Die Zeit, in der ich sichtbar wurde: Vom Brustkrebs zum Nackttanz
Von Christina Hurt
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Über dieses E-Book
Nackt auf einer Bühne - wie wird man derartig sichtbar?
Indem man zweimal Krebs überlebt, dabei die rechte Brust
verliert und dann diesen Amazonenkörper, der mit seinen Narben keinem Schönheitsideal entspricht, als Performerin in Tanzstücken allen Blicken aussetzt. Mit nur einer Brust und ohne Kleidung.
Eine starke Geschichte darüber, die Definitionen beiseitezulassen, die uns vorschreiben, wie wir auszusehen haben und was wir zeigen dürfen.
Weil jeder Körper schön ist.
Christina Hurt
Christina Hurt lebt seit ihrem Studium in Wien. In mehreren Performances von Doris Uhlichs Habitat-Serie stand sie auf der Bühne, beim Donaufestival Krems, im MuseumsQuartier in Wien, beim Opening Event zur 40. Ausgabe des ImpulsTanz-Festivals sowie bei der Eröffnungsveranstaltung für die Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024.
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Buchvorschau
Die Zeit, in der ich sichtbar wurde - Christina Hurt
DAVOR
Vor etlichen Jahren war ich in einem Kaffeehaus zu einer Besprechung mit meinem Tanzlehrer verabredet. Ich war früher da als nötig, nahm Platz und vertrieb mir die Wartezeit mit Lesen. Nach einer ganzen Weile tauchte der Lehrer an meinem Tisch auf und sagte, er sei schon vorher hier gewesen und habe mich lange im Lokal suchen müssen. Zuerst sei er irritiert gewesen, denn er kannte mich als verlässlich und wunderte sich, dass er mich zur vereinbarten Zeit nicht im Lokal habe finden können. Plötzlich fiel ihm ein, woran es lag: „It is because you are invisible!"
Seine Aussage, ich sei unsichtbar, mutete merkwürdig an, ich hatte langes rotes Haar, trug ein knallgelbes Haarband und eine leuchtend rote Weste. Aber ich weiß, was er meinte. In der Tanzklasse stand ich damals immer in der letzten Reihe und auch sonst hatte ich das Bedürfnis, mit dem Hintergrund zu verschmelzen und anderen bei allem den Vortritt zu lassen.
In der Zwischenzeit hat sich das geändert. Meine Unsichtbarkeit ist verschwunden auf Nimmerwiedersehen. In der Tanzklasse stehe ich in der ersten Reihe. In der Öffentlichkeit werde ich von Fremden angeschaut, angesprochen, ich werde ganz offensichtlich wahrgenommen. Und das, obwohl mein Haar nun grau ist und meine Kleidung viel zurückhaltender als früher. Ich selbst bin sichtbar geworden.
AM ANFANG EIN UMZUG
Dass ich noch lebe, verdanke ich einem Umzug. Wäre damals die Firma, für die ich arbeite, nicht umgezogen, wäre die Diagnose nicht rechtzeitig gestellt worden. Unser Büro wurde in einen anderen Bezirk übersiedelt und für die drei Tage, die der Umzug dauerte, bekam die Belegschaft Urlaub. Diese unvorhergesehene freie Zeit nützte ich für anstehende ärztliche Routinekontrollen.
Eine davon war eine Untersuchung bei meiner Gynäkologin. Sie überwies mich bei dieser Gelegenheit zu einer Mammografie, weil längere Zeit keine gemacht worden war. Eine Schwangerschaft, die mit einer Fehlgeburt geendet hatte, eine weitere Schwangerschaft und eine lange Stillzeit hatten eine Mammografie für mehrere Jahre ausgeschlossen. Ich war mir im Übrigen völlig sicher, dass alles in Ordnung war, meine Brust fühlte sich an wie immer, dies würde nur eine weitere Kontrolle mit negativem Befund sein, wie ich es gewöhnt war.
Anfang Dezember fand ich mich in der Röntgenpraxis ein. Meine Brust wurde geröntgt, der Arzt untersuchte mich, es war nichts zu ertasten, am Ultraschallbild war nichts Auffälliges zu sehen. Dann wurden die Röntgenbilder analysiert.
Der untersuchende Arzt kam wieder in das Zimmer, in dem ich auf das Ergebnis der Analyse wartete, und sagte, ohne mich anzusehen: „Heutzutage operiert man ja nicht gleich, man macht zuerst eine Biopsie."
Ich verstand überhaupt nichts. Wovon sprach er? Dann erklärte mir der Arzt, dass auf dem Röntgenbild an mehreren Stellen meiner Brust Mikrokalk zu sehen sei. Diese Mikroverkalkungen kann man weder ertasten noch per Ultraschall darstellen, erst auf einem Röntgenbild werden sie erkennbar. Da war ein Sternenmuster in meiner Brust, multizentrischer Mikrokalk. Ein starker Hinweis auf Brustkrebs. Ich wusste nicht einmal, dass Kalk etwas mit Krebs zu tun hat.
Der Arzt verwies mich an die Assistentin am Empfang, die mir eine Telefonnummer für die Vereinbarung eines Biopsietermins geben werde. Niemand sah mir mehr ins Gesicht. Nichts machte mir meine Situation deutlicher als das: die gesenkten Blicke, die abgewandten Köpfe, das Herumschieben von Papieren auf dem Tisch.
Bei der Assistentin, die mir die Telefonnummer heraussuchte, brachte ich es endlich zuwege, zu fragen: „Heißt das, ich habe Krebs?"
In ihrem Gesicht sah ich das Ja. Aber das sprach sie natürlich nicht aus. Sie sagte, was alle mir damals sagten, gleichgültig welche Meinung sie in ihrem Innersten dazu haben mochten: dass die allermeisten Befunde negativ sind. Ich glaube, viele waren ehrlich davon überzeugt, dass ich keinen Krebs hatte. Auch meine Gynäkologin sagte in felsenfestem Ton: „Sie haben keinen Krebs!"
Ich verließ die Ordination, die Mappe mit dem Röntgenbefund und der Telefonnummer unter dem Arm, und schob den Buggy mit meiner Tochter darin vor mir her durch die Gassen, ohne etwas von meiner Umgebung wahrnehmen zu können. Immer wieder sagte ich mir: Das geht nicht, ich kann jetzt nicht sterben! Meine Tochter ist erst zweieinhalb Jahre alt, das geht einfach nicht!
Seit dieser ersten Konfrontation mit einer drohenden Krebsdiagnose weiß ich, welche Farbe die Angst für mich hat. Sie ist schwarz. Immer wenn ich die Angst vor dem Tod spüre, ist es eine schwarze Angst. Trauer kann gläsern sein, durchsichtig, eine transparente Wand, die einen von den anderen trennt. Aber die Angst ums Überleben, die ist ein schwarzer Abgrund ohne Boden.
Aus diesem Angstschrei wurde ein starker Wunsch: „Ich will unbedingt leben!" Und das heißt es heute noch: Ich will unbedingt leben. Dass mir dieser Wunsch erfüllt wurde, verdanke ich einer Unmenge von Ärzt*innen und mehreren Psychotherapeut*innen. Und dem Leben, das ich liebe wie verrückt, nach wie vor.
Ich hielt mich in dieser ersten Verdachtszeit auch daran fest, dass ich bis auf die Tatsache, dass ich meine Tochter ziemlich spät geboren hatte, mit 39 Jahren, keine Risikofaktoren erfüllte, im Gegenteil, ich war kerngesund, schlank, Nichtraucherin, ernährte mich vernünftig und bewegte mich gerne und viel.
Aber so einfach ist die Rechnung nicht, auch wenn wir das gerne hätten: Wenn ich mich an die Regeln gesunden Lebens halte, dann werde ich nicht krank. Nur kann eine Krankheit leider auch einen Menschen treffen, der alle Vorschriften der Gesundheitsfürsorge erfüllt. Im Gegenzug gibt es zahlreiche andere, die viele Risikofaktoren aufweisen und dennoch gesund bleiben. Derzeit weiß die Medizin schlicht noch nicht, wodurch genau Brustkrebs verursacht wird. Stress ist übrigens auch nicht der alleinige krank machende Auslöser, denn, wie mir ein Arzt später humorvoll mitteilte, wenn dem so wäre, dann müssten alle Alleinerzieherinnen Brustkrebs haben. Haben sie aber nicht.
Bedrohungen, die trotz der Gefahr auch Hoffnung zulassen, kann man mit viel Energie angehen, und Hoffnung haben mir von Anfang an viele Menschen gemacht. Ohne die Hilfe meiner Freundinnen und meiner Mutter hätte ich das alles jedoch nicht so gut bewältigt. Sie waren da und haben mich tatkräftig unterstützt und vor allem haben sie mir unermüdlich immer wieder Mut gemacht. Es ist unglaublich, wie sehr es bei der Bewältigung einer schwierigen Herausforderung hilft, dass andere Menschen davon überzeugt sind, dass man das schaffen wird, und einem so den Rücken stärken.
WARTEN LERNEN
Das Wort Patient enthält das englische Wort für geduldig – patient. Bei einer langwierigen Krankheit lernt man, wie wahr diese etymologisch gewagte Herleitung in der Praxis ist. Denn krank sein bedeutet Warten.
Ein Warten, das einem die Angst in schier endlose Länge zieht. Das Warten auf den Untersuchungstermin, am Termintag selbst dann das Warten auf die Untersuchung, das Warten auf den Befund, danach das Warten auf die Befundbesprechung, darauf, zu erfahren, wie es nun weitergeht, dann das Warten auf die Operation, auf die Behandlung, das Warten auf die nächste Untersuchung, die nächste Besprechung, die nächste Behandlung.
Immer wieder und wieder sitzt man und wartet und wartet in Ambulanzen, in Praxen, zu Hause, überall. Im Laufe der Zeit habe ich mich darauf eingestellt, für Ambulanztermine einen guten halben bis ganzen Tag einzuplanen. Von den frühen Morgenstunden bis in den Nachmittag hinein.
Das Warten auf den Biopsietermin dehnte sich nun vor mir, Tag um Tag kroch im Schneckentempo voran und bot mir im Überfluss Zeit für Sorgen, Befürchtungen und quälende Gedanken.
Um mich wenigstens hin und wieder abzulenken, ging ich ins Kino. Nichts anderes konnte mich so aus meiner Grübelei herausreißen wie ein spannender Film. Für zwei Stunden zumindest zermarterte ich mir nicht mein Hirn, sondern lebte in einer anderen Welt mit den Heldinnen und Helden der Leinwand, mein eigener Kopf herrlich frei von jeglichem tieferen Gedanken, meine Gefühle die der Schauspielerinnen, als hätten ich selbst und meine problematische Situation sich in Luft aufgelöst.
Ich habe das geliebt, für wenigstens zwei Stunden meine eigene Furcht hintanstellen zu können und mit fiktiven Gestalten einer erfundenen Geschichte lachen und weinen zu
