Fragile Betrachtungen: Geschichten, Lieder, Poesie
Von Sigrid Crasemann
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Über dieses E-Book
Ähnlich den Bewegungen des Meeres werden als Erlebnis gespeicherte Geschehnisse dem seelischen Gedächtnis leise geraubt, um dann nahezu unbemerkt zu verschwinden. Wie Wellen, Wogen oder auch die flächige Dünung immer wieder zurück in den Kreislauf des Ozeans sinken, werden Erinnerungen aktiviert, besungen, bebildert, umschreibend angeschaut. Behutsam zerstört können sie sich so aus der Umklammerung des Gedächtnisses herausschleichen. Um endlich sterben zu dürfen, können sie jetzt in den kosmischen Reigen aller Begebenheiten zurückfließen und wieder in das Universum aufgenommen werden. Unbemerkt wird sich nun in dieser neuen Gestalt das Erlebte verflüchtigen oder ganz auflösen und nicht einmal der Hauch einer Erinnerung wird bleiben.
Sigrid Crasemann
Sigrid Crasemann: 1943 geboren in Hamburg 1964-1969 Studium der Bildenden Künste an der HBK Berlin und HfBK Hamburg; 1970-1990 Ostasiatische Bewegungskünste; 1972-1985 Kunsterzieherin am Gymnasium Allee/Hamburg; 1985-2004 Kunsterzieherin am Gymnasium Blankenese/Hamburg; seit 1985 freie Künstlerin in Bild und Wort
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Buchvorschau
Fragile Betrachtungen - Sigrid Crasemann
Leise
Geschichten
für
unsere
Herzen
Inhaltsverzeichnis
graublau
Himmelblau und Nachtigall
Fernsehen sehen
Die Schwarze Rose an der See
Stille Wasser
lied 1
lied 2
Die Drei
Ein Mädchen
Eine kleine Bildgeschichte aus dem Atelier
Nicolaus und das Mädchen
Odaliske Meliha
Mathematik & Iris-Blüte
graublau aus: Künstlerbuch Rubikon 2, 2019
[14,8 x 20,7 cm, Graphit Aquarell auf Aquarellpapier]
graublau
Ein kleiner Junge mit gelocktem, braunschwarzem Haar.
Klare, kindliche und zugleich tiefe Augen.
Das Schauen des Unverdorbenen.
Seine Bewegungen mühelos.
Noch von der Zuwendung Erwachsener abhängig.
Wie alle Kinder von reiner Seele.
Er sagt graublau.
Er spricht das Wort leicht, einfach, bedeutungslos.
Sanft sich wünschend,
dass irgendjemand ihn höre.
Der Junge berührt meine Seele.
Wie er das Wort in den Raum hinein trägt.
Verschiedene Ebenen berührend,
undefinierbare Dinge ertastend,
graublau, zärtlich suchend, beinahe flehend.
In kindlicher Regung geht er leise umher, graublau.
Der Knabe rührt mein Gemüt.
Pure Schönheit zwingt meine Zuwendung.
Hingabe an sein himmlisches Wort,
graublau, fein, unergründlich.
Warum hört ihn niemand?
Muss sein Wesen denn hingerichtet werden?
Graublau, milde wie das Wasser der stillen See
trägt der gelockte Junge seine Botschaft zu uns,
dass wir aufhorchen und endlich klug werden.
Mein Herz steht in Flammen.
Himmelblau und die Nachtigall
aus gleichnamigem Bilderbuch, 2019
[16 x 24 cm, Farbstift, Grafit, Schriftelemente auf Papier]
Himmelblau und die Nachtigall
Es war einmal ein kleines Mädchen
mit Augen, blau wie der Himmel.
Es trägt ein luftiges Kleidchen
in den hellen Farben des Sommers.
Es hat lange Beine
und einen schlanken, schönen Körper.
Das Mädchen liebt es zu malen,
zu singen und besonders zu tanzen.
Und wenn es hüpft und sich dreht,
schimmert sein feines Haar,
dass man meint es wäre aus Gold.
Wegen all dieser Schönheiten erhält unser kleines Mädchen
bald den Namen Himmelblau.
Eines Tages besucht Himmelblau seine liebe Großmutter,
die immer allerschönste Überraschungen für sie hat.
Heute holt diese aus einer geheimen Kammer
einen goldenen Bauer, in dem ein Vogel auf einer Stange sitzt.
Die alte Frau dreht an einer schnarrenden Schraube,
der Vogel flattert ein wenig,
seine Kehle vibriert und entlässt perlende helle Töne.
Himmelblau ist gebannt von diesem Wunder.
Die Großmutter verrät ihr,
es sei eine Nachtigall.
Doch ganz plötzlich ist der schöne Gesang vorbei
und der Vogel bewegt sich nicht mehr.
Es ist nur eine Spieluhr.
Auf dem Heimweg muss Himmelblau lange
an die Nachtigall in dem goldenen Käfig denken
und bewegt den Zauber der Melodie
in ihrem Herzen.
Mit allen Dingen geht Himmelblau froh und behutsam um.
Sie ist gut zu Pflanzen, Tieren und Menschen.
So läuft das Leben des kleinen Mädchens
in geregelten kosmischen Bahnen.
Eines Tages aber geschieht ein Unglück,
als Himmelblau von einer Brücke stürzt,
die sie, wie ein Wirbelwind sich drehend,
tanzend überqueren wollte.
So landet sie in der Notaufnahme,
alle sind sehr besorgt um die Zukunft von Himmelblau.
Die Ärzte behandeln ihren verletzten kleinen Körper.
In der Dunkelheit der Nacht wird sie
auf einer Krankenliege auf den Heimweg gebracht.
Hier geschieht nun etwas Wunderbares:
Als sie über die Wiese zum Haus getragen wird,
vernimmt Himmelblau den feinen Klang einer Vogelstimme.
Sie erstarrt nahezu:
es ist die Melodie des Vogels,
die sie in ihrem Herzen trägt.
Und sie erkennt den lebensechten Gesang einer Nachtigall.
Kühlendes Quellwasser der hellen Töne
dringt in ihren verletzten Körper.
Himmelblau spürt, wie sich im Goldregen
der jetzt schmetternden Vogelstimme
ihre Glieder erwärmen, dehnen und strecken.
Sie springt von der Liege
und schaut hinauf zum Himmel.
Fernsehen sehen
Von einem Abendspaziergang zurück gekehrt entdecke ich im Entree des Hotels ein kleines Mädchen, wie es einen leicht glitzernden Fladen aus Knetmasse auf den Tisch vor der Gästecouch drückt. Die dicke rohe, für mich kniehohe Holzplatte bietet eine ideale etwa bauchhohe Spielebene für die Ausbreitung seiner Miniatur-Spielzeuge. Es haut und klopft mit den Händchen auf die etwa Spiegelei-große violett-graue Masse, sodass ich stehen bleibe und den Fortgang der Szenerie leise abwarte. Das Mädchen kümmert es nicht, dass ich ihm zuschaue. Bald ist es einverstanden mit der Ebene und stellt auf dem Tisch einige kleine Playmobil-Figuren in einer Reihe nebeneinander auf. Es handelt sich sichtlich um Familienmitglieder, was ich vorsichtig erfrage und es mir bestätigt wird. Nun nimmt das Kind eine Play-mobil-Figur, legt diese mit dessen Rücken auf die Knetfläche und drückt sie fest. Ich bin erstaunt, als die Kleine nun eine weitere Figur der Reihe ebenfalls auf dessen Rücken neben die erste legt und diese nun auch schön fest drückt. Danach folgt dasselbe mit den restlichen Figuren, was mich erheitert. Ich bin gespannt, da die kleine Künstlerin sehr genau weiß, was da in ihrer magischen Welt vor sich geht. Es wirkt auf mich wie ein geheimer Plan, der unbedingt ausgeführt werden muss. Eine kurze Pause nimmt mir fast den Atem. Stille tritt ein, als das Kind in seinen Figuren nach etwas sucht. Da entdeckt es eine Art Schild, das gezielt aufrecht stehend in den Rand der Knetmassen-Fläche gedrückt wird, sodass nun alle Figuren liegend mit schrägem Blick nach oben auf dieses Schild blicken. Das Mädchen ist wohl zufrieden und ich riskiere meine Frage: Was hast du da gemacht?
„Sie sehen Fernsehen" war seine prompte charmante Antwort und ich lächle amüsiert.
Zu diesem allerliebsten Geschehen fällt mir folgendes ein: Das Mädchen ist die kleine Tochter der neuen Frau des Hotelbesitzers. Mit Frau und diesem Kind bezieht er eventuell, solange er sich im Hotel auf der Insel aufhält, ein Gästezimmer im Parterre. Die Mahlzeiten und alle Beschäftigungen außerhalb dieses Zimmers finden im Gästebereich statt. Da ich mir gut vorstellen kann, dass die drei abends eventuell Fernsehen, sehe ich sie in Ermangelung an Fernsehmöbeln nebeneinander rücklings auf dem großen Bett liegend. Auf dem, wie in allen Hotelzimmern
