Der Besuch der Königin: Ein historischer Köln-Krimi
Von Jo Thun
()
Über dieses E-Book
Jo Thun
Jo Thun lebt in Berlin und hat bereits zwei e-books veröffentlicht: Der Besuch der Königin (ein Mittelalterkrimi) und Club Suizid (im ersten Band begibt sich Mattes auf eine Reise in die Karibik und lernt Isabelle und Rana kennen).
Mehr von Jo Thun lesen
Club Suizid: Ein lustiger Roman über ein weniger lustiges Thema Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenClub Infantil: Aus dem Alltag einer Regenbogenfamilie Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnlich wie Der Besuch der Königin
Ähnliche E-Books
Das Vermächtnis der Pilgerin von Passau: Historischer Kriminalroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Papst hinter Gittern: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie wunderbaren Abenteuer des Ritters Hugo von Burdigal Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Erbe derer von Thurn und Taxis: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Hexentochter und die Fränkische Krone: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie schwarze Dorothea: Historischer Krimi Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Friedrich-Lied - 2. Buch: Historischer Initiations-Roman aus dem 13. Jahrhundert Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTobias: Geschichten aus dem Altertum, Band III Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUnsühnbar Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Kaiserin Theophano: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGenoveva, die treue Ehefrau: Oma, erzähl doch mal! Ein ergreifender historischer Liebesroman. Vollständig spr Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBaphomets Jünger: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVerschwörung gegen Baron Wildenstein: Tatort Mittelalter 1: Tatort Mittelalter, #1 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHöxter und Corvey Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Friedrich-Lied: Historischer Initiations-Roman - 2. Buch Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKaiserin Mathilde, Herrin der Engländer: "Legendäre Frauen der Weltgeschichte"-Studienausgaben, #7 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMarienglut: Historischer Mühlhausen-Roman Band 2 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKönigin Luise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUm die Wartburg Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenJohanna Königin ohne Thron: Romanbiografie Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Jude (Historischer Roman): Frankfurt im 15. Jahrhundert: Ein jüdischer Arzt zwischen Liebe, Intrigen und Machtkämpfen im religiös-sozialen Spannungsfeld Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKäthchen von Heilbronn / Das Käthchen von Heilbronn: Romantische Erzählung / Romantische Erzählung, Teil 6 (Kapitel 126-150) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKäthchen von Heilbronn / Das Käthchen von Heilbronn: Romantische Erzählung / Romantische Erzählung, Teil 4 (Kapitel 76-100) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Feuermagd von Dillenburg Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Hochwald: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Diakon: Limburg-Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenOtto der Schütz: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLeon und der falsche Abt - Band 1 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Schwestern Drei Novellen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie verwandelte Zeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Historienromane für Sie
Little Women – Kleine Frauen: Illustrierte Fassung Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Brief an den Vater Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPlaton - Gesammelte Werke Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Zeitmaschine: - Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDu deutsch? Raus!: Roman über die Vertreibung der Deutschen zwischen Oder und Neiße Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Les Misérables / Die Elenden: Alle 5 Bände (Klassiker der Weltliteratur: Die beliebteste Liebesgeschichte und ein fesselnder politisch-ethischer Roman) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHeirat um Mitternacht: Ein Liebesroman aus dem 18. Jahrhundert Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenQ Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Jakobsbücher Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Die Nibelungen: Glanzzeit und Untergang eines mächtigen Volkes Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWachs Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStopfkuchen: Eine See- und Mordgeschichte: Krimi-Klassiker Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin Kind unserer Zeit Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Der kleine Lord: Der beliebte Kinderbuch-Klassiker Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Ungeduld des Herzens. Roman: Der einzige beendete Roman des Autors Stefan Zweig Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Prozeß Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Die versteckte Apotheke: Roman | Der New York Times Top Ten Bestseller über Gift, Rache und einen geheimen Frauenbund Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWolf unter Wölfen (Band 1&2) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Kosaken: Erzählung aus dem Kaukasus Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKleider machen Leute Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Die Armee der Schlafwandler Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUmwege der Liebe Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Mein wildes, mutiges Herz Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Nürnberg: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie widerspenstige Braut: Roman. Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Uromas Grundkochbuch Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Der stumme Prophet: Historischer Roman Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Novalis - Gesammelte Werke Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie vierzig Tage des Musa Dagh (Historischer Roman): Eindrucksvolles Epos über die Vernichtung eines Volkes - Der Völkermord an den Armeniern Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Verwandte Kategorien
Rezensionen für Der Besuch der Königin
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Der Besuch der Königin - Jo Thun
Geschichtlicher Hintergrund
Wir schreiben das Jahr 1194. Köln, die größte Stadt Deutschlands während des Mittelalters, bereitet sich auf den Besuch der englischen Königin Eleonore vor. Die trotz ihres hohen Alters noch sehr agile und weise Herrscherin ist mit vielen Gefolgsleuten und Truhen voller Gold und Silber unterwegs nach Mainz, wo sie ihren Sohn Richard Löwenherz aus der Gefangenschaft, in die er am Ende des Dritten Kreuzzuges geraten ist, auslösen will. Zudem wird sie von 200 Adligen ihres Reiches, die sich als Geiseln für den deutschen Kaiser zur Verfügung gestellt haben, begleitet.
Eleonore von Aquitanien war eine der einflussreichsten Personen des Mittelalters. In erster Ehe war sie mit dem französischen König Ludwig verheiratet und bereiste an seiner Seite nicht nur ganz Europa, sondern kam als Kreuzfahrerin sogar bis nach Jerusalem. Obwohl sie bei der Heirat mit Ludwig noch keine 15 Jahre alt war, wurde ihren Zeitgenossen sehr schnell klar, dass sie aktiv am politischen Geschehen teilhaben wollte und sich, wenn es ihr Gewissen verlangte, auch gegen den eigenen Gatten stellen würde. Nachdem sie zwei Töchter, aber keinen Sohn geboren hatte, wurde die Ehe annuliert und Eleonore war nun frei, den englischen König Heinrich zu heiraten. Doch auch er konnte sie nicht gefügig machen. Als sie sich auf die Seite der gegen den Vater intrigierenden Söhne schlug, ließ er sie kurzerhand gefangen nehmen – 15 Jahre lang durfte sie sich nicht frei bewegen. Erst als Heinrich 1189 starb und der gemeinsame Sohn Richard, genannt Löwenherz, als König gekrönt wurde, erlangte sie ihre Freiheit zurück. Doch Richard hielt es nicht lange in England, es zog ihn in den Krieg. Leider wurde der dritte Kreuzzug nicht der durchschlagende Erfolg, den sich die Kreuzritter erhofft hatten. Zudem wurde Richard auf der Rückfahrt vom österreichischen Herzog Leopold gefangengenommen und dem deutschen Kaiser Heinrich überstellt. Der wollte ihn nur gegen Zahlung eines horrenden Lösegeldes, für das Eleonore alle Wertgegenstände des Landes pfänden ließ, freilassen.
Eleonores Aufenthalt in Köln dauerte mehrere Tage. In dieser Zeit spielt unsere Erzählung. Die Hauptpersonen des Romans sind frei erfunden, sind allerdings nach authentischen Kölner Bürgern des 12. Jahrhunderts benannt. Neben Königin Eleonore treten noch weitere historisch verbürgte Personen auf, so etwa Kölns Erzbischof Adolf, sowie die Dichter Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide. Letztere waren Ministeriale und gehörten vermutlich beide dem Ritterstand an, verdingten sich aber als Spieler und Sänger an verschiedenen Fürstenhöfen. Von Wolfram von Eschenbach weiß man, dass er ab 1195 im Lande herumreiste, allerdings ist über sein Leben in den Jahren davor kaum etwas bekannt. Dass er sich im Jahre 1194 mit Walther von der Vogelweide in Köln aufhielt, ist nicht gänzlich undenkbar. Unbestritten ist, dass beide Dichter von französischen Troubadouren beeinflusst wurden, und welch bessere Gelegenheit dazu, als Anfang 1194, als Eleonore in Begleitung von Dutzenden von Sängern und Dichtern durch Deutschland reiste.
Auch Ensfrid von St. Andreas ist eine historisch verbürgte Figur aus dem späten 12. Jahrhundert. Die zwei kleinen Anekdoten, die von ihm erzählt werden, wurden von Caesarius von Heisterbach überliefert.
Köln war im Mittelalter ein wichtiges Handelszentrum und die größte Stadt nördlich der Alpen. Gleichzeitig war Köln berühmt für seine vielen Kirchen, sowie seine Heiligen und Einsiedler. Nur wenige der über hundert Kirchen am Ende des 12. Jahrhunderts stehen heute noch: darunter St. Maria, St. Georg, St. Gereon, Groß St. Martin, St. Aposteln, St. Cäcilien, St. Pantaleon, St. Maria Lyskirchen. Der alte Dom, der Kölns berühmteste Reliquien, die Gebeine der Heiligen Drei Könige, beherbergte, wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert abgerissen. 1246 wurde dort mit dem Bau des heutigen Doms begonnen. Sehr viel länger stand der 1164 erbaute, imposante Bischofspalast mit weitläufigem Hof und Garten und Hof, doch im 17. Jahrhundert wurde auch er abgetragen. Heute fahren dort, zwischen Dom und Museum, die Jugendlichen Skateboard und Rollerblades.
Münzen und Währungen gab es damals so viele wie Fürstentümer und Königreiche. Aber nirgends wurden mehr Münzen geprägt als in Köln: bis zu zwei Millionen Pfennige pro Jahr! Die Kölner Silbermark war in ganz Europa angesehen und geschätzt. Kaiser Heinrich hatte das Lösegeld für Richard Löwenherz auf 150,000 Kölner Mark festgesetzt, das war für damalige Verhältnisse eine ungeheure Summe. Für 50 Mark konnte man sich ein Haus bauen. Eine Mark bestand aus 12 Schillingen, und der wiederum aus 12 Pfennigen.
Die ersten Zünfte formierten sich im frühen 12. Jahrhundert, sie hießen allerdings zunächst Ämter oder Brüderschaften, später auch Gaffeln. Der Einfachheit halber verwende ich dennoch meist das Wort Zunft.
Coellen, Donnerstag, 6. Januar 1194
1.
„Markus!"
Johanna stöhnte und verlegte ihr Gewicht auf den rechten Ellenbogen. Mit der linken Hand abgestützt, richtete sie sich vorsichtig auf und zählte langsam, dabei tief durchatmend, bis zehn. Endlich ließ der Schmerz nach. Es war bitterkalt im Zimmer und fast völlig dunkel.
„Barbara! Bruno!"
Niemand im Haus rührte sich - dafür drang von draußen um so mehr Lärm herein: Leute liefen durch die Straßen, riefen und lachten, Holzschuhe klapperten, Hunde bellten, Kirchenglocken läuteten und ganz in der Nähe quietschte ein Tor. Johanna schloss die Augen, schob behutsam ihre Beine aus dem Bett und fasste nach dem Bettpfosten. Mit einem kräftigen Ruck zog sie sich empor, atmete noch einmal tief ein und hievte ihren Körper in die Höhe. Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang zur Tür. Im Haus war alles dunkel und still.
„Vater! Kaspar!"
Aber es war ja sinnlos. Vater hörte nichts und würde noch nicht einmal aufschrecken, wenn die Glocken der nahen St. Columbakirche in seiner Kammer zu läuten begönnen. Und Kaspar war bestimmt heute Morgen der erste gewesen, der aus dem Haus gerannt war, um sich vor dem Palast des Bischofs einen guten Platz zu sichern. Ganz Coellen war heute unterwegs - und das nicht nur, weil heute Epiphanias, der Tag der Heiligen Drei Könige war. Nein, die Königin von England war in der Stadt! Eleonore von Aquitanien, vor langer Zeit Frau des französischen Königs Ludwig, später Frau des englischen Königs Heinrich, und nun Mutter des selbst in Deutschland berühmten und beliebten Königs Richard, genannt Löwenherz! Sie war mit einem riesigen Gefolge unterwegs, um ihren Sohn aus deutscher Gefangenschaft auszulösen.
Alle Gasthäuser und jedes Kloster innerhalb und außerhalb der neuen, noch im Bau befindlichen Stadtmauer waren bis zur letzten Schlafstelle belegt. Die Ställe standen voller prächtiger, feurig schnaufender Pferde und strammer Esel, der Heumarkt war zu einem Zeltlager geworden, und aus jedem Haus flatterten Wimpel und bunte Tücher. Würdenträger und Edelleute aus dem ganzen Reich hatten sich versammelt, um Königin Eleonore einen würdigen Empfang zu bereiten und an der Messe, die heute Morgen zelebriert werden sollte, teilzunehmen.
Johanna machte drei große Schritte zum Bett zurück und ließ sich stöhnend auf die Matratze fallen. Schon setzte die nächste Wehe ein und Johanna schrie ihren Schmerz ins Kissen, bis – endlich – der Krampf nachließ. Doch die Erleichterung währte nicht lange, denn schon kam der nächste Schreck: Ein Schwall warmer Flüssigkeit lief an ihren Schenkeln herunter. Beschämt wischte sie einen Tropfen der Flüssigkeit mit dem Finger ab. Blut war es nicht. Hatte sie etwa die Kontrolle über ihre Blase verloren? Johanna wünschte, sie hätte in den letzten Jahren Gelegenheit gehabt, bei einer Geburt dabei zu sein. Jetzt, ganz alleine, kam sie sich völlig hilflos und unwissend vor. Wenn nur jemand im Haus wäre! Panik überkam sie, während das nasse Laken unter ihr langsam eiskalt wurde. Sie brauchte Hilfe, das war ganz klar. Mühsam richtete sie sich auf, schleppte sich ans Fenster und stieß die Fensterläden auf. Die Brückenstraße lag in der ehemaligen Römerstadt, die nicht ganz so belebt und laut war wie das nahe Viertel um den Alten Markt herum. Aber die Fußgänger hatten es heute besonders eilig und niemand schaute zu ihr herauf.
„Seid gegrüßt, Frau Meisterin. Was ist Euch? Juhu, Frau Johanna, hier bin ich."
Die alte Witwe Brahmer lehnte - wie jeden Morgen - aus dem gegenüberliegenden Fenster, um sich am pulsierenden Leben der großen Stadt zu ergötzen. Zum ersten Mal war Johanna froh über die unerschütterliche Neugierde der Alten.
Sie hob eine Hand zum Gruß. „Frau Nachbarin, wie gut, dass ich Euch sehe. Ich bitte Euch, seid so gut und schickt Euren Karl nach einer Hebamme für mich."
Die Witwe Braher, die leider von Tag zu Tag schlechter hörte, legte ihre Hand hinters Ohr: „Was sagt Ihr? Ihr braucht einen Hammer?"
„Nein, nein! Johanna schüttelte verzweifelt den Kopf. „Eine Hebamme! Das Kind kommt und ich bin ganz alleine!
schrie Johanna.
„Was, der Wind kommt? Ja, ja, wenn nur der Winter endlich enden wollte! Aber wir wollen uns nicht beschweren. So kalt wird es ja Gott sei gelobt nicht mehr, fünf Jahre schon, ohne dass der Rhein einmal zugefroren ist! Aber ich sag’s dem Karl nachher, dass er Euren Fensterladen richten soll. Wo ist denn der Meister Markus?"
Johanna schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß nicht", antwortete sie und zischte der vermaledeiten Alten leise eine Verwünschung über die Straße.
„Ihr braucht Hilfe?" erklang plötzlich eine Stimme dicht unter Johannas Fenster. Eine fremde Frau hatte das misslungene Gespräch mit angehört. Sie hatte ein kleines Bündel um den Rücken geschlungen und die löcherigen, aus Schweinsleder gefertigten Schuhe mit Lappen ausgestopft. Mit beiden Händen hielt sie ihren alten Fellmantel zusammen. Während Johanna noch überlegte, was die fremde Frau für sie tun könnte, öffnete diese erneut ihren Mund. Johanna sah, dass einer ihrer oberen Schneidezähne halb abgeschlagen war.
„Ich hörte Euer Rufen." Dem Tonfall nach war die Fremde nicht von hier, wahrscheinlich eine Bäuerin vom Lande. Im Moment aber war sie die einzige mögliche Hilfe, die weit und breit zu sehen war.
„Gute Frau, ich bekomme ein Kind und niemand ist im Hause. Kennt Ihr die Hebamme, die im grünen Haus im Steinweg wohnt?"
Die Fremde schüttelte den Kopf. „Nein, aber wenn Ihr eine Hebamme sucht, bin ich Eure Frau. Zwei Dutzend Kinder habe ich in meinem Dorf in die Welt gezogen. Wenn Ihr mich wollt, stehe ich Euch bei."
„Ja, ja! So hat Euch der liebe Gott geschickt. Kommt schnell, dort durch das Tor. Kommt nur, kommt!" Welch wunderbare Fügung, und gerade zur rechten Zeit, denn die nächste Wehe setzte gerade ein.
Fünf Stunden später legte Mathilde, so hieß die fremde Frau, Johanna ein Baby in den Arm.
„Ein Mädchen", lächelte sie.
„Oje, da wird Meister Markus aber enttäuscht sein," stöhnte die Magd Barbara, die inzwischen wieder nach Hause gekehrt war. Sie hatte äußerst misstrauisch auf die fremde Mathilde reagiert und war noch immer beleidigt darüber, dass Johanna ihr verboten hatte, eine der stadtbekannten Hebammen zu holen.
„Er hat doch so auf einen Sohn gehofft. Wo er doch nur den einen hat, na ja, und drei Töchter. Ja, wenn nur damals der Siegurt nicht gestorben wäre, das war ein Kerl, bei meiner Treu. Der wäre ja heute schon ein Mann, und die gnädige Frau, Gott hab‘ sie selig, hat so um ihn geweint. Und der Herr........"
„Barbara, unterbrach Mathilde, „seid so gut und bringt Eurer Herrin etwas Wein. Sie braucht Flüssigkeit und Stärkung.
Barbara hielt gekränkt inne, konnte sich aber der Bitte nicht verschließen und machte sich mürrisch auf den Weg.
„Und bringt mir auch einen Becher, bitte! rief Mathilde ihr noch hinterher. „Und etwas Brot!
Johanna war dankbar, dass Barbara fort war. Da lag nun dieses Wesen, das sie so lange in ihrem Bauch getragen hatte und wimmerte leise. „Ob sie wohl Hunger hat?" fragte Johanna und legte das Kind unbeholfen an ihre Brust. Die Kleine öffnete den Mund, fand, was sie suchte und sog einige Male, doch die Anstrengung war umsonst: Es kam nichts und das Kind begann empört zu schreien.
Johanna erschrak. Barbara hatte doch recht - es musste eine Amme her!
Aber da beugte sich Mathilde über das Kind und bot ihm ihren kleinen Finger an. Sobald die Kleine zu saugen begann, schob Mathilde die Lippen auseinander, so dass der Mund des Säuglings einen schönen, runden Kreis bildete. Und schwups stupste sie den winzigen Kopf über Johannas Brust. Die Kleine schloss die Lippen und begann zu trinken. Das erste Mahl ihres Lebens! Die Fäustchen geballt schien das Kind mit den Augen das Gesicht der Mutter zu suchen.
Johanna atmete auf, einen Moment lang hatte sie befürchtet, keine Milch zu haben. Aber solange Mathilde dabei war, würde alles gut werden. Die fremde Frau war so ruhig und sicher! Johanna hatte während der Geburt das Gefühl gehabt, ihr vollkommen vertrauen und getrost die Verantwortung für ihr Schicksal übergeben zu können.
„Wie soll sie denn heißen?" fragte Mathilde.
Johanna zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Markus hat doch einen Sohn erwartet. Er wollte ihn Christoph nennen."
„So, Ihr überlasst die Namenswahl Eurem Mann!"
Johanna sah erstaunt auf. War das ein Vorwurf oder gar Spott in Mathildes Stimme? In einem Moment war ihr Wohlgefühl von vorhin verschwunden und Johanna fühlte sich verlassen und unsicher. Mathilde allerdings schien nichts von Johannas Zweifeln bemerkt zu haben. Sie war schon wieder aufgestanden und beschäftigt, die blutigen Tücher vom Boden aufzusammeln und die Nachgeburt sorgfältig einzuwickeln.
War es denn nicht Sache des Mannes, die Namen der Kinder auszuwählen? Johanna war sich nicht sicher, sie war mit 19 Jahren zwar schon eine reife Frau, aber erst seit 10 Monaten verheiratet. Zu Hause hatte der Vater, bis zum Tage des Schiffsunglückes, das ihm das Gehör genommen hatte, alle Entscheidungen getroffen. Auch hatte er, zum Missfallen der Verwandten und Freunde, keine neue Frau genommen, als Johannas Mutter zwei Tage nach einer Totgeburt selbst gestorben war. Damals war Johanna neun Jahre alt gewesen.
Kurze Zeit später kam Barbara mit den Erfrischungen zurück. Sie setzte das Tablett auf der großen Truhe ab und trat an Johannas Bett. Doch was sie sah, bestürzte sie: „Nein, das Kind ist ja noch ganz nackt! Es muss sofort stramm gewickelt werden! Bitte, gebt mir das Kind, das mache ich jetzt."
Beschwichtigend legte Mathilde ihre Hand auf Barbaras Arm. „Barbara, lasst die Kleine doch erst trinken. Aber Ihr habt ganz recht, es ist zu kalt für sie. Hier nehmt diese Decke, und ich bringe in der Zwischenzeit die schmutzigen Tücher nach unten."
Barbara rührte sich nicht. Erst jetzt sah Johanna, dass sie etwas in ihrer rechten Hand umklammert hielt. Und ehe Mathilde fragen konnte, was Barbara vorhatte, drückte diese auch schon dem Kind eine große, glänzende Münze auf die Stirn.
Jawohl, jetzt wird alles gut! Die Kleine wird reich werden und niemals die Not kennen lernen!
rief Barbara stolz über das Gebrüll der Kleinen hinweg.
Mathilde war mit den Tüchern in der Hand stehen geblieben und hatte Barbara genau beobachtet. Jetzt lächelte sie und drehte sich zur Tür. Johanna konnte aus ihrer Miene nicht lesen, was sie von dem Spektakel hielt.
Johanna rief ihr hinterher: „Ich werde sie Eleonore nennen."
Da blieb Mathilde doch noch einmal stehen und drehte sich ins Zimmer zurück: „Was für eine gute Idee! Möge sie so alt, weise und gesegnet werden wie die englische Königin!"
2.
Im Palast von Erzbischof Adolf von Altena herrschte reges Treiben. Seitdem Rainald von Dassel 1164 die Gebeine der Heiligen Drei Magier und Könige nach Coellen gebracht hatte, war der 6. Januar ein besonderer Festtag, der jedes Jahr mit einer großen Prozession und Messe begangen wurde. Aber heute gab es noch einen weiteren Grund zur Feier. Königin Eleonore von Aquitanien hatte auf der Durchreise nach Speyer, wo ihr Sohn Richard Löwenherz vom Deutschen Kaiser Heinrich gefangen gehalten wurde, in Coellen halt gemacht und war zu Gast bei Erzbischof Adolf.
Der Erzbischof hatte keine Mühen gescheut, seiner Besucherin und ihrer Reisegesellschaft, die mehrere Hundert Vertreter des Hochadels, dazu Pagen, Diener, Zofen, Geistliche, aber auch Sänger und Troubadoure umfasste, einen königlichen Empfang zu bereiten. Erster Programmpunkt war natürlich die Messe und Prozession gewesen. Dann folgte ein Festmahl, das der Königin würdig war.
Im Moment hatte sich der Coellner Erzbischof allerdings zurückgezogen, um ein Gespräch mit Erzbischof Walter von Rouen, der Eleonore begleitete, zu führen. Eleonore war jedoch keineswegs alleine zurück geblieben. An ihrem Tisch saßen ihre engsten Vertrauten, sowie deutsche Fürsten, Würdenträger und andere Vertreter aus Coellen und den umliegenden Gebieten. Diese Deutschen sprachen Französisch mit einem ähnlich schwerfälligen Akzent, wie es die sächsischen Einwohner ihrer englischen Heimat taten.
Die Festtafel im großen Saal des Palastes glich einem Trümmerfeld. Auf dem Boden lagen abgenagte Knochen umher, die Tischtücher waren über und über mit Soße, Fett und Essensresten beschmiert, und die Brote, von denen die Gäste ihr Fleisch gegessen hatten, waren von Saft so vollgesogen, dass sie sich langsam auflösten. Glücklicherweise wusste man auch hier in Coellen, dass Eleonore, gebürtige Aquitanierin aus dem sonnigen Süden, Bier nicht leiden konnte und anständigen Wein vorzog. Auf den Tischen selbst türmten sich die Überreste der zahlreichen Gänge: Wildschwein in Pfeffersoße, Schwan mit Minze, ein mit seinen eigenen Radfedern geschmückter Pfau, Fleischpasteten, Krebse, Karpfen in Speck gesotten, weißes Brot, Trüffel, süße Mandeln, ein großer Kuchen, aus dem beim Anschneiden ein Schwarm kleiner Finken herausgeflogen war, getrocknete Datteln und noch vieles mehr. Bedienstete gingen mit großen Körben umher und sammelten das restliche Essen ein, auf das eine hungrige Menschenmenge draußen im Palasthof schon seit Stunden wartete. Die Armen Coellens würden sich wie quietschende Schweine über die ausgeschütteten Leckerbissen werfen.
Die Gäste an den anderen Tischen waren schon vor längerer Zeit aufgestanden und hatten, mit dem Becher in der Hand, einen großen Kreis um die Spielleute gebildet, die ihr Publikum mit allerlei Kunststücken und Scherzen unterhielten. Ein junger Akrobat lief auf den Händen, ein anderer schob ein langes Messer tief in den Rachen hinein, und der dritte jonglierte mit fünf kleinen Lederbällen. Dazu spielten die Musikanten auf Laute und Flöte fröhliche Lieder.
Eleonore wusste, dass ihre Gefolgsleute nur aus Höflichkeit zuhörten. In ihrem Zug reisten einige der begnadetsten Sänger und Musikanten des christlichen Abendlandes. Gegen ihre hohe Kunst nahmen sich die Jongleure und Akrobaten hier im Saal eher wie Spielleute auf einem Dorffest aus. Die Unterhaltung an ihrem Tisch war auch nicht viel spannender. Nachdem die politische Lage und Richards Gefangenschaft von allen Seiten beleuchtet worden war, waren jetzt die Kreuzritter an der Reihe mit ihren Erzählungen von Kämpfen, Heldentaten und Siegen - alles schon zu oft gehört! Leise schob Eleonore ihren Stuhl zurück, doch ehe sie ihr Gesäß vom Sitz heben konnte, verstummte die Unterhaltung mit einem Schlag. Alle sprangen auf und stießen sich gegenseitig zur Seite, um selbst die Gunst zu erlangen, ihr die Hand reichen zu dürfen.
Unwillig wies sie alle Hilfe von sich und winkte stattdessen zwei ihrer Zofen herbei. Die waren sofort zur Stelle und reichten ihrer Herrin den Arm.
„Danke. Begleitet mich zum Fenster und sorgt dafür, dass mich niemand anspricht."
Die Zofen warfen sich einen schnellen Blick zu. Offensichtlich hatten sie gehofft, dass die Königin sich müde von der Reise in ihr Schlafgemach zurückziehen wollte. Ja, die Reise über den Kanal war beschwerlich gewesen, Eleonore hatte wenig geschlafen in den letzten Nächten. Aber hatte sie in ihrem Leben nicht schon ganz andere Strapazen hinter sich gebracht?
Wenn sie an den großen Kreuzzug dachte, auf den sie ihren ersten Ehemann, König Ludwig von Frankreich, begleitet hatte! Später, nach ihrer Ehe mit Ludwig, hatten die Reisen an Häufigkeit noch zugenommen. Als Frau des englischen Herrschers Heinrich, dessen Reich ungleich größer war als das des französischen Königs - es umfasste nicht nur England, sondern auch die ganze Atlantikküste von der Normandie bis hin zu den Pyrenäen - hatte Eleonore einen großen Teil der Verwaltungsaufgaben übernommen und war teils mit ihrem Gatten, teils alleine ständig unterwegs gewesen, um von einem Ende des Herrschaftsgebietes zum anderen zu reisen. Wie oft sie den Kanal überquert haben mochte, konnte sie gar nicht mehr zählen. Auch die vielen Jahre in Gefangenschaft, zu der sie Heinrich verurteilt hatte, als er ihrer schließlich überdrüssig geworden war - sie hatte ihm inzwischen acht Kinder geboren - hatten ihr manches abverlangt. Diese schlimmste Zeit ihres Lebens endete erst, als Heinrich am 6. Juli 1189 starb. Eleonores erste Tat nach ihrer wiedergewonnenen Freiheit war gewesen, durch England zu reisen, von Ort zu Ort und von Stadt zu Stadt, um Recht zu sprechen, Gefangene zu befreien, und die Ordnung im Reich wieder herzustellen. Dann endlich wurde ihr größter Wunsch wahr und Richard, ihr drittältester Sohn (William war nie übers Kindesalter hinausgekommen und Heinrich erst vor wenigen Jahren gestorben) wurde zum König gekrönt. Doch schon wenige Wochen später war Richard zu einem Kreuzzug aufgebrochen und wieder musste Eleonore reisen. Denn Richard hatte auf dem Weg nach Palästina in Sizilien haltgemacht, um sich und seine Truppen für den Ansturm auf Jerusalem zu sammeln. Eleonore nutzte die Gelegenheit, ihrem Sohn in Navarra eine Braut zu suchen und sie ihm nach Sizilien zu bringen. Diese letzte große Reise, die sie in die Pyrenäen und über die Alpen geführt hatte, war noch keine drei Jahre her.
Nachdenklich trat Eleonore ans Fenster. Der Festsaal des Bischofspalastes nahm fast den gesamten zweiten Stock ein und bot durch die hohen Bögen der Säulenfenster einen Blick über den zwischen Palast und Dom gelegenen Hof. Draußen harrten Hunderte, zufrieden damit, vom Glanz und Luxus im Palast ausgeschlossen zu sein, wenn sie sich nur in der Nähe wussten, vielleicht sogar einen Blick von den Festlichkeiten oder gar von der Königin selbst erheischen, und am Ende womöglich einen Bissen des Festessens in die Finger bekommen könnten.
Was für ein falsches Bild sich diese Menschen von dem Leben der Herrschenden machten! Für die Armen dort draußen mochte ein beleuchteter Palast, aus dem Musik und Lachen drang, wie ein Ort der Verheißung erscheinen. Doch diese Art von Festlichkeiten waren für Eleonore kein Vergnügen mehr. Sie stand am Anfang des achten Jahrzehnts und beschäftigte sich immer öfter in Gedanken mit ihrem Seelenheil. Wenn nur erst endlich Richard wieder auf dem englischen Thron säße, dann würde sie sogleich in ihre geliebte Heimat zurückkehren - im Kloster von Fontevrault wartete auch schon ein Platz auf sie. Aber dafür musste Richard erst einmal befreit werden. Sein Kreuzzug war nicht glücklich verlaufen und auf dem Heimweg hatte ihn der deutsche Kaiser in Gefangenschaft genommen. Der Deutsche hatte die unglaubliche Summe von 150,000 Silbermark Lösegeld verlangt, wobei 100,000 als erste Anzahlung sofort zu zahlen waren. 200 Geiseln mussten dafür bürgen, dass auch die zweite Rate folgen würde. Es war nicht leicht gewesen, so viel Geld in so kurzer Zeit zusammenzutragen. Eleonore, die während Richards Abwesenheit wieder die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, verlangte von Englands Adel, von Kirchen, Klöstern und Gemeinden bis zu einem Drittel ihres Jahreseinkommens. Die meisten hatten willig gezahlt aus Achtung und Liebe zu ihrem König. Auch hatten sich 200 Ritter gefunden, die bereit waren, sich statt ihres Königs bis zur Zahlung des restlichen Lösegeldes in Gefangenschaft zu begeben.
„Seht nur, My Lady, dort schwenkt das Volk das Wappen Eures Sohnes!"
Die Zofe hatte recht, jemand hielt ein rotes Tuch, auf dem drei gelbe Löwen ihre Tatzen hoben, hoch in die Luft.
Die Königin musste lächeln. Richard, der immer ihr Lieblingssohn gewesen war, hatte die wundervolle Gabe, Herzen zu begeistern, und das nicht nur bei seinem eigenen Volk. Auch hier in Deutschland waren viele Angehörige des Adels auf seiner Seite. Am Ende könnte diese unsägliche Gefangenschaft sogar von Nutzen für England sein. Wenn Richard nur endlich wieder frei wäre! Kaiser Heinrich hatte vom 17. Januar gesprochen. Was würde Richard als König nicht alles erreichen können! Bisher kannte er sein Königreich ja noch kaum, da er die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich gelebt hatte. Auch nach der Krönung hatte er sich nur ganz kurz in England aufgehalten. Er war gleich wieder zu eben dem missglückten Kreuzzug aufgebrochen, der in seiner schmählichen Gefangennahme geendet hatte. Würde Eleonores Traum jemals Wirklichkeit werden und England und Frankreich unter einem der ihren vereint sein?
„Ähem", ließ sich eine männliche Stimme hinter Eleonore vernehmen. Eleonore drehte sich um und bedeutete ihren Zofen, dass Baudouin de Béthune, ihr Vertrauter und Richards ganz persönlicher Freund, das Sonderrecht hatte, sie jederzeit zu stören. Schließlich war er es gewesen, den Richard gesandt hatte, um sie von seiner Gefangenschaft in Kenntnis zu setzen. Er hatte als Richards treuester Verbündeter an seiner Seite im Kreuzzug gekämpft, aber am Ende nicht verhindern können, dass Herzog Leopold von Österreich Richard bei seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land gefangen genommen hatte - eine unerhörte Anmaßung! Kreuzfahrer standen unter dem Gottesfrieden und waren bei päpstlicher Strafe unantastbar, kein Christ durfte einem Ritter, der für die heilige Sache kämpfte, Schaden antun. Und Richard war noch dazu der König von England! Doch aus kleinlicher Rachsucht hatte dieser österreichische Herzog sich unterstanden, Eleonores schutzlosen Sohn gefangen zu nehmen und ihn an den deutschen Kaiser auszuliefern – an den Verbündeten von Richards Erzfeind, König Philipp August von Frankreich. Baudouin hatte die schreckliche Nachricht überbracht und war zudem einer der ersten, der all seinen Besitz zur Verfügung gestellt hatte, um das Lösegeld für Richard aufzubringen.
„Ma Reine", Baudouin verneigte sich tief.
Eleonore winkte ihren Zofen, sich zu entfernen. „Lasst uns allein. Baudouin, was habt Ihr zu berichten?"
Baudouin richtete sich wieder auf und blickte sie mit seinen hellen Augen an, die in seinem trotz des langen Winters noch immer gebräunten Gesicht besonders gut zur Geltung kamen. „Ich habe zwei Stunden vergeblich gewartet, doch unser Agent ist nicht erschienen."
Eleonores Augenbrauen zogen sich missmutig zusammen. Also keine Nachricht von Richard! Keine Gewissheit, ob er noch immer in Speyer gefangen gehalten wurde, oder ob ihm nicht doch noch, in letzter Stunde sozusagen, die Flucht gelungen sei. Genügend Gerüchte gab es ja, dass einige der deutschen Fürsten ihm dabei helfen wollten.
Baudouin senkte die Augen und fuhr, noch etwas leiser, fort: „Dafür ist ein Gesandter von Kaiser Heinrich eingetroffen. Es scheint, dass die Freilassung unseres geliebten Königs verschoben werden soll."
3.
Wenn die Königin nur endlich wieder abreisen wollte! Stephan vom Breymt, Stadtvogt von Coellen, war seiner Arbeit bereits überdrüssig und es blieben sicher noch mehr als zwei Stunden bis zur Dämmerung. Ganz umsonst hatte er heute früh die feinsten Kleider angelegt – das Festessen beim Bischof musste ohne ihn stattfinden. Es hatte bereits 34 Vorfälle gegeben, um die er sich kümmern musste: 25 Diebstähle, vier Raufereien, drei Fälle von Zechprellerei, ein Einbruch und eine Vergewaltigung. Dagegen war nur ein Erfolg zu verbuchen: Friedhelm, Stephans fähigster Gehilfe, hatte einen Taschendieb auf frischer Tat ertappt, als der auf dem Platz vor der bischöflichen Residenz einem der Wartenden den Geldsack schon halb vom Gürtel geschnitten hatte. Allerdringlichste Aufmerksamkeit galt jedoch zunächst einmal einer der Raufereien, da dabei ein Mitglied der königlichen Ritterschar beteiligt war. Der normannische Ritter hatte ein paar lederne Handschuhe mit einer Silbermünze bezahlt, die derart abgefeilt war, dass sie kaum mehr als die Hälfte ihres Wertes auf die Waage brachte. Der Händler hatte um Ausgleich gebeten, aber der fremde Ritter, des Deutschen nicht geläufig, hatte den immer zudringlicher werdenden Kaufmann einfach zur Seite geschoben. Daraufhin war der Sohn des Handschuhmachers hinzu gesprungen, Beschimpfungen in deutscher, französischer
