Gesetztes Denken: Gedankensprünge zu Pobacken, Stühlen und Bildern
Von Norval Baitello jr. und Christoph Wulf
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Buchvorschau
Gesetztes Denken - Norval Baitello jr.
Vorspann
Geleitwort
Die Sprünge und Bewegungen Norval Baitellos bringen das »gesetzte Denken« in Bewegung. Sie reißen es aus seinem Phlegma, wirbeln es durcheinander und lassen neue Erkenntnisse aufblitzen. Ungeahnte Zusammenhänge werden sichtbar und regen an, das Neu-Gedachte weiterzudenken. Bekannte Referenzrahmen zersplittern. Neue Verbindungen werden sichtbar. Die Welt erscheint voller unbekannter Beziehungen und Rätsel. Was bedeutet diese Erschütterung und Verschiebung der Grundlagen des Denkens? Besteht ein Zusammenhang zwischen der globale Ausbreitung des Sitzens und der Beschleunigung der Bilder? Wie wirken sich die unendlichen Bilderströme auf die Menschen und ihr Handeln aus? Norval Baitello jr. greift Beobachtungen und Erfahrungen aus Literatur, Wissenschaft und Leben auf und verknüpft sie so miteinander, dass ein neues Verständnis unserer alltäglichen Lebenswelt im Anthropozän entsteht.
Wer wissen möchte, welche Rolle das Sitzen für das Verständnis der Welt und unser Selbstverständnis spielt, dem sei dieses Buch nachdrücklich empfohlen. Seine Lektüre überrascht und vermittelt ungeahnte Einsichten. Die alltägliche und scheinbar banale Praxis des Sitzens hat vielfältige Auswirkungen auf unsere Emotionen und unser Verhalten. Wir verbringen immer mehr Lebenszeit im Sitzen. Wir stehen morgens auf, um uns sofort wieder hinzusetzen, zum Frühstück, zur Fahrt zur Arbeit, am Arbeitsplatz, zum abendlichen Fernsehen. In den modernen Gesellschaften ist Sitzen zu der alles bestimmenden Körperhaltung und Lebensform geworden. Immer weiter wächst die Zahl der Aktivitäten, die im Sitzen erledigt werden.
Sitzen ist als Form des Lebens kaum älter als zehntausend Jahre. Die frühen Vorfahren des Menschen haben sich in den Baumgipfeln des Dschungels bewegt; später haben sie in der Savanne gelebt. In diesen beiden für die Evolution des Menschen so wichtigen Lebensumwelten spielt das Sitzen keine Rolle. Erst vor ein paar tausend Jahren begannen die Menschen sich niederzulassen, Land in Besitz zu nehmen und es für Agrarwirtschaft und Viehzucht zu nutzen. Eine Arbeitsteilung bildete sich allmählich heraus. Auf dem »besetzten« Land entstand allmählich eine Kultur des Sitzens, zunächst des sakralen Herrschers auf dem Thron. Dann verbreitete sich das Sitzen, bis es in unserer Zeit zu einer Voraussetzung und Grundform sozialen und kulturellen Handelns geworden ist. Setzen, sitzen, besitzen, die Bewegungen des Körpers und des Geistes zur Ruhe zu bringen, Gefühle und Gedanken zu sedimentieren ist heute die Regel.
Im Sitzen wird der Körper stillgestellt. In dieser Haltung nehmen wir die Welt und uns selbst anders wahr als in der Bewegung des Gehens. In der griechischen Antike wurde im Gehen und Sprechen philosophiert, in der Moderne im Sitzen und Schreiben. Auch heute berichten viele Schriftsteller vom Entstehen ihrer Gedanken nicht nur beim Reden, sondern auch beim Gehen. Im Gehen bewegen wir uns zu den Dingen; im Sitzen verweilen wir ohne Bewegung; wir sitzen auf Stühlen vor Fernsehern, Computern und anderen Medien, und sehen die Dinge als Bilder. Beim Gehen zu den Dinge spüren wir ihre dreidimensionale Materialität. Beim Sitzen nehmen wir alles in Form von Bildern zweidimensional wahr. Die Mehr-Dimensionalität der Welt wird auf die Zweidimensionalität der Fläche reduziert. Still und bewegungslos sitzen wir vor den Geräten und empfangen die Abbilder der Welt. Ohne uns Erfahrungen zu vermitteln, füllen diese Abbilder unsere Vorstellungswelt.
Bereits Fenster schaffen die Möglichkeit ein Außen wahrzunehmen. Sie wählen und bestimmen die Ausschnitte, in denen wir die Welt sehen, und dirigieren unsere Wahrnehmung. Fenster schneiden Teile aus Raum und Zeit heraus und vereinfachen das Sehen. Sie pressen die Welt in Rechtecke, verkleinern und filtern sie und reduzieren ihre Bedrohlichkeit. Je mehr sie vorgeben, die Wahrnehmung der Welt zu ermöglichen, desto eher verbergen sie deren Geheimnisse. Mithilfe von Ausschnitten und Abbildungen bieten Bilder auch einen Blick in die Welt. Die Bildschirme der Fernseher und Smartphones verdeutlichen die Krise der Sichtbarkeit. Sie zeigen eine von außen nach innen drängende zurechtgestutzte Bilderwelt. Ihr Bilderstrom fließt in die Welt der Vorstellung und besetzt sie in vielfältigen Formen und Schichten. Das Imaginäre der Menschen wird zu einem Archiv von Bildern. Diese Bilder bestimmen die Wahrnehmung der Welt und der anderen Menschen. Auch die menschliche Selbstwahrnehmung verdankt sich Bildern. Bilder und Schrift brauchen zu ihrer Entfaltung Flächen. Dies wird auf den beschriebenen und bemalten Felswänden, Tierhäuten, Pflanzenfasern sichtbar. Menschen zeichnen auf ihnen und bemalen sie. Bilder besetzen in kaum vorstellbarem Ausmaß die Städte und Lebenswelten der Menschen und üben Gewalt aus. Auch vor der Verschmutzung durch Bilder gibt es keinen Ausweg. Anders verhält es sich mit den menschlichen Körpern. Sie entfalten sich in Bewegungen im Raum, im Gehen und Wandern, Spielen und Springen. Im Unterschied zu den mit virtuellen Bilderströmen überzogenen sitzenden Körpern »moderner« Menschen erschließen sich die bewegten Körper der frühen Kindheit die Welt und werden zugleich von ihr erschlossen.
Neue Erkenntnisse entstehen nicht nur durch die lineare Weiterentwicklung von Wissen. Oft sind sie eher das Ergebnis von Sprüngen, Verschiebungen und Rissen, aus denen sie überraschend emergieren. Sie tauchen auf in den Rhythmen der Imagination. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit bringen sie sich ein und beeindrucken gerade dadurch. Dieses Buch ist das Ergebnis eines unorthodoxen fruchtbaren Denkens. Mit Rückgriffen auf die wirkungsmächtige Vorgeschichte des Menschen liefern die zahlreichen Abschnitte einander ergänzende Erkenntnisse über den Menschen, der trotz seiner globalen Mobilität in Gefahr ist, seine Beweglichkeit zu verlieren. In diesem auch in der sprachlichen Gestaltung faszinierenden Buch spiegelt Norval Baitello jr. seinen Lesern die Welt und erzeugt ein neues Verständnis des alltäglichen Lebens.
Birke Mersmann, Berlin im November 2022
Vor-Wort zum Sitzen und Springen
Norval Baitello jr., Professor an der PUC Sao Paulo, Kommunikationswissenschaftler und Schriftsteller, nimmt uns in den achtzig Kapiteln seines kleinen Buchs über das Sitzen (oder ist es eines der ganz großen Bücher über die Katastrophen der Menschheit?) mit auf eine Abenteuerreise, von der wir nicht etwa beruhigt und erkenntnisgesättigt heimkehren können, um uns nun endlich mit gutem Gewissen »vor Ort« und »im Hier und Jetzt« niederzulassen, im Gegenteil … wir haben uns beim Springen und Hüpfen mit Neuem erfüllt, wobei das Neue eigentlich ein wunderbar durcheinander gewirbeltes Altes ist, und dabei haben wir uns angewöhnt, beständig in Bewegung zu bleiben.
In Bewegung zu sein – das hat bei den Menschen eine lange Tradition. Fast könnte man sagen, dass über Jahrmillionen hinweg Bewegung geradezu das Beständigste an den Menschen war. Aber wie schaut es mit diesem vitalen Paradoxon heute aus? Unsere Ur-Vor-Fahren hatten ihre beständige Bewegung in und mit den Baumkronen. Auch nach dem Sturz aus diesen frühen Paradiesen (die wir dann sehr – sehr! – viel später zu zwiespältigem Trost in der adamitischen Retropie neu erfanden) blieben wir über unsere nomadischen Jahrmillionen beständig in Bewegung. Doch dann kam ein anderes Beständiges, das mit Anhalten und Stehen(bleiben) und vor allem mit Beständen und Bestandssicherung zu tun hat: Wir wurden »sesshaft«. Damit komme ich zu dem Anfang des Buchs, nämlich zu seinem Titel. »O Pensamento sentado« heißt wörtlich »Das sitzende Denken« beziehungsweise »Sitzendes Denken«. Genau genommen ist »Gesetztes Denken« also nicht ganz korrekt, lässt sich aber im Deutschen sowohl aktiv wie auch passiv verstehen, und so landen wir von Anfang an bei einer der vielen (ge- oder erfundenen) Mehr- oder »Neben«deutigkeiten, die sich nicht nur immer wieder in Norval Baitellos vielfältigen sprachgeschichtlichen Rückgriffen anbieten, sondern die mir auch erlaubt haben, selbst hier und da mit den Variationen und Verflechtungen in und zwischen den Sprachen zu spielen. Der vorliegende Text ist also (im Einverständnis mit dem Autor) weniger zu einer allzu starren Übersetzung als mehr zu einer mal hüpfenden, mal stolpernden Übertragung geworden – oder vielleicht, um es mit Sprung 28 zu sagen: zu einem Medium, also zu einer (gelegentlich etwas wackligen) Brücke zwischen Autor und LeserInnen.
Obwohl Norval Baitello jr. schon im Untertitel – »Über Pobacken, Stühle und Bilder« – nicht nur seine eigenen Gedanken, sondern auch die seiner LeserInnen ins Hüpfen, wenn nicht gar ins Schleudern bringt (unser mentaler Allerwertester hat bei ihm keine Chance, an etwas kleben zu bleiben …) so sitzen sie (gemeint sind nun wiederum Norval Baitellos Gedanken) doch durchweg ganz großartig, in dem Sinn nämlich, in dem sich das auf Deutsch etwa von einem exzellent geschnittenen Kleidungsstück aus Patchwork-Material sagen lässt.
Christoph Wulf, Frankfurt am Main im Frühjahr 2023
Achtzig Sprünge
1. Springend denken, Sprünge denken, springend Sprünge denken
Mancherlei Gedanken haben sich seit Langem in uns festgesetzt und rühren sich nicht mehr von der Stelle – doch mit diesem Buch wollen wir sie zum Tanzen bringen. Wir werden Pirouetten um sie drehen und sie lehren, Salto mortale zu schlagen!
Vielleicht taucht beim Hüpfen und Springen ja auch der eine oder andere Grund für die unglaubliche Zähigkeit, für das »Sitzfleisch« so manch festgefressener Vorstellungen auf. Damit sind nicht solche Konzepte oder Erkenntnisse gemeint, die auf soliden Kenntnissen beruhen und denen wir gerne zustimmen können, sondern Ideen, die sich – fast unversehens und scheinbar ohne unser Zutun – bei uns und in uns eingeschlichen haben. Es geht also um eingerostete Ideen, die sich seit Langem nicht mehr bewegt haben, schon gar nicht gegen etwas angegangen oder gar angesprungen sind, Ideen, die es sich in uns und in denen wir es uns bequem gemacht haben und die sich, darauf befragt, inzwischen nicht einmal mehr noch selber verteidigen könnten.
Leserinnen und Leser mögen sich daher nicht wundern, wenn wir – anders als in Gesprächen mit Freunden, ehemaligen Studenten oder Kollegen – hier übergangslos von einem zum anderen hüpfen. Wie oft weisen wir sonst darauf hin, dass wir gerade vom »Hölzchen aufs Stöckchen« kommen, dass wir ein Thema wechseln, ohne das vorherige erschöpfend behandelt zu haben, dass wir nicht objektiv sind! Wie viel Zeit verschwenden wir in Diskussionen daran, logisch vorzugehen und Gedankengänge gradlinig zu verfolgen – als gäbe es das überhaupt! Wie viel Beweglichkeit zerstören wir in unseren Kindern mit einer Pädagogik, die Bewegung als Unruhe disqualifiziert, ja, sie in Extremfällen sogar pathologisiert! Wie viel Energie geht dabei in eine Erziehung, mit der sie ruhig und still, »auf Linie« gehalten werden sollen, eine Erziehung, die nicht in der Lage ist, sich von der unerschöpflichen kindlichen Neugier und Experimentierfreude beglücken zu lassen, eine Erziehung, die nicht einmal kognitive Aufregung als kreative Ausdrucksform akzeptiert! Wir alle verbringen erschreckend viele Jahre unseres Lebens im Sitzen – wir sitzen auf Schulbänken, in Kirchengestühl, auf Bürosesseln, am Schreibtisch, wir sitzen im Kino, im Theater, in Vortragssälen, wir sitzen im Bus, im Zug, auf dem Fahrrad, im Auto. Wir sitzen, last not least, auf Stühlen um einen Tisch herum und halten die berüchtigten, nicht zufällig so genannten »Sitzungen« ab. Und wenn wir dann schließlich zu Hause sind, versinken wir in Sofas oder Sesseln und lassen uns – natürlich im Sitzen – von Apparaten mit Bildern füttern.
So viele Stühle, so viel sesshafte Sitzerei – lasst uns wenigstens hier stattdessen üben, von einem Ding zum nächsten zu springen,
