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Der Verachtete: Das Leben des SGB2 Empfängers Udo S.
Der Verachtete: Das Leben des SGB2 Empfängers Udo S.
Der Verachtete: Das Leben des SGB2 Empfängers Udo S.
eBook434 Seiten5 Stunden

Der Verachtete: Das Leben des SGB2 Empfängers Udo S.

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Über dieses E-Book

"Der Verachtete", ist eine gesellschaftskritische und sensibel erzählte Geschichte aus dem Leben des Langzeitarbeitslosen Udo S. und ist zugleich auch Fallbeispiel für ein Leben, das von Armut und finanziellen Abhängigkeiten, Krankheit, sozialer Isolation und Süchten bestimmt wird.
Erzählt wird der innere und äußere Konflikt des Protagonisten mit den Forderungen, Erwartungen und Urteilen seiner unmittelbaren Umgebung in den ersten Jahren nach Einführung der Hartz 4 Gesetze.
Die Erzählung beschreibt den langsamen und quälenden Abstieg des Udo S. und endet nach zwei Psychiatrieaufenthalten und dem endgültigen finanziellen Kollaps, mit seinem Umzug in eine sozialtherapeutische Wohngemeinschaft, die wieder seine Arbeitslosigkeit in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit rückt und nicht die emotionale und soziale Bedürftigkeit des Protagonisten.
Dadurch, dass das Buch so konzipiert ist, dass sich zwar nicht Udos unmittelbarer Umgebung, wohl aber dem Leser die Motivation für seine Verhaltensweisen erschließt, rückt der Protagonist - an vielen Stellen - für seine Mitwelt in ein "asoziales " Licht, dem Leser aber wird durch das Wissen um die inneren Konflikte des Udo S. mit sich und seiner Umgebung die Problematik seines Lebens nachvollziehbar vor Augen geführt.
Die Erzählung richtet sich an Leser, die Interesse daran haben, anhand eines Fallbeispiels die Problematik von Langzeitarbeitslosigkeit/Hartz4 vielseitig zu betrachten, zu analysieren und zu diskutieren, ebenso ist es für Leser gedacht, die sich einfühlen wollen in eine Wirklichkeit, die -fernab ihrer eigenen- für zahlreiche Menschen bittere Realität ist.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum21. Okt. 2015
ISBN9783738044010
Der Verachtete: Das Leben des SGB2 Empfängers Udo S.

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    Buchvorschau

    Der Verachtete - Marieke Hinterding

    Hinweis

    Eine fiktive Geschichte aus der Gedanken-und Gefühlswelt eines Langzeitarbeitslosen geschrieben von Marieke Hinterding

    Der Verachtete

    Donnerstagmorgen, 11 Uhr dreißig: Udo S., 42 Jahre alt, ledig, seit 15 Jahren arbeitsuchend, öffnete wie jeden Morgen besorgt seinen Briefkasten. Die Arbeitsagentur hatte sich schon einige Zeit nicht mehr gemeldet und bangen Herzens fragte er sich, wie jeden Tag um diese Zeit, ob ihm vielleicht heute mal wieder eine Einladung der Arge ins Haus geschickt worden war, und tatsächlich: Zwischen den zahlreichen Werbeblättchen, die sich auch heute in seinem Postkasten angesammelt hatten, versteckte sich ein amtlich aussehender Brief , sofort erkennbar an den typischen Umweltbriefumschlägen der Stadt. Absender: Arge Neuss. Udo nahm den Brief an sich und begab sich unverzüglich in seine Wohnung. Sein Herz klopfte und er musste sich erst eine Zigarette anzünden. Wilde Gedanken gingen ihm dabei durch den Kopf und er hielt die vielen angsterfüllten Fragen, die er sich beim Anblick des Briefes stellt, kaum aus: Wollte man ihm vielleicht den Mietzuschuss kürzen, weil seine Wohnung 10 Quadratmeter zu viel Wohnfläche hatte? Wollte man vielleicht kontrollieren, ob er auch wirklich genug Eigeninitiative bei der Stellensuche entwickelt hatte? Oder hatte man vielleicht eine Arbeit gefunden für ihn? Mit einem Gefühl, das zwischen Angst und Hoffnung schwankte, riss er den Brief auf und mit zitternder Hand überflog er das Schreiben. Es war, wie schon vermutet, eine Einladung der Arge für Montag. Mitzubringen waren der Personalausweis und der Nachweis über seine Bemühungen bei der Stellensuche in den letzten drei Monaten.

    Udo wurde schlecht bei dem Gedanken, am Montag bei der Arge Neuss vorsprechen zu müssen, wusste er doch ganz genau, dass er die Erwartung der Agentur nach zwanzig Bewerbungen in drei Monaten nicht würde erfüllen können. Ganze fünf Bewerbungen konnte er nachweisen für das letzte Vierteljahr, mehr hatten die Stellenangebote der regionalen Tageszeitung nicht hergegeben. Verzweifelt steckte er sich eine Zigarette nach der anderen an. Würde es am Montag wegen fehlender Bewerbungen zu einer Leistungskürzung kommen?

    Sicher, er hatte im kostenlosen Stadtblättchen schon einige Jobangebote gesehen, die ihm ein hohes Gehalt und sogar eine fette Provision versprachen. Dabei handelte es sich allerdings um Jobs, die im allgemeinen Sprachgebrauch call-center agents hießen und damit hatte er schon zweimal keine guten Erfahrungen gemacht. Das erste Mal, als er sich als call-center agent versucht hatte, wurde ihm von der Firma aufgetragen, Leute aus dem Telefonbuch herauszusuchen, sie anzurufen und ihnen eine Riesenrendite zu versprechen, wenn sie ihr Vermögen möglichst bald in Kaffee oder Weizen anlegten. Damit war Udo aber nicht nur nicht erfolgreich, ihn plagte auch das Gewissen, ahnungslosen , reichen Rentnern das Blaue vom Himmel zu versprechen .Er hatte bei der ganzen Geschichte nur die Aufgabe, den Standardtext für solche Versprechungen so am Telefon vorzulesen, dass am anderen Ende der Leitung der Eindruck entstehen sollte, das dieses Angebot eine einmalige , sobald nicht wiederkehrende Chance war und dem Angerufenen sollte Glauben gemacht werden, dass er einer der wenigen Auserwählten war, mit denen dieses scheinbar exklusive Geschäft abgewickelt werden sollte.

    Udo hatte den Job eine ganze Woche durchgehalten, jeden Tag hatte er acht Stunden telefoniert, immer wieder denselben Text zum Besten gegeben und genau so lange hatte er sich wütende oder unfreundliche Worte der Angerufenen anhören müssen, was er aber durchaus verstehen konnte, denn wer wollte schon ungebeten mit solch dubiosen „Geschäftsideen" belästigt werden. Trotz allen Verständnisses kränkte ihn jedoch der Tonfall vieler von ihm Angerufenen und weil er nicht ein einziges Erfolgserlebnis hatte und er außerdem im Zweifel darüber war, ob das was er machte, überhaupt ganz legal war, gab er , wie schon erwähnt, nach einer Woche auf. Und auch die zweite Erfahrung im Telefonbusiness war nicht besser! Diesmal sollten Spenden Abos zugunsten misshandelter Kinder für lukrative Geschäfte sorgen, nun allerdings war die ganze Sache ohne festes Gehalt abgemacht, sondern ganz auf Provisionsbasis. Diese allerdings war pro abgeschlossenen Vertrag über ein Abo sehr hoch, so dass sich Udo fragte, wie wenig denn eigentlich noch für die misshandelten Kinder übrigbleiben sollte. Schließlich wollte nicht nur er Geld verdienen, sondern auch noch sein Chef und Telefongebühren und die Miete für das feine Büro in guter Lage mussten auch bezahlt werden und es ging ihm dann wie beim ersten Mal in dem Gewerbe: Er gab sich nach einigen Tagen geschlagen und beendete entnervt sein Beschäftigungsverhältnis.

    All diese Gedanken beschäftigten Udo bis zum späten Abend und als er sich endlich schlafen legte, hatte er, ohne es zu merken, fast ein ganzes Päckchen Tabak konsumiert. Viel zu viel für einen, der ohnehin schon Tag und Nacht husten musste und dessen Schlaf sogar nachts immer wieder von nicht enden wollenden Hustenattacken begleitet wurde und so wachte er am nächsten Morgen wie üblich in aller Herrgotts Frühe zerschlagen und übermüdet auf.-

    Das ganze Wochenende kreisten seine Gedanken um den kommenden Arge-Termin und je näher der Termin rückte, desto ängstlicher wurde er. Vor seinem geistigen Auge spielten sich dramatische Szenen ab, aber ganz schlimm wurde es dann in der Nacht von Sonntag auf Montag. Er lag die ganze Nacht wach und grübelte hin und her, wie er der Sachbearbeiterin die fehlenden Bewerbungen erklären sollte.

    Wie sollte er der Agentur nur beweisen, dass er nicht für eines der zahlreichen Stellenangebote als call-center agent oder als Spendenwerber für die Johanniter Unfallhilfe geeignet war? Mit einem schrecklichen Gefühl in der Magengegend stand er schließlich auf, rauchte, duschte, zog sich an und rauchte wieder.

    Es war 7 Uhr dreißig,

    sein Termin bei der Arge war um 9 Uhr fünfzehn. Wenn er den Bus um 8 Uhr dreißig nahm, war er um 9 Uhr an der Marienstraße. Noch eine Stunde Schonfrist, ehe er aufbrechen musste...-

    8 Uhr 27. Udo stand seit drei Minuten wartend an der Bushaltestelle. Nervös lief er auf und ab, umkreiste das Wartehäuschen in kleinen Schritten, immer wieder. Die wenigen Minuten bis zur Ankunft des Busses kamen ihm endlos vor. Dann endlich fuhr der Bus an. Udo zog noch einmal hastig an seiner halb aufgerauchten Zigarette, warf sie dann achtlos zu Boden kramte seine Geldbörse hervor, stieg ein und verlangte ein Vierer Ticket.

    „Macht acht Euro vierzig", sagte der Fahrer. Udo wurde blass. Damit hatte er nicht gerechnet: Die Fahrpreise waren erhöht worden!

    Letzten Monat kostete das Ticket noch acht Euro zwanzig. Und nur genau so viel Geld hatte er in seinem Portmonee, 8 Euro zwanzig, nicht einen Cent mehr und nicht einen Cent weniger; denn seit er in der Stadt einmal um sein ganzes Wochenbudget bestohlen worden war, trug er , wenn er dort Erledigungen wie Ämterbesuche machen musste, nur noch abgezähltes Geld mit sich herum.

    „Entschuldigen Sie bitte, sagte er zum Fahrer. „Ich war im Gedanken. Ich wollte eigentlich nur ein Ticket mit Rückfahrschein.

    Der Fahrer schnaubte. „Jetzt hab` ich schon das Vierer-Ticket verbucht. Haben Sie gut geschlafen, kann ich da nur sagen. Wütend legte der Busfahrer das Ticket auf die Ablage: „Vier Euro 20.

    Udo bezahlte mit seinem Fünf-Euro Schein. Gut, dass er den noch hatte und den Fahrpreis nicht mit lauter Münzen bezahlen musste! Mit einem Schein machte man doch einen viel besseren Eindruck und niemand würde auf die Idee kommen, dass sein Geld für ein Vierer Ticket nicht langte, da war sich Udo sicher. Scheinbar achtlos steckte Udo das Restgeld in seine Hosentasche, entwertete den Fahrschein und setzte sich auf einen der freien Plätze ans Fenster.

    Udo lehnte seinen Kopf an die Fensterscheibe und schaute gedankenverloren hinaus. Sein Blick streifte die vielen Reklametafeln, an denen der Bus nun in schnellem Tempo vorbeizog. Fliegen Sie mit uns in den sonnigen Süden! Traumziele in der Karibik, jetzt schon ab sensationellen 2480 Euro! Buchen Sie jetzt!, stand dort in dicken Lettern und darunter waren wohlgeformte und knackig braungebrannte Bikinischönheiten abgebildet.

    2480 Euro! Udo rechnete: Das war die Leistung der Arbeitsagentur für mehr als drei Monate, inklusiv Miete für seine kleine Zweizimmerwohnung.

    Wer hatte so viel Geld? Udo jedenfalls kannte niemanden persönlich, nur hin und wieder begegneten ihm in der Nachbarschaft oder beim Einkaufen Menschen, deren teuer aussehende Kleidung ihn vermuten ließ, dass sie zu den betuchteren Klasse der Gesellschaft zählten. Aber er wusste auch, dass es sich anhand dieser Indize nur um eine Spekulation seinerseits handeln konnte.

    Konnte man nicht heutzutage erstklassige Kleidung zu Spottpreisen bei eBay ersteigern? Handfester wurden seiner Meinung nach die Beweise für viel Geld, wenn er einem vermeintlich Reichen beim Einkaufen in den Einkaufswagen schielte. Manche Leute schienen tatsächlich das Geld für Originalmarken auszugeben, egal ob Nussnougatcreme, Waschpulver oder gar Zigaretten. Und dann bezahlten sie an der Kasse ohne mit der Wimper zu zucken, ihre hohe Rechnung ganz selbstverständlich mit einer Kreditkarte. Udo seufzte: Einmal bei Netto einkaufen, ohne rechnen zu müssen, das würde wohl auf unabsehbare Zeit ein unerfüllter Wunschtraum bleiben! Udo genoss die Wärme der Heizung am Fenster und wünschte sich, die Zeit bliebe stehen und der Bus würde sein Ziel nie erreichen, aber es waren jetzt nur noch zwei Stationen bis zur Marienstraße.

    Gnadenlos schnell steuerte der Bus Udos Ziel an und Udo sprang schließlich auf. Mit zugeschnürter Kehle stieg er aus und zündete sich noch eine selbst gestopfte Zigarette an. Jetzt waren es nur noch wenige Fußminuten bis zur Arge und obwohl Udo, um den Termin hinauszuzögern, am liebsten in Zeitlupe gelaufen wäre, zwang ihn seine Uhr zum zügigen Gehen.

    Schließlich war es Punkt 9 Uhr, als Udo S vor der Agentur für Arbeit in Neuss stand. Leute kamen und gingen und endlich, als er den letzten Zug von seiner Kippe genommen hatte, betrat auch Udo das Gebäude.

    Udo nahm den Aufzug in die zweite Etage und stieg aus. Es hatte sich bereits eine lange Schlange vor der Anmeldung gebildet und er rechnete mit mindestens zehn Minuten Wartezeit.

    Nur hier, bei der Agentur für Arbeit, stand er wirklich gerne am hintersten Ende einer Schlange, gewährte ihm die Wartezeit dort doch wenigstens ein paar Minuten länger Aufschub vor der ,von ihm stets als quälend empfundenen, Vorsprache im Büro der Sachbearbeiterin.

    Ja, Frau B war eine scharfe Wächterin über die neuen Hartz 4 Gesetze , ihren Adleraugen schien nichts zu entgehen und immer wieder nach einem Besuch bei ihr, hatte er das Gefühl, dieses Mal ausnahmsweise gnädig davongekommen zu sein. Andere hatten da nicht so viel Glück. Er erinnerte sich an das letzte Mal: Vor ihm war ein türkischstämmiger Mitbürger aufgerufen worden und als, nach endlosen Minuten, die Tür wieder geöffnet wurde und ein anderer Sachbearbeiter, der mit Frau B das Büro teilte, geschäftig den Raum verließ und dabei die Tür offenstehen ließ, hörte er die scharfe Stimme von Frau B ., wie sie kalt und ohne Umstände dem Mann erklärte, dass ihrer Meinung nach sein Wille zur Aufnahme eines Beschäftigungsverhältnisses vollständig fehlte! Das sei ihres Erachtens nach aus den mangelhaften Bewerbungsanschreiben an verschiedene Arbeitgeber deutlich zu erkennen! Sie wolle dafür Sorge tragen, dass die Leistungsabteilung davon erführe und ihm die Leistungen für drei Monate um dreißig Prozent kürze!-

    Worte wie Peitschenhiebe! Udo wurde wieder schlecht, wenn er daran dachte.

    Würde es ihm heute genauso ergehen? Die Warteschlange hatte sich jetzt fast aufgelöst; es waren nur noch drei Leute vor ihm dran. Udo verspürte jetzt den gierigen Drang nach einer Zigarette, aber hier drin war das Rauchen verboten. Hoffentlich hatte er alles bald hinter sich gebracht!

    Zwei Minuten später stand er am Tresen der Anmeldung, zückte seinen Personalausweis und ließ sich als anwesend registrieren. „Zimmer 110, sagte die Frau am Empfang, „Sie werden aufgerufen.

    Es war genau viertel nach neun. Udo setzte sich auf einen der Stühle vor der Zimmernummer 110. Außer ihm saßen noch eine junge Frau mit Kinderwagen und ein Jugendlicher mit einem MP-3 Player dort. „Ist da noch jemand drin?" fragte er die junge Frau, um abzuchecken, wie lange es noch dauern könnte.

    „Ja, da ist jemand drin, und zwar schon ziemlich lange", antwortete die Frau. Udos Anspannung wuchs, er hatte jetzt ganz dringend den Wunsch, die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

    Die Zeit zog sich endlos hin, dann, nach fast zehn Minuten Ewigkeit, wurde es laut hinter der Zimmernummer 110, es öffnete sich die Tür und heraus trat ein Ehepaar fremder Nationalität. Die Frau war vollkommen verschleiert und der Mann wirkte mit wilden Gesten lautstark auf sie ein. Udo sah den beiden, die doch sehr erleichtert schienen, nach, wie sie den Gang verließen.

    Ein bulliger Mann mit kurz geschorenen Haaren kam den Zweien entgegen und er steuerte, langsam und mit wachen Augen alles beobachtend, auf den Gang mit der Zimmernummer 110 zu. Der Blick des Bulligen schien die Personen, die sich auf dem Gang aufhielten , nur nebensächlich zu streifen, aber die Aufschrift, die der Mann auf dem Rücken seines T-Shirts trug, verriet den Anwesenden, dass sie keineswegs nur eine Nebensache für ihn waren, sondern dass er alle sehr wohl im Blick hatte und dass er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür Sorge tragen würde, dass Ruhe und Ordnung herrscht auf den Gängen dieser staatlichen Behörde. Security, las Udo S., als der Mann an ihm vorüberging.-

    Endlich, nach weiteren 5 Minuten, steckte Frau B. ihren Kopf aus der Tür: „Herr S.", forderte sie Udo kurz und knapp auf. Schnell erhob sich Udo und folgte Frau B. mit klopfendem Herzen in das Büro.

    „Lieber Gott, dachte er, „lass alles gut ablaufen. Gleichzeitig aber beschloss er, sich darauf einzustellen, dass heute nicht alles gut ablief und die Ahnung, die er am Wochenende hinsichtlich des Verlaufs seines Besuches bei der Arge gehabt hatte, trog ihn diesmal nicht.

    „Nehmen Sie Platz, sagte sie, während sie sich geschäftig dem Computer widmete, um seine Daten abzurufen. Udo setzte sich Frau B. gegenüber vor den großen Schreibtisch. Nur einen kurzen Moment brauchte Frau B, dann forderte sie ihn auf, ihr seine Bewerbungen vorzulegen. Udos Hand zitterte, als er Frau B. seine fünf Bewerbungen vorlegte und es herrschte eine für Udo fast unerträgliche Spannung, als sie schweigend und mit kritischem Blick, in Udos akkurat geschriebenen Bewerbungsnachweisen blätterte. Langsam und aufmerksam studierte sie jede einzelne Adresse der von Udo angeschriebenen Firmen. Nicht ein Wort des Unmuts kam über ihre Lippen und Udo wollte sich gerade der Hoffnung hingeben, dass seine ganzen Befürchtungen umsonst gewesen waren, als sie die unerträgliche Stille unterbrach: „Und wo sind die anderen Bewerbungen?

    Jetzt hatte sie ihn! Stand jetzt seine gesamte Existenz auf dem Spiel?

    Udo bekam plötzlich beklemmende Angstzustände und er brachte nur noch tonlos hervor: „Das ist alles, was ich gefunden habe." Udo sah sich bereits obdachlos und nach Pfandflaschen suchend auf der Straße leben und er hörte nur noch mit halbem Ohr hin, als Frau B. mit erhobener Stimme zu dem ansetzte, was er immer gefürchtet hatte : Eine nicht enden wollende Tirade darüber, dass der Steuerzahler seit langer Zeit für seinen Unterhalt aufkäme und er die Pflicht habe, seinen Zustand mit aller Kraft zu beenden. Die Zeitungen seien voll mit Stellenanzeigen, hörte er sie sagen, und die Behörde sei nicht gewillt, Untätigkeit zu unterstützen!

    Udo ließ die Worte über sich ergehen und er fühlte sich, wie er sich zuletzt als Schüler gefühlt hatte, als er dem Lehrer seine nicht gemachten Hausaufgaben damit erklären wollte, dass er sein Heft vergessen habe.

    Nicht, dass er die Hausaufgaben nicht hatte machen wollen, aber er hatte die Aufgaben nicht begriffen und nachzufragen hatte er sich im Unterricht nicht getraut, denn der Lehrer war streng, und manchmal setzte es sogar Hiebe. Der Lehrer aber hatte ihm schließlich den gesamten Inhalt seiner Schultasche auf den Tisch gekippt und ihm befohlen, das Heft zu suchen. Selbstverständlich hatte er als Schüler das Heft zuhause liegenlassen und es war eine furchtbare seelische Tortur für ihn, während der gesamten Unterrichtsstunde nach etwas zu wühlen, von dem er genau wusste, dass es nicht da war. Sagen durfte er aber nichts, denn dann wären die gefürchteten Schläge garantiert gewesen! Und so sagte er auch nichts zu dem Verbal Angriff von Frau B. Und wie damals, als er hoffte, dass die Schulstunde bald vorbei sein möge, wartete er nun sehnsüchtig darauf, endlich von Frau B. verabschiedet zu werden. „Sie hören von uns!", sagte sie endlich die erlösenden Worte, und Udo S. erhob sich schließlich von seinem Stuhl und verließ mit hochrotem Kopf den Raum.

    „Security". Kaum hatte Udo seinen Fuß aus der Tür gesetzt, begegnete ihm wieder der Bullige von vorhin. Aufreizend langsam schlenderte der Ordnungshüter ihm einige Schritte voraus in Richtung Ausgang. Udo passte sich dem langsamen Tempo des Mannes an und blieb, um ihn nicht überholen zu müssen, dicht hinter ihm.-

    Für solche Leute wie ihn waren die Wachen im Amt bestimmt nicht engagiert, dachte er. Da gab es ganz andere Kaliber! Und obwohl er persönlich noch nie so einem begegnet war, wusste er, dass es bestimmt eine ganze Reihe Typen gab, die richtiggehend aggressiv wurden, wenn Angestellte wie Frau B. ihnen so unverblümt daherkamen, wie sie es bei ihm getan hatte. Dass sie da eines besonderen Schutzes bedurfte, war aus seiner Sicht nur allzu verständlich...

    Udo atmete tief ein. Einmal, so wünschte er sich, wie wäre das schön, wenn Sachbearbeiter wie Frau B auch nur einmal so viel Respekt vor ihm hätten, wie vor den Aggressiven.

    Genüsslich malte er sich aus, wie die Vorsprache wohl verlaufen wäre, wenn er mit der Faust auf den Tisch gehauen hätte und ihr ganz unverhohlen seine Meinung gesagt hätte. Wäre sie dann auf ihrem Stuhl zusammengesunken und hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht?

    Dann wäre es ihr einmal so gegangen wie ihm! Und bildlich stellte er sich jetzt vor, wie er ihr schlagfertig und wortgewandt Paroli geboten hätte und sie dann völlig hilflos und mit ihm überfordert zurückgelassen hätte.

    Diese Vorstellung bereitete ihm nun den Gipfel des Genusses und er wollte sich gar nicht trennen vom inneren Bild der unglücklichen Frau B. Udo gab sich einen Ruck: Nein, er war es nicht. Er war weder schlagfertig noch wortgewandt und auch nicht zu der geringsten Aggression fähig. Er war in der Realität zurück. Gesenkten Kopfes verließ er die Arge und lief Richtung Bahnhof.-

    Eine Woche später:

    Udo hatte sich gerade ein neues, billiges Päckchen Tabak gekauft, als er vor der Eingangstür des großen Mietshauses, in dem er wohnte , den Briefträger hantieren sah, der den Bewohnern, wie immer, routiniert die Post einwarf. Ob heute Post von der Arge dabei war? Udo betrat das Haus und wartete. Wartete darauf, dass das Klappern der Briefkästen ein Ende hatte und der Briefträger seine Arbeit getan hatte. Dann öffnete er seinen Kasten.

    Zwei Briefe waren heute dabei. Der eine war, wie befürchtet, von der Arge, der andere von den Stadtwerken.

    In seiner Wohnung angekommen, riss Udo den Umschlag mit dem Arge-Brief auf. Er schluckte: Die Leistungsabteilung hatte ihn, wie schon erwartet, mit Sanktionen belegt. Dreißig Prozent seiner Bezüge sollten ihm für drei Monate gestrichen werden. Weil er seiner Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen war, hieß es. Außerdem wurde ihm schließlich mit weiteren Kürzungen gedroht, sollte er weiterhin nicht alles tun, seine Arbeitslosigkeit zu beenden. Udo setzte sich in seine kleine Küche und stopfte sich eine Zigarette: Dreißig Prozent von 347 Euro. Das waren, 104 Euro. 347 Euro weniger 104 Euro, das machten noch 243 Euro. Davon musste er abziehen:30 Euro für seine Internet und Telefonflatrate und 90 Euro für Strom und Gas. Das machte dann:123 Euro monatlich für Essen, Trinken, Kleidung, Tabak und Sonstiges. 123 Euro geteilt durch 30 Tage: 4 Euro und genau 10 Cent täglich!

    Udo rauchte bereits die zweite Zigarette, als ihm einfiel, dass im Flur noch der Brief von den Stadtwerken lag. Was wollten die schon wieder?

    „Lieber Gott, dachte er, „lass es keine Rechnung sein! Sein Gebet aber wurde nicht erhört. Eine Nachzahlung sollte er leisten von sage und schreibe 100 Euro! Außerdem waren ab dem nächsten Monat höhere Abschlagszahlungen fällig. Jeden Monat sollte er jetzt fast 100 Euro zahlen! Udo war verzweifelt.

    Wo sollte er das Geld nur hernehmen? Er hatte keinerlei Ersparnisse und er wusste niemanden, der ihm Geld hätte leihen können. Die einzige Idee, die er hatte, war, sein Konto zu überziehen. Ja, das war die Rettung! Er würde das Geld einfach überweisen, auch wenn sein Konto nicht gedeckt war!

    Das wollte Udo dann sofort in Angriff nehmen und so setzte er sich an seinen Computer und überwies per Internet die Forderungen der Stadtwerke. Alles andere würde sich finden, überlegte er; man sollte ja optimistisch denken.-

    Zwei Wochen später hatte Udo 40 Bewerbungen geschrieben und in Briefumschläge gesteckt. Die Firmen hatte er sich aus dem Telefonbuch gesucht und je nach Branche hatte er sich mal als Bäcker und Konditor, mal als LKW Fahrer und sogar als Steuerfachgehilfe beworben .Und das, obwohl er noch niemals einen Kuchen gebacken , auch keinen Führerschein für Lastwagen oder die geringste Ahnung vom deutschen Steuerrecht hatte; aber was sollte er tun, Jobs für Ungelernte wie ihn waren selten ausgeschrieben. Und die Arge saß ihm im Nacken!

    Tag für Tag hatte er lediglich zwei seiner zahlreichen Bewerbungen losgeschickt; er musste auf das Porto achten denn mehr als 1-Euro 10 täglich konnte er nicht mehr abzweigen.

    Für die nächsten 20 Tage hatte er nun wegen des Bewerbungs-Portos statt der errechneten 4 Euro 10 nur noch 3 Euro zur Verfügung für den täglichen Bedarf und bei der Bank hatte er ein überzogenes Konto, von dem er noch nicht wusste, wie er das jemals wieder ausgleichen sollte...!-

    So vegetierte Udo S. die nächsten Monate vor sich hin: Zum Frühstück gab es täglich geröstete Haferflocken, mittags gebratenen Kohl und Kartoffeln und abends Quark mit Marmelade.

    Nur manchmal- manchmal hielt er es einfach nicht mehr aus, dann musste es sein: Er kaufte sich eine billige Packung Bratwurst! Einmal hatte er sogar ohne Rücksicht auf Verluste 3 Kassler Stiel-Kotelett für 3,13 Euro vom Netto gekauft.-

    Es war Samstagvormittag, einige Wochen später, als Udo den Anruf bekam. Zeitarbeitsfirma T. war am Telefon, der Chef höchstpersönlich. Man hätte seine Bewerbung erhalten und wolle ihn kennenlernen. Heute noch, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung und obwohl Wochenende war und er sich gerne den preisgekrönten Film im Fernsehen angesehen hätte, der schon seit Wochen angekündigt war, verabredete sich Udo für 15 Uhr im Büro der Zeitarbeitsfirma T. Udo stiegen die Tränen in die Augen, denn die Fahrt würde ihn wiederum über 4 Euro kosten. Udo checkte via Internet bei seiner Bank ein und mit großer Besorgnis stellte er fest, das sein Konto bereits seit einigen Wochen um mehrere Hundert Euro überzogen war!

    Udos Rechnung war nicht aufgegangen: Er hatte umgerechnet weit mehr als 4 Euro täglich ausgeben müssen! Immer kam etwas dazwischen!

    Mal hatten sich die Sohlen seiner bereits sehr alten Schuhe gelöst, mal ging das Toilettenpapier aus oder das Waschpulver, ein andermal meldete sich seine Haftpflichtversicherung und wollte Geld sehen!

    Wie lange würde seine Bank noch mitspielen? Bei dem Gedanken bekam Udo eine Panikattacke und er wagte es nicht, ihn zu Ende zu denken.-

    Es war 13 Uhr, als sich Udo langsam auf das ihm bevorstehende Bewerbungsgespräch vorbereitete. Schon während er duschte, überlegte er sich, wie er dem Personalchef am besten seine langjährige Arbeitslosigkeit erklären konnte: Wenn er den Job haben wollte, durfte er keineswegs seine physisch und psychisch instabile Gesundheit erwähnen, dachte er. Seine Depressionen zu verschweigen wäre kein Kunststück, aber was war mit seinem chronischen Husten? Oft genug hatte der Arzt ihn gemahnt, endlich das Rauchen aufzugeben, aber Udo konnte es einfach nicht lassen! Zu stark war die Sucht und bisher hatten ihn weder monatelange Schlafstörungen noch Ohnmachtsanfälle, die ihn eben wegen des ständigen Dauerhustens quälten, von seinem Laster abhalten können!

    Doch dieses Mal, so schwor sich Udo, würde sich alles zum Guten wenden! Wenn er den Job hätte, würde ihm sowieso die Zeit fehlen, ununterbrochen zu rauchen, dachte er und vielleicht konnte er ja sogar Anschluss finden bei seinen zukünftigen Kollegen. Während er sich nun frische Wäsche aus dem Schrank holte, malte er sich seinen nächsten Geburtstag aus: Viele Freunde wollte er dann einladen und der Arbeitsplatz wäre der ideale Ort, Menschen kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Seine jahrelange Armut, seine Einsamkeit im sozialen Abseits –das sollte nun ein schnelles Ende haben!

    Udo war plötzlich beseelt von einem unerschütterlichen Optimismus. Alles würde sich zum Besten wenden! Seine Zukunft schien ihm mit einem Mal rosarot und er verbat sich jeden aufkommenden Zweifel, zu lange hatte er auf eine Chance wie diese gewartet...-

    Ein starker Regen hatte den Tag begleitet und Udo war völlig durchnässt, als er das relativ kurze Stück Fußweg von der Bushaltestelle hin zur Zeitarbeitsfirma T. zurückgelegt hatte. Zwischen mehreren Arztpraxen, einer Immobilienfirma und einem Sonnenstudio war auch Udos Firma ausgewiesen, sie befand sich laut Hinweisschild im 3.Stockwerk rechts.

    Udo zögerte. Eine Viertelstunde hatte er noch Zeit bis zum Vorstellungstermin und so nutzte er die verbliebene Zeit, sich noch eine Zigarette anzustecken. Um seine Nervosität zu bekämpfen - wie er sich Glauben machte.-

    Um Punkt 15 Uhr

    klingelte Udo S. bei Zeitarbeitsfirma T. und er stand keine halbe Minute vor der Tür, da wurde ihm aufgetan. Ein elegant gekleideter, gut 1.90m großer Mann hatte ihn mit den Worten: „Sie sind sicher Herr S. in Empfang genommen und ehe Udo etwas erwidern konnte, wurde er auch schon in das kleine Personalbüro gebeten. Kaum hatte Udo Platz genommen, wurde ihm von Herrn T. ein Personalbogen vorgelegt. „Den füllen Sie bitte aus, wies der Chef an und Udo machte sich sogleich daran, alle Fragen, die auf dem Bogen gestellt waren, nach bestem Wissen zu beantworten. Seinen vollständigen Namen wollte man wissen, Wohnort, Familienstand, Krankenkasse und Geburtsort. Haben Sie Ihren Wehrdienst absolviert und: Sind Sie vorbestraft? hieß es weiter. Rasch hatte Udo seine persönlichen Daten angegeben, aber bald wurden dort Fragen gestellt, die Udo in Konflikte bringen konnten, egal wie er sie beantwortete: Sind Sie gesundheitlich eingeschränkt?

    Udo wusste genau, dass er sehr wohl eingeschränkt war, körperlich und auch psychisch aber sollte er e h r l i c h antworten? Keine seiner Krankheiten war bisher von einem Arzt als Handicap eingestuft worden! Wahrscheinlich war seine persönliche Einschätzung nicht maßgeblich, dachte er und wenn er jetzt mit „Ja antwortete und seine Gebrechen zu Protokoll gab, wäre wohl nicht nur der Job weg, sondern es könnten ihn auch weitere Sanktionen der Arge treffen, wenn diese davon erführe: „Sie werden mich zum Amtsarzt schicken, dachte Udo. „Und die werden mich garantiert für gesund erklären." Dann hätte er gelogen!

    Durfte er mit „Nein" antworten? , überlegte er. Wenn er nun wieder mal an einer Psychose erkranken würde und die Firma bekäme heraus, dass dies nicht

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