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August der Glückliche: Traum und Courage des Herzogs von Gotha - Eine Spurensuche
August der Glückliche: Traum und Courage des Herzogs von Gotha - Eine Spurensuche
August der Glückliche: Traum und Courage des Herzogs von Gotha - Eine Spurensuche
eBook701 Seiten6 StundenEdition PEREGRINI

August der Glückliche: Traum und Courage des Herzogs von Gotha - Eine Spurensuche

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Über dieses E-Book

Vorliegendes Buch ist das erste, das sich der faszinierenden Gestalt des ernestinischen Herzogs August von Sachsen-Gotha und Altenburg (1772-1822) widmet. Er war ein Urahn des britischen Königshauses, doch vor allem ein poetisch gesonnener Pazifist und Feminist seiner Zeit. Als Protegé Napoleons einst berühmt und bewundert, dann oft bis zur Lächerlichkeit geschmäht und schließlich sehr verdrängt, hatte der Herzog sich in Kriegszeiten als furchtloser Beschützer Gothas bewährt, der seinen Landen hohe Steuern ersparte. Das in seiner revolutionären Epoche einzigartige Idyll §Ein Jahr in Arkadien. Kylenion" erschien 1805 anonym und beschreibt die glückliche Liebeserfüllung zweier Jünglinge, aber auch die Eroberungen selbstbewusster junger Frauen. Im Freien will ich frei mich dünken.
Olaf Brühl offeriert mit seinem Materialbuch eine Fülle an Themen, Querverweisen und bislang unbeachtete Dokumente, Briefe sowie Erstveröffentlichungen. Da ist das Weimar der Klassiker, natürlich Goethe, der französische Aufklärer Melchior von Grimm, Wieland, Madame de Staël, der Naturwissenschaftler Blumenbach, Wilhelm von Humboldt, Bettina von Arnim oder Carl Maria von Weber. Auch die vom Herzog bedeutend erweiterten Sammlungen auf dem Gothaer Schloss Friedenstein werden erörtert und Fragen aufgeworfen wie:
Was schätzte Napoleon an dem "Kleinen Herzog von Gotha"?
Wofür wurde er von seinen Untertanen so geliebt?
Worüber sprach August mit Goethe?
Wie ging der Herzog mit den deutschen Burschenschaftlern um?
Was hat es mit seiner Phallus-Tasse auf sich?
Warum waren Männer für ihn die Tyrannen der Welt?
Was heißt Weiblichkeit?
Starb Herzog August von Gotha eines natürlichen Todes?
Wer erbte das Herzogtum und was widerfuhr seiner Tochter Luise, der Mutter von Prince Albert of Saxe-Coburg and Gotha, dem späteren Gemahl der Queen Victoria?
Manche Rätsel und Geheimnisse bleiben im Dunkel. Der Bogen aus der Vergangenheit weist in die Gegenwart. Dieser Herzog vermag noch heute mit seinem Witz und Sarkasmus zu provozieren. Weil alle Seelen weiblich sind. August der Glückliche, ein Universum von verwirrender Sinnenlust und Sinnsuche, aber auch politischer Konsequenz.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum23. Juni 2022
ISBN9783756297849
August der Glückliche: Traum und Courage des Herzogs von Gotha - Eine Spurensuche
Autor

Olaf Brühl

Der Autor Olaf Brühl ist Opernregisseur und Dokumentarfilmer, sowie Publizist. Er wurde 1957 in Gotha geboren und lebt in Berlin.

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    Buchvorschau

    August der Glückliche - Olaf Brühl

    Herausgegeben von Reimund Frentzel

    Das wahre Bild

    der Vergangenheit

    huscht vorbei,

    das mit jeder Gegenwart

    zu verschwinden droht,

    die sich nicht

    als in ihm gemeint

    erkannte.

    Walter Benjamin

    Inhaltsverzeichnis

    Vorbemerkung

    I.

    NORMVERLETZUNG

    ÆMIL LEOPOLD AUGUST

    ROMAN

    EXKURS

    NAPOLEON

    VERDRÄNGUNG

    WEIMAR

    GOETHE

    COURAGE

    SCHICKSAL

    »FEMINISMUS«

    GLÜCK

    INTERESSE

    GLAUBE

    LIEBE

    HOFFNUNG

    TREUE

    DIE KRIEGER

    TABU

    VERZWEIFLUNG

    TOD

    II.

    ZUSÄTZE 2022

    1. GESCHICHTE

    2. PARIA

    3. ANTEROS, VERSPÄTET.

    III.

    ANHANG

    CHRONIK

    Literaturhinweise (1997)

    ANMERKUNGEN (2022)

    EXKURS I: SAMMLUNGEN, KONSUM & KONSUMISMUS

    EXKURS II: HERZOG AUGUST UND GOETHE

    EXKURS III: MYTHEN, MUSIK UND MASKERADEN

    EXKURS IV: DIE »PHALLUS-TASSE« DES HERZOGS

    EXKURS V: NAPOLEON

    EXKURS VI: HOMOSEXUELL, MÄNNLICH, WEIBLICH?

    Nachbemerkung und Dank

    Rechtenachweis

    Vorbemerkung

    Der Text »August der Glückliche – Traum und Courage des Herzogs von Gotha« war 1997 das Ergebnis von Recherchen und Notizen für ein Dokumentarfilmprojekt mit dem Arbeitstitel »Der Paria«.

    In gebundenen Kopien gab ich diesen Text als Stoffbeschreibung Mitarbeitern und interessierten Freunden, so dem Direktor des Gothaer Schlossmuseums Bernd Schäfer, dem Dichter Peter Hacks, Reimund Frentzel in Weimar, dem Publizisten Wolfram Setz, meiner Filmproduktionsfirma, der Thüringer Filmförderung und Fernsehredaktionen.

    Daraufhin erschien in der Gothaer Allgemeinen am 22. November 1997 zum 225. Geburtstag des Herzogs eine erste öffentliche Erinnerung mit dem Artikel »Emil August von Gotha – der peinlicher Herzog«. – Am 24. Juni 1997 bereits veranstaltete ich im Gesprächskreis Homosexualität der Berliner Advent-Gemeinde einen Abend über den Herzog August, sein »Kyllenion«, Napoleon und die Auflösung des rätselhaften »EWXB«.– Im September 2007 konnte ich, eingeladen von Oberbürgermeister Knut Kreuch, auch im Gothaer Rathaus über den Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg referieren.

    Für diese erste Ausgabe zum Jubiläumsjahr des Herzogs 2022 wurden 1. dem Haupttext von 1997 weitere Originalzitate und Augusts Abschrift von Jens Baggesens Gedicht »Die Krieger« sowie die Chronologie (1997) aus den Arbeitsmaterialien hinzugefügt, ergänzt um einen ausführlichen Anhang – mit 2. drei zusätzlichen Kapiteln: »Geschichte«, »Paria«, dem Bericht vom Auffinden des »Verspäteten Anteros« (»EWXB«) Augusts– und vor allem 3.dem Kern des Buches: Anmerkungen, Kommentare, Exkurse mit Quelltexten, inkl. Erstveröffentlichungen nach meinen Abschriften aus Gothas Archiven.

    Möge die Publikation doch endlich eine komplexere, an den Quellen und der Realität orientierte Beschäftigung mit Herzog August von Gotha anregen, um ihn aus seiner Zeit zu verstehen. Dabei wären damalige wie auch heutige Geschichts- und Menschenbilder wohl zu überprüfen.

    Dank sei Reimund Frentzel in Weimar für die Herausgabe dieses Arbeits- und Materialbuches in seiner Edition und: Lars Jolig in Berlin für stete kooperative und großzügige Unterstützung.

    Olaf Brühl

    Berlin, Frühjahr 2022,

    Herbst 2022 (4. erg. Auflage seit März 2022)

    »Genius«, Gemälde im Logen-Zimmer des Friedenstein

    ANTEROS.

    In düstern Wäldern, unschuldvollen Auen,

    Erfinden wir des Daseyns hohes Ziel. –

    I.

    In dem Freyen will ich frey mich dünken.

    August von Gotha, 1805

    NORMVERLETZUNG

    Die patriarchalen Rituale der Macht mit Heiterkeit zu unterbrechen, mit Farbe, mit Lust: »buntschillernd«, hat es da einer gewagt, das Andere, Selbstbestimmte, Freie? Ein pulsierendes Signal aus der Epoche von Restauration und Biedermeier: dass mitnichten alles so ist und wird und sein muss wie Gesellschaftsraster es vorgeben. Stand und Politik nicht nur als Mittel, das eigene Fundament zu sichern, sondern das der Gemeinschaft.

    JACOBS:

    Furcht war ihm fremd.. In den Stürmen, des Krieges blieb er auf seinem Platze, änderte auch in seiner Lebensart nichts; und dass das Land mehr als jedes andere der benachbarten geschont wurde, verdankte es seiner Anwesenheit und der Achtung, die er dem Sieger bewies¹.

    Es geht nicht zuletzt um das phantasievoll, wenngleich polemisch geführte Spiel mit tradierten Geschlechterrollen: insofern sie Machtrollen kodieren und verkörpern. Es geht um Widerspruch, Widersprüche. Es geht wohl um Vernunft und Gefühl, nicht um Vernunft oder Gefühl. Des Herzogs »Peinlichkeit«, die eines deutschen Souveräns und somit Repräsentanten des herrschenden Standes, sein ätzender Hohn auf die dominierenden Muster der Männlichkeit. Ein Auf-Begehren, eine lustvolle Provokation noch heute: fähig, HERRschende Selbstverständnisse, Normen und Programme zutiefst in Frage zu stellen, beunruhigend, politisch, übergreifend.

    ÆMIL LEOPOLD AUGUST

    ÆMIL LEOPOLD AUGUST, 1772, im Jahr des Regierungsantritts seines Vaters, Ernst II. von Sachsen-Gotha-und-Altenburg, geboren und 1804 dessen Nachfolger auf dem Thron². – Er starb 1822 unter nie eindeutig geklärten Umständen³.

    Als Regent in seiner Zeit vollzieht er den Schnitt zuerst, imzuge der Aufklärung Privates von staatlichem Amt zu trennen: so nennt er sich zum Zeichen als Herzog offiziell August, bzw. Französisch: Auguste, privat aber Emil, bzw. Emile.

    VON WÜSTEMANN:

    Als er das Gesuch einer sehr geliebten Person nicht erfüllen konnte, versicherte er, auf den durch seine Unterschrift bezeichneten Unterschied des Fürsten und des Freundes verweisend, als August nicht erfüllen zu können. was er selbst als Aemil gern gewünscht hätte.

    Nur den allerengsten, intimeren Freundinnen und Freunden gegenüber nannte er sich, nicht frei von Humor und nur selten: »Emilie«⁴! Er wird in seiner Zeit (und in Dokumenten) daher grundsätzlich AUGUST (oder mit allen drei Namen), sehr selten in späterer Zeit Emil August genannt (auch August EMIL usw.). – Es gibt für uns weder Grund, noch Berechtigung, ihn anders zu nennen als AUGUST. – Einmal befragt, welchen Beinamen er für sich selbst als den passendsten wählen würde, antwortete er: AUGUST der Glückliche⁵.

    AUGUST:

    Sie müssen wohl wissen, dass ich mir keine Diademe und keine Machtvollkommenheiten wünsche.

    Émile est bon prince... Ich wiederhole es: *** Ich bin die ehrlichste Haut von einer Hoheit, die sich seit der Regierungszeit Seiner vorsintflutlichen Majestät auf diesem Erdenrund voll Finsternis und Narrheit nur finden läßt⁶.

    Er war zweimal verheiratet und Vater eines Mädchens. Beide Ehen waren, soweit sich das für uns heute noch ersehen lässt, glücklich⁷. LOUISE VON MECKLENBURG-SCHWERIN, Mutter seines einzigen Kindes, starb infolge der Geburt mit erst 21 Jahren⁸. Auch AUGUSTS zweite, sicherlich nicht einfache, Ehe mit KAROLINE AMALIE VON HESSEN-KASSEL, bestimmten offenbar bis ans Ende Zuneigung und Respekt – in den Ehen des Adels nicht eben die Regel. JACOBS bezeugt: sie wich bis zuletzt nicht von des Herzogs Seite. Der Fourier verzeichnet, dass sie am Sterbetag AUGUSTS nicht zu Abend aß. KAROLINE starb 1848⁹. Sie ließ sich auf der Gothaer Parkteichinsel an AUGUSTS Seite beisetzen.

    Als das Herzogspaar einmal die Gräber auf der Parkteichinsel besuchte, wo Emil Augusts Vater liegt, wünschte seine Gattin ebenfalls an diesem, Ort bestattet zu werden. »Wo du liegst, will ich auch liegen, liebes Karolinchen«, antwortete der Herzog und ließ zwei Grüfte ausmauem, die immer mit frischen Blumen ausgelegt waren.¹⁰

    Herzogliche Gräber mit der Prinzensäule auf der Gothaer Parkteichinsel (Ernst und Ludwig, Ernst I., August, Friedrich IV. und Karoline)

    1799 hatte August über seinen Onkel Prinz August den mit diesem befreundeten Dichter JEAN PAUL kennen gelernt, Autor des TITAN. Er ist begeistert.

    Jean Pauls Veröffentlichung einer Widmung an den Herzog von Gotha wurde von der Zensur der Jenaer Universität untersagt, eben der Herzog von Gotha wiederum hob das Verbot auf und es kam zu einem spöttischen Briefwechsel zwischen dem Dichter und dem Fürsten über die Herren akademische Zensoren, publiziert im FREIHEITS-BÜCHLEIN.

    Vieles, was von JEAN PAUL gesagt wurde, hört man auch von August: Sonderlinge, etwas närrische Naturen, regiert von ihrer geistigen Überfülle. Es gibt hier eine Verwandtschaft des Humors, der Aufrichtigkeit, der Rastlosigkeit, der »Originalität«¹¹, die mit tieferer Zeitgenossenschaft zu tun haben mag. Sie sprudeln über, die Gedanken jagen sich, bizarre Ideenfunken. JEAN PAUL schreibt schier manisch an einem riesigen Werk, AUGUST agiert sich habituell aus, lebt sich in tausend Gestalten, ein Redestrom. JEAN PAUL bemerkte über den Gothaer: er habe »die Titanomanie«, und nachdem dieser Herzog wurde: er sei »der witzigste Kopf, der je unter einer Krone gesteckt habe, nur taugt der Witz für die Fürsten nicht.«

    Das trifft zu. Ein Jahrzehnt später wird es empfindlich:

    Bayreuth d. 17. Sept. 1810 (...) Der Herzog ist ein personifizierter Nebel – bunt – leicht – schwül kühl – in alle phantastischen Gestalten sich zertheilend zwischen Sonne und Erde schwebend – bald fallend bald steigend; – nur nie greife man nach diesem Nebel. Hätt' er ein Herz, sein dichterischer Kopf wäre der größte. Er schrieb mir auf einmal mit umgehender Post 3 dicke Briefe – Witz. Phantasie – Zorn über die Daemmerungen und über die Levana, worin phantastische Fürsten getadelt werden (...), usw. erfüllten die Briefe. Ich habe nicht, geantwortet.

    Gewiss. Nur: ob »Herzlosigkeit« das passendste Wort sein mag? So endet es. JEAN PAUL schreibt:

    Ich wußt schon, daß es mit dem gekrönten Phantasten in Gotha nichts werde, / Hier ist der Brief der niedrigen Hoheit (...)¹².

    AUGUST liest weiterhin treu seine Werke. Er liest überhaupt viel und ist lebenslang von Büchern fasziniert¹³. Er beginnt neuerdings einen übersprudelnden Briefwechsel mit dem heute vergessenen Autor ERNST WAGNER, der aber bald stirbt¹⁴.

    BETTINA VON ARNIM:

    ... Er [Joh. Gottfr. Ebel, Arzt aus Frankfurt a. M. – O.B.] kuckt nach dem Wetter und behauptet, die Wolken, die da heran kommen, seien gewitterhaft von meiner electrischer Natur zusammen gezogen, und er mag durch aus nicht in meiner Nähe verweilen bei schwüler Luft, er fürchtet für sein geschätztes Dasein, das Gewitter könne in ihn einschlagen und seine Seele ungewaschen und ungekämmt vor den Richterstuhl Gottes bringen! Der Herzog von Gotha war dabei, als er dies einmal sagte, und hatte seine Verwunderung über den gelehrten Naturforscher, er fragte ihn, ob er denn an ein letztes Gericht glaube, ob er an die Hölle glaube? – da kam es heraus, daß er an noch mehr glaubt; nämlich an einen großen Actenschrank, worin alle Lebensprocesse aller Menschen drinnen in höchster Ordnung aufgestapelt sind. Dieser Actenschrank ist sehr leicht beweglich, auf einen Wink fliegt er auf und präsentiert grade die Acten, die zum Proceß des Lebens verfloßnen die nötigen überweisenden sind, denn kein Mensch wird verurteilt, er werde denn von der Gerechtigkeit des Richterspruchs überzeugt, damit er sich die Höllenpein nicht durch den Trost erleichtere, er sei ungerecht verdammt, – denn Gott kann nicht ungerecht sein, setzt Ebel hinzu! O Hirngespinst, o Scheusal, o Gespenst, o Empusa, sagte der Herzog, und seitdem trägt Ebel den Namen Empusa! er wird auch nicht mehr masculiniert, sondern muß weiblich passieren, was ihn ärgert, mich aber auch.¹⁵

    AUGUST, witzig, phantasievoll, angriffslustig, immer offenherzig, bizarr, verwöhnt, kreativ, sarkastisch, geistreich, launig und launenhaft, gesellig, narzisstisch, auf Dauer wohl ziemlich schwierig, belastend, vielleicht für fast alle, oft bewundert¹⁶.

    In Gotha fesselte uns der Herzog eine ganze Woche (...) nie hab’ ich mehr Originalität gefunden (...)¹⁷.

    Wenn er kein – in der Sprache der Zeit – »Original« war, was war er dann? – Einer der liebt und geliebt sein will.

    AUGUST:

    (...) aber ich mache Alles anders wie andere Erdensöhne, das wissen Sie ja selbst (...)¹⁸.

    AUGUST (am 19. Dezember 1806):

    (...) Ich mag nicht auf den fährlichen Zähren- und Sehnsuchtsweg zurückblicken, nein, erschöpft, empört vermag ich nicht noch einmal die 365 Kammern prüfend zahlen, die ich, immer getäuscht, beleidigt, umsonst hoffend, halb träumend, halb irrend durchrann, ich mag nicht all die Erfahrungen wie giftige Pfeile tiefer in die Herzwunde drücken (...)

    (...) ewig hoffend und zagend um meinen Bruder, verkannt von Vielen, ewig durch hingebende Treue das Spielwerk eines grausamen Freundes, immer nicht das, was ich eigentlich sein sollte¹⁹.

    Es ist die Generation der um 1800 Jungen, die, tragikumwittert, geboren im Aufschwung von Aufklärung, Revolution und Klassik, Fragen stellen und Alternativen andenken, die aus dem suchenden Elan der deutschen Frühen Romantik sehnsuchtsstark und ungeschützt in ein Leben losstürzen, das sie jedoch mit der Brutalität der Restauration in die Knie zwingt und im Biedermeier erstickt. – Die Begegnung AUGUSTS mit BETTINA von Arnim und der Dichtung der Günderrode ist dafür so bezeichnend, wie etwa die Nähe zu JEAN PAUL. Durch Stand von jenen entfernt²⁰, wird uns der Herzog heute neu interessant, dank seiner spöttischen Unangepasstheit und Verweigerung, seine Ideale aufzugeben.

    AUGUST:

    (...) mir bleibt ein sonderbarer, bitterer, kalter Stolz, der mir beweist, daß ich doch ein Mann bin, so wenig ich dieses mein centaurisches Geschlecht liebe.

    Das Gefühl wird mir bleiben, daß ich ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch aus Liebe zu jeder Dienstpflicht bereit war. – ²¹

    Zu jeder Dienstpflicht bereit.

    August von Gotha, kostümiert als Raffael mit Gänseblümchen: Er liebt mich, er liebt mich nicht...

    Archivrat Bube nutzte später die Gelegenheit, den Herzog in seinen Privatgemächern aufsuchen zu dürfen, für einen Bericht an den Bibliotheksarchivar Beck, den dieser 1868 in seiner GESCHICHTE DER REGENTEN THÜRINGENS mitteilte:

    Der Weg zu diesem Zimmer führte durch die sogenannte weimarische Galerie des Friedensteins, deren alte Fürstenbilder mich lebhaft unterhielten. Der hintere Theil der Galerie, durch eine Wand abgeschlossen, diente als Vorplatz zu den Zimmern des Herzogs. Kaum durch eine Flügelthüre hineingetreten, flattert mir ein großer, strüppiger Haushahn krähend entgegen und nöthigt mich, ihn mit beiden Händen abzuwehren. Währenddem regt sich in den tiefen Doppelfenstern des Vorplatzes wirres Leben. Hier sind in gesonderten Räumen muntere Eichhörnchen, kleine Affen und junge Geier eingeschlossen, Ein Diener erzählt, daß der Herzog bisweilen die Geier und den Haushahn beisammen sein lasse, um eine neue Vogelart zu erzielen. Er sehe dann den Thieren mit einem Vergnügen zu, das ihn nicht beachten lasse, wenn ein zur Conferenz befohlener Geheimrath erschienen sei. Links vom Eingange hängt ein schönes Ölgemälde, Napoleon im Krönungsornate darstellend. Nach dem Sturze des gewaltigen Herrschers war das Gemälde mit einem grünseidenen Vorhang verhüllt. Noch einige Schritte links und ich stehe vor zwei langen Sophas, die mit Staub und Schmutz bedeckt sind, da der Herzog seine Thiere sich darauf herumtummeln ließ. Den Mittelpunkt des Zimmers bildet ein großer, runder Tisch, auf welchem eine Menge Merkwürdigkeiten bunt durcheinander Hegen: orientalische Dolche, malayische Kris und Klevangs, ägyptische Alterthümer aller Art, oben darauf eine wohlerhaltene, schöngeformte Mumienhand. Auf einem kleineren Tische liegen Ringe mit kostbaren Gemmen und Scarabäen, sowie sie von dem bekannten Reisenden Seetzen eingeschickt wurden. Einst ließ sich ein reisender Gelehrter diese Merkwürdigkeiten zeigen und verwunderte sich, sie so in Unordnung unter der Obhut von Dienern zu finden, die keinen Begriff von ihrem Werthe hatten. Er sprach sich darüber in einer Zeitschrift in einer Weise aus, die dem Herzog empfindlich sein mußte, ohne jedoch ihn zu einer besseren Verwahrung der Seltenheiten zu bewegen. In einer Ecke des Zimmers seh’ ich auf einem Tische eine Menge Papiere aufgehäuft, darunter Bittschriften, deren Siegel noch unerbrochen ist. Ueberhaupt ließ Herzog August alle versiegelten Eingaben von seinem Kammerherrn öffnen, um, wie er sagte, sich die Finger nicht zu beschmutzen. Auch Federzeichnungen des Herzogs liegen hier, Portraits bekannter Personen, die er mit Eselsohren, einem Bocksbart oder anderen ebenso schmeichelhaften Kennzeichen versehen hat. Auf einer langen, Tafel rechts vom Eingange stehen drei Gypsbüsten, deren erste eine Nachtmütze, die zweite einen Haarbeutel und die dritte das Brustbein einer Gans auf der Nase trägt. Sicherlich wollte der Herzog mit diesem Zeichen die dargestellten Personen charakterisieren.

    Diesen Bube hätte man nicht einlassen dürfen. Um sehen zu können, bedarf es mehr als Augen oder der Auskünfte von Dienern. Nicht alles ist, was es zu sein scheint.

    REICHARD

    Von allen diesen aufgehäuften Sachen und Sächelchen wußte der Herzog in jedem Augenblicke jedes Stückchen zu finden und bemerkte sofort jede Lücke.

    ROMAN

    1805 erschien anonym AUGUSTS Roman EIN JAHR IN ARKADIEN. KYLLENION, ein gräzisierendes Hirten-Idyll. Er gliederte das Buch nach den altgriechischen Monaten und gruppierte die episodisch ineinandergreifenden Momente der Handlung um eigene Liedgedichte (LOUIS SPOHR, HIMMEL und VON WEBER vertonten sie²²). JEAN PAUL, wie gesagt, würdigt das Buch zurecht als literarische Klammer zwischen Klassischem und Romantischem.²³

    In der kenntnisreich angewandten Figuration der anakreontischen »Schäferey« führt der Roman ein Spektrum von Liebesarten vor, das sich wie ein Reigen liest. Am Ende schließt sich ein Kreis: der anfangs sich vergeblich nach dem schönen Alexis sehnende Julanthiskos erringt durch Treue dessen ganze Liebe, in der sich die beiden beglückt vereinen – und das Jahr hat sich vollendet.

    Die Jünglinge wurden endlich von Alexis Sklaven gefunden, wie sie Mund an Mund auf dem weichen Moose schlummerten. Alexis, der Gerettete, war nicht mehr undankbar, und Julanthiskos, der Findende, nicht mehr unglücklich; mit Alexis Strephon geschmückt Julanthiskos, und in Julanthiskos Mantel eingewickelt Alexis.

    Und die Freunde umarmten sich nicht eher als in der räumigen Stoa; dann eilten sie zusammen in das wärnende Bad; dann zu der gewürzten Tafel, und dann sanken sie schlaf- und wonnetrunken auf das schwellende Lager, nachdem Julanthiskos den Kyllenischen Hermes noch einmal gepriesen; und sie entschliefen Hand in Hand, um sich nie zu verlassen. Und noch hängt Julanthiskos Strephon an dem Halse des wunderthätigen Bildes. –

    August wollte auf den Enthusiasmus für die literarische Mode »griechischer« Idyllen des brav evangelischen Rokoko-Dichters SALOMON GESSNER mit einer anderen, echten Idyllik antworten. Er führte vor, was da wirklich »griechisch« wäre. So warf er seiner Epoche, als die Assoziation von Liebe mit griechisch nichts anderes als Päderastie, also (männliche) Homosexualität (»Sodomiterey«) bedeutete, diesen Text entgegen, der Aufklärung und »Griechentum« radikal beim Wort nahm²⁴.

    Vor allem wird nicht nur die glückliche Liebesverbindung zweier Jünglinge erzählt, die einmal, eine Ausnahme in vielen hundert Jahren, nicht mit Reue, Verzicht, Strafe, Gewalt, nicht, wie sonst, in Ehrlosigkeit und Tod endet. Folgerichtig geht es genauso um die selbstbewusst eigene Initiative junger Mädchen und Frauen im Erringen ihres Geliebten! Kein schützender Held wird präsentiert, der eine hilflose Unschuld zu erkämpfen hat²⁵. Ein JEAN PAUL ist begeistert:

    Die Liebe in Arkadien ist ein Arkadien in der Liebe²⁶.

    August hatte ins Schwarze getroffen. Die Reaktionen auf solch unverhofften Anti-Geßner waren entsprechend ...²⁷

    Die Gräfin VON STOLBERG schreibt am 30.V.1805:

    Hier lieber Perthes sende ich Ihnen zurück

    Rameaus Neffe

    Das Jahr in Arkadien v. einem Tollhäusler

    das Ekelhafte Freyheitsbüchlein

    und Lucifer Goethes Winckelmann.²⁸

    Verachtung und Abscheu, die der Herzog mit seinem Roman-Idyll erntete, richteten sich unmissverständlich gegen eben jene erotische Richtung, die »griechische Liebe« eben, die man gleicher Zeit an Goethes WINCKELMANN-Buch empört zurückwies, wo dieser des berühmten Mannes Neigung zu hübschen Jünglingen im Abschnitt »Liebe« verständig gelassene Aufmerksamkeit und Würde schenkt²⁹. Die dialektische Kritik an der Gesellschaftshierarchie in RAMEAUS NEFFE von Denis Diderot und JEAN PAULS FREIHEITS-BÜCHLEIN über die Zensur werden damit im Zusammenhang begriffen, ansonsten: nicht.

    AUGUSTS Brieffreund, der Dichter JEAN PAUL:

    Ich habe ganz andere und gerechtere Urtheile über das arkadische Jahr – (...) – von Männern gehört und gelesen. Sogar Professoren und Konsistorialräthe (...) bewundern den geheimen griechischen Schatz darin (...). Es gibt aber etwas Höheres im Werke: nämlich eine solche Verschmelzung der alten und neuen Zeit, eine solche poetische Versöhnung des Griechischen mit dem Romantischen, die hier zum ersten male erscheint. Diesen Bund zweier Alter und Naturen unterschrieb Ihre Feder.³⁰

    Das »Geheime« an AUGUSTS arkadischer Dichtung ist in Wahrheit: den Liebenden wird nicht nur idealisierte Schwärmerei als Glück gegönnt (»Freundschaft«), sondern wirklich »vollständige« Erfüllung ihrer Liebe in zärtlich-körperlicher Lust und Sinnlichkeit.³¹

    Andere reagieren ebenfalls begeistert. So die KNEBELS in Weimar. Am 21. Mai 1805 schreibt HENRIETTE KNEBEL an KARL LUDWIG KNEBEL³²:

    Die arkadischen Idyllen haben wir doch wirklich mit Interesse gelesen, Prinzeß und ich, und sie haben, uns Vergnügen gemacht. Es freut uns sehr, daß Du ihnen auch Deinen Beifall gibst. Der Herzog von Gotha ist selbst ein arkadischer Schäfer und wirklich eine seltne Erscheinung. Die Prinzeß ergötzt sich immer sehr an seiner Unterhaltung, die geistreich ist und originell. Er hat ihr das Buch zum Geschenk gemacht, wie wir neulich in Gotha waren³³.

    1985 brachte der Berliner Verlag rosa Winkel eine schöne Reprint-Ausgabe heraus, die, mit einem umfassenden Essay und ausführlichen Anmerkungen von dem Literaturwissenschaftler PAUL DERKS versehen, nach über 160 Jahren die Wiederentdeckung AUGUSTS von Gotha leistet und eine Neubewertung einfordert:

    Schiller vermochte der Homosexualität die Sexualität nicht zuzugeben; Herzog Augusts Leistung besteht gerade darin, Gleichgeschlechtlichkeit und Liebesfähigkeit als integriert darzustellen (...) ohne Verzicht auf die sexuelle Einlösung dieser Liebe.

    Die sonst in dieser Zeit vorkommenden Episoden von Wielands »Agathon« bis zu Lysers »Benjamin« gelten Nebenpersonen, nicht dem Protagonisten; wo Homosexualität den gesamten thematischen Vorwurf bestimmt, gelten Sonderbedingungen: Zschokkes »Eros« ist auf Bestellung geschrieben worden, und Heines »Bäder von Lucca« dienen der Massakrierung eines Feindes (Platen). Schillers »Malteser«-Drama ist ein mißglücktes Experiment; einzig des Herzogs von Gotha »Jahr in Arkadien« scheint das Thema mit Glück zu bewältigen.³⁴

    DAS JAHR IN ARKADIEN. KYAA'HNION

    Treue siegt;

    Treu’ erringt den schönsten Preis.

    Lass dich nicht erschrecken

    Durch des Stolzes Kälte;

    Strahlen folgen Strahlen,

    Bis die Wolken schwinden.

    Treue siegt;

    Treu’ erringt den schönsten Preis.

    Lass dich nicht verdriessen,

    Lang umsonst zu dienen.

    Tropfen folgen Tropfen,

    Bis die Felsen weichen.

    ~ * ~

    EXKURS

    Der ernestinische Zweig der Wettiner von Sachsen-Gotha-Altenburg, begründet vom friedliebenden Herzog ERNST DEM FROMMEN, zeichnete sich durch geistige Offenheit aus. Tyrannei und Willkür bleiben fremd, da hier die Idee des Westfälischen Friedens als Basis wirkt³⁵. – AUGUSTS Großeltern sind mit Voltaire befreundet, der einige Wochen am Gothaer Hof lebt und arbeitet. Herzogin LUISE DOROTHEA schreibt sich auch mit DIDEROT³⁶. Eine enorme Bibliothek wächst an, die noch jetzt Bewunderung auslöst, wie ein prächtiges Münzkabinett. Auf dem Friedenstein wird diskutiert, geforscht, wirken glänzende Musiker, wie etwa STÖLZEL³⁷, es besteht ein Hoftheater (das mit seiner barocken Bühnentechnik einzig noch original erhaltene Deutschlands), wo die NEUBERIN auftritt³⁸ und später GEORG BENDA seine von Mozart so hochgeschätzten Melodramen auffiihrt³⁹. Das wissenschaftliche Verlagswesen Gothas blüht auf, hier erscheint die erste Gesamtausgabe der Werke des »Erzketzers« VOLTAIRE⁴⁰. Das Haus sympathisiert mit der Französischen Revolution und sogar des Herzog ERNSTS Bruder, PRINZ AUGUST⁴¹, verteidigt gegenüber SCHILLER die Hinrichtung LUDWIG XVI.⁴². Der Hof zu Gotha gilt als kulturelles Zentrum. Ein CONRAD EKHOF, »Vater der deutschen Schauspielkunst«, kann hier das erste fest ansässige Ensemble führen⁴³. Der Maler TISCHBEIN aus Weimar, wie viele andere, erhält ein Stipendium, mit dem er sich seinen Rom-Aufenthalt leistet, wo GOETHE mit ihm zusammen wohnen wird⁴⁴. Auch SEETZEN, ein junger Forscher, bricht mit herzoglicher Unterstützung zu seiner wissenschaftlichen Exkursion in den Orient auf⁴⁵. Nicht zu vergessen das pädagogische Projekt, das SALZMANN bei Schnepfenthal mit dem »Philanthropin« dank Gothaischer Förderung unternimmt. Und als modernstes Observatorium wird 1787 die Gothaer Sternwarte gegründet: dorthin ruft ihr Direktor, FRANZ XAVER VON ZACH⁴⁶,

    Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha

    Prinz Friedrich von Sachsen-Gotha

    Erbprinz August von Sachsen-Gotha

    den ersten europäischen Astronomen-Kongress ein⁴⁷. ERNST II. beschäftigt sich selber mit Astronomie, Physik, antiker Literatur und mit Malerei. So lässt er eine Reform der Gesetzgebung für seine Länder ausarbeiten. Inkognito war Ernst von Sachsen-Gotha als junger Gast der Philosophen in den Salons von Pariser ein- und ausgegangen, ein Freund der Enzyklopädisten und ihres Hauptes, Diderot. Dessen Freund und Mitstreiter, der berühmte BARON GRIMM, entwickelt extra für den Hof auf dem Friedenstein die CORRESPONDANCE LITTÉRAIRE, dehnt sie dann exklusiv für ausgewählte Regenten über ganz Europa aus.

    Seinen eigentlichen Beruf fand Grimm erst, als ihn der Herzog von Sachsen-Gotha in seinen Dienst nahm. Die geistreiche Herzogin Louise Dorothea, die allem, was Philosophie und schöne Wissenschaften hieß, ein lebhaftes Interesse und viel Verständnis entgegenbrachte, hatte sich seit dem Jahre 1747 von dem Abbé Rayai regelmäßige Berichte über alles erstatten, lassen, was in Paris vorging, was es Neues gab, was man sagte, und was man verschwieg. Diese Korrespondenz wurde 1754 Grimm übertragen, der sie 20 Jahre lang hindurchfortführte. (...)

    Diese Korrespondenz ist für uns heute die wichtigste Quelle zur Kenntnis des französischen geistigen Lebens der ganzen Epoche geworden, und in ihr hat dieser Deutsche in Paris die Grundlagen der modernen literarischen Kritik geschaffen⁴³.

    Grimm fungiert als Gesandter der Gothaischen Regierung in Paris. Später folgt er, vor den Wirren der Revolutionszeit fliehend, der Einladung ERNST II. nach Thüringen, erhält bei Gotha sein Domizil (»Palais Belvedere«) und stirbt dort 1806, erblindet, mit 84 Jahren⁴⁹.

    BARON GRIMM:

    Jeder, der eine Laterne oder Leuchte trägt, ist gezwungen, sein Lichtchen unter dem Mantel zu verbergen, aus Furcht, von den Blinden totgeschlagen zu werden, die ihren Stock erheben, sobald sie hören, um sie her sei Licht.

    NAPOLEON

    Es überrascht also wenig, in dieser der Aufklärung zugewandten Tradition mit August einen leidenschaftlichen Verehrer NAPOLEONS heranwachsen zu sehen. Sie begegneten sich. AUGUST verbündet sich mit ihm, sicher seiner Größe; er, dem alles Militärische verhasst ist, muss folglich die napoleonischen Feldzüge unterstützen⁵⁰. Allerdings erleiden die Gothaer im Bataillon des Rheinbund-Regiments »Herzöge zu Sachsen« schwerste Verluste 1807, 1809, 1811, 1812 und 1813. – Doch wie sein Onkel sieht AUGUST in NAPOLEON den revolutionären Elan der Befreiung von alten Mächten (vom Feudalismus, vom Aberglauben usw.).

    AUGUST:

    Ich wette, er behandle mich wie er will, ich bleibe ewig treu diesem Unnennbaren (...) den ich verehren würde, ginge auch sein Siegesweg über meine Trümmer (...)

    (...) weil ich gewiß bin, daß nur die Notwendigkeit den Großen zwingt, die Welt zu zerstören, wie die Allmacht Tod und Zerrüttung braucht, um aus ihrem Staube und Moder eine bessere, vollkommenere Welt zu schaffen.⁵¹

    Aufschlussreich ist, wie NAPOLEON auf den Herzog von Gotha aufmerksam wurde. Der nämlich führte eine umfangreiche Korrespondenz mit einem Pariser Friseur – über Perücken und Ähnliches, die Mode betreffend. Sie tauschten sich aber auch über andere Dinge aus, die in Paris en vogue waren. So musste August auf sein Thema kommen – NAPOLEON. Einmal erörterte er seine Sicht auf eine aktuelle politische Frage und wie er sie an Stelle des Konsuls entscheiden würde. Irgendwie kam just dieser Brief NAPOLEON in die Hände. Und siehe! Sie stimmten überein⁵².

    »Napoléon-Zimmer« auf dem Schloss Friedenstein

    Auf dem Gothaer Friedenstein lässt August ein Gemach, dessen Originalität noch heute verblüfft, nach eigenen Ideen angeblich für den Kaiser ausbauen⁵³. An der Decke – als die zwei Pole eines Sternenhimmels – die Halbprofile NAPOLEONS und AUGUSTS: einander gegenüber prangend: Napoleon als Sol (Sonne, maskulin) – und August als Luna (Mond, feminin), die, wie er dem verwunderten Kaiser erklärt, vor dessen aufgehendem Gestirn abnehme –

    August als »Luna«

    ... den ich verehren würde, ginge auch sein Siegesweg über meine Trümmer ...

    Vom ersten Moment an⁵⁴ imponierte NAPOLEON, dem genialen Menschenkenner, das unerschrockene Auftreten des »kleinen Herzogs von Gotha«. Befragt, antwortete er, dieser habe als einziger der deutschen Fürsten nie etwas von ihm für sich erbeten. – Wenn das nicht eines Mannes würdig ist!

    Bei dem festlichen Empfang in Gotha wollte der Herzog dem Kaiser seine Leibgarde vorführen und ließ sie nach dem Essen vor der Tafel entlang marschieren (zur einen Tür herein, zur anderen wieder heraus, die Treppe herab, die andere Treppe wieder herauf und so in einem fort). Als es Napoleon allmählich langweilig wurde, fragte er den Herzog, wie groß denn seine Leibgarde sei, worauf dieser antwortete: »Sire, so groß, als Ew. Majestät befehlen.« – Da erkannte Napoleon den Scherz und mußte sehr lachen.⁵⁵

    Erst nach der Völkerschlacht bei Leipzig, als AUGUST seinem Idol zum letzten Mal begegnet war, wird der Herzog von Gotha genötigt, wie er selbst klagt, gezwungenermaßen, dem gegen Napoleon gerichteten Fürstenbund beizutreten. Ansonsten bleibt er ihm weiterhin treu und ändert nie seinen Sinn. – Als er vom Tod des Korsen erfährt, dichtet AUGUST eine lange Trauer-Ode.

    MADAME DE STAËL mahnte ironisch den noch jungen Herzog, dass es schwer sei, als ein »aufgeklärter Fürst« zu HERRschen. An diese Mahnung (wenngleich dies die Französin gewiss nicht meinte) denkt man, als er 1804 nach seiner Thronbesteigung als ersten Regierungs-Akt, ohne den hierin revolutionierenden Maßgaben seines korsischen Helden folgen zu können, den letzten Gesetzeskomplex der langwierig erarbeiteten Rechts-Reform seines Vaters ERNST zu verabschieden hatte⁵⁶: denn ganz anders als unter dem Recht des CODE NAPOLÉON, das alle derartigen Vorkommnisse völlig von Verfolgung befreite und aus dem Text tilgte, hätte das mann-männliche Liebespaar des arkadischen Romans nach der nun geltenden juristischen Praxis des real existierenden Gothaer Staates ein Urteil zu gewärtigen gehabt, das ihnen, signiert vom Herzog, schwere mehrjährige Zuchthausstrafen und zum »Willkommen«, wie es in der zynischen Sprache des Rechts damals hieß, eine veritable »Begrüßungs«-Prügel verhangen hätte⁵⁷: Immerhin nicht mehr nach dem bis dato geltenden Karolinischen Recht des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – den Tod durchs Schwert⁵⁸.

    Bellerophon mit dem Pegasus

    Von Hoff:

    Er war daher auch kein militärischer Fürst, und besonders weit entfernt, durch Spielerey mit einem unbedeutenden Kriegsstaate Seine Unterthanen Zu belästigen. Ohne Schonung traf zuweilen Sein Urtheil das, womit hie und da in diesem Punkte die Grenzen überschritten wurden⁵⁹.

    VERDRÄNGUNG

    Der Herzog von Gotha, ein glühender und treuer Verehrer NAPOLEONS, der dennoch und vielmehr ganz bewusst die »Männerey« Kritisierende, und, daraus folgend, pazifistisch in seiner soldatischen Zeit ein Feminist, der alles Weibliche so sehr dagegen setzt und hoch hält, dass er sich demonstrativ sogar in Damengarderoben zeigte und es ihm gefällt, die Aristokratie am Hof des Sonnenkönigs nachzuahmen⁶⁰, aus purer Lust, seine Umwelt, in ihrer zunehmend kategorischen Normalisierung, herauszufordern. Er lässt sich Nachbildungen der Allongeperücken LUDWIGS XIV. aus Paris kommen⁶¹.

    Bereits AUGUSTS Begriff von »Männerey« verweist grundsätzlich auf etwas nicht besonders nur allein ihm »Aufgezwängtes«, »Angeklebtes«. Dieser Mann hatte, verletzt, gekränkt inmitten seiner militärischen Epoche, das Masken- und Fassadenhafte, das Affektierte, das Aufgesetzte männlichen Gebarens, den Zwang durchschaut, dem das Seelische und Zarte geopfert wird. Er sieht »die Tyrannen der Welt« als ihre eigenen Opfer. »Denn alle Seelen sind weiblich.« Davon ist er fasziniert. So spricht er nirgends von Natur oder Schicksal: fragwürdig und zuwider ist ihm das mordende Soldatentum, der kalte berechnende Blick⁶².

    HENNINGS:

    Selbst dem Reiten konnte er so wenig Geschmack abgewinnen, dass er nur einmal als regierender Fürst zu Pferde gesessen haben soll, und zwar in seidenen Strümpfen, Schuhen und entblöstem Haupte. Eine Uniform trug er nie und war überhaupt so wenig Freund des Soldatenwesens, dass er alle kriegerischen Übungen für Spielerei hielt und selbst sein eignes Militair nicht selten zur Zielscheibe seines Witzes machte. Unter den Truppen, die er im J. 1807 als Contingent zu dem französischen Heere stellen musste, desertirte ein grosser Theil, zu nicht geringem Missfallen Napoleons, der sich vornahm, bei erster Gelegenheit den Herzog darüber zur Rede zu stellen. Wirklich überhäufte er ihn, als er sich bei seiner Rückkehr von Tilsit im Voraus bei ihm zur Tafel gebeten hatte, mit heftigen Vorwürfen über seine Soldaten. »Sire!« entgegnete der Herzog mit vieler Ruhe: »darüber ereifern und beschweren Sie sich? Mich wundert das nicht. Meine Soldaten haben einen spottschlechten General«, erstaunt blickte Napoleon auf, – »und der bin ich selbst«, setzte Herzog August hinzu. Napoleon lachte herzlich darüber und sein Zorn war verschwunden.⁶³

    Der Herzog von Sachsen-Gotha-und-Altenburg, dieses doch einigermaßen unkonventionelle Staatsoberhaupt, steht in der deutschen Geschichte inmitten einer signifikanten Phase nationaler Findung und Definitionen: allerdings quer dazu. Angewidert höhnt er über die politische Festwiesenstimmung der germanomanischen Biedermänner und Burschenschaftler⁶⁴. Wie GOETHE oder Heinrich HEINE auch sah August in ihnen keineswegs eine wünschenswerte Zukunft, sondern, im Gegenteil, in ihrem Feind, BONAPARTE. Nach der Wende blieb er seinem Ideal und damit sich treu. Folglich verweigerte er strikt die Erlaubnis für das Treffen der Burschenschaftler 1817. Sein Vetter Carl August gestattete es und somit fand dieses Fest bekanntlich auf der Wartburg statt, Hoheitsgebiet Sachsen-Weimar-Eisenachs⁶⁵.

    Für Eigenwilligkeiten wie die AUGUSTS hatte das gärende junge Deutschland längst kein Verständnis mehr. – Der in Gotha niemals vergessene ARNOLDI gründete 1817 und 1819 die ersten Versicherungsbanken Deutschlands⁶⁶; ihm musste so ein Herzog suspekt bleiben. Friedrich Perthes hingegen fand ihn vor »Geistesreichtum fast verrückt«⁶⁷.

    Sein Besitz, seine Reichtümer lockten begehrliche Nachbarn, die über einen Plan verfügten, den sie beharrlich verfolgen, wie deren Herr am besten aus dem Weg zu räumen wäre, um sie zu erlangen.

    Ein fürstlicher Regent, nach 1815 allen politischen Kreisen entschwindend, der in seiner letzten Lebensphase bis mittags schläft, Privat-Audienzen vom Bett aus gewährt, seine Privatschatulle durch Käufe, fern der Realität, überzieht, von Dingen, die er nur wegen ihres ästhetischen, symbolischen, wissenschaftlichen, sentimentalen oder luxuriösen Reizes um sich herum (und gegen die Welt) aufreiht, aufhäuft zum Schutzwall, zur Kompensation, fast ein poetisches Substitut – eine Zauberinsel⁶⁸. Die Sprache dieser Dinge und solch seltsamen Verhaltens wird nicht verstanden, sie verstört.

    WÜSTEMANN:

    Nur Wenige haben wohl den Herzog ganz richtig beurtheilt. gewisse Äußerungen seiner Individualität: sein Witz, seine Sprachfertigkeit, seine Freigebigkeit, seine Kunstliebe sind allgemein bekannt, theilweise zu benutzen versucht worden. Doch waren gerade dieß Parthieen, welche sich nur dem flüchtigen Beschauer darboten, oft im falschen Licht erscheinend, oft absichtlich nicht im rechten Licht gesehen, zuweilen durch trübe Wolken verdunkelt.

    Dieses Herzogs Isolation war unausweichlich. Nein, wirklich, man brauchte so einen nicht. Als stolzer Napoleonide fremd zwischen den Fürsten Deutschlands, war er bürgerlichen Kräften nicht minder verpönt, die doch von antifranzösischer »Freiheit« sangen. Der junge männlichkeitsprotzende Nationalismus, seine Krieger und die prüden Gelehrten verziehen dem Gothaer jene »unpatriotischen« Neigungen nie und nur zu bequem konnten sie »wieder einmal Frankophilie und Weibischkeit zusammenrechnen« (DERKS), um die Karikatur des unmännlichen (das heißt schon damals: un-deutschen) »Fürstensonderlings« zu präsentieren. Ein Billigklischee, so wohlfeil, dass es bis 1985 unbefragt blieb⁶⁹.

    In den geistigen Gaskammern deutscher Gelehrsamkeit⁷⁰ sollte diese ungemütliche Gestalt solch einer gar nicht ins großgermanische Konzept passenden Gegenposition von einem deutschen Landesvater und Friedensfürsten als Erinnerung verlöschen. – Und später dann ganz real so viele Tausende, Abertausende als »unmännlich« und damit als »undeutsch« denunzierte Körper, später, unter den Maßgaben isolierender »Wissenschaftskategorien« von »Rassen«⁷¹, von »Entartung« und »Unnatur«, Körper Teil für Teil vermessend – schließlich selektiert und markiert, auch mit dem rosa Winkel⁷². Auch in Weimar, dort, wo nicht nur GOETHES Eiche fiel, aus deren Resten der Schriftsteller und Häftling BRUNO APITZ 1944 Das letzte Gesicht schnitzte, das eines sterbenden Mithäftlings, im KZ Buchenwald, Gesicht der Menschheit⁷³.

    WEIMAR

    Zur Geschichte der einzigartigen Situation Weimarer Klassik, eines illustren Musenhofes von Weltbedeutung, gehört, wie immer in solchen Phasen, ein Reichtum des Umfelds, der, vom Heute gesehen, aus dem Blick gerät, ohne den diese Hoch-Zeit der Kultur, die »Kunstperiode«, jedoch unverständlich bleibt. – Weimar war bis um 1800 durchaus die weniger reizvolle Residenzstadt, die im Schatten des damals bedeutenderen, größeren und schöneren Gotha stand⁷⁴. So wirkte zwischen beiden Häusern unterschwellig eine Art nachbarschaftlicher Rivalität, besonders in Zeiten von ERNST II. und CARL AUGUST.

    RIESBECK:

    Gotha ist viel größer, reicher und schöner als Weimar. Man schätzt die Anzahl der Einwohner auf 10000 Menschen, die einige beträchtliche Manufakturen treiben. Der Hof ist so populär und artig gegen Fremde als der zu Weimar. Die Untertanen beider Herzoge befinden sich sehr wohl. Die Abgaben sind mäßig und reguliert. Die Verwaltung der Gerechtigkeit und Polizei ist vortrefflich. Beide Herren haben die Schwachheit anderer Fürsten Deutschlands nicht, den größten Teil ihrer Revenuen an ein oder zwei Regimenter Soldaten zu wenden und die gesamte junge Mannschaft ihrer Lande anstatt pflügen exerzieren zu lassen. Ihre Länder sind sehr fruchtbar und außerordentlich stark bewohnt⁷⁵.

    Nachdem WIELAND nicht, wie zunächst geplant, nach Gotha, sondern, von HERDER gelockt, nach Weimar übersiedelte, zog er, als damaliger Dichterfürst, Köpfe der geistigen Avantgarde in den Zauberkreis seiner Herzogin ANNA AMALIA. Aber ausschlaggebend wurde schließlich des Erbprinzen enge Freundschaft mit dem gleichaltrigen GOETHE⁷⁶.

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