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California 1966: Mit den Augen einer siebzehnjährigen Austauschschülerin
California 1966: Mit den Augen einer siebzehnjährigen Austauschschülerin
California 1966: Mit den Augen einer siebzehnjährigen Austauschschülerin
eBook177 Seiten1 Stunde

California 1966: Mit den Augen einer siebzehnjährigen Austauschschülerin

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Über dieses E-Book

Als die Autorin zur 50-jährigen Jubiläumsfeier ihrer ehemaligen High School in Kalifornien eingeladen wird, denkt sie wegen der großen Entfernung nicht an eine Zusage. Doch als sie gerade zu dieser Zeit bei der Entrümplung der Wohnung ihrer Mutter auf ein Päckchen Briefe stößt, die sie während ihres Schüleraufenthalts 1966 nach Hause geschrieben hatte, kommt die Erinnerung mit Macht zurück. Die Veränderungen, die in den letzten 50 Jahren nicht nur in den USA stattgefunden haben, lassen erstaunen, bringen zum Schmunzeln und regen zum Nachdenken an.
SpracheDeutsch
HerausgeberTWENTYSIX
Erscheinungsdatum2. Feb. 2021
ISBN9783740721992
California 1966: Mit den Augen einer siebzehnjährigen Austauschschülerin
Autor

Irene Schlör

Die Autorin Irene Schlör ist in Weinsberg geboren, hat in Heilbronn Abitur gemacht, war als Austauschschülerin ein Jahr in Südkalifornien und studierte am Istanbuler Robert College Anglistik, Türkisch und Linguistik. Anschließend war sie 16 Jahre lang als Sprachlehrerin an der Bosporus Universität, wie das RC seit 1972 heißt, tätig, und promovierte gleichzeitig an der Istanbuler Universität bei Frau Professor Sara Sayin Zurück in Deutschland, studierte sie ein Jahr lang auf Lehramt an Gymnasien, absolvierte das vorgesehene Referendariat und war anschließend bis zum Ruhestand als Gymnasiallehrerin tätig. Die geprüfte und beeidigte Dolmetscherin und Übersetzerin schreibt gern, auch Briefe an ihre Freunde in aller Welt, singt im Chor und hört gerne Musik.

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    Buchvorschau

    California 1966 - Irene Schlör

    Kapitel 1

    Durch die Brille einer 17 jährigen Austauschschülerin

    Mein erster Flug. Die international gemischte Gruppe von Austauschschülern steigt in Frankfurt in das Flugzeug nach New York. Fast alle sehen ungewöhnlich fremd aus. Fröhliche Jungen aus Afrika strecken jedem die Hand entgegen und sind hell begeistert, dass sogar Mädchen sie schütteln. Ein rothaariger Junge mit Hornbrille, in einem Anzug mit Wappen auf der Jackentasche, demonstriert teilnahmslose Gelassenheit. Ein paar der Mädchen sind geschminkt. Das Bekanntmachen ist uns selbst überlassen. Alle sprechen Englisch. Die häufigste Ansprache ist: »Und woher kommst du?«

    Plötzlich ist eine junge blonde Begleiterin bei uns und geht mit entschlossener Begeisterung zur Tagesordnung über:

    »Hi everyone!« (Hei?) »I am Linda and I will be your guide on this flight to New York. Glad everybody is here. If you have any questions, don’t hesitate to ask me at any time. You are a great group!« (Woher weiß sie das?)

    An der Wand in der Flugzeugkabine hängen Plexiglasboxen mit Luftpostpapier darin. Ich kann den Aufdruck von meinem Platz aus lesen: »An Bord des Lufthansa-Flugzeuges von … nach …«.

    Nachdem ich ein paar Minuten darauf gestarrt habe, entschließe ich mich, ein Blatt herauszunehmen und meinen ersten Brief an meine Familie in Heilbronn zu schreiben. Die nette Stewardess, die mich zu meinem Platz geführt und mir beim Anlegen des Sicherheitsgurtes geholfen hat, kommt vorbei und fragt, ob ich denn meinen Staubmantel nicht ablegen wolle. Sie werde ihn im Gepäckfach über meinem Sitz verstauen. Ach, und ob ich einen Kugelschreiber brauche?

    In ihrer Uniform erinnert sie mich trotz ihrer Zuvorkommenheit jedoch eher an eine Polizistin oder Soldatin. Viele ihresgleichen eilen geschäftig den Gang zwischen den Dreierreihen hinauf und hinunter. Die Lautsprecheransagen gehen jetzt von Begrüßungen und Formalitäten über zu der Aufforderung, während des gesamten Fluges sitzen zu bleiben.

    Ich dachte, wir fliegen gleich. Aber das Flugzeug fängt an zu juckeln, als sei es ein beschädigtes Auto. Eine ganze Weile »fahren« wir auf einer asphaltierten Straße. Dann halten wir plötzlich und die Motoren heulen beeindruckend auf. Die Maschine rollt jetzt schneller, bleibt aber immer noch auf dem Boden. Doch ab wann sind wir bloß in der Luft? Durch mein Gucklochfenster sehe ich in schneller Reihenfolge die Flughafengebäude, dann Autos, Parkplätze, Rasenflächen, Häuserreihen, Wälder und Felder unter mir.

    Wie im Kino! Huch, auf einmal sieht man gar nichts mehr. Alles ist weiß verschleiert, auch der Himmel. Doch dann fliegen wir über den sonnenbeschienenen Wolken und ich denke mir, wie schön es jetzt sein müsste, auf einer dieser Wolken zu reiten. Denn dass sie dicht halten würden, erkennt man ja an ihrer geballten Form. Und wenn nicht, dann schwebten darunter noch unzählige andere, die mich auffangen würden.

    Ich höre meine Mitreisenden vor Vergnügen aufjauchzen, als jetzt das Schaukeln anfängt. Einige haben sich von ihrem Sitzgurt befreit und sind aufgestanden, laufen in der Mittelreihe hin und her. Eine strenge Ansage auf Deutsch und Englisch lässt sie wieder zurückhuschen. Die Stewardessen servieren Tee. Doch warum sind auch noch Eiswürfel drin, obwohl er ganz kalt ist? Eine weitere Durchsage klärt uns auf, dass der Belag auf den Häppchen Kalbfleisch sei, keinesfalls Schweinefleisch. Was soll’s! Jedoch ist aus einigen Reihen zustimmendes Grunzen zu hören.

    Ich widme mich meinem Vesper: Außer dem Kalbfleischbrötchen gibt es noch ein Spargelbrot mit Mayo. Dann Erdbeertörtchen mit Sahne und Kaffee dazu. Das Besteck ist in einer Serviette; Zucker, Salz, Pfeffer und Milch liegen in Kleinverpackungen auf dem Serviertablett. Ich stecke den Pfeffer in meine Handtasche und beschließe, ihn in meinen Brief nach Hause mit hineinzutun.

    Obwohl der Flügel unter meinem Fenster die Sicht einschränkt, sehe ich viel. Und es wird immer angesagt, wo wir sind und was es zu bestaunen gibt. Der Ärmelkanal ist so eng. Die Kreidefelsen von Dover kenne ich schon von einer Schiffsreise her. Doch wie unscheinbar sie von oben aussehen!

    Nach einer kurzen Zwischenlandung in Shannon, Irland, verlässt das Flugzeug den Kontinent.

    Allmählich wird es langweilig, hinauszuschauen. Stundenlang gibt es nur Schlagsahnehäubchen zu sehen. Doch bevor endlich die Silhouette von New York auftaucht, werden wir darauf aufmerksam gemacht und die Spannung entlädt sich in Freudenschreien aus zahllosen Kehlen.

    »Do you carry any food? Salami?«, fragt mich ein Zollbeamter und greift ungeniert in meine große Handtasche.

    Draußen wartet Gerdie, die mit den Mädchen in einen Bus steigt. Wir fahren in ein Hotel, wo wir zu fünft in einem Riesenzimmer mit zwei hochgetürmten Doppelbetten und einem Kinderbett davor untergebracht sind. Meine Mitbewohnerinnen, vier Türkinnen, sprechen allesamt gut Englisch, aber natürlich nicht untereinander.

    »Where do you want to sleep?«, fragt Shermin höflich. Ich nehme das Zustellbett, was für eine Person völlig ausreicht. Wie bequem, dass wir ein Bad für uns allein haben. In der Badewanne sind ein Duschvorhang und eine Wäscheleine zum Ausziehen. Der kleine Brausekopf hängt nicht an der Armatur, sondern ist fest in der Wand montiert.

    Meine Mitbewohnerinnen haben schon den Fernseher angemacht und in einem Wasserkocher auf dem Schreibtisch Kaffeewasser erhitzt.

    Zum Essen müssen wir nach einer genauen Beschreibung eine Viertelstunde zu Fuß durch die Häuserschluchten Manhattans gehen. Es ist eine beängstigende Erfahrung. Die Straßen sind gar nicht so eng, aber weil die Wolkenkratzer so hoch sind, scheinen sie einen erdrücken zu wollen. Anstatt sechsmal über die Straße geradeaus und dann zweimal an der Ecke links zu gehen, verlaufen wir uns. Zum Glück treffen wir an einer Kreuzung auf eine andere AFSer-Gruppe, die auch nach der angegebenen Cafeteria sucht.

    Zurück im Zimmer, wasche ich mich im Bad über dem Waschbecken. Ich seife meine Achselhöhlen gerade mit dem mitgebrachten Waschlappen ein, als eine der Türkinnen mich sichtbar angeekelt betrachtet.

    »You are not going to see your host family like this, are you? Do you want to borrow my razor?« Ich werde sauer und antworte patzig. Sie zieht die sauber gezupften Augenbrauen hoch und verlässt das Bad.

    Drei Nächte sind wir im Shelburne Hotel, in der ersten schon gibt es Zoff. Die Türkinnen streiten lautstark über etwas, was mit »Klima« zu tun haben muss, ansonsten verstehe ich kein Wort.

    Langsam wird es heißer im Zimmer und die Gummivorhänge unter den Gardinen sorgen auch nicht gerade für Erfrischung. Ich decke mich auf und kann trotzdem die ganze Nacht nicht schlafen.

    Kapitel 2

    You are in Los Angeles now

    Eine untersetzte Frau mit Blumenkohlfrisur und rotlackierten Fingernägeln stürmt mir in Los Angeles auf dem Flughafen entgegen und strahlt mich an.

    »Ayriin, I’m your mom!«

    Ich sehe sie erleichtert und glücklich an und stottere: »Glad to meet you!«

    Nach ihr in angemessenem Abstand kommt ein schlaksiger, bebrillter Mann, mindestens zwei Köpfe größer als sie. Ein braungelockter Teenager in einem geblümten Baumwollkleid versteckt sich hinter ihm und hat noch die kleine, strohblonde Schwester im Kindergartenalter an der Hand.

    »Ron. Kim. Steph.«

    Wir steigen in ein großes Auto. Wir drei Kinder haben genügend Platz auf dem Rücksitz. Das Auto hat Kotflügel wie Engelsärmel. Es ist blauweiß lackiert. Ja, sie hatten mir Fotos von sich geschickt und ich erkannte sie jetzt auch wieder. Ich bekomme eine kalte Dose Cola in die Hand gedrückt und beobachte Kim, wie sie die ihre öffnet und dann gekonnt daraus schlürft. Und das im Fahren.

    Schnell sind wir über breite Autobahnen nach Azusa gelangt und ich sehe zu, wie mein Dad, Ronald D., meinen schweren Koffer aus dem Kofferraum hievt und ihn in Kimberlys Zimmer schleppt. Dort stehen zwei Betten und an einer Wand ist eine große Schiebetür, die einen Riesenkleiderschrank öffnet.

    Durch das Fenster, das ebenfalls mit einer Schiebetür und mittels einer Flügelschraube verschlossen wird, sehe ich einen großen Swimmingpool im Garten. Beeindruckt hole ich hörbar Luft. Ja, eine Palme steht auch daneben. Den Garten begrenzt eine Mauer mit einem Orangenbaum und einer Hibiskushecke davor. Der Rasen ist gelb, aber die Hecke blüht wunderbar üppig.

    Am nächsten Morgen schon fahren wir wieder los – für ein paar Tage in ein Ferienhäuschen an einen See im Gebirge. Er ist kristallklar, dunkelblau und nicht zu kalt. Darum herum stehen vereinzelt Nadelbäume, groß und schlank. Der Boden sieht trocken aus. Überall sind lustige Schilder mit Abbildungen angebracht: Smokey the Bear – helps to prevent forest fires.

    So schön es ist, den ganzen Tag zu paddeln und zu schwimmen, abends habe ich einen fürchterlichen Sonnenbrand, eine aufgeschlagene Zehe und Durchfall. Ich fühle mich hundeelend, setze mich auf einen Schaukelstuhl auf die Veranda und fange an zu weinen.

    Die Familie übersieht es taktvoll. Mom ist überhaupt gemütlich, Kimberly sehr gewissenhaft und Steph verwöhnt. Dad ist Kunstmaler, überall im Haus in Azusa hängen seine Bilder. Die Garage ist sein Atelier.

    Kim streut mir jetzt vorsichtig Mehl auf den Rücken und auf die Schenkel und Mom gibt mir zwei Aspirin. Ich sinke in mein Bett und beschließe von jetzt an besser aufzupassen.

    Am nächsten Morgen geht es mir tatsächlich schon viel besser, der Sonnenbrand hingegen tut noch entsetzlich weh. Ich soll an diesem Tag nicht ins Freie und nehme zum ersten Mal meine Umgebung wahr. Wir sind in einer Blockhütte, sogar die Betten sind aus Baumstämmen gezimmert. Aber es gibt Strom, fließendes Wasser, einen Herd und einen Kühlschrank in der Küche sowie einen

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