Die Assassinin: Historischer Roman
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Über dieses E-Book
Die Welt im Nahen Osten versinkt im Blut. Die Kreuzritter versuchen verzweifelt, ihre Besitzungen im Heiligen Land zu behaupten, während die Bedrohung durch die Muslime ständig wächst. Sultan Saladin will die untereinander zerstrittenen Franken vertreiben und die Herrschaft über Jerusalem und die heiligen Stätten zurückerobern. Während er eine gewaltige Streitmacht gegen das Christenheer aufbietet, verfolgen die Assassinen unter ihrem Anführer Raschid ad-Din-Sinan ihre eigenen Ziele. Mit seinen Jüngern strebt er in Syrien einen Gottesstaat an und versetzt Christen und Moslems mit aufsehenerregenden Attentaten in Angst und Schrecken. Die auf allen Seiten gefürchteten "Gotteskrieger" nehmen dabei den eigenen Tod bereitwillig in Kauf …
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Buchvorschau
Die Assassinin - Alexandra Cavelius
TEIL I
DAS HEILIGE
LAND
Wer hungert, geht dahin, wo reichere Ernten eingebracht werden
KAPITEL 1
Im Jahr des Herrn 1192: Drei Jahre und eine Ewigkeit später
Der Alte vom Berge hat mir im Namen Gottes das Handwerk des Tötens beigebracht. »Damit sich deine Seele beruhigt«, hatte er mir als Lohn versprochen. Damals erschien mir sein Geheimorden faszinierend wie eine kostbare Perle, fest verschlossen in einer Muschel am finsteren Meeresgrund. Als müsste ich nur lang genug die Luft anhalten und tief genug tauchen, um sie ans Licht zu holen. Das wäre meine einzige Rettung, nur so könnte ich meine Freude wiedererlangen, war ich mir sicher.
Seitdem ich auf der Welt bin, habe ich so viele Menschen qualvoll sterben sehen. Meine eigene Mutter haben sie vor meinen Augen vergewaltigt und erdrosselt … Ich dachte immer, dass es nichts Schrecklicheres gäbe als das. Doch das Geheimnis, das ich in diesen schwärzesten Tiefen entdeckte, ist grausamer als alles, was mir in meinem kurzen Leben bisher widerfahren ist.
Wer kann sich den Schmerz vorstellen, der in einem tobt, wenn eine Klinge das Fleisch durchbohrt? Entsetzlich ist das! Dabei war ich selbst es, die den Dolch geführt und die Todesschreie gehört hatte. Schreie wie diese vergisst man nicht. Ich habe in ihre Gesichter gesehen. Ihre verzerrten Münder. Die weit aufgerissenen Augen, in denen das Licht erlosch. Diese Bilder von Blut und Tod verfolgen mich. Sie scheinen in mir auf, sobald ich mich setze, und sie hindern mich abends am Einschlafen. Fast jede Nacht renne ich seither in meinen Träumen um mein Leben und wache auf, verzweifelt um Luft ringend.
Ja, ich habe den Teufel selbst kennengelernt. Wo es aber den Teufel gibt, muss auch Gott sein. An diese Hoffnung auf Barmherzigkeit und Vergebung klammere ich mich. Denn ich habe alles verloren, was mir wichtig war. Finsternis ist mein Zuhause. Ach, wie sehne ich mich danach, es wieder zu verlassen.
Ein Ast knackte hinter mir. Ich schnellte herum, zuckte zusammen, als ein Zweig mich streifte. Mit der Hand vor dem tränenden Auge suchte ich das Gestrüpp und die braunen Hügel rundherum ab. War mir jemand gefolgt? War da hinten ein Schatten, wo keiner sein sollte? Nein, nur Vögel und der heiße Wind. Ich hob die Nase wie ein Hund, der Witterung aufnahm. Kein Gestank von Feuer, Blut oder herausgerissenen Gedärmen. Da war keiner außer mir. Ich gehörte zu niemandem, und niemand gehörte zu mir.
Vorsichtig trat ich ein paar Schritte vor, um mir einen besseren Überblick vom Montjoie, dem Berg der Freude, aus zu verschaffen. Von diesem Aussichtspunkt aus nahmen die Pilger aus dem Abendland gewöhnlich zum ersten Mal die Heiligste aller Städte wahr, den Nabel der Welt, und knieten bewegt mit Gottes Namen auf den Lippen auf dem felsigen Boden nieder. Ich aber stand dort oben geduckt wie eine Jägerin, um besser sehen zu können; eine Hand beschirmte das Gesicht, die andere lag nah am Waffengürtel.
Zwischen den Olivenbäumen hindurch erblickte ich den Ölberg, wo Christus Blut geschwitzt hatte und wo einst im Tal das Jüngste Gericht stattfinden sollte. Beinahe jede Gasse kannte ich in dieser Stadt, die nur durch ein kleines Tal getrennt auf zwei Bergen lag, denn dort, wo Christus ans Kreuz genagelt worden war, war ich zur Welt gekommen. Hinter den hohen und dicken Festungsmauern befinden sich die wichtigsten heiligen Stätten der Christen, Juden und Muslime. Welch ein Fluch! Denn nichts weniger als ihre Heiligkeit ist schuld daran, dass diese Stadt zum Schauplatz schlimmster Grausamkeiten verkommen und umkämpft ist wie keine andere. An diesem einzigartig schönen Fleck hielten Mord und Misstrauen einander die Hände wie Geschwister beim Tanz.
Mit zusammengekniffenen Augen blinzelte ich in die hochstehende Sonne. Und für einen kurzen Moment flammten die Bilder vom 28. April im Jahr des Herrn 1192 wieder in mir auf. Jener Nacht, in der das Herz Konrad von Montferrats seinen letzten Schlag getan hatte. Noch einmal sah ich den zukünftigen König Jerusalems mit seinem schweren Körper wie ein loses Kleiderbündel in sich zusammenfallen.
Müde drehte ich den Kopf zur Seite, um mich von diesen Erinnerungen abzuwenden, nahm meinen Turban ab und schüttelte mein schweißnasses rotes Lockenhaar, bis es mir weit über die Schultern fiel. Doch als hätte ich damit meinen Schutz verloren, keiften mit einem Mal Hunderte Stimmen in mir los: »Sünderin! Dafür wirst du büßen!« Mit beiden Handflächen rieb ich mir die Ohren. Davon wollte ich nichts hören und versuchte, das zu tun, was ich einst am besten gelernt hatte: zu einem Stein zu werden.
Doch die Stille um mich herum zwang mich, den lärmenden Vorwürfen in mir zu lauschen. »Wieso ist aus dir der Mensch geworden, der du heute bist? Und bist du morgen schon wieder eine andere?« Eine wie diese Schaustellerinnen auf dem Markt in Jerusalem, die ständig ihre Kostüme wechselten und in die nächste Rolle schlüpften?
Ich sah an meinen weiten Hosen und meinem mit einem Gürtel festgezurrten Hemd herab, die Schultern bedeckt von einem langen dunklen Mantel, der mich vor Hitze wie Kälte schützte. Mit den ledernen Sandalen an den Füßen war dies das Gewand eines muslimischen Händlers. In diesem Augenblick kam ich mir so verrückt und so verloren vor, dass mir die Tränen in die Augen traten. Wenn ich selbst nicht mehr wusste, wer ich war, wie konnte ich dann wissen, wofür ich noch lebte? Ich ließ mich auf den Boden sinken.
»Du bist etwas Besonderes«, hatte Mutter mir immer mit vor Stolz glitzernden Augen gesagt. Ja, ich war anders. Anders als die Hälfte aller Heranwachsenden, denn ich hatte das 17. Lebensjahr überlebt. Anders als die überwiegende Mehrheit der verarmten Bauern und Handwerker, die für eine winzige Minderheit wie mich schufteten, denn ich stammte aus einem alten Adelsgeschlecht. Am Hof des aussätzigen Königs hatte ich lesen und schreiben gelernt und sprach Arabisch, die Lingua franca der Wissenschaft, genauso gut wie Französisch und Latein. Gebildete Mädchen waren eine Ware, die man hervorragend gegen ein anderes Gut eintauschen konnte.
»Eine wie dich muss Gott lieben«, davon war Mutter überzeugt. Warum Gott so grausam sein musste, das habe ich nie verstanden. Vielleicht hatte meine Mutter Ida deshalb eine so enge Bindung zu mir, weil ihr immer gegenwärtig war, dass sie mich jeden Augenblick verlieren konnte.
Ida selbst hat ja noch weiche Gesichtszüge gehabt, als sie mich mit 13 Jahren zur Welt gebracht hatte. Sie hätte sich besser mehr um sich selbst sorgen sollen, dann wäre sie nicht so brutal aus dem Leben gerissen worden. Von Männern, von denen sie glaubte, sie könne sie dank ihrer Schönheit und Schlauheit beherrschen. Von Rittern, die von Ehre, Tugenden und der Größe Gottes daherfaselten. Für mich war Ida stets nicht nur Mutter, sondern zugleich beste Freundin und große Schwester gewesen.
»Ich weiß gar nichts mehr«, murmelte ich und legte gequält den Kopf in den Nacken. Ja, früher, da hatten solche Gedanken mich nicht geplagt. Da war ich mit großem Gottvertrauen einfach auf der Welt gewesen, ohne den Sinn zu hinterfragen. Ich schniefte kurz und verzog sogleich die Lippen. Wie erbärmlich! Ich war doch kein kleines Kind mehr! Als ich mich hochrappelte, spürte ich den Dolch an der Seite. Ja, genau jenen Dolch! Das Blut, das daran klebte, hatte ich vor Wochen im Fluss abgewaschen. Da wurde mir mit einem Mal klar, wozu ich aus diesem Albtraum wieder erwacht war, mit einem Geschmack voller Bitterkeit auf den Lippen, einem Herzen voller Enttäuschung und einer Seele voller Zorn. Ich würde es wieder benutzen, mein Mordwerkzeug. Schon bald, das wusste ich genau. Ja, dies war es, was ich wollte. Ich wollte weiterleben, obwohl ich meinem Großmeister zuvor noch meine Seele versprochen hatte. Ungehorsam aber bestrafte Raschid ad-Din-Sinan mit dem Tod. Meine Brüder waren mir längst mit ihren Dolchen im Gewand auf den Fersen.
Hätte ich nur diesen Irrgarten gar nicht erst betreten! Nur ein Gedanke gab mir Halt: »Der einzige Weg, deinen Feinden zu entkommen und dir selbst zu verzeihen, führt durch die Geschichte deiner Vorfahren.« Mutter hatte mir dies oft als Ratschlag mitgegeben, wenn ich traurig war und keinen Ausweg sah. »Erst wenn du weißt, welche Kämpfe deine Eltern und Großeltern gewonnen und – mehr noch – welche sie verloren haben, wirst du dich selbst besser verstehen und wehren können.«
Dieser Gewissheit treu, vertraute Mutter mir alles an. Wirklich alles, selbst wenn ich es gar nicht hören wollte und mich wehrte: »Nein, Ida! Nicht darüber reden! Nein!« Manchmal zog sie mir sogar die Hände von den Ohren. »Du musst das aushalten, hörst du?«, flüsterte sie warnend. So kam es, dass ich schon mit Milchzähnen im Mund kapiert hatte, dass es Männern vor allen Dingen darum ging, andere zu bezwingen und Frauen wie einen Acker zu pflügen. Und kaum hatte ich das geschluckt, stellte Ida mir jene Frage, die ich am meisten hasste: »Willst du wissen, wo du herkommst?« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein, nein«, bettelte ich, mein Gesicht fest an ihre Brust gepresst. »Nicht diese Geschichte, das macht mir Angst.« Doch jedes Mal fing sie von vorne an zu erzählen …
Ich zwang mich, diesen Erzählungen in meinem Kopf erneut zu lauschen, um mich endlich von den Rätseln, die mich quälten, frei zu machen. Ida hatte oft so klug gesprochen, aber meist genau entgegengesetzt gehandelt. »Nur was du erkennst, kannst du auch heilen …«
Jetzt aber war sie tot, und ich kämpfte allein ums Überleben. Entschlossen machte ich mich daran, noch einmal alles abzuschreiten, jeden Schritt meines Weges, ganz von vorne beginnend …
KAPITEL 2
Auf der Suche nach Erlösung und einem besseren Leben
»Im Abendland liegen deine Wurzeln.« Darüber berichtete Ida mir an den langen Winterabenden meiner Kindheit, die mit der Wiedereroberung Jerusalems durch die Sarazenen im Jahr 1187 mit einem Schlag endete. Wenn in unserer Kemenate der Kamin knisterte und sich die anderen Räume der Burg in dunkle, kalte Verliese verwandelten, faltete Mutter ihre blassen Hände ineinander, unter deren Haut sich die blauen Adern abzeichneten, und hauchte den Namen der Stadt, in der unsere Ahnen noch heute lebten, wie ein Zauberwort dahin: »Venedig.« Gerade so, als wolle sie die Magie dieses Ortes wahren und nicht durch unnötigen Lärm vertreiben.
Venedig. Unwirklich und fern wie ein längst vergangener Traum klang das für mich. Ida hatte, wie ich, kein anderes Leben als das jenseits des Meeres kennengelernt. Im Outremer: im Land der heißen Winde, Wüsten und Oasen. Wo sich die Kreuzritter, nach dem ersten Kreuzzug im Jahr 1099, vor allem entlang der Küste angesiedelt und die Grafschaft Edessa, das Fürstentum Antiochia, die Grafschaft Tripolis sowie das Königreich Jerusalem gegründet hatten.
Es war die Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Reichtum und Erlösung, die die Menschen aus dem von Dürren und Hunger gebeutelten Westen in den blühenden Osten getrieben hatte, denn hier im Morgenland lag der Mittelpunkt von Handel, Kunst und Kultur. Und so wurden aus armen Vasallen reiche Landbesitzer und aus niederen Rittern mächtige Herrscher. »Wer hungert, muss dahin gehen, wo reichere Ernten eingebracht werden«, fand Ida.
Die Muslime aber sammelten sich unter Imad ad-Din Zengi, dem Gouverneur von Mossul, dem man wegen seiner Grausamkeit nachsagte, dass die Menschen allein bei seinem Anblick tot umfielen, und eroberten das isoliert liegende Edessa im Norden zurück. Der Zweite Kreuzzug im Jahre 1147 endete schmachvoll für die Christen. Wie geprügelte Hunde schlichen sie sich in ihre Burgen zurück, ohne dass es zu einer größeren Schlacht gekommen wäre.
Wer im Outremer Macht und Land erringen wollte, musste Menschen wie Opfertiere mit dem Schwert zerteilen, Männer kastrieren, Köpfe in Jauche ersticken … Mein Großvater hatte im Königreich Jerusalem nicht nur Ruhm und Ansehen erworben, sondern auch ein Eheweib mit entsprechendem französischem Stammbaum aus der königlichen Familie. Mit dieser Frau hatte er sich einen der heiß begehrten Plätze direkt in der Schlangengrube bei Hof gesichert, denn nur dem innersten Kreis war ein regelmäßiger Kontakt zum König gewährt.
Während außerhalb der Mauern das Blut den Boden schwarz verfärbte, verstarb meine Großmutter auf dem Tempelberg, dem höchsten Punkt Jerusalems, im Königspalast, zwischen Wonnen und Luxus, Klatsch und Intrigen – am Kindbettfieber. Ida war neun bei ihrer Beerdigung. Nach all den Ungeheuerlichkeiten, die Großvater am Nil im Kampf Mann gegen Mann überstanden hatte, hauchte er wenig später wegen eines kleinen Dornenkratzers, der Wundbrand auslöste, sein Leben aus.
Am Ende blieb in unserer Familie ein zierliches Mädchen von hohem Stande übrig, gemalt wie die Schönheit auf einer Ikone in der Grabeskirche, unwirklich und auf goldenem Grund. Wie ein wunderschöner Bote aus einer anderen Welt, die nichts über das verriet, was dahinter war.
In den Augen der Muslime glich unsereiner gemeinhin »Barbaren mit Kreuzen auf der Kleidung, die erst im Orient gelernt hatten, ein Stück Seife zu benutzen«. Nach Jahrzehnten aber waren wir – nicht nur im Herzen – längst mehr Orientalen als Abendländer. Doch für die Einheimischen blieben wir alle »Franken«, egal, ob Deutsche, Engländer, Italiener oder Franzosen. Die Sarazenen, wie wir im Gegenzug alle Muslime in denselben Topf warfen, verunglimpften unsere christlichen Pilger als »Aasgeier der Schlachtfelder«. Und das mit gutem Grund: Vom Hunger getrieben, schnitten die Ärmsten der Armen aus den Gesäßen der ermordeten Sarazenen die besten Stücke heraus und verschlangen diese in ihrer Gier noch halb roh. Doch die Anhänger Allahs vergaßen dabei ihre eigenen Gräueltaten. Für die meisten Menschen hier im Outremer war die Bestialität immer nur der Fehler der anderen.
Fortwährend gab es im Heiligen Land unter den Machthabern blutige Kämpfe um Grenzen oder knappe Güter. Die Uneinigkeit des christlichen Adels sowie unter den muslimischen Anführern gereichte dabei stets zum Vorteil des jeweils anderen. Gemeinsam waren wir nur in einem einig, dass es alleine einen Weg gab, und der führte aufs Schlachtfeld, wo bald gespaltene Schädel, gebrochene Oberschenkelknochen und von Schwertern zersplitterte Rippen unserer Väter und Brüder ineinander verhakt die Erde bedeckten.
All dies geschah rund um mein über alles geliebtes Jerusalem, dessen prachtvoller Schlossgarten im Sommer erfüllt war vom Duft süßer Blüten und vom Zirpen der Zikaden. Hier klang das Blätterrauschen wie ein Flüstern, brach das Sonnenlicht honiggelb durch die Feigenbäume und duftete die Luft im Herbst nach feuchter Erde.
Erst war es nur spürbar wie ein kleiner Spalt, der immer breiter wurde; am Ende aber sollte in dieser Stadt Davids die alte Ordnung des Landes in sich zusammenstürzen. Uneinigkeit, Machtstreben und Gier unter den einzelnen Anführern nährten den Hass. Und aus ebendiesem Hass erwuchsen die Assassinen. Geschickt spann der Alte vom Berge sein Netz über dem in sich zerrissenen Reich. Er schickte seine Handlanger über hohe Gebirge und in weit entfernte Länder, lenkte sie wie an unsichtbaren Schnüren, damit sie, im Namen Allahs, jeden aus dem Weg räumten, dessen Lebensweise ihm verhasst war.
Meine Heimat befand sich genau dort, auf dem geweihten Boden Palästinas. Sie war Paradies und Hölle zugleich.
KAPITEL 3
Die schönsten Frauen lebten am Hof in Jerusalem
Nirgendwo, so schwärmten Sarazenen und Franken gleichermaßen, gäbe es hübschere Weiber als am Hof von Jerusalem. Dort glichen die Frauen den Rosen im Garten des Königs. Meine Mutter Ida war elf Jahre alt, als sie begriff, dass die Welt von Männern wimmelte, die sich für ihren Körper interessierten.
Damals war sie eine zarte Gestalt mit hüftlangen Locken sowie knospenden Brüsten, deren Kleiderschleppe über den Boden wischte, die versuchte, so schnell wie möglich erwachsen zu werden. Ihr Schmollmund und verführerischer Augenaufschlag standen im Gegensatz zu ihrem kindlichen Gesicht, sodass die Augen der Betrachter fasziniert an ihr hängenblieben. Dabei beutete Ida sich selbst genauso gnadenlos aus, wie es die anderen Edelleute bald mit ihr taten.
Vielleicht war Mutter wegen dem, was die Männer mit ihr gemacht hatten, so verletzt, so erfüllt von der eigenen Ohnmacht, dass sie mit ihrem ständigen Reden, Tanzen und Singen in Wirklichkeit die Macht über ihre eigene Geschichte zurückerobern wollte. Vielleicht wollte sie sich auch von der Scham befreien, die zäh wie Pech auf ihrer Haut klebte, oder sie erhoffte sich mit ihrem Erzählen, mir eigene unangenehme Erfahrungen zu ersparen. »Aus dem Scheitern lernen wir unsere Lektionen des Lebens«, war sie sicher, »nichts kommt leicht, für niemanden.«
Mutter hat mir ihre Vergangenheit so genau geschildert, dass ich das Gefühl hatte, die ganze Zeit wie eine unsichtbare Beobachterin dabeigewesen zu sein. Und manchmal denke ich, dass es mich dabei mehr gegraust hat als sie. Vielleicht nahm mich das so mit, weil sie sich ihrem Schicksal hingegeben hatte wie ein Lamm dem Löwen. »Ja, Ida, zeig ihm deinen Hals, damit er hineinbeißen kann. Zeig ihm, dass du keine Gefahr bist!«, habe ich mir so oft klammheimlich gedacht und mich für die Feigheit meiner Mutter geschämt. Dabei hatte sie, wenn ich es mir mit dem Wissen von heute überlege, gar keine andere Möglichkeit gehabt.
Von ihr habe ich so viel gelernt. Über das Überleben, den Kampf und die Hingabe. Sie war lange Jahre mein Vorbild. Heute weiß ich, dass sie sich wie eine Dirne verkauft und ihren Körper wie eine Waffe benutzt hat. Als meine Brüste zu reifen begannen, entschied ich mich für den Dolch. Doch niemals wäre ich zur Mörderin geworden, ja niemals überhaupt entstanden, hätte nicht mein Erzeuger im Jahr des Herrn 1162 am Totenbett seines älteren Bruders gesessen, eben jenes Balduin III., der als fünfter König Jerusalems in die Geschichte einging. Die Leute munkelten, sein Leibarzt habe ihn mit seiner Medizin umgebracht.
KAPITEL 4
Von Inzest, einem Lustmolch und einem elf Jahre alten Mädchen
Unmittelbar nach Balduins Tod lagen der Klerus und der Hochadel meinem Vater Amalrich in den Ohren. »Die Krone erhaltet Ihr an seiner Stelle nur, wenn Ihr Euch zuvor von Eurem Weibe trennt.« Die Sorge der Fürsten war nämlich groß, dass Amalrichs habgierige Frau sonst auf ihre Kosten die Macht der eigenen mittlerweile fast besitzlosen Familie in Palästina ausbauen könnte.
So kam es, dass das Hochgericht Vaters erste Ehe mit der 18 Jahre alten Agnes von Courtenay, einer Cousine dritten Grades, wegen Inzest annullierte. Diese Ausrede war beliebt und wurde vielfach benutzt, wenn andere Interessen schwerer wogen, weil sie von der Kirche fast als einziger Trennungsgrund anerkannt wurde.
Zwar war in dieser kleinen Gemeinschaft der abendländischen Herrscherhäuser mangels Auswahl ohnehin jeder mit jedem irgendwie verwandt, denn die Blutsbande sollten das Beziehungsgeflecht der Adeligen zusammenhalten. Doch diese Nähe machte das Leben für alle Beteiligten nicht leichter, da nirgendwo gnadenloser gestritten wurde als in den eigenen Familien.
Als neue Braut kam meinem Vater die 9-jährige Maria Komnena, byzantinische Prinzessin und Großnichte Kaiser Manuels I. Komnenos, sehr gelegen, da er ohnehin plante, engere Bande zu Byzanz zu knüpfen und so die Griechen für den Kampf um die Vorherrschaft am Nil zu gewinnen. Denn wer immer das reiche Ägypten beherrschte, dem würde sich die ganze Region unterwerfen, darauf spekulierte er. Das Mädchen war zudem bekannt für seine Schönheit, seinen hellen Hautton und die samtenen Rehaugen mit bernsteinfarbenen Tupfern. Da sie laut Gesetz erst mit zwölf Jahren als reif für die Ehe galt, vertröstete sich der alte Lustmolch derweil mit anderen Gespielinnen.
Im Jahre 1167 feierte Vater schließlich seine zweite Hochzeit. Die liebreizende, blutjunge Braut Maria Komnena brachte als Morgengabe die Stadt Nablus mit in die Ehe, auch »kleines Damaskus« genannt. Verbittert zog sich unterdessen seine geschiedene Ehefrau Agnes von Courtenay vom Hof zurück. Seit ihrem achten Lebensjahr wurde sie von einem Mann zum nächsten herumgereicht wie ein Bierkrug und glaubte doch, den Thron wie keine andere verdient zu haben. Die zwei gemeinsamen Kinder und Thronerben, meine Halbgeschwister Balduin und Sibylle, ließ sie am Hof bei unserem Vater Amalrich zurück – einem Mann, der auch in seiner zweiten Ehe nicht ausgelastet war.
Das frisch getraute Königspaar verband nämlich weniger die Zuneigung als die gegenseitigen Verpflichtungen. Ihre Wege im Ehebett kreuzten sich nur so oft, wie es nötig war, um Nachwuchs zu zeugen. Nur kurz hörten die Lauscher vor der Tür das Gestell auf den geschnitzten Leopardenbeinen quietschen, und schon war es wieder vorbei. Ohnehin verbrachte Maria Komnena viel Zeit mit ihren Verwandten, war häufig auf Reisen und lebte in ihrem eigenen abgeschotteten Geviert bei Hof.
König Amalrich hingegen war meist in seinem großen Reich unterwegs und überwand auf beschwerlichen Ritten in kurzer Zeit weite Strecken, wobei sich die Ziele von einem Augenblick auf den anderen ändern konnten. Doch wohin es ihn auch trieb: allerorten nur Jammer, überall Totenklage. Amalrich durchquerte Sümpfe und Wüsten, zog an schneebedeckten Bergen vorbei und ließ die Felder verräterischer Tempelritter in Brand stecken, die sich mit seinem ärgsten Feind Nureddin verbündet hatten. Er war der Sohn und Nachfolger des brutalen Zengis, Herrscher der türkischen Dynastie der Zengiden in der nördlichen Levante, dessen oberstes Gebot die Rückeroberung des Landes war.
Fand sich unser mächtigster Mann des Landes danach wieder in Jerusalem ein und durchquerte gemessenen Schrittes die Burghalle, wo die Luft am kühlsten und duftigsten war, drehten sich alle nach ihm um. Die Frauen sanken neben den hohen Fenstern, die strahlendes Licht einließen, zum Hofknicks nieder, und die Männer verneigten sich tief. Vater führte wohl bereits neun Jahre lang das Zepter, als er eines Tages den Blick über die gebeugten Rücken und die hinter Fächern halb verborgenen Gesichter wandern ließ, wo sie an einem Mädchen mit langem rotem Lockenhaar hängen blieben. »Wer ist sie?«, erkundigte er sich bei einem seiner Pagen.
Ida war damals gerade einmal elf Jahre alt. Der König aber war mit sechsunddreißig Jahren mehr als dreimal so alt wie sie. Er funkelte das hübsche Mädchen an, das tief geschmeichelt zurücklächelte. Das blieb auch den Blicken der Hofdamen, Hofmeisterinnen und anderen Höflinge nicht verborgen. »Erfreue ihn mit deiner Anwesenheit!«, gaben sie Ida in ihren raschelnden Seidengewändern mit auf den Weg und schoben sie in die Nähe des Königs, wenn er erschöpft von einer Belagerung zurückkehrte.
KAPITEL 5
Festmahl mit Jagdfalke
Jerusalem glich einer winzigen Trutzburg inmitten einer schier unendlich scheinenden feindlichen Umgebung. Dort verbarrikadierten sich die Unseren hinter immer höheren Mauern, beschützt von immer gefährlicheren Waffen. Am Hof aber feierten die Adeligen genauso leidenschaftlich, wie sie übereinander herzogen, als könnten sie so ausblenden, dass sie auf einem brodelnden Vulkan hausten.
In ihrer kärglich eingerichteten Kemenate saßen eines Tages die Frauen und Mädchen auf hölzernen Bänken und Hockern über ihren Stickrahmen gebeugt, als sie um die Mittagsstunde durch ein Klopfen unterbrochen wurden. Ein Bote trat ein und verbeugte sich. Mit Blick auf Ida sagte er: »Der König will Euch mit an der Festtafel sehen!«
»Mich?« Ida mochte es kaum fassen, suchte fragend den Blick der alten Hofdame Agate, die sie mit einer schnellen Handbewegung aufscheuchte. »Geh schon! Der König ruft!« Agate strich ihr noch die Haare und das Kleid glatt und ermahnte sie: »Lauf nicht so schnell!«
Sonst nahmen die Mädchen stets gemeinsam mit den anderen Frauen im großen Palas an Festen und Gelagen teil. An diesem besonderen Tag waren jedoch nur wenige Auserwählte zu einem kleineren Festmahl im ersten Stock geladen. Welch große Ehre! Aufgeregt folgte Ida dem Boten in den vom Rauch geschwängerten Speisesaal. Im Abstand von vielleicht zehn Fuß standen Wachen in Kettenpanzerhemden und eisernen Helmen vor den prächtigen Wandteppichen, als wollten sie den Raum wie ein Bild umrahmen.
Der Truchsess, den Stab in der Hand, geleitete sie zu ihrem Platz an einer der fünf Tafeln. Sie waren nur auf Holzböcke aufgelegt, damit sie nach dem Fest rasch wieder verräumt werden konnten. Leuchter und Wachskerzen erhellten den Raum, sodass das silberne und goldene Tafelgeschirr im Flackern der Flammen funkelte. Musikanten sorgten für gute Stimmung. Und Ida sank tief in die gestickten Kissen ihres Stuhles.
Auf einem Podest zeigte sich Amalrich unter dem königlichen Baldachin in bester Laune, denn ein gutes Essen war nichts wert, wenn das Gesicht des Gastgebers in Trübsinn erstarrte. Neben ihm saß seine zweite Ehefrau Maria Komnena, allerdings mit seltsam starrem Gesichtsausdruck, in dem das Lächeln festhing, als hätte es jemand mit ungeübter Hand hineingenäht.« L-lasst es euch schmecken!«, forderte Amalrich seine Gäste auf und wischte sich den Wein aus dem blonden Vollbart. Als er in Idas Richtung blickte, neigte sie schüchtern den Kopf zum Gruß.
Mit vorrückender Stunde erfüllte immer lebhaftere Unterhaltung den Saal, und allmählich wagte Ida es, den Blick etwas höher zu heben, wobei ihr die eifersüchtig verengten Augen mancher Hofdamen nicht entgingen. Während einige Ritter lachend derbe Zoten rissen und andere sich schimpfend in den Haaren lagen, erwies sich der König als wortkarg, was möglicherweise seinem Sprachfehler geschuldet war.
Die Diener schenkten unermüdlich Wein aus, trugen in unzähligen Gängen auf großen Platten mit silbernen Füßen süße Früchte, Lammbraten, würzige Saucen, dazu Kichererbsen und andere Köstlichkeiten auf. In aufrechter Haltung, wie es sich gehörte, nahm Ida zwischen Daumen und Zeigefinger eine Dattel, trank vom Wein und spürte allzu schnell seine Wirkung. »Iss nicht vom Schwarzbrot, bevor der erste Gang auf den Tisch kommt, sonst hält man dich für unbeherrscht«, folgte sie beflissen den Belehrungen der Hofdame Agate, die sie unaufhörlich im Ohr hatte. »Nicht die Ellbogen aufstützen! Den Blick stets zum ranghöchsten Mann an der Tafel richten.« Bemüht um das beste Benehmen, nahm sie neben sich den Geruch eines etwa dreißigjährigen alten Ritters mit gestörter Verdauung wahr und lächelte ihm süßlich zu.
Immer wieder schenkte der Diener den Kelch voll, und ihr Tischnachbar forderte sie jedes Mal zum Trinken auf. Ida wollte vollendet und höflich sein und nippte prompt zu oft am Wein. Ihre Augen zum König, aber nie direkt in sein Gesicht gewandt, folgte sie Amalrichs Bewegungen, während ihr allmählich etwas schwindlig wurde.
Schmatzend spießte Amalrich mit dem Messer ein Stück Fleisch auf, wendete sich kurz nach hinten vom Tisch ab und spuckte ein zähes Stück Fett aus, auf das sich sogleich seine Hunde stürzten.
Im nächsten Augenblick schaute Ida einer Nachtigall hinterher, die ein Knappe auf Geheiß des Königs zur Unterhaltung aller Anwesenden aus dem Käfig freigelassen hatte. Dann zog Amalrich dem dressierten Raubvogel, den sein Diener ihm auf seinem ledernen Ärmel abgesetzt hatte, die Haube vom Kopf. »Ohhh!«, riefen die Leute voller Vorfreude, denn sie erwarteten, sein mörderisches Talent kennenzulernen.
Hoch hinauf schoss der Falke zur gedrechselten Holzdecke und wieder steil hinunter zur Tafel, während die Nachtigall unter dem Gelächter der Gäste in Panik gegen den Wandteppich prallte. Und obwohl ihr die Nachtigall leidtat, wollte Ida zu gerne sehen, wie der Falke sie nach dieser halsbrecherischen Jagd mit seinen Krallen packte.
»G-gleich hat er ihn!« Amalrichs Stimme war voll der Bewunderung. Schon stürzte der Raubvogel mit einem spitzen Aufschrei im Steilflug herab. Im nächsten Augenblick regneten Federn und Flaum auf den stark gepfefferten Hasenbraten, und während Maria Komnena an seiner Seite weiter seltsam abwesend in die Ferne starrte und die Gäste genüsslich an ihren Knochen nagten, zupfte der Raubvogel mit seinem scharfen Schnabel der Beute die Gedärme aus dem Bauch.
Ida war der Hunger vergangen, und so nahm sie – entgegen Agates Belehrungen – noch reichlich vom Wein, der das Dasein so herrlich schwebend und so leicht machte. Da das Schauspiel zu Ende war, ermunterte der Tischnachbar sie: »Erzählt von Eurem Leben bei Hof.« Fast vergaß Ida, das Gekaute herunterzuschlucken. Obwohl sie wusste, dass es als charmant galt, wenn Frauen gepflegte Konversation betrieben, schnatterte sie unbedacht wie eine Elfjährige daher, ahmte die Mägde im Hof beim morgendlichen Ausspülen des Nachtgeschirrs nach und schnitt Grimassen dabei.
Der König beobachtete sie und lachte, bis die Falten über seiner dunkelroten Tunika am Bauch wie Wellen auf hoher See schaukelten. Geschah das etwa ihretwegen? Maria Komnena musterte das rothaarige Mädchen, als sei sie soeben aus leichtem Schlummer erwacht und als wäre ihr bei ihrem Anblick etwas Rettendes eingefallen. Nur was das war, das ahnte Ida nicht.
Aufgekratzt hüpfte sie am Abend durch die Wehrgänge des Davidspalastes zurück, der eher einer verwinkelten Festung als einem prächtigen Palast glich und an dem bereits Herodes der Große seine Baumeister beschäftigt hatte. Vorbei an den Wachen mit dem Wappen des Königs auf den weinroten Waffenröcken, unter den torbogenartigen überdachten Treppenabsätzen und offenen Treppen hindurch, die die unterschiedlich großen sandfarbenen Quaderbauten miteinander verbanden, bis sie keuchend die knarrende Holztür aufstieß, die zu den anderen Mädchen und Frauen führte, wo sie umgehend ihre Handarbeit wieder aufnahm.
Alle Augen waren neugierig auf sie gerichtet, aber Ida tat beim Einfädeln des Fadens so konzentriert, als ob sie nichts davon bemerkte. »Was hat der König gesagt?«, platzte da ihre Freundin Sophia heraus und warf den blonden Zopf schwungvoll nach hinten auf den Rücken. »Nichts«, meinte Ida mit leicht verwaschener Stimme und hob, selbst noch über das Geschehene überrascht, ihr rundes Kinn, »mein Tischnachbar wollte nur ständig, dass ich trinke und erzähle.«
Nun konnten auch die anderen ihre Neugierde nicht mehr zurückhalten. »Und? Was hast du erzählt?« Wieder redete Ida enthemmt und frei von der Leber weg, und alle Zuhörerinnen platzten vor Lachen laut heraus, außer eine der Gräfinnen, die ihre dünnen Lippen pikiert aufeinanderkniff. »Wer spricht schon über Nachttöpfe, wenn er beim Festmahl des König ist?!«
Doch selbst die dicke Hofdame Agate klopfte sich die Schenkel. »Nur unsere Ida macht so etwas!«
Bevor Ida tags darauf ihr mit weißen Blumen besticktes Übergewand überstreifte und erneut dem Boten zum König folgte, um dort mit anderen Mädchen zu tanzen, gab Agate ihr noch einen Ratschlag mit auf den Weg: »Dreh und wende dich so vor dem König.« Sie machte es ihr noch einmal vor und wiegte sich in der Hüfte, was ihr trotz ihrer Leibesfülle mit großer Eleganz gelang.
Wie werden die Frauen wohl hernach die Köpfe zusammengesteckt haben? Bestimmt warf die schmallippige Gräfin die Frage in den Raum: »Was will der König bloß von einer wie ihr?« Und eine andere gab kichernd zurück: »Seinen Spaß. Was sonst?« Und die alte Agate wird den Kopf gewichtig hin und her gewogen haben. »Welchen Mann wird Ida wohl am Ende einmal abbekommen?«
Nein, tauschen wollte wohl keine mit ihr, einem adeligen Waisenmädchen, von deren Land und Gut sich einige Edelmänner längst die besten Stücke unter den Nagel gerissen hatten. Im Königreich verlor jeder sämtliche Rechte auf seinen Besitz, der ihn über ein Jahr lang verlassen hatte. Um neue Siedler anzulocken, galt, dass derjenige, der ein verlassenen Haus oder einen Weinberg ein Jahr lang bewirtschaftete, der rechtmäßige Eigentümer war. So hatte Ida alles verloren, was ihre Eltern einmal für ihre Nachkommen in Jericho aufgebaut hatten.
KAPITEL 6
Lauf, so schnell du kannst!
Diese Einladungen wiederholten sich anlässlich besonderer Feste. Manchmal waren Ida die Blicke des Königs dabei fast unheimlich. Sobald Maria Komnena nicht an seiner Seite weilte, was oft der Fall war, tasteten seine Augen ungeniert von oben bis unten über ihre perlrosa schimmernde Haut. Dann erstarrte Ida zur Salzsäule, um im nächsten Moment mit einem Lächeln zu antworten, denn alles andere wäre unschicklich gewesen. Doch selbst die Hände des Königs verhielten sich anders als die Hände anderer Leute.
Seine von der Gicht knotigen Finger strichen ihr unter den Palmen im Hofgarten unverhofft über die Wangen, und seine vollen Lippen kamen ihr zuweilen so nah, dass sie seinen schlechten Atem roch. »L-l-lauf, Ida!«, schickte er sie dann weg. Und dabei blickte er sie so ernst an, dass es ihr vorkam, als habe er gesagt: »Lauf, Ida, so schnell du kannst, und komm nicht mehr zurück.« Doch er rief immer wieder nach ihr, und sie kam immer wieder zurück zu ihm.
An der Tafel wiederum saß Ida immer öfter so, dass der König ihr direkt in die Augen blicken konnte. Im flackernden Licht der Fackeln spielten die vornehmen Leute zu vorgerückter Stunde noch Brettspiele, schlugen sich den Ranzen bis zum Anschlag voll und tranken sich gegenseitig beim Harfenspiel unter den Tisch. Der König hingegen mied Völlerei und Trunksucht, verhielt sich maßvoll und selbstbeherrscht, wie es sich für jeden guten Christen geziemte. Nichts verachtete er mehr als verweichlichte und von übermäßigem Wohlleben erschlaffte Männer, die aus seiner Sicht nichts von Ehre und vom Kriegswesen verstanden.
Von der Taube auf seinem Teller biss er höchstens dreimal ab, das war dem König genug. Und er zeigte sich bei Tisch weniger interessiert an Weib und Wein als an den Geschichten, die ihm arabische und jüdische Händler aus fremden Ländern berichteten. Warum er trotzdem so fett war, begriff Ida erst, als sie ihm näherkam.
Amalrich ließ sie eines Tages zu sich in seine privaten Gemächer bringen und schickte seinen Lakaien davon. Ida fühlte sich unwohl, denn es war unziemlich für eine junge Frau, sich unbegleitet in Gesellschaft eines Mannes zu bewegen. Von da an aber geschah es öfter, dass er sie zu sich rief, und bei diesen Gelegenheiten türmten sich vor ihm auf dem Tisch die Speisen. Voller Heißhunger verschlang der König gebratenes Ochsenfleisch oder Pfau, rülpste laut und spülte mit Wein hinterher, als sei es Wasser. Es schien fast, als habe er wochenlang gefastet. »Das bleibt unter uns«, pflegte er zu seiner Besucherin zu sagen.
Ida wunderte sich jedes Mal wieder über dieses Verhalten. Gedankenverloren blies sie sich eine Locke aus der Stirn. Hatte Agate ihr und den anderen Mädchen doch striktes höfisches Benehmen eingebläut: »Steck nicht ein so großes Stück in deinen Mund, dass die Krumen rechts und links wieder herausfallen, sonst wirst du als Fresser verlacht.«
Doch zwischen Amalrichs Zähnen verschwanden schubweise Unmengen an Nahrung, während er Ida zu seinem Vergnügen tanzen und singen ließ. Und – sie trällerte Lieder, die von Schönheit und Liebe handelten, während sie insgeheim überlegte, wie viel noch in diesen riesigen Wanst passte. War er fertig mit seiner Mahlzeit, reichte sie ihm flugs die Schale mit Wasser und Blüten, als wäre sie sein Knappe, damit er sich die Hände wasche, und trocknete ihm die Finger mit einem Tuch. Manchmal vergaß sie fast, dass dieser Mann der König und nicht ein ewig hungriger Freund war, der nie satt wurde.
Ida spürte sehr wohl, dass er sich für seine Ungezügeltheit schämte, aber trotzdem konnte er beim nächsten Mal wieder nicht an sich halten. Er machte sich sogar über den Kleriker Wilhelm von Tyrus lustig, obwohl er ihn im Grunde genommen tief verehrte. »Oh, die blinde Begierde der Menschen, die schlimmer ist als jedes Verbrechen!«, äffte er das kirchliche Oberhaupt nach, um daraufhin genüsslich seine Zähne ins Fleisch zu bohren, sodass ihm der Saft aus den Mundwinkeln tropfte. »Oh, die frevelhafte Gier und Unersättlichkeit des Herzens!« Und Ida begriff, dass es eine Ehre war, dieses Geheimnis mit dem König zu teilen. Keinen Tag hätte sie länger gelebt, hätte sie sich erlaubt, dies zu vergessen.
Sobald aber Amalrichs Bauch bis zum Platzen gefüllt war und anfing, ihn zu zwicken und zu plagen, was sein schmerzverzerrtes Gesicht verriet, wechselte seine Laune wie der Himmel die Farbe, wenn ein Sandsturm aufzog. Kaum dass Ida es dann noch wagte, zu ihm aufzusehen.
Eines Tages jedoch versperrte er ihr breitbeinig den Weg. Wie er da in seiner vollen Größe vor ihr aufragte, so mächtig, dass er den ganzen Türrahmen ausfüllte, fühlte sie sich klein und unbedeutend wie eine Maus im Sack.
Bange guckte die 11-Jährige ihn an, wie er sich die Lippen leckte, als wollte er auch noch sie zum Nachtisch verzehren. »D-Dreh dich um!«, befahl er, und Ida tat wie ihr geheißen. Von hinten knetete er ihr die Schultern, und seine Finger krochen immer tiefer unter den Stoff ihres Kleides. Verlegen wendete sie den Kopf nach hinten. »G-geh jetzt endlich!«, wiederholte er schroff und trat einen Schritt zur Seite.
Allmählich gewöhnte Ida sich nicht nur an seine Merkwürdigkeiten, sie fand sogar mehr und mehr Vergnügen daran und wurde trübselig, wenn er ihr einmal nicht genügend Beachtung schenkte. Zurückgekehrt zu Agate, schwang sie einmal sogar kokett in ihrem langen Kleid hin und her und ahmte lachend seinen Sprachfehler nach: »D-d-der K-K-König kann nicht genug von mir kriegen«, kicherte sie. »Ich b-b-bin wie eine Sü-sü-Süßspeise für ihn.« »Hat er das gesagt!?« Agate, kräftig wie ein starker Baumstamm, rieb sich zufrieden die dicken Hände. »Bedenke, was das für eine Auszeichnung für dich ist. Er ist der König.«
Agate indessen erfüllte als treu ergebene Dienerin Maria Komnenas ihre eigenen Pflichten. Wusste sie doch, dass ihre Herrin froh war, wenn ihr Gatte mit anderen »Dingen« abgelenkt war. Aus der Verbindung Amalrichs mit der byzantinischen Prinzessin hatte bislang nur die ein Jahr alte Tochter Isabella überlebt. Keiner ahnte, dass sie und die anderen zwei Königskinder aus erster Ehe mit Agnes von Courtenay bald noch mit einem ungewollten Bastard wie mir den Vater teilen sollten.
Durch den König lernte Ida das Rüstzeug kennen, das jede Frau bei Hofe beherrschen musste, und damit waren weder Sticken, Weben, Nähen noch die anderen Tugenden gemeint, in denen sie bereits sehr gute Kenntnisse besaß. Von Amalrich lernte sie, die Gedanken eines Mannes zu lesen, ihm seine Wünsche zu erfüllen, um Vorteile zu gewinnen und ihn so zu manipulieren, dass er am Schluss überzeugt war, selbst auf die Idee gekommen zu sein. Vor allen Dingen aber lernte sie, die Zähne zusammenzubeißen und die Mundwinkel nach oben zu ziehen, selbst wenn ihr eher zum Weinen zumute war.
Noch aber hielt Amalrich sich zurück, bevor er es wagte, seinen Samen in einen verbotenen Schoß zu pflanzen.
KAPITEL 7
In den Falschen verliebt
Tagein, tagaus posierte Ida wie ein dressiertes Hündchen vor dem höchsten Mann im Lande. Für ihre Darbietungen durfte sie so viele süße Pasteten mit gehackten Pistazien und andere Leckereien naschen, wie sie wollte. Eine ganze Weile ging das so – bis der nächste Feldzug nach Ägypten Amalrich vollkommen mit Beschlag belegte.
In den eroberten Städten stürzten seine Kämpfer ins Innere der Häuser. Jeder durfte nach geltendem Kriegsrecht als Eigentum behalten, was ihm als Erstes in die Hände fiel. Die zutiefst Verängstigten, die sich dort versteckt hielten, wurden von den Kämpfern brutal herausgezerrt und einer nach dem anderen erschlagen. Wer überlebte, geriet in Knechtschaft. Nach fünf Jahren Kampf aber gewann Amalrichs muslimischer Widersacher den Wettlauf um die Kornkammer der Region. In Nureddins Reihen hatte sich dabei besonders sein Getreuer und Wesir Saladin verdient gemacht. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass dieser Kurde einst im Gedächtnis der Menschen überleben sollte, als sowohl Amalrich wie auch Nureddin längst vergessen waren.
Im Jahr 1173 jagte der König Jerusalems tagsüber ebenjenen Krieger Saladin – und er blieb lange fort aus Jerusalem, wo es bald so heiß war, dass die Menschen sogar im Schatten schwitzten. In diesen Tagen und Nächten, in denen sich Amalrich bei Mondschein von schwerer Sorge geplagt in einem Zelt nahe des Toten Meeres auf seinem seidenen Bettlaken wälzte, verliebte sich Ida in den gleichaltrigen Fürsten Balduin IV. Ausgerechnet, denn jener Balduin war niemand anders als der Sohn des Königs.
Während vielen Adeligen lesen und schreiben unwichtig war, achtete Amalrich, der selbst nie gelernt hatte, die Buchstaben zu entziffern, bei Balduin auf die bestmögliche Bildung. Er ließ ihn von seinem Geistlichen Wilhelm von Tyrus, den er zudem mit der Aufgabe betraut hatte, die Geschichte des Königreichs aufzuschreiben, in den edlen Wissenschaften und höfischen Sitten unterrichten. Mit zwölf Jahren schließlich war der Junge die hübschere Ausgabe seines stiernackigen Vaters: blond, schlank und hochgewachsen. Tapfer, zwar oft in sich gekehrt, aber sprachlich sehr gewandt. Maß er mit den anderen Jungen seine Kräfte, so übertraf ihn dabei keiner mit dem Schwert an Schnelligkeit und Geschick. »Wofür jeder andere Stunden braucht, um es zu begreifen, benötigt Balduin nur die Zeit, in der ein Falke mit den Flügeln schlägt«, staunten die Leute über seinen wachen Geist. Wenn die Mädchen im Hof vor dem Zimmer kicherten, in dem der junge Thronfolger unterrichtet wurde, schob sein Schulmeister Wilhelm von Tyrus unwirsch das samtene Barett nach hinten, beugte sich zu uns hinunter und äußerte laut sein Unverständnis darüber: »Besser wärt ihr bei den heiligen Schwestern aufgehoben!« Er verstand nicht, warum man das adelige Weibsvolk nicht genauso wie Balduins ein Jahr ältere Schwester Sibylle hinter hohe Klostermauern in Bethanien sperrte. Wieso verpflichtete der König stattdessen extra einen Priester, der sich um den weiblichen Nachwuchs am Hof kümmerte? Mit Beginn der Pueritia, also ab dem siebten Lebensjahr, begann auch deren Unterricht.
Obwohl Mädchen und Knaben danach getrennt aufwuchsen, bekam Ida den jungen Balduin durchaus häufiger zu Gesicht. Zuerst nahm sie an, dass sie im Kopf krank geworden sei, weil ihre Gedanken dauernd um den Königssohn kreisten und es so aufregend war, in seiner Nähe zu sein. Schließlich glaubte Ida, dass es Liebe sein musste, denn am liebsten hätte sie jedes Mädchen umgebracht, das ihn nur ansah oder mit ihm scherzte. Mit offenen Augen lag sie in dem großen Himmelbett auf einer aus Schafwolle geflochtenen Matratze. Ida teilte sie mit drei anderen Jungfrauen, deren Eltern sie zur Erziehung an den Hof geschickt hatten. Ärgerlich stupste sie ihre Freundin Sophia an, wenn diese neben ihr im Schlaf wimmerte, doch der Grund für ihre eigene Schlaflosigkeit lag anderswo. Denn bald war Ida nur noch glücklich, wenn sie Balduin sah. Dieser wiederum schien nur dann selig, wenn er den muskulösen Hals seines schwarzen Araberhengstes tätschelte. Kein Wunder, dass Ida irgendwann sogar auf das Pferd eifersüchtig war. Vom Balkon aus beäugte sie die jungen Männer, die unten auf dem Übungsplatz mit Schwertern auf die aufgebauten Holzpfähle einschlugen, immer abwechselnd von rechts und von links.
Ab dem siebten Lebensjahr sollte der männliche Nachwuchs lernen, Dreck und Blut zu schwitzen und über Schmerzen zu höhnen – und auch beim Sprössling des Königs machte man da keine Ausnahme.
Eines Tages, Ida stellte sich gerade auf dem Balkon verträumt vor, wie Balduin sie küsste, sah er unvermittelt zu ihr auf. Prompt errötete sie, dass ihr Gesicht die Farbe des Kreuzes an seinem Waffenrock annahm.
»Ich habe gewonnen, Ida!« Stolz hob Balduin das mit Gravuren versehene Schwert.
Ida bewunderte, wie er um seinen Gegner tänzelte, während die Hühner gackernd im Hof Schutz suchten und die Tauben aufflogen. In ihrer Versunkenheit bemerkte sie nicht, dass Agate hinter sie trat und mit wissendem Blick erkannte, was vor sich ging. »Der junge Mann gefällt dir wohl.« Ida verfluchte im Stillen ihre Haut, weil sie jede Gefühlswallung verriet, und wendete sich schnell ab. »Halte dich bloß fern von ihm!«, sagte Agate, und ihre Stimme wurde seltsam hölzern, »der Thronfolger ist unheilbar krank.«
»Was fehlt ihm denn?«, stieß Ida ungläubig hervor. »Noch sieht man es ihm nicht an, aber lange wird es nicht mehr dauern.« Agate dämpfte ihren Tonfall. »Er hat die Lepra. Es scheint sich aber nicht um die ansteckende Form zu handeln, doch wer weiß das schon. Gewiss ist nur, dass er nicht mehr lang leben wird.« Entsetzt wich Ida zurück, als könnte die Hofdame alleine durch ihre Worte den Aussatz auf sie übertragen. »Wie kann das sein?«, fragte sie heiser, den Blick fest auf Balduin gerichtet, der mit einem Mal nicht mehr ganz so wunderschön, so makellos, so jung aussah.
»Vor zwei Jahren hatte sein Schulmeister, Wilhelm von Tyrus, schon den Verdacht, aber mittlerweile ist es gewiss«, wusste die Hofdame und holte weit aus, um das Undenkbare zu erklären. »Damals haben die Jungen, nicht anders als heute, ihre Kräfte gemessen und geprüft, wer die größten Schmerzen aushalten könne. Dann begannen sie, sich gegenseitig in die Haut zu zwicken. Immer fester. Der Einzige, der dabei nichts gespürt hat, war Balduin.«
Ida riss die Augen auf. »Er spürte nichts?« »Erst dachten alle, dass Balduin schlicht der Tapferste sei«, fuhr Agate fort, »aber in Wirklichkeit war sein halber rechter Arm abgestorben. Er hätte nicht mal den Biss eines Hundes bemerkt. Wer weiß, wofür er diese Strafe Gottes verdient …«, die alte Hofdame machte ein wichtiges Gesicht.
»Was meint ihr?«
»Seine Mutter Agnes von Courtenay trägt bestimmt die Schuld. In ihrer Klatschsucht hat sie immer Gäste aus aller Herren Welt in den Palast geladen. Wer weiß, welches Unheil die Heiden unter ihnen mit sich hierhergeschleppt haben? Vielleicht zahlt jetzt ihr Sohn die Strafe dafür.«
Lepra? Das waren die verstümmelten Kranken in den schmalen Gassen. Solche, die sich im weißen Siechenmantel, mit weißen Handschuhen und einem großen Hut mit Holzklappern schon von Weitem laut rufend bemerkbar machen mussten: »Unrein, unrein …«, um vor ihrem Aussatz zu warnen. Das waren die Verstümmelten, die sich bevorzugt im Dunkeln versteckten, weil allen vor ihrem Anblick grauste.
»Gott ist furchtbar in seinen Ratschlägen an die Menschenkinder«, wisperte Agate, die sich im sicheren Glauben wiegte, sie habe eine besondere Gabe dafür, dunkle Machenschaften zu durchschauen. »Möglicherweise trägt der junge Balduin das Urteil des göttlichen Strafgerichts auch deshalb direkt in seinem Antlitz, weil er damit für die blutschänderische Ehe seiner Eltern büßt.« Ida fasste sich ans Herz, als habe ihr die Hofdame mit einem Messer einen Stich versetzt. »Das kann nicht sein, das kann nicht sein …« Entsetzt rannte sie davon. Wen wundert, dass Idas Traum von ihrer ersten Liebe zerriss wie ein Stück feingewebter Seide? Liebe, so pflegte sie fortan altklug zu sagen, sei sowieso nur etwas für Minne in Gedichten und Gesängen. Was jedoch kaum einer wusste: Auch in Idas Kopf verstummte die Stimme der Minne nie …
Seit sie von Balduins Erkrankung erfahren hatte, hielt sie zwar Abstand zu ihm, betrachtete ihn aber mit noch größerer Neugierde als zuvor und schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln, sobald sich ihre Augen kreuzten. Und Balduin mochte sie fast wie seine eigene Schwester Sibylle, nach der er sich sehnte, da er sie so gut wie nie zu Gesicht bekam. Ida war schließlich die Einzige, die ihn bei Hofe noch ohne Mitleid ansah. Vielleicht würde er ja doch noch wie durch ein Wunder genesen? Bestimmt würden Einreibungen, Umschläge und die vielen Arzneien, die er schluckte, ihre Wirkung zeigen. Idas Hoffnung versiegte nie.
Wahrscheinlich war es jedoch so: Das Träumen half Ida einfach nur darüber hinweg, die Zeiten zu überstehen, die sie mit Balduins Vater verbringen musste.
KAPITEL 8
Auferstehung: »Der König will dich sehen!«
»Ida, der König will dich tanzen sehen.« Alle Blicke im Handarbeitsraum richteten sich auf sie. »Ich wollte heute eigentlich mit Sophia in die Gärten gehen«, quengelte Ida und legte die Spindel weg. Agate schaute sie mit dem zornigsten Gesicht an, zu dem sie fähig war: »Was denkst du dir eigentlich, du verzogenes Kind! Er ist der König!« Das Mädchen guckte betroffen zu Boden. Ida hielt es nicht aus, wenn jemand böse mit ihr war. Sie wollte doch nur wie all die anderen sein, sich in der Einheit der Gemeinschaft auflösen, so lange, bis von ihrem schimmernden Kern nichts mehr übrig blieb. Natürlich wusste sie, dass es stimmte: Amalrich war der höchste Würdenträger im Lande. Warum aber machte ihn dann alle Welt in der Öffentlichkeit schlecht? Dass er jeden Vorwand nutzte, um seine Untertanen und die Kirchen zu schröpfen. Dass er geldgierig und bestechlich sei, selbst in Saus und Braus lebte, gleichzeitig aber behauptete: »Das Vermögen gehört dem Reich, nicht dem König.« »Geizhals!«, schimpften ihn die Leute in den Straßen, »er hält sein Zeug so fest zusammen wie eine Nonne ihre Arschbacken.« Doch solcherlei Empörung wehte an dem gekrönten Oberhaupt vorbei wie die schlechte Luft der Kloaken, dieser kleinen Rinnen in den Gassen Jerusalems, die überquollen und in denen es faulte und gärte.
Gleichgültig, ob Amalrich sich in seinen Privatgemächern alles anders als königlich benahm, der König war neben Papst Alexander der wichtigste Mann im Staate, denn ihm unterstand die heilige Auferstehungskirche. In letzter Zeit hatte das Oberhaupt des Landes jedoch jedes Mal etwas Seltsameres von dem Mädchen gefordert. Das eine Mal sollte sie beim Tanz den Rock bis zum Knie heben. Dann wieder sollte sie wie ein Hund auf allen vieren über Teppiche und Steinboden kriechen.
»Huch!«, quietschte sie, wenn sie sich mal wieder mit den Füßen in ihrem langen Kleid verfing und fast das Gleichgewicht verlor. Helfend legte der König dann ihr Unterkleid so über ihrem Rücken zurecht, dass er ihre nackten Schenkel besser sehen konnte. »Ida«, sprach er sie unvermittelt an, »g-g-glaubst du an die Auferstehung?«
Verdutzt hielt sie neben einer bemalten Truhe in der Bewegung inne und stützte sich ab. »Natürlich«, erwiderte sie aus tiefstem Herzen, »das Evangelium spricht von der Auferstehung des Fleisches nach dem Tod.« Sie wollte sich bekreuzigen, doch wieder zurück auf allen vieren war das schlecht möglich.
Mit einem Handzeichen schickte Amalrich sie weiter durch den Raum, während Ida überlegte, ob es ketzerisch für einen König war, so eine Frage zu stellen. Doch der mächtigste Mann im Lande konnte, zumindest ihrem Verständnis nach, kein Gesetzesbrecher sein, denn er besuchte jeden Tag die Messe, sofern er nicht in irgendeiner Schlacht einem Ungläubigen den Kopf abschlug, um Gott zu gefallen. Wahrscheinlich wollte Amalrich sie nur auf ihren Glauben hin prüfen.
»G-g-glaubst du, dass Gott gerecht ist?« Der König blickte sie an, als erhoffe er sich von ihr Begnadigung. Ida krabbelte unter dem Tisch hervor und lugte ihm ins Gesicht: »Nichts ist gewisser als das, Eure Hoheit.«
»Mu-muss aber nicht ein Gerechter das Gute mit Gutem und das Böse mit Bösem vergelten?«
»Ja, Eure Hoheit, so ist es.«
»E-e-es ist aber doch bewiesen, dass dies in unserem alltäglichen Leben nicht geschieht. Ei-ei-einige gute Menschen erfahren, trotz ihrer Demut und Frömmigkeit, in diesem Leben nur Widerlichkeiten und Elend. Ma-manche Böse dagegen paradiesische Pracht und Glück. R-rachsucht, Mord und Vergeltung ist für solche Leute alles im Leben.«
Ida nickte verdutzt. »Ja, Eure Hoheit, so ist es.«
»D-d-darum, Ida, muss es im anderen Leben nach dem Tod geschehen. E-es ist nämlich klar, dass Gott dort die Bösen strafen wird.« Ida schmerzten die Knie, aber sie traute sich nicht, das zu zeigen. Der König war jedoch in Gedanken weit fort. Bekümmert rieb er sich den Bart. »U-u-und alleine darum muss es ein Gericht geben, i-i-in dem jeder Mensch vor Gott für seine Taten b-b-belohnt oder bestraft wird.« Amalrich schaute fast ratlos auf seine Hände. »S-s-sonst wäre alles Sein auf dieser Welt sinnlos.«
Brav wie eine Schülerin gab Ida wieder, was sie zuvor vom Priester im Unterricht gelernt hatte. »Ja, und Gott wird die Welt im Feuer untergehen lassen, und nur die Auserwählten werden im Paradies weiterleben.« Und wenn Ida einmal zu reden begann, hörte sie nicht mehr so schnell damit auf. »Sicher erinnert Ihr Euch, Eure Hoheit, wie vor Jahren die Erde gebebt hat?«
Damals war Ida gerade acht Jahre alt gewesen, doch jenes schwere Erdbeben hatte keinen Menschen im Outremer bis zu diesem Tage hin unberührt gelassen. Die höchsten Türme und prächtigsten Häuser, sogar ganze Ortschaften, waren in sich zusammengefallen und hatten die Menschen unter Steinhaufen begraben. Als hätte Gott mit einer Riesenfaust auf alle dreingeschlagen.
Amalrich hob fragend die Augenbrauen und bedeutete ihr, den Gedanken rasch zu Ende zu führen.
»Damals fürchtete jeder Christ genauso wie jeder Muslim den Zorn des hohen Richters und wagte deshalb nicht länger, dem anderen Schaden zuzufügen. So entstand für lange Zeit Friede. Vielleicht muss Gott also erst zerstören, damit danach Frieden entstehen kann?« Ida kam es so vor, als habe sie etwas Großartiges entdeckt, und sie staunte über sich selbst.
Kurz schien Amalrich in der Betrachtung der gewebten Borte seines Übergewandes versunken, bis er spöttisch die Unterlippe vorschob: »N-nun, Ida, we-wenn du an die Auferstehung glaubst, da-dann erhebe dich endlich vom B-boden!«
Noch Stunden später wunderte sich Ida über dieses Gespräch mit dem König und klagte sich selbst dafür an. Hatte Agate ihr und den Mädchen doch beigebracht: »Seid fromm, ehrlich, gütig und barmherzig. Redet nicht zu viel und stellt niemals unnötige Fragen!«
KAPITEL 9
Trink!
Beim nächsten Besuch bat der König das Mädchen: »G-g-gib mir ein Küsschen.« »Ist das nicht Sünde?« Anfangs hatte sie Bedenken, aber Amalrich nahm ihr die Zweifel. »W-w-wäre es denn sonst überhaupt eine Versuchung?« Der Koloss schüttelte erheitert das Haupt, auf dem das blonde Haar längst schütter geworden war. Verständnislos blickte Ida ihn an. Da glitt sein Finger ihren nackten Hals hoch.
Eine Gänsehaut überlief sie, und sie hörte ihn sagen: »K-kann denn verwerflich sein, w-woran Priester und s-selbst Päpste Wohlgefallen finden?«
»Sogar Päpste?« Ida machte große Augen.
»J-ja, Papst Johannes XII. fällt mir da ein.« Amalrich verlor kein Wort darüber, dass der genannte Papst kurz nach einem Ehebruch von dem gehörnten Ehemann erschlagen worden war. »W-wer sollte also da wegen eines K-kusses Bedenken haben?« »Gott?«, gab Ida naiv zurück. »N-n-nein, Ida«, erwiderte der König geduldig. »G-g-gott wird eine unschuldige Seele wie dich nicht strafen, da du Gottes Diener, dem König, gehorchst.«
Da drückte sie ihm, auf Zehenspitzen stehend, einen kurzen schüchternen Kuss auf seine Lippen. Sie spürte nichts dabei, nur die kratzenden, sorgfältig gestutzten Barthaare auf ihrem Gesicht. »Oje! Was wird Balduin von mir denken?«, schoss ihr noch durch den Kopf, doch da packte Amalrich sie mit roher Gewalt im Genick und schob ihr seine Zunge in den Mund.
»Nein!« Ida fuhr zurück, wischte sich schaudernd die Lippen ab und entwand sich seinen starken Armen. »Was tut ihr da?« Am liebsten hätte sie ausgespuckt, doch sie beherrschte sich. »Er ist der König«, rief sie sich in Erinnerung. Langsam ging Amalrich auf sie zu. »I-ich fange dich!« Ida lief hinter den Tisch. Amalrich guckte sie an wie die Katze die Maus. Und sobald er sich näherte, rannte sie davon. Nur wenn sie zur Tür hinaus wollte, versperrte ihr der breite Mann mit einem schiefen Lächeln den Weg.
Auf einmal wurde dem König das Spiel offenbar langweilig. »E-es reicht jetzt! Z-zieh dich aus!«, ordnete er fast gelangweilt an. Ida starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. »Nein, das mach ich nicht!« Panisch blickte sie sich in dem Raum um. Amalrich lachte wieder, nur diesmal lachten seine Augen nicht mit. »T-trink das!«, befahl er, nahm den Weinkrug vom Tisch, schüttete den Wein in einen Kelch und schob ihn ihr hin. »T-t-rink es auf einen Zug aus!« »Nein, nein«, rief Ida, »dann wird mir immer so schwindelig!« »T-t-trink!«
Ida nahm den Kelch, setzte ihn an und trank in großen Schlucken vom warmen Wein, der nach Nelken und Zimt duftete. »Z-zieh dich aus«, wiederholte er. »Das ist nicht erlaubt«, sagte sie trotzig und hielt sich mit beiden Händen am Tisch fest. »Trink!« Und seine Stimme verriet die nackte Gier. Der König löste seinen Gürtel und streifte seine Bruche mit den Beinlingen ab, die aneinander festgemacht waren. Mantel und Tunika warf er auf den Boden. Nur das Hemd mit den abnehmbaren Ärmeln und die Strümpfe aus Seide ließ er an. Ida konnte den Blick nicht von der aufgerichteten Rute abwenden, die sich darunter abzeichnete, und streifte zitternd ihr Übergewand ab.
Es war nicht das erste Mal, dass sie einen nackten Mann sah. In den Barackenvierteln Jerusalems trieben Männer und Frauen es bisweilen offen und sogar nach Art der Hunde miteinander. »Für so eine Stellung muss man zehn Tage bei Wasser und Brot büßen«, wusste ihre Freundin Sophia, die mit ihr das Geschehen am Rande beobachtet hatte.
Gelegentlich spürte Ida selbst Lust, wenn sie sich mit den Fingern an bestimmten Stellen berührte. Doch damit machte man sich der Sünde der Selbstbefleckung schuldig. Deshalb tat Ida es auch nur vorsichtig und mit schlechtem Gewissen, selbst wenn sie alleine war. »Eine Frau, die mit sich selbst Unzucht treibt, soll drei Jahre büßen.« Sophia kannte das kirchenrechtliche Lehrbuch »Decretum Gratiani« auswendig, das die Schamlosigkeit in verschiedene Schweregrade einteilte und die körperliche Vereinigung – selbst in der Ehe – an 140 Tagen im Jahr verbot: während der monatlichen Blutung, in der Pfingstwoche oder der Adventszeit oder …
Plötzlich fühlte sie Amalrichs Hände über dem Stoff an ihren spitzen Brüsten, die noch im Wachsen waren wie der Rest ihres Körpers. Fest und fordernd packte er zu, doch sie wich mit einem Schmerzenslaut zurück. Im nächsten Moment schämte sie sich dafür. Eine Frau hatte sich dem Manne zu unterwerfen und Leid in Demut zu ertragen. Das war ihre Strafe für Evas Sünde
