Über dieses E-Book
Diese fiktive Erzählung mit historischem Hintergrund schildert einen kurzen, aber entscheidenden Abschnitt im Leben der Protagonistin, der sie in einen immer tieferen Gewissenskonflikt führt, in dem sie schließlich eine klare Entscheidung trifft.
Simon Weipert
Simon Weipert wurde 1961 in Aschaffenburg geboren. Er absolvierte ein Studium der Fächer Romanistik und Geschichte an der Universität Freiburg im Breisgau und wurde 1988 mit einer Arbeit über die Novellen Guy de Maupassants promoviert.
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Buchvorschau
Schwarze Braut - Simon Weipert
Der warme Wind des Lebens und der Träume wehte in Inges Gesicht. Sie blinzelte in die Sonnenstrahlen des ersten Maitages, die zwischen den Bäumen des Tegeler Forstes ihr Licht auf den von frischem Grün bedeckten Waldboden warfen. Inge strich eine blonde Haarsträhne aus ihrem Gesicht und beobachtete für einen Augenblick die vielen Spaziergänger, die an diesem Frühlingstag des Jahres 1971 in dem Park am Rande Berlins unterwegs waren. Fast hätte man vergessen können, dass die Mauer, die Berlin umschloss, nur allzu nahe war. Auch in Inges Gedanken war sie fern, weit weg von den Träumen von Freiheit und Revolution, die ihre Seele erfüllten. Sie setzte ihren Weg fort, an einem Ausläufer des Tegeler Sees entlang, der sich zu ihrer Rechten erstreckte, und weiter durch die Laubwälder im Norden der Stadt, nicht weit entfernt von Reinickendorf, wo sie aufgewachsen war. Für einen Augenblick tauchten Szenen aus der Vergangenheit in ihrer Phantasie auf, Erinnerungen an ihren Vater, ihre Schulzeit und die ersten vagen Sehnsüchte nach Liebe und einem anderen Leben ohne die Enge des Alltags und der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Seele einschnürte wie ein eiserner Ring, der in ihren Träumen zerbarst wie von einer mächtigen Hand gewaltsam zerrissen.
Wenige Minuten später erreichte sie eine sonnendurchflutete Lichtung, auf der sich mehrere Wege kreuzten. Auch hier waren viele Menschen zu sehen, doch weckte unter ihnen allen ein Brautpaar sofort Inges Aufmerksamkeit. Die Braut war ganz in Weiß gekleidet, während der Bräutigam einen schwarzen Anzug trug, ebenso wie zwei junge Männer, von denen einer vor dem Paar herging, während der andere ihm folgte. Die kleine Gruppe war etwa 50 Meter entfernt und bewegte sich langsam auf einen kleinen Hügel zu. Plötzlich blieben alle stehen, und das Brautpaar drehte sich um. Inge sah das hübsche Gesicht der Braut und ihre blonden, glatten Haare, die den Ihren sehr ähnlich waren. Braut und Bräutigam lachten, während der junge Mann hinter ihnen ein Foto machte. Anschließend setzten alle vier ihren Weg fort und verschwanden bald in einer Senke hinter dem kleinen Hügel.
Für einen Augenblick fragte sich Inge, wie für sie der heutige Tag verlaufen würde und wie die Zukunft des jungen Paares aussehen mochte. Sie stellte sich die kirchliche Hochzeit vor, von der sie wahrscheinlich kamen, und ihr späteres Leben in einer Wohnung wie der ihrer eigenen Familie. Zwar hatte sie seit einigen Jahren einen Freund, mit dem sie sich noch immer ab und zu traf, doch konnte sie sich ein Leben als Ehefrau und Mutter eigentlich genauso wenig vorstellen wie ein ganzes Berufsleben als Sekretärin bei Telefunken, wo sie seit fünf Jahren arbeitete, nachdem sie die Realschule abgeschlossen hatte. Zwar hofften ihre Mutter und ihre Großeltern, dass sie ein ganz gewöhnliches bürgerliches Leben führen würde, doch Inge fühlte sich bei diesem Gedanken wie lebendig begraben. Stattdessen träumte sie von radikaler Rebellion, von Anarchie und einer verschworenen Gemeinschaft Gleichgesinnter, die zu allem entschlossen waren. Ihrem Freund hatte sie davon so wenig erzählt wie ihrer Mutter, doch spürten alle, dass sie sich verändert hatte, seitdem sie vor etwa einem Jahr die Soziologiestudentin Martina kennengelernt hatte, die oft in den Republikanischen Club ging und die sie mit den Schriften von Marxisten, Anarchisten und Feministinnen bekannt gemacht hatte, von denen sie mittlerweile einige gelesen hatte. Freilich musste sie sich manchmal eingestehen, dass sie vieles nicht wirklich verstand und dass all die Theorie kaum eine Beziehung zu dem Leben hatte, das sie sich erträumte.
Kurz nachdem Inge das Brautpaar aus den Augen verloren hatte, kehrte sie auf einem anderen Weg nach Reinickendorf zurück, wo ihre Mutter bereits mit dem Mittagessen auf sie wartete. Seit der Zeit, als ihr Vater vor 15 Jahren die Familie verlassen hatte, wohnte sie mit ihrer Mutter, die ebenfalls als Sekretärin arbeitete, in einer Dreizimmerwohnung in einer Siedlung, die aus langen, dreistöckigen Mietshäusern bestand, in denen jeweils etwa 20 Familien lebten. Ihre Wohnung hatte einen Balkon, auf dem Inge als Kind viel Zeit verbracht hatte, ebenso wie auf dem kleinen Rasen vor dem Haus, wo sie oft mit ihren Schulfreundinnen gespielt hatte.
»Inge …, gut, dass du kommst. Wir können gleich essen«, sagte ihre Mutter und fuhr fort: »Warst du spazieren?«
»Ja, es war ganz schön … Ach übrigens, später kommt Klaus. Vielleicht laufen wir noch ein bisschen rum … Und heute Abend gehe ich mit Martina in den Republikanischen Club. Es kann ziemlich spät werden.«
»Du weißt, dass du morgen wieder zur Arbeit musst.«
»Ja, natürlich.«
»Worüber redet ihr eigentlich in diesem Republikanischen Club?«
»Ach, Mutti, ich glaube, das begreifst du nicht so ganz.«
»Mag sein, aber ich würde es trotzdem gerne wissen.«
»Wir sprechen darüber, wie wir diese Welt verändern, wie wir gegen den Vietnamkrieg und die Ausbeutung der Dritten Welt kämpfen und wie wir die Unterdrückung von Frauen beenden können.«
»Das ist ja alles schön und gut, und ich kann manches auch verstehen, aber diese radikalen Ideen und vor allem die Gewalt gehen mir doch viel zu weit.«
»Du darfst nicht vergessen, dass die Gewalt von der Gegenseite ausgeht. Die schießen immer zuerst, wie beim Mord an Benno Ohnesorg vor vier Jahren. Es ist Zeit, dass wir nicht nur reden, sondern handeln.«
»Sei vorsichtig und lass dich nicht von der Gewalt anstecken … Sonst wirst du vielleicht eines Tages selbst ihr Opfer. Neulich hatte ich einen fürchterlichen Albtraum, in dem du plötzlich verschwunden warst …«
»Solche Albträume haben wohl alle Mütter … Aber ich weiß, dass ich andere Wege gehen muss.«
Wenig später kam Klaus, und die beiden liefen gemeinsam eine Weile durch Reinickendorf, wo die Terrassen der Cafés in den wohlhabenden Vierteln bis auf den letzten Platz besetzt waren. Inge erzählte Klaus von ihrem morgendlichen Spaziergang und fügte hinzu:
»Mir wird immer deutlicher klar, dass ich niemals heiraten will.«
»Das habe ich eigentlich in nächster Zeit auch nicht vor, aber irgendwann …«, entgegnete Klaus.
»Für mich ist das alles nichts … Es gibt so viel anderes in meinem Leben.«
»Triffst du dich heute wieder mit Martina?«
»Ja.«
»Wahrscheinlich geht ihr wieder in den Republikanischen Club.«
»Richtig.«
»Du hast schon recht … Es gibt viele Schweinereien und Ungerechtigkeiten in dieser Welt, aber ich will mich nicht dauernd mit Politik beschäftigen. Wir können die Welt nicht von Grund auf verändern. Außerdem hat sich in Deutschland und anderswo seit den sechziger Jahren ja auch schon vieles verbessert.«
»Nicht
