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Venedig ist ein Fisch: Erweiterte Neuausgabe
Venedig ist ein Fisch: Erweiterte Neuausgabe
Venedig ist ein Fisch: Erweiterte Neuausgabe
eBook214 Seiten2 Stunden

Venedig ist ein Fisch: Erweiterte Neuausgabe

Von Tiziano Scarpa und Olaf Matthias Roth

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Über dieses E-Book

Dass Venedig die Form eines Fisches hat, sieht jeder, der auf eine Landkarte schaut.
Tiziano Scarpa lädt dazu ein, diesen Wunderfisch mit allen Sinnen zu erkunden – deshalb schreibt er nicht über Venedig, sondern darüber, was in Venedig mit uns passiert. Die Kapitel heißen: Füße, Beine, Herz, Gesicht, Ohren, Mund, Nase, Augen und Haut. Wir erfahren, warum man sich in Venedig unbedingt verirren sollte, weshalb die Stadt als Kulisse für Liebeserklärungen ungeeignet ist und wieso Venedigs Schönheit hochgradig gesundheitsgefährdend ist.
Scarpa wirft viel vom Bildungsballast, der auf Venedig lastet, ins Meer und sorgt dafür, dass man über diesen wunderlichen Venedig-Fisch auf unerwartete Weise ins Staunen gerät.
Für diese Ausgabe hat Tiziano Scarpa seine »passeggiata« gründlich überarbeitet und ergänzt: unter anderem mit vielen neuen Möglichkeiten, sich im Herzen der Lagune zu verlieren – und mit ein paar Seitenblicken auf das nur in der Pandemie glasklare Wasser, das Venedig immer häufiger zu Leibe rückt.
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlag Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum27. Juni 2024
ISBN9783803144119
Venedig ist ein Fisch: Erweiterte Neuausgabe
Autor

Tiziano Scarpa

Tiziano Scarpa was born in Venice in 1963. He is a poet, novelist, playwright and essayist. He has written a number of acclaimed novels including Eyes On the Broiler and Western Kamikaze. Serpent's Tail have published his 'cultural guide to Venice', Venice is a Fish. His radio play Pop Corn received international critical acclaim and was aired by the BBC and other European radio stations. He regularly speaks at creative writing conferences and writes for Italian national newspapers. In 1997 he won the 49th Italia Prize for his writing. Stabat Mater won the 2009 Strega Prize, the Italian equivalent of the Booker. He lives in Venice.

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    Buchvorschau

    Venedig ist ein Fisch - Tiziano Scarpa

    Venedigt ist ein Fisch. Erweiterte Neuausgabe.

    Tiziano Scarpa führt durch seine Heimatstadt und lässt uns Venedigs Stadt- und unsere Körperteile auf ungeahnte Art entdecken – ein ungewöhnlicher Reisebegleiter in erweiterter Neuausgabe.

    Tiziano Scarpa

    Venedig ist ein Fisch

    Erweiterte Neuausgabe

    Aus dem Italienischen von Olaf Matthias Roth

    Verlag Klaus WagenbachBerlin

    Venedig ist ein Fisch. Schau es dir auf einer Landkarte an. Es ähnelt einer riesigen Seezunge, die platt auf dem Grund liegt, oder einer Dorade, die auf einer Welle dahinschießt. Wieso ist dieses Wundertier die Adria hinaufgeschwommen und hat sich ausgerechnet hier verkrochen? Es hätte ja noch ein wenig umherstreifen können, um mal hierhin, mal dahin einen Abstecher zu machen, ganz nach Lust und Laune. Reisen, durch die Gegend ziehen, sich die Zeit vertreiben, so wie es das immer gern getan hat: dieses Wochenende in Dalmatien, übermorgen in Istanbul, nächsten Sommer in Zypern. Wenn es nun hier vor Anker gegangen ist, so muss es dafür einen Grund geben. Die Lachse reiben sich die Bäuche auf, wenn sie gegen den Strom schwimmen, erklimmen Wasserfälle für ihr Liebesspiel in den Bergen. Wale, Sirenen und Galionsfiguren, alle sterben sie in der Sargassosee.

    Die anderen Bücher würden lächeln über das, was ich dir da erzähle. Sie berichten von der Entstehung der Stadt aus dem Nichts, dem glänzenden Aufstieg zur Handels- und Militärmacht, dem Niedergang: Märchen. So ist es nicht, glaub mir. Venedig hat es schon immer in der Form gegeben, die du siehst. Seit Anbeginn der Zeiten schwimmt es herum; in allen Häfen hat es Station gemacht, kennt alle Flüsse, alle Quais und Molen. An seinen Schuppen blieben orientalische Perlen haften, durchsichtiger phönizischer Sand, griechische Mollusken, byzantinische Algen. Eines Tages spürte es jedoch die Last jener Splitter und Körnchen, die es so nach und nach auf der Haut angesammelt hatte; es bemerkte, welche Kruste es mit sich herumschleppte. Seine Flossen wurden zu schwer, um sich durch die Strömung zu schlängeln. Daher beschloss es, ein für alle Mal in eine der Buchten weiter oben am Mittelmeer hinaufzuschwimmen, in die ruhigste, die entlegenste, und sich dort auszuruhen.

    Auf der Landkarte gleicht die vier Kilometer lange Brücke, die es mit dem Festland verbindet, einer Angelschnur: Es sieht aus, als hätte Venedig angebissen und wolle sich nun wieder losmachen. Es hängt an einer doppelten Schnur: an einem Stahlgleis und einem Asphaltband; doch das kam später: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden die Gleise verlegt, und in den 1930er Jahren folgte die Fahrbahn für die Autos. Wir bekamen nämlich Angst, Venedig könne es sich eines Tages anders überlegen und weiterziehen; und so haben wir es in der Lagune festgebunden, damit es nicht plötzlich den Anker lichtet und abhaut, und diesmal für immer. Den anderen sagen wir, es sei zum Schutze Venedigs geschehen, denn nach all den Jahren vor Anker hat es das Schwimmen verlernt: Es würde sofort gefangen werden, auf irgendeinem japanischen Walfangboot landen und in einem Aquarium in Disneyland gezeigt werden. In Wahrheit aber kommen wir nicht mehr ohne Venedig aus. Wir sind eifersüchtig. Auch despotisch und grausam, wie alle, die das Liebste bei sich behalten wollen. Wir haben noch Schlimmeres getan, als es ans Festland anzubinden: Wir haben es auf dem Grund festgenagelt.

    In einem Roman von Bohumil Hrabal gibt es ein Kind, das von Nägeln besessen ist. Es schlägt sie nur in Fußböden ein: zu Hause, im Hotel, bei Gästen. Alle Parkettböden, die ihm unter die Finger geraten, werden von morgens bis abends behämmert. Als wolle das Kind die Häuser am Boden befestigen, um sich sicherer zu fühlen. Mit Venedig ist es genauso, nur sind die Nägel nicht aus Eisen, sondern aus Holz, und sie sind riesig, zwei bis zehn Meter lang und haben einen Durchmesser von zwanzig, dreißig Zentimetern. Sie wurden in den Schlamm auf dem Meeresboden gerammt.

    Die Paläste, die du siehst, die reichverzierten Bauten aus Marmor und Kalkstein, die Backsteinhäuser, sie alle konnte man nicht auf Wasser errichten, sie wären im Schlick versunken. Wie Franco Mancuso dargelegt hat, sind in Venedig nicht die Außenmauern die tragenden Elemente, eben damit die Gebäude nicht an der weichen Uferböschung absinken; die legendären Fassaden der Palazzi am Canal Grande sind von Fenstern durchlöchert, um ihr Gewicht zu verringern: ihr anmutiges Aussehen ist die Folge einer architektonischen Notwendigkeit; die Ästhetik wird von der Bautechnik diktiert. Wie aber erbaut man ein solides Fundament auf Schlamm? Die Venezianer rammten eine riesige Menge Pfähle in den Boden. Unter der Basilica della Salute sind es Tausende; auch zu Füßen der Rialtobrücke, denn sie müssen dem Druck des steinernen Bogens standhalten. Die Basilica von San Marco ruht auf einem Gitter aus Eichenholz, das von einem Pfahlwerk aus Ulmen- und Erlenholz getragen wird. Die Stämme besorgte man sich in den Wäldern von Cadore, in den venetischen Alpen. Man brachte sie bis zur Lagune und ließ sie dazu auf den Flüssen treiben, auf dem Piave. Unter der Wasseroberfläche, im Schlick begraben, sind da Lärchen, Ulmen, Erlen, Eichen, Kiefern, Stieleichen. Die Serenissima war sehr umsichtig; immer hatte sie ein Auge auf den Baumbestand; äußerst strenge Gesetze schützten die Wälder.

    Die Bäume wurden mit einer Art Holzblock, der nur mit Muskelkraft an Haltegriffen emporgezogen wurde, kopfüber in den Boden gerammt. Als Kind habe ich noch gesehen, wie diese altertümliche Vorrichtung funktionierte, habe die Lieder der Pfahlbauer gehört, die langsamen und gewichtigen Taktschläge jener in der Luft hängenden, zylinderförmigen Hämmer, die entweder von Hand angehoben oder auf einer vertikalen Schiene auf und ab glitten; sie fuhren langsam hinauf und sausten dann wie der Blitz herab. Dass die Stämme zu Mineralien wurden, bewirkte der Schlamm, der sie mit seiner Schutzschicht umgab und so verhinderte, dass sie beim Kontakt mit Sauerstoff verfaulten. Nach Jahrhunderten im luftleeren Raum hat sich das Holz beinahe in Stein verwandelt.

    Du gehst also über einen unendlichen, umgedrehten Wald, spazierst über einen geradezu unglaublichen auf dem Kopf stehenden fossilen Forst. Es kommt einem vor wie die Erfindung eines mittelmäßigen Science-Fiction-Schriftstellers, aber es ist wahr.

    Venedig ist ein urbaner Parcours der Sinneswahrnehmungen, ein Sensodrom. Dieses Buch dient als Ergänzung der Reiseführer. Normalerweise steht das kulturelle Erlebnis im Mittelpunkt eines Besuchs der Kunststädte: Wir besuchen sie, um ihre Bauwerke und Museen, ihre Architektur kennenzulernen, und begnügen uns damit, historisch-künstlerische Erkenntnisse zu shoppen. Das Gehirn speichert Nachrichten, vernachlässigt aber das, was mit dem Körper und damit auch der Seele geschieht. Geist und Körper wandeln auf zwei sehnsüchtelnd voneinander getrennten Bahnen. In diesem Buch führe ich sie zusammen. Ich beschreibe dir nun, was mit deinem Körper in Venedig passiert, und fange bei den Füßen an.

    Füße

    Venedig ist eine Schildkröte: Ihr steinerner Panzer besteht aus grauen Trachytblöcken (maségni, wie die Venezianer sagen), mit denen die Straßen gepflastert sind. Es ist ein poröses vulkanisches Gestein, das aus den Euganeischen Hügeln in der Nähe von Padua stammt. Die Kanten der Kanalufer und die Zierleisten der Treppenstufen sind aus weißem Stein aus den Steinbrüchen Istriens. Fast alles, was man in Venedig sieht, so hat Paolo Barbaro geschrieben, kommt von anderswo, wurde importiert oder erschwindelt, wenn nicht gar geraubt. Die Oberfläche, über die du gehst, ist glatt, auch wenn viele Steine mit einem kleinen Hammer gerädelt wurden, damit du bei Regen nicht ausrutschst.

    Wohin gehst du denn? Wirf doch den Stadtplan weg. Warum willst du unbedingt wissen, wo du dich im Augenblick befindest? In allen Städten, in Einkaufszentren, an Autobus- oder U-Bahn-Haltestellen finden sich noch Hinweisschilder, die uns heute wie ein Relikt aus alten Zeiten vorkommen, wo doch alle das Telefon benutzen, um eine Adresse zu finden; dennoch gibt es hier noch Schilder mit einem farbigen Punkt darauf, einem Pfeil, die dich lautstark darauf aufmerksam machen: »Sie sind hier.« Du möchtest gern erwidern: »Weiß ich doch!«, und deinen Handybildschirm mit dem eingeschalteten Navigationssystem schwenken. In der Smartphone-Ära scheinen diese Schilder inzwischen eher den Orten selbst in Erinnerung zu rufen, wo sie sind: als ob die Häuser, Straßen und Plätze nicht mehr wüssten, wo sie sich befinden; sie sind inmitten ihrer Bewohner verschwunden, die wiederum in eine Parallelwelt umgezogen sind. Die Passanten laufen nur dem Anschein nach durch die Straßen; sie bewegen sich aber in ihren Köpfen fort, in dem weitverzweigten Netz, die Augen auf ihre leuchtenden Rechtecke gerichtet. Die Menschheit hat beschlossen, die Orte hinter sich zu lassen, und lebt jetzt in ihren eigenen Gedanken.

    Auch in Venedig brauchst du die Augen nur ein wenig nach oben zu richten und wirst viele Schilder sehen, gemalt oder an einer Hauswand angebracht, mit Pfeilen, die dir sagen: Du musst hier lang gehen, lass dich nicht durcheinanderbringen, Zum Bahnhof, Nach San Marco, Zur Accademia. Lass sie links liegen, achte nicht darauf. Warum willst du gegen ein Labyrinth ankämpfen? Folge ihm doch einfach. Keine Sorge, die Gassen bestimmen deinen Weg, und nicht umgekehrt. Lerne, dich treiben zu lassen, umherzuschweifen. Lass dich in die Irre führen. Schlendere dahin.

    Mach auch du »den Venezianer«. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte diese Redensart auf unsere Fußballmannschaft an, »den Venezianer machen«, »es wie Venedig machen«. Die Art, wie die Venezianer Fußball spielten, war nervtötend: egoistisch, immer den Fuß am Ball, viel Dribbling und wenige Pässe, kaum Spielübersicht. Kein Wunder: Die Fußballer waren ja in einem Gewirr aus schmalen Gassen, Sträßchen, Biegungen und Engstellen aufgewachsen. Um zur Schule zu gelangen, war der kürzeste Weg immer der durchs Wollknäuel. Und so sahen sie auch weiterhin Gassen und kleine Plätze vor sich, wenn sie in Trikots und kurzen Hosen den Rasen betraten, selbst auf einem völlig leeren Spielfeld, und versuchten, sich aus ihrer persönlichen Labyrinth-Halluzination zwischen Mittelfeld und Strafraum herauszuwinden.

    Stell dir vor, du wärst ein rotes Blutkörperchen, das in den Venen dahintreibt: Folge dem Herzschlag, lass dich von diesem unsichtbaren Herzen voranpumpen, bis in die Haargefäße der Sträßchen hinein. Vielleicht bist du ja auch ein Bissen, der in den Eingeweiden transportiert wird: Die Speiseröhre einer engen Gasse drückt dir Backsteinwände entgegen, bis du beinahe zermalmt wirst, speit dich aus, lässt dich durch das Ventil einer Brücke entschlüpfen, die sich über das Wasser spannt, woraufhin du in einem geräumigen Magen landest, einem Platz, wo du nicht weitergehen kannst, ohne ein wenig ausgeruht zu haben; du musst stehenbleiben, weil die Fassade einer Kirche dich zwingt, sie anzuschauen, dich tief im Innern chemisch verwandelt und verdaut.

    Die einzige Route, die ich dir empfehlen möchte, hat einen Namen. Sie heißt: Zufall. Untertitel: Ohne Ziel. Venedig ist klein, du darfst dich also ruhig verlaufen, denn weit kommst du sowieso nicht. Du gelangst immer an einen Rand, an ein Ufer, hast die Lagune vor dir. In diesem Labyrinth gab es bis vor wenigen Jahren keinen Minotaurus, kein Monster, das seinen Opfern auflauert, um sie zu verspeisen. Heute hingegen musst du aufpassen. Sieh dich vor, es gibt Taschendiebe, vor allem in der Umgebung der Piazza San Marco, an den überfüllten Bootsanlegestellen, auf den Vaporetti. Inzwischen gibt es Angriffe sowohl auf Touristen als auch auf Einwohner: als hätte sich Venedig, diese Mini-Metropole, vorgenommen, mit anderen Weltstädten gleichziehen zu müssen. Als ich aufs Gymnasium ging, kam eine amerikanische Freundin von mir zum ersten Mal in einer Winternacht nach Venedig. Sie fand ihr Hotel nicht und wanderte immer ängstlicher durch die verlassene Stadt, die Adresse ganz unnötig auf einem Zettel notiert. Je mehr Minuten vergingen, umso überzeugter war sie, gleich vergewaltigt zu werden. Sie konnte es nicht fassen, dass sie seit drei Stunden in einer fremden Stadt unterwegs war und noch niemand sie überfallen und ihr die Koffer zu klauen versucht hatte. Sie kam aus Los Angeles.

    Heute terrorisieren jugendliche Banden die Passanten und schlagen mit Fäusten oder Flaschen auf sie ein, einfach so, zum Spaß. Es gibt auch den einen oder anderen Dieb, der in den versteckten Gassen Leute überfällt. Vor ein paar Monaten, als ich vor der Notaufnahme Schlange stand, lernte ich einen jungen Israeli mit gebrochenem Unterarm kennen. Er hatte gerade das Hotel verlassen, um zum Flughafen zu gelangen, als er von einem Mann zu Boden gestoßen wurde, der ihm den Koffer aus der Hand riss und ihm dabei den Arm brach.

    Am touristischen Fähr-Terminal am Tronchetto existiert ein widerrechtliches Transportsystem, das sich allmählich breitgemacht hat und nun einfach hingenommen wird. Ins Leben gerufen hat es eine Bande von Kriminellen, die in den Neunzigerjahren zerschlagen wurde; einige der Verurteilten haben ihre Strafe abgesessen und sind inzwischen wieder frei; sie haben das Geld aus den Raubzügen, das sie zur Seite schaffen konnten, für den Kauf von Booten verwendet, um Touristen nach San Marco zu bringen. Ihre Tarife liegen unter denen des öffentlichen Nahverkehrs, weil sie keine Steuern zahlen. Sie benutzen abgefeimte, auch illegale und gewalttätige Methoden, um die Leute abzufangen, die gerade ankommen. Eine spanische Touristenführerin haben sie zusammengeschlagen, weil sie sich weigerte, ihre Schützlinge in diese ungenehmigten Boote einsteigen zu lassen.

    Auch in Murano gibt es sie; dort geben sie sich als von der Kommune autorisierte Angestellte aus. Sie tragen gefälschte Schildchen auf der Brust und Mützen mit der Aufschrift »Venezia«, überreden dich, die Glaswarengeschäfte ihrer Wahl zu besuchen, zulasten der anständigen Produzenten und Händler.

    Das Geld fördert die übelsten Seiten des Menschen zutage. Vielleicht wurde es zu diesem Zweck erfunden. Eigentlich sollte es einen gegenteiligen Zweck erfüllen, nämlich alle zu besänftigen. Das italienische Wort »pagare«, bezahlen, stammt vom Lateinischen pax, pacis, »Friede«. »Pagare« bedeutet »pacare« – befrieden, den Frieden wiederherstellen. Jemandem Geld zu geben ist eine Art, Konflikte zu beschwichtigen und die Schieflage zwischen dem, der gibt, und dem, der empfängt, wieder auszugleichen. Der Umgang der Menschen miteinander ruft Schuld, Unrecht und Revanchegelüste hervor. Immer schwebt die mögliche Fehde

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