktivist:in und unter Einbeziehung globaler Perspektiven führt uns Hermann durch diese sechs Jahre, verweist auf die wichtigsten Ereignisse, gibt uns Einblick in die strategischen Überlegungen des Klimastreiks und lädt ein, auf den Klimazug aufzuspringen.
In einem zweiten Schritt beschäftigt sich Hermann mit der aktuellen und zentralen Debatte innerhalb der Klimagerechtigkeitsbewegung: der Frage nach der Verbindung von Neokolonialismus und Klimakrise. Menschen kommen zu Wort, die häufig überhört werden: Aktivist:innen, die in Gebieten – im Norden Norwegens, in Mexiko und in Uganda – für Gerechtigkeit kämpfen, die nach Jahrhunderten der kolonialen Ausbeutung bereits heute besonders stark von den Folgen der Klimakrise betroffen sind.
SpracheDeutsch
HerausgeberRotpunktverlag
Erscheinungsdatum7. Apr. 2025
ISBN9783039730476
What do we want?: Der Klimastreik – von Systemwandel bis Klimagerechtigkeit

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    Buchvorschau

    What do we want? - Cyrill Hermann

    Einleitung

    »Prochain arrêt Bordeaux«, erklingt es aus den Lautsprechern im TGV. Es ist Februar 2024, und zwei Mitaktivist*innen und ich kommen gerade aus Brüssel von einem Kongress der europäischen Klimabewegungen und sind auf dem Weg zu einer Großdemonstration gegen Ölbohrungen in die französische Stadt. Wir und eine Handvoll andere internationale Aktivist*innen hielten dort Reden und sprachen von ähnlichen Projekten aus unseren Heimatländern. Wir erzählten von den geplanten LNG-Terminals¹ in der Schweiz und davon, wie wir sie durch unseren Widerstand verhindern konnten.

    Doch das ist nebensächlich, denn eigentlich will ich von einem Ereignis erzählen, das erst zwei Tage später stattfand. Denn bereits in Zürich hatten wir beschlossen, nach dieser Demonstration einige Tage Ferien am Meer zu machen. Ich freute mich mit meinen Mitaktivist*innen Flurin, Franca und Moana, an diesem Ort zu sein, da ich zwei Jahre zuvor meinen Sprachaufenthalt genau in derselben Küstenstadt verbracht hatte und mich deshalb ein bisschen in der Region auskenne. Ich wollte den anderen unbedingt das CAP Ferret, den Leuchtturm und vor allem die Dune du Pilat, die größte Sanddüne Europas, zeigen. Dort feierte ich damals mit meiner Gastfamilie meinen 18. Geburtstag.

    Ich erinnere mich noch genau an diesen Septemberabend. Wir picknickten zusammen, es gab Kuchen und wir saßen im Sand und schauten der Sonne beim Untergehen zu. Ich fühlte die Wärme von damals, als wir zwei Tage später zu viert an einem viel zu heißen Februartag im T-Shirt und barfuß die Düne hochstapften, hinter uns das blaue Meer, das trotz des starken Windes ganz zahm kleine Wellen schlug. Ich hatte den anderen bereits Fotos gezeigt und ihnen erklärt, dass der Blick in die andere Richtung, also ins Landesinnere, der viel spektakulärere sei, weil man von dort über endlos scheinende Wälder blicken könne.

    Doch als wir oben ankamen, verschlug es uns allen die Sprache. Auf der anderen Seite, da, wo sich vor zwei Jahren noch ein riesiger Mischwald befand, ist nichts mehr. Karge wüstenartige Leere. So weit wir auch blickten, man sah nur braunschwarze, verkohlte Landschaft. Dort, wo wir vor zwei Jahren noch die zwitschernden Vögel am Himmel zählten, brannte jetzt einfach die Sonne auf die Erde runter.

    Erst da erinnerte ich mich an eine Nachricht, die mir meine Gastfamilie im Sommer 2023 geschickt hatte. Es war ein Zeitungsartikel, der von Waldbränden in der Region berichtete. Es fiel mir damals gar nicht weiter auf, denn Waldbrände gehörten zu den Bildern, an die wir uns in Europa im Sommer 2023 gewöhnt hatten. Überall brannte es, auf Rhodos, im Wallis, in Deutschland, Portugal, Italien, Spanien und eben auch im Südwesten Frankreichs.

    Ein halbes Jahr nach dieser Katastrophe an diesem Ort zu stehen und der Zerstörung in die Augen zu blicken, stimmte mich im ersten Moment traurig, denn nicht nur wurden ein intaktes Ökosystem, die Wasserversorgung der Region und Häuser der umliegenden Dörfer zerstört, sondern auch die Orte meiner Erinnerungen, die Erinnerung an meinen 18. Geburtstag, die Erinnerungen an Rückzug, an Auszeit und an Abschalten, an die Zeit vor dem Aktivismus, dem Stress, der Politik und dem »Es wird immer alles schlimmer«, die Erinnerungen an ein letztes Stück intakte Welt. Wenn ich mich zurückbesinne, dann war es vor allem der Glaube an Hoffnung und Frieden, der in diesem Moment, im Anblick dieser Katastrophe, zerschellte.

    Meine Gedanken schweiften über die schier endlose Brachlandschaft, und die Trauer wich nach einigen Minuten der Sprachlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit. Wir standen da zu viert, ich schaute den anderen in die Augen und erblickte auch bei ihnen Leere, Augen gefüllt mit Ohnmacht. Auch ich verspürte Ohnmacht. Wir haben alle die letzten Jahre unseren Alltag, unsere Jugend aufgegeben, um gegen eine Krise zu kämpfen, die schon heute auf der ganzen Welt für Zerstörung, Leid und Tod sorgt.

    Die Realität traf mich. Ich konnte mich nicht mehr distanzieren oder über die Klimakrise als wissenschaftliches Konzept denken. Die Klimakrise ist hier, und sie traf mich. Zur Ohnmacht holte mich die Angst ein. Noch ängstlicher und hoffnungsloser ließ mich das Wissen werden, dass die französische Regierung genau an diesem Ort der Klimakrise neu nach Öl bohren wollte – als hätte man die Folgen dieser fossilen Wirtschaftsweise nicht gerade vor Augen geführt bekommen.

    Doch dieses Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Angst kannte ich irgendwoher. Es waren dieselben Gefühle, die ich hatte, als ich zum ersten Mal von der Klimakrise erfuhr. Ich war klein, etwa acht Jahre alt, als ich mir eine Arte-Dokumentation über die dystopischen Zukunftsszenarien anschaute. Und es waren genau die Gefühle, die mich im Frühling 2019 in den ersten Klimastreik trieben. Sie waren es, die mich damals überzeugten, eine Sekundarschule in Oerlikon zu schwänzen und auf die Straße zu gehen. Die Kraft, die Hoffnung, die Emotionen und die kollektive Wut, die ich dort antraf, überwältigten mich. Ich hatte mit Tausenden anderen zusammen in diesen Stunden ein Ventil für unsere Angst und Ohnmacht und Trauer gefunden.

    Einen Monat später nahm ich an meinem zweiten Klimastreik teil. 15’000 waren wir am 6. April 2019 und bildeten den größten Klimastreik Zürichs.¹ Bei dem Streik bekam ich, damals noch Sekundarschüler * in, einen Flyer in die Hand, » Get active «, und so kam es, dass ich zusammen mit zwei Freundinnen an einem Dienstagabend zum ersten Mal an einer Einführungssitzung des Klimastreiks Zürich teilnahm – der sich wie die gesamte Bewegung in der Schweiz entgegen der globalen Bewegung »Klimastreik« nannte anstatt » Fridays for Future «. An diesem Werde-aktiv-Abend bekam man einen Einblick in die Arbeit des Klimastreiks, in die Chatstruktur, die Arbeitsgruppen und ein Verständnis davon, wie politische Organisierung funktioniert. Es war der Ort, an dem sich für viele junge Menschen wie mich der erste Zugang zu Politik öffnete. Im Anschluss an diesen Abend wurde ich in alle relevanten Gruppenchats des Klimastreiks hinzugefügt – für mich ein Schlüsselmoment. Ich war spätestens jetzt Teil von etwas unglaublich Großem. Ich war kein Objekt einer apolitischen Gesellschaft mehr. In den folgenden Monaten habe ich eine Stimme erlangt, die sich bei den Streiks zu Tausenden multiplizierte.

    Es schwebte etwas in der Luft bei diesen Sitzungen, was in mir alles andere zurückdrängte. Man war im Hier und Jetzt, und alle ließen alles stehen und liegen, um sich mit ihren Fähigkeiten für ein gemeinsames Ziel einzusetzen. Die Euphorie der anderen ging auf mich über, und im folgenden halben Jahr stürzte ich mich mit voller Energie in den Aktivismus. Wir organisierten Streiks, hielten Pressekonferenzen ab, trafen Politiker*innen, besuchten Schulklassen, gaben unser eigenes Magazin heraus, nahmen Podcasts auf und vieles mehr. In diesen Monaten lebte ich mit meinen Mitaktivist*innen von Streik zu Streik. Nach der Schule trafen wir uns auf einmal, anstatt nach Hause zu gehen, hatten Coworking, Sitzungen, entwarfen Flyer; später hängten wir meist bis tief in die Nacht Plakate auf. Trotz der großen Arbeitslast wurden wir von einer unglaublichen neuen Energie durch den Alltag getragen. Und es waren nicht nur meine Mitaktivist*innen in Zürich und ich, sondern wir reihten uns ein in eine globale Bewegung.

    »Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.«

    Greta Thunberg

    Es ist Montag, der 20. August 2018. Ein schwedisches Mädchen, inzwischen das Gesicht der internationalen Bewegung, setzt sich zum ersten Mal vor das Parlament in Stockholm, anstatt zur Schule zu gehen. Auf der damaligen Social-Media-Plattform Twitter kündigt sie an, dies auch weiterhin bis zu den nationalen Wahlen in Schweden am 9. September 2018 zu tun. In den Wochen darauf schließen sich ihr von Tag zu Tag mehr Schüler*innen an.² Am Tag vor den Wahlen, dem 8. September, erklärt sie vor den Medien mit einigen Mitaktivist * innen, dass weiterhin gestreikt werde, aber nur noch jeden Freitag. Und so entsteht die eigentliche Bewegung Fridays for Future²³ – an einem Samstag.

    Greta Thunberg und Fridays for Future werden zum Phänomen. Greta wird spontan zur COP 24³⁴ nach Katowice eingeladen, wo sie am 12. Dezember 2018 ihre berühmte Rede » Change is coming, whether you like it or not « vor den Vereinten Nationen hält. Im Anschluss nimmt sie ein Video auf, in dem sie an alle jungen Menschen weltweit appelliert, es ihr gleichzutun. Von da an verbreiten sich die Schulstreiks wie ein Lauffeuer über den Globus. In jeder Stadt rufen Schüler * innen dazu auf, freitags anstatt zur Schule auf die Straße zu gehen. So auch in der Schweiz: Am 14. Dezember 2018 findet der erste Klimastreik in Zürich statt, von Schüler * innen der Atelierschule organisiert. Am Freitag darauf streiken nach dem Vorbild Zürichs bereits die ersten Schüler * innen in Basel, Bern und St. Gallen.⁵

    Organisiert über WhatsApp fand in der Folge am 30. Dezember 2018 bereits das erste nationale Treffen statt. Es kamen über hundert junge Menschen zusammen, die aus der spontanen Mobilisierung auf der Straße eine Bewegung machen wollten.⁶ Zudem schlossen sich auf dem ersten nationalen Treffen auch Menschen aus der Romandie an, was essenziell war, um die nationale Mobilisierung zu erreichen. Es wurde diskutiert, wie man sich in Zukunft national koordinieren kann, wie man Aufgaben wie die Präsenz auf Social Media und Pressearbeit über alle Regionen verteilen kann und was unsere Forderungen sind.⁷

    Am ersten Freitag nach den Weihnachtsferien fand der erste schweizweit koordinierte Klimastreik statt. Mittlerweile gingen schon viel mehr als nur Schüler*innen und Student*innen auf die Straße, in Sion, Bern, Freiburg, St. Gallen, Biel, Neuenburg, Porrentruy, Delémont, Basel, Chur, Aargau, Lausanne, Jura, Zug, Luzern, Zürich und Genf. Zur selben Zeit verließen 25’000 Schüler*innen in über fünfzig deutschen Städten ihre Klassenzimmer, um an einem Klimastreik teilzunehmen. Zwei Wochen und zwei Streiks später kam zu den bereits genannten Städten mit Bellinzona zum ersten Mal auch eine Tessiner Stadt hinzu.

    »Solidarisieren, mitmarschieren!«

    Parole des Klimastreiks

    Mit der Zeit formierte sich auch eine internationale Koordination, und man beschloss am 15. März 2019, den ersten globalen Klimastreik zu organisieren. In der Schweiz streikten an diesem Freitag gleichzeitig 66’000 Menschen an 23 verschiedenen Orten.⁹ Global streikten über alle Kontinente hinweg in 125 Ländern 1,8 Millionen Menschen.¹⁰

    Vier Monate und einige Streiks später fand das vierte nationale Treffen statt. Das Ziel war, eine neue Phase in der Bewegung einzuleiten, um die volle Mobilisierung des Klimastreiks in eine gezieltere Kampagne zu überführen. Konkret wurden zwei Projekte vom Plenum abgesegnet: einerseits die Erstellung und Veröffentlichung des Climate Action Plan (CAP), eines sektorübergreifenden 377-seitigen Maßnahmenkatalogs, wie das Pariser Klimaabkommen in der Schweiz immer noch eingehalten werden könnte (siehe »Ziele und Forderungen«), andererseits Strike for Future, ein breites Bündnis mit anderen sozialen Bewegungen, Gewerkschaften⁴¹¹ , Sportvereinen, Lokalgruppen⁵ und NGO s⁶¹² anzustreben.¹³ Der Gedanke dahinter war: Wenn der CAP nicht umgesetzt wird und die begleitenden herkömmlichen Streiks und Demonstrationen nicht ausreichen, sollten wir schon jetzt auf einen Generalstreik als Plan B hinarbeiten (siehe » Protestformen «).¹⁴

    »Streik i de Schuele, Streik i de Fabrik, das isch eusi Antwort uf eui Politik!«

    Parole des Klimastreiks

    Vorerst ging es jedoch mit der Mobilisierung für die nächsten Streiks weiter, damals für den internationalen Earth Strike am 27. September 2019 und die Nationale Demonstration des Wandels am darauffolgenden Tag. Mit letzterer erreichte der Klimastreik Schweiz seinen nächsten Höhepunkt. An diesem Samstag marschierten 100’000 Menschen mit uns durch die Berner Straßen für einen Wandel.¹⁵ Wie der gewünschte Wandel jedoch herbeizuführen sei, darüber war man sich nicht einig.

    Schon einige Monate zuvor mussten dazu die Diskussionen geführt werden, da Bundesrätin Simonetta Sommaruga zu einem Treffen eingeladen hatte.¹⁶ Will man mit der institutionellen Politik zusammenarbeiten, weil man in sie Hoffnung setzt, oder will man sie bewusst und öffentlich ablehnen,¹⁷ weil sie seit der ersten Klimakonferenz 1979¹⁸ etwas gegen die Klimakrise hätte machen können, sich aber aktiv dagegen entschieden hat? Daraus resultierte am 11. und 12. Mai 2019, am dritten nationalen Treffen, der One-Side-Support¹⁹ (siehe » Verhältnis zu Institutionen «).

    Doch die Diskussionen über Strategien, über Maßnahmen und über unser Verhältnis zur parlamentarischen Politik wurden nicht nur intern geführt, sondern auch in den Medien, in der Schweizer Öffentlichkeit. Wir standen in ständiger Korrespondenz mit den Bürger*innen. Jeden Gedanken, den wir formulierten und nach außen tragen wollten, konnten wir öffentlich verhandeln. Egal, wo man hinschaute oder hinhörte, es wurde diskutiert, am Esstisch, im Fernsehen, auf dem Pausenplatz, im Zug, auf Social Media, im Freundeskreis oder beim Feierabendbier. So nahmen wir die Interessierten Schritt für Schritt auf unserem emanzipatorischen Selbstfindungsprozess mit. 2019 fanden öffentliche Debatten darüber statt, wie wir als Bewegung und als Gesellschaft der Klimakrise und einem inaktiven Staat entgegentreten wollen. Dies führte dazu, dass die Menschen unsere Gedankengänge nachvollziehen konnten und sich mit uns weiterbildeten.

    Ein halbes Jahr und ein halbes Dutzend Streiks später kam jedoch alles anders. Der erste Strike-for-Future-Aktionstag war für den 15. Mai 2020 geplant. In allen Orten sollten Streiks, Aktionen und Demonstrationen stattfinden.²⁰ Es war alles vorbereitet, alles Material für die Mobilisierung bestellt, alle Bündnispartner * innen an Bord. Doch es war auf einmal gesetzlich und ethisch unmöglich, einen nationalen Aktionstag mit Tausenden von Menschen durchzuführen. Niemand hatte voraussehen können, dass sich im März 2020 noch etwas anderes verbreitete, was deutlich unbequemer war als herausfordernde Demonstrant * innen.

    »Gopffriedstutz, jetzt Klimaschutz!«

    Parole des Klimastreiks

    Wir mussten uns im Frühjahr nicht nur von unseren langfristig angelegten Projekten auf unbestimmte Zeit verabschieden, sondern auch von unserer Heimat, den Straßen. Das Standbein der Bewegung, die Freitagsstreiks und Demonstrationen, wurde uns vom einen auf den anderen Moment genommen. Wir waren beinahe handlungsunfähig. Mein Mitaktivist Charles-Mathieu Sérou sagte dazu: »Wir als soziale Bewegung leben von den sozialen Kontakten.« Sie fehlten jetzt.

    Ich erinnere mich noch genau an die Situation, als wir im Englischunterricht heimlich unter der Schulbank auf unseren Mobiltelefonen die Pressekonferenz guckten, um herauszufinden, ob die Schulen alle geschlossen werden. Dann war es klar: Unsere Gesellschaft ging in einen Beinahe-Lockdown. Die Geschäfte mussten schließen, die Büroangestellten ins Homeoffice, und wir nahmen nach der Stunde all unsere Bücher aus den Spinden. Die Chats des Klimastreiks explodierten. Wie sollte es weitergehen? Was machen wir mit unseren Räumen? Findet die Sitzung morgen statt?

    Nach der ersten Aufregung kehrte in mein Leben schnell wieder Ruhe ein. Die Zoom- und Teams-Calls wurden alltäglich und langweilig. Doch nicht nur der Alltag und die Ruhe kamen wieder, sondern auch die altbekannten Gefühle. Die Euphorie verpuffte schneller als gedacht. Gefesselt an meinen Schreibtisch, nahmen Hoffnungslosigkeit, Angst und Wut erneut Besitz von mir. Ich war wieder allein, konnte meine Angst nicht mehr im Kollektiv abbauen. Entsprechend schwand meine Hoffnung. Sie war in der lauten Gemeinsamkeit, in der wachsenden Bewegung aufgeblüht, doch jetzt verpuffte sie mit den Absagen der Streiks.

    Meine Zeit investierte ich damals ausnahmsweise mal nicht ins Lernen und in genügende Noten, sondern ich verbrachte meine Tage mit Arte-Dokumentationen, auf Social Media und mit Zeitungen. Ich inhalierte förmlich alles, was ich zum Thema Klima und Umwelt finden konnte.

    In diesen Nächten mit meinem iPhone 6 beschäftigte ich mich zum ersten Mal mit der Intersektionalität der Klimakrise, mit Systemwandel, Klimagerechtigkeit, Biodiversität und indigenen Gemeinschaften. Ich begann zu begreifen, wie vielschichtig die Klimakrise ist und in welcher Intensität sie bereits heute überall auf der Welt wütet. Auch wenn ich froh bin, diesen Zugang gefunden zu haben, war es für mich eine der schwierigsten Zeiten, die ich bisher erlebt habe. Ich befand mich ohnmächtig in einer Abwärtsspirale der Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit. Gleichzeitig entwickelte sich auch die Wut, Wut auf die Politik, Wut auf die Gesellschaft, aber vor allem Wut auf unser System, das durch die Pandemie soeben bewiesen hatte, dass es möglich ist, auf Krisen unmittelbar und eingreifend zu reagieren. Dass das Geld da ist, aber eben nur für die Wirtschaft und nicht für die Menschen.

    Unter diesen Gefühlen, mich nicht wehren zu können, platzte ich fast. Wir, ich und viele Jugendliche, fühlten uns einmal mehr vergessen. An mein Zimmer und die dystopischen Nachrichten gefesselt, waren meine Lichtblicke und Hoffnungsschimmer die Bewegung, die nicht aufgeben wollte und sich einfach über Zoom weiter austauschte und die nächsten Pläne ausheckte. Doch seit diesen Tagen der Pandemie sind diese Gefühle der Ausweglosigkeit zurück und bis heute tägliche Begleiter*innen im Leben. Aber auch wenn sie schon viele schlaflose Nächte verursacht haben, bilden sie den Antrieb für das tägliche Weitermachen. Die ständige Suche nach Hoffnungsschimmern und Selbstwirksamkeit, der Erfahrung, dass das eigene Handeln Wirkung zeigt, ist der Grund, wieso ich mich trotz der multiplen Krisen jeden Morgen aus dem Bett schäle.

    Als Bewegung mussten wir primär dafür sorgen, dass wir relevant blieben. Medial hatten wir nun Konkurrenz von einer Krise, die auch täglich Menschenleben kostete. So zogen wir einige kleinere Dinge wie die Kampagne gegen die milliardenhohen Nothilfen für die Swiss²¹ oder den 24-Stunden- Livestream -Streik²² durch. Doch natürlich konnten wir die geballten Stimmen Tausender auf der Straße nicht ersetzen.

    Als Klimastreik Schweiz nutzten wir die Zeit für uns als Bewegung. Wie alle anderen auch verbrachten wir das nächste halbe Jahr in Zoom-Meetings vor unseren Bildschirmen und fantasierten über neue Projekte oder bildeten uns weiter. Uns war bewusst, dass etwas Neues passieren musste. Also planten und berieten wir in unendlichen Online-Sitzungen, was unsere Strategie für das Comeback nach dem Lockdown sein könnte.

    Wenn wir etwas aus der Pandemie gelernt haben, dann das: Die Politik ist fähig zu handeln, und zwar schnell und mehrheitlich auch den wissenschaftlichen Fakten entsprechend. Teile von Klimastreik waren sich einig, ein Streik oder eine Demonstration sollte es nicht sein. Zu viel Zeit des Nichthandelns war vergangen, als dass ein weiterer Streik die Antwort darauf sein konnte. Es musste etwas Neues, etwas Größeres sein, etwas, was »die da oben« den Druck der Jugend wieder spüren lässt.

    So kam es, dass wir am 4. September 2020 einen dezentralen Klimastreik organisierten, dessen einzige Aufgabe es war, auf das Rise up for Change zu mobilisieren;²³ das kennen die meisten wahrscheinlich noch unter dem Namen »Bundesplatzbesetzung«, den die Medien uns dafür gegeben haben.²⁴ Es war die erste große Aktion zivilen Ungehorsams⁷²⁵ , die der Klimastreik Schweiz durchgeführt hat. Etwas mehr als ein halbes Jahr später konnten wir dann auch endlich mit unserem Strike-for-Future -Bündnis auf die Straße. Es fanden schweizweit Aktionen statt, und wir konnten die Intersektionalität der Klimakrise durch unsere diversen Bündnispartner * innen in die Öffentlichkeit tragen (siehe » Intersektionalität«).

    Doch entgegen unseren Erwartungen traf die Berichterstattung über diese beiden Aktionen, außer bei unseren treuen Unterstützer*innen, auf wenig Resonanz. Vielmehr machte sich Verwirrung breit: Wieso besetzt die »Klimajugend« jetzt den Bundesplatz, und was hat die Klimakrise mit Gewerkschaften zu tun? Nun, über das halbe Jahr davor hatten wir uns weiterführende Gedanken gemacht. Wir haben Strategien entwickelt, und wir haben uns radikalisiert. Wir wussten, was wir wollten und mit wem wir strategische Bündnisse schließen wollten. Wir sprachen in den Medien plötzlich von

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